Andreas Okopenko: Zu Andreas Okopenkos Gedicht „Vorgang aus roter Tinte“

Im Kern

Im Kern

– Zu Andreas Okopenkos Gedicht „Vorgang aus roter Tinte“. –

 

 

 

ANDREAS OKOPENKO

Vorgang aus roter Tinte

Rote Tinte wird in weißes Wasser geschüttet.
Im Abendleuchten kehrt Odysseus nach Ithaka heim.
In seinen Parks spielen die Kinder der Fremden.

Er stellt eine Frage, die ihr verstehen sollt:
Wo sind die Lichter des ausgebrannten Chicago?
Er stellt die Frage sinnreich, bärtig und schwer.

Über seinem Haar schwirren die Mücken des Waldrands.
Die Linien, die die ziehn, leuchten wie Fenchel wenn Wind geht.
Aus dem Wald schleppen Männer hölzerne Kübel mit Waldpech,

Hinter dem Horizont geht ohne Ende ein Schiffshorn – – –

 

Brief an Herrn Schwark

Sehr geehrter Herr Schwark,                                                                                          Wien, 23 3 1958

danke für Ihren netten Brief. Es freut mich, daß auch bei Ihnen moderne Lyrik im Deutschunterricht behandelt wird und daß mein Gedicht „Vorgang aus roter Tinte“ unter den Probestücken war.
Es fällt mir nicht leicht, Ihre allgemein gehaltene Frage „nach dem Gehalt dieses Gedichtes“ zu beantworten, da ich nicht wissen kann, worüber im einzelnen die Meinungen Ihrer Klassenkameraden auseinandergehen. Ich kann Ihnen nur den Vorgang bei der Erzeugung dieses Gedichtes erzählen, natürlich aufs Kargste vereinfacht, da bekanntlich ein ganzes Leben und die ganze Welt an jeder Tat mitwirken, sogar an der Untat, ein Gedicht zu schreiben:

Mir fiel eines späteren Nachmittags das Einträufeln von roter Tinte (Eosinlösung) in Wasser ein, das an der Oberfläche durch optische Vorgänge weiß erschien. Aus diesem Vorgang, in den man sich wie in viele ganz einfache und unallegorische Vorgänge intensiv versenken kann, wobei einem etwas von der Harmonie der Welt schwant, entstand mir das Bild einer abendleuchtenden Landschaft, in die dann der heimkehrende Odysseus eintrudelte. Und zwar ein Odysseus, der eine unserer heutigen Großstädte niederbrennen geholfen hatte.
(Durch diese Vergegenwärtigung sollte wahrscheinlich die Kruste von Langeweile abgetragen werden, die sich um schulzerredete Historika zu schließen pflegt, so daß uns etwa Troja keine belebte und aufregende Stadt mehr ist, deren Niederbrand uns unfaßbar scheint; aber der Aktualisierungsvorgang wurde mir von meinem literarischen Instinkt aufgezwungen, nicht etwa durch Überlegung nahe gebracht.)
Den Odysseus, ganz entkrustet zu einem Heimkehrer in eine wirkliche Heimat, in ein wirkliches Leben, stellte meine innere Projektionslinse in eine besondere Landschaft in besonderer Stimmung, denn nur durch die äußerste Konkretion wird uns beschriebene Welt zu wirklicher Welt, und so wie wir uns die Landschaft bis zur Wirklichwerdung vorstellen, so wird dann auch der Mensch in seiner besonderen Lage mit einem ganz nahen Nachbarn oder mit uns selbst identisch. Und dann hat die Injektion gewirkt.
Welche aktuellen Anliegen in dem Gedicht verfochten werden, darüber brauche ich gewiß keine Unklarheiten zu beseitigen.
Wenn man mich fragen sollte, was ich in diesem Gedicht zu den so gesehenen Odysseus-Problemen geboten habe, muß ich antworten:
Nichts als die Imagination, die nahe Anschauung des bestimmten Menschen in seinem Problem. Ist die seltsame Ruhe, die über Odysseus angesichts der Natur kommt, die Lösung? Beides, die Ruhe im täglichen Leben der Harzsammler und Mücken – und die Unruhe, die im Ton eines Schiffshornes seinen Horizont für immer beschädigen (zugleich verunendlichen) wird, sind wirkliche Bestände seines seelischen Reiches. Die Integration alles dessen zu einem Sinn liegt bei Gott, den man selbstverständlich in ein Gedicht, das wirken und nicht reden soll, nicht einzeichnen darf, so wie man in analytischer Geometrie durchfällt, wenn man die Hyperbel das Koordinatenkreuz schneiden läßt: diesen Schnittpunkt kann man dann nämlich anschauen und kann mit Recht dazu denken: aha, also da auf diesem Stück Papier ist die Unendlichkeit erfüllt; aber wieso? rechts davon geht doch die Endlichkeit weiter? – Die psychische Situation des Anstrebens der Unendlichkeit und des Glaubens an den Sinn – der soviel wie ein Wissen wert ist – aber kann man aus dem Koordinatenkreuz, das in dem konkreten, offenen Gedicht gelegt ist (wenns ein gutes Gedicht ist), erfahren. Die Elektroden – um in einem anderen Fach weiterzusimpeln – sind befestigt, den Funken muß jeder Erlebende selbst durchjagen; denn es ist unvermeidlich, daß das ganze System namens Gedicht erst wirksam werden kann, wenn es an das Stromnetz des Lesers angeschlossen und von seiner unendlichen Seele durchströmt wird.
Es ist klar, daß damit nicht Gedichten das Wort geredet ist, die alles zusammenhauen und plärren, daß die Welt keinen Sinn habe und alles langweilig und egal sei. Denn solche Gedichte sind eine Maschinerie, in deren Drähten es von Kurzschlüssen und Leerverbindungen wimmelt, und das Ergebnis ist kein Radioempfang, sondern Nichts, ferner: schmorende Kabel, Lärm und die Notwendigkeit, die Sicherungen im Haus auszutauschen.
Soviel für diesen Zweck.

Mit freundlichen Grüßen
Andreas Okopenko, aus Klaus Kastberger (Hrsg.): Andreas Okopenko. Texte und Materialien, Sonderzahl Verlag, 1998

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