Clemens J. Setz: Die Vogelstraußtrompete

Setz-Die Vogelstraußtrompete

DIE SANDALEN

Der japanische Mönch Pontaro,
blind und leprakrank, las
seine Braille-Schriftrollen mit der Spitze
seiner Zunge: Geduldig leckend kitzelte er
die Wörter aus ihrem Versteck,
und hatte er einen ganzen Satz entziffert,
schluckte er und leckte sich die Lippen.

Es ist unmöglich, nicht an ihn zu denken,
heute, an diesem eiskalten Tag im November,
wo die Seiten des kleinen Buchs mit Parabeln
sich in meinen Händen so kalt anfühlen wie Fensterscheiben
zwischen Besuchern und Patienten in Zwangsjacken,
und wo meine Lippen ständig aufspringen
wie die Rinde eines verzweifelten Baumes.

Unmöglich, sie sich nicht vorzustellen:
die nassen, ausgelesenen Schriftrollen,
zum Trocknen aufgehängt im Sonnenlicht,
und die Luft, erfrischt vom Geruch
sich wellenden Papiers. Und der blinde Mönch selbst,
wartend auf die Wiederkehr des Textes,
auf die spannende Geschichte: Wie eines Tages

der Buddha im tiefsten Frühling
über die Brücke am Fluss ging
und dort am Geländer sein Ebenbild sah,
das die nackten Füße ins Wasser baumeln ließ.
Da wusste der Buddha, was zu tun war:
Er legte sich seine Sandalen auf den Kopf
und ging so zurück ins Dorf.

Irgendjemand dort
würde den Sinn der Geschichte verstehen,
würde sich die Lippen lecken
und ein wenig Speichel sammeln
für die richtige Frage auf diese Antwort.

 

 

 

 

Unheimliches, Abgründiges und Zärtliches in Versen

Was wurde eigentlich aus Bibi Blocksbergs Bruder Boris? Wieso steckten sich im vorletzten Jahrhundert junge Frauen in der Dunkelheit gerne spitze Nadeln in den Mund? Was hindert so manchen daran, ein großer Liebhaber zu sein? Und von welchem Lebewesen ist im Folgenden die Rede?

Seit Tagen schon warte ich
dass sie zurückkehrt
aus der Flamme, geheilt
von ihrer gefährlichen Neigung.

Antwort auf diese und viele weitere Fragen gibt Clemens J. Setz in seinem Gedichtbuch Die Vogelstraußtrompete. Genauso wie für seine Romane und Erzählungen gilt auch für seine mal unheimlichen, mal abgründig-zärtlichen Verse: „Man kommt nicht heil davon weg. Es herrscht Suchtgefahr.“ Andreas Platthaus, FAZ

Suhrkamp Verlag, Ankündigung

 

Siebenmal vom Blitz getroffen

Wahre Geschichten, poetisch gefasst: Sein erster Gedichtband Die Vogelstraußtrompete zeigt den Grazer Erzähler Clemens J. Setz von vertrauter Seite und doch ganz neu. –

