Gerhard Falkner: Hölderlin Reparatur

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Gerhard Falkner: Hölderlin Reparatur

Falkner-Die Hölderlin Reparatur

DIE SONNE STAND NOCH NICHT / ZUM GRUSSE DER PLANETEN

Stahlnadelblau / der erste Anflug / des thauenden
aaaaaTages
noch keine Sonne da, ein rotes Rändchen erst
der Horizont / Wellenlänge um die 712 nm
Die Läden am Planetenring, schwarze Nester
von Schaufenstern gerahmt – überhaupt kein Raum
aaaaadahinter
Nur im Venusgrill, mit einem gelben Türken in der Tür
(der Kopf im angeschnittenen Profil) dreht sich schon
ein Spieß / Der Park mit seinen leisen Kräften, seinen
Kältebrücken, noch ohne nennenswerte Wirklichkeit
Dann wie aus großer Ferne dieser weich geschlitzte
träufelnde Gesang der mich durchrann und der
als steckte eine Ewigkeit in diesen Augenblicken
in mir sich niederschlug wie Kalk in einem Wasserglas
Was zwischen diesem Vogel, die Triolen wie Tinkturen
eines müden Gifts an mir erprobend und mir / der ihnen
nachhing, ablief, war nicht festzuhalten, war flüchtig
zerschlug sich laufend wie von leichter Hand und doch
fühlt ich in allem mich so auf die Spitze getrieben
als geschähe zuviel von diesem Jetzt: gleichzeitig!
Als täte dieser Tag, bevor die Sonne sich besann
– einen gewaltigen Sprung ins Helle!

 

 

 

Die Gedichte dieses Bandes stehen im Gravitationsfeld

eines lyrischen Sprechens, wie es für die Deutschen ein Dichter wie kein anderer repräsentiert: Hölderlin.

Welche Möglichkeiten des sublimen Sprechens gibt es heute? Ausgangspunkt dieser Gedichte ist der für Hölderlin typische hohe Ton. Die Poesie wird jedoch, das Vorgehen historisch-kritischer Ausgaben vortäuschend, immer wieder von Spiel und Theorie zerbrochen und entweder bis zum Hauptsächlichen vorangetrieben, dem autonomen Gedicht, oder als poetische Masse, als Material, weiterverarbeitet und in unendliche Verknüpfbarkeit gebracht. Natürlich nie, ohne die Ironie ihrer inneren Logik außer Acht zu lassen. Lyrik also auch als ein konzeptuelles Unternehmen wie in der Bildenden Kunst.
Die Absicht ist jedoch unverkennbar, das Gedicht in seiner abgeschlossenen und bewegenden Form wiederher- und, im übertragenen Sinne, ins Netz (der Bezüge) zu stellen.
Hölderlin Reparatur ist ein Buch mit einer Verweisdichte, wie sie seit Ezra Pound vielleicht nicht einmal mehr versucht wurde.
Gerhard Falkners letzter Lyrikband, das in Berlin angesiedelte Langgedicht Gegensprechstadt — ground zero, wurde in der Kritik als ein Jahrhundertpoem gerühmt. Mit der Hölderlin Reparatur knüpft er nun wieder an innovative Schreibweisen an, die er in seinem legendär gewordenen Band wemut entwickelt hat.

Berlin Verlag, Ankündigung, 2008

 

Hyperion zum halben Preis

− Gerhard Falkner riskiert lyrische „Material(schlachten)“. −

Wenn der Dichter Gerhard Falkner in schöner Regelmässigkeit seine polemischen Blitze auf die kleine Lyrikszene schleudert, dann ist es ratsam, rasch in Deckung zu gehen. Denn der Zorn des „Minnesängers der Moderne“ (Kurt Drawert über Falkner) ist gewaltig. Zuletzt hatte er in einer boshaften Philippika in der Literaturzeitschrift „Bella triste“ (Heft 19) seine Hiebe ausgeteilt und sich selbst nebenbei zum Dichterkönig inthronisiert. Der neue „Ausdrucksglanz“ der Generation der Dreissig- bis Vierzigjährigen, so liess Falkner in seinem Essay wissen, habe seinen Ursprung in den von ihm selbst in den achtziger Jahren entwickelten Sprechweisen.
Diese programmatische Unbescheidenheit stiess auf heftigen Widerspruch. Wer nun die Gelegenheit wahrnimmt und Falkners 1981 veröffentlichten und im vergangenen Jahr (in der Lyrik Edition 2000) wiederaufgelegten Erstling „so beginnen am körper die tage“ auf seine antizipatorische Kraft hin studiert, der erlebt tatsächlich eine Überraschung. Denn diese Gedichte, fundiert auf eine kühne Metaphorik und sinnliche Wortopulenz, haben auch ein Vierteljahrhundert nach ihrer Erstveröffentlichung ihre Frische bewahrt. Hier tummeln sich durchaus lyrische „Pionierpflanzen“, von denen auch der Dichter Steffen Popp im Nachwort zu Falkners Erstling berichtet. Ausgehend von der absoluten Poesie Hölderlins trifft ein radikales Schönheitsverlangen auf moderne Ernüchterungsstrategien, die das aufgerufene Pathos wieder dekonstruieren. Eine weit ausgreifende „Phantasie für ein Fagott vom federleichten Knotenstock“ eröffnet der Autor mit zwei Versen, die auch für seine heutige Poetik noch Geltung besitzen: „Wogegen ich nicht schweigen kann / dagegen lasst mich singen.“ Diese Lust an der ästhetischen Konfrontation des Gegensätzlichen, die Falkner als sprachliches Entzündungsmoment bis in den innersten Kern seiner Gedichte treibt, bestimmt auch das neueste lyrische Projekt des Autors.
In seinem neuen Band mit dem vermessenen Titel Hölderlin Reparatur will Falkner wieder die Gegensätze synthetisieren: lyrische Verzauberung und Entzauberung, Pathos und Lässigkeit, hoher Ton und coole Werbeformel, Gesang und Gegen-Gesang. „Die Hölderlin Reparatur“, so heisst es in den „Sätzen über die Unruhe“, „bebildert mit ihren Gedichten die Idee des erhabenen Sprechens im Tumult der neuen, fragmentierten und superkurzen Einsatz- und Bereitschaftssprachen.“ Sosehr man die „Reparatur“-Bedürftigkeit Hölderlins anzweifeln mag, so muss man doch konzedieren, dass Falkner kein Risiko scheut und sich mit grosser Verve in seine „Material(schlachten)“ mit der Lyrik-Geschichte wirft.
Vor allem in den ersten zwei Kapiteln des Bandes, den „Reparaturtexten“ und „Reklamationen“, entwickelt er schrille Kontrafakturen zu einigen Hymnen Hölderlins, in denen der klangliche Zauber des Urtextes nachhallt, in die zugleich aber in lakonischer Härte Erfahrungsmomente einer aus den Fugen geratenen Gegenwart eingestreut werden. Diese Hölderlin-Dekonstruktionen sind dennoch Abrissarbeiten von minderem Reiz, da sie stets im Bann des Referenz-Textes bleiben.
Weitaus stärkere Gedichte finden sich in der Abteilung „Weisses Fleisch“, in der sich der Autor aus seiner Fixierung auf die Texte der poetischen Urahnen löst und die Hölderlinsche Erhabenheitssprache für eine eigene Tonsetzung und Textgestalt nutzt:

Fünf vierzeilige Sommer leuchtete dieses grosse
hochgeschaukelte Leben, eine sapphische Strophe
mit kochenden Hebungen
Es kostete im Vorverkauf, dieses Leben
das hochgeschaukelte, auch dieser Hebungen halber
Jahre der Melancholie […]

Im Schlusskapitel, den turbulenten „Material(schlachten)“, entschliesst sich Falkner dann wieder zu einer Partitur der Kontraste. In zwei parallel geführten Text-Kolumnen prallt der hymnische Ton auf technische Fachsprachen, kollidiert die Beschwörung des antiken Mythos mit den Trivialmythen der „telenovelas“. Am Ende wird auch noch „Hyperion zum halben Preis“ ausgerufen. Von solchen ironischen Gesten sollte man sich nicht täuschen lassen. Die Hoffnung auf die Revitalisierung einer „lichtdurchsickerten Sprache“ hat Gerhard Falkner noch nicht aufgegeben.

Michael Braun, Neue Zürcher Zeitung, 27.12.2008

Hyperion zum halben Preis

− Der Lyriker Gerhard Falkner ist der Peter-Huchel-Preisträger 2008. Ausgezeichnet wurde sein Band Hölderlin Reparaturen. Ein Porträt des in Berlin und Bayern lebenden Autors. −

Heute erhält der in Berlin und Franken lebende Lyriker Gerhard Falkner in Staufen den Peter-Huchel-Preis – am Geburtstag des Namensgebers. Seinen Band Hölderlin Reparatur kürte die siebenköpfige Jury der vom Land Baden-Württemberg und dem SWR vergebenen Auszeichnung zum herausragenden Gedichtband des Jahres 2008. Ein Porträt.

Wenn der 1951 geborene Dichter Gerhard Falkner regelmäßig seine polemischen Blitze auf die Lyrik-Szene schleudert, ist es ratsam, in Deckung zu gehen. Denn der Zorn des „Minnesängers der Moderne“ (Kurt Drawert über Falkner) ist gewaltig. Falkner spricht – und die Gattung erbebt. Zuletzt hatte er in einer Philippika in der Literaturzeitschrift Bella triste Hiebe ausgeteilt und sich zum Dichterkönig inthronisiert. Der neue „Ausdrucksglanz“ der Generation der 30- bis 40-Jährigen, so ließ Falkner wissen, habe seinen Ursprung in den von ihm selbst in den 1980er Jahren entwickelten Sprechweisen. Diese programmatische Unbescheidenheit stieß auf heftigen Widerspruch.
Wer nun die Gelegenheit wahrnimmt und Falkners 1981 veröffentlichten und im vergangenen Jahr wiederaufgelegten Erstling so beginnen am körper die tage auf seine antizipatorische Kraft hin studiert, der erlebt tatsächlich eine Überraschung. Diese Gedichte haben auch ein Vierteljahrhundert nach ihrer Erstveröffentlichung ihre Frische bewahrt. Diese frühen Gedichte, so Falkner im Rückblick, „überfielen mich wie Schweißausbrüche…, sie gründeten nicht auf Ehrgeiz, sondern auf Erregung“. Dieses körperhafte Erregungspotenzial und ästhetische Schönheitsverlangen findet man auch in den nachfolgenden Bänden der atem unter der erde von 1984 und wemut von 1989.
Mit wemut hatte sich der aus der fränkischen Provinz stammende und in Berlin lebende Falkner von der Lyrik verabschieden wollen, in Abkehr von den Boulevard-Tendenzen eines gedichtblinden Literaturbetriebs. 1990 zog er sich für einige Zeit aus dem literarischen Leben an die Westküste der USA zurück, durchbrach aber die selbst auferlegte poetische Mangelwirtschaft und feierte 1996 mit dem Auswahlband X-te Person Einzahl ein Comeback.
Bereits im Debütbuch Falkners trifft aber – ausgehend von der absoluten Poesie Hölderlins – ein radikales Schönheitsverlangen auf moderne Ernüchterungsstrategien, die das aufgerufene Pathos wieder dekonstruieren. Die Lust an der ästhetischen Konfrontation des Gegensätzlichen, die er als sprachliches Entzündungsmoment bis in den Kern seiner Gedichte treibt, bestimmt auch das neueste lyrische Projekt des Autors. In dem mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichneten Band Hölderlin Reparatur will Falkner wieder die Gegensätze synthetisieren: lyrische Verzauberung und Entzauberung, hoher Ton und coole Werbeformel, Gesang und Gegengesang. In den „Sätzen gegen die Unruhe“ heißt es: „Die Hölderlin Reparatur bebildert mit ihren Gedichten die Idee des erhabenen Sprechens im Tumult der neuen, fragmentierten und superkurzen Einsatz- und Bereitschaftssprachen.“ So sehr man die Reparatur-Bedürftigkeit Hölderlins anzweifeln mag, so muss man konzedieren, dass Falkner kein Risiko scheut und sich mit Verve in seine „Material(schlachten)“ mit der Lyrik-Geschichte wirft. Vor allem in seinen „Reparaturtexten“ und „Reklamationen“ entwickelt er schrille Kontrafakturen zu einigen Hymnen Hölderlins, in denen der klangliche Zauber des Urtextes nachhallt, zugleich in lakonischer Härte Gegenwarts-Bilder eingestreut werden. Die stärksten Gedichte finden sich in der Abteilung „Weißes Fleisch“, in der sich der Autor aus der Fixierung auf die Texte der poetischen Urahnen löst und die Hölderlin’sche Erhabenheitssprache für eine eigene Tonsetzung und Textgestalt nutzt.
Auch finden sich bei Falkner ganz hypnotische, leise Melodien, die traditionellen Volksliedstrophen sehr nahe sind, aber aufgeladen mit halluzinatorischer Phantasie:

durch deinen Gang bin ich geschritten
durch seine Halle weit gestellter Beine
nur matt beleuchtet vom Geleucht der Blicke
durchschritt ich ihn in seiner ganzen Breite
ich habe unter diesem Gang gelitten, seiner Weite
wie ließ er mich mit diesem Raum alleine
es war, als ob die Zeit den Raum zu dehnen scheine
von innen und entlang der Schwellung deiner Beine.

Im Finalkapitel, den turbulenten „Material(schlachten)“, entschließt sich Falkner zu einer Partitur der Kontraste. Hier prallt der hymnische Ton auf technische Fachsprachen, kollidiert die Beschwörung des antiken Mythos mit den Trivialmythen der „telenovelas“. Am Ende wird „Hyperion zum halben Preis“ ausgerufen. Von ironischen Gesten sollte man sich nicht täuschen lassen. Die Hoffnung auf die Revitalisierung einer „lichtdurchsickerten Sprache“ hat Gerhard Falkner noch nicht aufgegeben.

Michael Braun, Badische Zeitung, 2.4.2009

Das gigantische Lied der Minne

− Wollen Sie diese Verse wirklich löschen? In seinem neuen Lyrikband konfrontiert Gerhard Falkner Hölderlin mit unserer Computersprachwelt.−

Der „Hölderlin-Mythos“, genährt von Selbstsakralisierung des Dichters („Heilige Gefäße sind die Dichter“) und aufgeblüht im Umkreis Stefan Georges, scheint unzerstörbar. Auf das Schmarotzertum der nationalsozialistischen Vaterlandspropaganda antwortete die Nachkriegszeit mit umso innigerer Hölderlin-Verehrung. Für die DDR setzte ein Gedicht wie Johannes R. Bechers „An die Parzen“ einen Maßstab, und im Westen berauschten sich die Republikaner der Achtundsechziger-Bewegung an einem von Freund Isaak von Sinclair vermittelten jakobinischen Element im Denken Hölderlins. Weil keiner konsequenter und vollkommener den Dichter zum Thema seiner Dichtung gemacht habe, nannte ihn schon 1937 Martin Heidegger in einem Vortrag den „Dichter der Dichter“.
Erstaunlich ist das lyrische Echo von Nachkriegsautoren auf Hölderlins Verse. Hiltrud Gnüg hat 1993 die Gedichte für den Reclam-Band „An Hölderlin“ gesammelt. Autoren der DDR und der Bundesrepublik halten sich hier die Waage. Um nur einige der Namen zu nennen: Johannes Bobrowski, Erich Arendt, Wolf Biermann, Karl Mickel, Volker Braun, Heinz Czechowski, Sarah Kirsch oder Paul Celan, Elisabeth Borchers, Peter Rühmkorf, Hans Magnus Enzensberger, Erich Fried, Helga M. Novak, Ursula Krechel und Christoph Meckel. Jetzt müsste auch Gerhard Falkner dort aufgenommen werden.
Falkner, der zuletzt mit seinem Langgedicht (und Berlin-Gedicht) Gegensprechstadt – ground zero (2005) die Reihe seiner originellen Lyrikbände fortsetzte, gibt seinem neuen Band den zunächst irreführenden Titel Hölderlin Reparatur – als ginge es darum, beschädigte Texte Hölderlins wiederherzustellen. Tatsächlich findet man auf der ersten Seite fünf torso- und rätselhafte Verse nach der „Sattlerschen Ausgabe Bd. 5, Seite 275“.
Aber der Band liefert alles andere als die poetische Vorspiegelung einer historisch-kritischen Ausgabe. Gegen Ende kommentiert Falkner seine Hölderlin Reparatur so: Sie „bebildert mit ihren Gedichten die Idee des erhabenen Sprechens im Tumult der neuen, fragmentarischen und superkurzen Einsatz- und Bereitschaftssprachen“. Also weder Demontage noch Travestie oder Parodie Hölderlinscher Verse – ein ähnlich langer Tross von Parodien wie der, den Schillers „Lied von der Glocke“ hinter sich her zog, wäre auch schlechterdings undenkbar! Falkner konfrontiert Hölderlins Lyrik mit Erscheinungen, Erfahrungs- und Sprechweisen einer technisierten Welt und einer von Computern gesteuerten Kommunikation. Bei dieser Konfrontation ein Gefühl der Fremdheit Hölderlinscher Texte festzuhalten und doch den Hölderlinschen Ton weder zu denunzieren noch preiszugeben ist eine große sprachliche Leistung.
Die „Reparatur“, das Verfahren der Konfrontation, bleibt bei Hölderlin nicht stehen, sondern greift aus in ein weitgespanntes Netz „intertextueller“ Bezüge: zu Texten Goethes, Eichendorffs, Mörikes, Heines, Rilkes, Trakls, Brechts und Jandls, zur Lyrik Sapphos oder zur Minnedichtung. Wenn Falkner die „Hohe Minne“ zur gigantischen Minne steigert, ist natürlich Ironie dabei:

Du bist das größte Mädchen
das mir je begegnet ist…
wenn ich neben dir liege
sehe ich kein Land
überall wird Abend
sobald du dich über mich beugst
und wenn ich aufblicke
sehen meine Augen
eher die Sterne
als ein Ende von dir

Und dann doch diese poetische Huldigung an die große antike Dichterin der Liebe, in „Eine Bühne für Sappho“:

ich sah dich verzaubert
aus der vollendeten Verkörperung
dieser frühesten Morgenstunden
erwachen und Hauptdarstellerin
eines Tageslichts werden
das die Schritte
mit denen du auftrittst
vom ehernen Gesetz
der Schwerkraft
entbindet

Daneben dann die Rückkehr Falkners zur Experimentierfreude früher Texte mit der Erprobung neuer Sprachlegierungen. Den Schluss des Bandes bilden „Material(schlachten)“, Zusammenstöße zwischen Weltansichten der Dichtung und der Wahrnehmung heutiger Wirklichkeit. „Kein Orpheus! Kein Orakel!“ und auch nicht Mörikes Traumland „Orplid“. Die Entscheidung heißt „VIP Lounge oder Kolchose?“. Hölderlins Geliebte trifft auf den Liebhaber von Nabokovs Lolita: „Diotima ist dreizehn als Humbert Humbert kommt.“ Am Ende des Bandes radieren sich die experimentellen „Materialschlachten“ selbst aus mit dem Befehl an den Computer: „Alles löschen“.
Was aber die „Hölderlin Reparatur“ gerade nicht anstrebt, ist die Auslöschung der literarischen Überlieferung. Zeigt doch der Band, dass Poesietradition und Wahrnehmung der modernen Welt einander nicht ausschließen müssen. Große Dichtung hält dem Zusammenstoß stand. So gelingt der Hölderlin Reparatur Falkners eine subtile Art von Bewahrung, indem sie die Fremdheit und doch die Unverlierbarkeit der dichterischen Texte offenbart.

