Ilse Aichinger: Verschenkter Rat

Aichinger-verschenkter Rat

DURCH UND DURCH

Wir sind alle
nur für kurz hier eingefädelt,
aber das Öhr
hält man uns seither fern,
uns Kamelen.

 

 

 

Editorische Nachbemerkung

Ilse Aichinger hatte 1978 für ihre Gedichtsammlung Verschenkter Rat Gedichte aus mehr als zwei Jahrzehnten nicht chronologisch, sondern nach ihren inneren Bezügen und Verweisen angeordnet. Die Rezensenten waren unter anderem von der Geschlossenheit und der Einheitlichkeit in der Tonlage der über einen so langen Zeitraum hinweg entstandenen Gedichte überrascht (vgl. hier die Rezension von Hilde Spiel und Gisela Lindemann in Samuel Moers Materialienband zu Ilse Aichinger, Frankfurt a.M.: 1990, Fischer Taschenbuch Bd. 6888).
Diese Geschlossenheit ist um so verblüffender, als Ilse Aichingers Prosa sich von Der Gefesselte (1953) zu Eliza Eliza (1965) und noch einmal zu Schlechte Wörter sehr stark wandelt, ebenso wie ihre Sprachbehandlung im Hörspiel, von Knöpfe (1953) zu Gare maritime (1976).
Der Rang der Gedichtsammlung Verschenkter Rat innerhalb der deutschsprachigen Nachkriegslyrik ist unbestritten. Im Anhang der vorliegenden Ausgabe werden die einzelnen Gedichte erstmals genau in ihren Erstdrucken und Entstehungsdaten erfasst. Dabei kam dem Herausgeber zu Hilfe, daß Ilse Aichinger im Unterschied zur Prosa die meisten ihrer Gedichtmanuskripte datiert hat. Wo dies nicht der Fall war, stehen Gedichte – wie die meisten Prosaarbeiten Ilse Aichingers und Hörspiele Günter Eichs – auf der Rückseite von (datierter) Korrespondenz des „Evangelischen Pressedienstes“ (Eid), woraus sich ein Terminus post quer ergibt.
Die genaue bibliographische Erfassung der Gedichte nimmt aber dem Band nichts von seiner geheimnisvollen Geschlossenheit, im Gegenteil: Es ist verblüffend zu sehen, wie Gedichte offenbar phasenweise heranwachsen, mit zeitlichen Knotenpunkten in der Mitte der fünfziger Jahre und um 1977/1978. Und die Einheitlichkeit des Bandes wird für den Interessierten auch empirisch einsehbar: So wirken etwa die Gedichte „Ortsanfang“ und „Ortsende“ in zeitlicher Nähe entstanden – tatsächlich aber stammt das eine aus dem Jahre 1959, „Ortsende“ hingegen aus dem Jahr 1977.
Die sorgfältige Komposition des Bandes schafft allerdings ein editorisches Problem: Seit 1978 sind neue Gedichte entstanden, darunter so wichtige wie „Lose Sprossen“ und das sich auf Günter Eich beziehende „Erwiderung“. Kann nun in den Band Verschenkter Rat überhaupt irgend etwas neu eingefügt werden, ohne die Einheitlichkeit zu stören? Immerhin: Anders als die Gedichtbände Rilkes oder Celans, wo jeder einzelne Band in sich abgeschlossen eine Entwicklungsstufe markiert, ist Ilse Aichingers Sammlung über Jahrzehnte hin gewachsen – eine Erweiterung würde also durchaus in der Logik dieser Jahresringe liegen.
Ilse Aichinger hat die neuen Gedichte in ihre damalige Anordnung eingegliedert: „Lose Sprossen“ und „Erwiderung“ stehen nun vor dem Gedicht „An einen jungen Gerber“. Das 1978 versehentlich nicht aufgenommene Gedicht „St. Gilgen“ und das neue Gedicht „Heu“ sind nach dem Gedicht „Spaziergang“ eingeordnet worden. Das neue Gedicht „Das Geburtshaus“ steht nach dem Gedicht „Verlorenes Manöver“; ihm wurde das Gedicht „Sommerfest“ gegenübergestellt. An dessen frühere Stelle rückt jetzt das neue Gedicht „Fahndungsbild“.
Bei den Gedichten auf den Seiten 35, 59 und 78 hat Ilse Aichinger den Zeilenfall gegenüber dem Erstdruck abgeändert.

