Wisława Szymborska: Hundert Freuden

Szymborska-Hundert Freuden

ÜBERFLUSS

Ein neuer Stern ist entdeckt,
was nicht bedeutet, es wäre heller geworden
und etwas, was fehlte, wäre hinzugekommen.

Der Stern ist groß und fern,
so fern, daß wiederum klein,
kleiner sogar als die andern,
die noch viel kleiner sind.
Verwunderung wäre hier nicht verwunderlich,
hätten wir dafür Zeit.

Das Alter des Sterns, die Masse des Sterns, die Lage des Sterns,
das alles reicht womöglich zu einer Doktorarbeit
und für ein bescheidenes Gläschen Wein
in dem Himmel nahestehenden Kreisen −
dem Astronom, seiner Frau, den Verwandten und den Kollegen −
ohne Kleiderzwang, bei aufgelockerter Stimmung.
Lokale Themen beherrschen die Konversation,
und Erdnüsse werden geknabbert.

Der Stern ist herrlich,
aber das ist noch kein Grund,
aufs Wohl der uns unvergleichlich näherstehenden Damen
nicht anzustoßen.

Ein Stern ohne Konsequenz.
Ohne Einfluß aufs Wetter, die Mode, das Spielergebnis,
aufs Einkommen, den Regierungswechsel, die Krise der Werte.

Ohne Folgen für die Propaganda, die Schwerindustrie.
Ohne Abbild auf der Politur am Konferenztisch.
Überzählig für die gezählten Tage.

Wozu hier fragen,
unter wie vielen Sternen der Mensch geboren werde,
unter wie vielen Sternen er etwas später sterbe?

Ein neuer.
„Zeige mir wenigstens, wo er ist.“
„Zwischen dem Rand dieses grauen ausgefransten Wölkchens
und jenem Akazienzweig, weiter links, ja dort.“

Ich sage „Aha“.

 

 

Hundertfältige Freuden

Ich bin ein Leser. Ein Leser wie andere auch, für die das Lesen dazugehört. Ich bin begierig, Neues zu erfahren, von dem ich weiß, daß es auch alt sein kann. Ich bin begierig, mich führen und verführen zu lassen, ich möchte mich blenden lassen, nicht vom trügerischen Schein, das versteht sich. Ich bin auch bereit, mich täuschen und enttäuschen zu lassen, um das Ja und Nein in Anspruch zu nehmen. Selbst Gedichte flößen mir keine Furcht ein. Ja, ich halte sie für das Natürlichste der Welt, oder sagen wir besser: des Lebens. Zum episch angelegten Ablauf des Tages gehört der Augenblick, dem man zuruft: Verweile. Er verschafft uns den Einhalt, wie das Schlagen der Uhr. Es gibt alte Uhren, die viertelstundenweise schlagen; sie nehmen die Zeit besonders ernst. Andere lassen sich halbstundenweise hören; wieder andere nur stundenweise. Einschneidend wird es, wenn es zwölf schlägt. Ich erinnere mich an das Bild eines Sommertages: Beim Mittagsläuten nahm der Bauer auf dem Feld den Hut vom Kopf und ging ins Knie. Heute sind die Uhren so angelegt, daß niemand mehr ins Knie gehen kann. So lautlos wie möglich, das Ticken ist aus der Mode gekommen, es macht nervös, davon gehen die Uhren- und Zeitmacher aus. Um jeden Preis soll nicht verraten werden, daß die Zeit vergeht. Und irgendwann ist es dann soweit. Ein gutes Gedicht im besten Sinn ist wie ein Mittagsläuten. Man nimmt, bildlich, versteht sich, den Hut vom Kopf und wacht auf mitten in der Wachheit. Nicht jedes Gedicht kann stark genug sein, um das Läutwerk in Gang zu setzen; Und jeder hat sein eigenes Reagieren, weil jeder eine eigene Geschichte hat. So unterscheiden wir uns, also auch beim Lesen, erst recht beim Lesen von Gedichten, beim Betrachten von Bildern, beim Hören von Musik etc. Je genauer etwas mit uns übereinstimmt, eine Übereinstimmung, die wir in diesem Augenblick erfahren, der wir uns jetzt erst bewußt werden, weil es sie zuvor nicht gab, um so wesentlicher verweilen wir. Wisława Szymborska gehört zu jenen Seltenen, die verschwenderisch mit uns umgehen. Weil sie das Verschwenderische des Lebens begriffen hat, hat sie sich nicht auf ein Lebensgebiet spezialisiert. Sie kennt die Extreme und kennt den Weg von einem zum anderen. Wo immer sie sich befindet, zeigt sie sich ortskundig. Weil sie weiß, wie elend es ist, weiß sie, wie schön es ist; weil sie weiß, wie ernst es ist, weiß sie, wie fröhlich es ist. Weil sie weiß, wie lang und wie kurz der Weg zwischen beidem ist, nimmt sie ihn wahr; jeder Schritt ist wert, eingehalten zu werden, weil sie weiß, daß hinter jedem Ereignis sich ein anderes verbirgt oder sichtbar wird. Man denke nur an die „Mittelalterliche Miniatur“: Welch ein allerliebstes Gemälde, welch ein Gestalten-, Landschafts-, Bewegungs- und Farbengenuß; wie sie daherkommen in ihrer liebreizenden Kleinheit, Gefälligkeit, Harmlosigkeit; wie sie uns erfreuen mit ihren allerunbedenklichsten Adjektiven in der Klarheit eines Morgens aus einer Zeit, die zur Legende geworden ist, zu einem Kunst-Stück, das wir sorglos in die Hand nehmen – bis zu dem Augenblick, da behauptet wird, daß auch das falkenhafteste Auge nicht einmal den klitzekleinsten Galgen erspähe. Das Entsetzen will uns packen, obwohl es den Galgen gar nicht gibt; und wenn es ihn gäbe, könnte er allenfalls, da wir es mit einer Miniatur zu tun haben, schon die Gestalten von miniaturhafter Kleinheit sind, nur klitzeklein sein. Aber unser Mißtrauen ist geweckt, was nun? Hat die Andeutung des Mordgerüstes die Schönheit hingerichtet, oder hält die Schönheit es aus? Von welcher Schönheit aber ist die Rede? Sollte die Schönheit des Gedichts gemeint sein, so wird das, was die Idylle schreckt, ja zunichte macht, das Gedicht nur noch verschönern, weil es den langen kurzen Weg aufzeigt von einem zum anderen, ohne den Anschein zu erwecken, uns auf allerhinterhältigste Weise bis ins Mark kränken zu wollen – und uns doch bloßstellt, weil wir von selbst nicht darauf gekommen sind, weil wir uns haben täuschen und blenden lassen, um dann, der guten Ordnung halber, enttäuscht zu werden. Und wie es uns kränkt, wenn wir bedenken, daß diese Miniatur eine Zuckerbäckerei geworden wäre, ohne diesen spielzeughaft kleinen Galgen, dessen menschliche und künstlerische Notwendigkeit wir mit einemmal einzugehen beginnen.
Intelligenz, Poesie, Kenntnis, Erfahrung, Können – doch in welcher Reihenfolge und mit welchen Anteilen sind nun die Ingredienzen zu nennen, die die Wirksamkeit ausmachen. Jede drängt an die erste Stelle, um von einer anderen verdrängt zu werden, damit sie alle dem Gedicht gerecht werden, das eins ums andere braucht, um der zu entsprechen, die es gemacht hat. Das ist die Kunst der Wisława Szymborska. Und darum hören wir nicht auf, Leser zu sein. In hundertfaltiger Freude.

