MUSPILLI RÖKRÖKR MASHUP

Mashup von Juliane Duda zu dem Audiowerk MUSPILLI RÖKRÖKR MASHUP

MUSPILLI RÖKRÖKR MASHUP

 

Muspilli Rökrökr Mashup

2018 montierte Bert Papenfuß den 1995 entstandenen Polit-Rap rökrökr und den 1999 geschriebenen Mahnruf muspilli spezial ohne ersichtlichen Grund zum Refrainmonstrum Muspilli Rökrökr Mashup, den er mit etlichen mehr oder weniger sachdienlichen Fußnoten versah, die versuchen, den Zeitgeist der Entstehungszeit beider Poeme plausibel zu machen, eigentlich aber nur die Komplexität der seit 1995 andauernden Problemlage vertiefen – und in gelungenen Passagen darüber hinausweisen, wenn auch in Richtungen, die nicht jedermanns Sache sind.
Papenfuß’ langjährige Kollaboranten der Bands Tarwater und Herbst in Peking vertonten den von Ines Burdow, Rex Joswig und Bert Papenfuß gelesenen Text, hörbar auf der SCHÄDELREIGEN genannten A-Seite des Doppelalbums. (Achtung, lesen Sie die Auslaufrillengravuren!) Die B-Seite ERDIGE NACHLESE füllt eine A-capella-Version des fast vollständigen Fußnotentextes, verlesen vom Ensemble Sockenschuß, bestehend aus den nämlichen der A-Seite, ergänzt um Jule Böwe, deren Stimme wenigstens ein bißchen Übersicht in die Willkür der Dramaturgie und Rollenverteilung bringt.
Die C-Seite NIEDERSCHLÄGE bietet Beifänge aus der laufenden Produktion des Berliner Duos !The Same mit Konsonantisen von Bert Papenfuß, dessen Stimme sich überschlägt und bricht, erstaunlicherweise wiederbelebt und selten normalisiert. Ein Vokalist ist er jedenfalls nicht. Bemerkenswert der Sprechgesang Die Werwölfe von Weißensee – der ebenso wie das plattdeutsch rezitierte Mernach, Späukentiet aus der neuen Reportagensammlung Abriß! von Papenfuß stammt –, bei dem Ann Cotten gryphisch mitwispert. Wußte sie, worauf sie sich da eingelassen hat?
Die abschließende D-Seite LACHENDE GREISE beginnt mit einem Brett des Duo Elektrokohle – i. e. Rex Joswig und Frank „Trötsch“ Tröger (1958–2015) – aus dem Jahre 1992, später umbenannt in Muspilli Jah War, diesmal mit Textzitaten garniert. Es dient als Intro zur stoischen Instrumental-Zen-Meditation Somnambul Doom der altvorderen (Künstler und) Musiker Bob Rutman (*1931) und Zam Johnson; das letzte Wort behält jedoch Papenfuß, es lautet: „ihr wißt, was euch quält“ – und ist ein Zitat aus dem auf der NIEDERSCHLÄGE-Seite zu hörenden Im Tee ums Karree, und wird dort ergänzt durch die Formulierung:

äußerlich herrschaft
innerlich knechtschaft

Dem ist nichts hinzuzufügen, jedenfalls nichts prinzipiell Kritokritisches.
Ausgestattet ist das Album mit einem vollständigen Textabdruck des Muspilli Rökrökr Mashup und einem Einleger, der sämtliche Fußnoten dazu enthält. Das Titelbild und andere Elemente der Artwork stammen von dem Maler und Tarwater-Musiker Ronald Lippok. Die Namen aller Mitwirkenden sind akribisch aufgeführt, dagegen ist nichts einzuwenden, auch wenn dies wahrscheinlich dazu dient, die Verantwortung für dieses Elaborat auf möglichst viele – vorgeblich sympathisierende – Schultern zu verteilen. Dank gilt den Mittäterinnen für die vergebliche Liebesmüh bei der Ausarbeitung sozialer Kenntlichkeit, speziell auch dem Ansinnen, einem Publikum, das gegen sich selbst verschworen ist, auf die Sprünge zu helfen.

Fancy Douwes Dekker (23.2.2019)

Aufsturz zur Endzeit

– „Endzeit Wuhling“ von Muspilli Rökrökr Mashup ist ein Epochenkommentar – ein Gespräch mit Bert Papenfuß. –

Matthias Hering: Von Muspilli Rökrökr Mashup gibt es jetzt dickes Vinyl, eine CD und sogar Dateien zum Herunterladen. Aus einem alten Papenfuß-Gedicht wurde ein Konzeptalbum. Mir fielen beim ersten Lauschen allerhand 80er-Jahre-Vergleiche ein: Sachsen 1986, Holger Stark und die sogenannten Environments. Ist das neue Werk ein bewusster Versuch, die Situation des DDR-Untergrunds nachträglich zu dokumentieren?

