Emily Dickinson: Gedichte

Dickinson-Gedichte

Julia Jenkins liest von Emily Dickinson: My Wars Are Laid Away In Books… In Büchern lagern meine Kämpfe –

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Die schönsten Gedichte

der amerikanischen Lyrikerin Emily Dickinson, neu übersetzt und ausgewählt von Gunhild Kübler. Nach dem Erfolg der Buchausgabe bringt Julika Jenkins den feingeknüpften Teppich von Wörtern zum Klingen – Poesie im eigentlichen Sinn.

kein & aber records, Covertext, 2007

 

Ich wohne in der Möglichkeit

Die amerikanische Dichterin Emily Dickinson (1830–1886) ist eine der erstaunlichsten Gestalten der Literaturgeschichte. Eine Einzelgängerin, die Weltliteratur schrieb und auf allen Ruhm zu Lebzeiten verzichtete. Noch nicht einmal ihre engsten Angehörigen und Freunde ahnten, dass die Nachwelt sie zu den Größten unter den englischsprachigen Lyrikern zählen würde. Bis zu ihrem Tod waren nur zehn ihrer rund 1.800 Gedichte gedruckt worden, noch dazu anonym und ohne ihre Zustimmung.
Emily Dickinson entstammt einer angesehenen, bildungsbewussten Familie und hat ihre Heimat, das neuenglische College-Städtchen Amherst, Massachusetts, kaum je verlassen. Ihr Vater, Jurist und zeitweilig Kongressabgeordneter der Konservativen, sorgte dafür, dass neben dem einzigen Sohn auch seine beiden Töchter eine gute Schul- und College-Ausbildung erhielten. Doch für eine dichtende Tochter hatte der puritanische Patriarch kein Verständnis. In seinen Augen vertrug sich weibliche Selbstachtung nicht mit öffentlichen Auftritten.
Schon als Kind war Emily Dickinson für ihren Witz, ihre Schlagfertigkeit und ihren kristallklaren, rebellischen Geist bekannt. Früh von Todesfällen in Familie und Freundeskreis erschreckt, litt sie zeitlebens unter der Angst vor dem Verlust geliebter Menschen. Auch die Religion bot ihr keinen Trost, zumal sie gegenüber kirchlichen Heilsversprechen skeptisch war. Als einzige in ihrer Umgebung stemmte sie sich jahrelang gegen die religiösen Erweckungsbewegungen, die Neuengland damals periodisch erfassten.
Bereits von Jugend auf muss sie Gedichte geschrieben haben. 1858 sichtete sie alles bisher Entstandene, verwarf vieles und vernichtete Vorstufen. Von dieser Zeit an verstand sie sich selber als Lyrikerin und begann, ihre Gedichte in eigens zusammengenähten Manuskriptheftchen zu bündeln. Insgesamt vierzig solcher Heftchen füllten sich nach und nach mit mehr als 800 Gedichten. Auch bei Dickinson – wie bei vielen großen Dichtern – beschränkte sich die stürmische Produktion von Gedichten auf relativ wenige Jahre. Nach 1864 brachte sie keine Ordnung mehr in ihre private Gedichtsammlung. Sie notierte die Texte einzeln auf Briefbögen und später bloß noch auf herumliegende Blätter, Abrisse von Briefumschlägen, Einwickelpapier, Reklamezettelchen.
Nach ihrem dreißigsten Geburtstag geriet sie in eine emotionale Krise, über deren Ursachen viel gerätselt worden ist. Sicher ist, dass ihr zu dieser Zeit ihre Verlassenheit von allen, an die sie sich am engsten angeschlossen hatte, qualvoll zum Bewusstsein kam. Hinzu kam vermutlich eine unerfüllte Liebe. Dickinsons letzter und gewissenhaftester Biograph Alfred Habegger nennt als wahrscheinlichsten Kandidaten für die Rolle des Unerreichbaren den als Kanzelredner berühmten Reverend Charles Wadsworth, sechzehn Jahre älter als Emily Dickinson und verheiratet.1 Sie muss ihn als 25-Jährige bei einem Besuch in Philadelphia gehört und seither über Deckadressen mit ihm in Briefkontakt gestanden haben. Ende 1861 zog er mit seiner Familie für einige Jahre nach Kalifornien, was den Briefwechsel schwierig machte, vielleicht sogar zeitweise zum Erliegen brachte.
