Frank-Wolf Matthies: Morgen

Matthies-Morgen

*** FÜR ROLF PUHLMANN

Einem tritts in die nieren,
aaEiner geht auf allen vieren
aaaaEinem zerfetzt es den mumm
aaaaaaEinen legts um

Einer wird weiß wie ne wand
aaEin andrer verläßt über nacht das land
aaaaEiner fügt sich – gibt auf
aaaaaa& einer geht dabei drauf

Einen zerbricht es
aaEinem zerbricht es
aaaaEiner verschweigt es
aaaaaaEinen zerreißt es

Einer bekommt einen bart
aaEiner wird dadurch hart
aaaaEiner paßt sich unter die decke
aaaaaaEiner bleibt dabei auf der strecke

Einer findet seine liebste nicht mehr
aaEiner findet sich selbst nicht mehr
aaaaEiner schafft es ganz knapp
aaaaaaEiner stürzt ab

Einer gleicht einem stein
aaEinen flieht es ins schrein
aaaaEiner bleicht aus wie linnen
aaaaaaEin andrer stirbt schweigend
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanach innen

 

Das erste Buch des DDR-Autors Frank-Wolf Matthies

ist ein Beispiel für die Veränderung des Gesellschafts- und Literaturverständnisses der letzten Jahre. Die Gedichte und Prosastücke beschreiben die DDR-Wirklichkeit auf beeindruckende Weise. Im Spannungsfeld von Beziehungslosigkeit, Verbitterung, Ratlosigkeit und täglicher Verletzung vertritt dieser junge Autor das Lebensgefühl einer Generation, die nicht verantwortlich ist für vergangene Schuld, die nicht mehr bereit ist, das Bestehende zu akzeptieren, die anders leben will. Da gibt es keine Angebote, keine Kompromisse mehr, aber schmerzhaft genaue Beobachtungen. Unnachgiebig selbstbewußt und mit seltener Eindringlichkeit und Ehrlichkeit besteht Matthies auf Beendigung der Enttäuschung, und das gilt nicht nur für die DDR: „MORGEN werde ich mich aus dem sessel / erheben & zu der tür gehen, die mich herausbringt / aus der mitte des hauses, vorbei am geöffneten / balkon: sie wird meine hand nehmen mit der ihren / & sie legen in die andere: so werden wir es erreichen / den raum im großen traumhaus ständig zu betreten / indem wir ihn verlassen: frei von schuld: MORGEN“

Rowohlt Verlag, Klappentext, 1979

 

Friede, Gleichheit, Coca-Cola

– „Diese Scheißangst, die mir Mut macht“: Das erste Buch eines DDR-Schriftstellers. –

Glück sei schwer in diesem „satten Land“. Er schreibe, bekennt der Lyriker, „für die rebellische jugend“, die sich austobt bei Rock-Konzerten, „die arbeitet & lernt & / die sich langweilt an / den straßenecken & den öffentlichen / plätzen der stadt, den jugend / clubs & vor den fernsehgeräten / in den wohnstuben ihrer eltern / (die sich ihre sprachlosigkeit / vorschweigen) & für ihre liebe & / für die rolling stones“.

Diese Verse beschreiben nicht etwa bundesdeutsche Realität. Frank-Wolf Matthies’ Gegenstand ist die DDR, in der er lebt. Geboren 1951 in Berlin, war er nach Abschluß der mittleren Reife als Kunstschlosserlehrling, Bankhilfskraft, Reichsbahndispatcher, Hilfsschuster, Grabenzieher und beim Fernsprechamt tätig. Wegen „staatsfeindlicher Hetze“ befand er sich in Untersuchungshaft, anschließend Wehrersatzdienst als Bausoldat. Seit 1977 lebt Matthies als freiberuflicher Schriftsteller in Ostberlin.
Sein erstes und bislang einziges Buch –

Frank-Wolf Matthies: „Morgen – Gedichte und Prosa“: dnb 122, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck, 1979; 156 S., 10,-DM

Konnte nur in der Bundesrepublik erscheinen, denn in der DDR hat Matthies Veröffentlichungs- und Lesungsverbot. Schon wieder einer dieser gebeutelten Schriftsteller, die, bloß weil sie den „realen Sozialismus“ an seinem eigenen Anspruch zu messen wagen, stillgelegt werden?