In Vasaris letzter Fassung von Leben des Michelangelo wird die berühmte (vor einigen Jahren von Martin Warnke in seinem Aufsatz „Schneedenkmäler“ kommentierte) Anekdote berichtet, wonach der junge Piero de’ Medici (der Sohn des Lorenzo il Magnifico), als es in einem Winter in Florenz schneite, Michelangelo aufforderte, eine Schneeskulptur zu bauen.
Da der Schnee sich nicht lange hielt, gibt es offenbar nicht einmal eine Zeichnung dieser „wunderschönen“ Flüchtigkeit, wie es in der rühmenswerten Wagenbach-Ausgabe sämtlicher Viten Vasaris heißt. Ein unbekanntes Meisterwerk. Gab es die Schneeplastik überhaupt, oder handelt es sich um eine erfundene Allegorie der Vergänglichkeit, die wiederum entweder auf das mangelnde Mäzenatentum des unzuverlässigen Piero bezogen werden kann oder auf dessen instabilen Ruhm?
Ein Gedicht im ersten Gedichtband des Grazer Erzählers Clemens J. Setz heißt „Überaus schön“ und beschreibt genau diese Szene: wie Michelangelo im Innenhof des Medici-Palasts seinen Schneemann baut, von dem nichts übrig blieb als ebendiese von Ascanio Condivi dem Vasari erzählte Anekdote.
Man darf vermuten, dass Clemens J. Setz, ein kluger und gelehrter Sammler von vielversprechenden Anekdoten, die Geschichte vom Schneemann deshalb aufgefallen ist, weil er sich keine Illusionen über die Haltbarkeit poetischer Texte in dieser Welt macht. Einen „Moses“ der Poesie wird es sobald nicht wieder geben. Aber dieser Illusionsverlust gibt ihm andererseits die Freiheit, vieles auszuprobieren: Lieder, Sonette, Sestinen, aber auch Gedichte im Stil „Vermischter Nachrichten“, die historisch verbürgte Begebenheiten durch eine kleine Drehung in ein besonderes Licht rücken.
Sie handeln zum Beispiel von dem unglücklichen Franz Reichelt, der 1912 mit einem Fallschirm vom Eiffelturm sprang und entsetzlich zerschellte. Oder von Henry Bergh, der zu Recht dafür berühmt wurde, dass die turnspit dogs abgeschafft wurden, Hunde, die in Restaurants den ganzen Tag in einer Art Tretmühle rennen mussten, um den Bratenspieß rotieren zu lassen – sie wurden zu Berghs Schrecken durch schwarze Kinder ersetzt.
Oder Setz berichtet vom Schicksal des Roy C. Sullivan, einem park ranger aus Virginia, der siebenmal vom Blitz getroffen wurde und überlebte, sich dann aber das Leben nahm, weil seine Frau ihn verlassen hatte. Oder schließlich vom bitteren Schicksal des Bobby Leach aus Cornwall, der sich 1911 in einem Stahlfass die Niagarafälle hinuntertreiben ließ, ohne weiteren Schaden zu nehmen, später dagegen auf einer Orangenschale ausrutschte und an den Folgen dieses Sturzes verstarb.
Unnötig zu sagen, dass (fast) alle diese wahren Geschichten tödlich enden. Ihren Witz beziehen sie natürlich aus dem protokollarischen Ton und dem Buster-Keaton-haften Ernst, mit dem sie vorgetragen werden. Aber am Ende sind die Gedichte am schönsten, die nicht etwas Gefundenes durch ein geschicktes Arrangement ausstellen, sondern den eigenen Erfindungen trauen. Mein Lieblingsgedicht in diesem Buch ist eine poetische Reflexion über ein Gemälde von Willem de Kooning („Untitled XIII, 1985“):

Manchmal, wenn ein Mann älter wird,
wird er leicht wie ein Lichtfleck
auf einem geräuschlosen Sofa,

leicht wie der gelbe Schopf
eines weißen Aras,
leicht wie
der schrumpfende Atemfleck
auf einem angehauchten Spiegel, leicht
wie die Reste von Girlanden
eines großen Fests,
leicht wie die Reflexion
eines Fensterquadrats aus Sonnenlicht
auf der Glashaut einer Seifenblase.

Seine Pfleger heben ihn hoch
und ziehen ihn hinter sich her
wie einen kleinen Ballon,
trösten ihn, füttern ihn,
lassen ihn einen
Rundflug machen auf dem Balkon,
einen Pinselstrich auf dem verschneiten
Hintergrund des Gartens.

Michael Krüger, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.3.2014

Das reimt sich mit dem Internet

– Rüttelalarm der Wirklichkeit: Vibrierende Gedichte des geborenen Erzählers Clemens J. Setz. –