„In jeder Trennung liegt ein Keim von Wahnsinn, man muss sich hüten, ihn nachdenklich auszubrüten und zu pflegen“, schreibt Goethe in seinen Maximen und Reflexionen. Einen vergleichbaren Keim hat Emily Dickinson mit größter Hingabe ausgebrütet und gepflegt. Lust und Qual gingen ein in Aberhunderte von Gedichten – Liebes-, Sehnsuchts-, Klage-, Zorn-, Erzähl- und Bilanzgedichte, in welchen sie sich das innere Drama ihres Lebens wieder und wieder vor Augen führt. Wie die alten Mystiker überblendet sie dabei erotische Bilder mit religiösen und umgekehrt. Das Geschehen wird variiert, transponiert und durch sämtliche emotionalen und sprachlichen Klimazonen verschoben.
Sie war ein Genie der Verwandlung dessen, was sie bewegte, in lyrische Ich-Erzählungen. Nicht jedes Detail ist dabei biographisch zu deuten. „Ich wohne in der Möglichkeit“ (466), das bedeutet für diese Dichterin auch, das Erfahrene mit der Wahrheit des Imaginierten zu konfrontieren. Viele Gedichte führen einen Dialog mit dem Geliebten. Einige fantasieren atemlos eine Hochzeit oder stürmische Nächte der Erfüllung (185, 269). Es gibt Liebeserklärungen von entschlossenem Pathos (279) und daneben witziges Geplauder über die Zugeknöpftheit des Unerreichbaren (299). Einige Gedichte erkennen in geografischen Gegebenheiten Sinnbilder dieser Liebe oder sie vergleichen sie mit einer riskanten Investition (129, 426). Andere reden von einer Begegnung nach Jahrzehnten oder sogar erst nach dem Tod (1405, 1226, 1731).
Sehnsucht schafft sich leuchtende Bilder und kleine, träumerisch, aber klar gesehene Szenen (368, 537, 802). Viele Gedichte umkreisen eindringlich intensive Schmerzerfahrungen oder Todeswünsche (340, 372, 552, 588, 1117). Manche listen zornig Vorwürfe auf und rechnen hochmütig mit dem Geliebten ab (827, 1311). Spätere Gedichte sind markant kürzer, die Verse werden knapper, der Ton lakonisch. Nun blickt dieses lyrische Ich auf vergangene Kämpfe zurück, gelassener als früher, ernüchtert, manchmal trotzig, sarkastisch, manchmal auch humorvoll (900, 910, 926, 958, 961, 995, 998, 1209, 1579). Hatte denn dieses Liebesobjekt je einen Wert an sich? Wer es nicht besaß, wird es nie erfahren (1228).
In jener Krisenzeit nach ihrem dreißigsten Geburtstag begann Emily Dickinson, schlichte weiße Hauskleider zu tragen – ein guter Grund, sich von niemandem mehr sehen zu lassen. Sie wurde dafür bekannt, dass sie nicht bekannt sein wollte. Den Kirchgang hatte sie schon früh eingestellt, jetzt hörte sie auch auf, Verwandte und Freunde zu besuchen. Undenkbar, dass sie zum Geplauder im Lesezirkel von Thomas Higginson, ihrem selbst erwählten Mentor, nach Boston gefahren wäre. Sie verließ ihr Vaterhaus nicht mehr. Später war sie auch dort kaum mehr zu sehen und verkehrte mit Besuchern nur noch durch den Spalt ihrer angelehnten Schlafzimmertür. So wurde sie schon zu Lebzeiten eine Legende – die menschenscheue Eremitin von Amherst.
Jedoch zeigt neben ihren Briefen auch ihre Lyrik, dass dieses Bild falsch ist. Dickinson hat zwar weltabgeschieden gelebt, aber fast 1.200 Briefe an mehr als 90 Briefpartner hinterlassen, war also an menschlichen Beziehungen alles andere als desinteressiert.2 Der Umgang, den Menschen miteinander pflegen, ist denn auch eins der zentralen Sujets ihrer Lyrik – neben der Auseinandersetzung mit Natur, Vergänglichkeit, Tod und vor allem mit dem eigenen Dichtertum (519, 772, 788, 1263, 1268, 1779). „Freilich ist Gott neidisch“, lautet eine ihrer Einsichten, „Er kann es nicht ertragen / Dass wir uns lieber miteinander / als mit Ihm selbst abgeben.“ (1752) Mit ihrer Korrespondenz verschaffte sich Dickinson ein wohlwollendes Lesepublikum für ihre Lyrik. Ein Drittel ihrer Gedichte legte sie ihren Briefen bei. Zwei Drittel aber schrieb sie für sich selbst und zeigte sie niemandem. Dickinson wusste, dass ihr lyrisches Werk zu früh kam, dass es in Ton und Denken, ja sogar in Schriftbild, Syntax und Grammatik für ihre biedere, frömmlerische Umwelt eine Provokation war. Sie ließ es in der Schublade.