Mit Matthies meldet sich eine neue Generation von DDR-Oppositionellen zu Wort, in einer Sprache, die derjenigen ihrer westlichen Altersgenossen nicht unähnlich ist. Bereits das Motto des Buches: „Denn nichts als Verzweiflung kann uns retten“ (ein Grabbe-Zitat) drückt eine vielen jungen Menschen gemeinsame gesellschaftliche Erfahrung in den späten siebziger Jahren aus. Frei von historischer Schuld, daher verständnislos und voller Wut beobachten sie das Staatstheater der Herrschenden, und es ekelt sie an. Sie wollen anders leben, sich nicht länger im Dienst des angeblichen Fortschritts verplanen, reglementieren, einsperren lassen, und so klagen sie ihr Recht auf Selbstverwirklichung und Glück aggressiv ein. Jenseits der Frage nach ihrer literarischen Qualität erscheinen mir Matthies Verse bedeutsam als eine Art soziales Porträt von Teilen der DDR-Jugend. Die Repression wird nicht mehr als „historisch notwendig“ legitimiert oder vorsichtig befragt (mit der Bitte, sie doch ein wenig humaner zu gestalten), sondern heftig angegriffen.

Die Gedichte und Prsosastücke dieses Bandes sind innerhalb von zehn Jahren entstanden und chronologisch angeordnet. Man könnte sie unter die auch in der Bundesrepublik wirksame Erziehungskurve fassen: Wie einem Optimismus und Lebensfreude ausgetrieben werden; oder: Wie einer unter dem Druck kruder Verhältnisse, gezwungenermaßen, sich politisiert. Noch zu Anfang, 1969, klingen Matthies’ Verse locker, harmlos, spontan. Jugendliche hocken im Arbeiter- und Bauernstaat beisammen, sprechen über Mao und LSD, hören Zappa, sie sind nicht besonders arbeitsam, nicht begeistert für den Staat, sie deklamieren „friede gleichheit coca cola“ und finden die Erwachsenen mit ihren feierlich verlogenen Gesichtern ziemlich komisch. Es sind die provozierenden Gesten der weltweiten Jugendrevolte, der Rock-Musik; unbefangen zupackende Verse: „he, ich bin der glücksgott / der kriegsgott bin ich auch / mit mir ist gut weintrauben / essen, he, ich bin der glücksgott.“

Bis 1973 schreibt, Matthies gereimte, liedhafte Texte, freche Moritaten, gebildet aus grotesken Reihungen, wie man sie etwa bei Lyrikern zwischen Expressionismus und Dada findet, bei Alfred Lichtenstein oder Jakob van Hoddis. Und wie sie besingt Matthies den Wechsel der Jahreszeiten in der geliebt-gehaßten Großstadt: „der frühling ist da. / die knospen platzen- / auf den mietskasernen / pfeifen massig spatzen. / ich schrei gedichte ich singe lieder- / hier ist frühling / der winter kriegt den nicht wieder.“

1974 beginnt Matthies’ Gedichten ein immer lauter werdender Protest gegen das allgemeingegenwärtige Kontrollsystem, gegen die Privilegien der Bonzen und Mitläufer, anfangs noch in metaphorischer Verkleidung, als unbestimmte Wut auf die „kälte“ der Stadt und ihrer Bewohner, in teilweise mißglückten Bildern, wenn etwa von den „betonierten schamlippen“, dem „stahlbetonglied“ der Stadt die Rede ist. Das Angstmotiv durchzieht von nun an Matthies‘ Verse, wie es sein Leben prägt: „die angst zwingt mich / zu feinerem stil – sie zwingt / mich in die metaphern / sie zwingt mich auch / formal – die angst, sie / ist für mich produktiv.“

Produktiv in der Weise, daß die Angst („diese scheißangst / die mir mut macht“) dem Autor hilft, die Dinge so zu sehen, „wie sie wirklich sind“. In einem „Nachtrag ins Vernehmungsprotokoll“ überschriebenen Gedicht formuliert Matthies eine Art Bekenntnis. Er schreibe „für die benutzer der betonsilos“, für die „wohnungssuchenden“ wie für die „6-zimmer-besitzer“, auch „für die parasiten beim / wohnungsamt, in den büro-palästen: die deutsche / beamtensau“, für die „feisten NEUEN DEUTSCHEN LITERATUR-verwalter“, „für die beamten der DEUTSCHEN VOLKS / POLIZEI … die jeden zweifel / in feindschaft umdeuten / & jede kritik in verrat“ – für sie alle schreibt er nun mit der Angst und dem Mut „des sich im unrecht wissenden“.