Am Anfang seines ersten Gedichtbandes hat Clemens J. Setz als Motto und Spielanleitung einen „Reality Checkpoint“ errichtet. Hier wird sich erweisen, was Realität ist oder doch eher eine poetische Erfindung wie die Vogelstraußtrompete des Titelgedichts.
Dieser Grazer Germanist und Mathematiker, der schnell mit Romanen und Erzählungen bekannt geworden ist (zuletzt mit Indigo, 2012), steckt den Kopf nicht in den Sand, auch nicht, wenn er Gedichte schreibt. Er ist ein genauer Beobachter, ein Rechercheur, der alte Nachschlagewerke heranzieht oder eine schon wieder verschwundene Website, und es macht ihm Spaß, Erkenntnisse seines Studiums auch zum Vergnügen der Leser in seine Texte einfließen zu lassen, wie zum Beispiel die Geschichte des Rangers Roy C. Sullivan, der sieben Mal vom Blitz getroffen wurde, all diese Schicksalsschläge überlebte und sich sechs Jahre nach dem letzten Blitz aus Trauer über den Tod seiner Frau umgebracht hat. Dass jemand, der sieben Blitze übersteht, nur einer von 16 Quadrillionen sein kann, sagt die Wahrscheinlichkeitsrechnung, aber gerade das spart der Autor aus.
Setz will uns Bilder zeigen, sehr poetische Bilder, und er will uns in diesen Bildern Geschichten erzählen, die im wahrsten Sinne des Wortes merkwürdig, manchmal absurd und oft sehr anrührend sind, wie die Erzählung vom überaus schönen Schneemann, den Michelangelo auf Befehl des Fürsten „nach dem Schneefall / einer einzigen Nacht“ im Innenhof des Medici-Palastes in Florenz geformt hat. Oder die Anekdote von jenem Bobby Leach, der sich 1911 in einem Stahlfass die Niagarafälle hinunterstürzte, sich dabei schwere Verletzungen zuzog, doch erst vierzehn Jahre danach auf einer Orangenschale ausrutschte und daran starb. Solche und ähnliche Geschichten sind nachprüfbar, so will uns der Dichter wohl augenzwinkernd sagen, im Lichte jenes „Reality Checkpoints“, dessen englische Beschreibung als Motto dient und wörtlich aus Wikipedia zitiert wird. Es handelt sich um die durch eine hohe Kandelaber-Lampe beleuchtete Wegkreuzung in einer Parkanlage in Cambridge.
Wikipedia bietet vier Interpretationen für die Bedeutung dieses Ortes an. Der „Verfasser von kurzen Texten / mit viel Sinn für das Vergehen der Zeit / und für das Aufhängen von Bildern / in dazu passenden Rahmen“ ermuntert schon mit diesem Motto, den Rahmen der Bilder zu sprengen und die Texte einer Flut von zusätzlichen Informationen auszusetzen. Wer beim Lesen des Gedichts „Selbstbeherrschung“ eben diese verliert und bei Wikipedia den Reality Check macht, weil er nicht weiß, wer Dr. Bruce Banner und der unglaubliche grüne Hulk sind, der öffnet gefährliche Schleusen, die ihn zu Fernsehfilmen mit Bill Bixby und Lou Ferrigno führen oder zu Frankenstein und vielen weiteren Anspielungen, die ihm bei seiner Lektüre besser Hekuba blieben. Gedichte, so haben wir mal gelernt, sind abgeschlossene Gebilde und ruhen in sich selbst. In sich geschlossen sind auch die Gedichte von Clemens Setz, aber sie ruhen nicht. Sie vibrieren, weil sie nahezu beliebig abrufbare Ausbuchtungen und Aufbauschungen ihrer Erzählinhalte ausschließen. Sie beben vor Konzentration.
Im Gedicht „Schrödingers Katze“ fordert Clemens Setz seine Leser geradezu auf, die Wissenslücken im Bereich der Quantenmechanik etwa durch eine eigene Internet-Recherche zu schließen. Wie sonst sollten wir wohl erfahren, dass „in der schwarzen Box mit dem geschlossenen Deckel“, neben der der österreichische Physiker Erwin Schrödinger 1935 in seinem Labor zu schlafen versucht, eine Katze hockt, die sich in einem Überlagerungszustand, so der wissenschaftliche Terminus, von tot oder lebendig befindet? Von einem Gedankenexperiment ist die Rede, bei dem ein zerfallender Atomkern in der Blackbox seine unheimliche Rolle spielt, doch wir sind nur Zeugen der trockenen Laborluft und des Geruchs von Staub, Kreide und Pulverkaffee. Wir könnten zu alldem eine ganze Romantrilogie lesen, die der Amerikaner Robert Anton Wilson in den Achtzigerjahren veröffentlicht hat. Setz aber reduziert die höchst aufgeladene, unheimliche Situation auf einen schlaflosen Wissenschaftler, der endlich zu träumen beginnt. „Und niemand kann sagen, ob er von Toten / oder von Lebenden träumt“. Das makroskopische System Katze bleibt in der Box verborgen. Tiere haben auf der Bühne nichts verloren.
Ein Beispiel aber, für das man das weltweite Netz kaum braucht: Über den berühmten Entfesselungskünstler Harry Houdini gäbe es viele Geschichten zu erzählen, doch Setz beschränkt sich auf eine sehr private, innige Situation. In täglichen Liebesbriefen an seine Frau berichtet Houdini mit Stolz von den Abenteuern und dem Mut ihres imaginierten Sohnes, dem er die Vornamen seines eigenen Vaters, des Rabbiners Mayer Samuel Weisz, gab. Von diesem Schreibvorhaben berichtet das Gedicht und auch nur vom letzten aller Abenteuer: Mayer Samuel wird Präsident der Vereinigten Staaten. Mehr kann der Migranten-Sohn nicht erreichen, also endet damit die Folge der Liebesbriefe.
Die verdichtete, von ihren Aussparungen lebende lyrische Prosa fließt mühelos, elegant, oft ein wenig ironiegetränkt über die meist deutlich gesetzten Zeilenbrüche hinweg. Es ist reizvoll, diesen erzählenden Dichter bei seinem souveränen Umgang mit der Stofflichkeit von Geschichten zu beobachten. Jede neue Zeile dient dem Deichbau zur Regulierung anflutender authentischer Stoffmassen.

