BEYOND
für Clemens Podewils
Bewahren,
wie die Linien
zwischen Gras
und grasbedecktem Stein
verlaufen,
den Astsprüngen
und den Sprüngen der Verzweigung,
Licht- und Schattenlauten.
Den Trauer- und Freudefesten
auf der Spur bleiben,
den Firsten
und den Rauchzeichen darüber,
solange, bis sie,
eins geworden,
sich im Flug entdecken,
kein Untergang.
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Ilse Aichinger
Sie ist als Schriftstellerin bekannt, deren erster und einziger Roman Literaturgeschichte schrieb, sie ist auch Verfasserin pointierter Kurzprosa; als Lyrikerin ist sie weitgehend unbekannt. Dabei sind die Verse, die sie ihr Leben lang schrieb und nur auswahlweise veröffentlichte, poetische Ereignisse. Klang und Sinn treten in ein Spannungsverhältnis ohne Auflösung. Treffend gesetzte Worte sind in ihrer Knappheit einzig und verweigern jede Umschreibung.
Ankündigung in Michael Krüger: Poesiealbum 364, MärkischerVerlag Wilhelmshorst, 2021
Stimmen zur Autorin
Alle denkbaren Reduktionen menschenmöglicher Erfahrung werden auf ihren bitteren kleinen Kern durchgespielt,… es herrscht in allen Texten der gleiche strenge, beinahe apodiktische Sprachgestus, mit dem immer neue Paradoxien in die Welt gesetzt und vollkommen ernstgenommen werden.
Gisela Lindemann
Die Stimme, die zu uns spricht, kennt beides: die Erinnerung und ihr Echo in einer erinnerungslosen Welt… dieses plötzliche Hineingleiten in einen poetischen Zusammenhang, über jeden manifesten Inhalt, jeden Sinn und jede Aussage hinweg, in dem Gefühl tiefer Verläßlichkeit.
Michael Krüger
Ilse Aichingers Lyrik verändert sich weniger, als daß sie sich weiterentwickelt in der Radikalität der Frage- und Infragestellung, in der Verweigerung aller vorschnellen Tröstlichkeit, in der Demontage der Gläubigkeit und der Rehabilitierung der Ungläubigkeit.
Heinz Schafroth
… hier ereignet sich, wenn nicht immer, doch immer wieder, das Pfingstwunder der gelösten Zungen, der gehörten Stimmen, der gelungenen Kommunion. Verblüffend ist, wie sie fast allenthalben den Ton durchhält, wie sie mit keinem Wort absinkt, sondern eine Fülle makelloser Sprachgebilde von einheitlicher Substanz und Konsistenz geschaffen hat, die durch keinen fremden Reiz, keinen weit hergeholten Bildungsbegriff gestört sind.
Hilde Spiel
Trotz des fast vollständigen Verzichts auf den Endreim bilden Reimanklänge wie Assonanz und Konsonanz, Binnenreim und Alliterationen ein dichtes Klanggitter, das von gehäuft eingesetzten Lautverbindungen… zusätzlich gestützt wird.
Hannah Markus
Diese Gedichte sind von der Art, die von einigen Überlebenden nach einem Atomkrieg, falls es die gibt und falls sie noch an Gedichte denken, leichter und besser verstanden werden könnten als heute.
Erich Fried
Poesiealbum 365
Aichingers Verse öffnen sich mit einem Arsenal wiederkehrender Wörter oder in Hall und Nachhall von Vokalfolgen. Wieder und wieder gibt es „Schnee“, Jahres- und Tageszeiten hinterlassen Spuren und von bekannten Orten ist Unbekanntes zu erfahren. Ihre Dichtung prägt die Trauer – aber leise, als käme sie aus weiter Ferne. Wo jedes Einverständnis mit der Welt, wie sie ist, aufgekündigt wird, sucht das lyrische Wort nach Halt: jenseits des Sinns, diesseits der Sinne.
MärkischerVerlag Wilhelmshorst, Klappentext, 202
„Erfüllte Wünsche sind ein Unglück.“
Wer in den neunziger Jahren mit Ilse Aichinger sprechen will, muss sich an einen jungen Mann wenden, der ihre Nabelschnur zur Welt ist: Richard Reichensperger. Ein junger, bei unserem Interview gerade 35 Jahre alter Literaturwissenschaftler, der ihre Werke herausgegeben hat und darüber seit vielen Jahren zum wichtigsten Mann in ihrem Leben geworden ist. Er ist ein leidenschaftlicher Leser, liebt Joseph Brodsky, John Donne, Pascal und – Julien Green. Einmal ist Richard Reichensperger Julien Green nachgefahren, ohne es zu wagen, ihn anzusprechen.
Ilse Aichinger lebt in Wien zu dieser Zeit wie ein Tramp. Sie trägt meist eine unförmige schwarze Jacke und transportiert ihre Habseligkeiten in einer Plastiktüte mit sich herum. Täglich sieht sie sich in den Wiener Kinos mehrere Filme an. Gute Filme wie Auf Wiedersehen, Kinder von Louis Malle oder Der dritte Mann von Carol Reed kann sie sich bis zu acht Mal ansehen. Die Dunkelheit und Abgeschiedenheit der Kinosäle tun ihr gut. Sie schreibt nicht mehr viel, am liebsten kurze Feuilletons und Beobachtungen, die Richard Reichensperger abtippt und den Zeitungsredaktionen anbietet. Das ausführliche Nicht-Schreiben und Über-das-Schreiben-Nachdenken nimmt den weit größeren Teil ihrer Zeit in Anspruch. Ihre Erzählungen und der Roman Die größere Hoffnung haben sie in der Nachkriegszeit neben Ingeborg Bachmann zum Star der Gruppe 47 gemacht. 1953 heiratete sie den Dichter Günter Eich. Das Paar hat zwei Kinder, Clemens und Mirjam.
Als wir uns am 24. Oktober 1996 treffen, ist Ilse Aichinger fast 75 Jahre alt und seit einem Vierteljahrhundert Witwe. Richard Reichensperger hat als Treffpunkt ihr Lieblingscafé, das Café Imperial am Kärntner Ring, vorgeschlagen. Als ich dorthin komme, sitzt sie schon da, umspült vom Klaviergeklimper des Wiener Kaffeehausnachmittags, und strahlt eine ungeheuere Präsenz aus. Sie spricht sehr sanft, ein wenig österreichisch eingefärbt und eher langsam, hier und da plötzlich einen Nebensatz wild beschleunigend, dann wieder tastend fortfahrend. Und obwohl eine große Freundlichkeit von ihr ausgeht, ist das meiste von dem, was sie mir in den folgenden zwei Stunden sagen wird, von äußerstem Pessimismus. Auf die Frage, was das Schönste in ihrem Leben gewesen sei, sagt sie, ohne zu zögern: der Krieg. Denn im Krieg habe es noch Hoffnung gegeben.
Wir trinken Kaffee und Cognac. Gerne hätte sie geraucht, aber das hat sie sich abgewöhnt. Auf manche, allzu direkte Fragen bleibt sie die Antwort schuldig und sagt:
Ich würde Ihnen gerne antworten, aber nicht dem Interview.
Dennoch spricht sie über ihre Fremdheit in der Gegenwart; sie scheint ihr eine Art Übergangszeit zu sein, die man mit Haltung ertragen muss. Die „größere Hoffnung“, von der ihr berühmter Nachkriegsroman erzählt, ist für sie im Alter vollständig aufgebraucht. Im gepflegten, posthabsburgerischen Café Imperial wirkt sie wie von einem anderen Stern.
Nach dem Gespräch gesellt sich Richard Reichensperger zu uns. Zu dritt machen wir einen ausgedehnten Spaziergang durch das nächtliche Wien. Ilse Aichinger erzählt von ihren Kindern und davon, wie sie und Günter Eich die Kinder in dem Landhaus in Großgmain im Salzburger Land gemeinsam erzogen haben. Sie erzählt von ihrer Mutter, die sie bis zu deren Tod gemeinsam mit Richard Reichensperger gepflegt hat. Wir sprechen davon, ob es einen richtigen Zeitpunkt zum Sterben gebe. Und sie sagt, dass sie die jung Gestorbenen beneide. Gefragt, warum, antwortet sie:
Wenn man schon lebt, würde man sich wünschen, so jung zu sterben wie der Georg Büchner oder wie der Hans Scholl, es ist besser, das ist meine Ansicht.
Ich habe diesen Satz damals nicht in das Interview aufgenommen. Im Nachhinein wirkt er gespenstisch: Zwei Jahre nach unserem nächtlichen Spaziergang stürzt Ilse Aichingers Sohn Clemens Eich in Wien und stirbt wenig später an den Folgen des Sturzes im Wiener Allgemeinen Krankenhaus im Alter von 43 Jahren. Sechs Jahre nach dem Tod von Clemens Eich stürzt auch Richard Reichensperger in Wien und stirbt ebenfalls wenig später an den Folgen des Sturzes im Wiener Allgemeinen Krankenhaus im Alter von 43 Jahren. Dieselbe Todesart, derselbe Ort, dasselbe Krankenhaus, dasselbe Alter. Elfriede Jelinek schrieb in ihrem Nachruf auf Richard Reichensperger:
Und Ilse Aichinger hat viele viele Gründe gehabt, dass immer und immer wieder etwas Schreckliches zu ihr und aus ihr gekommen ist.
