Carolin Callies: fünf sinne & nur ein besteckkasten

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Carolin Callies: fünf sinne & nur ein besteckkasten

Callies-fünf sinne & nur ein besteckkasten

DER KÖRPER IST EIN GESCHICHTENBAND

hier liegt ein punkt, von dem gehn fünf finger los
& kehren nur noch drei zurück.
was allseits vom fuß in den magen geriet:
wir erzählen’s im ziehn von tentakeln

& erzählen vom schweiß als vollem gefäß,
vom rausbrechen der fußstücke als leichtester übung.
wir trocknen die haut am stück
& hängen sie in beuteln auf, erzählen wir’s also in
aaaaabeuteln 

& wo landen die beutel, auf den abort getragen?
in der tonne, in ’nem becher oder einem spucknapf gar?
in buchattrappen, vollen kehlen? wir haun darauf.
im losen, glaub’s mir, hörn die geschichten tentakelärmlig auf.

 

 

 

Carolin Callies erzählt seltsame Geschichten

in ihren Gedichten: davon, wie es aussehen könnte, „kleinstlebewesen zu verschiffen“, vom „wohnen in der obstschublade“, dem „gefährlichen leben von singvögeln in den augen anderer“ oder von jemandem, der „kopien vom mähen“ macht. Und sie schildert vor allem, wie grotesk es ist, „innerhalb eines fleischfarbenen lappens“ zu logieren. Sie beschreibt jede Pore, jedes Haar – der Körper dient ihr als „feldforschnes material“, als „geschichtenband“. Die Kunst, sagt Gottfried Benn, verdankt sich dem Körper. Carolin Callies seziert in Benn’scher Drastik und gleichzeitig in drastischer Komik die Körper, bis von der Oberfläche nichts mehr übrig bleibt. Gedichte, die dem Tod mit Klebstoff und Pflastern begegnen, um festzustellen: „wenn man stürbe & man stürbe nie“. So empfiehlt sich: „in den wunden munter bleiben“.

Schöffling & Co., Klappentext, 2015

 

Der malträtierte Leib

– In ihrem Lyrik-Erstling erkundet Carolin Callies die Körperlichkeit in allen Erscheinungsformen vom Somatischen bis zum Erotischen. –

Ein immer noch wirkungsmächtiges Vorurteil über die Lyrik als Gattung besagt, dass sie die Domäne einer gefühlsbewegten Innerlichkeit sei, in der es nur auf die „Seele der Empfindung“ (Hegel) ankomme. Es gibt aber auch eine lyrische „Gemütserregungskunst“ (Novalis), die nicht auf Gefühls- oder Seelenkunde aus ist, sondern primär die somatischen Grundlagen unserer Empfindungswelt erforscht: den Körper und die Turbulenzen unserer Sinnesorgane.
In der Gegenwartslyrik waren es bisher Autoren wie Ulrike Draesner oder Paulus Böhmer, die sich auf „soma-ma-tische Träume“ und die labilen Aggregatzustände der Körper und der Geschlechter konzentrierten. Mit dem fulminanten Lyrik-Debüt der 1980 in Mannheim geborenen Carolin Callies artikuliert sich nun eine neue poetische Stimme, die eine sehr sinnliche, burleske, auch mit Obszönitäten kokettierende Poesie des Körpers entwickelt hat.
Die ersten fünf Kapitel ihres Bandes umkreisen motivisch die sinnlichen Sensationen Riechen und Schmecken und die visuelle, taktile und auditive Wahrnehmung. Das sechste Kapitel, der im Titel des Bandes avisierte „besteckkasten“, enthält moderne, mit kühl-technischem Vokabular aufgeraute Dichtung der Jahreszeiten und der Natur. Dass die Wahrnehmung von Natur nur eine medial gebrochene sein kann, veranschaulichen hier Gedichtzeilen wie in „fehlersuche“: 

was wir hier kippen, ist die elektronische fassung von herbst

Das Glanzstück des Bandes ist das erste Kapitel, das sehr sarkastische Texte präsentiert, die beunruhigende somatische Zustände festhalten. Es sind fast durchweg verstörende Protokolle körperlichen Verfalls, die in ihrer kühlen Drastik an Gottfried Benns frühe expressionistische Schrillheiten erinnern. Das Auftaktgedicht kommt z.B. als „eintrag im handbuch der versehrten (s. räude, s. krätze)“ daher, als Erkundung des malträtierten Leibs: 

mir wurde, es war mal, räudig ums maul.
drum fehlt nun die anzahl an backen, um kauen zu können. 

doch, ach, behalf ich mir mit fleisch,
das hinten, das vorne & aller leib dazwischen war
& muskelrelevant.

