Wolfgang Weyrauch: Dreimal geköpft

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Wolfgang Weyrauch: Dreimal geköpft

Weyrauch-Dreimal geköpft

VOR EINEM TAG
(für Hans Henny Jahnn,
indem ich mich an die Zeit erinnere,
da er sehr krank war.)

Vor einem Tag und vielen Jahren
es war ein Jahr voll von Geschrei,
ging am Geschrei beinah entzwei
der Dichter mit den Wörterscharen.

Er legte sich, die Einsamkeiten
begruben ihn, fast war er fort,
die Wörter auch, doch blieb ein Wort
und zog ihn wieder in die Zeiten.

Er kroch, er ging, er warf die Sätze
in das Geschrei, das uns und ihn
umzingelte, und es erschien
der stumme Feind im Schierlingsnetze.

Denkt nach: wie hat das Wort geheißen?,
und das Geschrei: wie hieß denn dies?
Wißt Ihrs, kriecht Ihr aus dem Verlies
ins Freie, wo die Funde kreißen.

 

 

 

Nachwort

Was diesen Gedichten fehlt, ist das, was die Germanisten das Lyrische nennen. Das heißt: Stimmung, Gefühl, gar Gefühlsseligkeit, der „grüne Gott“, um es für Wolfgang Weyrauch zeitgenössisch zu sagen. Stattdessen?
Im Berlingedicht, veröffentlicht 1947 in Alfred Döblins Zeitschrift Das Goldene Tor heißt es so:

… ihr, die ihr in den Pfützen geht,
blickt zugleich zu den Sternen empor,
und zugleich haltet ihr die Lenkstange,
so, wie Bernhard Lucius, unser Bote,
tretet die Pedale, stürzt vom Rad,
flickt den Mantel, versucht die neue Fahrt,
es geht, es geht, Achtung, Freunde, die Kurve,
die Böschung, der Gebirgsbach, drüberweg,
drüberweg, ihr schafft es, ihr Nimmermatten,
ihr Nimmerverzweifelten, ihr Tumultuarischen,
Engel ihr, Teufel, Menschen ihr

„Sieh nach den Sternen, gib acht auf die Gassen“, das war der Leitspruch, dem „Die Leute aus dem Walde“ von Wilhelm Raabe folgten, dieses Element Raabe, das muß man, scheint mir, betonen, wieder betonen, war in der Literatur Weyrauchs bis zum Schluß lebendig. Es hatte auch seine eigentümliche Naivität bewahrt. Aber diese hatte sich verbunden mit einer anderen, der des trotz allem an die Zukunft des Sozialismus Glaubenden.
Das Element Raabe war eine unlösbare Symbiose eingegangen mit dem Element Brecht. Aus dem gleichen Berlingedicht:

jener mit der winzigen Tochter spielend,
dieser Bach hörend, brausenden Bach,
ein vierter über Hölderlin denkend,
der fünfte über Marx und Lenin,
der sechste im Kolonialwarenladen Heringe verkaufend,
der siebente Mülleimer kippend,
ein achter Ziegel deckend,
ein neunter was weiß ich tuend,
alle versammelt zum stolzen Plan

Das ist so etwas wie ein Modell der Gesellschaft, das Weyrauch in der unmittelbaren Nachkriegszeit im Gedicht zu entwerfen suchte. Entwerfen, das hieß benennen. Und vielleicht ist es dies, was alle Gedichte Weyrauchs so zugleich einfach und schwierig macht, daß an die Stelle des Lyrischen, des Stimmungsvollen, das Benennen tritt.
Es sagen, ihm einen Namen finden, das war Ausgangspunkt und Wesen für alles Gedichteschreiben. So wie der Refrain in „Fledermaus und Thymiane“

„Fledermaus und Thymian,
dreimal bitter-böser Hahn“
„Sonnenblume, Schierlingskraut
in der wunden Leprahaut“
„Rosmarin und Fingerhut,
barfuß sei, und nicht beschuht“

Was hier als Anklang an die Naturmystik eines Wilhelm Lehmann oder einer Elisabeth Langgässer erscheinen könnte, ist in Wahrheit ein nominales Transportmittel, das zu dem Ziel führt, auf das das Gedicht hinläuft:

barfuß sei, und nicht beschuht.

