Erich Fried: Es ist was es ist

Fried-Es ist was es ist

DEUTSCHES HERBSTSONETT

Herr, schenk uns Untrigkeiten deine Klänger,
daß unsre Warben sich mit Schönheit füllen,
und wenn Frostilien freie Rhythmen brüllen,
erkleistre uns und nicht die Stampfbedränger!

Das letzte Eulenschwein ergreift die Macht
und schwirrt durch deinen Dom auf Straußenklauen;
Libellen wills mit Megatherien trauen! −
Nachrüstern glühn im Park voll düstrer Pracht.

Auf kahler Höhe fault die Glanzkredei:
Es hat viel Hoffnungsgrün an ihr gehangen,
jedoch das Bundgewicht hat sie zerdresselt.

„O, wär doch eins, zwei, drei die Freiheit frei!“
sprollt eine Kinderwurzel voll Verlangen:
„Sonst sind wir so gebrutlos eingefresselt.“

 

 

Erich Fried: Es ist was es ist

Der Titel des neuen Gedichtbandes von Erich Fried ist formal eine Tautologie, welche die Hilflosigkeit von Sprache, die Relativität sprachlicher Verständigung betont. Soll nun eine Realität Recht bekommen, nur weil sie ist? Zeigt die Formel eine Resignation gegenüber dem oft revolutionär getönten Veränderungswillen an, der bislang Frieds Überzeugungen grundierte und Erfahrungen trug? Nichts weniger. Immer schon hat Fried gegenüber sich ideologisierender Rede auf dem Eigensinn von (natürlicher und sozialer) Wirklichkeit bestanden. Dieser Titel ist der Liebe in den Mund gelegt, gehört zu einem der schönsten Liebesgedichte, die Fried geschrieben hat, und es beginnt:

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Dieses Mißtrauen gegenüber den Einreden, deren Legitimität doch stets fraglich ist, reicht als politische Haltung bis in die Liebesgedichte hinein, die vornehmlich den ersten Teil des Bandes bestimmen. Gekonnt, vielbedeutsam, bedacht (wie immer) setzt Fried seine Worte. Den alltäglichen Vorhalt „Was soll uns die Liebe?“ / „Welche Hilfe / hat sie uns gebracht / gegen alles / was uns zerstört?“ kehrt er um. Nicht sie hat uns, wir haben sie verraten:

Welche Hilfe
haben wir ihr gebracht
… gegen alles
was sie zerstört?

Von menschlich-sinnlicher Begegnung sprechen die Texte wie von ungestillter Sehnsucht, das Geheimnis ihrer anrührenden Wirkung liegt wohl im liebenden Vorsatz:

Dich
dich sein lassen
ganz dich

Die zweite Abteilung enthält vor allem politische Gedichte, die den Typus des Friedschen Warngedichts durchaus wieder/immer noch als aktuell ausweisen. Sterbeleben heißt dem Autor dieses Leben, darin man „am Zuvieltun und am Zuwenigtun“ zugrundegeht. Marx wird gegen seine wendigen wie gegen seine orthodoxen Schüler verteidigt:

Von seinen Erkenntnissen
sind weniger veraltet
nach so langer Zeit
als er selber erwartet hätte.

Frieds Wortklage konstatiert zwar (gegen linken Sprachgebrauch): „Das Wort Entfremdung ist selbst entfremdet / das Wort Verdinglichung / selbst schon verdinglicht“; doch die Kritik geht überhaupt gegen Wortführer an, welche die Worte mundtot gemacht haben „und worttot / die Münder der von ihnen / entmündigten Menschen“. Erkenntnis wird über das Wörtlichnehmen der Sprachbilder (hier des Entmündigens) vermittelt. Daneben stehen selbstironische Verse („Lebensaufgabe“), die dem politischen Engagement schärfer nachfragen, als mancher politische oder poetische Gegner es wagte.
Die Texte der dritten Abteilung geben eine Antwort hierzu. Frieds Sorge gilt ganz der täglich wahrnehmbaren Planung eines Atomkriegs. Wie in den Vietnam-Gedichten greift er teils auf sehr alte Volksliedformen und den Gestus des Nennens zurück, um solche Ungeheuerlichkeit kommunizierbar zu machen (ist sie’s?); der Text „Zukunft?“ beginnt

Die Sonne ist die Sonne
Der Baum ist der Baum
Der Staub ist der Staub
Ich bin ich du bist du

Die Sonne wird Sonne sein
Der Baum wird Asche sein
Der Staub wird Glas sein
Ich und du werden Staub sein

Die Warngedichte tragen ein wenig Hoffnung aus, die sich hinter der Formel Aber vielleicht versteckt. Die Themen sind so vielfältig und einförmig wie das Unrecht in der Welt: der Hunger, die Rüstung, der Neofaschismus, Israels gewalttätiger „Bau einer zionistischen Großmacht“, die zynischen Vorsorgemaßnahmen für den Atomkrieg; die provokative Verbindung von Faschismus und Atomkriegsplanung wird (über ökonomische und sozialpsychologische Andeutungen) einleuchtend gemacht:

Und das ist die Gegenwart
und wir haben sie nicht bewältigt

Der Schlußteil des neuen Bandes thematisiert wiederum die Dichtung; es sind Gedichte der Dämmerung, der Einkehr, des Traums, des Abschieds, stiller vielleicht als manchmal bei Fried; doch lassen sie sich kaum als resignativ oder unpolitisch charakterisieren; eher sind sie realistisch-skeptisch, mit dem Vorbehalt des ,Aber vielleicht‘.