Richard Reichensperger, Nachwort, aus Taschenbuchausgabe in acht Bänden, S. Fischer Verlag, 1991

Über dieses Buch:

In diesem Band stellt Ilse Aichinger zum ersten mal ihre zwischen 1958 und 1978 entstandenen und bislang nur verstreut oder noch gar nicht publizierten Gedichte geschlossen vor, in einer Anordnung, die ihre Entstehungszeit unberücksichtigt läßt.
Bilder und Themen aus der Umwelt, Alltagsbeobachtungen und Erinnertes erscheinen in neuen Bezügen, surrealistisch verfremdet. Es sind kurze Gedichte in einer knappen auf das unbedingt Notwendige reduzierten Sprache. Dabei wird eine Welt erkennbar, die in der Sprache entsteht. Zum Entstehungsprozeß, merke ich, daß ich eigentlich die Form zu finden und gefunden habe, im Fall des Textes, die Form zu lesen, und daß Lesen und Schreiben wie Suchen und Finden sich einander bis zur Identität annähern können.

Fischer Taschenbuch Verlag, Klappentext, 1981

Ilse Aichingers Gedichtsammlung Verschenkter Rat

gilt seit ihremm Erscheinen 1978 als ein Höhepunkt deutschsprachiger Nachkriegslyrik. Sie wird in der vorliegenden Ausgabe um sechs neue Gedichte – und eine Bibliographie erweitert.

Hör gut hin, Kleiner,
es gibt Weißblech, sagen sie,
es gibt die Welt,
prüfe, ob sie nicht lügen

Die Aufforderung zur Unabhängigkeit, zum Nichteinverstandensein mit staatlichen, gesellschaftlichen und religiösen Verhaltenserwartungen wird in schlichten, in ihrer Zurückgenommenheit aber um so subversiveren Versen proklamiert. Von Verlust, von Trauer und von Hingabe sprechen diese Gedichte, von den verlorenen Orten der Kindheit, von Gewalt und errungener Gewaltlosigkeit, vom Glück gesteigerter Wahrnehmungsfähigkeit und vom Widerstand, den die Betrachtung lehrt.
In einem aus sinnfälligen, überaus konkreten und einfachen Dingen geformten Wortschatz – Kohlen, Hölzer, Schnee, Gebirge, Gräser – werden Weltbilder umgestülpt, Alltagssätze unterwandert. Diese Gedichte, meinte Erich Fried, „wollen sich um keinen Preis einen Reim auf das machen, was gegen uns steht… weil hier Kritik an dieser Welt geübt wird, die darum, weil sie nicht tagespolitisch ist, um nichts weniger radikal ist.“

S. Fischer Verlag, Klappentext, 1991

 

Ilse Aichinger,

seit langem ein großer Name in der deutschen Literatur, legt einen Band mit Gedichten vor, genauer: ihren ersten Gedichtband überhaupt, enthaltend Verse aus zwei Jahrzehnten, die bisher nur verstreut erschienen sind. Auffallend und nicht unwichtig ist schon deren Anordnung. Die Gedichte sind weder datiert noch chronologisch eingereiht, und so sind sie auch zu lesen: nicht als Stufen einer Entwicklung, nicht psychologisch aufzuschlüsseln, auch nicht als ein Kapitel der Literaturgeschichte, nicht in Beziehung zu setzen mit anderen Lyrikern, sondern gewissermaßen absolut, als sprachliches Abbild innerer Erfahrung.
Daß der Dichter nicht Wirklichkeit nachahmt, sondern eine eigene Welt schafft, das wird wohl kaum so unwiderlegbar deutlich wie bei der Lektüre dieses Bandes. Eine persönliche, unverwechselbare Weise des Sehens, Erlebens, Denkens ist in diesen Gedichten Sprache geworden, ohne Rückfrage, ob die eigene Art des Erfahrens und Schreibens den allgemeinen Wahrnehmungsmustern entspreche. Auf die Spielregeln dieser durch Sprache geschaffenen Welt muß der Leser eingehen, rückhaltlos, falls er in die Gedichte eingelassen werden will.
Es ist nicht die Sprache, die ihm den Zugang erschwert. Noch mehr vielleicht als in ihrer Prosa hält sich Ilse Aichinger in den Gedichten an das einfache Wort, das sie sogar dem Bereich des Banal-Alltäglichen entnimmt. „Mägdemangel“ heißt der Titel eines Gedichts; andere halten einfach Zeit oder Ort fest, in den grundlegenden Kategorien unseres Wahrnehmens: Attersee, Breitbrunn, Winteranfang, März, Ortsanfang, Ortsende. Wie in ihrer Prosa hat Ilse Aichinger in diesen Gedichten das geschrieben, was sie in einem ihrer schönsten Texte eine „kleine Sprache“ nannte; sie geht keinen Schritt darüber hinaus. Es gibt denn auch Gedichte, die von einer bestürzenden Einfachheit sind, sich fast zu rasch aufzuschlüsseln scheinen.