Walter Hinck, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.2008

Am Anfang ist das kalkulierte Chaos:

Das Motto der Hölderlin Reparatur führt den Leser nicht ein, es setzt ihn aus. Es konfrontiert ihn ganz bewusst mit der Verwirrung, die den unbedarften Benutzer von Dietrich Sattlers Hölderlin-Ausgabe erwartet; stößt ihn auf das vermeintliche Chaos verschiedener Textschichten, was dem äußeren Wort nach Assoziationsspielräume eröffnet zu Hölderlins „heiligem Chaos“ oder zur Chaostheorie, die Gerhard Falkner in diesem Band Thema und zugleich poetologische Leitmetapher ist. Nein, leicht machen will es Falkner dem Leser nicht mit seiner inzwischen huchelpreisgekrönten Hölderlin Reparatur, ganz im Gegenteil. So kündigt schon der Schutzumschlag an:

Hölderlin Reparatur ist ein Buch mit einer Verweisdichte, wie sie seit Ezra Pound vielleicht nicht einmal mehr versucht wurde.

Bemerkenswert an diesem Satz ist womöglich gar nicht so sehr, dass das auch für Klappen­text­verhält­nisse recht markig formuliert ist. Er gibt vielmehr Aufschluss über ein Konzept von Dichtung, nach dem sich lyrische Qualität maßgeblich über komplexe Hyper­textua­lität definiert. Entsprechend groß ist die Anzahl der in diesem Band mitvernehmbaren Stimmen, die Falkner zum Teil hoch­virtuos mit- und gegen­einander führt. Noch vergleichsweise dezent angespielt werden etwa Gertrude Stein, Jurek Becker, Schiller, Heine, Jandl und eine illustre Reihe von Philosophen und Wissen­schaftlern. Besonders intensive Aus­einander­setzung erfahren – außer Hölderlin natürlich – Sappho, Rilke, Klopstock, Novalis, Platen, Goethe, Mörike, Trakl, Benn, Robert Browning, Celan, Bachmann und… „na, wer wohl“? Genau: Gerhard Falkner.
Dieses chorische Sprechen will bei aller Brechung und Selbstironisierung doch nicht weniger als ein Hochtreiben der Gedichtsprache auf ein sublimes Sprechen hin, das Falkner als Eigentliches der Dichtung festhalten oder auch reanimieren will. Wenn er die Umgangs-, Werbe-, Wissenschafts- und IT-Sprachen auf immer wieder andere Weise kollidieren lässt mit den Möglichkeiten dichterischen Sprechens, dann letztlich stets, um sich einer als zerrüttet empfundenen Welt mit dem hohen lyrischen Ton entgegenzustemmen. Das gilt keineswegs nur für die Kontrafakturen auf Hymne, Ode oder Stanze, mit denen der Band einsetzt. Wenn am Ende im Zyklus Material (schlachten) – dem Titel und dem Verfahren nach eine Weiterführung des Schlusskapitels aus wemut (1989) – eine poetische Summa gezogen und das Gesagte sogleich der Dekonstruktion über­ant­wortet wird, dann stellt sich die ostentative Fülle der Techniken, Sprechweisen und aufgerufenen Diskurse umso emphatischer gegen den Schlussimperativ, der da heißt: „ALLES LÖSCHEN“. Der Linearität, die das Buch auf den eigenen Löschbefehl zuführt, steuert die Hölderlin Reparatur vehement entgegen, weil sie, bei aller Eigencharakteristik der einzelnen Kapitel, über deren Grenzen hinweg alles so eng vernetzt, dass das Prinzip der Relation an die Stelle der Abfolge tritt.
Auch darin ist das oben zitierte Motto programmatisch: Es ist eine Art sympathetische Schrift, die erst im (mehrmaligen) Rekurs, vom Inneren des Buchs her, lesbar wird. So wie Falkners Grundtechnik einer meist minimalen Manipulation am Wortkörper („Ornament und Versprechen“, „das Micht“, „Genus-s“) als Spracharbeit im engsten Sinn eine Potenzierung von Bedeutungsebenen bewirkt, schafft das Eingangsmotto ein Vakuum, das aus dem Band heraus permanent neu gefüllt wird. Der freie Raum, der die Worte aus Hölderlins „Palinodie“ in der Sattler-Ausgabe umgibt, wird zum Abbild der Leere, in die Falkner das (eigene) lyrische Sprechen gestellt sieht. „Lücke“, „Entgeisterung“, „fehlen“ und „verloren“ lauten die zentralen Vokabeln. Der elegische Ton gilt der fernen Geliebten, die natürlich immer wieder auch Sprache heißt. Verlust als umfassendes Lebensgefühl bestimmt den Band.
Auch das wird im Spiel mit der Textwiedergabe historisch-kritischer Ausgaben angedeutet. Wenn die Sattler-Edition Sprache als Material präsentiert und das handwerkliche Arbeiten des Lyrikers als akribische Anstrengung mit der Sprache offenlegt, entspricht das, so gesehen, genau dem Thema von Hölderlins „Palinodie“, das auch das der Hölderlin Reparatur wird: der Verlust aller Leichtigkeit, auch im Schreiben. Nicht zufällig hat Falkner Goethes „Erquickung“ im Zitat zur „Ent(b)ehrung“ verwandelt. Je mehr aber die Gedichte sich in diese Katerstimmung begeben, desto nachdrücklicher wird ihnen das Herbeisingen einer Epiphanie zum Programm (was auch immer man sich konkret darunter vorzustellen hat). Wo Hölderlins Satz im Indikativ steht, schafft Falkner einen komplett anderen syntaktischen Zusammenhang und transponiert die Vorlage in den Imperativ: Schauet, ihr Götter, vorbei und blühet!
Das ist die für diesen Band typische Verbindung aus Spiel und höchstem Pathos: fraglos raffiniert und innovativ in den Verfahren, aber auch auf einer etwas gewaltsamen Konstruktion aufgebaut. Falkners Erhabenheits-Ton rechtfertigt sich über die Negativfolie einer durch und durch kultur­pessimis­tischen Diagnose. Eine völlig entleerte Welt und auch in der Sprache: Verflachung allenthalben. Man fragt sich dann doch: Muss die Lyrik zur eigenen Legitimation wirklich das Schreckgespenst einer vollkommen stumpf gewordenen Welt als Antithese aufbauen? Braucht sie gegenwärtig ein so forciertes Lamento von der Existenzbedrohung des Dichters, gar der Dichtung überhaupt? Es dürfte kaum im Sinne seines Verfassers sein, wenn man in Falkners Stoßseufzer „Wir aber, die Dichter / wir gehen stiften“ lediglich einen reizvollen Remix sehen wollte. Doch wie passt diese Klage zur Reichhaltigkeit der aktuellen Lyrikszene, mit der Falkner ja bestens vertraut ist?
Aber vielleicht noch einmal weg von solchen Grundsatzfragen. Es gibt ein paar Widersprüche in dem Buch, die sich auch nicht mit dem Verweis auf eine Poetik der Kollision und Durchkreuzung einholen lassen. Einer davon ist quasi unvermeidlich: Wer den Anspruch an die Dichtung derart hochhängt wie Falkner, muss, zumindest punktuell, fast zwangsläufig dahinter zurückfallen. Wo das in dem Aphorismen-Kapitel „(47) Sätze gegen die Unruhe“ geschieht (das „nur deshalb mehr als 47 Sätze“ enthält, „weil es einfach ein paar des Guten zuviel sind“), erliegt Falkner der Versuchung, ein paar Seitenhiebe an die Kollegen austeilen zu wollen. Heraus kommt dabei eher alltägliches Literaturbetriebsgeplänkel als ein Bonmot. Und auch der sonst überaus geistreichen Wortmutationen sind im Schlussabschnitt vielleicht „ein paar des Guten zuviel“, wenn es an den „kategorischen Himbeeraperitiv“ von „Immaculata Cunt“ geht.
Unverzichtbar für die editionsphilologische Fiktion ist hingegen die „Such­maschine“ am Ende des Buchs. Sie ist Kommentar, Poetik, Primärtext in einem. Und sie ist Teil des Hase-und-Igel-Spiels, das Falkner gerne bei der Rezeption der eigenen Texte treibt. Es ist wohl auch in eigener Sache gesprochen, wenn Falkner dort unter dem Stichwort „Konzeptkunst“ eben diese gegen den Vorwurf des Elitären in Schutz nimmt. Ein gewisser elitärer Habitus schlägt in seinem Buch trotzdem immer wieder durch, auch eine latente Aggression gegen Dichtungsauffassungen, die sich einem Credo fürs höchste Register verweigern. Das vergällt einem manchmal den Spaß an der Lektüre. Um Spaß ist es Falkner in der Lyrik allerdings auch nie gegangen.

Daniel Graf, poetenladen, 23.1.2009

Gerhard Falkner in der Wortverbrennungsanlage

− Der Dichter Gerhard Falkner versucht sich an einer Hölderlin Reparatur – mehr oder weniger Erfolgreich. −

Nichts leichter, als sich davon zu überzeugen, dass es zwei Hölderlins gibt. Einen, der in der ersten Hälfte des Lebens den gedanklichen Bogen seiner Oden, Hymnen und Elegien kraftvoll spannte, die geschlossene Form beherrschte und, wenn sich ihm das Gemüt verdüsterte, in den Armen der wandellos göttlichen Natur Trost suchte. Und einen, an dem in der langen zweiten Hälfte eine Psychose zerrte, die fremde Ichs wie einen gewissen Scardanelli ans Ruder ließ und an den Versen nagte, bis oft nur noch ein Wortstumpf übrig blieb. Das wüste Schriftbild seiner späten Manuskripte scheint Beweis genug.

Zugleich soll man nicht so tun, als wäre nicht von Anfang an ein Riss durch Friedrich Hölderlin (1770–1843) hindurchgegangen. Zerfallen, wie er mit sich selber war, pochte ein „darbendes, angefochtenes, tausendfach geärgertes Herz“ in ihm, wie es im „Hyperion“ heißt, und verlangte nach einem Ton, der unter anderen Umständen vielleicht gar nicht zum Tragen gekommen wäre. „Singen wollt ich leichten Gesang“, notiert Hölderlin in zwei am Rand der „Friedensfeier“ entstandenen Zeilen, „doch nimmer gelingt mirs / Denn es machet mein Glück nimmer die Rede mir leicht.“

Es geht hier freilich nicht um Biografisches, das Hölderlin wie jeder große Dichter in etwas Universales übersetzte: Nur deshalb geht es uns heute noch so nah, wenn er sich etwa in Diotima ein Bild seiner großen Liebe Susette Gontard erschuf. Es geht um den Trugschluss, dass die poetische Geschlossenheit der ersten Lebenshälfte eine Form der natürlichen Rede wäre, wohingegen das spätere Stammeln und Stottern ganz ins Reich einer krankhaften Formlosigkeit gehören würde. Wenn man schon einen Gegensatz konstruieren will, müsste man sagen: Hölderlins geistige Zerrüttung war echt, das Beisichsein war simuliert.

Ästhetik des Erhabenen ohne sich lächerlich zu machen
Niemals, sogar unter Zuhilfenahme einer Zeitmaschine, würde man in der Wirklichkeit ein „Stuttgart“ finden, wie es dieser Sänger einst besang:

Wieder ein Glück ist erlebt. Die gefährliche Dürre geneset
und die Schärfe des Lichts senget die Blüte nicht mehr.
(…)
Voll ist die Luft von Fröhlichen jetzt und die Stadt und der Hain ist
Rings von zufriedenen Kindern des Himmels erfüllt.

Dieses Stuttgart hat nur eine innere, eine literarische Realität. Es findet sich in Berlin genauso wie in Bochum, und es lässt sich auch von Düsenjets und tiefer gelegten Sportwagen mit selig aufheulenden Motoren nicht vertreiben. Oder etwa doch?
Der 57-jährige Gerhard Falkner versucht in seinem Lyrikband Hölderlin Reparatur, für den er soeben mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet wurde, einen hohen Ton für die Gegenwart zu retten, ohne sich auf den Sprachstand begeben zu müssen, der Hölderlin zur Verfügung stand. Wie, fragt sich Falkner, ist eine Ästhetik des Erhabenen noch möglich, ohne dass der, der an ihr festhält, sich lächerlich macht?
Wenn Falkner in dem Gedicht „Ringsum ruhet nichts“ Hölderlins „Brot und Wein“ zerpflückt, macht er erst einmal Hölderlin unmöglich:

Ringsum ruhet nichts. Schon gar nicht die Stadt.
Kalt sticht das Licht der erleuchteten Gassen
in die Seiten der großen Alleen
und die Wagen rauschen dahin (ohne Ende)
Keiner weiß etwas von den Freuden des Tages
oder ihrem Gegenteil
den Qualen der Nacht
Nirgends ein sinniges Haupt. Aus keinem Garten
der Welt tönt fernes Saitenspiel.

Die Ausführung zählt
Da haben wir’s: Korrektur! Nein: Kontrafaktur! Demontage! Fort damit auf die Abraumhalde! So geht das nicht nur einmal: In jede himmlische Idylle mit Hölderlinanklängen fährt ein Störgeräusch. Die Ebenen des Sublimen und des Gewöhnlichen rauschen gewaltig zusammen, um zu zeigen, wie sich jeder Text gegen seinen Kontext behaupten muss. Es wird durchgestrichen und übermalt, als würde man so eine neue Sprache erhalten, die in ihrer Verunreinigung unschuldiger ist als die vermeintlich reine Sprache, deren sich Hölderlin bediente.
Falkner jedoch vorzuwerfen, dass er fast immer erst den Umweg über Hölderlin nimmt oder die Brechung durch eine andere poetische Instanz sucht, führt am Projekt dieses Bandes vorbei. Mit Zitaten derart hochgerüstet, dass der Blick auf das, was man Falkners eigene Sprache nennen könnte, nicht selten ins Leere führt, ist die „Hölderlin Reparatur“ ein Stück exakt kalkulierter poetischer Konzeptkunst zwischen Formbewusstsein und Formzerstörung: eine Materialschlacht, die um die Ironie mit den Mitteln des Pathos und um das Pathos mit den Mitteln der Ironie ringt.
Konzeptkunst bedeutet: Die Ausführung zählt, wie Falkner in einem zwischen Albernheit und Klippschulbelehrung schwankenden Begriffsappendix namens – Vorsicht Ironie – „Suchmaschine“ schreibt, „von untergeordneter Bedeutung“. Wir haben es, im Medium völlig disparater lyrischer Stile also mit so etwas wie einer theoretischen Demonstration zu tun. Das ist die Stärke und die Schwäche dieser labyrinthischen Gegensprech- und Wortverbrennungsanlage.

Falkner zieht sich aus der Affäre
In sieben Abteilungen führt sie von „Reparaturtexten“, „Reklamationen“ und „Netzwerkumgebungen“ über „Nichtverständigungstexte“ bis zu den mehrstimmigen Partituren von „Material (Schlachten)“. Dabei passiert man Kreuzchen, die Vers hebungen und -senkungen markieren, Brentano-Anklänge, Brecht-Reverenzen und ad absurdum geführten kommunikationstheoretischen Jargon. Und aus den meisten Gedichten ruft es: So, Freunde, schreibt es sich heute nicht mehr!
Wie, bitteschön, schreibt es sich dann? Oder, um die wichtigere Frage zu stellen: Wird, ein Minimum an historischem Bewusstsein vorausgesetzt, die Lektüre der Klassiker dadurch entwertet? Falkner zieht sich mit seiner Erklärung in den „(47) Sätzen gegen die Unruhe“ aus der Affäre: „Das, was ich gesagt habe, ist nicht das, was ich nicht gesagt habe.“
Wie erleichternd, dass ihm dann doch einige entschiedene Sprechversuche glücken – mit heruntergedimmtem hölderlinschem Ernst („es kam wie der frische Morgen, der Mittag, die S-Bahn / der Schlusspfiff, das Alter (es kam, was kommen musste / es kam das kommen“) oder ironisch wie in „Hohe Minne“ („Du bist das größte Mädchen / das mir je begegnet ist / es wäre unmöglich / um dich herumzulaufen / und zu Lebzeiten / noch einmal vor dir zu stehen“).

