Klaus Schuhmann: Zu Gottfried Benns Gedicht „Kleine Aster“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

− Zu Gottfried Benns Gedicht „Kleine Aster“ aus dem Gedichtband Gottfried Benn: Morgue. −

 

 

 

GOTTFRIED BENN

Kleine Aster

Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.
lrgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster
zwischen die Zähne geklemmt.
Als ich von der Brust aus
unter der Haut
mit einem langen Messer
Zunge und Gaumen herausschnitt,
muß ich sie angestoßen haben, denn sie glitt
in das nebenliegende Gehirn.
Ich packte sie ihm in die Brusthöhle
zwischen die Holzwolle,
als man zunähte.
Trinke dich satt in deiner Vase!
Ruhe sanft,
kleine Aster!

 

Gottfried Benn: Kleine Aster

Das Gedicht gehört zu einem Zyklus, der insgesamt fünf Texte umfaßt und diese unter dem Obertitel Morgue (so heißt das Leichenschauhaus in Paris) bekannt machte, zuerst 1912 als Flugschrift von Alfred Richard Meyer in Berlin-Wilmersdorf veröffentlicht. Über die Entstehung dieser Gedichte schrieb Gottfried Benn (1886-1956) mehr als zwei Jahrzehnte später:

Als ich „Morgue“ schrieb, mit der ich begann und die später in so viele Sprachen übersetzt wurde, war es abends, ich wohnte im Nordwesten von Berlin und hatte im Moabiter Krankenhaus einen Sektionskurs gehabt. Es war ein Zyklus von sechs [sic!] Gedichten, die alle in der gleichen Stunde aufstiegen, sich herauswarfen, da waren, vorher war nichts von ihnen da; als der Dämmerzustand endete, war ich leer, hungernd, taumelnd und stieg schwierig hervor aus dem großen Verfall.

