Hans Magnus Enzensberger: Gedichte 1950 – 2005

Enzensberger-Gedichte 1950–2005

CREDITUR

Schon das schiere Nichts
hat es in sich.
Bauchschmerzen
für Metaphysiker.
Die Null zu erfinden
war kein Zuckerlecken.

Als dann auch noch
irgendein Inder
auf die Idee kam, etwas
könne weniger sein als nichts,
streikten die Griechen.

Auch den Gottesgelehrten
war nicht wohl dabei.
Blendwerk, hieß es,
eine Versuchung des Teufels.

Das sollen natürliche Zahlen sein,
riefen die Zweifler,
minus eins, minus eine Milliarde?

Nur wer Geld hatte,
und das waren die wenigsten,
der hatte keine Angst:

Schulden, Abschreibungen,
doppelte Buchführung.
Die Welt wurde abgezinst.
Die Arithmetik – ein Füllhorn.

Wir haben alle Kredit,
sagten die Banker.
Eine Sache des Glaubens.

Seitdem wird immer größer,
was weniger ist als nichts.

 
 
 

„Das Ende der Welt kommt ohne Beobachter aus“

– aber bis es soweit ist, läßt sich Hans Magnus Enzensberger, der „Archäologe unserer Kulturgeschichte“ (Martin Lüdke) die Neugier nicht nehmen. Seit der Verteidigung der Wölfe (1957), dem ersten Gedichtband, ist sein Werk zu einem poetischen Vademekum für Zeitgenossen geworden. In seinem jüngsten, Die Geschichte der Wolken (2003), hebt er seinen Blick zum Himmel, doch seine Leichtigkeit bleibt immer aufs Irdische bezogen. „Wir wüßten keinen, mit dem wir uns lieber einen Reim auf diese Welt machen würden“, schrieb die Neue Zürcher Zeitung – voilà: Enzensbergers persönliche Auswahl seiner Gedichte aus sechs Jahrzehnten.

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 2006

Gedichte 1950–2005

Fünf Jahre nach dem Erscheinen seiner Anthologie Gedichte 1950–2000 kündigt sich Enzensberger im Jahre 2006 mit lässig dirigierendem Gestus an – den Renate Brandt für das Foto auf dem Umschlag festgehalten hat. Enzensberger, der „Archäologe unserer Kulturgeschichte“ (Martin Lüdke; zitiert nach der Vorbemerkung des Verlages), hat wieder in seinen poetischen Ergüssen aus mehr als fünf Jahrzehnten Dichterdasein gegraben. Das „Ergebnis“ ist weder Aufsehen erregend noch gänzlich neuartig: Ausgewählt wurden von ihm Gedichte aus den Bänden Verteidigung der Wölfe (1957), Landessprache (1960), Blindenschrift (1964), Gedichte 1955–1970 (1971), Mausoleum. Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts (1975), Der Untergang der Titanic. Eine Komödie (1978), Die Furie des Verschwindens (1980), Die Gedichte (1983), Zukunftsmusik (1991), Kiosk. Neue Gedichte (1995), Leichter als Luft. Moralische Gedichte (1999) und Geschichte der Wolken. 99 Meditationen (2003). Die Abweichungen zu seinen letzten beiden Gedichtanthologien (von 1996 und 2001) sind minimal: Die Auswahl der Gedichte bleibt identisch bis auf einige wenige Auslassungen und Ergänzungen. Gänzlich neu hinzugekommen ist natürlich die Auswahl aus dem Gedichtband von 2003, außerdem zählt man vier Erstdrucke: „Haar“, „Leviathan“, „Wo sich Pilatus die Hände wusch“ und „Rätsel“. Auch die Komposition der Anthologie hat sich gehalten, weder die Copyrightangaben noch das Alphabetische Verzeichnis der Gedichttitel muß man vermissen.
In der Vorbemerkung des Verlages und auf der Umschlagrückseite findet sich die Stimme der Züricher Zeitung:

Wir wüßten keinen, mit dem wir uns lieber einen Reim auf diese Welt machen würden

Norbert Bolz fragt sich außerdem:

Welchen anderen Kandidaten hätten wir in Deutschland aufzuweisen für die seit Nietzsche freie Stelle des freien Geistes? (zitiert nach der Vorbemerkung des Verlages).