Ach oder doch Ach ja?
Falkner, der zuletzt mit der Bären- und Künstlernovelle „Bruno“ glänzte und das Berliner Großgedicht „Gegensprechstadt – ground zero“ schrieb, ist mit der Hölderlin Reparatur an einen Punkt gelangt, wo er der fragilsten aller Gattungen eine fast unmögliche Rundumverteidigung zumutet: eine Verteidigung gegen die Angriffe der alltäglichen Leerformeln und Sprachhüllen, die zweifellos zum Selbstverständnis des Gedichts gehört, aber auch eine Verteidigung gegen einen überkommenen hohen Ton, der sich jedem alltäglicheren Sprechen verschließt.
Erstaunlich wenig ist bei alledem davon die Rede, was die in der Philosophie regelrecht modischen Erhabenheitsdiskurse bestimmt: Wohin mit dem Transzendenten, dem Heiligen, dem Numinosen – und sei es in ganz unreligiöser Form? Und auf Hölderlin bezogen: Wohin mit den Himmlischen und den Göttern, die durch seine Gedichte spuken? In der Prosa, etwa in Peter Handke quasi-animistischer Weltbetrachtung oder bei Botho Strauß, scheint diese Perspektive einstweilen besser aufgehoben. Denn es geht nicht nur um die Aktualität bestimmter Tonhöhen, sondern darum, was sich jeweils durch sie sagen lässt. Sonst führt der Weg gefährlich schnell vom großen hölderlinschen „Ach“ zum seufzenden „Ach ja“.

Gregor Dotzauer, Der Tagesspiegel, 8.2.2009

Entgegnung

− Gerhard Falkners Hölderlin Reparatur. −

„Dichtung ist eine Sprachbarriere“ – vor allem dann, wenn sich die poetische Rede zu einem Gegenstand hin- und wider ihn wendet, ohne ihn zu bewältigen, und wenn dieses Nicht-Überwinden lyrisches Sprechen erst ermöglicht.
In einem Brief an seinen Freund Casimir Ulrich Böhlendorff schreibt Friedrich Hölderlin, dass das Eigene ebenso gelernt sein müsse wie das Fremde. In seinem neuen Gedichtband greift Gerhard Falkner diese poetologische Überzeugung Hölderlins auf, die dessen Dichtung nach den Pindar-Übersetzungen aus dem Griechischen nachhaltig veränderte. Auch bei Falkner wird die Grenze des eigenen Wortes ausgestellt, der Konfrontation mit der anderen Sprache und der „waghalsige[n] Wechselseitigkeit einer Konkurrenz zwischen Erreichbarkeit und Unerreichbarkeit“ im Gedicht Raum gegeben.
Falkners Hölderlin Reparatur bewegt sich zwischen den beiden Wörtern dieses Titels – denn obwohl die Gedichte geprägt sind von der Aktualisierung Hölderlinschen Sprechens, entsteht doch zugleich in der Auseinandersetzung mit den fremden Versen individuelle Rede. Diese ‚Reparatur‘ als poetische restitutio ist damit keine in integrum – keine, die eine ‚Ausbesserung‘ der entlehnten Verse zum Ziel hätte. Falkners Sprache bewegt sich im Horizont des Unverfügbaren dialogischer Dichtung – sie ist auf dem Weg an den Utopos des Gedichts, auf dem Weg ins Offene, das auch Hölderlins Dichtung so maßgeblich bestimmt: „Wie ließe sich darstellen, wie mit Sprache nichts mehr gesagt werden kann, ohne dass das Gesagte zu wenig Wort und doch noch Wort genug wäre.“
Der erste Zyklus, überschrieben mit „Reparaturtexte“, realisiert das im Bandtitel programmatisch genannte Moment ‚wiederherstellender‘ Lyrik, wenn Falkner das gleichnamige Gedicht mit einem Vers aus Hölderlins „Brod und Wein“ eröffnet: „Trunkenheit ists, eigener Art, wenn Himmlische da sind / Aber: Sind (denn) Himmlische da?“. War Falkners Langgedicht als Reaktion auf den 11. September bereits eine auf zerstörtem Boden errichtete „Gegensprechstadt“, so steht dieses poetologische Vorzeichen hier für einen neuen Horizont. Die Gedichte in Hölderlin Reparatur stellen nicht nur den ‚Gegenstand‘ der Lyrik, sondern formulieren zugleich eine ihm antwortende, ‚widersprechende‘ Rede. Somit nähert sich Falkner dem Celanschen Gedanken des Dichtung begründenden ‚Gegenworts‘, das erst durch die Stimme und den Atem des Anderen möglich wird. Die ‚Entgegnung‘ – die individualisierende Abgrenzung und zugleich die Aufhebung dieser Trennung im poetischen Gespräch – ist die paradoxe Grundfigur dieser Lyrik: „Nicht aus den Gärten und nicht von den Dörfern / komm ich zu euch, weder dem Sohn des Gebirgs, / der allein stehenden Eiche / noch den Söhnen des Berges, nicht aus oder von / den Wiesen, oder wie die Entwürfe alle beginnen […] (Homburger Folioheft, 1. Entwurf)“.
Falkners Dichtung übersteigt damit einfaches Zitieren – nicht zuletzt, weil sie sich immer in der Unsicherheit bewegt, ob das ins Gedicht gerufene Wort für sich allein stehend in neuer Weise sprechend wird. Im zweiten Zyklus ‚Reklamation‘, der neben Hölderlin auch andere (fremd)sprachliche Kronzeugen in sich versammelt und deren poetisches „Fassungsvermögen“ auszuloten versucht, findet mit sich „Tübingen. Julei.“ wohl die komplexeste Form des lyrischen Dialogs. Reklamiert, d.h. in die Präsenz des Gedichts zurückgefordert und in Widerspruch gestellt, wird hier Celans Gedicht „Tübingen, Jänner“, das mit „ein / Rätsel ist Rein- / entsprungenes“ selbst ein Wort Hölderlins ‚möwenumschwirrt‘ in sich trägt. Falkner ist sich dem Wagnis dieser überblendenden Poesie durchaus bewusst, denn „Manches gibt ähnliches wieder, / aber vieles geht in der Verwechslung verloren…“ – so bleibt am Ende „nicht einmal mehr der eigene Name“.
Doch auch die Gedichte im dritten Zyklus „Netzwerkumgebungen“ gehen offensiv mit dieser permanenten Gefahr des Verlusts um. Sie stellen noch stärker die stilistische Differenz der zeitlich entlegenen und doch ineinander verkeilten Verse aus und kontrastieren so beispielsweise hymnische Dichtung mit Phrasen der Alltagssprache:

Wie wenn am Freitag

falls es Wind und Wetter da noch gibt

und um das weite Feld zu sichten
um das zu Hause hier die schweren Stürme toben
wir zu den Göttern flögen
um die freien Tage dort zu feiern statt sie hier zu büßen
In Athen herrschen seit Wochen
konstante 42 Grad

Dabei wird für Falkner nicht nur die in den Gedichten genannte Welt fraglich, sondern auch die Sprache selbst:

Woher nehme ich eigentlich das Recht, ein Wort
wie Welt überhaupt in den Mund zu nehmen

Wie im lyrischen Dialog das Fremde vertraut werden kann, so fremd mag einem auch das eigene ‚geäußerte‘ Wort erscheinen:

Nichts in unserer Sprache
unterschied uns noch
von den Anderssprachigen
Wir verstanden, von dem, was wir sagten
kein Wort

Wie wenig sich darin Resignation ausdrückt, zeigt der Zyklus „Nichtverständigungstexte“ – die Erfahrung, auch in der Sprache nicht mehr Herr im eigenen Haus zu sein, ist dieser nur angemessen: „Sprache verrichtet sich quasi außer Haus, wenn sie sich zwischen / die Identität stellt.“ Die ‚poetologischen‘ Gedichte Falkners, die vereinzelt die formale Grenze zwischen Lyrik und Prosa bewusst verwischen, sind rationale Sätze inszenierende und zugleich unterminierende Reaktionen auf den „Zwischenraum“ poetischer Kommunikation:

Mit anderen Worten, es geht darum, dementsprechend zu bleiben.
Es geht um’s um, mit dem allein eine Zuspitzung der
Demotiviertheit einhergeht, die Sprache sinnvoll verhindert.

Das so konturierte Verhältnis von „Rede und / Nicht-Rede“ bereitet auf die letzten sieben Gedichte des Bandes vor, welche die radikalste und zugleich innovativste Formentscheidung Falkners in Hölderlin Reparatur bedeuten. Bereits zuvor betont Falkner die Unablösbarkeit von Form und Inhalt in seinen Gedichten, indem er Versen metrische Notationen beistellt („Mehr als drei Kreuzchen“) oder explizit tradierte Schemata thematisiert: „Fünf vierzeilige Sommer leuchtete dieses große / hochgeschaukelte Leben, eine sapphische Strophe“. Mit den „Material(schlachten)“ geht Falkner noch einen Schritt weiter und der zentralen Frage poetischen Sprechens nach: „Warum steht dieses Wort hier und kein anderes / und warum steht es hier und nicht woanders.“ Falkner orientiert sich dabei an der von Dietrich E. Sattler herausgegebenen Historisch-Kritischen Hölderlin-Ausgabe und den Transkriptionen der Handschriften Hölderlins, bei denen keine Trennung der Worte von ihrem Ort auf dem Blatt mehr möglich ist. In gleicher Weise versucht auch Falkner, über die freie Konstellation der Verse und ihrer Position auf der Druckseite neue Sinnbezüge zu schaffen. So unsinnig es ist, hier nachträglich eine klare Abfolge der Verse und Passagen festlegen zu wollen, so müßig ist die Frage, ob es sich bei den „Material(schlachten)“ nur um eine Inszenierung textkritischer Editionen handelt. Entscheidend ist, dass hier keine zitierbare Rede im Sinne eines linearen Textes mehr vorliegt und die Verse in ihrer Wechselbeziehung eine letztlich ‚haltlose‘ Semantik artikulieren. Falkners Lyrik exponiert damit die Frage, ob es eine Sprache gibt, die nicht mehr von der Dominanz eines Subjekts abhängt, und ob nicht zumindest in der Dichtung eine herrschaftsfreie Kommunikation möglich ist.
Falkner gelingt es in Hölderlin Reparatur, den Dialog mit der Sprache in die Sprache selbst zu übertragen und an ihr sichtbar werden zu lassen. Der Band zeigt, was es heißt, am eigenen Wort fremd zu werden und welcher Gewinn daraus erwachsen kann, wenn sich Poesie dazu aktiv ins Verhältnis setzt – denn: „Beseeltes Gegeneinander ist viel anständiger als halbherziges Füreinander“.

Martin Endres, lyrikkritik.de

Hölderlin – reparaturbedürftig?

Der Titel „Hölderlinreparatur“ erklärt sich aus dem ersten Gedicht dieses Buches, das auf mehr als 100 Textseiten die wortschöpferischen und wortspielerischen Lyrismen und Aphorismen Falkners zusammenschließt, wobei der reale Friedrich Hölderlin (*1770 in Lauffen a. N., +1843 in Tübingen) eine nicht nur zeitlich entfernte geistige Vorlage liefert.
Hölderlins Gedichte sind vom Geist der Antike inspiriert und verherrlichen das Dichtertum. Wie anderen klassischen Dichtern, etwa Friedrich Schiller, ist Unsterblichkeit ein Ziel des Dichtens, sie ist sogar Wahrheit wie der folgende Passus aus der „Hymne an die Unsterblichkeit“ zeigt.

Aber nein, so wahr die Seele lebet,
Und ein Gott im Himmel oben ist,
Und ein Richter, dem die Hölle bebet,
Nein, Unsterblichkeit, du bist, du bist!
Mögen Spötter ihrer Schlangenzungen,
Zweifler ihres Flattersinns sich freun,
Der Unsterblichkeit Begeisterungen
Kann die freche Lüge nicht entweihn.

Falkner konfrontiert die erhabene Sphäre Hölderlins mit der Welt und der Sprache unserer Zeit. Ein Beispiel dafür gibt das Gedicht: Die Einlachung von Neuffer. (Hölderlin selbst schrieb ein Gedicht „Einladung an Neuffer“)

O, eine leise Ahndung sagt mir / ich sei glücklich gewesen
Wie klänge das im Jahre 2007
I was happy, I presume? / I suppose?
oder gar: I guess ?
A faint premonition tells me, I was happy-
I have been happy ?
Irgendwie  so.
Falknerisiert hieße es wohl:
Ich muss dem Wahne aufgesessen sein, mich glücklich zu wähnen.

Der historische Christian Ludwig Neuffer war ein Studienkollege Hölderlins aus den Tagen im Tübinger Stift, wo die künftigen evangelischen Geistlichen Württembergs auf ihr Amt vorbereitet wurden. Hier parodiert Falkner offenbar die Beziehung Hölderlin – Neuffer, wenn er an das Ende des Gedichtes die Zeilen setzt:

Und Neuffer ? Neuffer steht für das Mittelmaß / die ewig Scherzhaften.
Die Hymne bläst ihn einfach weg
Und am verwischten Ende dann / in blasser Tinte noch
Ein doppeltes : Lebwohl!

Der Gedichtband will aber keine Hölderlin – Interpretation liefern. Insofern bedeutet Hölderlin – Reparatur etwas anderes. Diese „Reparatur“ ist eher Konfrontation der Bemühungen um einen Klassiker wie Hölderlin mit der Sprachwelt unserer Zeit, die auch von Anglizismen durchsetzt ist (s. o !). Wenn das lateinische Wort „ reparare“ im Sinne von „wieder erwerben“ verstanden wird, dann fällt einem auch das Diktum Goethes ein: „Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.“
Anders gesagt: Die Reparatur ist der Neu-Erwerb des Bekannten und Überlieferten vor dem Hintergrund des 21. Jahrhunderts.
In diesem Sinne weist Gerhard Falkner Wege zur Sprache der Dichter und zur Dichtung in einer unpoetischen Welt, die von Mathematik, Naturwissenschaften und Computern bestimmt wird. Für diese technisch – rationale Welt steht zum Beispiel der Name des Mathematikers Norbert Wiener (+1964, „Vater der Kybernetik “) in dem Gedicht „Die Blüthe in der Braut“. Die  Welt des Lyrikers  zeichnet sich auf „Sprachlandkarten“ ab, die aber äußerst mangelhaft und darum nicht verlässlich sind.

Nur was in die Breite geht wird abgebildet –
die Quantität der Landschaft.

Von einer solchen Landkarte will sich der Autor jedoch zu nichts zwingen lassen. Er protestiert mit dem Ausruf: „Aber nur auf den Effekt hin schreibe ich nicht!“
Der Weg des vorliegenden Buches führt von Hölderlin zu Falkner, doch es bleibt auch festzuhalten, was Walter Hinck in seiner (mir zu glatten und harmlosen) Rezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 15.12. 2008 schreibt:

Die „Reparatur“, das Verfahren der Konfrontation, bleibt bei Hölderlin nicht stehen, sondern greift aus in ein weit gespanntes Netz „intertextueller“ Bezüge: zu Texten Goethes, Eichendorffs, Mörikes, Heines, Rilkes, Trakls, Brechts und Jandls, zur Lyrik Sapphos oder zur Minnedichtung.
Falkner nimmt das berühmte Rilke-Gedicht „Das Karussell“ zum Anlass zu eigener Weltsicht und Weltanschauung:

und dann & wann ein und

Mit einem Seil und einem Sommer dreht
Sich eine halbe Meile der Verstand
Von dünnen Männern alle aus dem Brand
Der Flammen aufschlägt, ehe er sich legt.
Zwar zögern manche, heimlich und gespannt
Doch haben alle Kraft auf den Gesichtern
Und eine böse Hand, die sie bewegt
Spielt dann und wann wie eine Nacht mit ihren Lichtern.

Zum Vergleich die entsprechenden Verse des Originals von Rilke:

Mit einem Dach und seinem Schatten dreh
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen,
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Ob es sich hier um eine Parodie oder eine Transformation des Originals in eine andere Welt handelt, möge offen bleiben.
Immerhin ist das neueste Werk Gerhard Falkners preiswürdig befunden worden. Nachdem er bereits 2008 den Kranichsteiner Literaturpreis (Darmstadt) erhielt, wird nun der Staufener Peter-Huchel-Preis 2009 dem Autor verliehen. Was die äußere Gestalt des Buches angeht, so hätte mehr Farbe und Kontrast beim Einband nicht geschadet; denn dies hätte dem Inhalt eher entsprochen, als das düstere Schwarz-Grau. Auch ist die Schrift recht klein – typisch für sparsame Verleger, aber lästig für augenschwache Leser wie den Rezensenten. Doch die Anstrengung des Lesens lohnt sich wegen der Überraschungen, die Gerhard Falkner für den Leser gewiss bereithält. Ein interessantes Buch, das zur Überprüfung des eigenen Umgangs mit Sprache einlädt!
Im Übrigen ist der Autor Gerhard Falkner nicht nur als Lyriker, sondern auch als Lyrik-Theoretiker hervorgetreten, weshalb es nützlich ist, seinen Aufsatz „Das Gedicht und sein Double“ (in: Zeitschrift Bella triste 2007) kennen zu lernen. Abschließend ein Zitat daraus:

Wenn man über Gedichte spricht oder schreibt oder zu verstehen versucht, wie –
für wie lange, auf wen und warum – sie wirken, ist es sicher angebracht, die drei
generellen Instanzen in ihrer gegenwärtigen Ausprägung zu definieren: den
Dichter, den Kritiker und den Leser.

Möge der Dichter Falkner gescheite Kritiker und verständige Leser finden!

Wilfried Benedikt West, Freier Deutscher Autorenverband (FDA), fda-lv-bw.de

Der Reiz der Sonderzeichen

− Gerhard Falkners Gedichtband Hölderlin Reparatur. −

Hüter des heiligen Hölderlin-Grals mögen den Titel Hölderlin Reparatur als Sakrileg empfinden: als ob es bei Hölderlin etwas zu reparieren gäbe! Tatsächlich aber handelt Gerhard Falkners Gedichtband nur in zweiter Linie vom Dichter Hölderlin und seinem Werk. In erster Linie interessiert sich Falkner, diesjähriger Träger des Peter-Huchel-Preises, für die Reparatur selbst. Oder wie sonst sollte man das nennen, was Kritische Werkausgaben mit den Werken der Dichter veranstalten? Ist ein Dichter erst einmal zum Klassiker avanciert und in das Blickfeld universitärer Aufarbeitung geraten, wird bald jede Fassung seiner Gedichte sorgsam ediert und erläuternd kommentiert. In den Handschriften entfallene Buchstaben fügt der fleißige Philologe in eckigen Klammern hinzu, und große Aufmerksamkeit widmet er auch den Kommata – eine wahre Kärrnerarbeit ist das und ein ausgefeiltes Handwerk überdies. Der Herausgeber historisch-kritischer Werkausgaben muss sich mit allerlei Sonderzeichen auskennen, muss ein Virtuose der Klammern, Querstriche und Doppelpunkte sein, und auch mit Zahlen muss er sich auskennen, muss nummerieren, was das Zeug hält, muss ein Netz von Verweisen spinnen etc.
Dass dieses Handwerk Gerhard Falkner fasziniert, macht schon das Motto von Hölderlin Reparatur deutlich. Nicht „Hölderlin“ steht unter dem Motto, sondern „Sattlersche Ausgabe Band 5/S. 275“. Um die Textgestalt geht es Falkner. Den Hieroglyphen der Philologen widmet er die Gedichte der ersten Abteilung des Bandes, dem Versuch, korrumpierte Fassungen zu reparieren, gewinnt er dabei eine eigene poetische Qualität ab:

Die Frage der verlorenen Handschrift
in der es hieß:
is your past valid für the future?
wer hat die gestellt, die gege, gestellt?
Und die Antwort.
Ohne Ich
bleibt nur
das Micht?