Neben explizit politischen Gedichten macht er weiterhin einfache Lieder, gereimte Unsinnspoesie, Wortspielereien, Figurenporträts (so eines über den verehrten Günther Bruno Fuchs, dessen Figur, in dichter, rhythmisch verknappter Sprache, aus Sätzen und Redewendungen entsteht), Tierparabeln, ein Rätselgedicht, dessen Lösung, aus den Anfangsbuchstaben der Verse gebildet, „WOLF BIERMANN WIEDER SINGEN DARF“ lautet. Es gibt Gedichte, die – nach Préverts Vorbild – in der puren Aufzählung von Gegenständen bestehen. Und es gibt schließlich fast hermetische Verse, deren Bildlichkeit an Trakl und Benn orientiert scheint. Dabei wirkt Matthies hilflos, in konventioneller Metaphorik und forcierter Künstlichkeit befangen.

Fast durchgängig verstößt Matthies, einzelne Worte und Sinneinheiten durch Zeilenbruch zerhackend, gegen das „schöne“ Gedicht. Wo die Sprache unpoetisch und der Rhythmus holperig wird, scheinen die zerstörerischen Bedingungen, unter denen der Autor lebt, bereits in die Struktur seiner Texte eingedrungen zu sein, Verhältnisse, die – ähnlich wie bei Peter Paul Zahl – so etwas wie Ruhe, also Poesie nur noch ausnahmsweise (etwa als Zitat vergangener Kunstformen) erlauben.

Folgt man dem Ablauf der Gedichte, so scheint sich die Lebenssituation Frank-Wolf Matthies’ 1976 weiter zu verdüstern. Überall Schnee, Eis, Sturm, der „unsere lieder überbrüllt“. Aber auch Widerstand gegen den „langsamen tod“, Anklage im Stil Villons, mit zupackenden, gehackten Sätzen:

Aaaaazwölf hände reichen,
aaaaanicht mehr aus zu zählen
aaaaaden abgang in den eignen
aaaaareihn. Die republik läuft aus
aaaaawie rostige spritkanister
aaaaa: bald bin ich hier
aaaaamit honecker
aaaaaallein

Widerstand gegen Gewalt von oben, Kampf gegen Resignation und Verzweiflung – ein beunruhigendes, in seiner subjektiven Konsequenz erschreckend mutiges Buch. Es zeugt von der Verzweiflung des Vereinzelten, die die Mächtigen nicht wahrhaben wollen und die die staatsloyalen Poeten mit schäbigen Ergebenheitsadressen zuzudecken versuchen. „die federn fallen aus / & überall ist neues deutschland.“ Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen sozialen und historischen Bedingungen scheinen mir Matthies’ Texte, bis in stilistische Mittel hinein, den frühen Gedichten Enzensbergers vergleichbar, mit denen dieser stellvertretend für seine Generation gegen Erstarrung und Hoffnungslosigkeit in Adenauers Staat rebellierte.

Michael Buselmeier, Die Zeit, 16.11.1979

Für die Benutzer der Betonsilos

– Texte aus zehn Jahren: Morgen. –

Ein DDR-Autor nach dem anderen verläßt das Land. Die Zahl derer, die dem ersten „Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden“ seit Biermanns Ausbürgerung im November 1976 für immer oder auf Zeit Valet sagten, ist immer noch im Steigen begriffen. Wer bleibt denn noch und gibt Auskunft, nachdem Jurek Becker und Thomas Brasch, Jürgen Fuchs und Bernd Jentzsch, Sarah Kirsch und Reiner Kunze, Günter Kunert und Hans Joachim Schädlich, Klaus Schlesinger und Bettina Wegner sich im Westen niedergelassen haben, ob mit, ob ohne Besuchsrecht im Osten?

Gewiß, es gibt noch immer eine stattliche Anzahl von respektablen Schriftstellern drüben: Adolf Endler und Franz Fühmann, Stefan Heym undRichard Leising, Rainer Kirsch und Karl Mickel, Heiner Müller und Stefan Schütz, Anna Seghers und Christa Wolf. Freilich gehören sie alle der mittleren oder älteren Generation an und genießen auf Grund ihrer Publizität auch unter den verschärften Strafgesetzen eine gewisse Protektion.