Iris Radisch: Mit 27 Jahren haben Sie Ihren Roman Die größere Hoffnung veröffentlicht. Danach kurze Erzählungen, Hörspiele, Gedichte. Zuletzt nur noch Sätze. Der letzte veröffentlichte Satz ist: „Zum Kranklachen wäre alles, wenn es nicht zum Totlachen wäre.“ Das war 1985, seitdem beinahe nichts mehr. Was ist geschehen?
Ilse Aichinger: Ich habe das seit jeher für einen sehr schwierigen Beruf gehalten. Und ich wollte nie Schriftstellerin werden. Ich wollte Ärztin werden, das ist gescheitert an meiner Ungeschicklichkeit. Ich wollte zunächst eigentlich nur einen Bericht über die Kriegszeit schreiben. An ein Buch habe ich gar nicht gedacht, ich wollte nur alles so genau wie möglich festhalten. Als das Buch dann bei Fischer erschienen ist, stand noch immer viel zu viel drin. Ich wollte am liebsten alles in einem Satz sagen, nicht in zwanzig.
Radisch: Nur einen Satz über den Krieg?
Aichinger: Der Krieg war meine glücklichste Zeit. Der Krieg war hilfreich für mich. Was ich da mit angesehen habe, war für mich das Wichtigste im Leben. Die Kriegszeit war voller Hoffnung. Man wusste sehr genau, wo Freunde sind und wo nicht, was man in Wien heute nicht mehr weiß. Der Krieg hat die Dinge geklärt.
Radisch: Liegt es also am Frieden, dass Sie kaum noch schreiben?
Aichinger: Ich kann mich nicht einfach hinsetzen um acht Uhr früh und denken, jetzt schreib ich. Ich muss nicht schreiben. Und gar nicht darüber nachdenken.
Radisch: Langweilen Sie sich?
Aichinger: Natürlich. Das kann tödlich sein. Aber Schreiben hängt mit dem Tod zusammen. Ob es tödliche Langeweile ist oder eine andere Form des Sterbens… Außerdem gehe ich gerne ins Kino.
Radisch: Aus Langeweile?
Aichinger: Das Kino ist eine Form des Verschwindens. Man taucht ins Dunkel, man ist unsichtbar. Ich hatte schon als Kind den Wunsch zu verschwinden. Das war mein erster leidenschaftlicher Wunsch. Ich erinnere mich kaum an etwas anderes außer an diesen wahnsinnigen Wunsch. Der Wunsch ist noch immer da. Ich habe es immer als eine Zumutung empfunden, dass man nicht gefragt wird, ob man auf die Welt kommen will. Ich hätte es bestimmt abgelehnt.
Radisch: Warum?
Aichinger: Was man an Leiden mit ansehen muss. Die Ungerechtigkeiten, die, abgesehen von aller Politik, allein in der Biologie sind. Ich bin ein identischer Zwilling, der ältere, der lebenskräftigere, wir hatten beide schwere Krankheiten, aber meine Schwester war dem Tod immer näher. Der Stauffenberg hatte auch einen identischen Zwilling, aber der ist bei der Geburt gestorben.
Radisch: Das Leben als Zwilling ist noch ungerechter als das Leben ohnehin?
Aichinger: Man begreift dabei, dass die ganze Biologie eine terroristische Überlebensstrategie ist, der man eigentlich gar nicht gewachsen sein möchte. Man wird nicht gefragt. Man wird auch nicht gefragt, ob man sterben will. Ich will tot sein, aber sterben möchte ich auch nicht, weil ich einige Male mit angesehen habe, wie lange das dauern kann. Diese Zumutungen, nicht nur an mich, sondern an jeden, der lebt. Aber zu meinem Erstaunen sind die meisten Menschen vollkommen einverstanden.
Radisch: Mit dem Leben?
Aichinger: Jeder möchte genau der sein, der er ist. Keiner kommt auf die Idee, dass er jemand anderer sein möchte oder gar nicht sein möchte.
Radisch: Den Frauen wird sonst immer nachgesagt, dass sie das Leben bewahren wollen.
Aichinger: Wenn die Mädchen damals auf dem Gymnasium sagten, ich studiere nicht, ich heirate sowieso, war ich empört, wie die sich definieren. Das ist doch furchtbar, dieses Die-Welt-in-Trab-Halten.
Radisch: Sie haben die Welt mit zwei Kindern in Trab gehalten.
Aichinger: Ich hab immer eine große Beziehung zum Nordosten gehabt, den ich nie gesehen habe. Ich wollte nie nach Italien, nach Frankreich. Ostpreußen, das Baltikum, das hat mich wahnsinnig angezogen, die Schweigsamkeit des Nordostens. Wenn ich nicht durch Zufall jemand kennengelernt hätte, der aus dem Nordosten war und sehr schweigsam, jemand, der sich nicht wie alle anderen kritisch geäußert hat oder kaum… Der Nordosten ist mein Schicksal geworden.
Radisch: Neugeborene Kinder strahlen vor Glück und Lebensfreude. Das Erste im Leben ist Glück.
Aichinger: Die müssen älter werden. Und es gibt zu viele. Was geschieht? Im Augenblick ist doch die Karriere das Wichtigste. Keine Karriere machen ist eine Art des Sterbens.
Radisch: Sie haben im Krieg mit Ihrer jüdischen Mutter in einem kleinen Zimmer in Wien notdürftig überlebt. Ihre Großmutter wurde deportiert und kam um. Später schrieben Sie: „Man überlebt nicht alles, was man überlebt.“ Was haben Sie nicht überlebt?
Aichinger: Den Anblick meiner Großmutter im Viehwagen auf der Schwedenbrücke in Wien. Und die Leute um mich herum, die mit einem gewissen Vergnügen zugesehen haben. Ich war sehr jung und hatte die Gewissheit, dass meine Großmutter, die mir der liebste Mensch auf der Welt war, zurückkommt. Dann war der Krieg zu Ende, der Wohlstand brach aus, und die Leute sind an einem vorbeigeschossen. Das war noch schlimmer als der Krieg.
Radisch: Die Zeiten heute sind schrecklicher als damals?
Aichinger: Undeutlicher. Und das macht es schlimmer. Ich liebe Augenblicke der Verdeutlichung. Die sind in Wien so selten, diese Freundlichkeit, dieses Küss-die-Hand, man weiß nie, was dahintersteht.
Radisch: Unfreundlichkeit ist Ihnen lieber?
Aichinger: Ja. Man kennt sich aus.
Radisch: In Ihrem Roman Die größere Hoffnung besteht die größere Hoffnung vor allem darin, dass die Leiden des Menschen nicht vergeblich sind, dass die Opfer belohnt werden.
Aichinger: Diese Hoffnung ist im Krieg immer stärker geworden. Es war wie ein Triumph. Inzwischen bin ich anarchistischer und nihilistischer geworden. Es gibt nur noch eines, woran ich glaube. Das ist die Präsenz der Menschen, manchmal auch der Tiere.
Radisch: Was ist das?
Aichinger: Ich habe einmal ein Gespräch mit einem fremden Menschen abgebrochen und bin weggegangen, weil ich zu müde war. Heinrich Böll war dabei, und ich sagte zu ihm: „Ich habe diesem Herrn nicht gute Nacht gesagt“, und habe ihn gebeten, es für mich zu tun. Und Böll sagte: „Der ist nicht existent, dem muss niemand gute Nacht sagen.“ Existent und nicht existent, das war ein genialer Ausdruck. Dieses Existentsein, ob man schon lebt oder tot ist, ob man schon da war oder nie da war, das ist für mich ein Begriff.
Radisch: Es gibt lebende Menschen, die nicht existent sind?
Aichinger: Die meisten. Aber sie könnten es sein. Es ist natürlich komplizierter, schwieriger, es fordert eine gewisse Askese, existent zu sein. Vor allem eines ist nötig, es zu merken, dass man nicht existent ist. Denn jeder ist bis zu einem gewissen Grad nicht existent. Mit dieser Nichtexistenz zu leben, das ist die einzige Askese, die heute möglich ist.
Radisch: Askese?
Aichinger: Verzicht. Ich habe gelernt, dass die Wünsche das Wichtigste sind. Und dass erfüllte Wünsche ein Unglück sind. Es ist extrem schwierig, ohne unerfüllte Wünsche zu leben.
Radisch: Sehen Sie den Menschen ihre Existenz oder Nichtexistenz auf den ersten Blick an?
Aichinger: Oft.
Radisch: Auch hier im Café Imperial?
Aichinger: Hier besonders. Selbst wenn ich nur den Rücken sehe, die Art zu sprechen oder zuzuhören. Das gibt es heute nicht mehr, heute sprechen immer alle gleichzeitig. Es ist zu Ende.
Radisch: Und die Toten, die Opfer? Die Hoffnung, dass ihre Leiden nicht sinnlos waren, ist verloren?
Aichinger: Sie werden präsent bleiben. Ich glaube an die Präsenz der Lebenden und der Toten. Ich weiß nicht, ob sie wirklich erreichbar sind. Aber ich spüre eine Präsenz. Sophie und Hans Scholl zum Beispiel, dass diese beiden präsent sind, das spüre ich immer. Das gehört zu den wenigen beruhigenden Dingen, die es gibt.