In den Varianten, die der Philologe anführt, in den abgebrochenen Wörtern, gestrichenen Versen, in Fett- und Kursivdruck und all den anderen graphischen Markierungen (die schnell auch zu rhythmischen Pattern werden können) entdeckt Falkner einen wiederum ganz eigenen Reiz. Als forme das wissenschaftlich Aufgedröselte neuerlich eine „line of beauty“.
Leider ist das Schriftbild von Hölderlin Reparatur nur sehr unbequem lesbar und alles andere als schön. Trotz kleinster Type sind die Seiten vollgequetscht bis an den Rand. Dabei müsste dem Thema angemessen das Buch eher sattlersche Dimensionen aufweisen, ein paar Wörter und Zeichen jeweils nur locker über großformatige Seiten verstreut. Tut es aber nicht. Und leider fällt auch, nach diesem Auftakt, im weiteren Verlauf des Bandes die Spannung deutlich ab; viele Gedichte wirken wie Zufallsprodukte, häufig so, als seien sie bloß um der Pointe willen entstanden. Bei den „47 Sätzen gegen die Unruhe“ gegen Ende des Bandes schließlich wird es dann gar lamoryant und brünstig: „Als ich mit dem Schreiben begann, dachte ich immer, ich befände mich unter ,men of letters‘, nicht unter Tippsen, Betriebsnudeln und Homepagern.“ Und: „Wieso soll ich als Werk /den Namen meines Autors tragen, die Schwellkörper arbeiten doch auch ohne Quellenangabe.“ Einer kritischen Ausgabe bedarf so etwas sicher nicht.

Tobias Lehmkuhl, Süddeutsche Zeitung, 24.2.2009

Hölderlin Reparatur

− Preisfrage: Wird Lyrik für den Querschnitt des lesenden Volkes interessanter, wenn sie in modernisiertem Gewand anrückt? Oder gilt noch immer je älter, desto besser? −

Es ist wie immer, wenn sich die Sache um die Lyrik dreht. Das lesende Volk (Promillewert) kennt weder den Verursacher (halber Promillewert), noch weiß der abseits Stehende und tapfer Angebildete, was eigentlich heutzutage unter einem Stück Lyrik zu verstehen sei. So weit, so bescheiden. Und folgerichtig: Wer ist eigentlich Gerhard Falkner?

Deutsch von Amtswegen
Gerhard Falkner ist ein Lyriker deutscher Provenienz. Ein jüngeres Werk aus seiner Feder heißt Hölderlin Reparatur, und ein kurzes Weiterlesen lohnt an dieser Stelle – die Rezension ist nicht die längste. Wirklich, denn der Dichter lebt noch. Und seine Provenienz ist nicht nur deutscher Sprache, sondern deutsch von Amtswegen: Die Statuen, die er unablässig anbohrt, decken die Bandbreite deutscher Lyrikgeschichte ab. Der Leser wird unweigerlich über sie stolpern, immer wieder. Hölderlin ist die Chiffre, dahinter kommen viele. Beachtenswert allemal. Und das hat Gründe.
Falkner ist noch nicht anthologiereif vergessen gemacht. Auf zweieinhalb Liebhaberkreise verteilt. Fluidum fördernd eingelegt. Nein, er gibt sogar hin und wieder Zeichen. In den Formen abbruchartiger Sprechprosa oder als Dankesredner mit gewichtigem Inhalt: „Die Erschließung der intimen, diskreten und empathischen Räume ist weitgehend abgeschlossen und ihre Ausbeutung in vollem Gange.“
Falkner begreift diesen Umstand als Anstachelung zum lyrischen Erguss. Unablässig zieht er den Rechen durch seine inneren Räume und streift das Hängengebliebene den alten Meistern auf die Buchdeckel. Seine inneren Räume, und das ist wirklich erstaunlich und interessant, sind die eines Lebenden, während schon der Schritt über die Räume hinaus unzweifelhaft in der Systemwelt endet – jene große Verwaltung und Dienstbarmachung dessen, was einst unter menschlichen Affekten gesammelt wurde. Nach dem kollektiven Übertreten der Kulturschwelle aber gibt es nur noch eine Erkenntnis, und die trifft den Dichter unmittelbar: „Es handelt sich um das Versiegen des Inneren Monologs.“ Die Folge sind Gespräche unter Konsumenten. Aber die Kunst, was machen die Dichter? Sie haben sich zusammengeschlossen zu inzestuösen Grüppchen und Kleinstkommunen, genügen sich also selbst ganz außerordentlich. Und weiter nichts.

Es fehlen die Echoräume
Eine Malaise. Kann es daraus ein Entkommen geben? Weist Falkner den Weg? Nein. Er unternimmt den Versuch, er scheitert ja gar nicht, zeitgemäßes Spruchgut mit traditioneller Fracht zu beladen. Allein: Die heutige Unsichtbarkeit von Lyrik ist keine Angelegenheit der Lyriker. Sie fände, selbst wenn der Lyriker es wollte, überhaupt keinen Echoraum, keine Sphäre der Einhegung und Kultivierung mehr.
Und umgekehrt fände eine wie auch immer geartete Aufnahmegesellschaft in Sachen Lyrik, oder allgemein in Sachen Kunst keinen Zugang mehr zum Werk. Zu sehr spielt der Lyriker an sich selbst herum und billigt jener Mädchengymnastik – selbstverständlich – Allgemeingültigkeit zu. Na dann: Es hole sich ein jeder bei sich selber ab.
Falkner wird demnächst vergessen sein. Schade, aber kurz noch wird man seiner gedenken, an entlegener Stelle, irgendwo. Lyriker des 21. Jahrhunderts. Altes Kind unserer Zeit. Das ist nicht wenig. Immerhin lugt dann noch einmal kurz der schöne Turm hervor, auf ewig Süddeutsch- Halbtot.

Till Röcke, blauenarzisse.de, 19.4.2013

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Michael Braun: Tumult aus Sprachen
Stuttgarter Zeitung, 3.4.2009

Sebastian Kiefer: Die Sehnsucht nach dem Erhabenen und ihre Aporien. Zu Gerhard Falkners Hölderlins-Rezeption
lyrikkritik.de, metakritik

Gerhard Falkner: Kieferrohrbruch
lyrikkritik.de, metakritik

Gregor Dotzauer: Idylle mit Störgeräuschen
Tagesspiegel, 5.2.2009

 

Die Worte der verlorenen Reinschrift

– Gerhard Falkners Hölderlin-Nachfolge. –

Es gehört zu den Alleinstellungsmerkmalen Friedrich Hölderlins, dass er wie kein zweiter deutscher Dichter in den inneren Bestand der Dichter späterer Zeiten eingegangen ist. Das „unkompromittierbar Kühne“ (D.E. Sattler) und dabei oft Fragmentarische seines Werkes fordert eine Fortschreibung ebenso heraus, wie Hölderlins einzigartige Biografie zu einer identifizierenden Anteilnahme förmlich zwingt:

Hätten wir in der deutschen Literatur ein einziges tragisches Dichterschicksal – es wäre das von Friedrich Hölderlin.

Es ist gerade das Unvollendete bei höchsten ideellen und literarischen Ansprüchen, das utopische Potenzial der Dichtung vor dem Hintergrund persönlichen Scheiterns, von dem eine starke Anziehung auf nachfolgende Dichter ausgeht. Lässt sich doch der Enttäuschung darüber, als Dichter nicht ausreichend gewürdigt zu werden, mit dem Gefühl, darin eine Grundfigur der Laufbahn Hölderlins nachzuvollziehen, anders begegnen, und der Hader mit der Welt oder auch nur mit den schnöden Mechanismen des Literaturbetriebs mag eine Spur leichter zu ertragen sein, wenn ihm ein Funke der Hoffnung innewohnt, dass spätere Zeiten entdecken könnten, was einer ignoranten Mitwelt verborgen blieb. Gerhard Falkner, auf den dies zutreffen mag und der die deklassierte Rolle des Dichters in seinen Fragmenten und kritischen Aphorismen Vom Unwert des Gedichts mit polemischer Schärfe reflektiert, sieht sich wie heute nur noch wenige andere Dichter von jeher in einem durch die Tradition der hohen Dichtung geprägten Hallraum, der allerdings von einer Brandung degenerierter Sprechweisen und medial normierter Jargons umtost wird. Es ist somit eine auch sprachlich definierte Einsamkeit, aus der die Suche nach einer angemessenen dichterischen Diktion betrieben wird, und diese Spannung zwischen lyrisch hohem Ton und flachen aktuellen Idiomen umreißt das Feld, in dem Falkner seinen 2008 erschienenen Gedichtband Hölderlin Reparatur ansiedelt. In den aphoristischen „Sätzen gegen die Unruhe“ heißt es darin:

Die Hölderlin Reparatur bebildert mit ihren Gedichten die Idee des erhabenen Sprechens im Tumult der neuen, fragmentierten und superkurzen Einsatz- und Bereitschaftssprachen.

Falkner sucht sein Vorhaben so in einen konzeptuellen Rahmen zu stellen und die Lektüre gezielt zu steuern. Dies verdeckt jedoch die Sicht darauf, dass er seit jeher und ganz ohne Konzeptzwang Pfaden Hölderlins gefolgt ist – so wie es andere Dichter auch getan haben. Es erscheint daher sinnvoll, Falkners Hölderlin-Buch nicht als isoliertes Projekt, sondern im Kontext einer umfassenden Hölderlin-Rezeption zu lesen, die in der deutschsprachigen Lyrik eine wichtige traditionsstiftende Rolle spielt.
Nicht von ungefähr sind es gerade die nicht zu Ende geführten, unautorisierten Entwürfe Hölderlins, derer sich spätere Autoren bemächtigen, um Bilder und Klänge der hölderlinschen Gedichte in anderer Umgebung neu erstehen zu lassen, angefangen von den Fragmenten, die Wilhelm Waiblinger bei seinen Besuchen im Tübinger Turm mitnahm, um sie in seinen Roman Phaeton einzufügen. Schon von den ersten Anfängen einer literarischen Hölderlin-Rezeption an gibt es eine Nähe zwischen der Arbeit von Herausgebern, die die verborgenen Schätze eines liegengebliebenen Werkes erst zugänglich machen, und einer produktiven Anverwandlung in eigener Sache. Charakteristisch für diesen besonderen Zug der Hölderlin- Rezeption ist der Umstand, dass die Edition der späten Hymnen und Pindar-Entwürfe Hölderlins durch Norbert von Hellingrath seit 1909 gleichsam unter den Augen Stefan Georges und damit sofort im Hinblick auf ihre Bedeutung für das literarische Werk eines anderen Dichters geschah. Der erste Band von Hellingraths Hölderlin-Ausgabe erschien 1913 fast zeitgleich mit dem Stern des Bundes, in dem Stefan George Hölderlin als „hehren Ahnen“ anruft. In Ton und Duktus der späten Dichtung Georges ist das Vorbild der Hymnen Hölderlins nachweisbar. Im dreiteiligen Zyklus „Hyperion“ fungiert er zudem als eine der prophetischen Gestalten, auf die George seine Konzeption vom „Neuen Reich“ gründet – in scharfer Abgrenzung zur Kultur der Weimarer Republik; auch diese Wendung gegen die Zeit ist typisch für die literarische Indienstnahme Hölderlins und findet sich in Falkners Hölderlin Reparatur wieder. Neben George ist mit Trakl ein zweiter großer Dichter zu nennen, der um die Zeit des Ersten Weltkriegs Hölderlin als seinen Leitstern entdeckt und seine Sprache an Hölderlins Vorbild schult, ohne dabei an Eigenständigkeit einzubüßen – im Gegenteil mag für Trakl das Wort T.S. Eliots über die Eigenart eines neuen Dichters gelten, „daß nicht nur die besten, sondern auch die individuellsten Teile seines Werkes grade die sein können, in denen die toten Dichter, seine Vorgänger, ihre Unsterblichkeit am nachdrücklichsten kundtun“. Mit Hölderlin zu dichten erfüllt womöglich eine doppelte Sehnsucht: in der Wendung gegen eine als misslich empfundene Gegenwart Einkehr zu halten bei den Ahnen wie bei sich selbst.
Damit ist erst ein Teil der Folie umrissen, vor deren Hintergrund sich Gerhard Falkners produktive Beschäftigung mit Hölderlins Dichtung verstehen lässt. Sie muss außerdem gegen den Strich der literarischen Entwicklung seit 1945 gelesen werden, als Auseinandersetzung mit den Traditionsbrüchen und der Verabschiedung des hohen Tons, die sich unter immer neuen Vorzeichen vollzieht und als umfassende literarische Verlusterfahrung umschrieben werden kann. Stand Georges nach gleicher Tonhöhe strebende Hölderlin-Nachfolge noch ganz im Zeichen der Utopie und ihres möglichen Gelingens, so wird in den Bezugnahmen ab 1945 der Sturz aus der Utopie in die Vergeblichkeit zum beherrschenden Motiv. Dadurch wird es möglich, unter durchweg veränderten historischen Bedingungen Pathos und Idealismus fallen zu lassen und gleichwohl an der Figur Hölderlins festzuhalten, bei drastischen Abstrichen an der literarischen Tonhöhe. Wenn Günter Eich in dem Gedicht „Latrine“ den Namen Hölderlin auf Urin reimt, bringt er einerseits die dissonante Wirklichkeitserfahrung der Frontsoldaten, die mit der Feldpostausgabe in der Hand auf dem Donnerbalken hockten, auf eine markante Formel, äußert aber zugleich Zweifel an der Fortsetzbarkeit hochfliegender idealistischer Schreibweisen angesichts der vernichtenden Realität. Benn mokiert sich in einem seiner späten Parlando-Gedichte darüber, dass es schlimm sei, „einen neuen Gedanken (zu) haben, / den man nicht in einen Hölderlinvers einwickeln kann, / wie es die Professoren tun“. Hier klingt bereits eine literarische Opposition gegen die akademische Vereinnahmung Hölderlins an, die Arnfrid Astels lapidare Zeilen von 1968 veranlassten:

Ich habe Leute
über Hölderlin
reden hören, die
mit ihm nicht
geredet hätten.
Mit denen will
ich nicht reden.

Hier wird der revolutionsfreundliche, im bürgerlichen Leben gründlich gescheiterte Hölderlin als frischer Genosse für die Studentenbewegung reklamiert, unter Verzicht auf jede literarische Tuchfühlung. Peter Härtlings Roman Hölderlin von 1976 markiert dann im Genre der Prosa die für die Rezeption nach 1945 typische Wendung vom Werk hin zur Biografie.
Es gibt allerdings auch eine hochtönende Linie der Hölderlin-Nachfolge, die von Bechers Sonett „Tübingen oder Die Harmonie“ über Bobrowskis „Hölderlin in Tübingen“ bis zu Paul Celans „Tübingen, Jänner“ reicht – auffällig die Konzentration auf Tübingen mit dem Turm, in dem der geistig verwirrte, von den Freunden verlassene und um Suzette Gontard trauernde Dichter die zweite Hälfte seines Lebens zubrachte. Der halbrunde Turm mit den drei Fenstern zum Neckar, durch die Hölderlin in seinen spätesten Gedichten die Bilder der wechselnden Jahreszeiten betrachtete, wird zum sichtbaren, für literarische Pilger auch von innen zu besichtigenden Raum der imaginierenden Erinnerung an die Fallhöhe eines Schicksals und eines Werkes, das als ebenso verpflichtendes wie schaudererregendes Beispiel dichterischer Existenz gelten kann. Celans „Tübingen, Jänner“ mit seinem Zitat aus Hölderlins Rhein-Hymne („ein Rätsel ist Reinentsprungenes“) und der Anspielung auf die Reden des verwirrten Dichters („Pallaksch. Pallaksch.“) kann als gelungenes Beispiel einer Anverwandlung gelten, die den fremden Duktus in den eigenen aufnimmt. An diese Traditionslinie knüpft der frühe Gerhard Falkner an, keineswegs nur zitathaft, sondern mit Emphase. Mit Hölderlin kann Falkner sagen, worum es ihm selbst als Autor geht. In dem ebenfalls mit Blick auf Tübingen verfassten Gedicht „der schwabe/ der neckar“ aus dem Band wemut (1989) findet er die Mitte zwischen Parlando und elegischem Ton, um die Spannweite zwischen verlorenem Ideal und mediokrer Gegenwart aufzuzeigen:

heut schaut er auf den neckar
ohne zu zucken
seine ufer, immer noch von hügeln
überrollt
begegnen ihm nicht mehr. ihm glänzt
aus keinem tal
mehr eine klare welle. um den neckar
schert sich nur
der dreck, beflaggt von seitenstreifen
denn der schwabe
kein bienengesumm verblödet ihm noch
das herz
zur freude. ihn kümmert allein die
missa solemnis
festverschlossenen fahrens – und jenseits
der scheiben herrscht: hölderlinsperre

In einem Ton, der die Echos hölderlinscher Verse („In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf / Zum Leben, deine Wellen umspielten mich, / Und all der holden Hügel, die dich / Wanderer! kennen, ist keiner fremd mir.“) wachruft, aber dabei unzweifelhaft von heute ist, gelingt es ihm, eine Kulturkritik fortzuschreiben, die Hölderlin ebenso wie nach ihm Stefan George unternommen hat. Keine distanzierte Kulturkritik, sondern eine, die fühlbar einen Verlust beklagt, erkennbar an einem der Herzworte Hölderlins, das uns bei Falkner wiederholt begegnet: Freude.
In dem Band Endogene Gedichte aus dem Jahr 2000 wird, auf verspielte Weise, eines der poetologisch bedeutsamsten Gedichte Hölderlins frei variiert. „Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen! / Und einen Herbst zu reifem Gesange mir, / Daß williger mein Herz, vom süßen / Spiele gesättiget, dann mir sterbe“, so hebt Hölderlins Gedicht „An die Parzen“ an, und es fährt, das Scheitern sonstiger irdischen Wünsche willig hinnehmend, fort:

Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
Doch ist mir einst das Heil’ge, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht gelungen,

Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
Mich nicht hinab geleitet; Einmal
Lebt’ ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.