Elisabeth Borchers, Vorwort

Nachwort

Was in dieser Poesie vor allem auffällt, ist ihre Kunstfertigkeit. Wir leben in einer Zeit, in der die Literatur als Beichte, und sei sie noch so gestammelt, oder als Zeugnis, und sei dieses noch so plump, dominiert. Szymborska ist eigenwillig anders; sie hat den Mut, ihre Gedichte zu ziselieren, immer neue Hindernisse zu suchen und zu überwinden, kunstsinnig, virtuos zu arbeiten; Vollkommenheit anzustreben. Nehmen wir als Beispiel die Litanei an die Schwalbe in dem Gedicht „Denkwürdigung“. Welche Findigkeit und welch ein Reichtum vortrefflicher Metaphern-Periphrasen! Besonders beachtenswert – und denkwürdig – sind die scherzhaften, die geistreich als Witz oder leicht als Laune daherkommenden Metaphern „vollendeter Ikarus“, „himmelfahrender Frack“, „frühe Vogelgotik“, „Silberblick des Himmels“. Im ersten Augenblick überraschen sie einfach nur. Im nächsten aber erstaunt ihre paradoxe Treffsicherheit, die den Leser glauben macht, sie seien ihm soeben selbst, so und nicht anders, eingefallen.
Szymborska ist eine Meisterin der kleinen Metapher. Noch größer ist ihre Meisterschaft in der Erfindung einmaliger, poetischer Sprachsysteme. Ich kenne keinen Dichter, der derart findig seinen Stil von Gedicht zu Gedicht – je nach Leitidee, Thema, Gattungsart, Ziel – änderte. Die meisten, auch hervorragende Dichter, schreiben immer ein wenig „über einen Leisten“. Szymborska ist maßlos verschwenderilch; für viele ihrer Gedichte kreiert sie sozusagen Sonderpoetiken, ohne diese später zu wiederholen; obwohl sie manche von ihnen mit Erfolg zu einem ganzen Bändchen „fortschreiben“ könnte. Was aber am meisten erstaunt: sie ist dabei auf den ersteen Blick aus ihrer Handschrift zu erkennen, und sie erreicht das in der Kunst Wichtigste, ihre eigene Einheit in der Vielfalt der Formen.
Werfen wir einen Blick auf einige dieser ihrer Privatpoetiken.
Szymborska bildet zum Beispiel, um ein Gedicht über eine Sängerin („Koloratur“) zu schreiben, eigens dafür eine Sprachparodie auf das Opernlibretto; der Inhalt des Gedichts ist auf spaßige Weise – in dieser Parodiesprache enthalten.

Doch höre ich richtig? Wehe!
Das schwarze Fagott schleicht sich in ihre Nähe.

Wie anders aber sieht Szymborskas poetisches Spiel in „Die Frauen von Rubens“ oder – vor allem – in „Mittelalterliche Miniatur“ aus. In diesen bei den Gedichten haben wir es mit einer ungewöhnlich kunstsinnigen Übertragung von Malerei in Poesie zu tun, wobei die „Miniatur…“ noch deutlicher als die „Frauen…“ – weil wortwörtlich – dieser Übertragung sprachlich ganz untergeordnet ist. Was für eine Erfindungsgabe in der Anpassung naiver Superlative:

Über den allergrünsten Hügel,
im allerberittensten Gefolge,
in allerseidigsten Mänteln.

naiver sprachlicher Delikatessen („wunderbar jung, allerjüngst“, „und alle reiten, als streiften sie mit den Hüflein / die allerfeldweghaftesten Tausendschönchen“) an den Stil der mittelalterlichen Miniaturen in der Art von les Très riches heures du duc de Beurry der Gebrüder Limbourg. Diese Meisterminiatur der Übertragung der einen Kunst in eine andere ist um so raffinierter, als sie das Original mit augenzwinkernder Distanz betrachtet.
In unmittelbarer Nachbarschaft zur „Mittelalterlichen Miniatur“ steht das Gedicht „Der Terrorist, er sieht“. Auch hier haben wir es mit einer stilisierten Naivität zu tun. Aber wie anders ist diese Naivität und wie anders ihre Stilisierung. Szymborska porträtiert die Roheit des Terroristen, seine stumpfsinnige Unmoral mit dem eigens dafür eingerichteten „Sprachsystem“. Ihre Kunst besteht – diesmal – in der gezielten Vulgarisierung der Sprache, der beabsichtigten Verarmung von Syntax und Wortwahl, in der Anwendung heimlich belauschter grammatikalischer Grobheiten (so des in der polnischen Sprache unkorrekten Gebrauchs des Personalpronomens „er“). Dieses ungewöhnlich suggestive Bild beinhaltet zugleich das Urteil der Dichterin über den Terroristen-Schwachsinn, obwohl es in diesem Gedicht kein Wort der direkten Stellungnahme gibt; die Sprache allein klassifiziert den gedankenlosen Mörder vollauf.
„Koloratur“ und die Gedichte über die Malerei zeigen stilistischen Reichtum. Mit dem Gedicht „Der Terrorist, er sieht“ wird eine andere Kunst, die Kunst der Askese, deutlich. Die Dichterin erreicht dieses Ziel mit raffiniert einfachen Mitteln. Nicht mehr ausgesuchte Metaphern, spaßige Neologismen oder glänzende verbale Entsprechungen zu anderen Künsten, sondern allein die „Tonarten“ oder die grammatikalisch-rhetorischen Schemata entscheiden über die Unterschiedlichkeit der einzelnen Gedichte. So hat Szymborska auch für „Atlantis“ eine besondere, die alternativ-antithetische Sprache „erfunden“:

Sie waren vorhanden oder auch nicht.
Auf einer Insel oder auf keiner.
Der Ozean oder kein Ozean
hat sie verschluckt oder auch nicht.

Mit welcher Zielsicherheit (und welchem Witz) gibt diese Sprache die sonderbare, vermutete, weder wahre noch unwahre, fragwürdige Existenz des legendären Inselreichs wieder.
Und noch eine völlig andere Konvention: Pietià. Die höchst einfache, prosaische und lapidare Sprache in der perfektiven Nennform im Imperativ wechselt hier ab mit der ebenso sparsamen wie einfachen, scheinbar indirekten Rede, deren Anfangs-„Ja“, mit dem die meisten Sätze beginnen, anzeigt, daß es Antworten auf Fragen sind. Es ist ein Interview mit der Mutter eines seinerzeit erschossenen Helden. Zum Ausdruck kommt das Feingefühl dem fremden Leid gegenüber, aber auch die nicht zu vermeidende Oberflächlichkeit, Unwesentlichkeit und Banalität dieser Art von Gesprächen und Begegnungen werden entlarvt:

aaaaaaaaaaJa, die Erinnerung rührt sie.
Ja, sie ist etwas müde. Ja, das vergeht.
Aufstehn. Danken. Abschied nehmen. Hinausgehn,
vorbei an den nächsten Touristen im Flur.

Ein Meisterstück, virtuos in der extremen Askese, ist das Gedicht „Vietnam“ mit seiner originellen Poetik der Dialogform. Es wechseln hier zwar die grundsätzlichen, elementaren Fragen, aber nicht die Antworten; mit ermüdender, Mißtrauen und Feindschaft suggerierender Monotonie antwortet die Vietnamesin sowohl auf die Frage nach ihrem Namen als auch auf die Frage „Auf wessen Seite bist du?“ mit „Ich weiß nicht“. Und als sie die zehnte Frage mit „Ja“ beantwortet, horchen wir auf. Die Pointe vermittelt uns, da sie unerwartet kommt, eindrucksvoll die exzeptionelle Größe der Sache, nach der hier gefragt wurde: „Sind das deine Kinder?“ – Eine schönere Hymne auf die Mutterliebe als dieses Gedicht kann ich mir kaum denken; seine ursprüngliche Einfachheit trifft die Ursprünglichkeit des Gefühls vortrefflich.