Radisch: Mit der größeren Hoffnung ist etwas Entscheidendes aus der Welt verschwunden. Die jungen Autoren heute schreiben nicht mehr wie Ihre Generation nach der Katastrophe, sie schreiben ohne Katastrophe.
Aichinger: Heute muss man sich zunächst einmal klarmachen, was es für eine Katastrophe ist, ohne Katastrophe zu leben. Dass das Leben, das ich an sich für eine Katastrophe halte, nicht deutlich wird. Man hat das Gefühl, die Umwelt ist undeutlich und man selbst wird undeutlich. Man sieht seinen eigenen Umriss nicht mehr. Auch die Umrisse des Elends sieht man nicht mehr. Sich das klarzumachen ist sehr schwer. Man wird sofort ein Außenseiter. Den Jungen heute – aber man kennt sie ja nicht, es sind ja die Anonymen –, man müsste ihnen sagen, es ist dein Genie, zu bemerken, dass du nichts bist. Die Undeutlichkeit klarzumachen, dazu muss man sehr viel genialer sein, als Zustände eines Weltkrieges klar und deutlich zu machen. Aber die größte Begabung ist doch die, auf der Welt sein zu können. Es auszuhalten, mit einem gewissen Frohsinn.
Radisch: Sie meinen, die größte Begabung ist die, sich nicht umzubringen?
Aichinger: Ja. Zum Sichumbringen gehört wiederum eine gewisse manuelle Begabung. Man denkt sich vor allem, ich habe ein Recht darauf. Es ist kein besonderes Recht, doch wenigstens dieses Recht möchte man haben.
Radisch: Was sollen die jungen Autoren heute machen?
Aichinger: Sich klarmachen, worin die Notwendigkeit liegt. Vor allem, einen anderen Beruf haben. Schreiben ist kein Beruf. Heute nicht mehr. Die Sprache ist zersplittert, das müsste man doch wissen. Robert Musil hat das vollkommen durchschaut. Aber die meisten schreiben rasch chronologisch und unaufmerksam vor sich hin. Sich als Autor allein zu definieren ist heute nicht mehr möglich. Egal, ob man Installateur, Krankenpfleger oder im Büro ist. Das ist noch eine andere Welt, auch wenn sie einen anödet. Wenn mich jemand nach meinem Beruf fragt, sage ich „privat“.
Radisch: Was ist für Sie in der Gegenwart das größte Leid?
Aichinger: Die Verlassenheit der Kranken, der Krebskranken, der Schizophrenen, das Allgemeine Krankenhaus in Wien. Niemand hat Anteilnahme, denn Anteil nehmen heißt ja, sich vorzustellen, ich hab das auch. Die Menschen haben kein Bedürfnis mehr, Erfahrungen zu machen.
Radisch: Was täten Sie, wären Sie heute 28 Jahre alt?
Aichinger: Philosophie studieren und daneben etwas tun, was helfen kann, sei es psychisch oder einfach jemandem zuhören.
Radisch: Warum Philosophie?
Aichinger: Um die Begründung der Existenz zu erfahren.
Radisch: Die Antwort auf die Frage, warum sind wir?
Aichinger: Ja.
Radisch: Wissen Sie das nicht schon längst?
Aichinger: Ich möchte es nachlesen, schwarz auf weiß.
Radisch: Sie haben immer wieder gesagt, dass das Schweigen das ist, worauf alle Worte, die sie schreiben, zulaufen. Dass man sich selber und der Welt am besten Schweigen auferlegen sollte.
Aichinger: Auch wenn man spricht, die Währung müsste gedeckt sein durch Stille. Früher hatte man dieses altmodische Wort Betrachtung, das meint: genau hinschauen und lange hinschauen. Immer durch dieselben Straßen gehen und warten, bis man etwas entdeckt. Ich bin nicht für Abwechslung. Ich reise nicht gerne. Betrachtung ist für mich ein äußerst wichtiges Wort. Zu Beginn mag es langweilig sein, weil man es nicht beherrscht. Später kann man erfahren, dass Geist in der Welt ist. Immer die gleiche kleine Menge.
Radisch: Das Schweigen war auch Teil eines literarischen Protestes Ihrer Generation. Es sollte Misstrauen ausdrücken, dem „bleichen Bürger“ die Klischees aus dem Maul reißen, sollte aufklären, aufrütteln. Es war eine ästhetische Revolte, die es nicht nur in Deutschland gab. Während Sie an Ihrem Text „Aufruf zum Misstrauen“ schrieben, veröffentlichte Nathalie Sarraute in Paris ihre Aufsatzsammlung Zeitalter des Misstrauens. Man war überfüttert mit Worten und Zusammenhängen und reagierte darauf, mit Schweigen, mit der Negation jedes Zusammenhangs. Heute leidet der Autor eher an Unterernährung. Er sieht nirgends Zusammenhänge.
Aichinger: Das Leiden dieser Zeit ist die Zusammenhanglosigkeit, auch der Familien. Man merkt es auch an den Bauten. Es ist eine schwache Zeit. Aber man kann nicht einfach drauflosschreiben und künstlich Zusammenhänge herstellen. Die Möglichkeit, im Zusammenhang zu schreiben, kommt sicher wieder. Im Augenblick kann man nur genau begreifen, dass keine Zusammenhänge da sind und dass alles von jedem Einzelnen abhängt, von der Zuwendung jedes Einzelnen zu fremden Schicksalen – das klingt jetzt etwas wie eine Heilsbotschaft.
Radisch: Wenn Sie heute zu schreiben anfingen, wie würden Sie schreiben?
Aichinger: Berichte schreiben, nichts Erfundenes. Genau sein. Kleine Dinge beobachten, Details. Punkte. Das Schreiben müsste punktueller sein. Ich wäre froh, wenn ich etwas schreiben könnte, das deutlich macht, dass diese Welt hilfsbedürftig ist.
Radisch: Keine Revolution der Sprache?
Aichinger: Das ist sehr schwer. Man ertappt sich oft selbst dabei, Banalitäten zu sagen. Es ist schon falsch, zu jemandem zu sagen: „Wie geht es Ihnen“, wenn man es nicht wirklich wissen will. Und wer will wirklich wissen, wie es dem anderen genau geht? Und wer will wirklich sagen, wie es ihm genau geht, oder wer kann es? Da sind die Engländer exakter, indem sie auf „How do you do?“ dasselbe antworten.
Radisch: Kein Engagement der Dichtung?
Aichinger: Es gibt ganz dringende Dinge, die man tun muss. Und das ist nicht zuerst das Schreiben.
Radisch: Das wäre doch die Hölle, ins Leben eingesperrt zu sein, ohne gute Bücher.
Aichinger: Ich brauche sie auch. Ich lese immer wieder Joseph Conrad. Obwohl mich weder die Gegenden noch die Handlungen seiner Romane im Geringsten interessieren. Aber es ist für mich eine solche Faszination, dass da kein einziger unnützer Satz steht. Bei den Neueren ist es Josef Winkler. Es ist eine unglaubliche, fast fanatische Genauigkeit in seinem Werk.
Radisch: Die Nachkriegsbücher sind in gewisser Weise wirklich in literarischen Ruinen geschrieben worden. Was Sie, was Günter Eich, Ingeborg Bachmann oder Wolfgang Koeppen geschrieben haben, hatte es in deutscher Sprache noch nie gegeben. Nun sind beinahe alle Autoren dieser Generation gestorben. Sehen Sie irgendwo Enkel? Jemand, der diese Literatur weiterschreibt?
Aichinger: Vielleicht gibt es irgendwo im Verborgenen Existenzen, die es nicht wagen, die gar nicht bedenken, dass sie es eigentlich könnten.
Radisch: Der literarische Raum, in dem Sie aufgewachsen sind, ist weg. Galizien als Schreibland, als Kulturland ist Geschichte.
Aichinger: Beim Überfall Hitlers hat mich eine wahnsinnige Traurigkeit ergriffen, weil ich das Gefühl hatte, es gibt Österreich nicht mehr. Da war ich ja doch zu Hause, nicht in dem Staat, in dem Land, sondern, beinahe hätte ich gesagt, in der Befindlichkeit, doch das ist ein schlechtes Wort. In dem geistigen Raum.
Radisch: Und der ist nicht der alpenländische, katholische Darkroom von Elfriede Jelinek?
Aichinger: Sie will mehr verändern. Und glaubt daran. Sie ist auch jünger. Und sie hat recht. Ich glaube, dass Elfriede Jelinek bereit ist, für das einzustehen, was sie schreibt.
Radisch: Elfriede Jelinek, aber auch Ingeborg Bachmann schreibt über das Frausein, über die Wunde Frau.
Aichinger: Ach, die Bachmann! Das ist so feminin, so ungeheuer ergeben. Sie kommt überhaupt nicht auf die Idee, dass es auch biologische Revolte, Anarchie gibt.
Radisch: Sie haben nie über die Leiden des Frauenlebens geschrieben.
Aichinger: Aber ich habe immer empfunden, dass Frauen benachteiligt sind von der Natur.
Radisch: Warum?
Aichinger: Weil sie Kinder bekommen zum Beispiel.
Radisch: Das könnte man auch als Vorteil betrachten.