In Falkners Sprache hebt es wie folgt an:

nur einen Sommer, oder so
sagen die Stimmen
nur einen Sommer
einen gewaltigen, oder so
der, was immer er bringt, ohne anzuklopfen
hereinbricht
(…)

Durch das lapidar eingebrachte „oder so“ wird aber Hölderlins Ton und Anspruch keineswegs lächerlich, sondern lediglich mundgerecht gemacht, um andeutungsweise von etwas sprechen zu können, das ebenso wie das gelungene Gedicht als Feier des Daseins gelten kann und durch Hölderlins Vita ebenso beglaubigt wird: der Ausnahmezustand der erfüllten Liebe, der nicht auf Dauer gestellt werden kann; ein Motiv, dem sich einige der besten Gedichte Falkners verdanken. So wird, ebenfalls in Endogene Gedichte, in dem Gedicht „Die Götter bei Aldi“ mit ebenso viel Pathos wie Ironie der exaltierten Momente eines Liebespaars gedacht, dem durch die Lust und den geteilten Kunstgenuss (Wagners Tristan und Isolde) sogar die Kunden, die bei Aldi in der Schlange stehen, zu Göttern verklärt werden. Durch die Ironie, die das Gedicht durchaus vor sich her trägt, sollte man sich nicht täuschen lassen: Es sind solche seltenen Durchbruchstellen des Glücks, um die in der Dichtung Gerhard Falkners alles kreist. Hölderlinsche Momente, aus denen das Gedicht kommt und die das Gedicht einzufangen oder zu beschwören sucht. So heißt es im 2005 erschienenen Langgedicht Gegensprechstadt – ground zero:

die unstillbare Liebe
das ist der poetische GAU
Hölderlin
hat das nur anders ausgedrückt

und in den dem Band folgenden Anmerkungen:

das ground zero des Dichters ist das Zerschellen der Persönlichkeit an der unerfüllten Liebe

Dieser existenzielle Impuls einer Hölderlin-Nachfolge, bei dem sich der hohe dichterische Ton nicht von dem in ihm Sagbaren trennen lässt, trifft nun in Hölderlin Reparatur auf einen zweiten, technisch kühleren Impuls. Die Sprachwelt Hölderlins soll als Material mit anderem Vokabular kurzgeschlossen werden. Diese beiden Impulse fördern einander nur bedingt und schon im Titel des Bandes wird ihre Ambivalenz deutlich. Es ist ja in dieser Kopplung zweier isolierter Begriffe durchaus offen, wer Subjekt und wer Objekt der Reparatur ist: Wird hier Hölderlin repariert oder soll anderes, etwa ein Schaden in unserer Zeit, mithilfe Hölderlins repariert werden? Geheilt eigentlich, würde man denken; aber es ist nicht die Organismus-, sondern die Maschinenmetapher, die Falkner wählt. Welche Möglichkeiten „sublimen Sprechens“ es heute gebe, ist die Ausgangsfrage, der „für Hölderlin typische hohe Ton“ der literarische Lackmustest in der Konfrontation mit gegenläufigen Sprechweisen. Es ist eine sprachliche Versuchsanordnung, die Falkner in seinem Buch betreibt, und – wie es, dem naturwissenschaftlichen Modell folgend, zu Experimenten gehört – mit ungewissem Ausgang.
Die Spannung beider Impulse wird zunächst im Titelgedicht auf poetisch glückende Weise fruchtbar gemacht. „Trunkenheit ists, eigener Art, wenn Himmlische da sind / Aber: Sind (denn) Himmlische da?“ In diesem Auftakt ist Hölderlins Sprach- und Vorstellungswelt sofort in den Vorgang einer Inspektion hineingezogen, der Gestus aus Setzung und Befragung ist dabei einerseits aus Hölderlins Dichtungen bekannt und er holt diese andererseits in den sie inspizierenden Duktus der Sprache Falkners hinein. Die Hinterfragung wird fortgesetzt. Sind „Trunkenheit“, „Echo“ und „Nacht“, als poetisch erweiterte Bewusstseinsräume, die Hölderlin in seinen Dichtungen immer wieder beschwört (man denke an die Schwäne aus „Hälfte des Lebens“, die „trunken von Küssen“ „das Haupt / Ins heilig-nüchterne Wasser“ tunken, oder an die Feier der Nacht in der Elegie „Brod und Wein“), heutzutage „nicht Nachhall nur anderer / schadhafter Sprachen, schwärzlicher Sprachen / sprachlicherer Sprachen“, mithin also nur noch innerhalb eines Systems von Zeichen aufzurufen, abgetrennt von dem Bezeichneten? Diese sprachskeptische Hypothese ist der negative Widerpart des existenziellen dichterischen Impulses, der mit dem Wort zugleich das Leben haben will. Inwieweit aber das, worin Leben gipfeln kann, die Freude nämlich, sich überhaupt noch sagen lässt, wird nicht nur von sprachphilosophischen Zweifeln, sondern von einem Vokabular unterminiert, das für ein krass verändertes Bewusstsein steht:

Viele versuchen umsonst das Freudigste freudig zu sagen
doch, in den Schranken der Sinne
ist dies Freudigste selten geheuer
wellness (reicht auch)

Falkner variiert hier das mit dem Namen des antiken Tragöden Sophokles überschriebene Epigramm Hölderlins:

Viele versuchen umsonst das Freudigste freudig zu sagen
Hier spricht endlich es mir, hier in der Trauer sich aus

und indem er das Diktum auf das zeitgeistige Schlagwort „wellness“ auflaufen lässt, macht Falkner deutlich, dass es nicht um austauschbare, lediglich der Mode des Sprachwandels unterworfene Zeichen geht, sondern um Lebensformen und Anschauungen. In eine ähnliche Richtung weist „Die Einlachung von Neuffer“. Auch hier geht es um nichts weniger als um das (Liebes-)Glück, dem keine Realität mehr zukommen kann, weil die ihm zukommende Sprache als veraltet gelten muss:

O, eine leise Ahndung sagt mir
ich sei glücklich gewesen
Wie klänge das im Jahre 2007
I was happy, I presume?
I suppose?
oder gar: I guess?
A faint premonition tells me, I was happy –
I have been happy?
Irgendwie so.

Der doppelte Sprachwechsel aus dem Pathos des Deutschen in die Coolness des Englischen weist auf die Schamesröte, die die Suche nach einer angemessenen Sprache der Liebe begleitet, sobald sie sich der Reflexion stellt, dass alles schon gesagt worden ist und die Worte durch inflationären Gebrauch entleert wurden. Die Beschädigung des Sagbaren geht mit einem Wechsel der Kommunikationsmittel einher:

Die Wahrheit ist: ich sitze an meinen e-mails
und schreibe den Satz: ich liebe dich
also:
drei Worte geteilt durch zwei Personen
aber ich weiß nicht, an wen ich ihn schicken soll!

In nicht wenigen Gedichten gelingt es Gerhard Falkner, in der beständigen Aufrufung des hohen Tons, teils als (verfremdetes) Zitat, teils als eigenständige Neudichtung, und seiner Brechung an den Trivialitäten der Gegenwartssprache ein tragisches Sprachbewusstsein zu erzeugen, das um den doppelten Verlust weiß, der darin liegt, dass im Niedergang der Sprache immer ein Verlust der Höhe menschlichen Erlebens beschlossen liegt. Und doch werfen sich die Gedichte diesem Verlust entgegen. So wird in „Tübingen. Julei.“ der Anschluss an Celans „Tübingen, Jänner“ hergestellt und wenn aus dessen „Erinnerung / an schwimmende Hölderlintürme“ die Zeile „Am Himmel die kreisenden Hölderlinkräne“ destilliert wird, dann ist damit zugleich ein konkretes Bild gegeben, das über die sprachliche Versuchsanordnung hinausweist. Diese Gedichte befinden sich im Buch in der Gesellschaft anderer Texte, die auf spielerische Weise an lyrische Vorgänger anknüpfen und dabei nicht die gleiche Intensität erreichen wie die Hölderlin zugedachten. So spielt „Vintage Poem“ mit Zitaten aus zwei Gedichten Eichendorffs („In einem kühlen Grunde“ und „Dämmrung will die Flügel spreiten“) und gelangt dabei nicht über die scherzhafte Kumpanei Rühmkorfs hinaus, der schon 1959 „Auf eine Weise des Joseph Freiherrn von Eichendorff“ sich einen Reim machte. „Mehr als drei Kreuzchen“ begnügt sich gar damit, eines der schönsten Gedichte Mörikes („Um Mitternacht“, auch „Gelassen stieg die Nacht ans Land“) mit seinem metrischen Muster abzubilden. Hier wird aus einem bestehenden Gedicht ein objet trouvé, aber kein neues Gedicht.
Die Entscheidung, den Gedichten der Hölderlin Reparatur ein essayistisches Zwischenspiel in Form der „Sätze gegen die Unruhe“ einzufügen, kann gleichfalls nicht völlig überzeugen. Sie künden von der andauernden Reflexion des Schreibprozesses und jenem reizbaren kritischen Bewusstsein, mit dem Falkner seit Langem den literarischen Betrieb begleitet, und gestatten manchen Einblick in sein dichterisches Selbstverständnis. Zur Aufnahme der Gedichte sind diese Fragmente nicht notwendig und die gelieferten Begründungen für die abschließenden Kapitel „Nichtverständigungstexte“ und „Materialschlachten“ machen diesen Appendix des Gedichtbands nicht substanzieller. Die „Nichtverständigungstexte“ können den klaren Unwert verklausulierter Wissenschaftssprache in der Soziologie, der Literaturwissenschaft oder Psychologie durch seine Zurschaustellung in kontaminierter Montage weder beheben noch poetisch fruchtbar machen. In den „Materialschlachten“ imitiert Falkner die Methode und das Erscheinungsbild der von D.E. Sattler über Jahrzehnte in mühevollster philologischer Arbeit edierten Frankfurter Hölderlin-Ausgabe, die im Faksimile der Handschriften, ihrer sorgsamen Entzifferung und Transkription und der somit sichtbar gemachten Abfolge der Textstufen den dichterischen Schaffensprozess Hölderlins nachvollziehbar machen will. Diese aus dem Chaos des kaum Lesbaren gewonnene Einsicht in die Denkweise des Dichters wird durch das mutwillig inszenierte typografische Chaos, zu dem Falkner in den „Materialschlachten“ seine Hölderlin-Exzerpte mit eigenen Notizen, verworfenen Fassungen und popkulturellen wie philosophischen Zitaten mixt, bestenfalls parodiert. Zur philologischen Entzifferungsarbeit laden sie nicht ein, wenn auch einige Kontrafakturen zu Stellen aus Rilkes Duineser Elegien beim Überblättern ein Interesse wecken und die Frage aufwerfen, was Falkner wohl noch aus ihnen machen könnte.
Während diese selbstbezüglichen Experimente die Peripherie der Hölderlin Reparatur etwas löchrig machen, finden sich in ihrem Kern durchaus strahlende Gedichte, die den Ton Hölderlins brechen und neu beleben und damit ein altes helles Licht auf unser trübes neues Leben werfen. Eines der besten dieser Gedichte ist „Ringsum ruhet nichts“, in dem Falkner die erste Strophe von Hölderlins Elegie „Brod und Wein“ bearbeitet, deren Separatdruck unter dem Titel „Die Nacht“ den Kommentar Clemens Brentanos in einem Brief an Philipp Otto Runge veranlasste:

Niemals ist vielleicht hohe betrachtende Trauer so herrlich ausgesprochen worden. Manchmal wird dieser Genius dunkel und versinkt in den bittren Brunnen seines Herzens; meist aber glänzet sein apokalyptischer Stern Wermuth wunderbar rührend über das weite Meer seiner Empfindung. Wenn Sie diese Bücher finden können, so lesen Sie diese Lieder doch. Besonders ist die Nacht klar und sternenhell und einsam und eine rück- und vorwärts tönende Glocke aller Erinnerung; ich halte sie für eines der gelungensten Gedichte überhaupt.

Ringsum ruhet die Stadt; still wird die erleuchtete Gasse,
aaaUnd, mit Fakeln geschmückt, rauschen die Wagen hinweg,
Satt gehn heim von Freuden den Tags zu ruhen die Menschen,
aaaUnd Gewinn und Verlust wäget ein sinniges Haupt
Wohlzufrieden zu Haus; leer steht von Trauben und Blumen,
aaaUnd von Werken der Hand ruht der geschäfftige Markt.
Aber das Saitenspiel tönt fern aus Gärten; vielleicht, daß
aaaDort ein Liebendes spielt oder ein einsamer Mann
Ferner Freunde gedenkt und der Jugendzeit; und die Brunnen,
aaaImmerquillend und frisch rauschen an duftendem Beet
. (…)

Auf diese zehn Anfangszeilen der Elegie (die Strophe umfasst acht weitere Zeilen) schreibt Gerhard Falkner seine kommentierende Kontrafaktur, die bei aller Ironie und der Demontage des hohen Tons doch ihrerseits einen tragenden Ton hoher betrachtender Trauer etabliert:

Ringsum ruhet nichts. Schon gar nicht die Stadt.
Kalt sticht das Licht der erleuchteten Gassen
in die Seiten der großen Alleen
und die Wagen rauschen dahin (ohne Ende)
Keiner weiß etwas von den Freuden des Tages
oder ihrem Gegenteil / den Qualen der Nacht
Nirgends ein sinniges Haupt. Aus keinem Garten
der Welt tönt fernes Saitenspiel
Sie wälzt, die Welt, mit einem leisen Knirschen sich
nur durch den Sand des Zeitvertreibs. Zu glauben,
dass irgendwo ein Liebender spricht, fällt unter
Stimmen hören, weiße Mäuse sehen,
einen Dachschaden haben – Oder dass ein einsamer Mann
(ein was bitte?) ferner Freunde gedenkt?
Heute sind Männer nicht einsam. Entweder sie
kommunizieren, oder sie sind ganz einfach nicht da
und Freunde selten fern
sondern nur im Moment nicht erreichbar
Hoffnung geht gar nicht. Hold geht auch nicht.
Gütig erst recht nicht. Edel? Völlig ausgeschlossen.
Edel sind Pralinen und Seidenstrümpfe.
Alles macht Spaß, nur die Freude nicht.
Alles ist in Bewegung, nur die Bewegung nicht.
Sie stockt.

Aus der Schlusswendung ist ein Echo zu Celans Gedicht „DU LIEGST im großen Gelausche“ vernehmbar, in dem an die Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs erinnert wird („Der Landwehrkanal wird nicht rauschen. / Nichts / stockt.“). Bei scheinbarem Widerspruch („Nichts stockt“ vs. „Sie stockt“) benennen beide Gedichte – das Celans und das Falkners – denselben Sachverhalt: In einer Welt unaufhaltsamer Betriebsamkeit geht nichts unter, nur die Erinnerung an das, worauf es ankäme; die echte Freude etwa, an deren Stelle der schale Spaß getreten ist. Indem Falkner am Beispiel der Sprache Hölderlins die reine Abwesenheit älterer Empfindungsweisen beklagt und ihre Sprachformen mit ihren von Medien, Warenwelt und elektronischer Kommunikation diktierten Surrogaten kreuzt, zeigt er, dass es an einer Welt, die ohne Dichtung so bequem auskommt und gar nicht weiß, was ihr fehlt, für einen Dichter nichts zu reparieren gibt und dass eben deshalb das Wagnis des hohen Tons als Widerspruch zu den herrschenden Sprachen unverzichtbar ist – so lange noch jemand den utopischen, für das Geschichtsbild Hölderlins grundlegenden Gedanken denken kann, dass wieder sein sollte, was einmal war und nicht mehr ist. Zu dem von Gerhard Falkner seit Langem beschrittenen Weg der Hölderlin-Nachfolge gibt es in diesem Sinne gar keine Alternative.

Norbert Hummelt, aus Text+Kritik Heft 198 Gerhard Falkner, edition text + kritik, April 2013

Ist es einfach, ist es schwierig?

Für seinen Gedichtband Hölderlin Reparatur erhielt Gerhard Falkner den Peter-Huchel-Preis.

Laudatio zur Verleihung des Peter Huchel Preises 2009

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Gerhard Falkner,

Gerhard Falkners Gedichte fassen den Wahnsinn, in dem und mit dem wir leben, in eine Sprache, die uns anfasst, weil sie das Himmlische und das Höllische seelischer Äquivalenzen auf den poetischen Punkt zu bringen vermag. Sie befinden sich damit im Auge des Zyklons, der als Weltkrise selbst jene noch das Fürchten lehrt, die sie heraufbeschworen hatten. Wenn solch anmaßend-despektierliche Zirkelsätze den Auftakt für die Preisung des besten deutschsprachigen Gedichtbandes des Jahres 2008 intonieren, werden sie begründet werden müssen. Deshalb soll auf Vorgeschichten eingegangen werden und Vor-Vorgeschichten, die allesamt sich bündeln in der hier und heute ausgezeichneten Sammlung Hölderlin Reparatur. Sowenig man über dieses Buch sprechen kann, ohne auf Hölderlin einzugehen, sowenig kann man über aktuelle Falkner-Gedichte nachdenken, ohne die sirenischen Stimmen der älteren in die Geschichte einzusenken. Es ist den Gründen nachzuspüren, warum seit Erscheinen seines ersten Gedichtbandes so beginnen am körper die tage 1981 die Rezeption des Falknerschen Werkes kontinuierlich nur zwei Amplituden kennt – die begeisterte Aufnahme wie die schroffe Ablehnung, und wie diese seltsame, seinesgleichen suchende Kontinuität mit gesellschaftlichen Verfasstheiten offenbar koinzidiert. Denn die Falknersche Lyrik stach stets traumsicher in die Wundstellen jeweiliger Selbstvergewisserung deutscher Kultur der sublimeren Art, die gewohnt war, politisch zu sortieren oder grob-ästhetisch, und die nun einem Rätsel standhalten sollte. Es muss ja Gründe geben, dass 2006 ein weitaus jüngerer Lyriker, Steffen Popp, zum Erstlingswerk notierte:

Eine Art Efeu, gelangt das Sprechen an dieser Kontur, diesen Linien aus Vergeblichkeit und Schmerzen, zu einer Form; getrieben vom Willen zur Fassung der Situation, zur Behauptung einer eigenen Wirklichkeit, entwirft Falkner seine Gedichte um Momente des Außerordentlichen, Momente des Intensiven, der unverhältnismäßigen Durchdringung oder einfach nur des Gelingens, die es gegen eine in ihren Verhältnissen ruhende Welt zu verwirklichen gilt.