Hans Magnus Enzensberger ist wohl genau dieser Kandidat: Die Wölfe gegen die Lämmer verteidigend, in seiner Landessprache schreibend, zeitweise mit Schaum vorm Mund, von Scheiße und der Macht der Gewohnheit redend, in die Handelskorrespondenz einführend, besingt er die Ruhe auf der Flucht, die innere Sicherheit und hier und da Erkenntnistheoretisches – sicherlich nicht immer ein Wunschkonzert. Im Andenken an den Angestellten und an die Dreiunddreißigjährige tanzt er den Finnischen Tango mit den Chinesischen Akrobaten zum Ewigen Frieden, zum Neuen Menschen; optimistische Liedchen, leichter als Luft mag man meinen, doch es sind weder leisere Töne noch Unterlassungssünden, sie sind ein Andenken an den prägnanten Moment, an das Schattenreich, an die alte Heimat, die alte Revolution, ein wenig Wortbildungslehre für alle Fernsprechteilnehmer, ein Minimalprogramm zur Motivationsforschung, mal in Form eines Küchenzettels, eines Notizbuches, einer Bibliographie oder einer Poetik-Vorlesung, wobei Nichtzutreffendes einfach gnadenlos gestrichen, als Verlustanzeige gemeldet wird oder in einer profanen Offenbarung mündet. Manchmal erlaubt sich Enzensberger auch ein Rätsel, denn mit einem solchen schließt er (S. 238):

Ein Meer größer als das Meer,
und du siehst es nicht.

Ein Meer, in dem du schwimmst,
und du spürst es nicht.

Ein Meer, das in deiner Brust rauscht,
und du hörst es nicht.

Ein Meer, in dem du badest,
und du wirst nicht naß.

Ein Meer, aus dem du trinkst,
und du merkst es nicht.

Ein Meer, in dem du lebst,
bis du begraben wirst.


Shangning Postel, Hans Magnus Enzensberger Projekt, 2006

Poesie und Putsch im Labor

– Hans Magnus Enzensberger blickt den Wissenschaftlern über die Schulter. –

Aus zornigen jungen Männern werden oft wütende alte Esel. Doch das gilt nicht immer, zumindest nicht für H.M.E., Hans den Großen, für Hans Magnus Enzensberger. Dieser Dichter war von Anfang an widerspruchsvoll und wandelbar. Nie stieg er ein zweites Mal in den gleichen Fluß, und das nicht nur, weil er seinen Heraklit kannte, sondern weil Wiederholung und Starrheit seine Sache nicht waren.
Enzensberger, diese springende Quecksilberkugel der deutschen Nachkriegsliteratur, mußte zwangsläufig seine politischen Mitstreiter gegen die Adenauer-Ära enttäuschen, als er der Studentenrebellion den Rücken kehrte und sich über einige ihrer Vertreter lustig machte. Etwa in dem Gedicht „Die Dreiunddreißigjährige“, in dem sich Verse finden wie:

Sie hat sich das alles ganz anders vorgestellt.
Immer diese verrosteten Volkswagen.
Einmal hätte sie fast einen Bäcker geheiratet.
Erst hat sie Hesse gelesen, dann Handke.
Jetzt löst sie öfter Silbenrätsel im Bett.
Von Männern läßt sie sich nichts gefallen.
Jahrelang war sie Trotzkistin, aber auf ihre Art…

Der Lyriker Enzensberger ist stets gern aufs Feld der Wissenschaften und auch des Journalismus hinübergewechselt. Er schrieb, sozusagen als Privatgelehrter, über die unterschiedlichsten Themen, und während manche seiner Gedichte Titel wie „Foschungsgemeinschaft“ und „Fachschaft Phllosophie“ tragen, macht er seine erkenntnistheoretischen Essays durch sprachliche Gelenkigkeit und bildhafte Vergegenwärtigungen anschaulich.
Die Bücher dieses Autors, die Prosawerke ebenso wie die Lyrikbände, sind spielerisch aufgebaute Versuchsanordnungen, in denen bei höchster geistiger Anspannung vieles zusammengetragen, begutachtet und kritisch oder spöttisch benotet wird. Enzensberger hat seit je gern beide Karten gezogen, die der Dichtung und die der Wissenschaft.
Das tut er auch in seiner neuen Publikation, der er den Untertitel Seitenblicke in Poesie und Prosa gegeben hat. Was bei anderen Autoren konträr, ja unvereinbar ist, geht bei diesem Experten des Denk-Fühlens eine ebenso plausible wie elegante Verbindung ein.
Nicht unzutreffend ist die Bemerkung:

Immer mehr Poeten thematisieren in ihrem Werk wissenschaftliche Ideen.