Die poetischen Körper-Erkundungen von Carolin Callies verbieten sich jede Harmonisierung der versehrten Körperlichkeit. Aber selbst die krudesten Beschreibungen somatischen Unheils trägt die Autorin in einem burlesken Ton und in schwarzhumorigem Sarkasmus vor, so dass die Bilder beschädigter Leiblichkeit nicht als finsteres Endspiel, sondern als groteske Komödie daherkommen. Gedichte wie „vom logieren innerhalb eines fleischfarbenen lappens“ oder „dir & dem feuchten“ oszillieren zwischen harter Desillusionierungs-Poesie und frivoler Leichtigkeit und leisten sich die kalauernde Verabschiedung erotischer Illusionen: 

die feuchten zwischen zähnen & kronen
& du fragst: war das noch geschlechtsorgan
oder doch schon trockenobst?

Mit ihren Burlesken des Körpers hat Carolin Callies einen neuen frechen Ton für die Sensationen unserer Sinne gefunden, lästerliche Lieder „zwischen haut & welt“.

Michael Braun, Neue Zürcher Zeitung, 21.5.2015

Lyrik kratzt uns nicht? Oh doch!

– Willkommen in der Kompostmoderne: Carolin Callies schreibt das wichtigste lyrische Debüt der Saison. –

Wer mit seinen jugendlichen Söhnen oder Töchtern per SMS oder Whatsapp kommuniziert, kann ein Lied davon singen, ein kurzes Lied, denn die Schriftsprache des Alltags wird immer knapper, schneller, notwendigerweise auch kryptischer und mehrdeutiger: Je weniger Zeichen, desto vielfacher die möglichen Lesarten. Welches Gefühl wird denn genau von einem klopfenden Herzen versinnbildlicht? Es müsste die Stunde für Lyrik sein, seit jeher das Fach für die mit knappstem Zeicheneinsatz operierende Erfassung von Gedanken oder Seelenzuständen.
Sehr schade und ziemlich paradox ist, dass ausgerechnet eine der schönsten Abkürzungen der Schrift auszusterben droht: „&“, das Kaufmanns-Und, in das sich so viel hineinlesen, oder besser: hineinsehen lässt. Eine Katze, die sich putzt, könnte es darstellen oder einen sitzenden Menschen, vielleicht einen betenden, einen Denker im Stile von Rodins Skulptur. Es ist ein sehr körperliches Zeichen.

mir wurde, es war mal, räudig ums maul.
drum fehlt nun die anzahl an backen, um kauen zu können.
doch, ach, behalf ich mir mit fleisch,
das hinten, das vorne & aller leib dazwischen war
& muskelrelevant. 

ich hatte, es war mal, ’nen tüchtigen körper

Das „&“ kann auch ein kauernder Leib sein, ein vor Schmerzen zusammengekrümmter Kranker oder Sterbender.

Carolin Callies hat das Kaufmanns-Und zu ihrem Erkennungszeichen gemacht, es ist gewissermaßen das Tribal-Tattoo auf ihren Textkörpern. Die Zeitlichkeit und Fragilität des Physischen ist ein durchgehendes Thema der Gedichte ihres Debütbandes. „die lippen sind ein seltsamer lappen // & dort, wo sie öffnen, da liegn sie heut noch / & setzen flüssigkeiten frei“, schreibt sie in einem Gedicht mit dem Titel „zwei enden eines jedweden stranges“.
Zwei Enden hat auch der Strang, der sich zum „&“ verschlingt, auch die Lippen treten gemeinhin paarweise auf und lassen zwischen Ober- und Unterlippe den Spalt, durch den Flüssigkeiten austreten können (das nennt man Spucken), oder Laute, die entweder etwas repräsentieren (dann sind es Worte) oder auf direkte Weise ausdrücken (dann sind es Schreie vor Schmerzen oder vor Lust). Bei Carolin Callies ist Erotik stets naturalistischerweise mit Ekligen, Abstoßenden verbunden:

wir legen das den küssen nahe:
die feuchten etagen zwischen zähnen und kronen
& du fragst: war das noch geschlechtsorgan
oder doch schon trockenobst