Alexander von Bormann, Deutsche Bücher, Heft 1, 1984

Für Träumer und Realisten gleichermaßen

Dieser wunderschöne Gedichtband beinhaltet alles, was Erich Fried ausmacht: Sehnsucht und Provokation, Liebe und Streit, Freiheit und Verbissenheit. Zu jeder Tageszeit und in jeder Lebenslage zu genießen.

Constanze Resch, amazon.de, 17.6.2009

Deutsche Lyrik at its best!

Es ist was es ist ist vermutlich der beste Band zeitgenoessischer deutscher Lyrik. Fried beherrscht die Kunst selbst erlebte Gefuehle raffiniert und klar auszudruecken wir kaum ein anderer. Seine Kunst mit Worten umzugehen wirkt weder trivial noch gekuenstelt – trifft oft direkt ins Mark. Und er spricht an, was sich andere nicht trauen und laesst weg, was ohnehin keiner braucht.

Clemens Riedl, amazon.de, 24.12.2010

Fried hallt nach

Was ich an modernen, zeitgenössischen Gedichten oft vermisse, ist der Nachhall, der bei Erich Fried zu finden ist.
Seine Texte hallen nach, haben Klang, Substanz. Sie sind nicht so verschachtelt, dass man sie kaum noch versteht, und er lässt auch die verbindenden Worte nicht weg, nein, er schreibt sie. Fried schreibt Gedichte mit scheinbaren Wiederholungen, die aber keine Wiederholungen sind, sondern Nuancen, Nachfühlungen, Interpretationen, die gleichzeitig zum eigenen Nachfühlen anregen. Frieds Gedichte entführen aus dem Hier und Jetzt in eine andere Welt, poetisch, mit einfachen, klaren Worten, die jeder, auch der Ungebildete, versteht. Man muss nicht studiert haben, um den Nachhall in Frieds Gedichten zu erkennen. Man muss nur den Mut haben, seine Texte zu lesen. Der Rest ergibt sich von selbst.

P. Hastings, amazon.de, 1.3.2011

 

