Heinz Piontek: Männer die Gedichte machen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Heinz Piontek: Männer die Gedichte machen

Piontek-Männer die Gedichte machen

EINÜBUNG

ODER WAS ICH ÜBER LYRIKER WEISS

René Char besitzt am Rand von L’Isle-sur-Sorgue ein weißes Haus mit Kirschbäumen und einem Lavendelfeld.

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Als Schüler hatte Krolow den Wunsch, Meteorologe zu werden.

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Kunze ist ein passionierter Angler.

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Brecht hatte eine Schwäche für alte Autos. Er fand sie schöner als neue.

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Aus dem Haus seines Gastgebers Francis Biddle in Georgetown stahl Dylan Thomas mehrere Hemden.

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Der Peruaner César Vallejo soll Hungers gestorben sein, und zwar am Karfreitag 1938 in einem Pariser Spital von Boulevard Arago.

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Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten floh Else Lasker-Schüler Hals über Kopf in die Schweiz. Sie war völlig mittellos. Mehrere Nächte verbrachte sie auf einer Bank in einem Züricher Park. Dort wurde sie wegen Landstreicherei festgenommen, und erst als man erfuhr, daß ihre Gedichte neben denen Goethes in den Lesebüchern ständen, ließ man sie laufen.

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Als die Nobelpreisträgerin Gabriela Mistral, eine ehemalige Landschullehrerin, nach längerem Aufenthalt im Ausland wieder nach Chile zurückkehrte und in Valparaiso an Land ging, läuteten ihr zu Ehren die Glocken.

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Dauthendey hatte dem Herausgeber der Blätter für die Kunst ein Gedicht als Beitrag eingesandt, er erhielt einige Tage danach eine briefliche Einladung, sich zu einer Besprechung über einige Fragen, die sich auf seine Gedichteinsendung bezögen, im Café Bauer einzufinden, wohin der Herausgeber und George kommen wollten; es war im Februar 1893. Als sich Dauthendey um halb zehn Uhr abends im oberen Saal des Cafés Bauer einfand, begrüßte ihn dort ein Herr, er war im Zylinder und englischen Gehrock erschienen, und er sagte ihm: Herr Stefan George wünsche ihn wegen einiger Punkte und Kommas, die in dem Gedicht vermieden werden sollten, zu sprechen. Dann kam nach einer Weile ein schlanker, gleichfalls mit Gehrock und Zylinder bekleideter Herr an den Tisch: George. Wir sprachen dann, fährt Dauthendey fort, über einige, wie mir schien, ganz belanglose Dinge, über Satzzeichen, und schließlich stellte sich heraus, George wünschte die Fragezeichen, wie es in der spanischen Literatur üblich sei, an den Anfang der Sätze gestellt zu sehen.
Dazu Benn: Fragezeichen an den Anfang der Sätze gestellt und dazu eine feierliche Zusammenkunft von drei Herren wie zu einem Duell oder einem Staatsakt, das war in keiner Weise Manier, auch in gar keiner Weise überspannt, es war der tiefste Ernst Europas beim Ausgang des Jahrhunderts.

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Am 8. Januar 1935 fand in einem Lokal in der Berliner Viktoriastraße ein Kameradschaftsabend der Fachschaft Lyriker im Reichsverband Deutscher Schriftsteller statt.

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Auf einer seiner Amerikatourneen kam Dylan Thomas auch nach Hollywood. Er hatte nur einen Wunsch: Chaplin zu begegnen. Als der Schauspieler davon hörte, lud er Thomas und dessen Freunde in sein Haus ein. Daheim in Laugharne, meinte Thomas, werde ihm niemand glauben, wenn er von diesem Abend erzählen würde. Chaplin setzte daraufhin ein Telegramm an Dylans Frau Caitlin auf und ließ es sofort nach England kabeln.

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Hofmannsthal legte im Mai 1901 der Wiener Universität seine Habilitationsschrift Studien über die Entwicklung des Dichters Victor Hugo vor. Als sich die Antwort der Fakultät verzögerte, zog er das Gesuch zur Erlangung der Venia legendi zurück und begründete dies mit einer Nervenerkrankung.

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Mit vierzig Jahren wurde Rilke am 4. Januar 1916 in Wien zu einer dreiwöchigen Infanterieausbildung eingezogen, dann ins Kriegsarchiv abkommandiert und am 9. Juni entlassen.

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Das KP-Mitglied Pablo Neruda floh 1948 nach einem Staatsstreich aus Santiago in das Innere des Landes und schrieb dort im Laufe eines Jahres, von der politischen Polizei verfolgt, den Canto General.