Über Szymborskas poetische Kunst zu schreiben ist für den Kritiker eine dankbare Aufgabe. Nicht zuletzt deshalb, weil die Dichterin diese Kunst quasi verborgen hält, als ob sie sie verheimlichen oder bagatellisieren wollte.
Vergleichen wir zum Beispiel ihre Gedichte mit der Poesie der Avantgarde der Zwischenkriegszeit. Auch diese war durch Dichter so hohen Ranges wie Przyboś und von so großer Originalität wie Peiper vertreten – von anspruchsvoller Qualität. Auch in ihr spielte die poetische Kunstfertigkeit eine entscheidende Rolle. Die Avantgardisten aber hatten ihre Virtuosität – todernst – zelebriert. Ihre Poesie hatte sich einer künstlichen, hieratischen Sprache bedient und war nicht selten hermetisch und ostentativ: sie trug ihre Artistik zur Schau.
Szymborska ist das genaue Gegenteil davon: Ihre Sprache lebt von Elementen der Umgangssprache, ihre Poesie foIgt den Elementen der Mitteilbarkeit der NatürlichkeIt. Von der eigenen Kunstfertigkeit lenkt sie ab, indem sie diese durch einen Scherz oder durch Selbstironie bagatellisiert; oder aber, indem sie sie auf eine derart perfekte Art funktionalisiert, daß sie fast unsichtbar wird.
Der Kritiker ist verpflichtet, dieses Ansinnen der Verschleierung aufzudecken…

2
Szymborskas Poesie ist äußerst individualistisch: wie im Geiste von Leibniz geschrieben. Mit dem Satz „Obwohl wir uns unterscheiden wie zwei Tropfen vom reinen Wasser“ (aus dem Gedicht „Nichts kommt zweimal“) zitiert Szymborska den deutschen Philosophen fast wörtlich. „Ich bin einmalig bis ins Knochenmark“, „ich Einzelfisch, Sonderfisch“, „Doch rührt sie die Einzelheit ständig“: wie viele Beispiele der außergewöhnlichen Empfindsamkeit für das existentiell „Andersartige“, das Ausschließliche – auch im zeitlichen Aspekt („Einmalige“) −, das in diese Poesie sowohl tragisches als auch tragikomisches Bewußtsein einbringt; verurteilt zu sein zu einem Leben für den Tod, andererseits zu einem permanent improvisierten Leben, zu einem Spiel ohne Text- und Kostümprobe (man lese das unvergleichliche „Leben im Handumdrehen“).
Dieses Prinzip der qualitativen Eigenart, der Individualisierung der Monaden, des metaphysischen Pluralismus drückt sich schon in der ausgeprägten Eigenart des einzelnen Gedichts aus, das, jedes für sich, eine Individualität an sich ist. Besonders deutlich wird dieses Prinzip – verständlicherweise – auf der höheren Stufe der Individualisierung: darin, was diese Gedichte miteinander verbindet und vom Hintergrund der gesamten Gegenwartspoesie abhebt.
Das vollends zu klären und zu analysieren ist hier nicht der Platz. Zweifelsohne aber spielt – wenn wir die Einheit in der Vielfalt, von der eben die Rede war, betrachten – der Wagemut eine Rolle, mit dem sich die Dichterin der Kolloquialismen bedient, Wortschatz und Syntax der ihr selbst in Gesprächen sicherlich eigenen Alltagssprache nutzt. Indem sie auf das, wie es gelehrt heißt, Konventionsidiom zugunsten des Konversationsidioms verzichtet, kommen die Gedichte, was Einheit und Einmaligkeit betrifft, ihrer eigenen Person authentisch nahe. Der Satz bekommt oder behält seine eigene Note, und durch Redewendungen wie „Gibt’s die Welt? Na, dann ist’s gut“, „Da, schaut her“, „Ich sage – aha“, „Leider, je nun“, „hört nur gut zu“ – die unerwartet auftauchen, nicht selten in Situationen, die erwartungsgemäß hätten pathetisch sein müssen – wird noch zusätzlich ein spezifischer Lese-Effekt ausgelöst: Wir hören fast die dazugehörende Stimme.
Der Individualismus ist nicht nur ein Strukturprinzip dieser Poesie, sondern auch ein Moralprinzip. Szymborska – und das ist eine der trotzigsten Tendenzen ihrer Dichtung nimmt den Menschen in Schutz: vor dem Verlorengehen in der Masse, vor der Versklavung und Verdinglichung durch Staaten und Mächte, vor dem Gefängnis der Grenzen, Statistiken und Formulare, vor dem Verschwinden in der großen Zahl. Viele ihrer Gedichte gelten diesem Schutz: von der „Volkszählung“ über die „Stimmen“, das „Massenfoto“, den „Psalm“, „Am Styx“, die „Kinder der Zeit“ bis zum „Schreiben eines Lebenslaufs“. Notabene, auch dieses Thema gelingt es ihr, mit der für sie typischen trotzigen Anmut, nicht nur von Pathos zu befreien, sondern auch – in nachsichtige – Ironie zu verweisen. In einem ihrer neuesten Gedichte, in den „Möglichkeiten“, lesen wir: „Die Nullen einzeln sind mir lieber / als zur Schlange an eine Ziffer gehängt.“ Gesellschaftspolitisch gesehen, bildet das Prinzip des differenzierenden Individualismus die Basis für die von Szymborska beständig wahrgenommene Verteidigung der Menschenrechte. Es hat in dieser Poesie aber auch dramatischen Charakter: es macht die Entfremdung bewußt. Mehrmals schildert Szymborska die Situation des Einanderfremdseins, des gegenseitigen Nichtverstehens, des Nebeneinanderherlebens: im „Sommernachtstraum“, in dem bereits angesprochenen „Vietnam“, im Gedicht „Auf dem Turm Babel“ – in diesem letzten wohl am interessantesten: als Sprachlos-Gespräch, in dem die Fragen nicht mit den Antworten korrespondieren, in dem jeder der Partner von etwas anderem spricht, obwohl der Sinn dieses Dialogs eindeutig ist: es geht um die Trennung.
Am deutlichsten aber, auf eine höchst verallgemeinernde Art klar wird dieses Prinzip durch einen anderen Widerspruch: den zwischen dem Menschen und der Welt der Dinge, der Welt der Natur. In einem von Szymborskas wesentlichen Gedichten, im „Gespräch mit dem Stein“, lesen Wir:

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.
Laß mich ein,
ich will mich umschaun in dir,
dich einatmen wie die Luft.“

„Geh weg“, sagt der Stein.
„Ich bin dicht verschlossen.
Sogar in Teile zerschlagen,
bleiben wir dicht verschlossen.
Sogar zu Sand zerrieben,
lassen wir niemanden ein.“

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.

(……………………………………………………….)“
„Du kommst nicht rein“, sagt der Stein.
„Dir fehlt der Sinn der Anteilnahme.“

So verläuft das Zwiegespräch; Bitten und Absagen, Wünsche und Zurückweisungen zwischen Mensch und Welt, zwischen Mensch und Ding, zwischen dem Sein an sich und dem Sein in sich: Die Termini des Sartreschen Existentialismus sind hier durchaus am Platze.
Inspirationen philosophischer Natur verbinden sich bei Szymborska – auf eine heute selten gewordene Weise – mit Inspirationen aus naturwissenschaftlichen Quellen. Wie stets, so auch in dieser Hinsicht, sucht Szymborska mittels eines kleinen Konkretums, dessen genauer Beobachtung, die weitreichende Verallgemeinerung, das Universalproblem. Was sie zentral, beständig beschäftigt, ist die Menschheit als biologische Gattung, und zwar – als Fortsetzung des „Gesprächs mit dem Stein“ – ihre Fremdheit, ihre Entfremdung und Abseitigkeit in der Welt. Gleichzeitig freilich macht diese Poesie auf das feste zwischenmenschliche Band, auf die die Menschheit aller Epochen, plötzlich zusammengeballt in der Zeit, verbindende Gemeinsamkeit aufmerksam:

Verbissen, zugegeben, sehr.
Mit diesem Ring in der Nase, in dieser Toga, in diesem Pullover.
(„Hundert Freuden“)

und eingesperrt in die vor- und danach-Grenzen:

Wir kamen den Tieren abhanden.
Wer wird uns abhanden kommen?