Was aber ist mit den jüngeren, den 20- bis 30jährigen. Schreiben sie überhaupt, und wenn ja, was taugt es? Hat die konsequente sozialistische Ausrichtung von Kindergarten, Schule, Universität, des Berufs wie großer Teile der Freizeit den neuen Menschen- und Autorentypus hervorgebracht, der blind auf die Parteidoktrin schwört? Gewiß, es gibt sie, die „jungen Poeten, die ihren Weltschmerz in die Poesiealben der verordneten Meinung kotzen“, die „flüsternd und heldenhaft alle offenen Türen eintreten“. Es gibt sie, die Bewohner der neuen „sozialistischen Gartenlaube“, die „Kaputtgeförderten“, die „Wasserleichen der Lyrikwelle“.

Aber es gibt auch noch ein paar andere. Einer von ihnen ist Frank-Wolf Matthies, 1951 in Berlin geboren. Er hat wie mancher andere Autor eine bunte Palette von Berufen aufzuweisen: Kunstschlosserlehrling, Bankhilfskraft, Hilfsschuster, Grabenzieher. Früh hat er zu schreiben begonnen „Unbedacht oder überlegt“ ging er umher in der Stadt und sagte halbe Sätze, etwa: „ Mit ihren Trommeln antworten sie auf eure Frage, mit ihren Gewehren zerschießen sie euch, wenn ihr handelt wie die, die ihr seit nach ihren Worten.“ So beschreibt Hans Joachim Schädlich in seinem Text „Kleine Schule der Poesie“ die Anfänge von Frank-Wolf Matthies, die ihn schnurstracks in die Untersuchungshaft führten.

Jung wie er war, widerstand er den ausgeklügelten Methoden des Staatssicherheitsdienstes, seinem wohldosierten Terror nicht und paßte sich nach seiner Entlassung eine Weile an. Dann aber begriff er, daß auch er in den „Gleichklang gekrümmter Stimmen“ einfiel und daß er damit seine Sprache verlor, seine intellektuelle und moralische Existenz aufs Spiel setzte.

Die in dem Band „Morgen“ versammelten Texte aus zehn Jahren sind in der Tat das Wort einer neuen Generation. Die 40-, 50-, 60jährigen messen den Zustand der DDR an der Not der Weltkriegsjahre, am Terror der Hitler- und Stalinzeit, und im Vergleich dazu erscheint ihnen manches eigentlich Unerträgliche in einem allzu milden Licht. Autoren wie Matthies sind im „realen Sozialismus“ aufgewachsen, aber nicht mehr bereit, die Schwächen und Verbrechen der Gegenwart mit dem Hinweis auf schlechteres Irgendwann, Irgendwo zu entschuldigen: „Ich schreibe für die Benutzer der Betonsilos am Röderplatz, der Leninallee und des Hans-Loch-Viertels. Für die Bewohner der Dachwohnungen von Pankow bis Friedrichshain, die Wohnungssuchenden und die 6-Zimmer-Besitzer. Auch für die Parasiten beim Wohnungsamt, in den Büropalästen: die deutsche Beamtensau in vollklimatisiertem Chrom und Glas. Auch für die Kuppler beim Standesamt. Die Hehler der kommunalen Wohnungsverwaltung.“

So lautet ein Teil seines poetischen Kredos, das er als „Nachtrag ins Vernehmungsprotokoll“ seinen „besorgten Genossen Besorgern“ widmet. Er schreibt „über die Jahreszeiten. Über den Frost und den März in Pankow und Prenzlauer Berg“, er schreibt „für die Beamten der deutschen Volkspolizei … die jeden Zweifel in Feindschaft umdeuten und jede Kritik in Verrat“. Das Programm dieses jungen Schriftstellers ist in der Tat das ganze Leben, ohne Einschränkung, ohne Tabus.

Liebeslyrik und Naturgedichte, Stadtlandschaften und politische Pamphlete – das alles findet sich bei ihm und zudem in großer formaler Vielfalt. Matthies reimt und er schreibt freie Verse, er ahmt das Taumeln eines betrunkenen Dichters im Zickzack der Typographie nach, und er bastelt sogenannte Akrosticha. Verse, deren Anfangsbuchstaben, von oben nach unten gelesen, ein Gedicht im Gedicht ergeben. Solche Dinge kennt man auch aus Shakespeares Dramen und aus dem Barock. Bei aller politischen Absicht ist hier auch die Lust am Spiel vorhanden. Jedes Gedicht ist anders. Man hat sich auf jedes neu einzustellen.