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Stephen Spender überliefert folgende Anekdote: Als Yeats einen seiner späten Gedichtbände, The Tower, vollendet hatte, nahm er das Manuskript mit nach Rapallo und sandte es vom Hotel aus an Ezra Pound, mit einem Brief, in dem er erklärte, er habe seit mehreren Jahren keine Gedichte mehr geschrieben, er schreibe jetzt in einem anderen Stil, und wenn sich darin kein Fortschritt gegenüber seinem früheren Werk zeige, werde er keinen anderen Weg mehr einschlagen können, dazu sei er zu alt. Deshalb sei er neugierig, Ezra Pounds Urteil zu hören. Ein, zwei Tage später kam eine Postkarte, auf der stand ein einziges Wort: „Mist. E. P.“ Yeats erzählte die Geschichte mit großer Heiterkeit, schließt Stephen Spender.

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El Sol, Madrid, 17. März 1932: Federico García Lorca, der größte Dichter unserer Zeit, hielt gestern in der Residencia de Señoritas einen Vortrag, den er mit einigen seiner neuesten Gedichte anschaulich machte. Die erlesenen und zahlreichen Zuhörer bedachten García Lorca mit stürmischen Ehrungen und überschütteten den Dichter am Ende seines wunderbaren Vortrages mit langanhaltendem Beifall.

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Als Brecht auf dem Weg in die Emigration mit seiner Frau in Wien eintraf, sagte Karl Kraus: Die Ratten betreten das sinkende Schiff.

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Die jüdische Lyrikerin Gertrud Kolmar wurde im Frühjahr 1943 aus Berlin deportiert. Niemand kennt Ort und Datum ihres Todes.

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Das Verbreitungsergebnis seines Silberdistelwaldes bezifferte Oskar Loerke auf 440 Exemplare; davon wurde mindestens die Hälfte als Rezensions- und Freiexemplare verschenkt. Loerke war kurz zuvor fünfzig Jahre alt geworden.
Benn will zwischen seinem fünfundzwanzigsten und vierzigsten Lebensjahr an Honoraren für Bücher, einschließlich Gesammelte Schriften, Feuilletons, Nachdrucke, Übernahmen in Anthologien, 975 Mark vereinnahmt haben.

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Alles, was ein Freund Georg Heyms über diesen Lyriker zu sagen wußte, war dies: Er war ein guter Tennisspieler, sportlich durchtrainiert, liebte es, einen knallroten Rollkragen-Sweater zu tragen und sich unmöglich zu benehmen.

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Nach der Bergung wurde die Leiche Heyms auf den Friedhof Schildhorn am Westrand des Grunewalds in eine kleine Leichenhalle gebracht. Links von ihm lag der zugedeckte Leichnam eines Selbstmörders, der sich vor die Eisenbahn geworfen hatte; unter seinem Mantel sah nur ein Knochen hervor. Rechts kauerte in einem aufrecht gestellten, großen Eisblock ein ertrunkener Fischer. Da das Blutsystem in Heyms Gesicht gefroren war, erweckte er völlig den Eindruck eines Lebenden, der nur schlief. Aber der bittere Zug um den festgeschlossenen Mund verriet, daß er sein grauenhaftes Ende deutlich vor sich gesehen hatte.

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Wenn man sich umsieht in der Dichtung unseres Jahrhunderts, schrieb Bobrowski an Jokostra, es ist ziemlich lausig. Wenn man den Lorca nicht hätte! Ich schleppe seine „Klage um Ignacio Sanchez Mejias“ mit mir herum. Hätte ich das gemacht, ich legte mich freiwillig ins Grab. Nachdem ich vorher den Druck verboten hätte.

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Der dreiunddreißigjährige Lorca: Zum Glück muß ich nicht vom Ertrag meiner Feder leben. Wenn ich es müßte, wäre ich nicht so glücklich. Gott sei Dank habe ich Eltern! Eltern, die manchmal mit mir schelten, aber sehr gut sind und schließlich immer bezahlen.

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Else Lasker-Schüler befand sich meistens in verzweifelter Geldnot. Im Berliner Tageblatt und in der Fackel wurden Aufrufe gedruckt, die um finanzielle Unterstützung der Dichterin baten.

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In aller Stille mußte der Lektor Loerke die Autobiographie Gerhart Hauptmanns von Schludrigkeiten und Altersphrasen befreien. Erschreckend, notierte Loerke in seinem Tagebuch, wie stereotyp dieser große Dichter werden kann. Mehr als hundert Arbeitsstunden an die tausend Seiten gewendet. Etwa 5.000 Änderungen.