In diesem Zusamenhang hält Enzensberger nach Verbündeten Ausschau. Er nennt die Dänin Inger Christensen, seinen – wirklich wesenverwandten – jüngeren Kollegen Durs Grünbein, aber auch Lars Gustafsson, Alberto Blanco und Miroslav Holub, von den letzten drei bringt er sogar Textproben bei.

Unterwegs im Nebenuniversum
Aus dem kritischen Unruhestifter von einst ist ein existentieller Relativist geworden, der die Positionen der Linken nicht weniger hinterfragt als die ihrer neo-liberalen Kontrahenten, die nach dem Ende des Kalten Krieges zur ökonomischen und wissenschaftlichen Globalisierung aufrüsten und den (längst nicht mehr freien) Typ des Forschers zu einem integralen Bestandteil des Systems machen:

aus selbstbestimmten Gelehrten werden so Teilhaber und Unternehmer des rasant wachsenden wissenschaftlich-industriellen Komplexes, die Patentanwälte, Emissionsbanken, Börsengurus und Public-Relations-Agenturen beschäftigen. Die Geldströme, ob Aktienkapital oder Subventionen, verschärfen den Konkurrenzkampf und den Mediendruck. Wer dabei nicht den kürzeren ziehen will, muß mehr versprechen, als er halten kann.

Ungeachtet aller Neugier, die Enzensberger für die „Putschisten im Labor“ hegt, stellt er sich auch metaphysische Fragen, und zwar, versteht sich, auf agnostische Art:

… Wie viele Götter, wenn überhaupt?
Woher diese plötzliche gute Laune
in der Badewanne?
Unbezwingliche Dummheit: zu klein
das Primatenhirn, oder zu groß?
Komisch, immer noch hie und da
ein Schmetterling ohne Nutzungsentgelt.

Warum ,ich‘, und wozu?
Was, bitte, soll diese ewige Fragerei?

Gab es vor dem Big Bang
auch schon so viele Depressionen?

Warum ist nicht vielmehr weniger,
oder mehr? Und warum ist
nicht vielmehr nichts?

Für den poeta doctus Enzenberger ist die Wissenschaft ein gleichberechtigtes Nebenuniversum, und in der modernen relativistischen Welt gibt es eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Der Dichter erfreut sich an der luziden Schönheit der Mathematik und ihren logisch nicht aufkündbaren Regeln, zugleich jedoch bezeichnet er sich selbst im Reich der Zahlentheoretiker als „hoffnungslosen Laien“, der den Spezialisten nur von Ungefähr folgen kann.

Ein Köcher voller Pfeile
Enzensberger stellt die konträrsten Vermutungen an, auf der Grundlage eines enormen Potentials an Wissen, das er assoziativ verknüpft. Das „Abrakadabra der Physiker“ geht mühelose Verbindungen ein mit der Frage nach den letzten Dingen, und Genetik und Künstliche Intelligenz sind ihm ebenso geläufig wie Quantenmechanik und New Economy. Auch über „Das digitale Evangelium“ und dessen Propheten, Nutznießer und Verächter hat der quicke Aficionado zugespitzte Formulierungen bei der Hand:

Wer Cybersex mit Liebe verwechselt, ist reif für die Psychatrie. Auf die Trägheit des Körpers ist Verlaß. Das Zahnweh ist nicht virtuell. Wer hungert, wird von Simulationen nicht satt. Der eigene Tod ist kein Medienereignis. Doch doch, es gibt ein Leben diesseits der digitalen Welt: das einzige, das wir haben.