Ob Matthies diese Variationsbreite durchhalten kann und soll, steht noch dahin. Manches ist erst tastender Versuch auf dem Weg, den eigenen Stil zu finden. Aber nicht weniges ist fertig, ja vollkommen und den Preis wert, den ihm die Strafbestimmungen der DDR abverlangen könnten. Nirgends hat Matthies seine Hoffnung auf morgen bündiger zusammengefaßt als in diesen sechs Zeilen:

Wenn die Nachfrage steigt
steigen auch die Preise
Der Preis der Freiheit steigt
wenn die Nachfrage sinkt
Doch wenn alle nach ihr fragen
ist sie umsonst zu haben

Dieses aus dem Jahr 1976 stammende (und Wolf Biermann gewidmete) Gedicht ist auf seine Weise schlüssig und logisch. Freilich, was im Klassenkampf zählt, ist nicht die Logik, sondern die Dialektik. Und das bedeutet leider, daß der Preis der Freiheit in den letzten vier Jahren weiter gestiegen ist, obwohl die Nachfrage kaum gesunken sein dürfte.

Karl Corino, Hannoversche Allgemeine, 26./27.4.1980

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Harald Hartung: Die rettende Verzweiflung
Der Tagesspiegel, 8.7.1979

Konrad Franke: Stimmen von drüben
Süddeutsche Zeitung, 11.8.1979

Gerhard Bolaender: Wechselspiel von Kraft und Ohnmacht
die horen, Heft 116, 1979

Walter Hinderer: Wie Kleinkram zu seitenlanger Poesie gerinnt
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.1979

 

Schneewitchen

– Ein paar Gedanken zu zwei jungen Dichtern. –

Das liebe deutsche Märchen vom Schneewittchen, wem wäre nicht vertraut, wie es anhebt:

Es war einmal mitten im Winter und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab, da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und nähte. Und wie sie so nähte und nach dem Schnee aufblickte, stach sie sich mit der Nadel in den Finger und es fielen drei Tröpfen Blut in den Schnee. Und weil das Rote im weißen Schnee so schön aussah, dachte sie bei sich: „Hätt ich ein Kind so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen.“ Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz, und ward darum das Sneewittchen genannt. Und wie das Kind geboren war, starb die Königin.

Und wer wüßte nicht, wie es weitergeht: Da nun die gute Königin tot war, nahm der König die böse Stiefmutter ins Haus, und die ertrug nicht, daß ihr Spiegel sagte, Sneewittchen sei tausendmal schöner als sie: Ihr Jäger bekam den Befehl, Sneewittchen zu töten.

Ein altes Märchen; nur: Die Märe, die Jacob Grimm aufgezeichnet hat, wurde, wie die erhaltene Urfassung der Kinder- und Hausmärchen, die Oelendorfer Handschrift ausweist, ihm von seiner Gewährsfrau, vielleicht der alten Frau Viehmann, in einem Punkt entscheidend anders erzählt. Sie wußte es so:

Es war einmal Winter und schneiete vom Himmel herunter, da saß eine Königin am Fenster von Ebenholz und nähte, die hätte gar zu gerne ein Kind gehabt. Und während sie darüber dachte, stach sie sich ungefähr mit der Nadel in den Finger, so daß drei Tropfen Blut in den Schnee fielen. Da wünschte sie und sprach: „ach, hätte ich doch ein Kind, so weiß wie diesen Schnee, so rothbackigt wie dies rothe Blut und so schwarzäugig wie diesen Fensterrahm!“
Bald darnach bekam sie ein wunderschönes Töchterlein, so weiß wie Schnee, so roth wie Blut, so schwarz wie Eben, und das Töchterlein wurde Schneeweißchen genannt. Die Frau Königin war die allerschönste Frau im Land, aber Schneeweißchen war noch hunderttausendmal schöner, und als die Frau Königin ihren Spiegel fragte:

Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die schönste Frau in ganz Engelland?

so antwortete das Spieglein: „die Frau Königin ist die schönste, aber Schneeweißchen ist noch hunderttausendmal viel schöner.“
Darüber konnte es die Frau Königin nicht mehr leiden, weil sie die schöneste im Reich wollte seyn…

Die Märe ist dem Mythos noch nahe: Die gute Mutter und die böse Stiefmutter (und auch der exekutierende Jäger) sind hier eine Person. – Du wünschst, daß dein Kind schöner sei als du, aber du sollst die Schönste bleiben. – Der umgekehrte Ödipus. – Wilhelm, der Redakteur der gemeinsamen Sammlung, mochte diese Kraßheit nicht ertragen haben, und entgegen seiner erklärten Absicht: „diese Märchen, so rein als möglich war; aufzufassen“, hat er, „daß ein eigentliches Erziehungsbuch daraus werde“, den Widerspruch auseinandergedrieselt: die gute Mutter hier; die böse Stiefmutter dort. Dieses Gegensatzpaar erlaubt bestimmte didaktische Demonstrationen; der Mythos aber trifft ins Herz.

