Gerd Adloff: Möblier dein Herz mit Zuversicht

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Gerd Adloff: Möblier dein Herz mit Zuversicht

Adloff-Möblier dein Herz mit Zuversicht

MEIN WESENTLICHER BEITRAG
IN DER AUSEINANDERSETZUNG
MIT DER GEGENWARTSLITERATUR
AN DER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN
DER DDR

Als der Dichter Volker Braun
zu Gast kam
in die Forschungsgruppe DDR-Literatur
nahmen alle
ein wenig verlegen
um den großen Sitzungstisch herum Platz.
Ich, gerade neueingestellter Mitarbeiter
wollte mich setzen
da brach der Stuhl unter mir zusammen.
Befreiendes Gelächter.
Das Eis war gebrochen.
Es wurden zwei interessante Stunden
mit Lesung und angeregtem Gespräch
schien mir
während ich über das Für und Wider
der Schwerkraft nachdachte
und mir den schmerzenden Hintern hielt.

 

 

Adloffs Gedichte

sind von kunstvoller Einfachheit. Schon bei erster Lektüre zugänglich, belohnen sie den aufmerksam analysierenden Leser mit Einblicken in das Handwerk des Schreibens. Enjambements voller Pointen, gezielte Irritation der Erwartungen des Lesers, das Spiel mit unterschiedlichen Sprachebenen, mit Redensarten, Zitaten und der Mehrdeutigkeit von Sprache, mit Wiederholung, Variation und Antithese sowie die überlegte Abfolge der Texte reizen zu genauer und wiederholter Lektüre. Einige von ihnen sind so einprägsam, dass sie einem schon bald als längst bekannt und vertraut erscheinen. Das mag an ihrem Realitätsgehalt liegen oder daran, dass man in ihnen eigene Erfahrungen wiederfindet, es zeigt aber vor allem, dass sie sprachlich gelungen sind.

Thomas Reinecke, Marginalien, Heft 221, 2016

Molokoprint, Klappentext, 2019

 

„Ungeheuer gibt es nicht“

In einem Gedicht aus dem neuen Lyrikband Möblier dein Herz mit Zuversicht von Gerd Adloff heißt es:

Wir zogen für eine Woche
in ein Haus zwischen Steinen
heizten den Kamin mit Torf
tranken abends viel Whiskey
und stritten uns.
Es ging hoch her.
Ob etwas kaputt ging?
Kein Teller, keine Tasse, kein Glas.