Dieser allem Neuen aufgeschlossene Lyriker bewegt sich erkenntsnismäßig stets auf dem Level unserer Epoche, er verhält sich freilich skeptisch zur totalen Technologie-Bestimmtheit des zeitgenössischen Menschen, den er durch Phänomene wie „Leihmütter, Xeno-Transplantation, Klonen, pränatale Selektion und implantierte Gehirn-Chips“ ernsthaft bedroht sieht.
„Die Zukunft“, sagt Enzensberger, „ist als homogene Vorstellung undenkbar geworden“. So ist es nicht abwegig, daß er die Figuren des idiot savant, des Wissenschaftlers als Idioten, und des idiot lettré, des Schriftstellers als Idioten, einander gegenüberstellt. Beide, wie sehr sie sich ihrem Wesen nach ausschließen, bilden eine Symbiose und sorgen für jenen „Bruderzwist im Hause der Intelligentia“, ohne den die Evolution womöglich nicht von der Stelle käme.
Neben Essays, in denen Enzensberger die Elementarteilchen seines Denkens zusammenträgt, finden sich in „Die Elixiere der Wissenschaft“ zahlreiche korrespondierende Gedichte: vertraute, darunter über die Hälfte der „Balladen aus der Geschichte des Fortschritts“ (Mausoleum, 1975), doch auch neue, nach dem Manuskript gesetzte, beispielsweise „Fragen an die Kosmologen“. … ein Köcher voller Pfeile, mit denen der immer skeptischer werdende Dichter die – mittlerweile recht ratlosen – Erforscher des Universums beschießt:

Ob zuerst das Licht da war
oder doch eher die Dunkelheit;
ob es irgendwo nichts gibt,
und ob von etwas,
wenn ihr so weitermacht,
etwas übrigbleibt,
von der guten alten Materie,
außer einer Überdosis Mathematik?

Könnt ihr mir sagen,
ob es sein Bewenden hat
mit 22 Dimensionen,
oder sollen es ein paar mehr sein?…

Hier holt der vermeintlich Unwissende bei den vermeintlich Wissenden auf listige Weise Erkundigungen ein, auf die niemand eine Antwort zu geben vermag, weder der idiot lettré noch der idiot savant.

Ein Praktiker der Anschaulichkeit
Kaum ein deutscher Nachkriegslyriker hat einen derartig weiten Wahrnehmungs- und Erkenntnisweg zurückgelegt wie Enzensberger. Das macht der Auswahlband Gedichte deutlich, der 2001 erschienen ist, ein halbes Jahr vor Die Elixiere der Wissenschaft. Dieses suhrkamp taschenbuch, dem auch eine CD beigegeben ist, enthält charakteristische Texte von 1950 bis 2000.
Dem frühen aufrührerischen Brecht-Eleven tritt schon 1964 in der Sammlung Blindenschrift ein reflexiver, ja meditativer Autor an die Seite, den anderes und mehr affiziert als die Mechanismen gesellschaftlicher Befunde. Plötzlich gibt es fragile Töne:

Hier sehe ich noch einen Platz,
einen freien Platz,
hier im Schatten.

Oder:

Ganz im Schatten
verschwindet mein Schatten.

Ein gutes Jahrzehnt später, in den großen Porträtgedichten des Bandes Mausoleum, wurde der Glaube an den unaufhaltsamen historischen Fortschritt relativiert – dadurch, daß Enzensberger den puren Zufälligkeitscharakter scheinbar zwangsläufiger Großtaten enthüllte und manchen Heros der Wissenschaft, der Politik, der Kunst und der Technik in das Licht obskurer Umstände tauchte.
Zum Scheitern des cubanischen Revolutionsmodells gesellte sich damals die Enttäuschung über das Verspießern der 68er Bewegung, und so kam es schließlich zu jenem Eskapismus, von dem in dem pfiffigen Poem „Der fliegende Robert“ die Rede ist. Dann, nach dem Band Zukunftsmusik von 1991, konterkarierte Enzensberger schlichtweg alles, was ihm vor die Augen trat und seinen Geist beschäftigte… das Sein ebenso wie die Geschichte, und zwar, versteht sich, auf dem jeweils höchsten Wissenschaftsstand.
Je schwieriger die Themen wurden, desto graziler geriet ihre sprachliche Gestaltung. Wie dem ,mittleren‘ Krolow ging und geht es Enzensberger darum, „Leichter als Luft“ zu sein. Das Abstrakte, von dem fortan öfter die Rede ist, verlangt nach Anschaulichkeit, und wer die Experten, die sich mit den verzwicktesten Problemen abplagen, nicht ernst nimmt, tut gut daran, sich selber auch nicht als Primus aufzuspielen. Enzensberger sagt sich mit Nabokov:

There is no science without fancy and no art without facts.