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Augenblicke mit Erich Fried

Es will mir nicht gelingen, genau die Umstände zu erinnern, die zu unserer ersten Begegnung führten. Ganz sicher war es nicht so, daß da einer stand und uns miteinander bekanntmachte, worauf wir ein vertrautes oder auch höchst unvertrautes Gespräch miteinander führen konnten.
So war es gewiß nicht. Ich nehme an, daß ich Erich Fried in den ersten Nachkriegsjahren irgendwo in Berlin kennenlernte. Da häuften sich die Kongresse der Schriftsteller, der Antifaschisten, der zurückgekehrten oder noch nicht wirklich zurückgekehrten Emigranten. Die Russen, Amerikaner und Engländer präsentierten ihre Rezepte für die deutsche Zukunft: verstanden jeweils als Zukunft der jeweiligen Besatzungszone. Die Franzosen blieben noch im deutschen Südwesten. Baden-Baden und die neue Universität Mainz genügten ihnen, mit Thomas Mann zu sprechen, als „geistige Lebensform“.
Woran ich mich freilich genau erinnere, das ist eine Warnung vor Erich Fried. War es beim Ersten deutschen Schriftstellerkongreß im Oktober 1947, oder war es etwas später bei einer anderen ähnlich strukturierten Bilanzierungstagung, daß einer der heimgekehrten deutschen Kommunisten, mit denen ich damals im Bündnis stand, höchst negativ über den Österreicher Erich Fried sprach? Der sei ein Berichterstatter der British Broadcasting Corporation, also der „berüchtigten“ BBC. Man weiß heute, daß kommunistische Politiker damals durch Stalins Geheimpolizei zum Galgen geführt wurden in Sofia, Budapest oder Prag, weil sie – im Rahmen der Sieger-Allianz über das Dritte Reich – mit den westlichen Medien und Institutionen irgendeine Verbindung gehabt hatten. Der deutsche Kommunist Leo Bauer hatte auf Wunsch der Russen und seiner kommunistischen Parteifreunde mit Hilfe der amerikanischen Militäradministration die Rückkehr vieler Emigranten nach Kriegsende organisiert. Ab 1948 war das eine haarsträubende und todeswürdige Verräterei, die für Bauer zwar nicht mit einer Hinrichtung, doch mit einer Deportation nach Workuta enden sollte. Er konnte dann befreit werden, kam zurück in die Bundesrepublik, war aber bereits vom Tode gezeichnet. Aber Leo Bauer hatte nur im Parteiauftrag mit westlichen Stellen wünschbare Aufgaben abgewickelt.
Erich Fried hingegen war – gleichfalls im Rahmen einer Allianz der späteren Siegermächte – Rundfunksprecher gewesen bei den Engländern. Wäre Erich Fried, aus welchen Gründen immer, nach Kriegsende aus London in die sowjetische Besatzungszone gekommen, um dort, gemäß der offiziellen Formel, an der „demokratischen Erneuerung Deutschlands“ teilzunehmen, er wäre im günstigsten Falle auch nach Workuta verschickt worden.
Erich Fried aber hatte, wie man später erfuhr, durchaus nicht das englische Exilland, wohin er auch seine Mutter noch hatte retten können, verlassen, sondern bloß die British Broadcasting Corporation. Ich habe niemals später mit Erich über die Gründe gesprochen. Da gab es, wie immer bei ihm, sowohl allgemein politische wie höchst persönliche Argumente. Fest steht in meiner Erinnerung hingegen, daß ich gegen Ende der vierziger Jahre, als ich bereits meine Professur an der Leipziger Universität angetreten hatte, von irgendeiner östlichen Stelle darauf hingewiesen wurde, dieser Erich Fried sei ein außerordentlich aufgeschlossener Mann, für dessen literarische Arbeit man sich interessieren sollte. Ich war Professor der deutschen Literatur und der vergleichenden Literaturwissenschaft.
Dies alles ist in der Erinnerung nebelhaft geblieben: Gerüchte wohl nur, zunächst negative, dann positive. Ich verband damals auch keine konkrete Erinnerung an irgendeine Begegnung mit Erich Fried. Vielleicht las ich ab und zu eines seiner Gedichte, hatte aber keinerlei Vorstellung von der Begabung oder Nicht-Begabung dieses Autors. Neugierig war ich nicht auf diesen Schriftsteller nach dem Verzehren solcher poetischen Häppchen.
Der Nebel wich, als ich im Laufe der fünfziger Jahre allmählich sowohl den Autor wie den späteren Freund Erich Fried für mich entdeckte. Im Jahre 1954 las ich Erich Frieds Übersetzung von Under Milk Wood von Dylan Thomas. Der hatte sein Spiel für Stimmen am 24. Oktober 1953 in New York aufführen lassen: mit großem Erfolg. Die englische Ausgabe erschien in London im Jahre 1954. Erich Fried war eng verbunden mit dem genialischen Dichter aus Wales. Er übersetzte das Stück Unter dem Milchwald. Es wurde dann auch auf deutschen Bühnen ein großer Erfolg. Ich sah die West-Berliner Aufführung, dann las ich das Stück, dann hatte ich für mich damit zwei Autoren entdeckt: den Dylan Thomas, dem ich leider niemals begegnen sollte, und den Erich Fried.
Den hatte ich bis dahin immer wieder einmal bei irgendwelchen allgemeinen Zusammenkünften von Autoren getroffen. Daß Erich in jenem Jahre 1954 am Internationalen Kongreß des PEN-Clubs in Amsterdam teilnahm, wohin ich zusammen mit Arnold Zweig, Brecht und Peter Huchel gefahren war, glaube ich nicht. Aber ein Jahr später war er dann dabei, in seiner Vaterstadt Wien an jenen schönen Frühjahrstagen des Jahres 1955, als der PEN-Club, kurze Zeit nach dem alliierten Staatsvertrag über Österreich, in Wien tagte. Die Kälte des Kalten Krieges war immer noch spürbar, doch Erich Fried betätigte sich, wie immer wieder später, und immer wieder fast unbedankt, als Vermittler zwischen den Sektoren und auch den Sektierern.
Wirkliche und vertraute Gespräche haben wir dann erst in den folgenden Jahren im Rahmen der Gruppe 47 geführt. Da wußte ich nun, wer das war, mit dem ich sprach. Seitdem bleibt bei mir der Eindruck vorherrschend, daß ich ihn immer schon kannte, und daß er immer schon mein Freund war. Ich meine sogar, daß ich früher als Erich diese Gefühlsentscheidung vollzog. Er hat vielleicht weil er stärker als ich beeinflußbar blieb durch gute oder böse Ratschläge anderer Leute wesentlich mehr Zeit gebraucht, bis er mich gefunden hatte. Es will mir aber beim Rückblick scheinen, als hätte ich zwar weniger Zeit gebraucht als Erich Fried, den Freund im anderen zu entdecken, dafür aber einige Zeit verstreichen lassen, bis ich Dimension und Format des Dichters Erich Fried ermessen konnte.
Es geht wohl noch auf jene mittleren fünfziger Jahre zurück, daß ich Erich Fried, dem Kind eines jüdischen Elternhauses zu Wien, von meinem jüdischen Elternhaus in Köln am Rhein erzählte. Von meiner Schulzeit, den albernen Schulaufsätzen, darunter einem mit dem besonders albernen Titel „Was ist uns Deutschen der Wald?“ Erich Fried lachte, als ich davon erzählte, dann verging ihm das Lachen. Man begreift, wenn man sein berühmt gewordenes Gedicht liest, das eben den Titel meines Kölner Primaneraufsatzes als Überschrift trägt: „Was ist uns Deutschen der Wald?“. Er hat mir das Gedicht gewidmet. Ich habe später oft Lesungen von ihm gehört. Genau so wie Peter Huchel betrachtete auch Erich die Widmung eines Gedichtes als dessen Bestandteil. Die wurde stets mitgelesen.