Dass der Körper ein keimfreies, geruchsloses Hochglanzprodukt ist, wird in jedem Gedicht als Beauty-Ideologie decouvriert. Insofern ist ihre lyrisch-politische Stoßrichtung den Feuchtgebieten einer Charlotte Roche verwandt. Körper sind wandelnde Wunden, die nässen, die urinieren, die schwitzen und spucken, die, anders als es Photoshop-Bilder vortäuschen, keine undurchlässige Grenze zu ihrer Umgebung haben.
Derart skalpellhaft präzise Worte dringen leicht unter die Haut: Carolin Callies zeigt, dass die vermeintlich so unkörperliche Sprache möglicherweise sogar besser als oberflächliche Bilder in der Lage ist, das Flüssige, Amorphe und Prozesshafte des Organischen zu beschreiben. fünf Sinne & nur ein besteckkasten, der Titel des Bandes, formuliert bereits das Paradox, die Fülle der Wahrnehmungen, die Gerüche, den Geschmack, das Gespür der Haut, mit einem sehr unsinnlichen Medium aus 26 Buchstaben plus ein paar Satzzeichen (und einem „&“) wiedergeben zu wollen.
Der Haut als vermeintlich klarer Grenze zwischen Innen und Außen kommt hier die Hauptrolle zu: „die haut als schlachtfeld betrachten“, heißt es programmatisch in „schindung, somatisch“. Was provokativ klingt und auch ein Horrorfilm sein könnte (bei Schindung denkt man an mittelalterliche Folter oder an den gruseligen Marsyas-Mythos), ist vielmehr eine Alltagserfahrung. Wer sich nass rasiert weiß: Die Glätte der Haut ist erkauft durch eine Vielzahl an winzigen Wunden. „das pflügen von haut“, heißt ein anderes Gedicht: 

der duschvorhang brämig
& brennnesselschämig der arm, der leckt 

wachwundes als schorf & scham, die versandet & leim,
der krustet & schurft in eimern sich aus, 

der rindet sich fäulend ins becken hinab.
der saum, ockereitig, als wär’s bloß urin.

Nein, wohl fühlt man sich bei diesen Gedichten nicht. Eher ruft die Lektüre selbst körperliche Empfindungen hervor, einen lyrischen Juckreiz.
Unter dem Mikroskop dieser Sprache werden körperliche Vorgänge durch radikale Konkretisierung entindividualisiert. Unwillkürlich drängelt uns die aufdringliche Intimität zum Pornografischen, aber was wir gewohnt sind, als Sex zu goutieren, nackte Haut und feuchte Körperöffnungen, verweist doch viel öfter auf Krankheit und Verfall. Die Szenen bleiben meist in der Schwebe, beschwören aber unwillkürlich Situationen aus Alten- beziehungsweise Pflegeheimen oder auch Lazaretten herauf: 

waschen ist ’ne letzte übung & drin liegt ein ideenroman:
die lumpen befeuchten
die seife entkernen
& und sich mit benetzen.
wir wuschen drum (& arm an naht) 

die müden handprothesen
& wrangen still & schweigend aus,
was nicht kaschiert werden konnte

Lebende Körper sind hier „luftverarbeitende betriebe“, wenn hier die Produktion eingestellt wird, bilden sich „neue nahrungsketten“. Verwesung ist eine Fortsetzung des Lebens aus anderer Perspektive: „&s formiern sich unterm gras die gesichtsteile neu“. Das ist die zeitgenössische Version des Goetheschen „Stirb und Werde“, einer zyklischen Vorstellung vom Leben. Zur Reinkarnation und Auferstehung des Fleisches bedarf es keiner Transzendenz mehr, wenn man doch eine Biotonne hat. Willkommen in der Kompostmoderne!
Andere Gedichte in diesem Band spielen stärker ins Mythische, Unheimliche und Märchenhafte hinüber, wo allerdings ebenfalls körperliche Vorgänge eine zentrale Rolle spielen, von den „wackersteinen im wams“ bis zu „hänsel & gretel“ oder dem „eisenhans“. Fast schon konventionell die Kindheitserinnerungen, die aber gleichfalls ins Surreale verfremdet sind, etwa in Seifenkistenrennen, was mit dem wunderbaren Bild endet: 

am glaubhaftesten im szenario waren die schrauben
& was uns fehlte allzeitüber, war empathie für asphalt