Diese Maxime, die er seinem Band Die Elixiere der Wissenschaft als Motto voranstellt, setzt er als lyrischer Praktiker in die Tat um, indem er nicht mit bombastischen Worten auftrumpft oder sich mit den Tintenfischwolken der Hermetiker umgibt; vielmehr bringt er sein Ego ironisch und smalltalkhaft in Bezug zu den trivialen Dingen, die ihn umgeben:

siehe, länger als mein Gehirn
hält mein Schraubenzieher.

Das ist Alterspoesie ohne den geringsten Anflug von Larmoyanz.

Hans-Jürgen Heise, die horen, Heft 206, 2. Quartal 2002

 

Gespräch mit Hans Magnus Enzensberger

Herlinde Koelbl: Sie haben eine Arbeitswohnung und eine Privatwohnung. Warum legen Sie Wert auf die Trennung von Arbeit und Familie?

Hans Magnus Enzensberger: Schreiben ist eine isolierende Tätigkeit. Die freundlichste Intervention kann einen aus der Bahn werfen. Im Übrigen müssen Menschen, die zusammenleben, doch nicht vierundzwanzig Stunden am Tag zusammengepfercht sein. Das wäre eine Zumutung.

Koelbl: Sind Sie ein unverträglicher Mensch?

Enzensberger: Das müssen Sie andere fragen. Allerdings würde ich meiner Tochter niemals raten, einen Künstler oder einen Schriftsteller zu heiraten. Wahrscheinlich wäre sie mit einem Förster besser dran. Natürlich hören Töchter nicht auf ihre Väter.

Koelbl: Was hätten Sie gegen einen Schriftsteller einzuwenden?

Enzensberger: Jedes Metier hat seine Risiken. Bergleute leiden oft an Staublunge, Journalisten greifen gern zur Flasche. Die Berufskrankheiten der Schriftsteller sind der Größenwahn und der Narzissmus. Das hat mit der isolierenden Arbeit zu tun. Natürlich muss diese Krankheit nicht bei jedem ausbrechen. Ich arbeite gerne mit anderen Leuten zusammen. Ich habe ein, zwei Zeitschriften gegründet, heute gebe ich eine Buchreihe heraus. Gelegentlich schreibe ich Opernlibretti oder Drehbücher. Das ist mein Gegengift.

Koelbl: Viele Schriftsteller haben auch Kommunikationsprobleme.

Enzensberger: Die meisten leiden, glaube ich, unter Erfahrungsmangel.

Koelbl: Sie haben einmal gesagt, das Dichten sei eine absurde Tätigkeit.

Enzensberger: Merkwürdigerweise genießt die Poesie immer noch einen Rest von Prestige, obwohl es sich um eine völlig minoritäre Veranstaltung handelt. Wer liest schon Gedichte? Viele Dichter jammern darüber, dass sie nicht genügend beachtet werden. Es gibt aber mehr Leute, die Gedichte schreiben, als Leute, die sie lesen. Das ist doch höchst sonderbar. Von keiner anderen Kulturproduktion kann man das sagen.

Koelbl: Dichter dichten also in erster Linie für Dichter?

Enzensberger: Dichter unter sich sind jedenfalls eine merkwürdige Gesellschaft.

Koelbl: Ich habe den Eindruck, die meisten mögen einander nicht.

Enzensberger: Ich bezweifle, dass sie einander lesen.

Koelbl: Was ist es eigentlich, das Sie immer wieder zum Schreiben bringt?