(„Notiz“)

Das ist die Perspektive, von der aus die Dichterin die Menschheit betrachtet. „Seht von den Sternen auf euch“, schreibt sie im „Monolog für Kassandra“. Sie könnte das gleiche in einem Monolog für Wisława Szymborska schreiben. Fragen wir einmal, wie dieser „Blick von den Sternen“ beschaffen ist. Es gibt in der Dichtung von Szymborska zumindest zwei Gedichte, die diese Frage beantworten. Eines von ihnen ist das ironisch-naive Gedicht „Hundert Freuden“. Das zweite „Die zwei Affen von Breughel“: die ganze Menschheitsgeschichte meisterhaft kurzgefaßt und übersetzt in ein einziges „leises Kettengeklirr“. Man fände schwerlich eine Weltgeschichte, die tragischer, lapidarer und zugleich hohnsprechender – schließlich souffliert dieses Resümee ein Affe – wäre. Szymborska, Moralistin und Anwältin der Freiheit, betrachtet die Entwicklungsgeschichte der eigenen Gattung ohne Illusion… So manches ihrer Gedichte könnte hierzu als Prämisse dienen: „Rehabilitierung“, „Das Hungerlager bei Jasło“, „Noch“ (ein Gedicht über den Transport der Juden ins Vernichtungslager).

Die große Distanz – die in dieser Poesie so hervorragend mit der minuziösen Nähe zusammenwirkt – erlaubt es Szymborska, sich den schwierigsten existentiell-metaphysischen Fragen zu stellen. Wie in dem aufschlußreichen Gedicht „Verwunderung“: Erstaunen über die eigene Identität, über die Tatsache, daß man sich in diesem und keinem anderen Sein befindet, in diesem und keinem anderen Augenblick, an diesem Ort der Zeit und des Raums. Ein Erstaunen, das der Anfang einer jeden philosophischen Reflexion ist.
Wenn aber dieser Ort, diese Zeit und – vor allem – diese Art des Seins eine bestimmte, keine andere Haltung zur Folge haben, dann kann man sie sich auch anders vorstellen, sich vom Gefühl ihres absoluten Zwangs befreien. Was in Szymborskas Poesie am interessantesten zu sein scheint, ist ihre „metaphysische Phantasie“, die Leichtigkeit, mit der sie sich im Konditionalis, auf der negativen Seite, in den gedachten Wirklichkeiten bewegt. Ein Konzert für eben diese anderen Wirklichkeiten sind die „Hundert Freuden“. Die „Freude am Schreiben“ ist die Wirklichkeit des literarischen Schaffens, die „Landschaft“ die Wirklichkeit eines plötzlich mit der realen Wirklichkeit vermischten Bildwerks, „Das Gedächtnis hat endlich…“ die Wirklichkeit eines Schlaftraums, die „Volkszählung“ die überraschend aufgefundene Wirklichkeit jenseits der Geschichte – was tun damit? Der „Bahnhof“ schließlich die negative Wirklichkeit, wiedergegeben durch die Sprache der Verneinung:

Meine Nichtankunft in der Stadt N.
erfolgte pünktlich.
Du bist benachrichtigt worden
durch den nicht abgesandten Brief.
Du schafftest es, in der vorgesehenen Zeit
nicht zu kommen.

Denken wir an „Atlantis“, an diese mögliche, nicht bestimmte Wirklichkeit, von der nichts Sicheres gesagt werden kann, die sich zwischen den Widersprüchen „plus minus“ vollzieht. Erinnern wir uns an die groteske metaphysische Phantastik: an die aus Fisch-Monaden gebaute Welt im Gedicht „Im Fluß des Heraklit“.
Das alles bedeutet freilich nicht, daß Szymborskas Poesie ein – in Gedichtform geschriebenes – theoretisches Traktat über diverse Möglichkeiten des Seins wäre. Die metaphysische Phantasie der Dichterin drückt sich mit Anmut unprätentiös aus, zugleich aber ist sie der Problematik der Existenz, an der sie persönlich tiefen Anteil nimmt, durchaus verpflichtet. Und so beschwört sie die Wirklichkeit eines literarischen Werks in einem Gedicht, in dessen Pointe der Gedanke an den Tod desjenigen (derjenigen) auftaucht, der (die) diese Wirklichkeit schafft. Die Wirklichkeit des Traums wird im Gedicht über die verstorbenen Eltern bedacht, die negative Wirklichkeit in der Beschreibung der Trennung eines Liebespaares.
Bei Szymborska ist es fast die Regel: Hinter einer gewöhnlichen, allgemein verständlichen Empfindung, hinter einer alltäglichen „Lebens“-Situation verbirgt sich die ungewöhnliche philosophische Problematik.
Unter Szymborskas „metaphysischen Spielen“ ist das mit eigenartiger Listigkeit betriebene das wesentlichste: der Einfall, das Sein als widersprochenes Nichtsein, als Nicht-Nichtsein zu behandeln. Diesem Einfall begegnen wir in Gedichten wie „Thomas Mann“, „Geboren“, „Alle Fälle“, „Das Nichts“. Am interessantesten in dem letzten.
Das eigene Leben wird hier nicht als selbstverständliche Offensichtlichkeit betrachtet, sondern als sonderbare Unterbrechung im Nichtsein, das der Dichterin, wie es scheint, sehr gewohnt, vertraut ist, da sie – aus ihm kommt.
Die Welt dieses Gedichts ist unsere eigene, normale Welt. Aber wie anders – im Blitzlicht jener „umgenichteten“ Hellseherei – wird sie gesehen und gezeigt. Als zeigte sie uns jemand, der plötzlich, auf eigene Faust, das Vorhandensein der negativen Zahlen entdeckt hat.

wieviel dort Stille fällt auf eine Grille hier,
wieviel dort Wiese fehlt dem Sauerampferblatt hier

Das Gedicht endet mit einer herrlichen, überraschenden Pointe:

Und wirklich, ich sehe darin gar nichts
Gewöhnliches.

Diese eigensinnige Verneinung, die Verkehrung der abgegriffenen Redewendung „nichts Ungewöhnliches“ in ihr Gegenteil, ist einer von Szymborskas vielen Sprachscherzen. Indem die Dichterin das Nichts umkehrt, die Wirklichkeit umkehrt, kehrt sie auch – konsequent – das dazugehörende Wort um.
Beachten wir noch etwas anderes: Das ganze Gedicht stützt sich darauf, im Sein, in der Welt nichts als etwas Gewöhnliches, Selbstverständliches anzusehen. Eine der kostbarsten Qualitäten der Poesie ist gerade die, daß sie im Gewöhnlichen das Ungewöhnliche, die Rätselhaftigkeit, das Wunderbare zu sehen vermag, daß sie die Welt durch das Prisma des metaphysischen Erstaunens zeigt; desselben Erstaunens, das auch Grundlage jeglichen philosophischen, ontologischen Denkens ist. Szymborska gelingt dieses en miniature auf globale Weise.