Bei den Tagungen der Gruppe 47, an welchen ich seit 1959 regelmäßig teilnahm, saßen wir meistens in der ersten Reihe nebeneinander. Damit hatte der Chef Hans Werner Richter, indem er es duldete, zu erkennen gegeben, daß er Fried auch als namhaften Kritiker für sich eingeordnet hatte: im Rang also gleichberechtigt neben Höllerer oder Walter Jens und Joachim Kaiser. Es gibt schöne Photographien, die uns beide, den Fried und den Mayer, dort nebeneinander zeigen. Meistens in heiterer Stimmung. Erich hatte viel Humor, wodurch er sich gerade auch den Bewohnern seines britischen Exillandes empfahl. Womit er sich übrigens auch als Shakespeare-Übersetzer empfehlen konnte. In den Debatten nach einer Lesung vor den 47ern war Erich, ganz wie in allen seinen übrigen Lebensbereichen, ein Mann der Mitte und der Vermittlung. Was entschiedene Stellungnahmen keineswegs ausschloß. Doch erinnere ich mich nicht an irgendeinen fulminanten Verriß. Es lag ihm nicht, dem Erich Fried, durch geistvolle Bosheit für sich Gelächter zu erzeugen und einen Schriftsteller zu demütigen, der gerade vor der Gruppe einen neuen Text vorgetragen hatte. Es gehörte zu seinen Eigentümlichkeiten: daß er überhaupt nicht geltungssüchtig war. Er flößte Vertrauen ein, war kein Angeber, nahm andere Menschen ernst, hätte es abscheulich gefunden vor sich selbst, sie zu benutzen für den eigenen Aufstieg, indem er sie entweder demütigte oder umschmeichelte.
Dieses Gefühl für Fairneß, das eng und merkwürdig verbunden war mit einem geheimen Unernst gegenüber allem, was mit Literatur zu tun hatte, darf nicht mit lauwarmer Freundlichkeit verwechselt werden. Die konnte er nicht ausstehen. Er glaubte an seine geistigen und politischen Positionen, auch wenn er sie insgeheim im Laufe der Jahre immer ein bißchen für sich selbst revidierte. Wer mit solchen Positionen vor ihm in Widerspruch geriet, bekam es zu spüren. Dann gab es keine Jovialität, sondern Zorn und lautstarken Eifer.
Den habe ich auch ein paarmal zu spüren bekommen, und es sah so aus, als habe Erich mir nicht bloß die noch junge Freundschaft gekündigt, sondern alles Wohlwollen entzogen. Sonderbar aber: ich vergesse Kränkungen nicht leicht, wenn überhaupt, bin sozusagen „nachtragend“, wie man das zu nennen pflegt. Allen Zorn aber meines Erich Fried habe ich, wie ich heute weiß, niemals besonders ernstgenommen. Wir hatten uns entzweit über Literatur und Autoren. Einverstanden. Das schloß für mich die Nähe zu ihm überhaupt nicht aus. Erich hat das damals wohl anders gesehen.
Da gab es beispielsweise im Jahre 1967 die schöne Geschichte mit dem Schweinekopf und der Schweinekopfsülze. Das war ein Gedicht von Günter Grass aus dem damals gerade erschienenen dritten Gedichtband „Ausgefragt“. Es war eigentlich der Text mit der Überschrift „Schweinekopfsülze“, eingebunden mit ein paar anderen Texten unter dem Obertitel „Zorn Ärger Wut“.
Poetische Emotionen des Autors der Blechtrommel am Vorabend gleichsam des Jahres 1968.
Das Gedicht von der Schweinekopfsülze kommt zweigleisig daher, voller Tücke. Es beschreibt sehr ausführlich und – wie so gern und häufig bei Günter Grass – höchst unappetitlich die Herstellung einer Schweinekopfsülze mit allen Einzelheiten, wie man sich das Fett in den Schweineohren zunutze macht, wie man die Zähne auszubrechen hat usw. Bis man schließlich die Sülze lieben Gästen servieren kann und sogar noch einen Nebengewinn erzielt in Form einer schmackhaften Suppe:

die, wenn man Wruken, Graupen, sonstige Kümmernisse
oder geschälte Erbsen beilegt,
kinderreichen Familien ein zwar einfaches,
aber nahrhaftes Essen zu ersetzen vermag.