Ich erinnere mich gut an die Tage, und etwas Trauer schwingt bei meinen Worten durchaus mit, denn wir waren damals zu viert und alle noch so gute Freunde. Dieses Streiten, liebe Freunde, war unser gemeinsamer Kit.
So verloren wie wir damals schienen, gleich nach dem Mauerfall. Berlin war angesagt, die Leute spielten verrückt und benahmen sich, als wäre der Krieg vorbei. Wir sagten uns, der Krieg ist nie vorbei. Nur deswegen erkundigten wir doch einige Jahre lang zusammen Irland. Vier Freunde wollten wir bleiben, und Connemara wurde so etwas wie eine zweite Heimat für uns. Bis dreizehn Uhr ließen wir die Finger vom Alkohol. Dann aber schlugen wir zu, alle wie wir waren. Und ich behaupte freudig-stolz, jeder von uns vieren hätte das Gedicht genauso geschrieben, nur hatten wir es nicht so mit dem Dichten. Das musste Gerd Adloff errichten, und er macht seine Sache immer noch sehr gut, derweil wir Irren längst schon mit den Rücken zueinander stehen.
Das alles ist lange her, kann man als Begründung sagen, oder scheiß darauf, nachts sind viele Kater blau. Es ist, wie es ist. Wir reisen nicht mehr gemeinsam, und ich will auch gar nicht wissen, wer von uns sich noch die alten Fotografien anschaut, und wie er darüber denkt. Wir haben es einfach nicht drauf gehabt und die Freundschaft verschlissen. That’s life, denke ich, und dass wir ruhig weiter irren sollen, derweil wir weiter altern, nun eben jeder für sich. Wir haben es verbockt, und nun ergeht es uns, wie es uns ergehen musste. Wir sind in die Brüche oder Knie gegangen wie andere Menschen auch. Selbst Bürgerrechtler haben über die Jahre nicht recht behalten und sich längst untereinander miteinander überworfen.
„Möblier dein Herz mit Zuversicht“ heißt es also bei Adloff vollkommen zu Recht, der in seinen Träumen lieber weit abdriftet und Jörg Fauser als einzigen Freund in der fremden Stadt sieht. Ich könnte auch von einem Resümee sprechen und behaupten, der Dichter Adloff verabschiedet sich, macht winke, winke und klappt das scharfzüngige Messer zu. Nur hört ein deutscher Dichter nicht auf damit, die Gesellschaft bescheiden zu sezieren. Und da sind ja in dem Buch auch die Bildmontagen von Gregor Kunz. Zwölf an der Zahl, wie es Monate in einem Jahr gibt. Zwölf, das ist auch die Anzahl von guten Feen, bevor dann die dreizehnte dazwischenfährt und jeden Frieden, jede Freude brutal abfackelt.
Ich bin beim Lesen des Bandes zum Schluss hin so lyrisch gestimmt worden, dass ich die zwölf Titel der Kunz-Montagen hintereinander selbst als großes Gedicht gelesen habe. Ob nun gewollt oder zufällig entstanden, haben sich die Titel zu einem Ganzen gefügt, weswegen ich das „Poem“ an dieser Stelle explizit zur Welturaufführung bringe:

Was nun, Partisan?
Fremde feixen, Feinde, miteinander
Die Phantome in den Spiegelgalerien.
Nach uns die Zukunft.
Zeugen will gelernt sein, dann angewandt
und nicht vergessen werden.
Übel sei es, Nichtiges zu reden, leider.
In der Sonntagstür das Gold
der Tage leuchtet. Runzlig ist
die Kunst, das Kind sei heiter.
Einst am Wege. Ein guter Mann
erzählt Geschichten, nicht: es war
und muss so sein. Ornament der
Ohnmacht, mein bewaffnetes Organ.
Nein, Kind, Ungeheuer gibt es nicht.
Zu Zielen, unbekannten, auf geht’s.

Die Montage mit der Nummer 115 aus der Serie „Brot & Spiele“, die dem Buch zu seinem farbigen Umschlag verhilft, findet sich im Band auf Seite 38 als schwarzweiße Grafik wieder und trägt den Titel „Übel sei es, Nichtiges zu reden, leider.“ Daneben steht auf Seite 39 Adloffs Gedicht Kassandra.

Das dreifache Leiden
keiner erhört sie
sie weiß das
und schreit doch
sie hofft sich zu irren
diesmal
obwohl

Ich mag die letzten Worte sehr, denn wer „irren“ sagt, sagt auch „obwohl“ Ja, wir irren uns und irren uns ständig und werden irre davon. Nur ist es auch irre schön, sich zu irren, am besten so sehr, wie es nur die Irrsten von uns zustande bringen! Irren wir uns alle also, bis die Augen einem weh tun davon. Dieser Augenschmerz sei schließlich „nichts weniger als warum ich noch hoffe & leben will“, sagt uns der Dichter, und zeigt zeitgleich „Auf der Gegenspur / die Geisterfahrer / entbieten beim Entgegenkommen / höflich ihren Gruß“. Mehr an Weltweisheit und Kommentar zum Dilemma der Gegenwart kann man von einem kindsnaiv-erwachsenen Lyriker nicht erwarten, und also rufe ich all meinen verlorenen gegangenen, enttäuschten, verschlissenen, abtrünnigen ehemaligen Freunden zu: Das Ende der Lebenstage ist in Sicht; Adloff, mein Guter, du aber ende mit deiner Dichtung nicht.

Peter Wawerzinek, junge Welt, 22.6.2019

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

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