Dort kam es erst nach ihrem Tod zum Vorschein, konnte aber aufgrund von Familienstreitigkeiten erst 1955 in philologisch befriedigender Form erscheinen, nämlich mit allen von der Autorin selbst erarbeiteten Varianten. Erst R.W. Franklin gelang es 1998, eine halbwegs verlässliche Chronologie von Dickinsons undatierten Gedichten zu erarbeiten. Das führte zur heute maßgeblichen, hier übernommenen Nummerierung der titellosen Texte. Ein Jahr später erschien Franklins Reading Edition, die um der besseren Lesbarkeit willen von allen Varianten jeweils eine einzige abdruckt, nämlich die, für die sich die Autorin zuletzt entschieden hat. Auf dieser Reading Edition fußt meine deutsche Übersetzung von mehr als 600 Gedichten, die im Herbst 2006 im Hanser Verlag erschienen ist und der die hier von Julika Jenkins vorgelesene Auswahl von nicht ganz 70 Gedichten entstammt.3 Möglichst viel von den suggestiven akustischen Finessen des Originals, vor allem aber Metrum, Rhythmus und Reimschema wollte ich dabei ins Deutsche retten. Dies in der Einsicht, dass es die Zauberspruchqualität von Emily Dickinsons Gedichten ist, die einen beim Lesen – und wie viel mehr noch beim Hören – zuallererst überwältigt und die noch das gewagteste Bild und den dunkelsten Gedankengang dieser Dichterin plausibel und zwingend macht.
Emily Dickinsons Lyrik ist ein singulärer Kosmos. Niemand, der ihn kennt und liebt, wird daraus mir nichts, dir nichts ein paar Dutzend „schönste Gedichte“ auswählen und zu einer Hitparade zusammenstellen, zumal gerade bei dieser Dichterin die „schönsten Gedichte“ in die Aberhunderte gehen. Und doch lockt die Möglichkeit, das Unmögliche zu versuchen. „Impossibility, like Wine / Exhilirates the Man / Who tastes it“ – Unmöglichkeit beschwingt, heißt es bei Dickinson (in Gedicht 939). Diese Erfahrung habe ich schon beim Übersetzen ihrer Gedichte auf Schritt und Tritt gemacht, und nun wieder – gemeinsam mit Julika Jenkins – bei der Auswahl der Texte für das Hörbuch.
Julika Jenkins liest die Gedichte in chronologischer Abfolge. So lässt sich – zumindest in Anhaltspunkten – verfolgen, wie Dickinsons wunderbar breites Spektrum von dunklen und hellen, leichten Sprechweisen sich entfaltet, wie Zug um Zug ihr Bilderhaushalt entsteht und welche dramatische Entwicklung ihr Werk dabei nimmt.
Den Auftakt machen frühe Gedichte, in denen trotz aller Konventionen sich Dickinsons Liebe zu logischen Gedichtstrukturen bemerkbar macht sowie die bereits zu Zaubersprüchen verdichtete Musikalität ihrer Sprache. Anfang der r86oer Jahre werden die Gedichte länger und rhythmisch freier. Die immer dichter von Gedankenstrichen durchsetzten Texte wirken wie unter großem innerem Druck aufs Blatt geworfen. Bild folgt auf Bild, wird fixiert und vom nächsten überboten in einer Aufgewühltheit, die erst nach dem Ende der Krisenjahre, etwa 1865, ein spannungsvolles Gleichgewicht findet.
Liebesgedichte haben in Dickinsons Lyrik einen breiten Raum. Dieser kommt ihnen auch in unserer Auswahl zu, und ebenso steht es mit ihren Gedichten über das eigene Dichtertum. Mit dabei sind auch berühmte „Dickinson-Klassiker“ (124, 207, 269, 466, 519, 764, 772, 778, 905, 1263, 1579, 1779). Und besonders gut vertreten sind die bisher unterschätzten lakonischen Gedichte aus den späteren Jahren.
Emily Dickinson ist leider bei allzu vielen bisher nur als rätselhafte Lyrikerin bekannt. Unsere Auswahl zeigt sie nun auch von ihrer eingängigen, hellen, ja humorvollen Seite – als eine für unser Zuhören offene, unserem modernen Lebensgefühl nahe, große Dichterin.