Barfuß sein, das heißt, nichts beanspruchen, das heißt, einfach sein, das heißt, wie alle sein. Das Benennen, das Namenfinden, das Nominalistische, aus dem Weyrauchs Gedichte leben, ist nicht das einer Erkenntniskritik, sondern ein beispielhaftes Reden, ein Vorreden, so könnte man sagen, das in sich die Norm für eine neue Gesellschaft birgt, in der Ungleichheit und Unrecht aufgehoben sind. Was etwa bei Brecht bis zum Schluß als Reibung an den konkreten gesellschaftlichen Zuständen erscheint, hat Weyrauch immer zu überspringen versucht. Utopie und Verhängnis waren unmittelbar ineinander verkettet. Davon zu reden, bedeutete für ihn Gedichte schreiben, Hörspiele schreiben, bedeutete für ihn exemplarisches Reden und Denken.

einer putzte Hans die Schuh,
linken Schuh und rechten Schuh,
rechten Schuh und linken Schuh,
gewienert, gläsern,
gläserne Vögel,
gläserne Einbäume,
Strudel des Wasserfalls,
Gedanke A und Gedanke B,
gib, damit ich habe,
nimm, damit Du hast,
Hans ohne Schuh,
Hans ohne Strumpf,
Hans Barfuß,
Hans, welcher denkt

Der Barfüßer ist der, der denkt. Denken, das heißt, die Gerechtigkeit des Zusammenlebens und der Zukunft denken, läßt sich nur „ohne Schuh, ohne Strumpf“.
Diese Barfüßigkeit, die dem Nachdenken dient, ist nicht eigentlich Metapher, stellt aber auch nicht imperative Sentenz dar: sei barfuß und alles wird gut! Weyrauchs Gedicht befindet sich immer, und verstärkt in den letzten Jahren seines Lebens, in der Mitte zwischen Metapher und Imperativ, in einem eigentümlichen Ausgleich zwischen beidem, den es so kaum anderswo in der deutschen Literatur gibt.
Dazu gehört auch, daß der Vorrang des Benennenden, des Nominalismus vor dem Bild und der Metapher nicht eigentlich Bildvorstellungen und Bildzusammenhänge ausbildet. Die merkwürdigen Abbrechnungen des Bildansatzes, die für Weyrauchs Gedichte so charakteristisch sind, die das sogenannte Lyrische in der Vorhalte lassen, führen Weyrauch überraschend in die Nähe der konkreten Poesie. An die Stelle des Bildes tritt die vokabuläre Assoziation: aus dem gläsernen Glanz des Schuhs werden gläserne Vögel und gläserne Einbäume, aus diesen Strudel des Wasserfalls, dieser wiederum assoziiert kontroverse Gedanken.
Diese Redefigur der assoziativen Wortkette findet sich oft in Weyrauchs Gedichten. Parallel dazu stehen die katalogisierenden Reihungen, wie etwa am Schluß des Berlingedichts. Weyrauch, so könnte man sagen, war ein Autor, der die Aufforderung von Walter Benjamin in seiner „Einbahnstraße“ beim Wort genommen hat:

Wann aber wird man so weit sein, Bücher wie Kataloge zu schreiben?

Was Weyrauch von der konkreten Poesie trennt, ist die Weigerung, die Methode der Rückführung des Metaphorischen auf das Vokabuläre für die Sache selbst zu nehmen. Die soziale, und das heißt immer, die utopische Forderung sollte die Benennung, den Nominalismus erst rechtfertigen. Nominalismus war für Weyrauch immer Aktivismus.

der Literat zum Literaten:
nimm Kurs aufs Buch,
das Du ist ein Akzent,
schau rund, schau neu,
allein der Spießer pennt,
die Wörter aber sind die Taten.

In der sozialen und utopischen Forderung wurzelt Weyrauchs Lyrik zutiefst in einem moralischen Impuls. Dieser ist in jeder Zeile spürbar. Er färbt das, was im traditionellen Gedicht metaphorisch und im konkreten Gedicht vokabulär ist, um in eine besondere Form der Allegorie. Wörter werden erfahren wie Dinge und wie Dinge eingesetzt. Dadurch aber werden sie mehr als bloß Rede, sie werden Taten.
Immer wieder hat das Weyrauch dazu geführt, im Wort stellvertretend zu reden, das heißt, zu tun. Die großartigsten Beispiele dafür finden sich in seiner Prosa, in der „Feuersbrunst“, im „Bericht an die Regierung“ und in „Etwas geschieht“. Dieses stellvertretende Reden und Tun hat zur Folge, daß Weyrauch, so oft er auch: ich sagt, niemals autobiographisch spricht. Wollte er etwas in dieser Richtung schreiben, mußte er sich, das heißt sein Psychologie, allegorisieren.