Enzensberger: Der hohe Freiheitsgrad. Dass mir niemand dreinreden kann. Wenn ich einen Film mache, reden der Produzent, der Regisseur, die Schauspieler, die Beleuchter und hundert andere mit. Vor allem die Geldgeber. Ich habe ja Erfahrung mit kollektiven Arbeiten. Da haben Sie nie den Freiheitsgrad, den Sie beim Schreiben haben. Wenn Sie allerdings auf das Publikum und die Auflage schielen, bleibt von der Freiheit nichts übrig.

Koelbl: Was halten Sie von der These, Dichten sei eine Art Selbsttherapie?

Enzensberger: Und wenn schon! Vielleicht bewältigen manche ihre Lebensprobleme, indem sie sie artikulieren. Das erspart ihnen den Analytiker. Andere machen Yoga oder stellen sich ihr Horoskop. Darum geht es doch gar nicht. Als Individuen sind Schriftsteller nicht interessanter als andere Leute. Das Interessante an den Schriftstellern sind ihre Bücher. Persönlich sind viele Autoren ausgemachte Langweiler.

Koelbl: Haben Sie einen speziellen Arbeitsrhythmus?

Enzensberger: Nein, nein. Ich bin ja kein Langstreckenläufer. Leute wie Thomas Mann, die gerne 1.200 Seiten schreiben, arbeiten wie disziplinierte Beamte. Sie müssen ihr tägliches Pensum liefern, drei, vier Seiten pro Tag oder auch nur zwei.

Koelbl: Und Sie?

Enzensberger: Ich laufe nur Kurz- oder Mittelstrecke. Über vierhundert Meter gehe ich nicht hinaus. Ich glaube, ich habe noch nie ein Buch veröffentlicht, das mehr als 350 Seiten hatte. Und das waren Essaybände, keine Monographien. Ich habe mich in allen möglichen Genres versucht. Nur einen richtigen Roman habe ich nie geschrieben.

Koelbl: Gibt es spezielle Dinge, die Sie beim Schreiben inspirieren?

Enzensberger: Keine Ahnung. Das ist keine esoterische Angelegenheit. Das kann von überall herkommen. Hören Sie nur mal einem fünfjährigen Kind zu. Was dem alles einfällt. Das ist im Grunde der gleiche Vorgang. Das Wunderbare bei Kindern ist ja, dass sie ganz absichtslos produzieren. Sie verschwenden ihre Einfälle. Ein Moment von Verschwendung gehört zu jeder Art von Dichtung. Man muss sehr viel wegwerfen können. Gnade Gott dem Autor, der so geizig ist, dass er alles niederschreibt, was ihm einfällt.

Koelbl: Notieren Sie Ihre Einfälle auf Zettel, damit sie nicht verloren gehen?

Enzensberger: Nein. Wissen Sie, es gibt einen Darwinismus der Einfälle. Die guten kommen immer wieder. Die sind hartnäckig.

Koelbl: Sie speichern Ideen im Gedächtnis?

Enzensberger: Ja. Wenn etwas gleich wieder versinkt, ist es wahrscheinlich nicht so dringlich. Die obsessiven Ideen melden sich wieder. Ich habe keine Angst, etwas zu verlieren.

Koelbl: Ich sehe schon, das große literarische Zeitgemälde kann man von Ihnen nicht erwarten.

Enzensberger: Das können andere besser. Außerdem hat die relative Obskurität von Gedichten und Essays auch etwas Angenehmes. Man ist diesem Medienzirkus weniger ausgesetzt. Man muss nicht um Rangplätze auf Bestsellerlisten boxen. Der industrielle Druck auf meine Produktion ist sehr gering.

Koelbl: Ist das Schreiben für Sie mehr Arbeit oder Vergnügen?

Enzensberger: Menschen, die ihren Beruf lieben, können das gar nicht trennen. Das sind Obsessionierte. Sie machen keinen Unterschied zwischen Arbeitstag und Freizeit.

Koelbl: Schreiben Sie bis tief in die Nacht?

Enzensberger: Manchmal, je nachdem. Das ist eben einer der Vorteile beim Schreiben von Gedichten und Aufsätzen. Man hat große Zeitsouveränität. Da gibt es keine Stechuhren. Ob wir jetzt Wochenende haben, Tag oder Nacht, ob wir im Urlaub oder zu Hause sind, spielt keine Rolle. Sobald ich wach bin, kann ich auch arbeiten. Allerdings bin ich kein Frühaufsteher.