Wir sind alle
nur für kurz hier eingefädelt,
aber das Öhr
hält man uns seither fern,
uns Kamelen.

Aber man braucht nur ganz wenig an dieser Einfachheit zu rütteln, und sie öffnet sich ins Vieldeutige und Grenzenlose. An anderen Gedichten freilich braucht man nicht erst zu rütteln, die rütteln den Leser selbst. Mit ihrer kleinen Sprache zerstört Ilse Aichinger unablässig das Selbstverständliche, die Beruhigung beim Greifbaren, die Vorstellung, das Kleine sei identisch mit dem Beschränkten und Sicheren.

Wir kommen abends wieder,
wir kommen nimmermehr,

heißt der Schluß eines Gedichts und noch radikaler der eines anderen

eine Hilfe, aber keine Hilfe,
kein Trost, aber ein Trost,

ohne daß der Widerspruch erklärt oder aufgehoben würde, als ob das Widersprüchliche und Unvereinbare das Selbstverständliche wäre.
Vielleicht liegt darin das Unvergleichliche dieser Gedichte: sie widersprechen Satz für Satz, Zeile für Zeile der Lesererwartung, setzen das Selbstverständliche außer Kraft – aber ohne Provokation, leise. Man geht denn auch an ihrem Eigentlichen vorbei, wenn man darin vor allem die Neigung zum Surrealen sucht, das Spiel mit Einfällen und Gedanken, wenn man das Unerwartete als Effekt genießt: die Texte sind nicht spielerisch, sondern verbindlich gemeint:

Zwischen Leiter und Nordwand
Besuch am Nachmittag und verworfenem Holz,
Apfel- und Schneeresten
ein Verhältnis herzustellen,
das unaufhebbar ist.

Diese Verse geben eine knappe lyrische Formel für das Schaffen Ilse Aichingers. Was nicht zusammenzugehören scheint, wird in eine Beziehung gesetzt, die ihrerseits willkürlich anmuten mag und doch „unaufhebbar“ ist. Es ist denn auch auffallend, wie viele Gedichttitel ganz leicht ans Lehrhafte anklingen: „Anweisung“, „Mittlerer Wahrspruch“, „Kleine Summe“, „Zeitlicher Rat“. Sie weisen darauf hin, daß die Gedichte trotz ihrer überraschenden, ja bestürzenden Eigengesetzlichkeit nicht esoterisch und nicht hermetisch sind; sie gehen den Leser an, aber freilich entzieht sich ihre Verbindlichkeit der Norm und dem Festlegbaren. Bezeichnend ist die Überschrift des Titelgedichts (es gehört vielleicht nicht zufällig zu den schwierigsten): „Verschenkter Rat“. Nicht erteilt und nicht gegeben wird der Rat, sondern eben verschenkt; damit wird das Feierlich-Ernsthafte ausgeschlossen, das sonst der Belehrung leicht anhaftet; da klingt etwas an vom Zufall, dem der Ratschlag überlassen wird, von Vertun und Verschleudern sogar, sicher von Freiheit im Umgang mit der eigenen Einsicht. Die Gedichte Ilse Aichingers sind verbindlich und beruhen doch auf dem Wissen, daß es das Verbindliche nicht gibt.