Durch manche Gedichte von Frank Matthies geht, tanzt, springt, huscht, schläft (und hier: stürzt) Schneewittchen.

Darf ich auf einen Zug von Märchen wie Märe aufmerksam machen, der mir bedeutsam erscheint? Germanisten mag aufgefallen sein, daß gegen die Grammatik verstoßen wurde: Ein Superlativ wurde übersteigert, was ja bekanntlich nicht zulässig ist. Die Königin wird vom Spiegel „die schönste“ genannt; gleichzeitig aber sei, laut derselben Aussage, Sneewittchen/Schneeweißchen tausend- und hunderttausendmal schöner als sie. Man könnte dies als Diplomatie des Spiegels auslegen, und zweifellos träfe dies Wesentliches. Die Wahrheit ist im Kronsaal schwierig zu sagen, wieviel mehr erst im Boudoir, aber ich glaube ebenso, daß der Spiegel mit diesem verkappten Elativ auf das Andersartige von Sneewittchens Schönheit, auf das Inkommensurable der Generationen hinweist. Die Königin soll die Schönste in ganz Engelland bleiben. – Schneewittchen ist anders schön als sie.

So rot wie Blut: Wir wollen unsre Jugend klug und kenntnisreich, doch wenn sie uns dann Fragen stellt, die uns unbequem sind, ertragen wirs schwer, und wenn wir um Antwort verlegen sind, werfen wir ihr Undankbarkeit vor.
So weiß wie Schnee: Wir wollen unsre Jugend voll edler Gefühle, doch wenn sie sich da empfindsam zeigt, wo wir abgestumpft sind, ertragen wirs schwer, und ehe wir uns zu schämen beginnen, werfen wir ihr Überheblichkeit vor.
So schwarz wie Ebenholz: Wir wollen unsre Jugend charakterfest, doch wenn sie auf dem beharrt, was sie zu wissen und tun zu müssen glaubt, ertragen wirs schwer, und wenn sie uns dann widerspricht, werfen wir ihr falsches Bewußtsein vor.
Wer den Fortschritt als Prinzip der Geschichte ansieht, müßte erwarten und wünschen, daß die nächste Generation die seine überflügle. – Wir wollen die Jugend besser als uns und verstehen schlecht, daß dies Besser-Sein ein Anders-Sein fordert. Wir wollen, im Grund genommen, die nächste Generation also so etwas wie unsre Miniaturausgabe; wir sehen in ihnen nur uns selbst, die wir noch einmal anfangen könnten. – Wir gestehen uns dann zu, besser zu sein. – Wir gestehen, wenn die Nachfolgenden dann so wären (und manche sinds ja, und manche auch musterhaft) wie wir, ihnen gerne etwas mangelnde Reife zu, etwas Überschwang, etwas über die Stränge, auch ein bißchen mehr Lust und gern sehr viel mehr Glück: Wir sehn ihnen auch ein wenig Leid nach und gestatten, in Maßen, etwas Trauer zur Mitternacht, ja wir konzedieren sogar ein klein wenig rückkehrbereiten und sichtbar als rückkehrbereit angelegten Irrtum und Umweg, wir sind ja nicht so! Nur eben: alles in unsrem Rahmen und nach unsrem Maß, und wenn über die Stränge, dann über unsre, und die setzen unser Geschirr voraus. – Es ist ehrliche Sorge, die uns da leitet: Wir hatten Fragen und fanden Antworten, die sind uns kostbar, und da wir sie einmal haben; wär es doch gut, wenn die Jungen die gleichen Fragen stellten, auf daß unsre paraten Antworten passen. – Wir sollten ertragen lernen, daß sie Andres fragen und anders fragen. – Wir haben auf unsren Wegen Erfahrung gesammelt, bittre, beglückende, jedesmal schwierige, und nun müssen wir auch die Erkenntnis bewältigen lernen, daß jede und jede Generation ihre eigenen Erfahrungen machen muß. Wir können ihr da nichts abnehmen, so gern wirs auch täten. – Wir haben ein sehr weites Herz für die Jugend und werden rasch böse, wenn sie da nicht einzieht. – Wir werfen ihr dann nicht nur Pietätlosigkeit vor. Wir werfen ihr Unproduktivität vor, wenn sie unbetretene Pfade zu gehn wünscht: Man kommt dort langsamer voran, und überhaupt: was heißt voran? In der bestimmenden Tendenz dieses Jahrhunderts hält unser Mühn seine eigene Richtung zu unbestreitbaren Erfolgen, da möchten wir auch die Art unsres Schrittesetzens gern als die richtige allgemeinverbindlich, und hier werden wir besonders unwirsch, wenn sich dazu nicht Hingabe zeigt. – Zeigt sie sich, zeigen auch wir uns von der besten Seite: Wir fördern dann in einer Art, wie sie tatsächlich beispielslos ist. Gedichte von Achtzehnjährigen schon in der dicken Literaturgeschichte, wo hätte es solches je zuvor gegeben! Allerdings dann andrerseits: Wenig Papier, leider, leider, da kann man eben nicht alles drucken, und außerdem ists ja nur im Interesse der unveröffentlicht Bleibenden selbst: die brauchen doch Zeit, daß der Most sich kläre, und wenn sie dann, nicht wahr, etwas reifer sein werden…
Hier sind Gedichte von zwei Zwanzigjährigen.