Aichinger: Ich finde, dass die Geburtswehen kein Vorteil sind. Das ist biologisch ganz ungerecht. Wieso haben die Männer keine Schmerzen? Selbst die Kühe werden ununterbrochen gequält mit diesen mechanischen Maschinen, die Ochsen nicht. Es könnte alles ganz anders sein. Und alle nehmen es hin, als wär es die einzige Möglichkeit. Ich hatte diese biologische Anarchie schon als Kind. Ich wollte nie ein Frauenleben führen, allerdings als die Kinder dann da waren, war ich glücklich mit ihnen.
Radisch: Sie waren 19 Jahre mit Günter Eich verheiratet und sind jetzt 24 Jahre allein. Fühlen Sie sich unvollständig?
Aichinger: Nein. Mein Mann gehört zu diesen Präsenzen, die nicht weggehen.
Radisch: Gibt es das: den einen Menschen, der der einzig richtige ist und kein anderer?
Aichinger: Ich hätte keinesfalls jemand anderen geheiratet, nur um zu heiraten. Es war eigentlich eine Gegenaktion gegen mich selbst. Und ich habe es mir auch immer eine Spur übel genommen. Aber ich habe es nicht bereut.
Radisch: „Die äußerste Liebe ist die äußerste Einsamkeit“, haben Sie geschrieben. War das so?
Aichinger: So fremd wie das, was man liebt, kann das Ungeliebte nie werden. Es muss extrem sein, sonst ist es banal.
Radisch: Sie werden jetzt 75 Jahre alt. Was sind die wichtigsten Erinnerungen, die Ihnen aus diesem langen Leben geblieben sind?
Aichinger: Es gibt Punkte, die da sind, viel mehr als die Gegenwart. Der Geruch von Weihrauch, gemischt mit Seifenlauge, mit der man die Steinböden in meiner Klosterschule aufgewischt hat. Den rieche ich, obwohl er nirgends mehr ist. Dann dieser Rauchgeruch, dieser Slumgeruch in England. Oder der Geruch von Baldriantropfen in alten Wohnungen. Und gewisse Nebeltage, wenn der Nebel so dicht wird, dass man den Blinden nachgehen muss, denn die gehen richtig.
Radisch: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Aichinger: Dass meine Zukunft nicht mehr zu lange dauert.
Aus Iris Radisch: Die letzten Dinge. Lebensendgespräche. Rowohlt Verlag, 2015
„Um elf Uhr bin ich immer hier“
– Ilse Aichinger fehlt. Umso schöner, dass der Fotograf Sepp Dreissinger dieses im Jahr 2006 mit der verstorbenen Lyrikerin geführte Gespräch nun wieder gefunden hat. Eine Diskussion über das Verschwinden in Kaffeehäusern – und Thomas Bernhard. –
Der österreichische Fotograf Sepp Dreissinger hat viele große Künstler und Schriftsteller seines Landes in hinreißenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen porträtiert, darunter Thomas Bernhard, Peter Handke und Elfriede Jelinek. Bisweilen schlüpfte Dreissinger auch in die Rolle des Fragenstellers. Im kommenden Jahr wird Dreissinger 80 Jahre alt. Aus diesem Anlass plant er ein Buch mit einer Auswahl seiner Interviews. Für die SZ hat er in seinem Archiv gekramt und das Gespräch mit Ilse Aichinger aus dem Jahre 2006 ausgewählt. Die große Lyrikerin starb vor fast neun Jahren. Nicht wenige seiner Porträts hat Dreissinger in Wiener Kaffeehäusern aufgenommen. Es verwundert nicht, dass der Schauplatz dieses Interviews, das er vor fast 20 Jahren geführt hat, das Café Demel in Wien war.
Sepp Dreissinger: Das Café Demel ist Ihr Lieblingskaffeehaus?
Ilse Aichinger: Ich liebe das Café Demel. Um elf Uhr bin ich immer hier. Das ist eine luxuriöse Liebhaberei. Ich wohne um die Ecke und brauche immer dringend einen starken Kaffee. Ich trinke bis zu fünf Tassen. Das Gute beim Demel ist: Es hat jeden Tag pünktlich ab 10 Uhr offen, und da gibt es keinen Unterschied. Am Sonntag ist das genauso, da ist dann von 10 Uhr bis 19 Uhr offen. Der Grund dafür warum ich ins Kaffeehaus gehe, ist derselbe, warum ich ins Kino gehe. Das Kino ist für mich noch lebenswichtiger als das Kaffeehaus, aber mit dem Café Demel ist das ganz ähnlich. Das Kino ist für mich der Versuch, zum Teil der Existenz zu entgehen, zu verschwinden. Im Saal wird es finster. Im Demel wird es zwar nicht finster, aber verschwunden ist man auch hier. Man ist weg von zu Hause, man ist anonym. Es ist ein sehr kostspieliger Versuch zur Anonymität. Zum Glück geht das im Augenblick, weil ich sonst nur die Kinoleidenschaft habe. Am Nachmittag bin ich immer im Filmmuseum. Ich nenne das Zeitverwüstung. Da sind immer fünf bis sechs Stunden weg. Ich habe das Geld, und meistens gehe ich dann zu zwei oder drei Filmenvorführungen und komme dann erst gegen Mitternacht aus dem Kino heraus. Da hat das Demel schon lange zu.
Dreissinger: Warum wollen Sie verschwinden?
Aichinger: Es geht nicht um meine spezielle Existenz. Ich hatte schon als Kind das Gefühl, dass man mich hätte fragen können. Ich hätte es abgelehnt, weil ich mich einfach nicht für meine Existenz interessiere! Nicht, weil ich eine besonders schlechte habe, aber ich finde die Existenz überhaupt als eine absolute Zumutung. Man wird nicht gefragt. Wenn einem selbst nichts geschieht, sieht man nach links und rechts, darauf, was ununterbrochen um. einen herum geschieht. Früher dachte ich immer, man müsse einen Beruf haben, in dem man helfen könne. Ich habe Medizin studiert, aber ich war viel zu ungeschickt in der Anatomie. Und dann wollte ich eigentlich nur mir selber erklären, was über die Jahre passiert ist. Nicht, um das zu veröffentlichen. Aber so hat das begonnen.
Dreissinger: Sind Sie eine geborene Wienerin?
Aichinger: Mein Vater war Oberösterreicher. Er war in Linz Schullehrer. Ich wurde aber schon in Wien geboren. Meine Eltern waren sofort geschieden, das war rasch auseinander und wir sind nach Wien zurück. Das alte Linz war schön. Jetzt ist es eine grauenhafte Stadt. Damals war es anders. Linz reimt sich auf Provinz! Es ist fürchterlich. Kennen Sie dieses Gedicht, das kann ich zufällig auswendig: „O Pöstlingberg, du Landeshort, Du Perle der Provinz, Du Segensquell und Gnadenort, Akropolis von Linz!“ Das ist von einem Freiherr von Gilm. Mein Vater hatte solche Vorlieben. Er kam kaum zum Lesen, weil er immer Bücher kaufte. Er ist in jedem Kaffeehaus jede Zigarette schuldig geblieben, den Kaffee sowieso.
Dreissinger: Haben Sie noch Kontakt zu österreichischen Schriftstellern?
Aichinger: Eigentlich kaum. Ich sehe Elfriede Jelinek manchmal im Café Korb. Natürlich rede ich dann mit ihr. Ich habe sie gern, und sie schreibt fabelhaft. Es gibt ja so berühmte Leute, wie Donna Leon oder Barbara Vine, die fahren quer durch Europa und verdienen so viel Geld mit Krimis. Die Bücher werden zum Teil verfilmt, und da kommt dann sehr viel Geld herein, aber auch durch das Theater! Ich habe im Burgtheater ein Stück von Jelinek gesehen, was war großartig inszeniert.
Dreissinger: Hatten Sie Kontakt zu Thomas Bernhard?
Aichinger: Einmal sind wir mit dem Auto nach Ohlsdorf gefahren: zwei Mütter, zwei kleine Kinder, die Chauffeurin und ich. Die Kinder waren damals noch kleiner, und mein Sohn hat Thomas Bernhard angebetet. In Ohlsdorf haben wir ihn getroffen. Als wir kamen, war er sehr nett und gut aufgelegt; Er hat uns Most und alles Mögliche angeboten. Die Chauffeurin konnte nichts mit ihm anfangen. Sie hatte keine Zeile von Bernhard gelesen. Das hat ihm aber gefallen.
Dreissinger: Über Literatur sollte man mit ihm ja auch nicht reden…
Aichinger: Ja, das wollte er nicht! Er hatte auch seine Komplexe und litt unter dem Gedanken der Konkurrenz – wie bei Heimito von Doderer, weil er befürchtete, dass Doderer den Literaturnobelpreis bekommen könnte. Thomas Bernhard ist aber der größte österreichische Schriftsteller seiner Zeit. Er hat trotz seiner Tuberkulose so viel geschafft. Jedes Jahr ein Theaterstück und einen Roman, und es war nichts Schlechtes dabei. Es ist unglaublich.
Dreissinger: Ich war von seiner Autobiografie fasziniert!