Elsbeth Pulver, Neue Zürcher Zeitung, 8.12.1978

Guter Rat ist teuer,

so weiß es der Volksmund. Nicht so bei Ilse Aichinger, da ist er eigentlich ein Geschenk. Doch da man wohl davon auszugehen hat, daß geschenkten Rat kaum jemand annimmt und zu würdigen weiß, ist es verständlich, wenn die Autorin ihren Rat von vornherein als verschenkten ausgibt. Falsche Hoffnungen macht sie weder sich noch anderen; sie, die einst mit dem Roman Die größere Hoffnung debütierte, in dem die einzige Hoffnung des Mädchens Ellen darin bestand, zu den Ausgestoßenen – das waren damals die mit dem Judenstern auf der Brust – gehören zu dürfen, sie gestattet sich auch heute noch keine größere Hoffnung als beharrliche Verzweiflung und verzweifelte Beharrlichkeit.
Es ist dies eine Verzweiflung, die niemals selbstgefällig in der Märtyrerpose erstarrt, sondern als lebendige Substanz begriffen wird, als die geheime Goldreserve unserer Existenz. Daß wir nur nach dem Grad unserer Verzweiflung und Untröstlichkeit existieren und gemessen werden, das ist für Ilse Aichinger die Grundvoraussetzung ihres Denkens und Fühlens. „Wo es nicht mehr wehtut, dort wird es gefährlich“, so heißt es zu Ende des Romans Die größere Hoffnung.
In den Gedichten ihres ersten Lyrikbandes, der Verse aus zwei Jahrzehnten versammelt, tut es noch weh, jedes Wort schmerzt da; doch dieser Wörterschmerz ist zugleich immer schon Trost – eine dichterische Dialektik, für die das frühe Gedicht „Briefwechsel“ als bewegendes Beispiel stehen mag:

Wenn die Post nachts käme
und der Mond
schöbe die Kränkungen
unter die Tür:
Sie erschienen wie Engel
in ihren weißen Gewändern
und stünden still im Flur.

Davon geht Ilse Aichinger also aus, daß alles, was von der Welt kommt, nur Kränkung sein kann. Aber indem sie dies akzeptiert, indem sie sich – wie in dem programmatisch „Neuer Bund“ überschriebenen Gedicht – fortbegibt „aus diesem Frieden, / aus diesem lieben Frieden / in den Schatten / zu meinen lieben Schweinen“, indem sie sich freiwillig zum Schlachtvieh gesellt, weckt sie auch das Verlangen nach Aufhebung der allgemeinen Weltkränkung.
Es ist mir ganz unverständlich, wie man diese Gedichte vom Surrealismus ableiten und als hermetisch mißverstehen konnte. Nicht Hermetik – also künstliches Dunkel, bestimmt sie – sondern die Verweigerung künstlicher Illumination. Und wenn etwas an ihnen rätselhaft ist, dann die große Ferne, aus der ihre lakonische Weisheit und ihr Sinn für das Paradoxe kommen – man darf da durchaus einen weiblichen Angelus Silesius unseres Jahrhunderts assoziieren, auch wenn sich Ilse Aichingers Botschaften nicht mehr reimen, ihre Konzentration auf Weltdurchdringung hat jedenfalls den gleichen mystischen Urgrund wie der „Cherubinische Wandersmann“. Seit Ernst Meister und Günter Eich hat niemand mehr so welthaltige Warnungen vor der Welt so suggestiv in Verse gebracht wie Ilse Aichinger.

Peter Hamm, Die Zeit, 28.5.1982

Über Gedichte Ilse Aichingers

Hier soll einiges über Gedichte von Ilse Aichinger ermittelt werden, Gedichte aus dem Band verschenkter Rat, der Verse aus der Zeit zwischen 1958 und 1978 enthält.
Ich will versuchen, von den Texten selbst auszugehen. Fast nur von ihnen, auch wenn die Art dieser Gedichte eine vollständige Erklärung nicht zuläßt, wobei es natürlich fraglich bleibt, ob lyrische Gedichte überhaupt vollständig erklärbar sind.
Was diese Gedichte schwerer erklärbar macht als z.B. fast alle Brecht- oder Rilke-Gedichte, ist, daß in vielen dieser Verse die Grundstimmung die einer Verzweiflung ist, die sich nicht zu überwinden versucht, indem sie ihre eigenen Ursachen aufgraben und aufdecken will, sondern die ihre Klage über den Zustand der Verzweiflung, beziehungsweise darüber, daß Menschen in diesen Zustand getrieben werden, einfach durch die Darstellung des Zustandes selbst lautwerden läßt. Es ist aber niemals eine geschwätzige Klage oder geschwätzige, vielredende Darstellung; es ist nie eine Klage, die sozusagen ihre eigene Geschichte und ihr eigenes Leid mitteilen will – diese Gedichte wären sonst unendlich weniger gut −, sondern es ist eine Klage, die das Mitteilenwollen fast aufgibt, bis auf jenen letzten Trost Grabbes: „Aus der Welt kann ich nicht fallen.“ Die Klage teilt sich mit, indem sie gerade noch in der Welt ist, indem sie sich an keinen Menschen anzuklammern versucht, sondern traurig mit ihren eigenen Inhalten spielt. – Eine vulgärmarxistische Kritik hat bei Ilse Aichinger vor Jahren bedauernd festgestellt, „Metaphern, Symbole, Chiffren, Parabeln, bislang als poetisch erhöhtes Verständigungsmittel gebraucht, sind austauschbar geworden, ihre Bindung an Wirklichkeit und Sprachrealität ist aufgegeben.“ (Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller, Bibliographisches Institut, Leipzig 1967.) Fast ganz richtig festgestellt, aber ganz falsch verstanden und bewertet! Die Austauschbarkeit als Vorwurf trifft nämlich nicht, weil in den hier dargestellten Bereichen tatsächlich die Austauschbarkeit von Bildern, die Trennung von der Sprachrealität höchste Realität ist. Genau so gut hätte man Shakespeare vorwerfen können, daß er seine Ophelia gelegentlich wirres Zeug reden läßt!
Und wenn der Kritiker gesagt hat, die Bindung an Wirklichkeit und Sprachrealität sei aufgegeben, so hat er ein Wort gefunden, das wahrer ist, als er es selbst gemeint hat: Sie ist nämlich uns allen aufgegeben. Das, was sich aufgibt, kann uns zur Aufgabe werden: Durch Eingehen auf diese Texte die vielfachen Querverbindungen zur Sprachrealität – allerdings nicht zu einer bloß unaufgeklärt aufklärerischen – wieder zu entdecken. Verzweiflung in einem Text ist in diesem Sinne auch die äußerste Herausforderung an uns, durch Verstehen und Sympathie den Ursachen dieser Verzweiflung entgegenzuwirken.