Es gibt sogar Jahreszeitengedichte, eine Übung in traditionellem Genre, so als wollte die Autorin sich und uns beweisen, wie weit ihr lyrischer Ansatz reicht: Sehr weit nämlich. „es liegt wie brillen über der stadt“ beginnt „sommer. Ortens“. Und in „fehlersuche“ wird der Herbst zum „ladevorgang“: 

die letzten blühvorrichtungen nicht zu vergessen 

(was blühn die bloß so blöde?).
ginge jetzt ein flimmern durchs bild –
was wir hier kippen, ist die elektronische fassung von herbst.

Dass die deutschsprachige Lyrik in den letzten Jahren so aufregend ist wie lange, vielleicht seit den frühen Neunzigerjahren nicht mehr, hat spätestens mit dem Leipziger Buchpreis von Jan Wagner jeder mitbekommen. Vieles ist immer noch zu entdecken, übrigens in allen Dichtergenerationen. Mit Carolin Callies, geboren 1980, steht plötzlich eine neue Stimme in der allerersten Reihe.

Richard Kämmerlings, Die Welt, 4.7.2015

Wortkunst ohne Pathos

Habe die sympathische Künstlerin bei ihrer Lesung anlässlich des Poetenfestes in Erlangen gehört und mir gleich das Buch gekauft. Zugegeben, das ist keine leichte Kost, die Gedichte sind knifflig zu entschlüsseln und es geht mitunter heftig zu („Lepra“). Wer das Sujet „Körperlichkeit“ jedoch generell eklig oder unappetitlich findet, sollte das Verhältnis zu seinem eigenen Körper mal einer kritischen Prüfung unterziehen. Die Texte haben viel Witz („war das noch geschlechtsorgan / oder doch schon trockenobst?“) und das Buch ist aufgrund der unzähligen Interpretationsmöglichkeiten nicht so schnell ausgelesen. Ideal für lange Zugfahrten, bei denen man die Gedanken kreisen lassen will. Während zeitgenössische Lyrik oft pathetisch, bisweilen kitschig oder depressiv daherkommt, ist dieses Werk erfrischend anders. Was an den Themen liegt – aber vor allem an der Sprache, die Carolin Callies formt, biegt und kombiniert wie keine Zweite. Wo sonst liest man so etwas wie „terpentin & pflaumenkerne“, „lockungen, der uhrenmann“ oder „das schnitterlied“? Eine Entdeckung!

Osiander Kalypso, amazon.de, 4.9.2015

Des Kaisers neue Kleider

Ich habe mir dieses Buch aufgrund einer überschwenglichen Rezension in der Welt gekauft. Zum Weiterlesen musste ich mich darin allerdings regelmäßig zwingen. Die Gedichte zeigen zwar sprachliche Kreativität und Gespür im Umgang mit lyrischer Sprache. Nichtsdestotrotz finde ich das hier immer wieder vorgenommene Körpersezieren unappetitlich, abturnend und neurotisch. Manches mag man originell, witzig, eigensinnig finden: Ganz vieles ist hier aber so stark zurecht konstruiert, dass es sich mir auch als erfahrenem Leser zeitgenössischer Lyrik selbst bei der fünften Lektüre nicht erschließen will. Diese Gedichte kommen daher wie kognitive Knobelspielchen, bei denen es aber für den Lesenden wenig zu gewinnen gibt. Es sind des Kaisers neue Kleider: im Habitus phänomenal sprachzersetzend und neu-zusammensetzend, aber bei Lichte betrachtet möglicherweise öde und leer. Hier ein Beispiel:

SOMMER. ORTENS.

eins. es liegt wie brillen über der stadt.
grafgeschaftet & gehöft: bräsam ein lidschlag &
verschläge, die gähnen jalousielamellen & morgenfliegen.

gekämmt die felder, zwei. der mohn sämt deine tage ein.
eisenstege, flußgebande & die mündung, die reißt dich tief an.
torenes wars: bleich & äsende mundgespinste.

die farne, das lose gewinde & waschzuber, köpfern,
die liegen am nachmittag unterhölzern.
dein Gehen war ein grashalmiges. moosbroschürern war das. drei.

