Beate Pinkerneil: Zu Erich Frieds Gedicht „Bevor ich sterbe“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Erich Frieds Gedicht „Bevor ich sterbe“ aus dem Band Erich Fried: Lebensschatten. –

 

 

 

 

ERICH FRIED

Bevor ich sterbe

Noch einmal sprechen
von der Wärme des Lebens
damit doch einige wissen:
Es ist nicht warm
aber es könnte warm sein

Bevor ich sterbe
noch einmal sprechen
von Liebe
damit doch einige sagen:
Das gab es
das muß es geben

Noch einmal sprechen
vom Glück der Hoffnung auf Glück
damit doch einige fragen:
Was war das
wann kommt es wieder?

 

Vom Glück der Hoffnung auf Glück

Erich Fried ist ein trotziger, aufrührerischer, widerspenstiger, unbequemer Dichter, ein Neinsager, dessen größte Tugend darin besteht, daß er unfähig ist, sich zu gewöhnen, sich einzufügen ins herkömmlich Normative. „Wenn ich mich auch nur an den Anfang gewöhne, fange ich an, mich an das Ende zu gewöhnen.“ Genauer, trefflicher läßt sich das Lebens- und Weltgefühl, aus dem er schreibt, nicht kennzeichnen.
Was aber meint Fried mit solchem Anfang von Gewöhnung? In allen politischen Gedichten – mehr oder minder verschleiert – stets dasselbe: die beschwörende Warnung, jenen Anfängen der Fühllosigkeit, der Taub- und Stumpfheit zu wehren, die unweigerlich ein Ende bedeuten würden, ein Ende des unerläßlichen Kampfes gegen Unrecht, Verbrechen, Verrat und Gewalt, gegen Leiden und Erniedrigung. Den Schwachen und Entmutigten, den Zweiflern und Fragenden, den Außenseitern und Störenfrieden gehört seine ganze Sympathie. Er ist ihr Bruder, einer von ihnen.
Was ihn freilich von diesen unterscheidet, ist sein Mut zur Verzweiflung, der nichts Selbstquälerisches an sich hat und die Verliebtheit ins eigene Unglück nicht kennt, vielmehr auf einen Skeptizismus des Erkennenden vertraut, der in der Überzeugung lebt:

Es gibt kein Wissen ohne Schmerz, es gibt ohne Schmerz auch keine Einsicht und keine Vernunft.

Und genau diese schmerzhelle Vernünftigkeit bezeichnet die Grenze, an der Erich Fried, der zornige Neinsager, zum leidenschaftlichen Jasager wird, zu einem Verfechter und Anwalt der Hoffnung auf Güte, Humanität und Menschenfreundlichkeit. „Wenn wir zu hoffen aufhören, kommt, was wir befürchten, bestimmt“: eine Maxime Christa Wolfs, die als Leuchtspur im lyrischen Werk Frieds wiederzufinden ist.
Eine solch ambivalente Hoffnung, die den Gedanken an ihr Scheitern miteinschließt – sie bildet den Nährboden, aus dem Frieds Verse vom Sterben und Tod ihre befreiende, erlösende Kraft beziehen. Ich kenne kein zeitgenössisches Gedicht, das vergleichbar eindringlich, schlicht und vollkommen die Überwindung von Lebensmüdigkeit, Tristesse, Todesangst und Verzweiflung versinnbildlicht wie dieses. Dennoch will es nicht besänftigen, beruhigen, versöhnen. Der Verführung, dem unerbittlichen Herausforderer Tod verläßliche, tröstliche, dauerhafte Gewißheiten abzutrotzen, erliegt der Schreibende zu seinem und unserem Besten nicht.
Worin aber besteht dann sein poetisches Vermächtnis zu Lebzeiten? Auf den ersten Blick in der scheinbar rettenden „Wärme des Lebens“, in der „Liebe“, im „Glück der Hoffnung auf Glück“. Indes auf alle drei ist, sehen wir genauer hin, kein Verlaß. Denn sie existieren mitnichten in der Form von Wirklichkeit, sondern einzig und allein als Möglichkeit, Forderung und Vision. Und also stört Fried uns abermals auf, indem er uns aus der bequemen Genügsamkeit befreit, dem bloß Tatsächlichen zu verfallen, uns mit ihm abzufinden. Seine Forderung dagegen heißt: die Welt zu lieben, wie sie sein könnte. Das Glück der Hoffnung auf Glück hat hier seinen Ursprung.

Beate Pinkerneil, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Hundert Gedichte des Jahrhunderts, Insel Verlag, 2000

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