Uwe Kolbe: Zu Gottfried Benns Gedicht „Kleine Aster“

Im Kern

− Zu Gottfried Benns Gedicht „Kleine Aster“ aus dem Gedichtband Gottfried Benn: Morgue. −

 

 

 

GOTTFRIED BENN

Kleine Aster

Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.
lrgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster
zwischen die Zähne geklemmt.
Als ich von der Brust aus
unter der Haut
mit einem langen Messer
Zunge und Gaumen herausschnitt,
muß ich sie angestoßen haben, denn sie glitt
in das nebenliegende Gehirn.
Ich packte sie ihm in die Brusthöhle
zwischen die Holzwolle,
als man zunähte.
Trinke dich satt in deiner Vase!
Ruhe sanft,
kleine Aster!

 

Abgesang und Hoheslied

Kurt Pinthus’ Anthologie Menschheitsdämmerung, genauer die zweite Auflage in der DDR 1972 (Reclam jun. Leipzig), war mir von einer Freundin zur Lektüre empfohlen worden. Der Fünfzehnjährige riß das Maul auf in den sozialistisch-realistischen Dunst hinein: „Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen…“ rief er mit van Hoddis, mit einem zuvor ungekannten Johannes R. Becher: „Unsere Leiber zerfallen, Graben uns singend ein…“ Dem „Gott der Stadt“ Georg Heyms war er ja längst begegnet in den Straßen der Kindheit, in diese grindigen Schluchten hatte der seinen anhaftenden Odem von Nachkrieg gegeben, obendrauf den Verwesungsgestank vom Zentralviehhof an der Leninallee.
Doch all das langte noch nicht hin zur Initiation. Es mußte noch der mit dem größten Ekel in den Reigen treten, der mit der größten Klarheit: Benn. An seiner Hand direkt in die Gerichtsmedizin (Morgue war der Titel von Benns erster Sammlung, erschienen 1912, zu der auch die „Kleine Aster“ gehörte), an seiner Hand „durch die Krebsbaracke“. Da stand dieses Kind und war von jetzt an keines mehr, beim Blick auf die Hände in den Gummihandschuhen, als Zuschauer bei einer seltsamen Sektion, die Ritual war. Was für ein kleiner Text! Was für ein… Beinahe-kein-Gedicht mit seinen zwei Reimen, die aus der Prosa der Zeilen ragen, mit seinem assonanten Dahingleiten, das leicht zu überhören ist. Und es führt vor eine unmögliche Sektion oder eine unmögliche Anatomie. Statt des Skalpells wird das lange Messer benutzt. Die Szene wird zu einer der Nacht. Eine schwarze Messe wird zelebriert. Das Opfer wird dargebracht (dem Baal, dem Gott der Stadt?). Und gerade dabei dieser kalte Ton: ein Professioneller drückt hier höchstmögliche Anteilnahme aus. Der trockene, der ausgeleerte und ausgestopfte Körper die Vase. Wovon wird sich die „dunkelhellila Aster“ denn nähren, woran wird sie sich sattrinken? An einem Rest von Seele vielleicht, an einem Etwas, das nicht zu entweichen vermochte beim Ersaufen.
Aber der eben Initiierte dachte nicht darüber nach. Diese kleine Aster, sie war schon sein Zeichen, und sie wurde es nur noch mehr. Diese Herbstblume, dieses verbreitete und unscheinbare Gewächs, wucherten sie und ihresgleichen nicht in jedem noch so tristen Schrebergarten? Und war sie nicht schon dadurch Blume der Stadt schlechthin, mit ihrer unbestimmbaren, kalten Farbe Gleichnis eines Gefühls und einer Atmosphäre nur hier, nur in diesen Großstädten, denen ihr schnelles Wachstum zwar Mietskaserne um Mietskaserne bescherte, dabei jedoch nicht den Charakter eines Provisoriums, eines Zwischenlagers im Irrwitz nahm? Wohl zu glauben, daß Morgue dem damals sechsundzwanzigjährigen Benn den Ruf „eines infernalischen Snobs und des typischen… Kaffeehausliteraten“ eingebracht hatte. So reagiert das meinungsbildende Publikum, wenn Abgesang und Hohelied ein und dasselbe sind.

Uwe Kolbe aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): 1400 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Von Gottfried Benn bis Nelly Sachs. Insel Verlag, 2002

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.