Da darf dann auch der Leser knobeln oder einfach genußlos geniessen. Man kann es aber auch lassen. Ich jedenfalls brauche derlei Hirngeburten nicht. Und der in der Rezension in der Welt vorgenommene Vergleich mit Gottfried Benn ist, wie ich finde, ein schon geradezu ärgerlicher Fehlgriff; denn Benns Gedichte sind zwar auch sezierend, und sie waren zu seiner Zeit sprachlich neu und in gewisser Weise revolutionär; diese Gedichte haben aber erkennbar Substanz und geistige Tiefe. Es ist wunderbar sie zu lesen. Das kann ich von den in diesem Band versammelten Gedichten von Carolin Callies nun leider nicht sagen. Ich finde, die sind, um es mit den Worten der Autorin zu sagen:

gähnen & sämig Hirnixxerei.

Skriptor, amazon.de, 29.8.2015

Darjeeling könnte eine Farbe sein

wer wohnt unterm lid? was hat sich versteckt,
ist nicht mehr recht weiß, ist nicht mehr recht rot,
ist ein schwindelndes tier in wohlgewärmten innenseiten?

Wer so fragt, erwartet keine herkömmliche Antwort und ist zugleich der Notwendigkeit enthoben, selbst eine zu geben. Mit ihrem ersten Gedichtband fünf sinne & nur ein besteckkasten zeigt Carolin Callies, dass es sich lohnt, die täglichen Vertrautheiten mit dem sprachlichen Seziermesser zu bearbeiten, um irritierend neue Perspektiven freizulegen.
Als Ausgangspunkt dieser Lyrik dient meist die Leiblichkeit. „der körper ist ein geschichtenband“ heißt programmatisch der erste Text, der die Grundlage für die sorgfältig komponierte Sammlung legt und auf einen kleinteiligen Blick verweist, der sich Details und unbeachteter Dinge annimmt. Es geht um alltägliche Vorgänge und ganz unpathetische „regelmäßigkeiten“ wie jene, „die grundhygiene aufrecht zu erhalten“ und in der eigenen Haut ein „schlachtfeld“ zu erkennen. Nicht die Überhöhung der Wirklichkeit ist das Ziel dieser Gedichte, sondern die ungeschönte Bestandsaufnahme, auch wenn dies bedeutet, dass die eigene Existenz auf den Satz „wir logieren innerhalb eines fleischfarbenen lappens“ zusammenschnurrt.
Dieses Verfahren bietet viel Raum für unerwartete poetische Entdeckungen. In „darjeeling könnte eine farbe sein“ wird eine Situation irgendwo zwischen Fußwaschung und Totenfeier beschrieben:

altgewaschen & ich bahre dich, teehäutern
deine glieder sind getragen
trägst trocken am simplen gestänge,
aus eisen und salz.

Über Badezimmerrituale heißt es in „morgensonate“:

der tag, der krummt schon &
strickt die haut in krumen
& handverschmiert das brickne zubehör
am losen tubensaum.

Doch auch hitzedurchflutete Orte werden von der Autorin prägnant erfasst:

bräsam ein lidschlag &
verschläge, die gähnen jalousielamellen.

Carolin Callies (Jg. 1980) hat mit ihrem Debüt ein irritierendes, aber auch kraftvolles Buch von befremdlicher Schönheit vorgelegt, das bei aller Kühle nicht auf Ironie und schrägen Humor verzichtet. Ihre Gedichte sperren sich gegen schnelle Inbesitznahme, wirken aber umso länger nach; dies liegt nicht zuletzt an einem poetischen Verfahren, das die Oberfläche der Objekte einfängt, um sie im gleichen Zug hinter sich zu lassen. Denn:

gehäutet schmecken die dinge
noch einmal so warm.

Dockter Jott, amazon.de, 22.8.2015

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Richard Kämmerlings: Laudatio anlässlich der Verleihung des Thaddäus-Troll-Preises

Monika Vasik: makelsame körper
fixpoetry.com, 13.7.2015

Alexandru Bulucz: Zu Carolin Callies’ Gedichtband fünf sinne & nur ein besteckkasten
signaturen-magazin.de

 

 

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In der Zwischenzeit: Poesie – mit Carolin Callies.

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