Mich an meine eigenen starken Glücksgefühle bei der ersten Lektüre des Luchterhand-Bändchens erinnernd, bin ich mir sicher, dass es kein Zufall sein kann, dass diese seltene Art von Nobilität seit einigen Jahren von nachgewachsenen Lyrikern wie Steffen Popp, André Rudolph oder Uwe Tellkamp als beerbbar gilt, angesichts des Endlosgeplappers ringsum.
Gehen wir aber zunächst fast dreißig Jahre zurück: Der Zustand weiter Bezirke der bundesrepublikanischen Lyrik Anfang der achtziger Jahre lässt sich in wenigen Stichworten beschreiben: Es dominierten Befindlichkeitsgeschwurbel, die Wiederentdeckung der Form als Häkelarbeit, Oberflächenbebilderung und Drittaufgüsse der einstmals innovativen „konkreten Poesie“. In diese Landschaft siedelte nun plötzlich eine Dichtung, deren Fahnenworte „Schönheit“, „Erhabenheit“, „Sprachraffinesse“ hießen, und als wären solche Entlegenheiten nicht genug, von Anfang an verbunden war mit essayistischer Analyse und Polemik, etwa in Richtung der Brinkmann-Adepten: „Die Warenscheinlichkeit unserer Gesellschaft und die Verschleierung der Herrschaft ist zu infam, als daß sie sich in einem Spot auf Supermärkte ‚erkenntlich‘ zeigen würde. (…) Jede Kunst, die meint, es genüge, abzubilden oder zu wiederholen, was oben auf der Hand liegt, übersieht neben ihrer ostentativen Belanglosigkeit auch ihr affirmatives Agens. Die ‚ungekünstelte‘ Sprache ist eine beherrschte Sprache.“ Die Einsicht in die Warenförmigkeit auch der randständigen Lyrikproduktion ermöglichte es Falkner, illusionsloser als viele seiner Kollegen, die Zusammenhänge zwischen Herrschaftsdiskursen und Poesie auszuleuchten. Den Wiedergewinn konzentrierter, erhabener Sprechweisen in der Dichtung begriff er nicht nur als Gegenpol zu den umlaufenden Beliebigkeitsartistiken, sondern als kulturkritischen Widerpart zu diversen Zerstreuungsideologien, die damals frisch in Umlauf gebracht worden waren. Und tatsächlich wurde bald schon die postmoderne Flickwerk-Kultur mit ihrer Feier des Partikulären und Entlegenen gegen die vermeintlich obsoleten Metaerzählungen von Aufklärung und Emanzipation alles durchsickernder Zeitgeist. Er mündete in den Fukujama-Thesen vom „Ende der Geschichte“ und der teilweisen Selbstaufgabe widerständigen Denkens in der „Berliner Republik“. Dialektiker allerdings können komplexe Phänomene komplex in Augenschein nehmen. Gerhard Falkner unternahm in den achtziger Jahren ein einsames Abenteuer, gleichsam als Foucault der deutschen Poesie. Er unterzog die Möglichkeiten poetischen Sprechens einem Härtetest, indem er poststrukturalistische Maxime wie Stimmensplitting, Dekonstruktion, Abkehr vom Individualstil, intertextuelles Verweisspiel in seinem dritten Gedichtband wemut anwandte und zugleich überprüfte. Mit Verve entwand Falkner „alte“ Grundworte des Poetischen wie „Seele“, „Atem“, „Glanz“, „Asche“, „Blume“, „das Schöne“ der Vernutztheit, konfrontierte sie mit den Zeichen einer zunehmend totalitär verwalteten Digitalwelt, band sie in kühne Metaphern, in überraschungsstiftende Vorgänge ein, so dass sie wieder zu Kräften kommen konnten.
Im Langgedicht „ich, bitte antworten!“ und mehr noch im Zyklus „materien“ stellte Gerhard Falkner seine Abtastversuche der Sprache prozessual aus, operierte in die Wortkörper hinein und ließ im Schriftbild freigestellte semantische Einheiten miteinander reagieren. Wichtiger als diese Einzeloperationen an den Grenzen des Sagbaren jedoch war die den gesamten Band grundierende Intention, die neu entwickelten Sprechweisen gerade nicht der Verantwortung zur existentiellen Selbstbestimmung zu entwinden. wemut eröffnete der deutschsprachigen Lyrik neue Spielfelder und Sagemöglichkeiten. Nicht zufällig knüpft Hölderlin Reparatur strukturell und intentional an diesen Band an, der damals dem Lyriker allerdings ein Schlussstein zu sein schien des lyrischen Werkes. Er kündigte an, mit wemut seinen letzten Gedichtband vorgelegt zu haben. Erklärend führte er aus:

in den zwanzig Jahren, in denen ich mich fast uneingeschränkt der Dichtung ausgesetzt habe, [wurde] mir immer wahrscheinlicher, daß sie – und zunehmend mehr – die kühnste unter den Künsten ist, über deren extremste Bedingungen, die sie ab einer bestimmten Höhe diktiert, sich Unverfallene wohl schwerlich einen Begriff machen.

Falkner wäre nicht Falkner, hätte er den vorläufigen Beziehungsabbruch zum literarischen Betrieb nicht genutzt, um diesen, und mehr noch, die Zusammenhänge zwischen Poesie und dem gerade schier endlos siegenden Kapitalismus einer Tiefenanalyse zu unterziehen. Seine 1993 veröffentlichte Schrift „Über den Unwert des Gedichts“ ist, das wird im Abstand von 15 Jahren immer mehr klar, den großen Lyrik-Essays des 20. Jahrhunderts, etwa Benns „Probleme der Lyrik“ oder Adornos „Lyrik und Gesellschaft“ an die Seite zu stellen. Beim Wiederlesen erscheint es fast unglaublich, wie hellsichtig Falkner Anfang der neunziger Jahre eine Kulturkrise diagnostizierte, deren katastrophische Ausmaße heute nur noch von sehr unbeschwerten Gemütern zu leugnen sind.

Der Mensch wird vom Markt, von der Information etc. besiedelt. Es soll darauf hinauslaufen, daß man bei ihm, wie beim Schwein, für den Markt gesprochen, keinen Abfall mehr hat. Das gewaltige innere Reich, das als einzige Ressource für die Regungen der Cultur und der humanen Gesamtverfassung gelten muß, wird gegenwärtig in Dimensionen, wie sie für den Regenwald und die Ozonschicht gelten, vernichtet. Von den Inhalten, die verlorengehen, wird ein Begriff abgeleitet, der den leeren, akustischen Erhalt einer Sache sichert, deren sinnfällige Bedeutung endet. Der Inhalt geht gut gefrostet ins Archiv, und die Kommunikation übernimmt davon das Tralala. So erhalten sich Gedicht, Lied, Bild, Schmerz, Jubel, Hoffnung, Erbauung, Anstand, Dignität, Ernst, Gerechtigkeit und die Pudelmütze von allen, die Freiheit, im leeren Sprachgebrauch, ohne daß man ihnen die Möglichkeiten, die sie ansprechen, im Entferntesten noch anmerkte.

Dem Entleerungssog der „geführten Sprache“ arbeitete der Poet entgegen, indem er den in wemut kreierten Ansatz zur Vielschichtigkeit weiterentwickelte, Sprechhaltungen immer wieder revidierte und doch unverwechselbar erkennbar blieb – eine singuläre Hochseil-Arbeit abseits von Gruppenbildungen, Zweckbündnissen und anderen Absicherungen. Es ist, mit Peter Huchel gesprochen,

Die Fähigkeit
der Dichterspinnen,
aus eigener Substanz
das dünne Seil zu drehen,
auf dem sie dann geschickt
mit zwei Gesichtern
und einer Feder
durch alle Lüfte balancieren.

Davon zeugen nicht nur die Endogenen Gedichte (2000) und das grandiose Berlin-und-Welt-Poem gegensprechstadt ground zero (2006), sondern auch Theaterstücke und zuletzt die zauberhafte Novelle Bruno (2008). In die im November 2008 erschienene Hölderlin Reparatur sind gewiss auch all diese Tonspuren  eingegangen.
Dieser nun ist ein Gedichtband, der  es dem Leser nicht leicht zu machen gedenkt: Er fordert den entgegnenden, vergleichenden, eben noch mitdenkenden, gleich darauf möglichst mitswingenden Leser. Es beginnt ja schon beim Titel: Soll allen Ernstes Hölderlin einer Reparatur unterzogen werden? Aber es gibt keinen Bindestrich zwischen den beiden Hauptworten. Also stehen sie nebeneinander und gegenüber, das Signalwort des Sprachhöchsten, was Dichtung in deutscher Sprache überhaupt zu bieten hat, und der Verweis auf mechanisches Geschehen, auf ein Beschädigtes, das wieder repariert werden soll / kann / müsste. Dieses Beschädigte ist offenbar ein ziemlich komplexer Gegenstand, dessen Teilsysteme im einzelnen zu überprüfen sind, damit ersichtlich wird, warum das Ganze nicht mehr funktioniert. Hölderlin Reparatur ist, und hier wird ein weiter Bogen zu wemut geschlagen, ein konzeptioneller Gedichtband. Ein solcher Band ist mehr als eine Sammlung von einzelnen Gedichten. Vielmehr hat jeder Einzeltext eine bestimmte Funktion innerhalb der Gruppe, in der er steht; jede der acht Gruppen des Bandes setzt hinsichtlich Formierungsweise, semantischer Konzentration etc. eigene Schwerpunkte und ist gleichzeitig mit den anderen verbunden. Schließlich laufen alle Fäden im Konzept des Bandes zusammen und ineinander. „Allein sagen sich alle Teile anders, so wie Solostimmen einen anderen Eindruck bewirken als ein Chor“, merkt der Autor zur Komposition des Bandes an. Die grundlegende Idee aber ist die, die Möglichkeiten sublimen Sprechens in einer Zeit beschädigter Sprachwelten – Falkner apostrophiert sie als „Tumult der neuen, fragmentierten und superkurzen Einsatz- und Bereitschaftssprachen“ – zu erkunden, und dies unter den Auspizien Hölderlins. Es ist ein experimentelles Unterfangen, wie es Gerhard Falkner auch in einem Appendix definiert: „Eines der Ziele ist die ,Entmaterialisierung‘ des Kunstwerks und die Einbeziehung des Betrachters. Gewohnte Sichtweisen, Begriffe und Zusammenhänge der Welt werden hinterfragt, neue Regeln erfunden. Es wird mit Kontexten, Bedeutungen und Assoziationen gearbeitet.“
Wohlan, begeben wir uns also auf eine Expedition. Und gleich erscheint ein erstes Hindernis: „Reparaturtexte“ ist die erste Abteilung überschrieben, und eingeleitet wird sie mit einem Hölderlin-Zitat aus der Sattlerschen Ausgabe, die modernem Verständnis nach so etwas wie Bandsalat bereit hält: „Ihr scha ik saal losen Gött blühet (er vorbei) und“. Nun muss man wissen, dass die Sattlersche Ausgabe bei Stroemfeld akribisch die Entstehungsgeschichte eines Textes nachzeichnet, die Hölderlinsche Handschrift auch optisch getreu dem Original verortet, jedem Palimpsest genau nachgeht und damit eine verlässliche wissenschaftliche Aufarbeitung befördert. In den Gedichten der ersten Gruppe montiert Falkner diese Hölderlin-Zitate, oftmals mitsamt der Sattlerschen Fußnoten, in den Gedichttext, solcherart die Hölderlinschen Zeilen als archiviertes Fixum feststellend. Das Eingangsgedicht der den Band eröffnenden „Reparaturtexte“ beginnt mit einem Zitat aus „Brot und Wein“: „Trunkenheit ists, eigener Art, wenn Himmlische da sind“. Weiter geht es falknerisch: „Aber: Sind (denn) Himmlische da? / Sind Trunkenheit 22, Echo 26, nACHT / nicht Nachhall nur anderer / schadhafter Sprachen, schwärzlicher Sprachen (…)“ Damit ist nicht nur das große Thema des Bandes angeschlagen, sondern auch die Art und Weise der Entgegnung: Weniger das kontrastiv gesetzte Zitat, das mehr quantitativ eine Fallhöhe ausmisst, denn das insistierende Fragen bestimmt den Gestus. Somit tritt die Differenz gegenüber der immer neuen Eröffnung eines Gesprächsraumes zurück, es hallt das Celansche Utopie-Diktum „Wir sind ein Gespräch“ in diesen Gedichten zurück. Diese Distinktion ist nicht ganz unwichtig, weil sie alles andere als modisch ist: Ich erinnere mich, in der DDR-Lyrik der siebziger/achtziger Jahre war es zum Beispiel Usus geworden, Hölderlins „Komm ins Offene, Freund“ aus „Gang aufs Land“ der Deskription beengter Verhältnisse im ummauerten Land entgegenzusetzen. Dieser einleuchtenden Billigkeit binärer Konstellationen konnten sich nur Erich Arendt und Volker Braun durch Materialausfaltungen wirklich einigermaßen entziehen. Falkner dagegen ist in Teilen seiner Poetik, in der traumsicheren Beherrschung der Formenklaviatur, in der Auffassung der numinosen Dichterexistenz Hölderlin immer schon so beängstigend nahe gewesen wie kein anderer Lyriker der Gegenwart. Deshalb kann er anders ansetzen. Hierfür ein Beispiel:
Hölderlins alpine Sängerelegie „Heimkunft“ endet mit den Versen:

Schweigen müssen wir oft; es fehlen heilige Namen,
aaaaaHerzen schlagen und doch bleibet die Rede zurück?
Aber ein Saitenspiel leiht jeder Stunde die Töne,
aaaaaUnd erfreuet vielleicht Himmlische, welche sich nahn.
Das bereitet und so ist auch beinahe die Sorge
aaaaaSchon befriediget, die unter das Freudige kam.
Sorgen, wie diese, muß, gern oder nicht, in der Seele
aaaaaTragen ein Sänger und oft, aber die anderen nicht.

Falkners Gedichte nehmen diesen Ton behutsam auf, sie tragen ihn an einen dritten Ort: den des entgegnenden Gedichts. So hebt sein „Karneval der Sorge“ an: „so auch / beinahe die Sorge, bey nahe / ihre krasseste sogar / so auch, ihr Sinn; groß wie Gras / gräselndes (tänzelndes) Gras“. Der erhabene Gedichtgang wird später allerdings durchstört durch moderne Kraftworte, die in dieser Textumgebung als Fremdkörper erscheinen:


komplett verplant / das unermesslich traurige
Entzüken ihrer Ungerichtetheit, ihre Gunst
nicht zum Spiele genommen
der Engel Netzwerke
verplempert
(u)nd alles Erhabene nur zur Ergötzung
der Knallköpfe noch /

In der zweiten Gruppe „Reklamationen“ werden die veranschlagten Verfahren des Palimpsestes, der Weiterschreibung, der Palinodie, in der die inhaltlichen Mitteilungen eines bereits vorliegenden anderen Gedichts unter genauer Beibehaltung dessen formaler Merkmale in ihr Gegenteil verkehrt werden, auf Gedichte anderer Lyriker ausgeweitet: Texte von Benn, Trakl, Brecht, Goethe, Whitman, Bachmann, Eichendorff, Rilke, Mörike, Bachmann, Klopstock, Novalis, Celan werden so gleichsam perforiert, überschrieben, manchmal parodiert. Man wird, dies nebenbei, lange suchen müssen nach einem gegenwärtigen Dichter, der ein so intensives Liebes-Verhältnis zur deutschen und internationalen Poesietradition in seinem Werk pflegt. Ein schönes Beispiel, diese Reformulierungen in ein dialogisches Prinzip zu  überführen, ist das Gedicht „Tübingen. Julei“, das auf das berühmte Celan-Gedicht „Tübingen, Jänner“ aus dem Jahre 1961 rekurriert, das ja wiederum den Tübinger Turmbewohner – „möwenumschwirrt“ zitiert. Celans berühmte Verse an der Grenze des Verstummens noch einmal zur Erinnerung:

Zur Blindheit über-
redete Augen.
Ihre – ,ein
Rätsel ist Rein-
entsprungenes‘ –, ihre
Erinnerung an
schwimmende Hölderlintürme, möwen-
umschwirrt.
Besuche ertrunkener Schreiner bei
diesen
tauchenden Worten:
Käme,
käme ein Mensch,
käme ein Mensch zur Welt, heute, mit
dem Lichtbart der
Patriarchen: er dürfte,
spräch er von dieser
Zeit, er
dürfte
nur lallen und lallen,

Und hier nun einige Verse der Falknerschen Beerbung:

Am Himmel die kreisenden Hölderlinkräne –
ihre gelben Schwenkarme, die singen beim Drehen,
stocken.
Das zugrundegesamstagte Superego, der Matriarch
Tritt ans Fenster
(sagt er was, oder sagt er nichts?