Koelbl: Warum schreiben Sie mit der Schreibmaschine und nicht mit der Hand?

Enzensberger: Oh, ich schreibe auch mit der Hand. Ich notiere mir Stichworte, abgekürzt, unverständlich für einen Dritten. Dann fange ich an, Text zu erzeugen, und dazu benutze ich am liebsten die Maschine. Ich schreibe jeden Text mehrmals. Immer wieder stelle ich um, schmiere zwischen die Zeilen, überarbeite, redigiere, streiche. Wichtig ist das Abschreiben des gesamten Textes, weil ich so nicht nur die Fehler ausbessere, sondern auch viele kleine Änderungen vornehme und es rechtzeitig bemerke, wenn ein Satz nicht richtig fällt oder ein Reim in der Prosa stört und so weiter.

Koelbl: Kommen Sie beim Schreiben in rauschartige Zustände?

Enzensberger: Es gibt beim Arbeiten einen merkwürdigen Schneeballeffekt, wenn sich unbeabsichtigt Lösungen einfinden. Plötzlich baut sich vor Ihren Augen das Muster, das „pattern“ von der Sache auf. Plötzlich haben Sie das Gefühl, dass es jetzt stimmt. Das kann man nicht herbeizwingen. Und dieser Moment kommt meistens erst dann, wenn man mühsam wie ein Tunnelbauer einen Stollen durch den Stoff gräbt.

Koelbl: Sehen Sie in jüngeren Autoren manchmal Konkurrenten?

Enzensberger: In der Kultur ist Kräftemessen ein Stimulans. Je mehr gute Leute mir begegnen, desto besser schreibe ich selbst.

Koelbl: Also weniger Konkurrenz als Herausforderung?

Enzensberger: Das Schlimmste für einen Schriftsteller ist es, wenn er sich als der letzte Mohikaner fühlt. Kultur ist kein Kuchen, von dem man immer weniger abkriegt, wenn sich immer mehr beteiligen. Im Gegenteil. Der Kuchen wächst, wenn die Leute besser werden. Überhaupt ist Neid ein Gefühl für Idioten.

Koelbl: Kennen Sie überhaupt niedrige Gefühle?

Enzensberger: Jede Menge. Zum Beispiel bin ich sehr rachsüchtig, Wenigstens dann, wenn es sich lohnt. Wenn mich ein Verleger über den Tisch ziehen will, kann er mich kennen lernen. Der bekommt eine Klage an den Hals und darf außer der Schadenssumme auch meinen teuren Anwalt bezahlen. Da bin ich eisern. Das ist wie Klassenkampf en miniature.

Herlinde Koelbl: Schreiben!. 30 Autorenporträts, Knesebeck Verlag, 2007

 

Hugo Loetscher: hans magnus enzensberger
DU, Heft 3, 1961

 

Enzensberger Lyrik

MUSTER-ROTKÄPPCHEN

Pfeifen Husten Tapsen Gammeln Stampfen Schnalzen
Drücken Röcheln Klopfen Klöppeln Stupsen Stöckeln
Rümpfen Knicken Bündeln Hetzen Kriechen Hocken
Blödeln Japsen Kreischen Blubbern Grabschen
Wimmern Heulen Boxen Suchen Finden
Hasten Haschen Häschen huschen

(1955/1957/1960/1961/1967/1968/1973/1980/1983-1.Halbjahr/1983-2. Halbjahr/1984/1986/1988/1989-2. Halbjahr(!!)/1990/1994/1996/1997)

Peter Wawerzinek

 

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Zum 60. Geburtstag des Autors:

Eckhard Ullrich: Von unserem Umgang mit Andersdenkenden
Neue Zeit, 11.11.1989

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Frank Schirrmacher: Eine Legende, ihr Neidhammel!
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.11.1999