Aichinger: Das kommt wohl von seiner fürchterlichen Kindheit. Seine Mutter war wirklich entsetzlich. Ich kenne zwar nur Bilder von ihr, aber ich weiß, dass sie ihn schon in Holland weggeben wollte und dafür alles tat. Es ist ihr Gott sei Dank nicht geglückt. Er hat viel überstanden. Die Mutter steckte ihn in ein Internat, in so eine Nazi-Erziehungsanstalt. Seitdem hatte er eine gespaltene Beziehung zu Salzburg. Andererseits hatte er durch diese Erfahrungen genug Stoff zum Schreiben. Thomas Bernhard starb in Gmunden. Wir waren einmal dort, als er schon im Bett lag und nicht mehr aufstehen konnte. Er trommelte immer noch mit den Fingern auf die Bettdecke wie auf eine Schreibmaschine. Bis zum letzten Augenblick. Er starb, glaube ich, nicht auf dem Bauernhof. Seine Bauernhöfe waren eher nur Monumente. Aber man muss sie schon gesehen haben! Sie sind wunderschön. Er hat sie selbst restauriert, hat aber dort nur wenig gewohnt. Er richtete ein Gästezimmer ein, in dem niemand hätte schlafen können. Thomas Bernhard wollte keine Gäste. Fernsehteams hat er einfach bei der Tür hinausgeworfen. Er stellte ganz kurze Betten in das Gästezimmer, und es war sehr eng. Hätte er Gäste gehabt, wäre auf jeden Fall einer aus dem Bett geplumpst.
Dreissinger: Sie haben ja auch den Onkel von Ringo Starr von den Beatles in Liverpool und Bob Dylan wegen eines Autogramms für Ihren Sohn Clemens aufgesucht!
Aichinger: Ich bin einmal nach England gefahren und mein Sohn sagte mir, ich solle mich mit den Beatles treffen. Ich habe gesagt: Ich setze mich sicher nicht mit den Beatles zusammen, ich bin ja nicht verrückt! Es war aber sehr nett beim Onkel von Ringo Starr in der Küche. Wir haben Tee getrunken. Er hat ständig Österreich mit Australien verwechselt. Und Bob Dylan wollte mein kleiner Sohn auch unbedingt kennenlernen. Da bin ich wirklich in die USA und zu seiner Wohnung und habe geläutet. Eine junge Frau kam heraus, und ich habe sie um ein Autogramm von Bob Dylan für meinen Sohn gebeten. Daraufhin kam Bob Dylan heraus und gab mir wirklich das Autogramm.
Dreissinger: Haben Sie auch Bruno Ganz getroffen?
Aichinger: Bruno Ganz habe ich sehr gern. Das ist auch ein Genie. Er fällt immer vom Dach, bricht sich aber nicht alles, sondern nur die Hälfte.
Dreissinger: Adolf Hitler hätte er aber nicht spielen sollen…
Aichinger: Ja, das war ein schlechter Film. Der Untergang erzählt nicht viel über das Phänomen dieses Menschen. Wenn Bruno Ganz den Hitler spielt, ist das nur ein freundlicher älterer Herr, und das war er nicht. Außerdem hieß er anders. Sein Großvater erfand den Namen „Hitler“. Er hieß eigentlich Schicklgruber, das zu rufen, wäre sicher schwerer gewesen: Heil Schicklgruber!
Dreissinger: … so wie Oskar Werner eigentlich Oskar Josef Bschließmayer hieß?
Aichinger: Oskar Werner war ein wunderbarer Schauspieler. Er hat sich auch zu Tode getrunken. Wie alle! Hemingway stammte auch aus einer Selbstmörderfamilie. Sein Vater hat sich schon umgebracht, die ganze Familie hat sich umgebracht. Es stimmt also doch, dass das genetisch bedingt ist. Die Stunde schlägt von Ernest Hemingway ist wunderbar. Seine Werke lassen sich auch sehr gut verfilmen.
Dreissinger: Mit Gert Jonke haben Sie sich auch öfters in einem Kaffeehaus unterhalten?
Aichinger: Gert Jonke schimpfte einmal sehr komisch über den Apostel Paulus. Das muss man lesen! Er hat auch unlängst über Haydn und dessen Schwiegermutter geschimpft und meinte, dass Haydn die Falsche geheiratet hätte. Er fing plötzlich damit an und sprach drei Stunden lang über Haydn und die Schwiegermutter! Vorher war davon überhaupt keine Rede. Wenn jemand unbedingt reden will, sind das Thema und der Zuhörer völlig gleichgültig. Der Zuhörer ist dann wie eine Wand. Gert Jonke war völlig wütend und hat eineinhalb Stunden über Haydn erzählt. Wenn er so aufgeregt ist, würde er auch mit der Queen nicht anders reden.
Dreissinger: Letzte Woche habe ich mit ihm im Café Engländer über Beethoven diskutiert.
Aichinger: Ja, solche Themen hat er. Man muss ihm immer einen Knochen geben, auf dem er herumbeißen kann.
Dreissinger: Sie beobachten die Leute gerne genau!
Aichinger: Ja, das mache ich gerne. Auch hier im Kaffeehaus. Besonders gerne beobachte ich ahnungslose Leute, die gerade hereinkommen und vom Subtext noch nichts wissen. Das ist ein schwieriges Wort. Ich selbst habe, glaube ich, keinen Subtext.
Dreissinger: Sie sind eine passionierte Kinogeherin und schauen sich dieselben Filme auch öfter an?
Aichinger: Ja, das ist so meine Theorie: Je öfter, desto besser. Bis zu vierzehn, sechzehn Mal gehe ich in denselben Film. Da weiß ich schon, dass ich nie enttäuscht werde; höchstens gelangweilt. Ich gehe jeden Sonntag in den Film Der dritte Mann im Burgkino. Meine Schwester hatte da eine kleine Rolle, als sie jung war. Das ist ein sehr guter Film. Es wird immer versucht ihn nachzumachen, aber das geht nicht ohne Orson Welles.
Dreissinger: Waren Sie selbst schon einmal unten in den Kanälen?
Aichinger: Nein, ich habe das selbst nie versucht.
Dreissinger: Ich hatte vor Kurzem einen Albtraum von Ratten…
Aichinger: Vor Ratten hat man auch solche Angst! Man spricht ja in Bezug auf Ratten von der „verunglückten Schöpfung“. Das stimmt nicht. Ratten kommen ja auch so auf die Welt. Früher haben sie die Pest übertragen, heute würden sie andere Sachen übertragen.
Dreissinger: Die Pest wäre heute wahrscheinlich gar nicht mehr so gefährlich wie früher!
Aichinger: Das glaube ich auch. Was früher die Pest war, sind jetzt andere Krankheiten. Schizophrenie zum Beispiel. Das ist auch genetisch veranlagt. Wer war denn schizophren von den Berühmtheiten?
Dreissinger: Van Gogh?
Aichinger: Van Gogh bestimmt, ja. Und den Schweizer Robert Walser haben sie auch von einer psychiatrischen Anstalt in die nächste gebracht. Er war ein ganz Großartiger! Die schweizerischen Psychiatrien sind aber wahrscheinlich auch nicht besser als die anderen.
Dreissinger: In welchem Café treffen wir uns für den nächsten Fototermin?
Aichinger: Treffen wir uns doch wieder hier im Café Demel. Das Café Sperl ist auch sehr schön. Mein Sohn Clemens hat dort zuletzt in der Nähe vom Sperl in der Girardigasse gewohnt. Dort gibt es auch eine Rotlichtseite, er hat aber auf der anderen Seite gewohnt. Die Wohnung war wunderschön. Wie bei Der dritte Mann, mit fünf Stufen und Klo am Gang. Er war sehr glücklich dort. Er ist in Wien gestorben. Bis heute weiß ich nicht, wieso. Er hat noch angerufen und meinte, es sei ihm so schlecht. Dann wollte er zu seinen Schwiegereltern, zu den Eltern seiner Frau, fahren. Bei der U-Bahn-Station Kettenbrückengasse ist er gestürzt. Er flog genau auf den Hinterkopf. Meine Ärztin meinte, ich solle froh sein, er habe nicht einmal noch denken können, dass es zu Ende sei. Die Wunde war so schrecklich, er hätte nicht mehr gehen und sprechen können. Das war ein ganz plötzlicher Tod. Und es war zu früh. Er hatte noch einige Wünsche offen. Clemens saß oft im Café Sperl, und nachdem er schon gestorben war, saß Robert Menasse dort und weinte. Er hat wirklich geweint. Wie ein Kind. Ich kannte ihn gar nicht näher, aber es hat mich so berührt, dass er im Sperl sitzt und weint! Eine Freundin ist gekommen und hat ihn gefragt, weshalb er weint. Er hat wortlos ein Bild von Clemens hervorgezogen.
Süddeutsche Zeitung, 24.10.2025
Vertraute Ferne
– Ilse Aichinger und Günter Eich. –
Ilse Aichinger: eine Dichterin, die die Wörter in die Lautlosigkeit zurückführen, die Sprache aus dem Geschwätz befreien will und die Aufgabe des Schreibens darin sieht, „Stummheit immer wieder in Schweigen zu übersetzen“:
Das heißt in diesem Zeitalter, in dem alles erzählt und nichts angehört wird, alles auf den Kopf stellen.
Und das tut sie, mit radikaler Ablehnung des Selbstverständlichen, Hohn für jede Anpassung und, gegen alle Vernunft und Machbarkeit, mit wütendem „Nichtmehreinverstandensein“ – doch dies ist ein Begriff von Günter Eich, den er prägte, als er sich, bereits gezeichnet von seiner tödlichen Krankheit, den Luxus des Protests gegen „das Establishment der Schöpfung“ leistete. Der Mann, den Ilse Aichinger heute als „gelassen, abwartend, geduldig“ und als „sehr still“ bezeichnet, der von sich selbst behauptete: „Ich bin ohne jedes kritische Vermögen“, trat an zum Kampf gegen „Vater Staat“ und „Mutter Natur“ (zugleich gegen den aggressiven Unwillen fast der gesamten Literaturkritik), um das Einverständnis mit dem Unabänderlichen aufzukündigen.
