Tristan Marquardt: das amortisiert sich nicht

Marquardt-das amortisiert sich nicht

will sagen: kommen sie mal, versetzen sie sich, hinein. z.b. was
brosame mit ihnen macht. firnis. tunlichst. einzeln und in eins.
die fauna im taunus, betrachten sie sie. dann erneut, dann im
taun. was sich einschürft und aufbraust. der oder das. die ein-

same landschaft ad acta. eine trope üblen schlags. gesöff avant
la lettre. all das. und weiter. dachten sie, im traum an sporn? mal
ehrlich: kaum ausgespuckt, schon wuselt er, son sporn. in ihnen
gärt ein unwuchs, brutgruppe aufgescheucht. auswüchslich kerl.

karl. entwickelt früh gereifte eigendynamik. fängt schon in den
windeln mit dem wachsen an. denn angenommen lasso: die
zügel gleiten / der masterplan bei beinfreiheit. zeit. knallharter
eisprung. gegnung im schlupf. und unter uns: son übler sog.

riecht entsetztlich vorsätzlich. dümpelt. plant kultivierten wild-
wuchs, geht auf safari flöten, anglifiziert gärten, paraphrasiert
flora. all das. und achtung. beschnitt mit gewinn. macht wider
sinn. da hoppeln sie, die entitäten, und koppeln sich genetisch ab.

oder besser. täten gut daran. machen auf schlecht wetter. auf tür
und tor zum deutschen hinterhof. qualm, chromatiden, kapsel-
frucht und redlichkeit, zur unzeit. und ich sage ihnen eins: kein
wunder ist die grille wild gewillt. zu ZIRPN. singt unbedingt.

 

 

 

Was tun Gedichte

im Raum einer Kommunikation, die schnelllebig ist und kaum Pausen zulässt? Wohin trägt eine Sprache, die sich über ihre Tragweite nicht sicher ist? Tristan Marquardts Gedichte legen den Finger vom Resultat auf den Prozess. Sie versichern: Wenn es dunkel ist, trägt ein Schatten auf die Schicht Licht, die eine Lampe auf die Dunkelheit gelegt hat, eine weitere Schicht Dunkelheit auf. Wenn es dunkel ist, hebt ein Schatten unter der Schicht Licht, die eine Lampe auf die Dunkelheit gelegt hat, die Dunkelheit wieder hervor. So greifen Marquardts Texte konstruierend in das ein, was längst schon konstruiert und vorhanden ist und woran doch immer weiter noch gearbeitet wird. Im Bau Begriffenes. Was sich nicht aufrechnen lässt. Körper sondergleichen. So „als hätte man gerade das cembalo erfunden, aber vergessen, wo man es hingestellt hat.“

kookbooks, Ankündigung

 

Suchmaschinenverse

– Digitales Herz schlägt auch: Tristan Marquardts Lyrik. –

Amor steckt auch noch im „Amortisieren“. Dabei muss der Herzschlag eher gedämpft klingen, wo sich die Selbstwahrnehmung über einen Body-Mass-Index vermittelt. Das Schöne definierte Max Bense seinerzeit informationstheoretisch als unwahrscheinliche Ordnung von Zeichen, und wenn in Tristan Marquardts Gedichten Zufall und Ordnung miteinander kämpfen, spricht darin ein lyrisches Ich der Internetgeneration trotzdem auch von Liebe.
Beängstigend ordentlich erscheint der regelmäßige Wechsel von Gedichten ohne Strophengliederung und Fünfstrophern zu je vier Zeilen; dazwischen steht alle zehn Seiten ein „Katalog“, der Wörter wie „schatten“, „spuren“ und „grenzen“ nach Art eines metasprachlichen Glossars definieren möchte. Aber auch der Zufall ist nicht mehr, was er einmal war. In seiner berühmten Anleitung für ein dadaistisches Gedicht empfahl Tristan Tzara 1920 das Zerschneiden eines Zeitungsartikels; Marquardt nutzt manchmal Ergebniszeilen, die ausgewählte Suchwörter bei Google liefern. Übrigens hinterließ Tzara die kryptische Verheißung, das Zufallsgedicht werde seinem Verfasser ähneln. Unter Marquardts Fragmenten einer Wahrnehmungsgeschichte des eigenen Körpers (und einiger fremder) erfüllt sie das Google-Kapitel am wenigsten.
Benns Formel für lyrische Coolness – schnoddriger Zeitjargon, abstraktes Vokabular, vorgefundenes Material – tut noch immer Dienst. Der Zeitjargon stammt aus den digitalen Medien; ein „schwenk“ und ein „zwischenspeichern“ bringen manchmal sogar Liebe und Politik aus der großen Remix-Maschine zum Vorschein: „deplatziertes umzusetzen ist das einzige gelenk des widerstands“, oder entdecken die Literatur der Arbeitswelt als Kalauer wieder: „kumpel, in etwa, rupf die gans und greif zur feder“. Aber dieses „Gelenk“ hat wenig Muskeln, und in manchen Passagen klingt der Jargon bloß großspurig. Das Private liegt Marquardt näher als der „arabische volksaufstand“, und neben den vielen Medienzitaten steht ein begrenztes Bildvokabular mit Elementen wie Baum, Blick, Hand, Hund, Schatten, Tisch. Erstaunlich bleibt, wie die drei Texte „blickinsassen“, in der Mitte des Bands und als einzige aus Zeilenpaaren gebaut, aus dem scheinbar schlichten Repertoire die Grundlage einer „geschichte des blicks“, seiner Selbstreflexivität und seiner Potentiale zu schaffen vermögen. Wo zum Ich ein Du ins Spiel kommt, gelingen dichte, assoziationsreiche Texte, die synästhetische Qualitäten entfalten und mit gewissem Recht auf Widmungsträger wie Ulf Stolterfoht und Andrej Tarkowski verweisen. Hier wird der Jargon klangsensibel eingesetzt und mehrsinnig gebrochen.
Marquardt weiß, dass Metaphern Sinn und sinnliche Erfahrung kaum noch kurzschließen, wenn die Grenze zwischen Realität und Virtualität ständig übersprungen wird. Vielleicht bleibt dem Lyriker da tatsächlich nichts anderes als „das interieur ausleuchten. erhöh die pixelzahl, schraub das tempo runter, schau genau hin“ – oder gleich die resignative Variante des Mediennomaden: „einfach eintauchen, schnorcheln, augenweiden klarmachen, pics schießen“. „ich bin nackt, du trägst haut“ – wer die Asymmetrie von Selbst- und Fremdwahrnehmung so prägnant zu fassen vermag, kann aber auch mehr als das eigene „interieur“ aus dem globalen Mediennetz fischen.

Martin Maurach, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.6.2013

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Malte Abraham: „Du musst das System nicht checken, um es zu hacken“
faustkultur.de, 25.11.2013

Martin Piekar: Das schuldet sich nichts
fixpoetry.de,14.5.2013

 

Alexander Kluge empfiehlt: „Das amortisiert sich nicht“ von Tristan Marquardt

Jan Kuhlbrodt im Gespräch mit Christian Marquardt: 1. Momente einer Theorie der Collage

Im Gespräch: Timo Brandt redet mit dem Autor Tristan Marquardt

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Kulturu First #4 Tristan Marquardt amortisiert sich nicht.

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