Herbert Wiesner, Die Welt, 17.5.2014

Michelangelos Schneemann

– Aphoristisch: Clemens J. Setz’ „Gedichte“, die keine sind. –

Clemens J. Setz gehört spätestens seit seinem Roman Indigo zu den bedeutendsten Erzählern der österreichischen Literatur. Hätte man heute in Österreich die literarische Öffentlichkeit, die man, bei allem konservativen Mief, vor 50 Jahren hatte, dann erführe Setz die gleiche Aufmerksamkeit wie damals Peter Handke.
Jetzt kann man ihn auch als Lyriker kennenlernen. Als Lyriker? Auf dem Titelblatt steht jedenfalls „Gedichte“. Außer dem Zeilenumbruch und einer gelegentlichen strophischen Gliederung weist in dem schmalen Band Die Vogelstraußtrompete allerdings nichts auf diese Gattung hin. Eher lesen sich die Texte wie kurze und kürzeste, noch nicht einmal rhythmisierte Prosastücke.
In seinem für die moderne Lyrik maßgeblichen Aufsatz „Über reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen“ schreibt Bertolt Brecht, dass unregelmäßige Rhythmen ohne gestische Formulierung ihm nicht möglich schienen. Gestische Formulierungen – jedenfalls das, was Brecht darunter versteht – wird man bei Setz kaum entdecken. Brecht spricht auch davon, dass „diese freie Art, den Vers zu behandeln, eine große Verführung zur Formlosigkeit“ sei. Setz entginge dieser Gefahr, wenn er auf die Suggestion von Versen verzichtete. Das Satzbild als Gattungskriterium? Meinetwegen. Um Begriffe müssen wir uns nicht streiten. Aber hilfreich sind missverständliche Zuordnungen nicht.
Betrachten wir jedoch die „Gedichte“ als Kurzprosa, so entwickeln sie einen Reiz, der sich aus ihrer anekdotischen, aphoristischen oder momentaufnahmen-ähnlichen Aussage ergibt. Darin sind sie, um noch einmal, vielleicht ein wenig abwegig, Brecht zu bemühen, den „Geschichten vom Herrn Keuner“, aber auch,um einen Autor aus einer ganz anderen Richtung zu nennen, den Texten von Helmut Heißenbüttel verwandter als Brechts Gedichten. Da wird in zwölf Zeilen von dem „überaus schönen“ Schneemann erzählt, den Michelangelo nach der Lebensbeschreibung von Vasari im Innenhof des Medici-Palastes gebaut hat – ein treffliches Gleichnis für die Beziehung von Ästhetik und Material.
Das Gedicht „Weltenlauf“ besteht aus nur drei Zeilen:

Und sie bewegt sich doch,
sagte der Jäger
nach dem verfehlten Schuss.