So weit, so gut, oder schlecht. Das war das eine Geleise dieses Gedichts. Auf dem zweiten Geleise aber erfuhr man: Zorn, Ärger, Wut. Mitgekocht wird vom Autor die Wut. Auch sie muß kalt werden als Sülze, um dann „kalt genossen zu werden“. Es ist die Wut des Sozialdemokraten Günter Grass, der als solcher natürlich verachtet wird von den künftigen Achtundsechzigern. Mithin auch von Erich Fried. Der macht sich als Rezensent zum Sprecher seiner Freunde, indem er den Gedichtband Ausgefragt schnöde verreißt. Freilich ohne die leiseste Andeutung darüber, daß er, in Sachen der Schweinekopfsülze und der mitgekochten Wut, doch wohl selbst hier Partei ist.
Ich las die Rezension von Fried und ärgerte mich darüber. Der Berliner Tagesspiegel hatte mich gebeten, den Gedichtband von Grass zu rezensieren. Ich war im Rückstand mit der Rezension, hatte andere Arbeiten vorher zu erledigen, schrieb also erst nach einiger Zeit über die Neuerscheinung. Ich teilte aber in meinem Text mit, daß ich zwar im Verzug sei, aber nun den Vorteil hätte, die Rezensionen anderer Kollegen gelesen zu haben. Dann machte ich mich her über Erich Frieds Rezension. In Sachen der Schweinekopfsülze sei er nun einmal Partei und hätte dem freundlichen Leser das wohl mitteilen sollen. Im übrigen sei ich auch literarisch nicht der Meinung des geschätzten Kollegen.
Erich muß sich wütend geärgert haben über meinen Angriff. Ich las kurz darauf – vermutlich hat er selbst sie mir geschickt – seine Entgegnung, worin er meine Mitteilung, daß ich verspätet rezensiert hätte, seinerseits zusammenkocht mit dem Thema jenes Gedichtes. Jedenfalls wurde ich von Erich Fried in seiner Polemik nun als „hinterherhinkender Schweinekopf“ apostrophiert.
Auf Ehre: ich habe mich damals nicht geärgert, habe nur gelacht. Es war einfach zu blöde. Aber damit war unsere persönliche Beziehung abgebrochen. Sollte ich, der verspätete Schweinekopf, nun antworten?
Ich will nicht in den Büchern nachsehen, wann alles genau gewesen ist, sondern dem Spiel, sogar der Ungenauigkeit, der Erinnerung folgen. Um jene Zeit der Jahre 1967 und 1968 veranstaltete ich als Professor der Technischen Hochschule, dann Universität Hannover ein literarisches Colloquium. Wir luden regelmäßig begabte, aber noch nicht wirklich prominente Autoren zu Lesungen ein. Ein ganzes Wintersemester lang holten wir uns die Autoren nur aus Österreich. Es klingt heute fast unwahrscheinlich, was damals ohne Schwierigkeit stattfinden konnte. Alle Eingeladenen waren gekommen im Laufe des Semesters: Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Oswald Wiener, Erich Fried, Peter Handke, Thomas Bernhard. Damals aber kam es nicht zu einer Begegnung mit Erich, denn am Tage seines Auftretens mußte ich im Ausland sein, ließ mich bei der Veranstaltung durch einen Mitarbeiter vertretenn hörte dann bei der Rückkehr, Erich Fried habe selbstverständlich großen Erfolg gehabt bei der Lesung, sei aber freundlich, sogar herzlich gewesen, habe sich auch, als wäre nichts geschehen, nach mir erkundigt und Grüße aufgetragen.
Später gab es noch einmal einen poetischen Krach zwischen uns. Diesmal hatte ich den Streit angefangen. Ich bin wahrlich kein Lyriker, schreibe aber bisweilen boshafte Epigramme, die man nicht mit Gedichten verwechseln sollte. Als ich ein Dutzend beisammen hatte, dazu eine Coda als Nummer 13, ließ ich sie bei Hans Bender in den Akzenten drucken. Boshaftigkeiten vom Anti-Theater bis zu Zwerenz. Häufig mit einem abgewandelten berühmten Zitat als Ausgangspunkt. So auch im Falle von Erich Fried:

Geh aus mein Herz und suche Fried:
Das Morgenblatt soll er bedichten,
Damit beim Lesen der Geschichten
Man gleich die Nutzanwendung zieht.

Das richtete sich gegen Erichs damalige Tendenz, möglichst jede politische und gesellschaftliche Aktualität, ohne Rücksicht auf die Frage, ob richtig oder falsch berichtet worden war, umzufunktionieren mit Hilfe eines Gedichtes. Auch diesmal hatte er es gelesen, wie er alles las. Die Antwort war fällig. Sie fiel vergleichsweise milde aus. Es entstand ein Gegengedicht, das er mir zuschickte. Es lautete so:

Geh ein mein Herz, getroffen von Hans Mayer,
von einer Xenie fein und dennoch roh,
längst kennt auch andre Lieder meine Leier
allein – Dein Spott macht meine Feinde froh −
Die Nutzanwendung, daß sie jeder sieht:
Krieg den Palästen, aber Fried’ dem Fried.

Man sieht: der gebildete Literat Erich Fried antwortete auf ein Epigramm, das mit der Paraphrase eines Zitats aus dem Barockzeitalter begonnen hatte, gleichfalls mit einem Zitat, das er jedoch an den Schluß seiner Polemik stellte und das er sich bei Georg Büchner und dem „Hessischen Landboten“ entlieh. Friede den Hütten, Krieg den Palästen. Erich Fried als die Hütte.
Es muß um jene Zeit gewesen sein, daß man uns beide nach Hamburg einlud: zur Teilnahme an einem der Bergedorfer Gespräche. Der Gastgeber Kurt A. Koerber pflegte seine Gäste dann jeweils in einem berühmten Hotel der Hansestadt unterzubringen. Dort standen wir plötzlich nebeneinander am Empfang. Wir waren gleichzeitig eingetroffen und warteten darauf, untergebracht zu werden. Ich hatte ihn gar nicht gesehen. Er kam auf mich zu, hatte ein komisch-demütiges Gesicht aufgesetzt und sagte: „Hans, bist du mir sehr böse?“ Ich wußte sofort Bescheid, lachte, dann sagte ich: „Erich, du hast bei mir einen fast unbegrenzten Kredit.“

