Hans Christoph Buch: Zu F.C. Delius’ Gedicht „Paläontologie“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu F.C. Delius’ Gedicht „Paläontologie“ aus F.C. Delius: Kerbholz. 

 

 

 

 

FRIEDRICH CHRISTIAN DELIUS

Paläontologie

Die Walfischin, wie sie arglos
ihr Junges säugt, weiß nicht,
dass sie mitschuldig ist an der Harpune.
Die Saurier mussten untergehn,
weil sie zu kleine Köpfe hatten –
Hamlets Kopf war zu schwer.

An meinem Lächeln
ist der Zwischenkiefer beteiligt
(Goethe entdeckte ihn).
Ich weiß: wenn die Brötchen versteinern,
ist es Zeit für mich
hinzugehn, wo die Elefanten sterben.

Mein Museum baue ich mir selbst.

 

Frühreife Melancholie

Dieses Gedicht stammt aus dem ersten Lyrikband von F.C. Delius, der erst später seinen Vornamen voll ausschrieb, und es war dessen erstes selbständiges Buch, im Herbst 1965 gedruckt als Quartheft Nummer 7 des neugegründeten Klaus Wagenbach Verlags. Die Verse sind ganz und gar untypisch für den 22jährigen Autor, dessen Markenzeichen – damals wie heute – sarkastische Knappheit war, gepaart mit polemischer Schärfe wie in der Realsatire Wir Unternehmer oder der fiktiven Festschrift Unsere Siemens-Welt, beide bei Wagenbach erschienen auf dem Höhepunkt der sogenannten Dokumentarliteratur, die der Wirklichkeit nicht mit den Mitteln der Poesie, sondern mit den Folterwerkzeugen der Politik zu Leibe rückte. (Daß der politische Spiegel, den sie der deutschen Gesellschaft vorhielt, oft nur ein Zerrspiegel war, und daß sowohl die Unternehmer-Satire wie auch das Siemens-Buch juristische Nachspiele hatten, aus denen Autor und Verlag als Sieger hervorgingen, sei nur in Klammern vermerkt.)
Ganz anders das vorliegende Gedicht, das nicht von einem revolutionären Feuerkopf, sondern von einem abgeklärten Verfasser zu stammen scheint, der keine Illusionen mehr hegt und entweder altersweise oder einfach nur altklug ist. Anstatt sich entschlossen der Gegenwart zuzuwenden oder der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zu verschreiben, wie dies eine Plejade junger Autoren tat, formuliert er schon im Titel seine Absage an die historischen Zeitläufte und den Einstieg in die Vorgeschichte der Menschheit, die nicht in Jahrhunderten, sondern in Jahrmillionen berechnet und am Zerfall von Atomen gemessen wird. Aber der Eindruck der Zeitlosigkeit täuscht, denn trotz der astronomischen Distanz, aus der das lyrische Ich auf die Erde herabblickt, als handle es sich um den Lichtjahre entfernten Stern einer entlegenen Galaxie, ist der Text gespickt mit literarischen Anspielungen, die durchaus irdischen Ursprungs sind: Von Shakespeares Hamlet über das os intermaxillare, den von Goethe entdeckten Zwischenkieferknochen, bis zu Ludwig Uhlands populärem Vers:

Viel Steine gab’s und wenig Brot.

Schon mit Anfang Zwanzig scheint Delius ein poeta doctus gewesen zu sein, und das ist nur scheinbar ein Widerspruch, denn Bildungsbeflissenheit und Melancholie vertragen sich in Wahrheit sehr gut. Man denke nur an Goethes Werther, dessen pubertärer Weltschmerz ein eigenes Genre der Literatur begründet hat – von Hermann Hesses Steppenwolf über Jerome Salingers Fänger im Roggen bis zu Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des Jungen W.
Hier aber ist nicht von unglücklicher Liebe die Rede, sondern von Vergänglichkeit und – passend dazu – vom Nachruhm, den der Dichter selbstbewußt für sich proklamiert: „Mein Museum baue ich mir selbst“ – eine Anspielung auf Horaz, der seine Verse für dauerhafter erklärte als Erz – nicht zu Unrecht, wie wir heute wissen. Aber was hat all das mit dem Aussterben der Saurier zu tun, und warum soll der Wal mitschuldig sein an der Harpune? Zunächst einmal fällt auf, daß von einer „Walfischin“ die Rede ist, eine Wortschöpfung des Autors, die nicht nur der Verfremdung dient, sondern auch den Rhythmus der ansonsten eher prosaischen Verse akzentuiert. Die Walfischmutter, die ihr Junges säugt, steht stellvertretend für die Gattung der Säugetiere, zu denen auch der Mensch gehört, ein entfernter Verwandter der Wale, denen er, wie Kapitän Ahab in Melvilles Moby Dick, so lange nachstellt, bis er sie restlos ausgerottet hat. „Vieles Furchtbare gibt’s / doch das Furchtbarste ist der Mensch“, heißt es im Prolog zu Sophokles’ Antigone, ein Diktum von zeitloser Aktualität, das den frühreifen Versen von F.C. Delius als Motto voranstehen könnte.

Hans Christoph BuchFrankfurter Anthologie. Gedicht und Interpretation.

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