Zunächst ist das nicht mehr als ein Kalauer. Aber „at second thaught“ kann man es doch wiederum als Gleichnis verstehen – für die Borniertheit subjektiver Wahrnehmung, für die Abgabe von Verantwortung, für die Trivialisierung einer einst weltbewegten und weltbewegenden Erkenntnis.
Die Gedichte von Setz, die keine Gedichte sind (in fünf Fällen verzichtet er tatsächlich auf den Zeilensprung), unterscheiden sich in ihrem Tonfall grundlegend von jenem Schnoddersound, der allgegenwärtig der Bezichtigung des Antiquierten zuvorzukommen hofft. Der Jazzfan versteht den elegischen Wunsch, Gershwins „My Man’s Gone Now“ so spielen zu können wie Bill Evans 1961 im Village Vanguard. Die überraschende Pointe folgt in den abschließenden zwei „Versen“: Es müsste nicht genau damals, an dem Sonntag im Jahr 1961 gewesen sein, „aber doch zumindest irgendwann / weit in der Vergangenheit“. Das Erstaunliche daran: Das schreibt einer, der 1982 geboren wurde. Da war Bill Evans (der Pianist, nicht der Saxofonist gleichen Namens) schon zwei Jahre tot.
Einmal übrigens sieht sich Setz zu einem trochäischen Metrum genötigt. Da folgt er einem Song von Suzanne Vega.

Thomas Rothschild, Die Presse, 29.8.2014

Kleine Tiere, unheimliche Welt

– Der Autor Clemens J. Setz hat seinen ersten Gedichtband veröffentlicht. –

In Clemens J. Setz’ grandiosem Roman Indigo von 2012 wohnt eine Unheimlichkeit, die aus Unschärfe besteht, die esoterische Aura des Übergescheiten, Überforderten und Andersartigen, die Angst im Dunkel und das Schweigen in unendlichen Räumen. Auch die jetzt erstmals vorgelegten Gedichte des Autors entstammen dieser geheimnisvollen Parallelwelt, die nicht ohne Gefahr betretbar ist. Mitunter abgründig-zärtliche Verse:

Seit Tagen schon warte ich
dass sie zurückkehrt
aus der Flamme, geheilt
von ihrer gefährlichen Neigung.

Gemeint ist eine Motte, es könnte aber genauso gut ein menschliches Wesen sein, das in der geheimen Zone verschwunden ist.
Wie in seiner aufwendigen Prosa hat Setz auch in den Gedichten viel zu erzählen. Seltsame Begegnungen und skurrile Vorfälle, Alltagswünsche und elitäre Leidenschaften werden differenziert festgehalten. Superman ist natürlich anwesend, Naturforscher wie Darwin (dem Gehörsinn der Regenwürmer auf der Spur), Abenteurer, die tragisch endeten, ein blinder japanischer Mönch, der „mit der Spitze seiner Zunge“ liest… Ein Kind verlässt seine Familie, taucht nie wieder auf und wird von ihr wie im Märchen vergessen. Eine junge Frau trägt Nadeln im Mund, um zudringliche Liebhaber abzuwehren. Ein Haustier ist gestorben, und dessen Besitzer suchen nun „in Schutzkleidung“ seine Lieblingsplätze auf, „die versteckteste / Stelle unter dem Bett“. Ein kinderloser Papagei versucht Schuhe zu füttern, die er für offene Schnäbel hält.
Manche Gedichte beginnen launig-witzig, ruhige Szenen, wie ohne Aufwand zu Papier gebracht, und laufen dann doch auf eine schrille Pointe zu, wenn etwa das größte Riesenrad Europas beschworen wird „mit seinen hell erleuchteten Kabinen / aus denen die Menschen fallen“. Oder wenn Postkarten beschrieben werden, auf denen man Kinder sieht, die „mit ihren Hosenträgern / an einem Nagel an der Wand hängen“.
Selten spricht Clemens Setz in Ich-Form direkt von sich selbst, und doch schimmern seine Einsamkeitserfahrungen hinter dem, was den sensiblen und hochbegabten Wesen in seinen Texten passiert, hervor. Einmal taucht der Vater des 1982 geborenen Autors als junger, vitaler Mann am Strand auf, wie ein Kind im Sand spielend. Setz erzählt die Geschichte des Ikarus auf anrührende Weise neu. Der wartet im Krankenhaus darauf, dass seine Flügel nachwachsen:

Sie bringen mir Wachs und Plastilin
und lassen mich kleine Dinge draus machen
in der Ergotherapie
(…)
und ich bastle ihnen ein neues
kleines Männchen in einem Verlies,
mit einer winzigen Fliegerbrille
anstelle der alten Augen.