Er war halt ein Lyriker, auch mitten im politischen Getümmel, und ganz sicher im banalen Alltag. Alles wurde ihm zur Inspiration, zum Text, zum Sprachspiel, in wichtigeren Fällen zur dichterischen Aussage. Gerade dadurch aber hat er scheinbare oder wirkliche Mitstreiter, die nun wahrlich keine Lyriker waren, oft irritiert oder auch verstört. Darüber erfuhr man immer wieder, wenn von Veranstaltungen berichtet wurde, an denen Fried teilgenommen hatte. Erich hatte feste und unabdingbare Überzeugungen, doch irgendein Fraktionszwang war ihm ganz fremd. Bei einer öffentlichen Debatte – war es nicht bei einem dieser turbulenten Römerberg-Gespräche in Frankfurt? – sei er mitten in einer Diskussion, wo die Fetzen flogen, plötzlich aufgestanden, um seinen (scheinbaren) Parteifreunden erzürnt zuzurufen: „Also, liebe Freunde, so kann man doch nicht diskutieren…“. Als man mir davon berichtete, habe ich mich gefreut. Dergleichen kannte auch ich. Ein Vertreter des Studentenrates hatte mir in Hannover vor einer wichtigen akademischen Sitzung einmal gesagt: „Bei Ihnen weiß man ja nie, wie Sie abstimmen werden.“ Er hatte recht. Ich stimmte ab nicht im Sinne einer Liste oder Fraktion, sondern jeweils nach meiner Beurteilung des Tagesordnungspunktes.
Zum lyrischen Engagement Erich Frieds im politischen und gesellschaftlichen Leben hat es wohl gehört, daß er nicht bloß zuhören konnte, wenn man ihm widersprach, sondern daß er sich auch überzeugen ließ. Dann verließ er, aus geistiger Redlichkeit, mitten in der öffentlichen Debatte die bisherige Position und teilte mit, daß er die Dinge jetzt anders verstanden habe. Auch da gab es wieder in der eingeschworenen Fraktion die Irritation nebst Verstörung.
Zu Beginn der 80er Jahre, wir waren längst wieder gut Freund miteinander, wurden wir gemeinsam nach Hannover eingeladen zur öffentlichen Debatte über ein angebliches Unrecht, das meine dortige Universität (ich war längst emeritiert) an einem bedeutenden Bildenden Künstler begangen habe, einem Mitglied ihres Lehrkörpers. Gegner der Hochschule zeigten sich bemüht, den Fall, der gar keiner war, möglichst hochzuspielen. Man verglich das angebliche Unrecht mit dem Verhalten der einstigen Technischen Hochschule Hannover aus den 20er Jahren gegenüber ihrem Philosophieprofessor Theodor Lessing. Den hatte man in der Tat politisch verfolgt, geächtet, ins Exil getrieben, wo man ihn, als Deutschland erwachte, offiziell umbringen ließ. Es wurde ein Kopfgeld gezahlt. Der Vergleich der jetzigen Hannoverschen Kontroverse mit dem Fall Theodor Lessing war absurd. Das versuchte ich in einer ausführlichen Analyse des Falles auseinanderzusetzen. Gedankt haben mir später dafür sowohl die Universität als auch der Maler-Kollege. Erich Fried hatte vor mir gesprochen: von Grund auf falsch informiert und folglich anklägerisch, wozu es gar keinen Anlaß gab. Nach meinem Vortrag sah alles anders aus. Erich dachte nicht daran, nun den ursprünglichen Standpunkt eigensinnig beizubehalten. Man ging freundlich auseinander. Es war eine klärende Debatte gewesen.