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Escena, Madrid, Mai 1935: García Lorca empfindet eine goethesche Leidenschaft für das Licht. Im vollen Frühlingslicht sind seine Stunden erfüllt von dauerndem Entzücken. Außerdem erfreut ihn das Radio. Ich höre fast den ganzen Tag Radio, sagt er. Licht und Radio sind meine ganze Freude.

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Rilkes Sonette blieben in der Feuilletonredaktion einer großen Berliner Zeitung drei Jahre liegen, bevor man sie einem Beurteiler übergab.

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Am 20. August 1936 führte die offizielle faschistische Zeitung von Granada, El Ideal, in der täglichen Liste der Erschossenen auch den Namen Lorcas auf.

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Nach eigenen Angaben trank Georg Trakl in einer Oktobernacht zehn Viertel Roten. Um vier Uhr morgens, so schrieb er einem Freund, habe ich dann auf meinem Balkon ein Mond- und Frostbad genommen und am Morgen endlich ein herrliches Gedicht geschrieben, das vor Kälte schebbert.

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Rilke lag mit seiner akuten Leukämie vier Wochen im Sterben. Er hatte hohes Fieber, Geschwüre an den Mund- und Halsschleimhäuten. Er maß medizinischen Erklärung über die Vorgänge in seinem Körper keine Bedeutung bei und lehnte schmerzbetäubende Mittel ab.

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Loerkes großer Trost war ein kleiner Hund namens Nickel.

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Britting hatte fünf Stammtische in der Woche. Er schrieb nie etwas Kritisches. Als Leser aber war er außerordentlich anspruchsvoll. Von Neuerscheinungen hob er nur die allerwenigsten auf, die meisten warf er in die Isar.

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William Carlos Williams gedenkt mit folgendem Resümee seiner Freunde: Pound eingesperrt in einem Irrenhaus in Washington; Hemingway ein populärer Romancier, Joyce tot; Gertrude Stein tot; Picasso zum Keramikfabrikanten geworden, Brânçusi zu alt, um zu arbeiten; Hart Crane tot; Juan Gris, einst mein Lieblingsmaler, vor langen Jahren gestorben; Charles Demuth tot; Marcel Duchamps müßig auf einem Dachboden in der Vierzehnten Straße ohne Telefon in New York; die Baronin tot; Peggy Guggenheim in Venedig als Hausherrin einer Galerie für moderne Bilder, an deren Wert sie nicht glauben soll; Ford Maddox Ford tot; Henry Miller verheiratet in der Nähe von Carmel in Kalifornien auf einem Berg, der eine halbe Meile hoch ist und von dem er fast nie herabsteigt; Djuna Barnes verarmt, ohne Adresse, nicht mehr schreibend; Carl Sandburg, abgewandt von der Mühe des Dichtens; Eugene O’Neill schweigend, verstummt.

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1929, am 12. Juli, schloß Hofmannsthal mit einem Münchner Verlag einen Vertrag über eine Lebensbeschreibung Don Juans d’Austria. Am 13. Juli erschoß sich sein Sohn Franz. Als man am 15. Juli zum Leichenbegängnis aufbrach, erlitt Hofmannsthal einen Schlaganfall, der noch am Abend desselben Tages zum Tod des Dichters führte.

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Bei einem Kreml-Empfang, bei dem die Großen des Reiches versammelt waren, saß Peter Huchel neben einem kleinen grauen Mann, von dem er lange nicht wußte, daß es der sagenhafte Reiterführer Budjonny war, der nun den Titel Marschall der Sowjetunion trug.

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Die Anabase von Saint-John Perse entstand nach der Rückkehr des Dichters von einer Expedition in die Wüste Gobi.

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Georg von der Vring wurde beobachtet, wie er unter einem bordeauxroten Schirm im Nymphenburger Schloßpark spazierenging. Im März 1968 zogen ihn Pioniere aus der Isar, achtundsiebzigjährig.

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Marie Luise Kaschnitz stellte sich die Frage, was sie lieber als ihre eigenen Arbeiten geschrieben hätte. Die Antwort: Samuel Becketts Romane, Theaterstücke und Hörspiele. Freilich muß Beckett jedem Lyriker ohnehin gefallen, meinte sie.