Zwanzig Jahre nach seinem Tod hat Ilse Aichinger nichts von der ihnen beiden gemeinsamen Unerbittlichkeit aufgegeben, im Gegenteil, ihr künstlerisches Werk immer rücksichtsloser der Poetologie der Verweigerung verpflichtet. In seiner Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises (1959) nennt Eich als Verbündete alle, „die sich nicht einordnen lassen, die Einzelgänger und Außenseiter, die Ketzer in Politik und Religion, die Unzufriedenen, die Unweisen, die Kämpfer auf verlorenem Posten, die Narren, die Untüchtigen, die glücklosen Träumer, die Schwärmer, die Störenfriede, alle, die das Elend der Welt nicht vergessen können, wenn sie glücklich sind“. Seine Frau ist mit ihm verbündet geblieben. Noch immer und erst recht lehnt sie es ab, „die Dinge einfach so zu nehmen, wie sie sind“. Also zeigt sie Schwächen auf, auch „die Schwächen der Schöpfung“, und sagt:
Ich schreibe gegen das Konsumieren des Lebens.
Sie weiß sich zu wehren. Als sie vor einer ihrer Lesungen (München, 1993) von einer ausgewiesenen Kennerin ihrer Dichtung überschwenglich gepriesen wird, setzt sie beharrliche Skepsis dagegen: die Schultern hochgezogen, das Kinn wie trotzig vorgereckt, starrt sie auf die Tischplatte vor sich. Wenn sie zu lesen beginnt, ist alle Verbindlichkeit sowieso weggefegt. Die widerborstigen Texte behaupten ihre Schärfe, ihren Spott gegen den fast unbeteiligten Tonfall des Vortrags: die „Rede unter dem Galgen“, „Schlechte Wörter“, Gedichte. Nach anhaltendem Beifall steht niemand auf, niemand will gehen. Das scheint Ilse Aichinger zu überraschen, sie entschließt sich, noch etwas zu lesen, nennt einen Titel, schaut fragend zu einem jungen Mann in der ersten Reihe der Zuhörer, der zustimmend nickt und ihr den Text reicht, als sie ihn unter den geordneten Büchern vor ihr nicht sofort findet. Seine Anwesenheit gibt ihr offenbar Sicherheit. Sie signiert Bücher, beantwortet Fragen, die ihr dabei gestellt werden. Freundlich, unangestrengt.
Fernsehporträts der letzten Jahre zeigen sie anders. Trotz ihrer höflichen Bereitschaft, Auskunft zu geben, erscheinen die Interviewer zudringlich, als preschten sie vor in einen hermetisch geschützten Innenraum. Aus Aichingers stockender Diktion, den langen, nachdenklichen Pausen vor jedem Satz, aus ihren wie abwehrenden Gesten spricht ihre Verantwortung für das, was sie schließlich sagt. Sie holt den Gesprächspartner und den Zuschauer vor dem Bildschirm in einen Sog der Stille. Nur Genauigkeit zählt – wozu wäre Sprechen sonst gut? „Jeder Satz, den man schreibt, muß durch ungeheuer viel ungeschriebene Sätze gedeckt sein, weil er sonst gar nicht dasteht“ – dasselbe gilt für das Reden.
In dem Filmfeature Die Vögel beginnen zu singen, wenn es noch finster ist, 1986 in Wien gedreht, folgt ihr die Kamera aus großer Distanz, wenn sie den Platz vor dem Altenheim, in dem sie damals gewohnt hat, überquert: eine kleine gebückte Gestalt, irgendwie verloren, sehr scheu. Besuche empfängt sie nur im Café, wird gesagt und auch gezeigt.
Dr. Richard Reichensperger, der junge Herausgeber ihres Gesamtwerks, der sie zu allen Lesungen begleitet und die Verabredungen für sie trifft, nennt eine Privatadresse für das erbetene Interview. Ilse Aichinger lebt mit ihm zusammen in einem schönen alten Haus in der Wiener Innenstadt, Rückgebäude mit verglasten „Pawlatschen“. Die große Wohnung mit den hohen Räumen ist beinahe leer. Asketische Ästhetik, Verzicht auf jedweden Firlefanz. Die mitgebrachten Rosen werden zwar versorgt, aber keines weiteren Blickes gewürdigt. Sie mag keine Blumen („Die Vortäuschung von Lieblichkeit im Verhältnis zur Natur liegt mir nicht“). Aufrecht, ohne Rückenlehne sitzt sie, ohne Gemütlichkeit. Sie ist siebzig. Gefragt nach regelmäßigen Arbeitszeiten, sagt sie:
Ich habe vor allem regelmäßige Nichtarbeitszeiten, oft Monate, Jahre dazwischen.
Das Leben mit ihrem Mann Günter Eich beschreibt sie als gänzlich ausgerichtet auf die beiden Kinder, besonders in den ersten Jahren ihrer Ehe. Weil die Kinder „durch sein Arbeitszimmer tobten“, ist er in den Keller gezogen, um zu schreiben. Sie braucht keine Stille zum Arbeiten, „weil ich mich selber so störe, daß mich nichts Äußeres stört, im Gegenteil, die Kinder hätten mir gefehlt“. Günter Eich hatte einmal in einem Gespräch mit Schülern erklärt, er sei „wütend“ über die von der Natur vorgesehene Benachteiligung der Frauen:
Sie haben die Ehre, Kinder zu kriegen, neun Monate daran zu tragen, während der Mann vergnügt herumhupft.
Soviel er konnte, hat er seiner Frau also abgenommen, „er war auch viel geschickter, konnte besser kochen, ich kann überhaupt nicht kochen, er konnte alles besser, auch mit den Kindern“. Auch sie empört sich noch heute über die Ungerechtigkeit nicht nur „der gesellschaftlichen, sondern auch biologischen Teilung“.
In Eichs Vita sind weite Reisen verzeichnet, oft Veranstaltungen der Goethe-Institute – auf den Balkan und in den Nahen Osten, nach Indien, Thailand, Japan, Kanada, in die USA, den Senegal, aber nur eine gemeinsame Reise mit Ilse Aichinger. Das war Programm. Sie hatten beschlossen, die Kinder nie ohne beide Eltern zu lassen. Daher reisten sie getrennt, manchmal hatten sie „einander die Tür in die Hand gegeben“. So fanden es beide in Ordnung. Eine symbiotische Beziehung war das nicht. Jeder wollte dem andern „viel Raum lassen“.
Getroffen hatten sie einander auf einer Tagung der Gruppe 47. Da kannte sie noch keinen einzigen Satz seiner Texte, obwohl er damals, 1952, längst berühmt war, und er war nach ihrer ersten Lesung verblüfft:
Ich hab gedacht, daß Sie ganz anders schreiben.
Im nächsten Jahr heirateten sie. Selbstverständlich blieb jeder bei seinem Verlag. Es gab keine öffentlichen Auftritte als Paar, keine gemeinsamen Projekte (ein Hörspiel wurde gemeinsam geschrieben, in Portugal; aber nur, weil Eich krank geworden war und der Abgabetermin eingehalten werden mußte, übernahm sie die noch fehlenden Szenen). Sie tummelten sich nicht im Literaturbetrieb, sind „immer von einem unmöglichen, abgelegenen Ort zu einem andern gezogen“, Breitbrunn, Lenggries in Oberbayern, Großgmain bei Salzburg sind solche Lebensstationen.
Im Zusammenleben schreibender Paare sind Kinder selten. Die vielen Kinder von Bettine und Achim von Arnim wurden in den Jahren großgezogen, in denen Bettine noch nicht und Achim fast nicht mehr schrieb. Die Fitzgeralds hatten eine Tochter, die offenbar unbeschadet durch das familiäre Chaos purzelte, die beiden Kinder von Sylvia Plath und Ted Hughes gehörten zum Konzept der vollkommenen Liebe und des perfekten Paares, trugen also in aller Unschuld zum Scheitern der Beziehung bei – mehr Ausnahmen gibt es nicht. Für Ilse Aichinger ist die Kindheit „der Höhepunkt der Existenz“.
Wahrscheinlich tauchen deshalb bei mir so viele Kinder auf: weil es ohne sie unerträglich wäre.
So gehören Kinder ganz selbstverständlich in ihr Leben, und sie kann nicht sehen, was daran Besonderes sein soll. Beide Eltern wären nie auf die Idee gekommen, den Kindern eigene Texte vorzulesen. „Unsere Texte sind mit den Kindern aufgewachsen“ – das ist ihre Version. Der Sohn Clemens, 1954 geboren, ist Schriftsteller geworden, hat mit Lyrik debütiert. Er lehnt es in so großer Erregung ab, sich über seine Kindheit, seine Eltern und deren möglichen Einfluß auf sein Schreiben zu äußern, daß sich die Vermutung aufdrängt, das leidige Konkurrenzproblem, von dem Aichinger und Eich verschont geblieben sind, habe hier einen Generationensprung getan. Günter Eich meinte unbefangen:
Ich empfinde eine starke Verwandtschaft zwischen ihrer Art zu schreiben und meiner, finde ihre literarische Bedeutung größer.