Falkner transponiert die Sprachverzweiflung Celans ins unbedingt Zeitgenössische, und das heißt: Nicht nur keine Entwarnung an der Problemfront zugeschütteter Sprache des ganz Eigenen, sondern Hypostasierung „im Bann sich verschlimmernder Umstände“, welche die Aufgipfelung des Poetischen und Auslöschung des Individuellen engführen. Denn das Gedicht endet:

Am Ende bleibt nicht einmal der eigene Name.
Dafür schockieren immer kühnere Wendungen das Papier.
Manches gibt ähnliches wieder,
aber vieles geht in der Verwechslung verloren…

Engführungen sind Kulminationsmomente, die wieder in Weitungen führen. Die aber sind in heutiger Zeit nicht mit avantgardistischen Untertunnelungen oder einsamen Übergipfelungen zu haben, sondern in „Netzwerkumgebungen“, die die dritte Gedichtgruppe ausstellt: Diese Gedichte strecken ihre Fühler intertextuell in alle Richtungen aus, um das Eigene zu bestärken. Es ist ein wenig wie in der Unendlichen Geschichte von Michael Ende, der Light-Version vom Verlust des Poetischen in einer utilitarismusverkommenen Welt: Nachdem das Poetische bis auf Restbestände zerstört worden ist, müssen neue Benennungen gefunden werden, um es zu retten:

etwas, wofür ich kein Wort weiß
liegt vor mir, eingewickelt in sich selbst
wie Schnee, der im Schnee steckt
oder Gras, gehüllt in Gras
etwas sehr Einhelliges, in sich
Gefestigtes, das jedem Versuch
Es zu benennen, widersteht

Oh ja, es sind solche Concetti, die lebenerweckend sind. Gerhard Falkner, sowieso vertraut mit noch den entlegendsten Wucherungen der Weltpoesie, belehnt vollendet poetische Figurationen des Paradoxen, die in der deutschen Lyrik wenig gepflegt werden, dafür aber zum Beispiel bei Luis Cernuda.
Fest vertaut mit solchen Seilen führt Falkner nun  einen Konsistenzgewinn vor, der in der Zartheit eines Erblühens mündet, denn „Es erwachen die Segel / erst leise, als müssten sie reifen / um weiß zu werden / an den Stängeln der Masten“. Es rührt die ungeschützte eigene Stimme an „Weißes Fleisch“, wie die vierte Gruppe, für mich das Zentrum des Gedichtbandes, übertitelt ist. Und dann beginnen Gedichte am Körper der Tage so: „Sie schläft und das ist alles. Sie liegt da / wie ein weißer Schal. Ihr Herz, das sieht jeder, / es kentert. Sie hat keinen Bruder, / der ihr sagt: deine Haut ist wie ein / schwebender Spiegel.“ Hier entfalten sich, elegant und prachtvoll, Anmut, Magie, ja auch Humor („Hohe Minne“) zu einem beglaubigten Pathos: „Ausgeklammerte Kühnheit und ausgeklammerte Seeligkeit einfach / aus den Klammern befreit“. Doch die durchbrochenen Epiphanien sind erarbeitet, und sie wurden bezahlt:

Fünf vierzeilige Sommer leuchtete dieses große
hochgeschaukelte Leben, eine sapphische Strophe
mit kochenden Hebungen
Es kostete im Vorverkauf, dieses Leben
Das hochgeschaukelte, auch dieser Hebungen halber
Jahre der Melancholie

Nach den weißen Klimax-Gedichten placiert Falkner in einer fünften Gruppe „47 Sätze gegen die Unruhe“ Aphorismen, poetologische Reflexionen, bonmotdurchsetzte Gedankengänge, Kalauer und Rätselhaftes. Das ist so ungewöhlich nicht in Gedichtbänden dieses Lyrikers. Hier jedoch haben diese Denk-Gänge wesentlich die Funktion, Übergänge wie Abbreviaturen zwischen Poesie und Denken einerseits transparent zu machen, andererseits auf Verflüssigungen beider Weisen von Welt- und Sprachaneignung im Gedicht selbst hinzulenken, zu den abschließenden „Materialschlachten“ wie zu den anderen Netzwerkverdichtungen. Denn in den Gedichten wird sowohl reflexiv wie bildhaft aufgeführt, was im Prosasatz nur stringent sein will:

Dichtung ist eine Sprachbarriere. Sobald man sie überwindet befindet man sich zwar in höheren Regionen aber mit besonders eindrucksvollen Ausblicken in besonders grausige Abgründe.

Abgründe dieser Art öffnen die sich anschließenden „Nichtverständigungstexte“, die ihren Reiz nicht etwa aus einer besonders dunklen Hermethik ziehen, sondern daraus, dass Sprachwelten miteinander kollidieren. Falkner führt uns sechs Zusammenstöße zwischen religiöser Anrufung etwa im Kirchenlied, verballhornten Gedichtzitaten samt Anspielungen (Rilke und Theo Sommer in „Herr Sommer, es ist Zeit“) und – jetzt wird es pikant – Texten der Kommunikationstheorie vor. Gerade deren pseudologische, pseudophilosophische  Semantik aber bereitet die Grundlage dafür, dass die sechs Texte den Aberwitz des Un-Sinns produzieren.
Die Schlussgruppe Material (schlachten), lies: Materialschlacht im Plural wie auch: „(das) Material / schlachten“, gipfelt das Vor-Gebildete zu einer unübersichtlichen Sprachgebirgslandschaft. Verabschiedet wird die lineare Schreibweise zugunsten eines verästelten Geflechts von Sprachbiotopen, die synaptisch miteinander verbunden sind. Das Miteinander und Gegeneinander von Zitaten, Gedichteinfällen, die sich längst im Band entfalteten, politisch-philosophischen Notaten, geschichtlichen Verweisen, Werbeschnipseln etc. offenbaren die „tosende Werkstatt“ des Dichters, lassen den Leser erahnen, wie aus dem chaotischen Neuronengewitter von Wahrnehmung, Erinnerung, Kunstgedächtnis, philosophischer Reflexion Strukturierungen hervorgehen, die den Satz in den Gedankengang, den Vers ins Gedicht und beide in die Netzwerke heutiger Verbundenheiten befördern. Wahrlich ein furioses Finale!
Es geht nicht anders: Man muss diesen Gedichtband kreuz und quer, vorwärts und rückwärts lesen, um in den Genuss dieser Poesie-Kicks zu gelangen. Das alles ist pure Absicht, und der Dichter weiß, dass die Gewohneiten der Internetkultur dieser zuspielen. Hölderlin Reparatur ist übervoll an Lust, Zartheit, Klugheit, Schmerz, dem jungen user zugeeignet wie dem Liebhaber raffinierter Klassik – auf alle Fälle aber haben wir es mit einer „Expedition in die Exorbitanz“ (Burger) zu tun, der schwerlich Gleichwertiges an die Seite gestellt werden kann.
Meine sehr verehrten Damen und Herren! „Was bleibet aber, stiften die Dichter“, lautet der berühmte Schlussvers von Hölderlins „Andenken“. In einer Zeit, in der nichts mehr bleibt, wie es war, der unsren also, sagt der Dichter Falkner: „Wir aber, die Dichter / wir gehen stiften. Wir / zwitschern zwischen den / Dingen, als Nichtse, als Geduld / proben Gottes“. Möge der Peter-Huchel-Preis Gerhard Falkner zu neuen Zwitschermaschinen inspirieren, und Ihnen danke ich für Aufmerksamkeit und Geduld.

Peter Geist

Huchelpreisrede von Gerhard Falkner

Meine Damen und Herren, sehr verehrte Gäste und Ehrengäste!

Bei der Hölderlin Reparatur handelt es sich eher um ein kompliziertes Buch.
Aber bei einem solchen Thema darf man sicher sagen, das liegt auch in der Natur der Sache.
Zur Natur der Sache gehört im vorliegenden Falle nicht nur ihr Haupt­darsteller, der Dichter Hölderlin, ein seins­zerklüfteter und boden­loser Mensch par excellénce, sondern auch die ganz besondere Zeit, in der er steht und aus der er hervorgeht.
Es sich mit Hölderlin leicht machen zu wollen wäre gar nicht so leicht, es sei denn, man möchte es sich unbedingt mit ihm, also dem, wofür er steht, (und seiner durchaus wehrhaften Gemeinde) verscherzen.
Er, Hölderlin, ist ein unter Kulturschutz stehendes, erhabenes deutsches Rätsel, das kühn im Gedicht gestellt wird und vom Leben nicht nur nicht gelöst, sondern sogar noch verdunkelt.
Sein berühmtes: ein Rätsel ist Reinentsprungenes, klingt fast wie eine Rand­bemerkung zur eigenen Biographie.
Selten hat eine Sprache eine so auf die Dichtung zugespitzte (und bis ins eigene Zerbrechen hinein diese Sprache bedrängende) Persönlichkeit hervorgebracht, und das zum Zeitpunkt einer phänomenalen und (schließlich sogar) weltbewegenden geistigen Akkumulation in Deutschland.
Der junge Dichter sah sich umgeben und geschätzt von Gehirntieren, um einen Ausdruck Arno Schmidts zu gebrauchen, die immerhin einem Goethe oder Hegel in Augenhöhe begegneten, und über ihm erstrahlte der selbst erkorene Stern, Friedrich Schiller, dessen Hymnen für ihn, wenn nicht gar zum Maß aller Dinge, so doch zum Maß allen Dichtens wurden.
Diese Zeit hatte in ihren besten Vertretern das Glück, genau zu wissen, was sie konnte und wovon sie redete, was dazu führte, dass die Dichtung ihre große formale Sicherheit nie verkrampft unter Beweis stellen musste und trotz einer meisterhaft geschulterten Antike mit Leichtigkeit die eigene Zeit erfasste.
Wer den hohen Ansprüchen nicht genügte, wurde mit den Xenien ge­peitscht, und nur selten traf es die Falschen.

Als ich die Nachricht über den Peter Huchel Preis für die Hölderlin Reparatur erhielt, habe ich mich nicht nur sehr gefreut, ich staunte auch über eine damit verbundene Koinzidenz, denn mir fiel ein, dass einer meiner ersten veröffentlichten Texte überhaupt ein Zeitungsartikel über Peter Huchel war und dass mein erster Gedichtband „so beginnen am körper die tage“, der ein paar Jahre später erschien, mit einem Satz Hölderlins eröffnete.
Ich befand mich also, ganz am Anfang bereits, innerhalb von Koordinaten, die sich heute wiederholen und ich denke das ist, nach einer rasanten Reise durch inzwischen ziemlich viele Koordinaten­systeme, eine günstige Gelegen­heit, um über ein paar grund­sätzliche Bedingungen nachzudenken, die für das Gedicht gelten und die ihm einerseits noch immer seinen hohen Rang zuweisen – andererseits immer mehr Boden entziehen, also Leser, Hörer, Betörte, Begeisterte, mit anderen Worten: Mitwirkende.
Die Dichtung ist ein Mittel, die Kunst der Wirklichkeit so in die Höhe zu treiben, dass man sich in ihr als einen ihrer Darsteller erkennt.
Sie dient der inneren Seins-Verdeut­lichung des Menschen, der Individuali­tätssicherung, der Subjekterkennung.
Das verschaffte ihr die inkommensurable Hoch­schätzung aller Zeiten, die sich ihrer zu diesem Zwecke zu bedienen wussten, aber sie ist lebens­notwendig von Bedingungen abhängig, die heute stark bedroht sind.
Eine dieser Bedingungen besteht in einer veränderten Auffassung und Funktion von Sprache, die dermaßen der Zwangs­ernüchterung für Kom­muni­kations­aufgaben ausgesetzt ist, dass sie von ihrer phänomenalen Reichhaltigkeit kaum noch einen Eindruck zu vermitteln vermag.
Die Reduktion der Kommunikation ist eine der poetischen Reduktion entgegen gesetzte und lediglich die Realitätskrise der Jugend vermag sie gelegentlich noch zu durchbrechen.
Das macht sie, diese Sprache, vergleichbar mit dem Beispiel einer allumfassenden und omnipotenten Natur, die sich verkrochen hat in einer radikalen Monokultur von Ertrag und Zweckhaftigkeit.
Zum anderen ist es das schwindende, und nicht nur quan­titativ schwindende Verhältnis von Leser zu Autor.
Der Leser ist die Beute des Autors.
Ohne diese Beute ist er nicht überlebensfähig.
In der Lyrik jedoch ereignet sich das Phänomen, dass in zunehmendem Maße die Dichter die Beute der anderen Dichter sind, und zwar ohne die sinnvolle Folge, sich dadurch zu dezimieren.
Die Dichter sind ihre eigenen Leser, ihr eigenes Publikum, sie erhalten sich gegenseitig am Leben, sie betreiben ihre und ihrer Arbeit Abkop­pelung, von draußen kommt meist bloß Staunen oder Kopf­schütteln, peinliches Befrem­den oder schiere, erlöste Teilnahms­losigkeit.
Lediglich die Lustigen finden in dieser nach Lustigkeit hungrigen Beliebig­keits­gesell­schaft zahl­reicheres Gehör, besitzen denn aber auch etwa die Halbwertzeit von Kabarettisten und Volks­schau­spielern.

Warum ist das so? Warum verweigern so viele einer Sache ihre Aufmerk­samkeit, die durch alle kulturellen Jahrhunderte und immer von den Besten zum Größten gezählt wurde, was der Mensch hervorzubringen vermag, die Musik und die Poesie.
Es gibt zahllose Gründe, ich kann nur ein paar wenige nennen.
Einer davon ist: Gedichte gelten für viele als schwierig.
Das könnte man sicher so stehen lassen, ohne auf großen Widerspruch zu stoßen.
Warum sie so vielen schwierig erscheinen und was daraus folgt, darüber gibt es aber kaum überzeugende Auskünfte.
Daher zunächst einmal die grundsätzliche Frage: was ist einfach, was ist schwierig.
Die Antwort lautet nämlich keineswegs, einfach ist, was ich verstehe, schwierig ist, was ich nicht verstehe.
Jedenfalls nicht auf unser Thema bezogen, denn es kann ja, noch dazu in einer Problemlösungsgesellschaft, als schwierig nicht gelten, was man gar nicht erst versucht, zu verstehen.
Wenn man die zugrunde liegende Haltung also etwas genauer unter die Lupe nimmt, dann ist schwierig im Allgemeinen etwas, dem ich die Bedeutung beimesse, mich im Maße meiner Möglichkeiten darauf einzulassen, um herauszufinden, ob oder bis zu welchem Grade ich die Schwierigkeit löse – und offensichtlich wird dem Gedicht diese Bedeutung nicht beigemessen.
Bei der vorsortierenden Entscheidung, ob ich mich auf etwas einlasse oder nicht, tritt das Lust / Unlust Schema in sein Recht, das in unserer Gesellschaft weitestgehend erfolgsabzielend im materiellen Sinne eingesetzt wird.
Niemand schreckt vor einer schwierigen Aufgabe zurück, die sich ihm in dieser von seinem Willen gebrochenen Schneise stellt, in der Belohnung durch den Erfolg auf ihn wartet.
In unserem Falle aber wird gefragt, lohnt es sich, auf etwas, das ich nicht verstehe, um der Sache selbst willen Zeit aufzuwenden?
Aus dieser Sicht wird das Schwierige dann einfach zu etwas, dem ich keine verhältnismäßige Aufmerksamkeit zubilligen will und das ich somit als schwierig stehen lasse, ohne mich an seiner Herausforderung zu messen.
Einfach hingegen ist etwas, dem ich eine Forderung nach weiterführender Beschäftigung nicht einräumen muss, das also quasi selbstevident ist oder zu sein hat (wie etwa das schöne Wetter oder etwas, das sich zeigt, grüßt und weitergeht), das sich aber gerade auf Grund dieser Eigenschaft auch selbst entwertet.
Das devaluierende Moment des Einfachen ist unübersehbar.

Dieser Konstruktion zufolge ergibt sich die paradoxe Zwickmühle: Gedichte, die ich nicht verstehe, sind mir die Zeit nicht wert, die ich damit vertun müsste, um näher an ihren Sinn, und damit an ihre Glücksausschüttung, heran zu kommen und Gedichte, die ich verstehe, sind, weil sie einfach sind, oft auch so banal, dass ich sowieso keine weitere Zeit darauf zu verschwenden brauche.
Die so Argumentierenden ahnen natürlich nicht, dass sie (sogar in beiden Fällen) diese Zeit unter Umständen aber nicht nur auf dieses kleine Ungetüm mit Zeilenbruch und Grammatikerschütterung aufwenden würden, sondern auf ihre Selbstwahrnehmung und Selbstanreicherung, denn das Gedicht zeigt, mehr als jede andere literarische Gattung, nicht nur sich selbst, sondern über sich hinaus auch den sich im Gedicht lesenden, mithin einen, vom dem dieser Lesende, bevor er sich dort gelesen hat, bisher gar wusste, dass es ihn gibt.

Die nächste Frage wäre dann: wann ist im Gedicht das Einfache dem Schwierigen vorzuziehen und warum beziehungsweise wann ist es umgekehrt.
Einer der mühsamsten Sätze, gegen die man als Dichter immer wieder anzurennen hat, ist der Satz: ich verstehe das nicht.
Er wird gerne auch angewendet in der leicht dramatisierten Form, ich verstehe das einfach nicht!
Bereits 1991 habe ich in meiner Poetik: Über den Unwert des Gedichts geschrieben: „Sind Gedichte unverständlich, so ist der, der sie nicht versteht, der Grund für ihre Unverständlichkeit!“
Anders ausgedrückt, jemand, der sich dem Gedicht nicht zutraut, findet sich darin auch nicht wieder. Er erkennt sich in dieser besonderen Sprache nicht, wenn er sie nicht der eigenen Mitsprache unterwirft.
Das Komplizierte ist nämlich, wenn wir es denn auf einen Punkt bringen wollen, weiter nichts als die Schönheit des Komplexen, das Einfache hingegen die Erhabenheit dessen, was aus dem Komplexen als Essentielles sich herausgelöst hat und daher als verlässlich gilt.