3
Szymborska verbirgt also den tieferen, philosophischen Urgrund ihrer Gedichte. Sie tut so, als gälte ihr Schreiben ganz alltäglichen Dingen. Sie verschleiert die Kunst. Sie tut so, als wäre es kinderleicht, Gedichte zu schreiben. Schließlich versteckt sie den tragischen, den bitteren Sinn ihrer Poesie. Sie tut, als berühre sie das alles nicht allzu tief. Dabei ist sie sich all dessen sehr wohl bewußt. In dem Gedicht „Unter einem kleinen Stern“ schreibt sie:

Nimm mir nicht übel, Sprache, daß ich pathetische Worte entlehne
und mir dann Mühe gebe, sie leicht erscheinen zu lassen.

Die Diskretion und vor allem der spezifische Humor wenn man sich die Skala der hier behandelten Probleme und Erlebnisse vergegenwärtigt – gehören zu den besonders faszinierenden Merkmalen dieser Poesie.
In vielen Fällen wird eine, so scheint es zunächst, recht komplizierte Operation vorgenommen. Das, was in der vermittelten Reaktion einen Ausbruch pathetischer Erschütterung rechtfertigen würde, kommt, umgekehrt, in der Karikatur, im Spott, sogar als Clownerie zum Ausdruck. Diese Ersatzentladung ermöglicht Diskretion, Gelassenheit und Maß dort, wo sie am meisten nottun: auf den Höhepunkten dieser Poesie, im Zentrum ihrer Tragik. Eine unvergleichliche Formel für diesen Mechanismus bietet das Gedicht „Schatten“:

Ich werde, ach, die Arme leicht bewegen,
ach, leicht mein Haupt nach hinten wenden,
König, bei unsrem Abschiednehmen,
König, auf einer Bahnstation.
König, es legt auf diese Weise,
König, ein Narr sich auf die Gleise.

Diesem Grundsatz der Entzauberung des Schmerzes durch Lachen, Lächeln, Ironie, Scherz bleibt Szymborska seit Jahren treu. Sie versteht es, diese beiden Elemente so zu dosieren, daß sie – sich summierend oder potenzierend – ein seltenes ästhetisches Erlebnis evozieren. Ein neues, ihr eigenes Kunstmodell ergeben.
Zugleich aber kreiert sie damit ein ungewöhnlich wertvolles Persönlichkeitsmodell.
Zwei Hauptkomponenten, zwei – überwundene – Antinomien bestimmen dieses Modell. Die erste davon ist die Kunst, den Individualismus (wir wissen, wie intensiver bei Szymborska ist) mit der Aufgeschlossenheit – den Menschen, der Welt, dem Wissen gegenüber – in Einklang zu bringen. Nichts liegt Szymborska ferner als ein formal technisches Konzept der Poesie oder als der Rückzug in private Assoziationen, als Hermetik.
Die zweite Komponente ist die Kunst der Zurückhaltung, der Ausgewogenheit der eigenen Gefühlsposition in Anbetracht der tragischen Beschaffenheit der Welt und des menschlichen Daseins schlechthin. Dichter, die diese Tragik direkt zeigen, die ihre krankhaften Ängste vor uns ausbreiten und sich damit gewöhnlich von ihnen befreien, können wir bewundern. Mehr Respekt verdienen die Dichter, die eine beherrschte, stoische Haltung bewahren. Solche, die in ihrer Poesie – nebenbei, wie ungewollt – ein bestimmtes Exempel der Menschennatur statuieren, das sowohl Vorbild als auch Hilfe sein kann. Zu diesen Dichtern gehört Szymborska. Zu solchen Modellen gehört ihr – sich seiner selbst schämender, selbstironischer, belächelter – Heroismus.

Jerzy Kwiatkowski, Nachwort

 

Hundert Freuden … eine davon ist dieses lyrische Buch

„Wisława Szymborska? Äh, ja? Nobelpreisträgerin für Literatur, ach was?“… oft wenig wissen Deutsche von den östlichen Nachbarn und ihrer Literatur.
Karl Dedecius’ Polnische Bibliothek veröffentlichte die Auswahl aus dem Gesamtwerk der Szymborska bis 1986 bereits in eben jenem Jahr, also zehn Jahre vor der Nobelpreisehrung und in eigener Übersetzung. Auch um Vorurteile zu bekämpfen und das Wissen der Deutschen über ihren Nachbarn im Osten zu erweitern.
Suhrkamp gab dann nach dem Nobelpreis 1996 dieses Taschenbuch als Sonderausgabe heraus. Eine Einführung von Elisabeth Borchers und ein Nachwort Jerzy Kwiatkowskis flankieren die Gedichte.
Diese – Hundert Freuden! – sind originell und auch in der Übersetzung des verdienten Karl Dedecius wortmächtig. Einfach mal hineinlesen. Eins der berühmtesten Gedichte (und das zu Recht) mag Szymborskas „Gespräch mit dem Stein“ sein… und mehr wird jetzt nicht verraten.

Serenus Zeitblom, amazon.de, 12.1.2009

Unser höchst befremdliches Dasein

Die Auswahl der Gedichte reicht zurück bis in die 50er Jahre. In den 60ern und 50ern ist der Ton noch metaphorischer, pathetischer, der Sinn ist besonders in den frühen Gedichten manchmal nur schwer zu erkennen. Zur Gegenwart hin wird der Ton lakonischer, es findet sich fast durchgehend ein schöner trockener Humor, freundlicher Sarkasmus oder absurde Heiterkeit (z.B. „Mittelalterliche Miniatur“). Immer wieder ihr Staunen über unsere Existenz, immer wieder findet sie ungewöhnliche Perspektiven, um unser Dasein als höchst befremdlich, wundersam, erstaunlich darzustellen. Parteinahme für den Einzelnen, der in der großen Zahl, in der Geschichte, der Politik verloren scheint. Die Gedichte sind oft philosophisch angelegt, die oft ungewöhnliche oder groteske Perspektive ist eine geistvolle Einladung zum Nachvollzug, der Sprachstil erscheint oft scheinbar kunstlos, der Prosa nahe, ist dabei aber wunderbar originell. Unsicherheit über die Qualität der Übersetzung, z.B. „Frauenbildnis“ ist in manchen Zeilen kaum in der englischen Übersetzung deckungsgleich, z.B. Zeile 1 dt: „Sie hat auswählbar zu sein“, engl.: „She must be willing to please“, letzte Zeilen: dt: „Entweder sie liebt ihn oder sie trotzt. Zum Gut, zum Ungut, zum Gotterbarm.“ Engl.: „Either she loves him or has made up her mind to. For better, for worse, and for Heaven’s sake“ – Diese beiden Varianten haben m.E. nicht viel miteinander zu tun – was die Frage nach der Übersetzbarkeit von Lyrik aufwirft. Auf jeden Fall: Sehr beeindruckend!

Diethelm Thom, amazon.de, 6.1.2008

Hundert Freuden…mindestens!