Sie betont eher die Unähnlichkeit, aber:
Wir haben beide gewußt, was schreiben heißt.
Trotz der tief verankerten Zusammengehörigkeit reagieren beide zurückhaltend auf die Frage nach der gegenseitigen Beeinflussung. Eich antwortet anekdotisch (1970), erklärt, seiner Frau einen Titel (Wo ich wohne) „gestohlen“ zu haben, und erzählt, daß der Sammelbegriff für seine letzten Prosastücke Maulwürfe von ihr stammt. Am Anfang der Ehe hat sie die kurze Prosa, an der sie damals arbeitete, Maulwürfe genannt.
Dieses Wort habe ich übernommen.
Sie sieht den Einfluß aufeinander weniger im Schreiben als persönlich, „aber aus der Person ergibt sich ja dann auch wieder das Schreiben, eine gewisse Beeinflussung entsteht durch das Zusammenleben, auch wenn man noch so sehr man selbst zu sein versucht, und das auch manchmal gelingt“.
Eich ist 1907 in Lebus an der Oder geboren, „in verschiedenen Einöden, Dörfern und Städten des Landes Brandenburg wuchs ich auf“. 1918 kam er nach Berlin, ging wenig später nach Leipzig, wo er das Abitur ablegte. Er studierte Sinologie in Berlin und Paris und stellte im Rückblick fest, er empfinde eine gewisse Verwandtschaft zwischen einem Gedicht und einem chinesischen Schriftzeichen, und zwar in der „äußersten Komprimierung“. Etwa 1929 entschied er sich fürs Schreiben:
Ich taugte wohl doch bloß zum Schriftsteller.
Er entdeckte den Hörfunk als ihm gemäßes Medium und lebte von Auftragsarbeiten für den Funk, mehr als 150 Sendungen sind bis 1940 nachgewiesen. Den Hauptanteil machen die Monatsbilder vom Königswusterhäuser Landboten aus. 1933 schreibt Eich in einem Brief:
Dieser Landbote ist eine erfreuliche Erscheinung älteren Jahrgangs, der viele Bauernregeln im Munde führt und gar nützliche Hausmittel mitzuteilen weiß.
Er legt sich einen Raben zu und versucht vergeblich, ihm das Sprechen beizubringen.
Er wird es nur zu einigen kurzen Worten bringen: „Mist! Ausblenden! Honorar erhöhen!“ Diese dichterisch wertvolle Aussage wird er zum Schluß jeder Sendung wiederholen.
In den letzten Jahren ist Eich vorgeworfen worden, mit dem Nationalsozialismus kooperiert zu haben. Nun, Eich hat sein Geld verdient als Rundfunkautor (bis ins erste Kriegsjahr), etwas anderes hatte er nicht gelernt. Er hat ein Haus gekauft, unter dessen Abzahlung er stöhnte, eine mehr als schwierige Ehe geführt mit einer Frau, die Morphinistin war und zu Selbstmordversuchen neigte, und er zählte sicher nicht zum Widerstand. 1930 gefiel er sich mit der schnoddrigen Bemerkung, er habe „nicht das Geringste auszusagen“ und Verantwortung nur sich selbst gegenüber. Daraus leite er das Recht ab, sich nicht einzumischen, und entzog sich dem Zugriff der Diktatur. Während der Zeit des Dritten Reichs hat er überlebt, das ist alles. Nach dem Krieg lehnte er es ab, sich zur inneren Emigration rechnen zu lassen:
Ich habe dem Nationalsozialismus keinen aktiven Widerstand entgegengesetzt. Jetzt so zu tun als ob, liegt mir nicht.
Ilse Aichinger, geboren 1921 in Wien, Tochter eines Lehrers und einer jüdischen Ärztin, verlor Verwandte in den KZs – besonders den Tod der geliebten Großmutter hat sie nie verwunden – und durfte wegen der Rassengesetze nicht Medizin studieren. Sie fand nichts Anrüchiges in der Vergangenheit des Mannes, den sie heiratete, und rigider und stolzer als sie ist wohl kaum jemand denkbar. Die Vorwürfe gegen ihren Mann interessieren sie nicht – sie kannte ihn.
Die Lebensgemeinschaft habe beide kritischer gemacht, sagt sie, etwa ihren Blick für das „Architektonische“ geschärft. Der entschiedene Verzicht auf Autobiografisches fällt auf, auch die Verstärkung der Abstraktion, des Paradoxen. Gedichten und vor allem Hörspielen widmete sie sich mehr als vor ihrer Ehe, lag doch der Schwerpunkt im Werk Eichs auf dieser Kunstgattung, der man sich heute nur unangemessen nähern kann, nämlich übers Lesen. Im literarischen Bewußtsein der Öffentlichkeit spielt das Hörspiel keine Rolle mehr. Schon 1967 klagte Eich:
Ich persönlich bemerke, daß die Resonanz immer geringer wird beim Hörspiel. (…) Und das ist ein bissel deprimierend, wenn man sich mit einem Massenmedium beschäftigt und eigentlich das Gefühl hat, daß man niemanden mehr erreicht.
Aber Ilse Aichinger vermutet heute, daß die Zeit für Hörspiele wiederkommen werde, denn die Menschen „sind so überflutet und weggeschwemmt von sich selbst“, daß die Strenge dieser Kunstform, der Lyrik viel ähnlicher als dem Drama, zur Chance für Selbstbesinnung werden könne.
Günter Eich hat ausdrücklich über die Veränderungen in seiner Auffassung von der Funktion des Schreibens und vom Wert seines Schaffens gesprochen, von seinen mehr als 28 Hörspielen wollte er nur noch höchstens vier gelten lassen, seit 1964 hat er keines mehr verfaßt. Von der anspruchslosen Betulichkeit seiner Hörfunktexte bis 1940 führt kein gerader Weg zu den zornigen, subversiven Maulwürfen, von seiner damaligen politischen Indifferenz keine vorhersagbare Entwicklung zu dem in dem restaurativen Klima der fünfziger Jahre als anstößig empfundenen Satz:
Wenn unsere Arbeit nicht als Kritik verstanden werden kann, als Gegnerschaft und Widerstand, als unbequeme Frage und Herausforderung der Macht, dann schreiben wir umsonst, dann sind wir positiv und schmücken das Schlachthaus mit Geranien.
Ilse Aichinger fehlte von Anfang an jede Begabung zur Harmlosigkeit. Schon ihre ersten Texte sind so spröde, bizarr und aufsässig, wie es die von Eich in den zwanzig Jahren der Lebenspartnerschaft erst werden. Charakteristisch für beide ist „die Absicht des Anarchischen“, das Unterwandern der Gegebenheiten. Denn selbstverständlich hat auch der „Blödsinn“, zu dem sich Eich bekennt, die „Funktion des Nichteinverständnisses mit der Welt“. In diesem Sinn bedeutet auch der Maulwurf mehr als einen privaten Code innerhalb der Familie:
Meine Maulwürfe sind schädlich, man soll sich keine Illusionen machen. Über ihren Gängen sterben die Gräser ab…
Witzig, böse, frech sind diese Texte und sehr traurig.
Ilse Aichingers Art zu arbeiten bewegt sich zwischen dem Zulassen dessen, was in ihr gesagt werden will, und Kontrolle. „Schreiben geht nicht über das Bewußtsein“, darauf besteht sie und vertraut der Magie des ersten Satzes. Den ersten Satz der Spiegelgeschichte hat sie „mit der Hand hingekritzelt“ und dann fast zwei Jahre für diese Erzählung gebraucht. So lange dauerte es, bis die folgenden Sätze „gefunden“ wurden. Schreiben heißt also offensichtlich, die Bedingung zu schaffen, daß sich das Notwendige mitteilen kann. Deshalb verbessert sie auch fast nie, was sie niederschreibt, die Kontrolle liegt in der Auswahl. Hat sie ausreichend gewartet, kann sie sich darauf verlassen, was sich durchgesetzt hat. Dem Ergebnis steht sie so fremd gegenüber wie die Leser:
Sie kennen die Erzählung vom Lesen her, und ich kenne sie vom Schreiben her, das man auch eine intensivere Form des Lesens nennen kann. (…) Ich kann mich, wenn ich beim letzten Satz angelangt bin, auch fragen: „Was soll das jetzt heißen?“ (…) Und ich kann versuchen, eine Antwort zu finden, die mir einleuchtet. Aber ob es die einzige Antwort ist, weiß ich nicht.
Dieses Ausloten der poetischen Intuition hat Eich bewundert. Er selbst korrigierte unermüdlich, fertigte mehrere Fassungen an, hätte vieles, was gedruckt vorlag, gerne vernichtet. Hörspieltexte hat auch Aichinger überarbeitet, ist z.B. Auckland, laut einem Kalendereintrag, „mit Günter durchgegangen“, der zu jeder Seite ein Blatt mit Anmerkungen beilegte, meist Streichungsvorschläge – die ihr alle recht waren. Kürzen, Überflüssiges beseitigen:
Einmal bin ich gefragt worden, wie denn das weitergehen solle mit der Verknappung, und da hab ich gesagt, das Letzte wird vermutlich ein Seufzer sein, aber das muß ja nicht geschrieben werden.