All diese Gedichte haben einen epischen Gestus. Setz ist kein Wortbastler, der mit Verspätung gegen überlieferte lyrische Formen rebelliert. Weder erfüllt er sie brav, noch lehnt er sie erkennbar ab. Er beachtet sie einfach nicht, schreibt in eleganten, prosanahen Versen, meist ohne Reim und Metrum, doch verwirrend genau. Und immer auch mit einem Schuss jugendlicher Arroganz und überlegener (Selbst-)Ironie angesichts der Absurdität der Menschheitsgeschichte:

Mit Jetlag kann ich alles ertragen. Einen Toten
in einer Tonne, ein Kind ohne Arme und Beine,
einen brennenden Menschen in einer Baumkrone.

Setz zelebriert das Künstliche im Dunkel der Triebe und Träume: die nackten Gliederpuppen in den Schaufenstern, die orangeroten Haltegriffe in den Straßenbahnen, die Poesie einer Gegensprechanlage, ein kleines Raumschiff für einsame Kinder hinterm Supermarkt, den Schneemann, den Michelangelo im Hof des Medici-Palasts errichtet hat – eine Ästhetisierung des unheilen Lebens, das wie hinter Glas oder einer Eisschicht verborgen erscheint und dennoch nicht aufhört zu schmerzen.

Michael Buselmeier, Die Zeit, 28.7.2014

Spitze Nadeln
 im Mund
 Clemens

– J. Setz stattet der Lyrik einen Besuch ab: 
Blechblaskunst aus der Vogelstraußtrompete. –

Von der deutschsprachigen Lyrik hieß es vor einigen Jahren, in dieser Gattung fänden die eigentlich aufregenden ästhetischen Ereignisse statt. Clemens J. Setz, dessen Roman Indigo 2012 für den Deutschen Buchpreis nominiert war, hat jetzt auch einen Gedichtband veröffentlich, wird in Zukunft aber kaum in einem Atemzug mit Monika Rinck, Steffen Popp und Uljana Wolf oder Marion Poschmann, Nico Bleutge und Esther Kinsky genannt werden. Große Dichtkunst, in sprachlicher Hinsicht, offenbart uns Die Vogelstraußtrompete nicht. Eher ist es eine vom Gewicht der Formen und Traditionen befreite Lyrik. Erleichterte Gedichte könnte man das nennen, oder, wie Setz es tut:

Prosa in Zeitlupe.

In einem Interview bekannte Setz, er habe der Lyrik nur einen Besuch abstatten wollen, um das Feld dann wieder echten Dichterinnen und Dichtern zu überlassen. „Fußnotensternchen“ zur großen Dichtkunst sozusagen. Das ist auf sympathische Weise realistisch, geht Setz doch mit Sonett und Sestine um wie ein verspielter Mathematiker und nicht wie ein Dichter.
Ein Liebhaberstück ist seine Vogelstraußtrompete trotzdem. Ihr prosaischer Klang öffnet das Tor zu einer Wunderkammer voller kurioser Fundstücke aus alten Zeitungen, noch älteren Büchern, dem Internet oder den Träumen des Autors. Setz ist ein begabter Sammler und seine Form das Objet trouvé. Was er findet und aufhebt, lässt er in Versform hinter sich. Als wären diese Gedichte Gewichte, von denen er sich befreit hat.
„Die Nordsee“ heißt die erste Zeitlupen-Prosa. Freimütig gibt Setz in Gesprächen zu, dass nur der Titel von ihm ist. Die Geschichte von Bibi Blocksbergs Bruder Boris, der an die Nordsee verschickt wird und nie wieder auftaucht, habe er aus einem Wikipedia-Eintrag abgeschrieben. Skandal? Nein, sondern die Aufmerksamkeit einer schönen Seele für das Traurige im popkulturellen Alltag: Die Nordsee wird durch Setz’ Vers-Arrangement zu einem Meer der Vergessenen, die Fans und Erfinder von Bibi Blocksberg zu grausamen Duldern des Unmenschlichen.
Ähnlich verfährt er mit einem anderen Fundstück:

Ein Reisehandbuch des 19. Jahrhunderts
empfiehlt jungen Frauen spitze Nadeln
in den Mund zu nehmen wenn der Zug
in einen langen Tunnel taucht
um unbelästigt zu bleiben
von fremden Männern in der Dunkelheit
und ungeküsst
bis zum Licht am anderen Ende des Tunnels.