Wenn man die Gedichte der Wisława Szymborska liest wird man sich im ersten Moment zurücklehen und denken: „Ach, so leicht zugänglich kann Lyrik sein?“. Denn es sind hier alles ganz einfache Wörter die sich aneinanderreihen und doch soviel beschreiben. Aber natürlich brodelt es im Innern, da steckt einiges dahinter, wenn man sich (hoffentlich) mehr Gedanken darüber macht. Die Dichterin hat ein unglaubliches Gespür für Sprache, sie benutzt wunderbare Metaphern („himmelfahrender Frack“), ausserdem hat fast jedes Gedicht hat eine andere Form, so wird zum Beispiel in „Mittelalterliche Miniatur“ viel mit Superlativen gearbeitet („in allerseidigsten Mänteln“) oder das großartige „Vietnam“, welches quasi nur aus Fragen und, bis auf einmal, immer der gleichen Antwort besteht. Gerade mit solchen, fast schon minimalistischen Mitteln, wird der Leser auf vielerlei hingewiesen, geradezu wachgerüttelt. Ob es nun um so große Dinge wie Krieg, Hass oder auch Freundschaft und Liebe geht oder um die kleinen Dinge, z.B. dass es etwas individuell Besonderes ist so zu leben wie man lebt, dass man jetzt lebt und nicht früher oder später, das nichts gewöhnlich ist. Viel Philosophie und Metaphysik steckt dahinter, wenn es um Fragestellungen geht wie: „Ist das Leben vielleicht nur eine Unterbrechung des Nichts?“ Überhaupt geht es viel um Individualismus, um das Herausstechen aus der Masse, aber auch das Fremdsein, das Nebeneinanderherleben und auch um das Verständnis für die Natur, die Umwelt (sehr gut in „Gespräch mit dem Stein“ zu erkennen).
Die Nobelpreisträgerin schafft es also viele tiefgründige Fragestellungen und Probleme hinter eine locker-leichten Sprache zu „verstecken“, darauf deutet sie ja sogar selbst hin:

Nimm mir nicht übel, Sprache, dass ich pathetische
Worte entlehne

Und mir dann Mühe gebe, sie leicht erscheinen zu lassen
(„Unter einem kleinen Stern“)

Pluspunkt auch noch für das tolle Nachwort, da bleiben keine Fragen mehr offen.

Deathdealer 82618, amazon.de, 28.8.2006

Nichts ist gewöhnlich oder normal

Szymborska beschäftigt sich in ihren Gedichten mit dem gewöhnlichen Leben, den normalen Alltagssituationen, mit unbedeutenden Details – so mag es zunächst beim kurzen Anlesen ihrer Gedichte einem scheinen. Liest man jedoch weiter, stellt man fest, dass es so etwas wie „unbedeutendes“, „normales“ oder „gewöhnliches“ in ihren Gedichten gar nicht gibt, einfach aus dem Grund, weil „in der Welt nichts normal oder gewöhnlich ist“. Sie bringt uns zum Nachdenken über Dinge, die man vorher für trivial und selbstverständlich hielt, macht Zusammenhänge deutlich, die man vorher nicht erkannt hat – sie bringt uns dazu, unsere Wert- und Weltvorstellungen neu zu überdenken. Im Gegensatz zu anderen Dichtern tut sie dies jedoch nie mit einem erhobenen Zeigefinger, trägt keine zynische Überlegenheit zur Schau. Ihre Gedichte sind eher ein Spiel mit Worten und ein Spiel mit unseren festgefahrenen Denkmustern und Vorstellungen, die sie mit Humor und Intelligenz zu entkräftigen versucht. Selbst wenn sie über den Tod oder den Krieg schreibt, tut sie es immer „mit einer eleganten Ironie, ohne je in Bitterkeit zu verfallen.“ (The New Yorker) Dabei kommt sie stets mit einer erstaunlich einfach lesbaren Sprache aus. „Szymborskas einfache Sprache und kompliziertes Denken führen uns in die hohe Kunst und Kultur der verdichteten Weltbetrachtung.“ (Karl Dedecius)

T. Ploch, amazon.de, 20.6.2004

Hundert Freuden von Wisława Szymborska

Im ersten Gedicht dieser Werkauswahl fragt sich die Dichterin, ob ihre Texte dem Etikett „Dichtung“ genügen: Zu sehr dem spröden Alltag entsprungen seien sie, nichts an ihnen vergoldet, beflügelt, verschnörkelt, nichts von weit hergeholt. Kein Wörterbuch notwendig, um ihre Lyrik aufzuschlüsseln. Das Material ist für jeden greifbar, hier wie da, hier wie dort. Und doch gelingt ihr, im dritten Gedicht, auf kaum mehr als einer Seite, ein Jahrmarkt der Wunder.
Erwachsene wieder staunen zu lassen ist schwer. Szymborska gelingt es durch den Umweg des Zweifelns. Gewöhnliche Dinge, Augenblicke und Geschehnisse erhalten den Glanz von Fragen, und vor lauter Fragen werde ich kleiner und die Welt wird unbegreiflicher. So geschieht es jedes Mal in Landschaft mit Sandkorn: Ein paar Zeilen und ich ahne, was der Buddhismus mit der „Zeit ohne Anfang und Unterschied“ meint.
Oder aber ich altere mit jedem Atemzug. Einsichten stechen ein, lähmen, halten gefangen. So die traurige Einsicht in Das kurze Leben unserer Ahnen, wo das Leben „zu kurz“ ist, „um ihm etwas hinzuzufügen“. So die abgeklärte Einsicht in den vier Minuten von Der Terrorist, er sieht – jede Minute ein Tropfen Öl in die grausame Mechanik des Lebens. Doch irgendwann gelangt man wieder frei ins Freie, ohne das Eingesehene zu vergessen. Noch ein Wunder, das Szymborska vollbringt.
Mein Lieblingsgedicht von ihr: Bildnis. Eine trotzige Hymne auf das Neu-Erschaffen. Immer heilsam zu lesen, wenn das Altern plagt. Warum Szymborska meine liebste Dichterin ist? Weil sie Kampfgeist hat. Weil sie resigniert, um gleich wieder aufzubrechen. Weil sie dunkle, dicke Punkte setzt, ohne damit die Nachfolgenden zu blockieren. So wie sie den Dingen ein Ende macht, so schafft sie Platz für Neues.
Wer wieder staunen und neu aufbrechen will, der greife zu diesem Buch. Für Wunder zwischendurch, fürs Verrückt-Werden, fürs Neuerschaffen.

Armin Jäger, Jazzoflife.de, 31.1.2011

 

Der Sinn der Anteilnahme

– Zu Wisława Szymborskas Gedichten. –

„Deshalb leben wir“, „Hundert Freuden“, „Menschen auf der Brücke“, „Salz“, „Ende und Anfang“… lauter Gedichtbandtitel, die sich ein deutscher Autor niemals hätte leisten dürfen. Viel zu unauffällig, um nicht erst recht nicht beachtet zu werden. In ihrer Schlichtheit aber signalisierend, daß es sich wohl um jene, in Polen besonders ausgeprägte Hauptrichtung der Gegenwartslyrik handelt, die sogenannte sachliche Lyrik, die, im Kontrast zu stärker stilisierenden Gedichten, auch sprachlich mehr im Alltäglichen bleibt; grob unterteilbar ist in eine Lyrik, die entweder a) über Gott und die Welt nachdenkt oder sich b) vor der eigenen Haustür umschaut. Im Fall Brecht etwa den Nachgeborenen die Lage im allgemeinen erklärt, im Fall Williams hingegen kommentarlos einen roten Schubkarren bei den weißen Hühnern stehen läßt. In jedem Fall aber eine der wesentlichen Gedichterfindungen dieses Jahrhunderts ist, indem es nach jahrhundertelangem, dichterischerem Dichten plötzlich auch eine dichterische Leistung sein kann, einfach zu sagen: „Der Himmel ist blau.“
Freilich, was die Szymborska betrifft, ist der Betrachter vor voreiligen Zuordnungen gewarnt. Soll sie sich doch laut Klappentext (Die Gedichte, Suhrkamp Verlag 1996) selbst einen Vers auf ihren Vers gemacht haben, der da besagt, daß nichts ein zweites Mal geschähe – indem sie, wie es heißt, nahezu für jedes Gedicht, je nach Gegenstand, eine eigene Poetik erfände. Doch auch die Gedichtüberschriften – die manchmal „Katze in der leeren Wohnung“ heißen, häufiger aber „Beitrag zur Statistik“, „Ende und Anfang“ oder „Ich bedenke die Welt“ – deuten auf Alltagsgedichte hin, Unterabteilung Gott und die Welt. Erscheinen einem allerdings nicht gerade nobelpreisverdächtig. Zumal dem Betrachter auch beim Herumblättern allenthalben Begriffe wie „Leben“, „Wirklichkeit“ oder „Mensch“ entgegenspringen; Allgemeinheitswörter, die sicher nicht einmal das robuste, sachliche Gedicht verträgt. Sollte es sich bei der Nobelpreisverleihung 1996 etwa um eine Stockholmer Fehlentscheidung handeln?
Entschluß, ein Gedicht aufzuschlagen, irgendeins, Stichprobenmethode. „An mein Herz am Sonntag“ heißt es:

Ich danke dir, mein Herz,
daß du nicht säumst, daß du dich regst
ohne Entgelt und ohne Lob,
aus angeborenem Fleiß.