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Auf Grund eines Einspruchs des amerikanischen Außenministers Edward Stettinius wurde das für Brecht bereits ausgestellte Visum, mit dem er von der Schweiz aus in die Amerikanische Zone einreisen wollte, um sich in München niederzulassen, eingezogen.

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Im Verlauf der stalinistischen „Säuberungen“ wurde Ossip Mandelstam nach Sibirien deportiert. Hat jemand seitdem etwas von ihm gehört?

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Als eine alte Freundin Brecht in seinen letzten Lebensjahren in Berlin besuchte, fiel ihr auf, daß er sich von seinen Besuchern so entfernt wie möglich niederließ.

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Der spätere Philosoph Ludwig Wittgenstein erbte mit fünfundzwanzig Jahren ein großes Vermögen, von dem er hunderttausend Kronen an den Herausgeber des Brenner, Ludwig von Ficker, überwies: mit der Bitte, sie an bedürftige Dichter Österreichs zu verteilen. Zwanzigtausend Kronen erhielt Rilke, zwanzigtausend Trakl. Das Geld erreichte die beiden Ende Juli 1914. Ende August, eine rote Nelke auf der Feldmütze, bestieg Trakl um Mitternacht auf dem Hauptbahnhof Innsbruck befehlsmäßig einen Viehwaggon.

 

 

Piontek, Heinz: Männer, die Gedichte machen

Seit der 1925 geborene Lyriker Heinz Piontek vor zehn Jahren unter dem Titel Buchstab – Zauberstab über „Dichter und Dichtung“ geschrieben hat, sind eine ganze Reihe neuer Namen von Lyrikern bei uns bekanntgeworden vor allem aus dem Osten; für einige von ihnen hat Piontek offenbar eine ausgesprochene Vorliebe entdeckt. In seinem neuen Essayband befaßt er sich ausgiebig mit den Polen Zbigniew Herbert und Tadeusz Róžewicz, den Jugoslawen Miodrag Pavlovic und Vasko Popa, dem Russen Jossif Brodskij. Den Anfang macht eine Huldigung an Pablo Neruda, es folgen Bemerkungen zu Miguel Hernández, René Char und Robert Lowell, und zum Schluß wird an einige deutsche Gedichtemacher erinnert: Britting, von der Vring, Krolow, Eich, Fritz, Grass und an den in der DDR lebenden Reiner Kunze. Dazwischen stehen ein paar eher verlegene Sticheleien gegen Höllerers Sammelband Ein Gedicht und sein Autor, wobei Piontek dem Herausgeber vorhält:

Der Gruppencharakter, den er seiner Versammlung prominenter Gedichteschreiber gern andichten möchte (Streitmacht gegen Dogmen), entspricht mehr seinen Ambitionen als den Tatsachen.

Damit hat Piontek sicher recht, und man darf wohl annehmen, daß die Titulierung der von ihm versammelten Gedichteschreiber als „Internationale der Lyrik“ nicht auf seine Ambitionen zurückgeht. Piontek stellt sein Buch vielmehr mit entwaffnender Bescheidenheit vor. Unter der Überschrift „Einübung oder Was ich über Lyriker weiß“ kann man Sätze lesen wie: „Als Schüler hatte Krolow den Wunsch, Meteorologe zu werden“, oder „Loerkes großer Trost war ein kleiner Hund namens Nickel“. Das heißt, was mit Gewißheit über Lyriker gesagt werden kann, sind allenfalls biografische Informationen. Alle anderen Aussagen sind Meinungen, Vermutungen, Vorstellungen, Hypothesen, Spekulationen. Es sieht ganz so aus, als habe sich Piontek gewissenhaft an die Regel gehalten, daß eine Meinung um so überzeugender wirkt, je deutlicher sie ihre subjektiven Voraussetzungen zu erkennen gibt. Vor allem die Erfahrungen, die ein Autor mit anderen Autoren gemacht hat, können für Nicht-Autoren um so interessanter sein, je weniger der Betreffende dabei von sich selbst absieht und je offener er sich als Subjekt und Partei mit ins Spiel bringt.
Aber ach, der redlichen Einübung zum Trotz kann Piontek mit seinen Gewißheiten doch nicht hinterm Berg halten. Von Lorca beispielsweise weiß er nicht nur, daß er gerne Radio hörte, er weiß auch, daß er „ein Genie“ war. (Während Dylan Thomas, der Maßstabstreue zuliebe, lediglich das Prädikat „genialische Natur“ erhält.) Reiner Kunze ist nicht nur „passionierter Angler“, sondern auch „ein Lyriker reinsten Wassers“: man sieht, hier wird nicht im trüben gefischt. Piontek macht sehr bald keinen Hehl mehr daraus, daß er über seine Lyriker sehr viel mehr weiß, als er in der „Einübung“ zugibt.
Daß dies nicht viel mehr als ein gutgemeinter Gag ist, kann man noch verschmerzen; auch daß Piontek sich seinen Poeten nicht als Lyriker mit vergleichbaren Erfahrungen und Problemen nähert, sondern wie ein neutraler, irgendeiner sogenannten Objektivität verpflichteter Philologe, läßt sich halbwegs verwinden. Denn über viele seiner Beobachtungen kann man reden: da gibt es stichhaltige Einwände gegen verschiedene Gedichte von Günter Grass, da findet man ein knappes, aber gelungenes Porträt des wenig bekannten amerikanischen Lyrikers Robert Lowell, da ist die im großen und ganzen diskutable Gegenüberstellung der beiden Polen Herbert und Róžewicz. Da ist aber auch die Ungewißheit, was Heinz Piontek mit seinen Aufsätzen erreichen will.
Um die Popularisierung von Lyrik geht es ihm erklärtermaßen nicht. Was exklusiv ist, soll exklusiv bleiben. Nun zeigt sich an vielen Stellen, daß es ihm weniger um die Autoren selbst und ihre Werke geht, als darum, mit ihnen etwas zu beweisen. Es reicht Piontek nicht, Pablo Neruda metaphernreich und naturselig zu rühmen; seine „Vitalität“ und „urkräftige Beschaffenheit“ müssen dazu herhalten, einer literarischen Richtung, die Piontek nicht paßt, eins auszuwischen:

Wieder einmal erweist es sich, daß das Originäre keine Sprachverrenkungen nötig hat…

Daß die Dichtung dieses Chilenen auf völlig anderen geschichtlichen, sprachlichen und poetologischen Voraussetzungen beruht, scheint Piontek gleichgültig zu sein, solange er den bleichen einheimischen „Texttüftlern“ Nerudas „indianische Wortgewalt“ um die Ohren schlagen kann. Allmählich wird auch klar, was dieser, Paul Sethes Männer, die Geschichte machten, nachempfundene Buchtitel soll: Dichten ist im Gegensatz zum Sprachverrenken und Textetüfteln ein Geschäft für vitale, urkräftige Männer.
Für Männer in den besten Jahren, versteht sich: die Enkel, ob sie nun „Plakatlyrik“ oder „Texte“ basteln, sind laut Piontek (45), zu den Großvätern zurückgekehrt. Wohin Piontek selbst mit seinen poetischen Kriterien zurückgekehrt ist, das läßt sich mit Generationsbegriffen schon gar nicht mehr andeuten. Das frühklassische Genie reicht nicht aus, um beispielsweise Reiner Kunzes Entwicklung zu beschreiben, da muß man schon ins Mittelalter mit seinen Zunftregeln hinabstoßen:

Er brauchte mindestens vier, fünf Jahre, ehe er den Freibrief des Lyrikers von eigenen Gnaden errang.

Zu Kunze (wie auch zu Brodskij) ist Piontek jedoch auch weniger Lustiges eingefallen, und manchmal hört der Spaß vollends auf. Wenn nämlich ein hiesiger Literat, der sich bislang weder durch politische noch historische Sensibilität hervorgetan hat, Autoren, die in ihren Ländern kulturstalinistischen Repressalien ausgesetzt sind, bescheinigt, daß sie nun wirklich – „kommunistisch gesprochen“ – keine „konterrevolutionären Argumente“ verwenden. Und wenn dann noch von „sozialistischen Geboten“ und „marxistischen Axiomen“ die Rede ist, ist es bis zum Tinnef – von eigenen Gnaden – nicht mehr weit.
Mag Heinz Piontek ruhig poetische Mannestaten und lyrische Geniestreiche besingen und sich über saftlose textende Enkel lustig machen. Denn eines ist sicher: die Enkel Pablo Nerudas sitzen nicht potenzfroh in deutschen Dichterstuben, und wer heute dort Nerudas Nachfolge antritt, hat etwas anderes als einen Kranichfederkiel in der Hand.

