Thomas Kunst: Der Schaum und die Zeichnung vom Pferd

Kunst-Der Schaum und die Zeichnung vom Pferd

LITTLE, LITTLE NORMANDIE, dein Stadtteil,
Liou, ein korrekter Ozean bläulich
Auseinandergestocherter Fensterblenden, denn
Du wirst morgen Abend kommen, weißes
Aprikosenband, unvollständige Dämmerung,
Das hast du doch immer so gemacht, abends
Kommen, und ich aber, doch ich werde ein
Kleines Schiff aus der entblößten Schublade
Heben, ich werde es Klein Zaches nennen, ich
Werde es, bevor ich damit auf dich ziele, von
Diesem Fenster aus, noch baden, noch einreiben
Mit pflanzlichen Ölen, damit es nachher, wenn
Du die little, little Rue so gelangweilt
Heraufschlenderst, nur so flutscht, denn ich
Werde meinem Zeigefinger ein Stahlkäppchen
Aufsetzen und damit das Bullauge der vierten
Kabine von vorn eindrücken, eindrücken bis
Zum Innenschutt, und dann werde ich
Versuchen, die vierte Kabine von vorn, im
Ganzen, an mich ranzuziehen, das wäre dann
Das Abdrücken, mein Zeigefinger würde
Sinnlos leer bis zum zweiten Gelenkabschnitt
Durch die gesplitterte Luke in die Kabine
Hängen, schief, und du, meine logische Liou, du
Würdest es noch nicht mal für nötig halten,
Wenigstens umzukippen, zu schwanken,
Anzudeuten, dein Oberkörper neige sich mit
Hilfe deines blind nach unten baumelnden
Armes, für einen kleinen Moment auf dieser
Straße, die natürlich nicht wissen kann,
Daß bläulich auf gestocherte Jalousien sehr
Nachtragend sind, wenn es weiter unten
Nicht spritzt, also leg dich schon hin, Liou, es
Wird dir nichts Unvollständiges passieren, denn
Klein Zaches steckt in meiner Brust, daß es
Dunkel flackert, nur so abläuft, seit wann kann
Ein Herz stottern, wenn es gefragt wird, Liou,
Hat es das von dir, ich sag doch nur, Klein
Zaches übertreibt jetzt aber, mein Rücken ist
Doch kein Wasser, das man um jeden Preis
Durchbrochen haben muß, gut, ich gebe zu, ich
Habe das Schiff aus der Schublade gehoben, ich
Habe es Klein Zaches genannt, um hier, von
Diesem Fenster aus, auf dich zu zielen, es
Gebadet, es eingeölt, ihm gut zugeredet, gleich,
Gleich, little, little nur ein wenig Geduld noch,
Aber das Schiff aus der Schublade blieb trotz
Des Öls krumm, hilflos, buckelig, und du, Liou,
Liou, du hast es noch nicht mal für möglich
Gehalten, so gelangweilt wie nötig das
Kutschenpflaster, blank, zu betreten, das machst
Du doch sonst immer so, abends, wenn ich
Gerade nachsehe, ob wirklich alle Schiffe noch
Da sind, und was soll ich dir sagen, Liou, sie
Sind wirklich noch alle da, jedes Mal ein
Anderes, und ich bin es diesen Schiffen einfach
Schuldig, daß ich sie einmal am Tag aufrichte,
Ihnen das Gefühl gebe, sie balancieren ohne
Stützräder auf einem korrekten Ozean, einem
Ozean von früher, ohne schürfende Städte im
Nacken, sie aufrichte und ihnen Namen gebe,
Dazu lege ich eine leere Flasche quer über ihre
Leiber, betäube sie bis zu den ersten Schlaflinien
Mit einem harten Gegenstand, drücke die
Schublade heftig in ihre Eingeweide zurück, bis
Ich es unterirdisch splittern höre, das ist der
Sturm auf See, das sind die an Deck
Geschleuderten, geklatschten, maßlos
Angerauhten Wellen, aber nur das Schiff wird
Auf einen Namen getauft, auf dessen Oberdeck,
Beim ruckartigen Vorschleifen der Schublade,
Sich nur noch die Wasserstücke bewegen, die
Nach oben gebogen sind, auf dem Rücken
Liegen, die Stücke, deren Form noch am ehesten
Der gedehnten, auslaufenden Rundung normal
Überknickter Wellen entspricht, ich bin es
Diesen Schiffen einfach schuldig, daß ich sie
Einmal am Tag, abends, und jedes Mal ein
Anderes, aus ihrer Versenkung hebe, sie der
Fließenden Strenge herkömmlichen Lichts
Aussetze, sie durch die Rippen der Jalousien
Steche, bohre, bis die Lichtmasten knicken,
Flach auf die Kommandobrücke schlagen, Taue,
Bootsfetzen, Kajütendecken, Klein Zaches, dein
Buckel ist ja gar nicht gefüllt, wenn man ihn
Aufbeißt, den Hahn spannt, den Schornstein
Nach hinten reißt, Rauch und Aprikosenband,
Den Finger am Abzug, im Sinne von Glas und
Metall, und der Bedeutung von Glas und Metall
Für das Gesicht, dem tuckernden Rauschen im
Rahmen des Kopfes, auseinandergestocherte
Fensterblenden, dein eines, weißes
Aprikosenband, Liou, und die korrekte,
Unvollständige Dämmerung der verschiedenen,
Wenn es hart auf hart kommt, hellklaffenden,
Schulterblanken Stadtteile deiner Straße.