Werner Heisenberg hat 1925, also mitten in der Sturm-und-Drang-Zeit der Atomphysik, als er auf Helgoland nach einer Masse von in diesem Falle nun wirklich sehr schwierigen mathematischen Gleichungen und Ungleichungen im Vorhof der Unschärferelation anlangte, geschrieben: Ich hatte das Gefühl, durch die Oberfläche der atomaren Erscheinungen hindurch auf einen tief darunter liegenden Grund von merk­würdiger innerer Schönheit zu blicken.
Er wurde zeitlebens nicht müde, darauf hinzuweisen, dass nach Über­win­dung des Schwierigen irgendwann das über­wältigend Einfache aufscheint, das ihm gesetzmäßig zu Grunde liegt.
Genau das ist es, womit auch das schwierige Gedicht oder das Gedicht überhaupt aufwarten kann, wenn man die Befesti­gungen zum Schutze seines verletzlichen Innenraums und mithin Innenspiels durchbrochen hat.
Dazu muss man das heute eh schwächelnde Weltbild der gesicherten Information, an welches das Gedicht sowieso nicht unbedingt gebunden ist, im gegebenen Fall auch hinter sich lassen können.

Das alles soll nun aber keineswegs heißen, dass ein Gedicht sein Ziel nur erreicht, wenn es von einem seligen Aufatmen nach geleisteter Arbeit gekrönt wird, oder, in die Sprache der Fitnesswelt übersetzt, begleitet wird von einem Wonnegefühl nach dem Workout – ganz und gar nicht.
Heisenbergs Unschärferelation oder Unbestimmt­heits­relation, wie er selbst vorzog, sie zu nennen, hat ja schließlich auch nicht Galileos Fallgesetze außer Kraft gesetzt.
So kann es für das durchschlagende Gedicht durchaus auch ein in der Gegend von Ilmenau in Thüringen mit einem Stift auf die Holzplanken einer Berghütte geschriebenes: Über allen Gipfeln ist Ruh sein, das die maximale poetische Leistung erbringt.

Also die unverhüllte, reine Fest­stellung von etwas Berüh­rendem, mit dem bloßen Auge Beobacht­baren, nur sich selbst Bedeu­tendem, mithin Eindeutigem.
Das Einfache besitzt einen hohen Grad von Eindringlichkeit, den sich das geglückte schlichte Gedicht zu Nutzen macht, um eine große Wucht zu entfalten.
Hölderlin hat das meisterhaft beherrscht, Goethe sowieso, neben das rechtmäßig Schwierige nämlich das erhebend Leichte zu stellen, ein jüngeres Beispiel wäre Gottfried Benn, der mühelos neben dem opulenten Reizvokabular seiner Zeit, dem Gammastrahlen-Lamm, in die glasklaren Wasser der Poesie tauchte und genau so gut schreiben konnte: Ich ging den kleinen Weg, den oft begangenen / und diesen Abend war er seltsam klar!
Diese abgründigen Feldwege, über denen die wunderbare Sonne des „Ver-trauten“ scheint, ist ja auch Peter Huchel gegangen.
Hier ist die Sprache im eigenen Haus.
Erlauben sie mir daher an dieser Stelle den kleinen Seitensprung auf ein Beispiel, das zeigt, wie stark das Hermetische oft mit dem einfachen Bild verquickt ist und wie sehr ein solches Bild zur gleichen Zeit durch die verschiedensten Köpfe schwirrt.
Das Beispiel ist die Gegenüberstellung einer Stelle aus Huchels Gedicht Thrakien, wo es heißt: Hebe den Stein nicht auf / Den Speicher der Stille / Unter ihm / Verschläft der Tausendfüßler / Die Zeit
mit der berühmten Stelle Celans: Welchen der Steine du hebst – / du entblößt / die des Schutzes der Steine bedürfen.
Egal, welche dieser beiden Zeilen man als die Eine setzt, die Andere ist jedenfalls nie etwas anderes als dasselbe in Grün!

Es gibt also durchaus Stellen, wo das Schwierige mit dem Einfachen sich überschneidet.
Aber so, wie das Schwierige im vorkommenden Falle notwendig, so muss das Einfache aufrichtig sein, denn sowohl die Vorspiegelung von vertrackter Dickbrett­bohrerei, die Spekulation aufs Aberrative und eine reinerdings riskante Nomen­klatur als Selbstzweck auf der einen, als auch die Neu­sortierung von Platti­tüden auf der anderen Seite verprellen den Geist des Poetischen vollständig, nachhaltig und endgültig.
Das Einfache wartet, wie sich aus alledem ergibt, mit einer anderen Qualität der Befriedigung auf als das schwierige oder hermetische Gedicht.
Das einfache Gedicht stillt einfach den uralten Hunger nach ihm.
Keine Ferne macht es schwierig, bescheinigt ihm die selige Sehnsucht.
Beim hermetischen Gedicht kommt zum Genuss der schrittweisen Enthüllung seines Sinns während des Lesens die Über­raschung über das gerade gelesene und die Neugier auf das nächste Wort, rhythmisch gepuffert von der Gesamt­heit ineinander klingender sprachlicher Eigenschaften.
Das Moment der Überraschung, weil es an die seinsverdeutlichende Qualität der Neugierde anknüpft, ist eines der wesentlichsten Stilmittel der Moderne und der Dichter, der auf die Sprache verpflichtet ist, sieht sich in seine Wirkungs­macht und Anziehungs­kraft geworfen, denn er ist nun mal ein Spielball der Wörter.

Wenn also das Gedicht einfach ist, gibt es gar nicht so viel dazu zu sagen, weil es sich an seiner eigenen Evidenz erweist.
Ist das Gedicht aber schwierig, dann wird’s schwierig, denn dann wird eine Bewertung fällig, ob das zwingend ist, die dem einzelnen bis vor noch gar nicht langer Zeit weitgehend durch einen Bildungskonsens abgenommen wurde, der heute nicht mehr gegeben ist.
Ein scholastischer Disput war schwierig, eine Aussage, wann die Apfelblüte stattfand oder wer zu welchem Anlass welches Hemd anhatte, nicht.
Der Wert einer Schwierigkeit liegt also gemeinhin in seiner Angemessenheit, denn alle Schwierigkeit verfehlt sich notwendig am Unangemessenen.
Wilhelm Busch bringt das auf den Punkt, wenn er sagt: „Die Schwierigkeit ist immer klein, man muss nur nicht verhindert sein.“
Gibt es dann das objektiv Schwierige überhaupt, oder ist das Schwierige einfach immer nur das Äquivalent eines sich unaufhörlich im Gange befindlichen Lösungsversuchs auf den jeweiligen Ebenen?
Lässt sich eine Schwierigkeit denken, die nicht absurd ist und doch in sich selbst ungelöst verharrt?

Was ist denn schwierig? Nehmen wir als ein Beispiel, mit dem viele sicher einverstanden sein werden, die Philosophie Hegels, also Hölderlins Freund und Zeitgenossen. Als Anfang des 19. Jhs., des Jahrhunderts der Bildung, die Phänomenologie des Geistes erschien, war es selbst für den engsten Kreis der hoch gebildeten Umgebung in Weimar und Jena, also Goethe, Knebel, den genialen Schelling und viele andere, fast unmöglich, diese Schrift zu durchdringen.
Ein halbes Jahrhundert später aber wird Hegel, auch durch die wachsende Vermittlung von Marx und Engels, der meistdiskutierte und meistgelesene Denker seiner Zeit. Der Staatsphilosoph.
Das liegt nun aber weder daran, dass die Schriften einfacher, noch daran, dass die nachfolgende Generationen klüger geworden wären, sondern die Auffassung des Werks, gleichsam ihr Zeiger, ist einfach auf seinen Platz in der Zeit gerückt.
Lü Buwei, der große chinesische Weise aus der Zeit der Streitenden Reiche hatte schon erkannt: Die Schwierigkeit einer Sache beruht nicht auf ihrer Größe, sondern darauf, die Zeit zu erkennen.
Bei Hölderlin hat dieses: die Zeit erkennen oder von der Zeit erkannt werden ja eine ganze Weile länger gedauert als bei Hegel.

Schwierig ist also etwas, wofür eine Zeit noch nicht reif ist, deshalb ist es auch das schlimmste Schicksal eines Philosophen oder eines Dichters, seiner Zeit voraus zu sein.
Es gibt natürlich bei Hegel jede Menge anderer Gründe für die Schwierigkeit, darunter einige, die durchaus auch auf das Gedicht zutreffen können.
Beim Philosophen der Phänomenologie liegen sie zum einen an der inhärenten Kompliziertheit von Logik und Erkenntniskritik, zum anderen in der von ihm entwickelten systematischen Methode.

Auf gerade diese Weise kann aber auch ein Gedicht schwierig sein, wenn es sich etwa in einer neuen Methode an einen Gegenstand wendet, für den die Sprache und das Bewusst­sein noch keine Formen der Geläu­figkeit bereit stellt, zum anderen, wenn es die komplizierte Komplexität heutiger Lebens­erfahrung in starker Reduktion und Abstraktion abbildet, zum Beispiel durch Fragmen­tierung von Sprache, Mischung unter­schiedlicher Infor­mations­ebenen oder semantischen Mani­pulationen.
Auch beim Gedicht können also die Schwie­rig­keiten entweder vom Gegenstand selbst, von der Methode, oder von beiden ausgehen.
Wir wollen aber diese uferlosen Zusammen­hänge nicht noch weiter vertiefen, die das Gedicht durch sein vorsätzliches und zeitbedingtes „Schwieriger werden“ einer größeren Öffent­lichkeit und breiteren Aufmerk­samkeit berauben, sondern in aller Knapp­heit noch ein paar andere Phäno­mene zur Sprache bringen, die sich einer breiteren Akzeptanz in den Weg stellen und seine Jahr­tausende währende Kraft gefährden.

Zuerst einmal droht dem (angewandten und flexiven) Gedicht die Gefahr aus einer stark diskurs­gesteuerten Richtung, welche die seit Beginn der Moderne permanent scheiternde und stets in der Publikums­belustigung endende Entgegen­ständlichung des Gedichts immer noch als dernier cri vertritt und voran­zutreiben versucht.
Es handelt sich um Scheinavantgarden, die im postindustriellen Zeitalter noch nicht angekommen sind, um Handwerker, möchte man mit Hölderlin fast sagen, aber keine Menschen.
Es ist ein durch Vitalitätsneid und akademischen Rabulismus geprägtes Lager, das sich autoerotisch an einer ächzenden Artifizialität abarbeitet und seinen Mitgliedern die leere Gemütlichkeit ausgeträumter Avantgarden als Aura in Aussicht stellt.
Diese Richtung hat sich immer Einfluss verschafft durch ihre Bündnispolitik, sie wird gerne von Akademikern mit Versündigungsphantasien umwimmelt und unterliegt einer Dynamik der eingeschworenen Kreise.
Es wird dort unentwegt von Prosodie und Lexemen geraunt und geklopstockelt, ohne sich einen Moment eingedenk zu werden, dass diese einem Gedicht, das zählt, etwa so selbstverständlich zugrunde liegen wie der Boden den Füßen.
Es handelt sich bei den Zielen dieser Gruppierung um eine Strategie der künstlichen Verschwierigung von Poesie zum Zwecke der Delektierung einer eingeschworenen Gemeinde.
Bei den Zünften, die auch dachten, Gedichte ließen sich schustern, schmieden oder nach poetischen Regeln fabrizieren, blieb von den Unzähligen, die in uninspirierter Handwerkslust daran arbeiteten, nur ein Einziger, die Ausnahme von der Regel, Hans Sachs.
Damit können wir es hinsichtlich dieses Phänomens auch belassen.

Erheblich komplizierter und, wie ich denke, auch weittragender verhält es sich mit einem anderen Phänomen, das dem Gedicht erheblichen Boden entzogen haben könnte, wenn die jetzt davon profitierende Generation abtritt, beziehungsweise entsorgt wird.

Einer der jüngeren Dichter aus der Generation, die in dem Band Lyrik von Jetzt ihren großen Auftritt feierte, sagte mir, als mein Gedichtband Gegensprechstadt erschien, „Es ist total merkwürdig, im Moment reden alle nur über dein Buch, normalerweise reden wir nur über uns!“ (O-Ton)
So sehr dies auch als ein Kompliment gemeint gewesen sein mag, so sehr hat es mich bei genauerem Hinsehen entsetzt, denn es verbarg sich darin eine Antwort auf viele Beobachtungen, die ich mir bisher nicht gab oder geben wollte.
Diese Generation, von der ich spreche, und von der im Gegensatz zum vorherigen Beispiel ziemlich viel Bemerkenswertes und Aufregendes kommt, wie ich seit Lyrik von Jetzt 1 nicht müde wurde, zu wiederholen, vollzieht gerade einen Schritt, der einen nie da gewesenen Bruch mit der literarischen Tradition bedeutet.
Sie verabschiedet sich gleichzeitig von den Quellen wie von den Mündungen.
Sie verewigt das Wasser, in das sie steigt, als stehendes Jetzt und besingt diesen Schritt aus der geschichtslosen Perspektive von: me, myself and I.
Sie stellt sich in den eigenen Seinsmoment, ahistorisch nach hinten und utopielos nach vorne.
Beobachtbar war das bereits an vielen Vorzeichen, die möglicherweise in dem Titel Lyrik von Jetzt sogar ihren Niederschlag fanden.
Dieses: normalerweise reden wir nur über uns führte mich auf das Phänomen der Verjetztzeitlichung und den immer wieder in den Blick rückenden Begriff der Selbstreferentialität, und in der Definition der letzteren findet sich tatsächlich ein wesentlicher Schlüssel.
Diese Generation, von der ich rede, hat sich lesend gebildet in den 80er Jahren und ist schreibend zum Durchbruch gekommen in den 90er Jahren, also in den beiden Jahrzehnten, in denen die Kommunikation via Internet und das Telefon in allen seinen Diensten sich ver­unendlichfachte.
Es entstand dadurch eine hoch­komplexe Situation bzw Kommuni­kations­struktur, die den Sprung in die Selbst­organisation leisten konnte.
Betrachten wir einen Augenblick die Definitions­merkmale von Selbst­referentia­lität, so werden wir darin alle Struktur­merkmale der jüngsten Lyrik­generation finden.

A Komplexität:

Für die jüngste Lyrikgeneration gilt: wir sind alle extrem gut vernetzt:
Als Definitionsmerkmal für die Selbstreferentialität gilt:

Systeme sind komplex, wenn ihre Teile durch wechselseitige, sich permanent ändernde Beziehungen miteinander vernetzt sind.
B Selbstreferenz:

Für die jüngste Lyrikgeneration gilt: normalerweise reden wir nur über uns; Als Definitionsmerkmal für die SR gilt:

Selbstorganisierende Systeme sind selbstreferentiell und weisen eine operationale Geschlossenheit auf.
C Redundanz:

Für die jüngste Lyrikgeneration gilt: wir sind alle gute Freunde, mein Kritiker ist mein Freund, mein Rivale ist mein Freund, mein Verleger ist mein Freund, mein Leser ist mein Freund:
Als Definitionsmerkmal der SR gilt:

In selbstorganisierenden Systemen erfolgt keine prinzipielle Trennung zwischen organisierenden, gestaltenden oder lenkenden Teilen. Alle Teile des Systems stellen potentielle Gestalter dar.

D Autonomie:

Für die jüngste Lyrikgeneration gilt: für uns ist es nicht wichtig, was vor uns geschrieben wurde oder nach uns geschrieben wird, für uns ist wichtig, was von uns geschrieben wird, und ob es wichtig ist, ist gar nicht wichtig. Als Definitionsmerkmal der SR gilt:

Selbstorganisierende Systeme sind autonom, wenn die Beziehungen und Inter­aktionen, die das System als Einheit definieren, nur durch das System selbst bestimmt werden.

Wir haben es somit zu tun mit einer Gruppe, die sich selbst betreibt, mithin einer zum Ganzen verabsolutierten Szene.
Der Teil als das Ganze also, die ein­schlägige Falle des Spezialistentums.
Der nicht im System integrierte Leser, der durch sein eigenes Netzwerk ausgelastete Nichtliterat, wird in die Distanz des unzulänglich Informierten verschoben.
Trotz dieser erheblichen Problematik trägt diese Szene aber dazu bei, dass in der Lyrik, besonders auch in der deutschen, mithin das vielleicht Spannendste passiert, was die Literatur, vielleicht sogar die Kunst im Allgemeinen, im Moment überhaupt zu bieten hat.

Die Schwierigkeiten aber bleiben trotzdem bestehen.
Die definitiv ernsteste Bedro­hung für das Gedicht kann ich nur in ein paar eigentlich unverantwortlich groben Strichen skizzieren, denn sie bedürfte der Ausführlichkeit einer umfangreichen und systematischen Analyse.
Es handelt sich um das Versiegen des Inneren Monologs.
Auch dies ist die Folge der Hyper­kommunikation, die mit ihren amnesischen Strategien die letzten Ruhezonen des Ichs beseitigt.
Diese Entwicklung liegt im Interesse des Marktes, welcher zunehmend die inneren Ressourcen intelligenten Zugriffen überstellt.
Die Erschließung der intimen, diskreten und empathischen Räume ist weitgehend abgeschlossen und ihre Ausbeutung in vollem Gange.
Es gibt heute kaum noch irgend­jemand, der allen ernstes behaupten kann, dass er weiß, wo ihm der Kopf steht, anders als dort, wo ihn nach einhelliger Ausrichtung der gesell­schaftlichen und markt­wirschaftlichen Zweck­mässigkeit halber jeder zu haben hat.

Meine Damen und Herren!
Mein von mir hoch verehrter Namens­kollege, der amerikanische Schrift­steller William Faulkner, dem durch ein blankes Versehen ein U in den Namen geschmuggelt wurde, mit dem er sich schließlich, aus phonetischen Gründen, ein­verstanden erklärte, sagte in seiner Rede anlässlich der Entgegennahme des Nobelpreises:
Ich lehne das Ende der Menschheit ab!“
Mit dem Anlass lässt sich hier zwar nicht ganz konkurrieren, aber ich möchte mir trotzdem erlauben, mich wenigstens in die Diktion des verehrten Autors zu stellen, wenn ich schließe mit den Worten:
Ich lehne das Ende der Dichtung ab!

Gerhard Falkner, März 2009

Mitschnitt der Preisverleihung des Peter-Huchel-Preises vom 3.4.2009

Zur Peter-Huchel-Preisverleihung Peter-Huchel-Preisverleihung an Gerhard Falkner.

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Laudatio + KLG
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Keystone-SDA +
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Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Das Falkner“.

 

Gerhard Falkner liest auf dem XI. International Poetry Festival von Medellín 2001.

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