Uwe Kolbe, 1957, hat gerade sein Abitur, Frank Matthies, Fernsprechmonteur 1951, seine Armeezeit hinter sich gebracht. Beide schreiben seit mehreren Jahren. – Ich habe mich öfters dahingehend geäußert, daß Sinn und Form kein Zeitschrift der Debütierenden sein kann. Hier, glaube ich, ist eine Ausnahme erlaubt: ecce poeta! und gleich ihrer zwei. Zwei Dichter: Anstatt Geläufiges vorzuweisen, wagen sie, sich selbst so kompromißlos zu sagen, daß ich, ihr unbekannter Leser, angerührt und betroffen auch dann bin, wenn ich nicht jede Wendung nachvollziehen und nicht jede Metapher ganz ausdeuten kann. Diese Lyrik ist nicht vollständig im Gedanklichen aufzulösen, und dabei fragte es sich auch noch immer, von welcher Qualität dies Gedankliche ist. Kein Wort gegen Gedankenlyrik; nur: es müssen halt welche sein. Im Schwall des Angebots schreibender Jugend vermag ich leider meist nichts Andres zu sehn als das Präsentieren jenes Richtigen, von dem Goethe sagte, daß, wenn die Poesie weiter nichts biete, es dort keine sechs Pfennige wert sei. – Heute, in der Masse, wahrscheinlich kaum vier. – Ich werde bei all diesen Produkten das Gefühl nicht los daß einer herkömmlich etwas Herkömmliches denkt und es dann, dies gedachte Herkömmliche und herkömmlich Gedachte, „dichterisch umsetzt“, das heißt zuerst in eine Metapher und die dann in Kurzzeilen überführt, und wenn es dabei noch glückt, daß dies Bild in sich nicht stimmt, wird ihm besondere Kühnheit bescheinigt. – Das ist dann jene poetische Freiheit, mit der wir uns nicht lumpen lassen. – Darf ichs demonstrieren? Ich stelle mir – analog Kolbes „Allmorgendlicher Begrüßung“ – einmal vor, daß jemand vom Schwall sich entschließt, ein Gedicht zum Thema: „Eintritt ins Schulgebäude“ zu verfassen und sich zunächst als Aussage zurechtlegt, daß man vorm Schultor träume, hinter ihm aber lerne, was verlange, die Träume vorerst zurückzustellen, um sie, nach dem Gelernthaben, gewissermaßen auf höherer Ebene weiterzuführen; und daß er diesem Gedankengang etwa diese Form gibt:

Träume
bunte Wolken
ihr geht nicht durchs
Schultor mit mir
aber kehre
ich wieder zurück
werd ich,
gewachsen,
eine buntere Sonne
euch überflügeln!

und das wird dann gedruckt, und hat mans gelesen, hat mans gelesen, und hätte es schon gelesen gehabt, auch wenn man dies nicht gelesen hätte. – Keine vier Pfennig. – Und nun halte man gegen das, was keine Parodie, sondern ein potentielles Zitat ist, Kolbes Gedicht, das ein Gedicht ist. Ich habe die Dialektik des Tores, als Durchgang Ausschluß und Einschluß zu sein, in unsrer Zeit noch nie so eindringlich gestaltet gefunden wie in dem Gedicht des Neunzehnjährigen –:
Diese Dialektik, und die Seele des Jungen dazu. Es ist sein erschütterndes Erlebnis, so erschütternd, daß er darüber schon lächelt, und es lächelnd mitteilt. – Seit diesen Gedichten weiß ich mehr von einer Generation, die auch die meiner Tochter ist. – Ich wollte, alle Lehrer lasen diesen Schulweg und wären so betroffen, dazu nicht zu nicken. – Zu dem Pseudogebilde – ach, lassen wirs.