(Für Ulrich Zieger und die
Fenster in den Haßhäusern)

 

 

 

Ein Meisterwerk der Lyrik (und endlich, endlich als eBook)

Der Autor Thomas Kunst gilt seit Jahren als einer der besten deutschen Lyriker. Und endlich gibt’s seine herausragende Lyriksammlung Der Schaum und die Zeichnung vom Pferd als eBook. Jedes Mal, wenn ich seine Gedichte lesen, schwanke ich zwischen Melancholie und Freude. Freude, weil sich mein Herz öffnet und ich seine Texte lesen darf. Und Melancholie befällt mich, wenn ich immer tiefer in seine Wortgeschöpfe eintauche. Was soll ich sagen: So stelle ich mir große Lyrik vor!

Green, amazon.de, 27.3.2015

Kein Schaumschläger

Meine letzte (zugegebenermaßen erzwungene) Berührung mit Gedichten und Lyrik reicht zurück in die nun schon sehr vergangene Schulzeit. Und vermutlich wäre es dabei auch geblieben. Nun kam es aber, dass der diesjährige Preis der Leipziger Buchmesse an Jan Wagner mit seinen Regentonnenvariationen ging. Das nahm meine Frau zum Anlass, mir zu meinem Geburtstag Jan Wagners Buch zu schenken. Was soll ich sagen, die Lyrik hat mich in ihren Bann gezogen. So sehr, dass ich mich auf die Suche nach vergleichbarer zeitgenössischer Lyrik gemacht habe und dabei auch auf Thomas Kunst gestoßen bin. Fazit: meinen persönlichen Buchpreis hätte definitiv Thomas Kunst gewonnen. Seine Sprache hat eine wunderbare Leichtigkeit, bringt zum Schmunzeln, aber auch Nachdenken und in keinem Moment hat man das Gefühl, dass es bemüht ist, was Kunst hier zu Papier bzw. E-Book bringt. Apropos E-Book, ich war ja etwas skeptisch bzgl. Lyrik in Kombination mit E-Book, muss aber sagen, dass es wider Erwarten gut funktioniert. Der Schaum und die Zeichnung vom Pferd ist jetzt immer dort, wo meine Reader sind und tatsächlich habe ich mich nun schon mehrfach bei der einen oder anderen Gelegenheit wieder neu in die Zeilen gestürzt – wogegen ein gedrucktes Werk dann mal ganz schnell nur noch Staub anzieht.
Der Schaum bekommt nun noch Gesellschaft von Sonntag ohne Unterschrift. Die Rezension dazu dann an anderer Stelle.

Karl Easy, amazon.de, 29.3.2015

Gefichte wie sie sein sollten

Thomas Kunst hat schon viele Lyrikpreise gewonnen – endlich weiß auch ich warum. Gedichte kannte ich immer nur aus der Schule. Und da hat es genervt. … Vielleicht musste ich 33 Jahre alt werden, um dieses wunderschöne Werk zu entdecken – und lieben zu können. Vielen Dank Thomas!

serena, amazon.de, 28.3.2015

Lyrics at its best

Wer mal wieder von der Prosa in die Lyrik vorbeischauen will, wird mit diesem Buch einen Volltreffer landen. Es ist spricht auf vielen Ebenen und gibt viele Denkanstösse.

Ben, amazon.de, 27.3.2015

 

Ich war als Kind

schon ein entrücktes, benebeltes Kind. Ich stand da und schwieg und guckte. Ich versuche das jetzt mal in Worte zu übersetzen, was das war: Es gefiel mir und es gefiel mir ein bisschen nicht. Es war eine Entrückung, begleitet mit einem Gefühl des Unbehagens. Ich sollte dann einige Jahre später feststellen, dass ich die Selbstverschwindung sehr gerne habe. Es ist gut, wenn mich etwas zum Verschwinden bringt. Ich funktioniere oder lebe nicht durch Souveränität. Auch Selbstverwirklichung hat mir nie etwas gesagt. Aber in Gedichten bin ich nicht vorhanden. Ich verschwinde, ich verschwimme und in guten Gedichten bin ich dann das, was auf dem Papier steht. Es ist dieses Gefühl des Untauglichen. Gedichte sind keine Lebensratgeber. In Gedichten verdampfe ich, genau, und in Gedichten komme ich nicht zu mir. Es ist eine schöne Narkose. Und bei besonders guten Dichtern ist es noch viel mehr als eine Betäubung. Es ist eine Auflösung. Auflösung und Verschwundensein. Leider kann ich keine Gedichte auswendig. Aber ich habe einen Lieblingsdichter. Das ist Thomas Kunst – und seine Gedichte sind wirklich zum Niederknien, zum In-die-Faust-beißen. Großartig!