Der eigentliche Beweggrund der Beschäftigung mit der Gegenwartskunst heißt denken: „Das könnte ich auch.“ – Freilich, das Gedicht ist noch nicht zu Ende, die nächste Zeile etwa heißt:

Siebzig Verdienste hast du in der Minute

Siebzig Verdienste in der Minute… – das ist – bei aller Sachlichkeit – schon besonders gesagt. So daß es eben so nicht jeder sagen könnte. Und doch, was jeder sagen würde, darin enthalten ist. Jedermann das Herz hinter den Rippen klopfen spüren kann. Und gleichzeitig das Jedermannsherz ein besonderes ist, was ja wohl der Wahrheit entspricht. Ohne deshalb gleich ein Außerordentliches sein zu können und zu wollen. Schlichtheit, Naivität, mit einem Zug ins Exemplarische. Wie auch das nächste, vorsichtshalber noch hinzugezogene, Stichprobengedicht, in dem bereits die Überschrift „Von oben betrachtet“ die Perspektive vorgibt:

Ein toter Käfer liegt auf dem Feldweg,
drei Beinpaare sorgfältig über dem Bauch gekreuzt.
Statt Todeswirrnis – Reinlichkeit und Ordnung.
Das Grauen dieses Anblicks ist gemäßigt;
die Reichweite streng lokal von der Quecke zur Minze.
Die Trauer teilt sich nicht mit.
Der Himmel ist blau.

drei Beinpaare sorgfältig über dem Bauch gekreuzt. … Das hat der Betrachter vor Jahren, in einer anderen Übersetzung, schon einmal gelesen. Und daß er unterdessen glaubte, das Bild selbst so gesehen zu haben, so daß er es für sein eigenes hielt, ist schon ein Qualitätsbeweis für das Gedicht. Wobei sich das Bild des Käfers in diesem Ausnahmefall nicht nur durch reine Beschreibung herstellt, sondern Anschauung und Reflexion hier einander stützen, sich gegenseitig sinnfälliger machen. Gerade die Behauptung des Abstands die Kreatur näherrückt, in der Beiläufigkeit des Käfertods sich eben doch Trauer mitteilt und der Rechthaber Himmel einmal nicht recht behält mit seinem ewigen Blau.
Was aber mag der Antrieb des „Blicks von oben“ sein? – Äußerst sparsam sei die Dichterin, was außerliterarische Hinweise beträfe, merkt der Übersetzer Karl Dedecius an. Und wirklich ist in ihrer Stockholmer Rede, außer „ich weiß nicht“, kaum ein Nobelpreishinweis zu finden. Und auch in den Gedichten selbst: immer wieder dieses „Ich-weiß-nicht“. Indem es als „Wissen-wollen“ manches Gedicht strukturiert. „Es gibt keine Fragen, die dringlicher wären als die naiven“, sagt einer der Texte, der durch diese Behauptung freilich an Naivität verliert. Aber Naivität ist es schon, die, mit Ironie und Skepsis gemischt, weniger, man verzeihe den Zeitgeistausdruck, „hinter-“ als „unterfragt“. Oft selbst im Gedanklichen sinnhaft bleibt. Im Traktathaften dichterisch. Selbstverständlichkeiten ermöglicht, die, als Selbstverständlichkeiten, eigentlich unsagbar sind und gerade deshalb endlich gesagt werden müssen – Yeti, dem Schneemenschen zum Beispiel:

Yeti, wir haben Shakespeare.
Yeti, wir spielen Geige.
Yeti, und wenn es dunkelt
machen wir das Licht an.

Allerdings bewahrt eine solche Normalsprechweise ihre Kraft auf Dauer nur vor dem Hintergrund einer ansonsten abgehobeneren, stilisierenderen Praxis. Nun ist aber die sachliche Sprechweise derart allgemein geworden, daß es nur so von Normaldichtern wimmelt und fast jeder Oberschüler auch noch das dürrste Wort in Zeilen anzuordnen vermag, kurzum, die Einfachformeln keinen ästhetischen Kontrast mehr herstellen. Ein Nobelpreis also auf diese Weise kaum noch zu verdienen sein wird, nicht einmal als Fehlentscheidung. Wisława Szymborska aber über ihr „Ich weiß nicht“ verfügt. Über eine Zauberformel, die, zu unerwarteten Wendungen führend, das Gedicht plötzlich öffnet, den Neugierblick zum Durchblick werden läßt: Quer durch die Zeiten und von einer Welt in die andere. Über ein „Sesam, öffne dich“, um durch die enge Pforte, zwischen den fürchterlichen Allgemeinheitswörtern hindurch, in Ali Babas Höhle zu treten, darin das Gold der Weisheit schimmert. – Selbst an die Tür des Steins wird geklopft:

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bins, mach auf.
Ich komme aus reiner Neugier.
Das Leben ist ihre einzige Chance.
Ich möchte deinen Palast durchschreiten
und dann noch das Blatt und den Wassertropfen besuchen.
Ich habe nicht viel Zeit für das alles.
Meine Sterblichkeit sollte dich erweichen.“