„Die Gedichte bemerkt nur der Ofen“ heißt es bei Matthies.

Aber es wird doch bei Kolbe gar kein Durchgang gezeigt, nur das Davor? Nur; eben, eben.

Und noch eine Abgrenzung sei mir erlaubt. – Der „Januarmorgen“ von Matthies bezieht sich auf Trakl: Ein Ausbruch aus dem Elfenbeinturm mit Hilfe gnadenloser Gedichte. Hier wäre das analoge Pseudogebilde das Vorweisen von Gelesenem: Der Schoß der Schwester und Kokain, Grete und Grodek, Helian und Elis, Salzburg und Der Brenner, das alles weiß man, und man weist nun nach, daß man dies weiß. Der Schwall dieser Bildungsgedichte, der seit Jahren die Redaktion Sinn und Form überschwemmt, hat im einzelnen gewiß rührende Züge und wirft Probleme jenseits des Poetischen auf, die angegangen werden müssen. Nur: Gedichte sind es deswegen noch nicht. Matthies braucht nicht nachzuweisen, daß er Trakl kennt: Sein Gedicht vollzieht, wie er ihn erfuhr. Er braucht die „Angstgespenster“ der ersten Strophe nicht in Anführungsstriche zu setzen, um mitzuteilen, er wisse, daß sie Trakl entstammen: Sie sind die seinen geworden, in seinem Gedicht, das die Nähe des großen nicht zu scheuen braucht. Darum sehe ich Matthies auch nach, was ich kaum Einem nachsähe: Daß er Trakl mit dem Vornamen anredet. Als Trakl starb, war er drei Jahre älter als dieser Junge… Schneewittchen stürzt den Lichtschacht hinab… Weiß Matthies, daß Trakl es liebte, einen glimmenden Zigarettenstummel aus dem Kasernenfenster fallen zu sehn und ihm nachzuschauen, wie er verlosch? Er weiß es sicher nicht, und er braucht es nicht zu wissen. Der Bildungsbeflissene wüßte und teilte dies mit.
Andrerseits: Der Leser braucht nicht zu wissen, wer Barbara ist. Der eine aus dem Schwall nennte sie: „mein Mädchen“; der andere brächte zu diesem Name eine Fußnote an.

Es geschah aber, daß ein Königssohn in den Wald geriet und zu dem Zwergenhaus kam, da zu übernachten. Er sah auf dem Berg den Sarg und das schöne Sneewittchen darin und las, was mit goldenen Buchstaben darauf geschrieben war. Da sprach er zu den Zwergen: „Laßt mir den Sarg, ich will euch geben, was ihr dafür haben wollt.“ Aber die Zwerge antworteten: „Wir geben ihn nicht um alles Gold in der Welt.“ Da sprach er: „So schenkt ihn mir, denn ich kann nicht leben, ohne Sneewittchen zu sehen…“

Können wir leben ohne junge Gedichte?

Wir beobachten weltweit eine Vergottung der Jugend und des Jungseins um ihrer selber willen. Ich halte sie für ein ungutes Symptom und weigere mich, das mitzumachen. Zwanzig zu sein ist weder Vorzug noch Leistung, es ist eine Gnade und wie alle Gnaden schwer zu tragen. Um so dankbarer bin ich, die folgendes Seiten vorstellen zu können: Gedichte von Zwanzigjährigen, die Gedichte sind und von Zwanzigjährigen.
Wir sollten sie willkommen heißen.

Franz Fühmann, Sinn und Form, Heft 4, November/Dezember 1976

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

 


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1 Antwort : Frank-Wolf Matthies: Morgen”

  1. Anita Schwaier sagt:

    Ich finde es nicht: das Mitläuferlied, kam am Sonntag auf NDR Kultur.
    Das hat mir sehr gefallen. Trifft den Nagel auf den Kopf.
    Würden Sie es mir bitte schicken?
    Herzlichen Gruß,
    A. Schwaier

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