Lothar Baier, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.7.1970

Vorzüge der Erwählten

„Zur Lyrik heute“ äußert sich der selber dichtende Heinz Piontek, 44, gern im Pluralis majestatis und den zugehörigen apodiktischen Superlativen – so etwa über Prosaseiten von Robert Lowell, „die zum Besten gehören, was nach dem Krieg in Amerika geschrieben worden ist“; so über des jungen Jossif Brodski „Große Elegie an John Donne“, seine „bedeutendste Schöpfung“: „Sie gehört wahrscheinlich zu den ,Jahrhundertgedichten‘“ (immerhin: „wahrscheinlich“); so über Georg von der Vring: „Seine Gedichte sind die poetischsten, die in den letzten Dekaden bei uns entstanden sind“ (immerhin: „Der Superlativ steht hier wohlüberlegt“).
Pionteks Referate, Rezensionen, Einführungsvorträge sind Orientierungshilfen für ein heute wenig begangenes Literaturgebiet. Er ist ein Liebhaber, dem daran liegt, auch Fremden die Vorzüge seiner Erwählten plausibel zu machen und wie jedem inständigen Liebhaber fallen ihm dabei auch erhellende Einsichten über seine Objekte zu (etwa über Pablo Neruda, René Char, Günter Eich, Karl Krolow). Aber sie sind verstreut in einer Mitteilungsmasse, die der Autor mit leicht wichtigtuerischer Gebärde ausbreitet.

Die Personalunion von Lyriker und Essayist kommt zwar nicht selten vor, ist aber auch nicht schlicht vorauszusetzen.

Nein, wohl auch bei Piontek nicht. Welcher von beiden brächte denn zur Thematik früher Rózewicz-Gedichte den Satz über sich:

Schlicht gesagt: das nackte Leben, nicht zu fassen.?

Der Spiegel, 20.4.1970

Heinz Pionteks Aufsätze zur Lyrik heute

Unter dem wenig glücklichen (weil allzu flottfeuilletonistischen) Titel Männer, die Gedichte machen legt der als Lyriker und Erzähler bekannt gewordene Heinz Piontek einen Band mit Aufsätzen zur heutigen Lyrik vor. Die beiden Hauptteile des Buches – Porträts ausländischer und deutscher Lyriker und Interpretationen ihrer Gedichte – werden eingerahmt von zwei kleineren Beiträgen: Den Abschluss bildet eine bekenntnishafte Selbstinterpretation des Gedichts „Mit einer Kranichfeder“, die aus dem 1966 von Hilde Domin herausgegebenen Band Doppelinterpretationen übernommen wurde, und als Einführung stellt der Autor eine Sammlung von Fakten und Anekdoten („Einübung oder Was ich über Lyriker weiss“) voran, die offenbar dazu beitragen sollen, das traditionelle Bild vom weltfernen Poeten ein wenig zurechtzurücken. So lesen wir etwa, dass Brecht eine Schwäche für alte Autos hatte, Dylan Thomas Hemden stahl, Loerkes Trost ein kleiner Hund namens Nickel war, Rilke als Todkranker schmerzlindernde Medikamente ablehnte.
Der Leser fühlt sich versucht, gleich noch etliche derartige Bemerkungen nachzutragen (wie es etwa Hans Bender in der Süddeutschen Zeitung bei der Besprechung des Buches von Piontek tat); ich ergänze also: Brecht ordnete testamentarisch an, dass er in einem Stahlsarg beigesetzt werden solle. Günter Eich hat bei Freunden in Hiroshima eine halbvolle Flasche Whisky stehen. Deutschland international erfolgreichster Lyriker der Gegenwart heisst Hans Leip – er schrieb das Gedicht „Lili Marleen“.
Doch wir wollen uns bei solchen Anekdoten, die nur geringen Erkenntniswert haben, nicht weiter aufhalten und uns den beiden Hauptteilen des Buches zuwenden. Piontek stellt zunächst einige fremdsprachige Lyriker vor, und zwar Neruda, Hernández, Char, Lowell, Herbert, Rózewiez, Pavlovic, Popa und Brodskij. „Entdecken wir den Dichter Brodskij“, hat Piontek seinen Aufsatz über den jungen sowjetischen Dichter überschrieben. Doch strenggenommen hat Piontek keinen neuen Dichter entdeckt, sondern sich jeweils mit von anderen entdeckten und in Uebertragungen vorgestellten Lyrikern auseinandergesetzt. Seine Aufsätze sind fast alle ausführliche Rezensionen von Neuerscheinungen, waren in den vergangenen Jahren in Zeitschriften und Zeitungen zu lesen (– was vielleicht in einer Notiz im Buch hätte angemerkt wenden sollen). Aber Pionteks Buchbesprechungen sind keine flüchtigen Rezensionen: Der einzelne Gedichtband wird ihm zum Anlass für eine eingehende Untersuchung des dichterischen Werkes. Das gilt auch für das Kapitel über deutsche Lyriker: von der Vring („Seine Gedichte sind die poetischsten, die in den letzten Dekaden bei uns entstanden sind.“), Britting, Eich, Krolow, Fritz, Grass und Kunze. Besonders gelungen scheint mir der Aufsatz über Reiner Kunze zu sein, dessen Entwicklung Piontek einleuchtend darstellt und dessen Dichtung er treffend charakterisiert:

Kunzes Poesie ist propagandistisch nicht auszuschlachten. Sie ist kämpferisch, aber untauglich als Waffe für Ideologen. In gleichviel welcher Faust kehrt sie sich gegen den, der mit ihr zuschlagen will.

Und wohl der beste Aufsatz gilt dem Lyriker Günter Grass: der beste deshalb, weil Piontek hier Fraktur redet, kritisch Pro und Kontra abwägt, mit deutlichen Worten nicht spart. Ein derart kritisch-differenzierendes Urteilen, wie es sich in dieser Arbeit zeigt, hätte man gern öfter in diesem Buch angetroffen. Es fehlt zumeist deswegen, weil sich Piontek in den Ansätzen, die er hier zusammengestellt hat, lediglich auf die Lyriker konzentriert, die ihm genehm sind, auf seiner Wellenlänge liegen. Eine solche Auswahl zu treffen ist das gute Recht des Autors; nur kann in solchen Beiträgen über Dichter, mit deren Werken oder dichtungstheoretischen Aeusserungen er sympathisiert, sein kritisches Unterscheidungsvermögen nicht voll zur Geltung kommen. So findet der Leser denn hier fast ausschliesslich Zustimmendes, Lobendes – Einwände werden nur gegen einzelne Details, Bilder, Uebersetzungsschwächen und dergleichen erhoben.
Die Lyriker, die Piontek nicht mag, werden, zumeist ohne Namensnennungen, in Nebenbemerkungen abgetan, also etwa die „Texttüftler, die sich heute als Vorhut bezeichnen“; Piontek sieht gleich einen ganzen „Ansturm von Monteuren, Textern und Schriftzeichnern“, die ihm offenbar nicht geheuer sind. Einmal wendet er sich auch gegen „unsere literarischen Zirkusagenten und Tonangeber“. In derartigen Randbemerkungen, mit denen der Autor recht pauschal alles vom Tisch fegt, was ihm missfällt, spricht Piontek bisweilen in einem gereizten, trotzigen Ton – hat er das nötig? Etwas mehr Souveränität gegenüber dem ihm Fremden wäre wünschenswert.
Ganz deutlich zeigt sich, dass Heinz Piontek – der eben als Lyriker eigener Couleur und nicht primär als Kritiker urteilt – blinde Flecken hat, keine Antennen für jene Arten von Lyrik, die ihm selbst wesensfremd sind: etwa für Dichter wie Celan und Poeten auf der einen und Heissenbüttel auf der anderen Seite (– sein Verdikt gegen „die Akrobaten der Grammatik und die feierlichen Monomanen des Verstummens“ zielt in diese beiden Richtungen). Das Mythische in der Dichtung etwa missversteht er als archäologisch, und Heissenbüttel rechnet er – auch das ganz gewiss ein Missverständnis – unter die „Zertrümmerer des Satzgefüges, die Experimentatoren und Spieler, die ,Verabsolutierer der Lautmusik‘ (Höllerer), die die gedankliche Arbeit auf den Leser abwälzen…“ Da hat er Helmut Heissenbüttel offenbar mit dessen Imitatoren und dogmatischen Exegeten verwechselt. Immerhin war es Heissenbüttel, der kürzlich schrieb:

Wenn die Literatur heute eine allgemein beschreibbare Chance hat, dann die, sich ausserhalb der Spielregeln zu stellen, die ihr teils von der Diskussion der Praxis (darin eingeschlossen die politischen Auseinandersetzungen), teils aus Gründen des Stilzwangs und der linearen Progression aufgedrängt werden.

