Hans-Ulrich Treichel: Zu Georg Trakls Gedicht „In den Nachmittag geflüstert“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Georg Trakls Gedicht „In den Nachmittag geflüstert“ aus Georg Trakl: Die Dichtungen

 

 

 

 

GEORG TRAKL

In den Nachmittag geflüstert

Sonne; herbstlich dünn und zag,
Und das Obst fällt von den Bäumen.
Stille wohnt in blauen Räumen
Einen langen Nachmittag.

Sterbeklänge von Metall;
Und ein weißes Tier bricht nieder.
Brauner Mädchen rauhe Lieder
Sind verweht im Blätterfall.

Stirne Gottes Farben träumt,
Spürt des Wahnsinns sanfte Flügel.
Schatten drehen sich am Hügel
Von Verwesung schwarz umsäumt.

Dämmerung von Ruh und Wein;
Traurige Guitarren rinnen.
Und zur milden Lampe drinnen
Kehrst du wie im Traume ein.

 

Das fremde Tier

Von Georg Trakls Herbstgedicht aus dem Jahr 1912 hatte ich zum ersten Mal in den siebziger Jahren während des Studiums erfahren, allerdings nicht in Form einer Empfehlung, sondern eher in der einer Warnung. Der bärtige Dozent war kein Trakl-Verehrer. Und erst recht kein Verehrer dieses Gedichts. Vor allem mißfielen ihm die „braunen Mädchen“ und die „rauhen Lieder“. Beides erinnerte ihn an Zeiten, von denen der im November 1914 an einer Überdosis Kokain gestorbene Trakl allerdings noch gar nichts wissen konnte. Doch auch dem „Rinnen“ der „traurigen Guitarren“ konnte er nichts abgewinnen und schon gar nichts der „milden Lampe“. Ersteres fand er bloß sentimental, und von der Lampe meinte er, daß sie wie das ganze Gedicht vor allem der Trübung des Blickes diene. Mich dagegen hatte das Gedicht sofort berührt. Die Guitarren hatten mich traurig gemacht, die Lampe mich milde gestimmt, die Mädchen waren sonnengebräunt und begehrenswert, doch leider mit dem Sommer vergangen und unerreichbar geworden. Ich glaubte die Sehnsucht dieses Gedichts zu kennen (ich kannte auch ein mit dem Sommer vergangenes Mädchen), und ich glaubte auch seine durchaus versöhnliche Todesmelancholie zu verstehen. Diese Erfahrung eines herbstlichen Tages, der sich der Nacht nähert, wie sich das Leben dem Tode nähert, und das lyrische Ich doch noch einmal davonkommen, es „einkehren“ läßt und rettet vor Wahnsinn, Verderben oder Tod.
Wohl hatte ich damals die Melancholie des Gedichtes verstanden, aber nicht seinen Schrecken:

Sterbeklänge von Metall;
Und ein weißes Tier bricht nieder.

Die metallenen Klänge könnten eine Anspielung auf die herbstliche Jagd sein, Trakl kannte die Wälder seiner Umgebung. Vielleicht aber ließe sich aus diesen Klängen sogar eine Vorahnung des Ersten Weltkrieges heraushören, dessen Anfänge Trakl als so genannter „Medikamentenakzessist“ noch erlebt hatte und der ihn, nach der Schlacht von Grodek mit ihren vielen Verwundeten, beinahe in den Selbstmord getrieben hätte.
Das „weiße Tier“ aber bleibt äußerst rätselhaft. Ist es die – herein- und zusammenbrechende – Gewalt des Kokains? Ist es gar der schon damals den Drogentod ahnende Medikamentenakzessist in seinem weißen Kittel, der seinen Beruf zudem in der Salzburger Apotheke Zum Weißen Engel erlernte? Oder ist es ein Fabelwesen: das sanftmütige Einhorn, das hier geopfert wird? Und mit ihm alle Poesie?
Auch der Dichter würde uns hier, so vermute ich einmal, nicht weiterhelfen. Schließlich hatte er in den ersten Fassungen des Textes noch von „Schmerzen“ beziehungsweise „Lichtern“ geschrieben, die „trüb im Blut verglimmen“, was unmittelbar verständlich ist. Doch wollte er ganz offensichtlich so nicht verstanden werden und hat an die Stelle der „Schmerzen“ und „Lichter“ ein fremdes Wesen gesetzt, das einen gewaltsamen, plötzlichen Tod stirbt und das wir nicht fassen können. An ihm vollzieht sich die Tragödie dieses elegischen Nachmittags. „Sterbend Tier grüßt im Entgleiten“, schrieb Trakl an anderer Stelle. Hier grüßt niemand mehr.

Hans-Ulrich Treichelaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Dreiundzwanzigster Band, Insel Verlag, 2000

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