Feridun Zaimoglu

Walter-Bauer-Preis

– Dichter, Erzähler und Musiker Thomas Kunst wird geehrt. –

Er ist sofort ganz da. Sofort auf Sendung. Kaum ist die Mail abgeschickt, fliegt schon die Antwort ein. Vier, fünf Auskünfte? Gerne. Zu ihm, dem Dichter, Erzähler und Musiker Thomas Kunst, zu seinem Schreiben und Leben, das sich inzwischen in Sachsen-Anhalt ereignet, im Mansfeld – und eben nicht im gesellschaftlich-staatlich sanktionierten Künstlerbiotop Berlin.
Flugs sind die Statements da, mit herzlichen Grüßen, abgesendet aus der Deutschen Bücherei in Leipzig, wo Thomas Kunst seit 1987 als Bibliotheksassistent arbeitet. Für welche Literatur der 53-Jährige stehe?

Für eine Literatur, die sich nicht zu schade dafür ist, solidarisch mit denen in der Gesellschaft zu sein, auf die es längst nicht mehr ankommt… Für eine Literatur, die bis heute kaum wahrgenommen wird, weil sie sich traut, nicht nacherzählt werden zu können…

Was für ihn ein gelungener Roman, ein gelungenes Gedicht sei? „Ein Gedicht ist für mich ein Gedicht, wenn mich die gewöhnlichsten Dinge in ihm auf das Heftigste irritieren“, schreibt Thomas Kunst.

Nüchternes Metapherngeflimmer in beruhigter Normalsprache, die blinkt. Das gilt genauso für den Roman.

Das Erstaunliche im Gewöhnlichen freilegen, aus den eingeübten Schienen des Belehrens und Verstehens in die des Fragens und Staunens zu wechseln. Das führt dieser Schriftsteller vor, der selbstvergessen Gitarre spielt. Man muss nur einige Buchtitel nennen: Besorg noch für das Segel die Chaussee (1991), Die Verteilung des Lächelns bei Gegenwehr, Rein rhetorisch Adieu, Sonntage ohne Unterschrift und 2017 bei Suhrkamp das abenteuerliche, poetisch draufgängerische Zivilisations-Epos Kolonien und Manschettenknöpfe. Die Titel überraschen, die Verse lassen staunen.
Jetzt haben die Städte Leuna und Merseburg Thomas Kunst den mit 3.500 Euro dotierten Walter-Bauer-Preis zugesprochen. Die Jury lobt die von Kritikern gelobte Lyrik und Prosa. Den „humanistischen Blick auf die Menschen und ihre Verhältnisse“, die Kunsts Werk mit dem von Walter Bauer (1904–1976) verbinde, Autor der Stimme aus dem Leunawerk (1930). Thomas Kunst kannte diesen Autor zuvor nicht, inzwischen hat er einiges gelesen und ist begeistert.

Seinen Roman Die Stimme empfehle ich nur allzu gern.

Bin stolz darauf, diesen Preis in meiner neuen Heimat zu bekommen.

Neue Heimat. Kunst stammt von der Küste, 1965 in Stralsund geboren. Lyrik seit früher Jugend, ein Kunstlehrerstudium, frühzeitig abgebrochen. Fortan Literatur ganz und volles Leben. Nun in der Stadt Mansfeld. Ein Zufall zuerst. Ein bezahlbares Haus in guter Gegend.

Ich liebe Sachsen-Anhalt und seine Menschen… Wenn ich dort gefragt werde: „Willst du ein Bier, Meiner“, geht mir das Herz auf: „Gern, Meiner“. Lebensabend mit Frau und mindestens einem großen Hund: nur dort!

Kunst ist literarisch und gesellschaftlich eine eigene Klasse. Er hält gleicherweise Distanz zum Literaturbetrieb West und seinem Mini-Trabanten Ost. Die ostdeutsche Literatur gleiche seit 1989 „einem westdeutschen Wirtschaftszweig, du bist erfolgreich, wenn du korrekt kalkuliert hast, du bist der letzte Dreck, wenn du dir treu geblieben bist, das Sprechen und Stammeln in die westdeutschen Diktiergeräte, die Schriften von Ingo und Uwe, beschämende gesamtdeutsche Weltliteratur“, schreibt Kunst in seinen „trotzdeutschen Briefen“ an seinen Freund und Kollegen Feridun Zaimoglu.

Lass uns in diesem Land ganz von vorn anfangen, wir verzichten auf gründliche Feigheit und verspätete Heldenbiografien.

Keinesfalls auf den Bauer-Preis. Den erhält Thomas Kunst am 2. November.

Christian Eger, Mitteldeutsche Zeitung, 28.10.2018

 

Gespräch des Monats: Seilers ShortlistAm 17.2.2015 stellte er die von ihm gelobten Lyriker Thomas Kunst, Farhad Showghi und Nadja Küchenmeister in der literaturwerkstatt berlin vor.

 

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Richard Pietraß: Dichterleben – Thomas Kunst

 

Thomas Kunst liest aus Die Arbeiterin auf dem Eis
ME AND OCEANS spielt „Lost Tapes: German Songs“

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