„Du kommst nicht rein“, sagt der Stein.
„Dir fehlt der Sinn der Anteilnahme.“

Auch wenn der „Sinn der Anteilnahme“ hier im Gedicht nicht ausreicht, den Stein zu erweichen, wird es womöglich eben diese Anteilnahme sein, die, noch über den Neugierblick hinaus, ihr Schreiben antreibt. Als läge der Grund ihres Schreibens außerhalb ihrer selbst, was erklären würde, weshalb, selbst wenn Ich gesagt wird, der Schreibanlaß nur selten ein persönlicher ist. Sie dafür aber die Fähigkeit hat, sich das Alltägliche anzuverwandeln, so daß es unkenntlich-kenntlich wird. Ein Gedicht, das den auch nicht gerade nobelpreisverdächtigen Titel „Notiz“ trägt, mag hier aufschlußreich sein: Indem es von der Ähnlichkeit und der Entfernung zwischen einem „steingeschlagenen Funken“ und einem „Stern“ spricht – und von unserer Fähigkeit, dergleichen zu vergleichen. Das habe uns, heißt es, „aus der Tiefe der Gattung gelockt“, „unseren Kopf in einen menschlichen verwandelt“; „aus dem Umkreis des Schlafs geführt“; „was keine Lider hat, in uns geöffnet“; so daß wir „den Tieren abhanden“ kamen, sich die Zeit zusammenrollte „in den Ringen der Bäume“. – Und tatsächlich fällt auf, daß oft jene Szymborska-Gedichte die stärksten sind, in denen ein solches Spannungsverhältnis anliegt: Zwischen dem Plus-Minus von Nähe und Ferne, Augenblick und Ewigkeit, kleiner Zahl und großer Zahl, Einzelnem und Vielem, Besonderem und Allgemeinem. – Pole, innerhalb derer der „Sinn der Anteilnahme“ bei ihr in Bewegung kommt. Und zu einer Suchbewegung führt: dem Donnerstag vor der Ewigkeit recht gibt, doch weiß, daß ohne Ewigkeit auch kein Donnerstag wäre. Von Kassandras Tragik spricht, „die Menschen“ mehr nur von oben zu lieben – und doch nur Kassandra zu sein, insofern sie den Überblick hat. – Auch das „Käfergedicht“, dessen Anfang bereits zitiert worden ist, problematisiert das „Von-oben-Betrachten“ und vermag doch nicht davon loszukommen, da das Hirnwesen Mensch nun einmal von oben schaut. – Was auch als ein Festhalten an der Aufklärung gedeutet werden kann, An einer Aufklärung, die gleichwohl keine fertigen Wahrheiten bietet. Die Haltung des Wissenwollens jedoch weitertransportiert. Was unterdessen schon als Widerstandsleistung gegenüber einem Zeitgeist erscheint, der, unter dem Vorwand, nichts wissen zu können, den Überblick lieber gleich der Physik überläßt (oder den Wirtschaftslenkern oder den Rechenmaschinen) – um selber nur ja nicht dogmatisch zu sein. – Auch Newton, so die Szymborska in ihrer Nobelpreisrede, hätte den Apfel einfach nur aufgegessen, wenn da nicht jenes „Ich-weiß-nicht“ gewesen wäre. Wobei vielleicht hinzugesetzt werden darf, daß es für Newton andererseits auch eine denkerische Leistung gewesen wäre, wenn er den Apfel einfach aufgegessen hätte. Wenigstens hernach, nach Fallgesetzformulierung. – Beide Formen des Wissenwollens jedenfalls viele Szymborska-Gedichte ausmachen. Gegenständlichkeit und Abstraktion. Wer beispielsweise hätte nicht schon in einem Museum gestanden und ein leises Grauen gespürt: vor der in den Vitrinen abgelagerten Zeit, die soviel vergangenes Vergehen bedeutet:

Da sind Teller, aber kein Appetit.
Da sind Ringe, doch ohne Gegenliebe,
seit mindestens dreihundert Jahren.

Aus Mangel an Ewigkeit wurden
zehntausend alte Gegenstände versammelt.

Die Krone überdauerte den Kopf.
Die Hand verlor gegen den Handschuh.
Der rechte Schuh siegte über den Fuß.

Überraschend an diesem Gedicht ist aber die plötzliche Wendung ins Einzelne; indem die Nachricht aus den Vitrinen auf das Ich überspringt:

Was mich betrifft, ich lebe, recht und schlecht,
mein Wettlauf mit dem Kleid geht weiter.
Doch welchen Widerstand es leistet!
Und wie es überleben möcht!

Modernes Lebensgefühl, ausgedrückt in alltäglichen Worten. Schwankender Grund, labyrinthisches Sein. Doch anstatt uns zu sagen, was wir auch schon wissen, nämlich daß heute die Labyrinthe die allerverwirrendsten sind – versuchen diese Gedichte gleichzeitig auch einen Faden zu finden. Oder ein plötzliches Leuchten zu zeigen, „Im Fluß des Heraklit“:


fischen Fische nach Fischen,
zerlegen Fische Fische mit scharfem Fisch,
bauen Fische Fische, wohnen Fische in Fischen,
fliehen Fische aus den belagerten Fischen.

liebt ein Fisch einen Fisch,
deine Augen – sagt er – leuchten wie Fische am Himmel

Ein Dennoch, das dennoch nicht vereinfachen will. Die „Zwiebel“ jedenfalls kommt bei der Szymborska schlecht weg mit ihren immer gleichen Häuten:

Die Idiotie der Vollkommenheit
ist uns versagt.

Antizwiebelgedichte. Getragen durch Ironie, Paradoxie; nicht nur Einzelfäden, sondern schon eine Phänomenologie der Gegenwart. Die sich auch dadurch ergibt, daß manches Gedicht das Gegengedicht von einem anderen ist. Etwa, wenn Nähe Nähe verhindert…

Ich bin zu nah, als daß er von mir träumte

oder das Ich erst vorhanden sein läßt…

… So tanze ich, tanze
in der staunenden Haut, in der Umarmung
die mich erschafft.

Oder von den so ganz anderen Schöpfungen des Malers Rubens spricht, die der Leser nach der Lektüre wohl kaum noch mit Unschuldsaugen wird ansehen können:

Frauliche Fauna, Walküren,
nackt wie das Donnern der Tonnen.
Sie nisten in zertrampelten Betten,
schlafen mit aufgerissenen Mündern, als wollten sie krähen.

O aufgedunsene, o kürbisrunde
und durch das Wegwerfen ihrer Kleider verdoppelte
und durch die gewalttätige Pose verdreifachte,
fette Liebesgerichte!

Freilich, nach den schwächeren Anfängen, scheint in manchen späteren Gedichten, etwa von den siebziger Jahren an, das Nur-Rhetorische wieder überhandzunehmen; Themen doch gelegentlich mehr nur abgehandelt zu werden, ohne daß sich das für diese Dichterin charakteristische Spannungsverhältnis zwischen Allgemeinem und Besonderem einstellt. Die Geburt des Gedichts aus dem Traktat birgt eben auch ihre Gefahren.
Etwa, wenn die Strukturierung aus dem Gedanken heraus zu weniger zwingenden Konturen führt, sich durchaus etwas hinzusetzen oder weglassen läßt, kein Untertext vorhanden ist, das bloße Thema die Form überwiegt. Selbst in dem bewunderten Gedicht über das „Wasser“ hätte der Betrachter ganz gern ein wenig herumgekürzt und andere Abfolgen ausprobiert, als wäre er hier der Nobelpreisträger. Und das Gedicht „Die große Zahl“ erscheint ihm, trotz zartester Einzelfügungen, selber nur mehr als eine „große Zahl“ aus zu vielen Worten. – „Dichten ist wie Radium gewinnen“, hat Majakowski gesagt, aber sich auch nicht immer danach gerichtet. – Und noch das Käfergedicht („Von oben betrachtet“) wird nach dem bereits zitierten Anfang durch Mehrfachbehauptungen schwächer und löst am Schluß die bisher durchgehaltene Spannung fast auf, so daß der großartige Text etwas blaß ausklingt:

Bedeutung betrifft angeblich nur uns.
Nur unser Leben, nur unseren Tod,
den Tod, der erzwungenen Vorrang genießt.

Dennoch: Kein Gedanke, das könne man auch. Neid längst durch Bewunderung sublimiert. Sind doch gerade bedeutende Autoren daran erkennbar, daß ihre Schwächen auch ihre Stärken sind. Denn wenn sich diese Dichterin, wie zu vermuten ist, in dem beim Schreiben unterschwellig immer mitlaufenden Konflikt zwischen „Kunst“ und „Leben“, manchmal auch für das „Leben“ entscheidet, indem sie – gegen das Gedicht – noch etwas hinzusetzt, was auch noch gesagt werden will oder wiederholenswichtig erscheint, macht vielleicht gerade das ihre Fähigkeit aus, die zu sein, die sie ist: kaum stilisieren zu müssen, am wenigsten sich selbst. So daß ihre Sprache lauter ist und ohne Künstlichkeit. Noch der Vollkommenheitsverzicht einen Gewinn an Weisheit bedeutet.

Thomas Rosenlöcher, neue deutsche literatur, Heft 517, Januar/Februar 1998

 

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Wisława Szymborska in memoriam.

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