In Wien habe ich ihn einmal, um die Mitte der 60er Jahre, als Lyriker bei der Arbeit erleben können. Die Österreichische Gesellschaft für Literatur hatte zu einem Symposion eingeladen über Probleme des zeitgenössischen Romans. Eine hochrangige Besetzung war angekündigt und in der Tat eingetroffen. Von Elias Canetti bis zu Alain Robbe-Grillet. Die Zuhörer saßen unten im Saal, für uns Referenten hatte man auf der Bühne einen großen Runden Tisch vorbereitet. Abermals saß ich neben Erich Fried. Er hat drei Tage lang ununterbrochen gedichtet. Was das Zuhören keineswegs ausschloß. Bisweilen meldete er sich auch zu Wort, dann merkte man, daß er alles mitbekommen hatte. Im übrigen schrieb er. Wenn ein „Gedicht“ fertig war, schob er es zu mir herüber. Ich schaute es an, nickte dann ein paarmal, retournierte es zumeist ohne Anmerkung. Dann nickte er. Die Faszination seines Gedichtbandes Reich der Steine von 1963 wirkte immer noch weiter. Nahezu alle Texte, so erinnere ich mich, die er zu mir herüberschob, hatten mit diesen Steinen zu tun, und natürlich mit der Sprache. Das durchaus Unmenschliche des Gesteins soll in die höchste Menschlichkeit einbezogen werden, nicht allein in menschliches Sprechen, sondern in die Sprache des Gedichts.
Der Lyriker Erich Fried wäre vermutlich verwundert gewesen, hätte man ihm vorwurfsvoll mitgeteilt: so schnell und so laufend, fast geläufig, habe ein Dichter nicht zu dichten. Erich Fried hielt nichts von der Aura des Dichters: eben weil er einer war. Das war Handwerk und Inspiration in einem. Mal gelingt es, meistens nicht.
In einem langen Leben habe ich mit vielen bedeutenden Lyrikern vertrauten Umgang gehabt.
Sie alle warteten jeweils auf den Einfall, die fehlende Zeile oder Strophe. Dann gab es, für die Zwischenzeit des Wartens, zwei mögliche Haltungen: die Position Rilke und die Position Gottfried Benn. Entweder die Entscheidung für das Parasitentum oder für das Doppelleben, worin man eine nützliche Tätigkeit ausübt und gleichzeitig wartet, bis die Sprache sich öffnet.
Erich Fried hat bisweilen diesen Dualismus unterlaufen, doch machte er sich nichts vor. Er schrieb immer wieder schnell, wie bei jener Tagung zu Wien, doch er warf dann fast alles auch sogleich wieder weg. Darin unterschied er sich von Johannes R. Becher, der auch laufend und geläufig dichten konnte, dann jedoch alles drucken ließ.

Seit dem Beginn der 60er Jahre haben wir uns an vielen Stellen und in vielen Städten getroffen. Einen persönlichen Streit, wenn wir beide zugegen waren, hat es niemals gegeben. Immer wieder diese nahe und tiefe Vertraulichkeit: in London und Wien, in Berlin und Hannover. Dennoch war ich überrascht im Jahre 1986, als Erichs 65. Geburtstag bevorstand, daß er gerade mich bitten ließ, bei der großen Feier im Wiener Konzerthaus, also vor mehr als 2000 Menschen, die Geburtstagsrede zu halten. Ich habe sofort zugesagt. Wer die Feier erlebt hat, wird sie nicht vergessen. Der österreichische Bundeskanzler überreichte ihm den Großen Staatspreis für Literatur. Erich Fried hielt keine Dankrede, sondern las am Schluß seine Gedichte, in denen von Dankbarkeit nicht besonders viel gesprochen wurde. Aber im Grunde habe ich erst an diesem Abend begriffen, welche dichterische Dimension hier spürbar wurde. Ich hatte Erichs Texte stets ernstgenommen, auch dort, wo ich entweder mit der Aussage nicht zurechtkam, oder wenig überzeugt wurde durch die Faktur des einzelnen Textes. Uneingeschränkt bewundert hatte ich stets den Übersetzer Erich Fried.
Nun aber, im Wiener Konzerthaus, wo es vibrierte in den vielen zumeist jungen Menschen und wo unzweifelhaft ein nicht minder „poetisches Klima“ spürbar wurde als bei der Lesung eines Peter Huchel oder Paul Celan, begriff ich, daß der Lyriker Erich Fried meine eigenen Vorstellungen von politischer Lyrik zu revidieren begann. Ich war immer noch fixiert gewesen auf die Meister der Neuen Sachlichkeit aus den 20er Jahren: Kurt Tucholsky und Erich Kästner. Und natürlich auf den Dichter der Hauspostille und der Buckower Elegien.
Erich Fried hat in der Tat unsere Vorstellungen von der politischen Lyrik wesentlich verändert.
Das erfährt man heute immer wieder, wenn man mit den „nachgeborenen“ jungen Dichtern spricht. Die bisherige Lyrik war angelegt auf die Aussage und die Thematik. Bei Erich Fried gab es gar nicht so besonders häufig ein „lyrisches Ich“ im Gedicht, auch dort nicht immer, wo in der ersten Person gesprochen wurde. Dominierend war die Sprache. Ihr wurde die Aussage abgelauscht. Sie hatte sich nicht in den Dienst einer Aussage zu stellen. Der besondere Zauber der späten Lyrik von Erich Fried liegt darin, daß er im Verlauf eines langen und qualvollen Sterbens, das ihn mehr und mehr inspiriert hat, die Einheit vollziehen konnte zwischen der objektiven Unendlichkeit von Sprache und der Subjektivität des lyrischen Ich.