Hans-Ulrich Treichel: Startigel und Zieligel
Frankfurter Rundschau, 6.11.1999

Peter von Becker: Der Blick der Katze
Der Tagesspiegel, 11.11.1999

Ralph Dutli: Bestimmt nicht in der Badehose
Die Weltwoche, 11.11.1999

Joachim Kaiser: Übermut und Überschuss
Süddeutsche Zeitung, 11.11.1999

Jörg Lau: Windhund mit Orden
Die Zeit, 11.11.1999

Thomas E. Schmidt: Mehrdeutig aus Lust und Überzeugung
Die Welt, 11.11.1999

Fritz Göttler: homo faber der Sprache
Süddeutsche Zeitung, 12.11.1999

Erhard Schütz: Meine Weisheit ist eine Binse
der Freitag, 12.11.1999

Sebastian Kiefer: 70 Jahre Hans Magnus Enzensberger. Eine Nachlese
Deutsche Bücher, Heft 1, 2000

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Hans-Jürgen Heise: HME, ein Profi des Scharfsinns
die horen, Heft 216, 4. Quartal 2004

Werner Bartens: Der ständige Versuch der Alphabetisierung
Badische Zeitung, 11.11.2004

Frank Dietschreit: Deutscher Diderot und Parade-Intellektueller
Mannheimer Morgen, 11.11.2004

Hans Joachim Müller: Ein intellektueller Wolf
Basler Zeitung, 11.11.2004

Cornelia Niedermeier: Der Kopf ist eine Bibliothek des Anderen
Der Standard, 11.11.2004

Gudrun Norbisrath: Der Verteidiger des Denkens
Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 11.11.2004

Peter Rühmkorf: Lieber Hans Magnus
Frankfurter Rundschau, 11.11.2004

Stephan Schlak: Das Leben – ein Schaum
Der Tagesspiegel, 11.11.2004

Hans-Dieter Schütt: Welt ohne Weltgeist
Neues Deutschland, 11.11.2004

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Matthias Matussek: Dichtung und Klarheit
Der Spiegel, 9.11.2009

Michael Braun: Fliegender Robert der Ironie
Basler Zeitung, 11.11.2009

Harald Jähner: Fliegender Seitenwechsel
Berliner Zeitung, 11.11.2009

Joachim Kaiser: Ein poetisches Naturereignis
Süddeutsche Zeitung, 11.11.2009

Wiebke Porombka: Für immer jung
die tageszeitung, 11.11.2009

Hans-Dieter Schütt: „Ich bin keiner von uns“
Neues Deutschland, 11.11.2009

Markus Schwering: Auf ihn sollte man eher nicht bauen
Kölner Stadt-Anzeiger, 11.11.2009

Rolf Spinnler: Liebhaber der lyrischen Pastorale
Stuttgarter Zeitung, 11.11.2009

Thomas Steinfeld: Schwabinger Verführung
Süddeutsche Zeitung, 11.11.2009

Armin Thurnher: Ein fröhlicher Provokateur wird frische 80
Falter, 11.11.2009

Arno Widmann: Irrlichternd heiter voran
Frankfurter Rundschau, 11.11.2009

Martin Zingg: Die Wasserzeichen der Poesie
Neue Zürcher Zeitung, 11.11.2009

Michael Braun: Rastloser Denknomade
Rheinischer Merkur, 12.11.2009

Ulla Unseld-Berkéwicz: Das Lächeln der Cellistin
Literarische Welt, 14.11.2009

Hanjo Kesting: Meister der Lüfte
Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, Heft 11, 2009

Zum 85. Geburtstag des Autors:

Arno Widmann: Der begeisterte Animateur
Frankfurter Runschau, 10.11.2014

Heike Mund: Unruhestand: Enzensberger wird 85
Deutsche Welle, 10.11.2014

Scharfzüngiger Spätaufsteher
Bayerischer Rundfunk, 11.11.2014

Gabi Rüth: Ein heiterer Provokateur
WDR 5, 11.11.2014

Jochen Schimmang: Von Hans Magnus Enzensberger lernen
boell.de, 11.11.2014

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Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv + KLGInterviews
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Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer
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Hans Magnus Enzensberger Der diskrete Charme des Hans Magnus Enzensberger. Dokumentarfilm aus dem Jahre 1999.

 

Hans Magnus Enzensberger liest auf dem IX. International Poetry Festival von Medellín 1999.

 

Hans Magnus Enzensberger – Trailer zu Ich bin keiner von uns – Filme, Porträts, Interviews.

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