Gunhild Kübler, Vorwort

 

Emily Dickinson: lebenslange Braut in Amherst

I dwell in Possibility –
A fairer Hause than Prose –

Von tausendsiebenhundertfünfundsiebzig Gedichten, die sich in Emily Dickinsons Nachlaß fanden, wurden zu Lebzeiten der Lyrikerin sieben veröffentlicht. Zwar hielt die Autorin ihre Arbeiten nicht direkt verborgen, doch beschränkte sie sich darauf, einen Teil der auf lose Blätter geschriebenen, sodann päckchenweise verschnürten und in einer Truhe aufbewahrten Verse zu kopieren und – manchmal in variierenden Fassungen – an Bekannte zu schicken, an ungefähr dreißig Adressaten, von denen sie jedoch nur einen, Mr. Thomas Wentworth Higginson, literarisch ins Vertrauen zog. Mr. Higginson, ein Mann aus einem puritanischen Neuengland-Geschlecht, der bald darauf als Oberst in der Bürgerkriegsarmee kämpfte und verwundet wurde, hatte gerade im Atlantic Monthly einen Artikel veröffentlicht, der, unter dem Titel „Brief an einen jungen Mitarbeiter“, schreibenden Anfängern Ratschläge erteilte, als sich Emily Dickinson im April 1862 dazu entschloß, brieflich sein Urteil einzuholen: „Ich habe bisher keine Poeme verfaßt – nur ein oder zwei – bis zum letzten Winter – geehrter Herr –“ Diese Angabe, die die Dichterin über sich selbst machte, entsprach freilich keinesfalls den Tatsachen, denn zu jener Zeit existierten bereits (wie später eindeutig aus dem Nachlaß hervorgehen sollte) an die dreihundert Gedichte.
Emily Dickinson unternahm, als sie sich an Higginson wandte, den einzigen ernsthaften Versuch, mit ihrer Lyrik an die Öffentlichkeit zu gelangen. Doch entsprang das Motiv für ihr Handeln wohl weniger literarischem Ehrgeiz als einer psychologischen Notwendigkeit. Das geht aus einer Bemerkung hervor, mit der die sonst so scheue Dichterin dem fremden Higginson mitteilte, wie sehr sie litt und wie unumgänglich es für sie war, schreibend den Pegel ihres Unglücks zu senken:

Ich war vom Entsetzen gepackt – schon seit September – ich konnte mit niemandem darüber sprechen – und so singe ich jetzt wie ein Junge in der Nähe des Friedhofs – weil ich mich fürchte.

Dieser Satz, vorgetragen in der für die Dichterin so charakteristischen Art abrupten und durch Gedankenstriche zusammengehaltenen Sprechens, ist – sieht man von programmatischen Äußerungen innerhalb des künstlerischen Werkes ab – das poetologische Credo Emily Dickinsons, die im übrigen von Mr. Higginson zwar manchen Zuspruch erfuhr, nicht aber die (insgeheim wohl ersehnte) Förderung.
Die Lyrikerin war 1830 in Amherst, Massachusetts, geboren worden, einer Kleinstadt von ausgesprochen kalvinistischem Gepräge. Der Vater, ein erfolgreicher Rechtsanwalt, der eine Zeitlang sogar in Washington Kongreßmitglied war, richtete ihr Empfinden und Denken frühzeitig auf einen Ernst aus, den sein puritanischer Geist noch hinter den unscheinbarsten und alltäglichsten Dingen walten sah und der so umfassend, so beanspruchend war, daß Freude und Heiterkeit keinen Platz finden konnten, es sei denn, sie waren auf die majestätische Traurigkeit des Welthintergrundes bezogen und erfuhren von dessen absolutem Sein ihre Legitimation.
Emily Dickinson, die schon in ihrer Schulzeit blaß und nervös gewirkt hatte, entwickelte sich bald zu einem sehr eigentümlichen Menschen von großer Scheu und gelegentlichem Humor. Und nachdem sie im Alter von dreißig Jahren damit begann, sich ausschließlich weiß zu kleiden, bekamen auch die Freunde der Familie sie fast nie mehr zu sehen; ja, nach 1882 versteckte sie sich sogar dann in einem dunklen Nebenraum, wenn die Nachbarin, Mrs. Todd, ins Haus gekommen war, um Emily auf dem Klavier Scarlatti, Bach oder Beethoven vorzuspielen.
Obwohl die Dichterin, die sich – vermutlich wegen ihres wenig vorteilhaften Aussehens – seit der Kindheit nicht hatte photographieren lassen und die sich seit 1870 überhaupt nicht mehr aus der Obhut des heimischen Grundstücks begab (ihre weitesten Wege führten bis in den Garten), sehr bemüht war, die häusliche Fürsorglichkeit der ebenfalls jüngferlichen Schwester Lavinia ohne allzuviel Ironie zu ertragen, entwickelte sie doch gegen ihre Familie eine sanfte Resistenz, etwa, indem sie die Kirchenbesuche unterließ oder das bigotte Verhalten der Eltern tadelte:

Vater und Mutter sitzen im Feiertagsstaat im Wohnzimmer, und sie lesen natürlich nur Zeitungen, von denen sie genau wissen, daß in ihnen nichts Fleischliches steht.

Emily besaß also durchaus die Fähigkeit, die Ursachen der persönlichen Misere in der moralischen Engstirnigkeit des Milieus zu erkennen. Und ihr wacher Verstand erwies sich als recht nützlich, wenn es galt, der verletzten Sensibilität in boshaften Episteln Luft zu machen. „Sie meinen“, so schrieb sie beispielsweise an Higginson, kaum daß sie Kontakt mit ihm aufgenommen hatte, „ich bewege mich ,verkrampft‘ voran… Hätten Sie denn Zeit, jener ,Freund‘ zu sein, den ich Ihrer Ansicht nach benötige? Ich bin von Gestalt ziemlich klein, und auf Ihrem Schreibtisch würde ich bloß wenig Platz in Anspruch nehmen…“ In einem anderen Brief an Higginson finden sich die Worte, die ungewöhnlich schonungslos die Angehörigen charakterisieren:

Ich habe einen Bruder und eine Schwester. Meine Mutter hält nicht viel vom Denken, und mein Vater hat immerfort mit seinen Papieren zu tun, da kriegt er nicht mit, was wir machen. Zwar kauft er mir viele Bücher, doch legt er mir nahe, sie nicht zu lesen, denn er befürchtet, die Bücher könnten meinen Geist verwirren. Alle hier sind – von mir abgesehen fromm; und sie beten jeden Morgen zu einem unsichtbaren Wesen, das sie ,ihren Vater‘ nennen.

Mit Hilfe ihres Spottes gelang es Emily, die (frühzeitig ins Kosmische transponierte) Verzweiflung allmählich in einen erträglichen Dauerschmerz zu verwandeln; so daß sie wenigstens 1881 – also fünf Jahre vor ihrem Tod – mit sublimer Selbstironie zu sagen vermochte:

Mein Widersacher wurde alt –
Wir sind nun langsam quitt –

Als dann die ersten posthumen Auswahlbände erschienen, gab es fast augenblicklich Spekulationen über die Gründe, die dazu geführt haben mochten, daß die Dichterin unverheiratet geblieben war. Und heute, da die Legenden, die das Werk zu überwuchern drohten, als Phantastereien entlarvt worden sind, wissen wir von zwei Männern, die, zu verschiedenen Zeiten und jeder auf seine Weise, eine Rolle in Emily Dickinsons Leben gespielt haben. Der eine, Benjamin Franklin Newton, hatte als Jurastudent in dem Dickinsonschen Anwaltsbüro gearbeitet; und durch ihn wurde Emily mit den Arbeiten der Brontë-Schwestern wie auch mit der Poesie Emersons bekannt. Dennoch kam der große Schock, den die Dichterin erfuhr, wohl weder dadurch zustande, daß der Freund eine Ehe einging, noch dadurch, daß er bald starb. Vielmehr war es die Zuneigung zu einem anderen Mann, zu dem Reverend Charles Wadsworth von der presbyterianischen Kirche in Philadelphia, die Emily in ihre bräutlich-weiße Trauer trieb:

A solemn thing – it was – I said –
A Woman – white – to be –

Charles Wadsworth, ein schon älterer verheirateter Mann und Vater, war, obwohl Emily ihm wahrscheinlich nur selten und kurz begegnet ist, seit 1854 immer mehr zur zentralen Figur allen Erlebens geworden. Und als Wadsworth 1861 einem Angebot folgte und nach San Francisco an die Calvary Church ging, begann jener Lebensabschnitt, in dem das Wort Calvary (= Golgatha, Schädelstätte) zu einer Schlüsselmetapher wurde. „At last, to be identified!“, „Endlich zu wissen, wer man ist!“ –:
Unverhofft fand die Dichterin ihre existentielle Bestimmung, nach der sie gesucht hatte, nun, als sie sich herausgefordert sah, die eigene Identitätslosigkeit zu bezeugen.
Die gestaute Lebenskraft, die sich künftig nicht einmal mehr auf illusionäre Art nutzen ließ, konnte nur noch mit Inbrunst auf ein Absolutes transzendiert werden, auf ein Absolutes, das freilich nicht mehr gleichgesetzt wurde mit dem Begriff eines heilen Jenseits. Denn Sentenzen wie

This World is not Conclusion.
A Species stands beyond –

Diese Welt ist nicht das Ende.
Ihr folgt noch etwas nach –

stehen Verse gegenüber, die vom Leben keine Zukunft und vom Tod keine Unsterblichkeit mehr erwarten:

Das Herz sucht Lust zuerst,
Und dann, Erlaß vom Leid,
Und dann, ein Stillungsmittel,
Das jeden Schmerz betäubt,

Und dann, zur Ruh zu gehn,
Und dann, in letzter Not,
So es sein Inquisitor will,
Das Anrecht auf den Tod.

Hineingewachsen in eine Tradition frustrierender Normen, brachte die Dichterin zwar die Energie auf, die zu einer asketischen Lebensweise nötig war; ihre Lyrik aber, der problematische Gewinn aus Verzicht und Abgeschiedenheit, konnte und kann lediglich mit Einschränkungen als religiös gelten. Ähnlich wie zwei Jahrhunderte zuvor die mexikanische Nonne Juana Inés de la Cruz, so war auch Emily Dickinson gezwungen, ihre christlichen Wertvorstellungen in Relation zu den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zu setzen, mit dem Resultat, daß die Idee einer paternistischen Weltordnung an Bedeutung verlor und sich ein Verlangen nach Naturhaft-Bewußtseinslosem einstellte:

The Grass so little has to do
I wish I were a Hay –

So wenig hat das Gras zu tun
ich wünscht, ich wär ein Heu –

Emily Dickinson brachte in ihren Versen Stimmungs- und Bewußtseinslagen zum Ausdruck, die andere Poeten nur in konventioneller Sprache oder in theoretischer Terminologie formulieren konnten. Ob es sich darum handelte, die Unwahrheit tradierter Sprüche zu entlarven („Man sagt, ,die Zeit bringt Linderung‘ – / Die Zeit hat nie gelindert“); oder ob sie die Erde als ein relativierbares System kausaler und räumlicher Zuordnungen beschrieb („,Morgen‘ – heißt ,Melken‘ für den Farmer – / Für Teneriffa heißt es – Dämmerung“): stets gelangen ihr, die alle Erlebnisse tief in sich eindringen ließ, Verbalisierungen, die Umschmelzungen und Neuschöpfungen waren:

Es klang, als kämen die Straßen gelaufen
Und dann – standen die Straßen still –

Oder:

Lustig – ein Jahrhundert zu sein –
Und zu sehn – wie die Leute passieren –

Diese Lyrikerin, die sich an der Bibel, an Shakespeare, an den englischen Metaphysikern sowie an Keats und an den Brownings geschult hatte, schrieb Gedichte, die, wenn sie (anders als die welthaltigen Poeme ihres Zeitgenossen und Landsmannes Walt Whitman) auch noch metrisch gebunden waren, dadurch bereits etwas extrem Modernes hatten, daß sie häufig mit einer frappanten Gnome beziehungsweise mit einer unkonventionellen Metapher zuzupacken verstanden:

Drowning is not so pitiful
As the attempt to rise.