Bert Papenfuß: Holger Stark hat Ende der 80er in seinen – übrigens offiziellen – Kunstaktionen Törnen – „Ein Mecklenburg-Environment“ (1987) und „pulling the strings behind the scenes“ (1988/89) viele Kunstsparten (Performance, Tanz, Akrobatik, Musik, Malerei, Literatur usw.) eingesetzt, z.B. war ich mit meinen Texten präsent. Und Ronald Lippok war an „pulling the strings…“ mit seiner Band Ornament & Verbrechen beteiligt, ebenso Bo Kondren, der jetzt das Mastering für Muspilli Rökrökr gemacht hat. Ronald Lippok ist zusammen mit Bernd Jestram als die Band Tarwater auf dem vorliegenden Werk vertreten. Von ihm stammt auch das Artwork der verschiedenen Muspilli-Rökrökr-Formate (DLP, CD und Textbuch). Der musikalische Spiritus rector des ganzen Mashups war übrigens Rex Joswig von Herbst in Peking.
Das sind die einzigen Verbindungspunkte zwischen Holger Starks Aktionen und Muspilli Rökrökr Mashup. Aber: Ich war damals ein Untergrund-Künstler und bin es – nachhaltig – geblieben.

Hering: Das endlos geschliffene Wiederholen der Wörter „Muspilli“ und „Rökrökr“ ergibt zwar eine Musikalität, aber keine Botschaft. Ist das Ende der Welt erreicht?

Papenfuß: Rökrökr ist ein lyrisches Statement über die Lage in Berlin-Prenzlauer Berg 1995, damals ist die Welt nicht untergegangen, ebenso 1999, als Muspilli die Zustandsbeschreibung aktualisierte und ich mit meinen Kompagnons die Tanzwirtschaft Kaffee Burger eröffnete. 2018 klitterte ich die beiden Poeme zu einem Mashup zusammen und fügte eine letzte Zeile hinzu:

Die Mutter der Ordnung hätte uns einiges erspart…

2018 erwies es sich als nötig, obskure Textstellen zu erhellen.
Es entstand ein umfangreicher Fußnotenapparat, er nimmt die Hälfte des Textbuches ein (erschienen bei Moloko Print). Eine Auswahl daraus gibt das Ensemble Sockenschuß auf der B-Seite der Doppel-LP zum Besten. Das Ende der Welt ist nicht erreicht. Aber: Ich rede den Leuten – und mir – gerne ins Gewissen.

Hering: Was bedeutet „Muspilli Rökrökr“?

Papenfuß: Ich zitiere aus den Fußnoten:

Das rätselhafte Muspilli ist mit Recht‚ das verzweifeltste Stück der althochdeutschen Literatur genannt worden. Entstanden ist es gegen 820 in Bayern, wohl Regensburg. Der Titel stammt vom ersten Herausgeber des Gedichts (Schmeller, 1832) und bezieht sich auf die 57. Zeile: dar ni mac denne mak andremo helfan vora demo muspille; dieses Wort meint offensichtlich das durch Weltenbrand herbeigeführte Weltende. Muspell wird einerseits als germanisches Wort gedeutet (mu- als Erde oder Volk oder Feuchtigkeit, spell als Schaden, Verderben), andererseits als christlicher Ausdruck (mu- als Mund oder mundus, spell als Rede). Die Bedeutung ,Weltende durch Feuer‘ reicht […] bis in die Völkerwanderungszeit zurück. Die üblichen Begriffsverschiebungen brachten dann Dunkel in die Sache…

Rökrökr ist eine küchenaltnordische Kombination aus den Wörtern „rök“ (Schicksal) und „rökr“ (Dämmerung).

Hering: Anscheinend ausreichend für ein Festival am 3. Oktober. Auf dem Programm stehen drei Dichter, vier Bands und der 88-jährige Bob Rutman, was soll das werden?

Papenfuß: Auf dem Programm steht Endzeit-Wuhling. Das Publikum entscheidet alles, nicht die Kader.

Hering: Wieso präsentiert das Werk keine einzige Rock ’n’ Roll-Nummer?

Papenfuß: Jedichte aufsagen und Rock ’n’ Roll gehen schlecht zusammen. Aber „Die Werwölfe von Weißensee“ und „Im Tee ums Karree“ auf der C-Seite der DLP gelten nach Zeugenaussagen als weitere – mehr oder weniger gelungene – Versuche, Rock ’n’ Roll in die Poesie zu trichtern. Oder umgekehrt.

Hering: Wer soll danach tanzen?

Papenfuß: Diejenigen, die die Verhältnisse zum Tanzen bringen. Wollen. Werden.

neues deutschland, 1.10.2019

 

Zum 60. Geburtstag von Bert Papenfuß:

Lorenz Jäger: ich such das meuterland
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.1.2016

Zeitansage 10 – Papenfuß Rebell
Jutta Voigt: Stierblut-Jahre, 2016

Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv + KLG
Porträtgalerie
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Das Papenfuß-Gorek“.

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Bert Papenfuß

 

Bert Papenfuß liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.

 

Bert Papenfuß, einer der damals dabei war und immer noch ein Teil der „Prenzlauer Berg-Connection“ ist, spricht 2009 über die literarische Subkultur der ’80er Jahre in Ostberlin.

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