Setz lässt die Empfehlung von einer erotischen Metapher in die nächste fallen. Lakonisch kommentiert er so die Doppelmoral des Handbuchs, das insbesondere den Frauen eine Lebensverneinung bis in den Tod auferlegt, ihnen aber Licht am Ende des Tunnels verspricht. Solche Verse sind nicht im Geiste einer Unterhaltungskultur geschrieben, die auf Inhumanität mit Indifferenz reagiert.
Setz stellt diese Indifferenz in einem „Manifest für eine Literatur der Zukunft“ in der Neuen Rundschau zwar auch als Utopie in Aussicht, als wäre sie eine Rettung, aber sein eigentlicher Leitsatz ist:

Es gibt Leid und Tod, also tun wir was.

Auf diese Haltung verweist auch das Titelgedicht, das Traumbild eines Straußenvogels:

Sein Kopf war ein Trompetentrichter:
Als ich näher kam, steckte er ihn
pfeilschnell in den Sand.

Und als dann das Ich sein Ohr auf den Boden legt, sind nur „ängstliche Atemzüge im Dunkeln“ zu hören, keine Musik. Kunst gedeiht also nicht auf der Flucht? Sie braucht das Leiden nicht? – Ganz so simpel ist es nicht, aber nach diesem Gedichtband dürften Setz’ Selbstdarstellungen als Anti-Innerlicher kaum mehr überzeugen. Aus seiner Vogelstraußtrompete tönt es nämlich anders.

Das Listen-Gedicht „Warum ich kein großer Liebhaber bin“ ergibt in der Summe eine Verherrlichung der Liebe. Eine Liebeserklärung an den Jetlag zeigt das Ich ebenfalls in einer dialektischen Volte als eine Person, die vor ihrer Empathiefähigkeit flieht. Und geradezu anrührend sind Setz’ Tier-Gedichte:

Kinderlose Papageien
die frei in der Wohnung fliegen
beginnen manchmal Schuhe zu füttern

(…)
Kein noch so hochhackiges
fremdes Paar Stiefel
das nur eine Nacht hier stehen blieb
muss leer nach Hause gehen

„To disturb the comfortable and to comfort the disturbed“, das sei nach David Foster Wallace die Funktion von Literatur, schreibt Setz in seinem Manifest. Die Aufmerksamkeit für die Verstörten, Einsamen und Weltoffenen bilden den basso continuo der Gedichte eines Autors, der sich als unbeschwerter Spieler gibt, während er große Gefühle findet und nach dem Himmelreich sucht, von dem er weiß: Es existiert nicht.

MOTTE

Seit Tagen schon warte ich
dass sie zurückkehrt
aus der Flamme, geheilt
von ihrer gefährlichen Neigung.

Ob das gute Gedichte sind? Vielleicht verhält es sich mit dieser Lyrik eher wie mit „Schrödingers Katze“, der Setz auch einen Text gewidmet hat: keine guten Gedichte und richtig gute Literatur.

Insa Wilke, Süddeutsche Zeitung, 26.3.2014

Die Tücke des Zeilenfalls

Die Postmoderne, die alle Welt beleckt, hat längst auch auf die Lyrik sich erstreckt, und verbreitet dort eine freizügige Lebensstimmung, die sich selbst genügt. So eine Stimmung herrscht nun in Verlagen und Redaktionen, in der Literaturkritik und -wissenschaft, was jenen Prosaautoren zugute kommt, die sich auch als Lyriker profilieren wollen.
Dazu ein Beispiel aus dem Gedichtband Die Vogelstraußtrompete von Clemens J. Setz.

SUB LUNA

In seinem Werk über die antiken Begräbnisurnen
auf einem Feld in Norfolk
erwähnt Sir Thomas Browne
die Todesursache
planet-struck

Eine Fußnote erklärt:
killed supposedly by the influence
of a malign planet

Ist ein Schriftsteller früher bei seiner Lektüre belletristischer oder fachspezifischer Literatur auf eine bemerkenswerte Stelle gestoßen, hat er sie notiert und vielleicht bei nächster Gelegenheit als Motto einem Roman vorangestellt, einem Essay oder einem Aufsatz eingefügt. Clemens J. Setz macht aus so einer Notiz ein Gedicht. Warum macht er’s? Warum macht er sich’s so leicht? Vielleicht, weil’s ihm eben so leicht gemacht wird durch die weit verbreitete, weithin gültige freizügige (einem Wittgenstein-Wort nachgebildete) Maxime: Lyrik ist alles, was der Zeilenfall ist.
Vielleicht will sich Setz aber nur einen konkreten Spaß aus der Anything goes-Theorie machen – worauf der humoristische Fort-Satz eines erotischen Goethe-Bekenntnisses hinzuweisen scheint. Setz ist nämlich, das hat er auf prosaische Art ja schon bewiesen, eigentlich ein kluger, witziger, empfindsamer, selbstbewusster Mann, durchaus kein mit dem Mainstream Schwimmer und kein nach der Mode Schreiber. Er kann, wenn er will, nämlich wirklich Gedichte machen, etwa so:

MOTTE

Seit Tagen schon warte ich
dass sie zurückkehrt
aus der Flamme, geheilt
von ihrer gefährlichen Neigung.

Ja, und auch etliche gelungene lyrische Geständnisse persönlicher Vorlieben (von „Bill Evans, My Man’s Gone Now“ bis zu Gegensprechanlagen) sind in diesem Bändchen enthalten. Vielleicht dürfen wir gar hoffen, dass Setz – als Ergänzung zu seiner eher pa-rodistischen Sonett-Paraphrase – einmal ein richtiges solches Gedicht schreibt, auf klassische Weise in gereimten Blankversen.

David Axmann, Wiener Zeitung, 29.6.2014

Nicht schlecht

Alles schön und gut, aber was uns hier als der Weisheit letzter Schrei serviert wird, ist so alt wie die Menschheit selbst. Benn nannte es die journalistische Lyrik, man könnte es auch – in Anlehnung an die Statischen Gedichte – als die statistische Lyrik bezeichnen. Zur Auflockerung eines dichterischen Werkes durchaus gern gesehen, ergibt sich aus dieser Idee, wenn sie wie hier zur alleinigen Methode entwickelt wird, doch eine Menge leeres Stroh, das freilich auch gedroschen sein will. Ich stelle in Rechnung, dass der Autor in einer Tradition der österreichischen Lyrik steht, die man als experimentell, konkret oder prinzipiell antilyrisch bezeichnen könnte, wie sie sich bspw. bei Jandl findet. Ich bitte jedoch, diese plappernden Verse nicht also hochzuhängen, dies wird dem Autor nicht gerecht. Er muss irgendwann einen zweiten Gedichtband abliefern, und sollte sich dann herausstellen, dass diese findige Methode seine einzige ist, gerät der Nachfolgeband dann nicht zu einer ausführenden Erweiterung des ersten, sondern zur Bestätigung einer Luftnummer, die vielleicht zugegebernmaßen hie und da verblüffende Effekte zeitigen kann, als möglicherweise alleinige Methode sich meinem Dafürhalten nach aber nicht als ein tragfähiges lyrisches Konzept erweisen kann. Ich tue mir ohnehin etwas schwer, die Texte als Gedichte zu bezeichnen, weil hier doch ein wichtiges lyrisches Merkmal, dasjenige der Verdichtung nämlich, nur wenig hinreichend vorhanden ist. Der ganzen Sache scheint ausserdem der Rhythmus zu fehlen (wenn wir von einer Metrik einmal bewusst nicht sprechen wollen). Auch von einer Melodieführung kann ich kaum etwas ausmachen, was bei einem versierten Obertonsänger eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein müsste. Überhaupt fehlt es den Setz’schen Obertönen durch die Bank betrachtet doch beträchtlich an einem tragfähigen Unterbau. Mit der feuilletonistischen Hochjubelei tut man dem Autor mittelfristig betrachtet sicher keinen Gefallen.
H.G. Scheerer, amazon.de, 30.4.2015

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Mario Osterland: Clemens Setz hit by Poetry
fixpoetry.de, 3.4.2014

Astrid Kaminski: Clemens Setz stösst in die Vogelstrausstrompete
Tages-Anzeiger, Zürich, 6. 5. 2014

sms.: Clemens Setz – die Welt als Sprache und Form
Neue Zürcher Zeitung, 16. 9. 2014

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Clemens J. Setz zu Gast am 3sat-Stand bei der Leipziger Buchmesse 2014
Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG
Porträtgalerie: Autorenarchiv Susanne Schleyer +
Autorenarchiv Isolde Ohlbaum

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Clemens J. Setz liest im Literaturhaus Graz aus seinem Lyrikband Die Vogelstraußtrompete zwei Gedichte: „Die Nordsee“ und „Männer in der Dunkelheit“, die er auch kommentiert.

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