Dieser Bericht, der die Entstehung der Gruppe ganz in der Art späterer Dichtungstheoreme als eruptiven Akt schildert, läßt sich nur schwerlich mit dem Text selbst in Übereinstimmung bringen, der einen in der Literaturgeschichte bis dahin ganz und gar literaturfremden Wirklichkeitsbereich nicht nur als Stoff aufgriff, sondern – das zeigt freilich erst der Blick auf die nachfolgenden Gedichte – auch thematisch in geradezu provozierender Weise zur Sprache brachte: ohne Abscheu oder Ergriffenheit, nüchtern beschreibend, konzentriert auf einen toten Männerleib, der zumindest noch als „Bierfahrer“ zu erkennen ist. Es ist ein ,Objekt‘ unter vielen, dem hier die Aufmerksamkeit des Anatomen zuteil wird, und der dabei offenbar nur deshalb von der sonst üblichen Regel abweicht, weil eine „dunkelhellila Aster“ zu einer besonderen Verfahrensweise anhält, die im Schlußteil des Gedichts mitgeteilt wird, beschrieben als Ortswechsel, dem freilich eine tiefere Bedeutung beigemessen werden muß. War es zu Beginn des Gedichts ,Irgendeiner‘, der möglicherweise ohne besondere Absicht dem Bierfahrer die ,kleine Aster‘ auf dem Weg in die Morgue „zwischen die Zähne geklemmt“ hatte, so geschieht der zweite Zugriff nach vollzogener Sektion: als Zugabe gleichsam, wie um den Leichnam und die Blume für immer zu paaren. Denn in die „Bauchhöhle“ [spätere Fassg. (1923): Brusthöhle; d. Hg.] versetzt, hat sie den Platz gefunden, der ihr üblicherweise, wenn sie als lebende Natur Lebenden Freude spendet, zukommt: in einem Hohlraum, der ,Vase‘ genannt wird. Dabei anthropomorphisiert Benn den nun möglich werdenden Stoffwechselprozeß (die Wasseraufnahme), indem er nicht nur das Verb ,trinken‘ gebraucht, sondern mit dem Adverb „satt“ geradezu den Vorgang der Nahrungsaufnahme assoziiert. Daß es ein Grab ist, in dem auch sie der Tod erwartet, signalisiert die Schlußwendung des Gedichts. Nun wird die Aster zum zweiten Male wie ein Mensch angesprochen (nach der Aufforderung, sich satt zu trinken). Jetzt mit einem doppeldeutigen Imperativ, der sowohl die nun Ruhe verheißende bequemere Lage in der „Bauchhöhle“ des Kutschers meinen, aber auch die ewige Ruhe assoziieren könnte, die gemeinhin Gläubigen gewünscht wird, die zu Grabe getragen werden. Und auch die nochmalige namentliche Anrufung kann nur auf zweifache Weise gelesen werden: als sachliche Beschreibung eines Größenverhältnisses, das die Blume auffällig machte, aber auch als zärtlicher Nachruf, der einem Menschen gilt, dem man gefühlsmäßig nahegestanden hat. So gesehen eröffnet „Kleine Aster“ den Reigen weiblicher Gestalten, der in den nachfolgenden Gedichten mit einem Mädchen begonnen, zwei Frauen fortgesetzt und schließlich im Paarungsakt des Schlußgedichts den Gipfelpunkt erreicht. Dieses Gedicht trägt die Überschrift „Requiem“ und unterscheidet sich von den voraufgegangenen Texten auch dadurch, daß es sich strophisch gegliedert darbietet und als Grabgesang intoniert werden könnte. Mit dem Eröffnungsgedicht „Kleine Aster“ korrespondiert „Requiem“ auch deshalb, weil- nun freilich als Bild gefaßt – Leben und Tod in ein höchst auffälliges Verhältnis zueinander gesetzt werden: „Die Leiber / gebären nur ihr allerletztes Mal.“ Auch dieser Vorgang ist nur möglich, weil der Anatom zerstörend in den menschlichen Leib eingreift und Teile davon abtrennt („Jeder drei Näpfe voll“). Wenn im gleichen Gedicht in diesem Zusammenhang demonstrativ von „Neugeburten“ gesprochen wird, dann ist offenkundig, daß dieser Gedichtschreiber in Begriffen denkt, die alle Verheißungen auf eine Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben nach dem Tod ad absurdum führen. Aber es ist auch nicht mehr Goethes ewiges „Stirb und Werde“, das als großes sinntriefendes Lebensgesetz noch Trost zu spenden vermöchte. Für den märkischen Pastorensohn Benn wird auch die letzte Erinnerung daran, daß es Gottes Ebenbild ist, nach dem der Mensch geschaffen wurde, ausgelöscht. Was sich in den Morgue-Gedichten vermischt und paart, wird als ein Naturvorgang gesehen, der gnadenlos und unerbittlich geschieht. Was christliche Beerdigungszeremonie dem kritischen Blick entzieht, bringt der Lyriker Gottfried Benn an den Tag, vorgeführt an Körpern, die meist nicht in der gewohnten Weise vom Leben in den Tod hinüberwechselten, sondern gewaltsam aus dem Leben gestoßen wurden und deshalb im Leichenschauhaus endeten.
Das Gedicht „Kleine Aster“ enthält dem Leser nahezu alles vor, was im wilhelminischen Deutschland als Gedicht anerkannt wurde. In nüchterner Berichtssprache, wie sie – zumindest in der Beschreibung des Sektionsakts – auch von einem Reporter gebraucht werden könnte, wird mitgeteilt, was sich ereignet hat, vom Anfang des Vorgangs bis zu seinem Ende. Dieser Eindruck wird durch die Vergangenheitsform, in der die Verben gebraucht werden, noch verstärkt. Erst am Schluß mildert der Dichter die nüchtern beschreibende Sprache durch die präsentische Anredeform, nicht von ungefähr da, wo von der „Aster“ die Rede ist. Die Nomina, die in diesem Text dominieren (Benn bedient sich hier noch nichtfachsprachlicher Terminologie), sind durchweg solche, die den menschlichen Körper in seinen einzelnen Teilen hervorheben, wobei die Kopf- und die Bauchregion in besonderem Maße ins Blickfeld gerückt wird. Daß sich dieses Gedicht fast wie ein Prosatext liest, hat auch damit zu tun, daß die regelmäßige Wiederkehr des Reims verhindert wird. Da die zweite Zeile nach „Aster“ gebrochen wird, kann es nicht zum Paarreim zwischen den beiden mit Abstand längsten Verszeilen des Gedichts kommen. So entsteht ein einmaliger Kreuzreim, der aber auch nicht als Reimregel angesehen werden kann. Der Paarreim schließlich, der durch den Gleichklang von „schnitt“ und „glitt“ zumindest visuell wahrzunehmen ist, kommt im Text ebenfalls kaum zur Geltung, zumal Benn hier mit einer Nebensatzkonstruktion, die mit der Konjunktion „denn“ eröffnet wird, einen Satzbau gewählt hat, der prosaischer nicht sein könnte.
Nach Baudelaires Gedicht „Une charogne“ (1857; dt. „Ein Aas“) das Rilke in seiner im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts errungenen Haltung, auch den dunklen und schrecklichen Erscheinungen menschlichen Lebens standzuhalten, ermutigt hatte, wurde in Benns Morgue-Zyklus ein Wirklichkeitsbereich literaturfähig, der jene Zonen der deutschen Literatur erschloß, die im Expressionismus auch von Lyrikern wie Heym, Trakl und Becher ausgeschritten wurden. Damit war das deutsche Gedicht endgültig jener Sphäre entrückt, in der es der Erbauung und letztlich auch der Beschönigung dienstbar gemacht werden konnte. Die neue Erfahrung, die in Benns frühem Gedicht sich ankündigte, und nicht allein für Glaubensverlust steht, wurde zu einer dieses Jahrhunderts.
Ihr Name: Nihilismus.

Klaus Schuhmann, aus Peter Geist, Walfried Hartinger u.a. (Hrsg.): Vom Umgang mit Lyrik der Moderne, Volk und Wissen Verlag, 1992

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