Oder:

The face I carry with me – last –
When I go out of Time –

Oder:

Much Madness is divinest Sense –
To a discerning Eye –

Anschließend an solche Formulierungen wurde dann der stoffliche Komplex meist nur noch abgewandelt. Doch stets erwiesen sich Ironie und Paradoxon als Mittel, die vor Rhetorik ebenso bewahrten wie vor Sentimentalität:

My life closed twice before its close;
It yet remains to see
If Immortality unveil
A third event to me,

So huge, so hopeless to conceive
As these that twice befel.
Parting is all we know of heaven,
And all we need of hell.

Schon zweimal schloß vor seinem Schluß
mein Leben, laßt nun sehen,
ob Ewigkeit zum dritten Mal
mir zuteilt solch Geschehen,

so unbegreiflich hoffnungslos
wie die zwei ersten Fälle.
Scheiden – das weiß man vom Himmel bloß –
und das reicht für die Hölle.

Emily Dickinson, die mit kritischer Vehemenz den Kommerzialismus Neuenglands anprangerte, wenn sie sagte „Ihr Reichen – lehrt mich – arm zu sein“, war sich, zumindest bis zu einem gewissen Grade, der gesellschaftlichen Besonderheit ihrer Lage bewußt. Doch wenn sie auch spürte, daß es ihre spezifischen Umstände waren, die sie zu Untätigkeit und zu femininer Wesenlosigkeit verurteilten, so erschöpfte sie sich keinesfalls in der Attitüde bloßen Protests. Dazu war sie seelisch zu stark in metaphysischen Vorstellungen. gefangen:

Die Abdankung des Glaubens
Engt das Verhalten ein –
Besser einem Irrlicht folgen
Als im Finstern sein –

Diese Verse, vermutlich vier Jahre vor dem Tode geschrieben, lassen erkennen, daß die Dichterin letztlich eine elegisch-ironische Wartestellung zwischen christlicher Religiosität und naturwissenschaftlichem Erkenntnisdrang eingenommen hat. Emanzipationswille brachte für sie, die den Denkkategorien ihrer Zeit und den Bedingtheiten ihres Milieus nicht völlig Entwachsene, keine faktische Befreiung, sondern im Gegenteil ein intensiviertes Kerkererlebnis, zumal es ihr nicht möglich war, die sexuelle Komponente ihrer Situation schon so klar zu erkennen, wie das später etwa der junge Eliot oder – nach ihm – Robert Creeley vermochte, ein Lyriker, der sich dem Puritanismus bereits programmatisch widersetzen konnte.
Für die Dichterin aus Amherst gab es noch keinerlei Gelegenheit, die eigene Problematik im Gespräch, im kreativen Dialog mit einer größeren Öffentlichkeit oder auch nur einer eingeweihten Minderheit zu klären. Emily Dickinson war gezwungen, ihren Konflikt, mochte er noch so dynamisch nach außen drängen, zu verinnerlichen. Weil ihr jedoch die soziologisch-psychologischen Wechselwirkungen weitgehend unbewußt blieben, kam es zu einem immensen Affektstau, der sich in abrupter Bildhaftigkeit entlud. Der Raum, in den hinein die Dichterin projizierte, war eine pantheistische Region, die jedoch konkreter war als die (mehr intellektualistisch beschaffene) Bezugswelt der Transzendentalisten. Von Kindheit an mit den Erkenntnissen der Botanik, der Astronomie und der Chemie vertraut, ging es Emily Dickinson darum, die „einfachen Nachrichten der Natur“ einzufangen und mit einer Genauigkeit weiterzugeben, die ihrer Poesie trotz einer bestimmten konjunktivistischen Beschaffenheit die Qualität empirisch-sensualistischer Faßbarkeit verlieh:

Eine Wiese zu schaffen brauchts
Nur eines Klees und einer Biene.
Eines Klees und einer Biene sowie
Eines bißchen Träumerei,
Das Träumen allein schon reicht,
Falls es an Bienen mangelt.

Hans-Jürgen Heise, aus: Hans-Jürgen Heise: Das Profil unter der Maske, Claassen Verlag, 1974

 

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Fakten und Vermutungen zur Übersetzerin
Fakten und Vermutungen zur Autorin + Archiv
Archibald MacLeish über Emily Dickinson

 

Emily Dickinson: The Poet In Her Bedroom.

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