einen Apfel kauend
coxorange, schon schrumplig
dann schmeckt er am besten;
ein Buch in der Gesäßtasche tragend
Bierce, Wörterbuch des Teufels
Kränkung, substantivum feminin
um ein Vergehen
das fast so ungeheuer ist
wie eine Taktlosigkeit;
ein christliches Gebot im Sinn
Du sollst kein falsch Zeugnis reden
wider deinen Nächsten;
so wandre ich dahin, wohin
nach Kranichstein hinaus, hinaus
weg, weg, weg;

Hier erscheint einmal die autobiographische Person, apfelkauend, Ambrose-Bierce-Leser, von Darmstadt nach Kranichstein spazierend. Doch der Ansatz dient nicht dazu, die persönliche Gestimmtheit ins Gedicht einzubringen, sondern zwei Vokabeln werden herausgezogen, aus Bierce das Wort Kränkung und aus Kranichstein das Wort Kranich. Es geht um die Begegnung mit dem gekränkten Kranich, einem, der für den Nächsten steht, einen Darmstädter Nächsten, so könnte man ergänzen, aber eben eine solche Ergänzung bleibt beiläufig. Es geht vielmehr darum zu ergründen, ob die Kränkung etwas ist, über das sich zu sprechen, zu dem zu raten sich lohnt, um die tätige Interaktion. Lohnt es sich? Ist der Anlaß nicht zu gering, zu ,winzig‘?

winzig ist bloß
was mich selbst betrifft;
es schwirrt die Antwort
lächle
der Kranich fliegt davon, davon
der Apfel ist gut

Wollte ich die allegorische Einfärbung entfärben und sagen, es habe sich vielleicht um eine Begegnung mit dem Dichterkollegen Karl Krolow gehandelt, würde ich zu weit gehn. Nicht die Entschlüsselung, sondern das Eingekapseltbleiben im exemplarischen Reden ist wichtig.
Wenn ich so, ohne besondere Ambition, sondern im Versuch zu verstehn und zu entziffern, ein paar Grundzüge des Weyrauchschen Gedichts anzudeuten versucht habe, bedeutet das auch eine Anregung zum Lesen. Dies scheint mir notwendig. Das Werk Weyrauchs scheint festgelegt zu sein auf eine politische und eine avantgardistische Komponente, die sich nicht auf einen Nenner bringen lassen und die überdies noch dem Vorwurf des bloß Rhetorischen dienen. Wer so urteilt, bleibt an der Oberfläche und erfährt nicht den eigentümlich kühlen Glanz, der alle Werke von Weyrauch auszeichnet. Bei aller Einfachheit der Diktion verweigert die Sprödigkeit des Gedichts oft den Zugang. Man muß darauf eingehn, nicht falsche Erwartungen und Vorstellungen, die ja oft nur Vorurteile sind, daran herantragen. Erst dann werden die ganz und gar eigenen poetologischen Voraussetzungen durchsichtig, wird die unfaßliche Verbindung von Fröhlichkeit und Trauer erfahrbar die mitgeteilt wird.

Ich nehme euch in meine Hände,
dich, Trauer, Elend, dich, die Nacht,
ich, Berg der Einsamkeit, entfacht,
(ich liefre euch die letzte Schlacht)
daß ich dies Ende endlich ende.

Helmut Heißenbüttel, Nachwort

 

Beim letzten Gespräch

nannte Wolfgang Weyrauch Vergänglichkeit eine Diebin. Die schönsten Pläne, meinte er, brächten zu oft das Gegenteil dessen hervor, was sie versprochen hatten. Sein offenes Gesicht wirkte wie immer gesammelt, das Gesicht eines Mannes, der sich nichts vormachte, Angst und Enttäuschung kannte, die Welt mit Mitleid und Güte sah, die Hoffnung nicht aufgegeben hatte, die Menschen würden eines Tages besser miteinander leben. Einsamkeit, Sehnsucht, Zärtlichkeit, Nachbarschaft sind Stichworte seiner Arbeiten. Gesang um nicht zu sterben heißt eines seiner Gedichtbücher. Die Geburtsstadt Königsberg, Gymnasium und Schauspielschule in Frankfurt am Main, die Zeit als Schauspieler in Münster und Bochum, das Studium der Germanistik und Romanistik in Berlin, die Jahre als Kriegsteilnehmer, als Redakteur des Ulenspiegel, als Lektor bei Rowohlt – das waren biographische Stationen dieses nachdenklichen, ernsten, der Freundschaft fähigen Mannes. Sehen Sie, sagte er, ehe wir auseinandergingen, wie draußen die Blätter trudeln und der Regen von den Dächern springt.

Walter Helmut Fritz, aus Walter Helmut Fritz: Offene Augen, Hoffmann & Campe Verlag, 2007

 

 

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