Augenblicke mit Erich Fried. Als er tot war, kam er mir immer näher. Ich versuchte seine Gestalt für mich zu deuten: den Freund, den scheinbaren Widersacher, den Dichter mit seinem besonderen Dichtertum. Dann hatte ich mir die Frage zu beantworten, wie es möglich war, daß Erich Fried als lyrischer Dichter ein öffentliches Ereignis werden konnte, eine Instanz für eine immer bereitwilliger zuhörende junge Generation. Es konnte nicht die Aussage sein, die man bisweilen durch andere Redner und Prosaschreiber genauso gut erfahren durfte. Es war dieser besondere Mensch: Erich Fried. Er war nicht schön, nicht tugendhaft, nicht weise im Sinne eines vorsichtigen Abwägens, er konnte bisweilen sogar ein Ärgernis sein, und er hat es gewußt.
Doch kann ich mir nicht helfen: für mich ist er, und das wird wahrscheinlich nur ein Jude verstehen können, einer der jüdischen Gerechten gewesen. Ein Zaddik. Diesen Begriff gibt es seit Jahrhunderten in der europäischen Literatur. Voltaire hat eine solche Figur als Titel des Romans Zadig gewählt. Der Gerechte in der Tradition der Chassidim muß nicht schön sein oder tugendhaft, nicht fromm im Sinne der Orthodoxie oder weise im Sinne des Talmud. Er ist ein Erwählter. Auch Ernst Bloch hat über diese Form des Zaddik nachgedacht. Warum trifft die Erwählung nicht den frommen Rabbiner in einer der chassidischen Geschichten, sondern einen unfreundlichen und gar nicht besonders strenggläubigen Mann aus der Gemeinde des Rabbis? In der ernsten Stunde der Wahrheit ist er dann plötzlich sichtbar: der Gerechte.
Etwas davon habe ich immer gespürt, wie ich heute weiß, wenn ich mit Erich Fried zusammen war. Gespürt haben es viele.

Hans Mayer, 1991, aus: Hans Mayer: Über Erich Fried, Europäische Verlagsanstalt, 1991

Damals in Kilburn

– Erich Fried und seine zwölftausend Gedichte. –

Erich Fried kann seinem Lebenslauf getrost die Stirn bieten. Er kann sich nämlich an alles erinnern, was ihm seit seinem neunten Lebensmonat zugestoßen ist. Zweifelhaft bleibt, ob diese lückenlose Kenntnis der eigenen Biographie seinem ungeheuerlichen Gedächtnis oder Sigmund Freud zu verdanken ist. Jedenfalls ist Fried in Wien geboren. Daran kann er sich nicht erinnern. Es war 1921. Seit 1938 lebt er in England. Kenner der neueren deutschen Geschichte werden erraten, weshalb. Während des Krieges hat Fried die Fabriken, Molkereien und Glashütten der britischen Inseln als Hilfsarbeiter kennengelernt. Wenn er Milch trinkt, sieht er seitdem nachdenklich aus. Seit 1948 geht er in den labyrinthischen Redaktionsstuben der BBC aus und ein.
Erich Fried ist ein ausgezeichneter Übersetzer, der einzige, der mit den widerspenstigen Werken von Dylan Thomas fertiggeworden ist. Vor allen Dingen aber ist er selber ein Dichter. Die Leser folgen ihm zögernd, aber die Sprache folgt ihm aufs Wort und tut alles, was er will. Sie tanzt nach seiner Pfeife, schießt Kobolz und erhebt sich feierlich in die Lüfte. Dies alles fast unbemerkt: Fast heimlich schreibt Fried, was ihm einfällt nieder, in der tube, im Treppenhaus, im Bett, im Gehen, er schreibt es auf Bierfilze, Papierservietten, Zeitungsränder, Fahrscheine, er kann es nicht lassen. Das meiste ist ungedruckt, und man muß Fried besuchen, um etwas davon zu hören. Die ungefähr zwölftausend Gedichte, die er geschrieben hat, kann er allesamt auswendig. Er hat auch einen Roman geschrieben, aber dieser Roman ist gar kein Roman, sondern eine Abbreviatur aller literarischen Möglichkeiten, es sind Gedichte darin, Novellen, Parabeln, Essays, Kommentare, autobiographische Stücke, Anekdoten, Legenden, Mythen, Sonette, Limericks… Vielleicht haben die Leser Angst davor, Angst, Fried könne und wisse zuviel. Er sieht aus wie ein Fabelwesen. Er lebt in einem Vorort von London, mit Kind und Kegel, unter den wunderlichsten Büchern und Leuten. Seine Freunde nennen seine Wohnstatt das Aquarium. Die seltsamsten Leute von London schwimmen aus und ein, bringen tintenfeuchte Manuskripte, Selbstmordideen und alte Schlüssel mit, verabschieden sich um fünf Uhr früh getrost, beschenkt mit Versen, einer fast ungebrauchten Hose, lachend und weinend: sie waren bei einem Zauberer zu Gast.

Hans Magnus Enzensberger, Entstehungsdatum unbekannt, aus Hans Magnus Enzensberger: Scharmützel und Scholien, Suhrkamp Verlag, 2009

 

Lesung von Erich Fried am 25.9.1986 im Literarischen Colloquium Berlin

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Klaus Wagenbach: Nachruf auf Erich Fried

Detlef Berentzen: Ein gebrauchter Dichter. Eine Textcollage zum 15. Todestag von Erich Fried

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Fakten und Vermutungen zum Autor + 1 + 2 + Archiv
Georg-Büchner-Preis
Porträtgalerie
Nachruf auf Erich Fried: Die Zeit

 

Deutsche Dichterflora-Knollenfried

 

Erich Fried Liebesgedichte vorgetragen von Frank Hoffmann mit dem Jazztrio mg3.

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