Ein umfangreiches Opus entsteht bei dieser radikalen Methode natürlich nicht, weshalb auch? „Ich schränke mich ein und schaue zu, damit bin ich genug beschäftigt“, heißt es in ihrem poetologischen Text „Schlechte Wörter.“ Hier wird der Verzicht auf die Erlesenheit des Ausdrucks als Programm formuliert:
Ich gebrauche jetzt die besseren Wörter nicht mehr. Der Regen, der gegen die Fenster stürzt. Früher wäre mir da etwas ganz anderes eingefallen. Damit ist es jetzt genug.
Das Ich dieser Sätze möchte der Welt nicht die Ehre antun, sich um zutreffende Bezeichnungen zu bemühen: „Ich weiß, daß die Welt schlechter ist als ihr Name“ – die Anstrengung um „unerwünschte Genauigkeit“ kann unterbleiben. Der sich aller Redseligkeit, aber auch Ästhetik verweigernde Text ist 1973 entstanden, Ende 1972 ist Günter Eich gestorben. In dem ganzen Jahr seiner schweren Krankheit hat Ilse Aichinger einen einzigen Satz festgehalten:
Die Gleichgültigkeit einüben.
Der Verlust mußte verkraftet werden.
Das Schreiben ist dann doch wieder aufgetaucht, es waren ja auch so viele Jahre, von denen ich gezehrt habe.
Bei einem Schriftstellersymposion 1956 in Vezelay zu dem Thema „Der Schriftsteller vor der Realität“ hat Eich einen Beitrag gebracht (von Zetteln abgelesen, die er nicht aufgehoben hat), der meist zum Verständnis seiner Haltung zitiert wird (die Rede wurde nach einer Mitschrift veröffentlicht, worüber Eich gar nicht glücklich war: „Einmal ausgesprochen ist für immer gesagt, zu meinem Leidwesen. Man möchte manches wieder einatmen…“ Er haßte es, zitiert zu werden.) Der Schlüsselsatz lautet:
Ich bin Schriftsteller, das ist nicht nur ein Beruf, sondern die Entscheidung, die Welt als Sprache zu sehen.
Dies gilt auch für Ilse Aichinger. In ihrem Wissen um das Schreiben sind sie einander immer nähergerückt, so sehr sie sonst auf Distanz Wert legten. Nie wäre diesen diskreten Menschen eingefallen, den Partner als Figur in einem Werk zu verwenden, nicht einmal Widmungen an den andern laden zu privaten Deutungen ein. Bezeichnend auch, daß in dem Buch, das der Verlag zum Gedächtnis an Eich herausgab, von den 38 Autoren nur zwei seine Frau erwähnen (Marieluise Fleißer erinnert sich an den „Mann, der sich für häßlich hielt und eine so schöne Frau bekam“). Unauffälligkeit gefiel beiden, einen Paarkult hätten sie nicht einmal mit den Mitteln der Groteske bewältigen mögen. Sie lebten in einer Mischung aus Zähigkeit und Sensibilität, aus Bitterkeit und Komik den Hochmut des Rückzugs im Einvernehmen. In Eichs letztem Gedicht heißt es:
Was zusammengehört,
eine Erfahrung,
was mit und zusammengehört
nur mit und,
keine Begründungen.
Und Aichinger respondiert:
Niemand kann von mir verlangen, daß ich Zusammenhänge herstelle, solange sie vermeidbar sind.
Und schließt Eich mit der Zeile: „Es reicht, es reicht, danke, es reicht“, so kontert Aichinger:
Ich lasse mir die Welt nicht bieten.
Ingrimmige Eintracht.
Gerda Marko, aus Gerda Marko: Schreibende Paare. Liebe, Freundschaft, Konkurrenz, Artemis & Winkler, 1995
Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt + Interview + Hinweis
50 Jahre 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6
Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + Kalliope
Ringvorlesung – Auslaufmodell DDR-Literatur – Gast: Roland Berbig
Den Mond durch
den Türschlitz schieben
Ach, kleiner Häwelmann!
Für Ilse Aichinger
Brigitte Struzyk
Hans Magnus Enzensberger: Überlebenskünstlerin Ilse Aichinger
Felix Philipp Ingold: Gedenkblatt für I. A.
Peter Hamm: Gedenkblatt für Ilse Aichinger
Erwin Quirchmair: Poetischer Eigensinn
Es liegt ein Abschiedslicht auf Allem. Ilse Aichinger erzählt und Corinna Kirchhoff liest „Schlechter Wörter“ und „Die trüben Stunden nutzend“.
Gegenwartsproof: Ilse Aichinger – Es sprechen Sonja vom Brocke, Margret Kreidl und Ferdinand Schmatz mit Theresia Prammer über die Bedeutung des Werkes von Ilse Aichinger.
Karl Krolow: Laudatio zur Verleihung des Nelly Sachs-Preises 1971
Ein Gespräch zwischen Michael Braun und der Literaturwissenschaftlerin Simone Fässler über das Werk von Ilse Aichinger.
Ein Gespräch zwischen Michael Braun mit dem Lyriker Levin Westermann – über Ilse Aichinger, Poesie und Schweigen und die Unheilsengel der Geschichte.
Lesung Ilse Aichinger im Literarischen Colloquium Berlin am 31.10.1996. Moderation: Hajo Steinert. Gesprächspartner: Richard Reichensperger.
Zum 75. Geburtstag der Autorin:
Interview mit Petra Rainer – Genauso, wie es war
Buchkultur, Heft 43, 1996
Iris Radisch: Ich will verschwinden
Die Zeit, 1.11.1996
Zum 80. Geburtstag der Autorin:
Andreas R. Batlogg: Dass es den Ort einer anderen Existenz gab
Die Furche, 8.11.2001
Manfred Chobot: Die Existenz als Überrumpelung
Buchkultur, Heft 77, 2001
Zum 85. Geburtstag der Autorin:
Peter Mohr: Alles Komische hilft mir
literaturkritik.de, November 2006
Zum 90. Geburtstag der Autorin:
Sabine Rohlf: Es geht immer um Genauigkeit
Frankfurter Rundschau, 1.11.2011
Paul Jandl: Ilse Aichinger, die Grande Dame der österreichischen Literatur
Hamburger Abendblatt, 1.11.2011
Peter Mohr: Das Komische macht mich glücklich
titelmagazin.com, 2.11.2011
Anja Hirsch: Unerkundbar, undurchschaubar
Deutschlandfunk, 1.11.2011
Zum 95. Geburtstag der Autorin:
Susanne Stephan: Verse, verborgen
poetenladen, 2016
Bettina Steiner: Ilse Aichinger: Es gilt das genauere Wort
Die Presse.com, 30.10.2016
Zum 100. Geburtstag der Autorin:
Helmut Böttiger: Die Seufzer der Sprache
Süddeutsche Zeitung, 29.10.2021
Christian Schacherreiter: Die subtile Poesie der Verhängnisse
OÖNachrichten, 30.10.2021
Michael Braun: Zum 100. Geburtstag der großen österreichischen Dichterin Ilse Aichinger
Badische Zeitung, 29.102.2021
Tilman Krause: Die Frau, die als erste über den Holocaust schrieb
Die Welt, 1.11.2021
Peter Mohr: Schreiben ist kein Beruf
literaturkritik.de, November 2021
(auch im titel-kulturmagazin.net, 1.11.2021)
Christian Metz: Schreiben müsste punktueller sein
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.11.2021
Magnus Klaue: Erinnerungen an eine große Schriftstellerin
Der Tagesspiegel, 1.102.2021
Günter Kaindlstorfer: Ilse Aichinger und die machtvolle Ohnmacht der Worte
Deutschlandfunk, 1.11.2021
Michael Wurmitzer: Ilse Aichingers 100. Geburtstag in Linz: Widerstand mit Worten
Der Standart, 23.10.2021
Gerhard Zeillinger: Ilse Aichinger: Schreiben als existenzielle Verflechtung
Der Standart, 1.11.2021
Matthias Greuling: Ilse Aichinger: Effizient wie ein Film
Wiener Zeitung, 1.11.2021
Teresa Präauer: „Autorinnen feiern Autorinnen“: Ilse Aichinger
Die Furche, 3.11.2021
Achim Engelberg: Schreiben nach Auschwitz – zum 100. Geburtstag von Ilse Aichinger
piqd.de, 1.11.2021
Sylvia Treudl: Ilse Aichinger – Architektin der Risse
Buchkultur, Heft 198A, Herbst 2021
Es begann mit Ilse Aichinger 1921–2021. Erzählen vom Ende her und auf das Ende hin
Onlineausstellung kuratiert von Christine Ivanovic und Sugi Shindo
100 Jahre Ilse Aichinger. Mit Thomas Wild, Nikola Herweg und Ulrich von Bülow
Fakten und Vermutungen zur Autorin + Instagram + IMDb + Archiv + IMDb + KLG + ÖM + IZA + Interview 1 & 2 + Internet Archive + Kalliope
Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Brigitte Friedrich Autorenfotos + deutsche FOTOTHEK + gettyimages + IMAGO + Keystone-SDA
Nachrufe auf Ilse Aichinger: Die Welt ✝ Die Zeit 1 + 2 ✝ FAZ ✝ literaturkritik 1 + 2 ✝
Nach der Lektüre einiger Nachrufe ein paar Notizen zur Rezeption ihres Werks von Teresa Präauer.








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