Heinz Piontek findet und vermittelt dort Einsichten, wo er auf ihm Verwandtes trifft. Da geht dann die zuverlässige und sachliche Information Hand in Hand mit dem persönlichen Bekenntnis. In klaren, verständlichen Worten, ohne den Jargon der Eingeweihten zu benutzen, beschreibt und erklärt Piontek, was er für wichtig hält. Er ist weniger Philologe und Rezensent als vielmehr engagierter Bewunderer, der anderen deutlich machen möchte und auch deutlich machen kann, was er und warum er bewundert. Seine Kriterien werden nicht immer kritischer Analyse standhalten, aber noch seine subjektiven Urteile vermitteln Einsichten. Und so wird aus einer Argumentation pro domo ein Beitrag zum Verständnis zeitgenössischer Poesie.
Die Dichter, über die Piontek zustimmend schreibt, werden ihm zu Kronzeugen, Zitate aus ihren Werken benutzt er als Beweisstücke. Und so lässt sich aus diesem Band Pionteks eigene Position gut ablesen. Seine Verbundenheit mit der Tradition etwa kommt zum Ausdruck, wenn er einen Ausspruch von Jorge Guillén zitiert, Lorca und dessen Generationsgenossen hätten die „Patrizier der Dichtung“ verehrt: „Die Dialektik der Fleischfresser – ,ich bin, insoweit der andere nicht ist‘ – wurde von unserer Generation verabscheut, die den in der neueren Geschichte so häufigen rituellen Vatermord nicht praktizierte.“ Und Piontek fügt hinzu:

Ein Wort, hinter den Spiegel zu stecken.

Piontek ist der Ueberzeugung, „dass das Orginäre keine Sprachverrenkungen nötig hat, sondern auf der Frische der Phantasie beruht, der Einmaligkeit der Vision“. Er bekennt sich zur Dichtung als einer verwissenschaftlichen Form des Denkens – wobei in seinem Verständnis vor-wissenschaftlich auch heisst: der Wissenschaft voraus –, zur Dichtung als einer männlichen Kunst, einem „Gewaltmarsch ins Unsagbare“, wie René Char sagt. Mit Char ist ihm das Gedicht ein „unverwesbarer Brocken Existenz“. Und wenn Char schreibt: „Ein Gedicht muss Spuren hinterlassen, keine Beweise“, ergänzt Piontek diesen Gedanken mit den Worten:

Das Bild ist widerstandsfähiger als das Argument.

Jürgen P. Wallmann, Die Tat, 9.5.1970

Weiterer Beitrag zu diesem Buch:

Helmut Mader: Dichter mit gewaltiger Lunge. Welchen Beitrag leistet Heinz Piontek zur Theorie der modernen Lyrik?
Die Zeit, 3. 9. 1971

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Alexander von Bormann: Amsel und Vollmond
Die Zeit, 29.11.1985

Zum 65. Geburtstag des Autors:

Manfred Moschner: Das Gedicht ist ein Fernrohr
Rheinischer Merkur / Christ und Welt, 9.11.1990

Curt Hohoff: Wenn die Schönheit zur Partisanin wird
Die Welt, 10.11.1990

Peter Mohr: Zu Lebzeiten ein Klassiker
General-Anzeiger, Bonn, 15.11.1990

Wolfgang Schirmacher: Der Einzelgänger
Rheinische Post, 15.11.1990

Thomas Cornelius Becker: Die Schönheit der Stille
der literat, Heft 3, 1991

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Wolfgang Ignée: Siegen in der Niederlage
Stuttgarter Zeitung, 15.11.1995

Eckart Klessmann: Stunde der Überlebenden
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.11.1995

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Ludwig Steinherr: „Das All nur eine schmale Tür“
Stimmen der Zeit, Heft 11, 2000

Peter Mohr: Überzeugter Traditionalist: Heinz Piontek wird 75
General-Anzeiger, 15.11.2000

Dietz-Rüdiger Moser / Marianne Sammer (Hrsg.): Heinz Piontek zum 75. Geburtstag
Sonderausgabe Literatur in Bayern, 2000

Nachruf auf Heinz Piontek:

Harald Hartung: Keine Bürgen für einen besseren Tag
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.10.2003
Auch in: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Jahrbuch 2003, Wallstein Verlag, 2004

Kristina Maidt-Zinke: Die Kälte der Mitwelt
Süddeutsche Zeitung, 29.10.2003

Neu: Gedichte der Gegenwart
Stuttgarter Zeitung, 29.10.2003

Peter Härtling: Adieu, Piontek
Die Zeit, 30.10.2003

Peter Dittmar: Ich lernte, dass man vor seinem Gedächtnis nie sicher ist
Die Welt, 29.10.2003

Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv + KLG
DAS&DGeorg-Büchner-Preis

 

Bild von Juliane Duda mit den Texten von Fritz Schönborn aus seiner Deutschen Dichterflora. Hier „Schollenpiontek“.

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