Dies will ich an einigen Textbeispielen erläutern.
In dem Gedicht mit dem Titel „Restlos“ lautet die erste Zeile: „Die Jungen mit den Totenscheinen“, die letzte Zeile: „und ihr Untergang“. Es ist ein Gedicht über restlosen Untergang, über einen Ritt der Vergangenheit in die Vergangenheit. „Auf gewesenen Pferden“

— Das Wort wirft die Frage auf, ob auch ein Anklang an Verwesen in den gewesenen Pferden liegt? Nichts so Absichtliches wie eine gewollte Anspielung, ich beschränke mich auf dasWort Anklang.
Und schließlich in der viertletzten Zeile des Gedichts: „die Spuren der Verwerfung“ ist es eine Verwerfung der geologischen Schichten, die uns von den Sauriern trennen, also ein Fachausdruck dafür, daß Schichten nicht nur verzerrt sind, sondern ihre Kontinuität zerstört ist? Oder ist es die Verwerfung des Weiterlebens, oder sind wir, jenseits der Kontinuität die vom urzeitlich Älteren Verworfenen? Ich ergehe mich abermals nur in Assoziationen, unterstelle keine unbedingt bewußte oder gar von der Dichterin listig konstruierte Anspielung. Einfälle sind größer, vielschichtiger als die jeweilige Absicht des Schreibenden, und Ilse Aichinger hat schon immer, auch schon in der dichterischen Prosa ihres ersten Buches Die größere Hoffnung glücklicherweise zu jenen Dichtern gehört, die mehr tun, als sie selbst beim Schreiben wissen. Zurück zum Text. Die beiden letzten Zeilen lauten:

Hilfe und Hinweis
und ihr Untergang.

Im Zusammenhang war klar, daß uns dies zu bedenken bleibt, zunächst die List der Saurier, wie sie kleiner wurden bis zu unserem Maße. Zu bedenken auch, daß dies die eigentlichen Saurier nicht retten konnte, auch wenn unsere kleinen Echsen noch leben… Vielleicht ist es aber auch der Untergang der Jungen mit den Totenscheinen und ihrer gewesenen Pferde, ja auch der Basare – also der Exotik, etwa des Todes in Samara, in die der Gedichtanfang uns flüchtig versetzt hat. Hilfe und Hinweis ist dann vielleicht das Denken sowohl an den Versuch der listigen Anpassung als auch an die Verwerfung, die dennoch folgt, ans blanke Ende.

Wenden wir uns einem anderen Gedicht zu: „Schneeleute“.
Schneeleute, also Schneemänner, Schneefrauen… vermutlich auch Schneekinder, warum nicht? Und obwohl das Gedicht mit den Worten anfängt, „Ich mische mich nicht leicht / unter die Fremden aus Schnee“ hat die Dichterin sich doch gerade mit diesen Worten irgendwie unter sie gemischt und uns mitgezogen. Indem sie sie die „Fremden aus Schnee“ nannte, hat sie zwar für sich (und für uns) Abstand gewahrt, gleichzeitig aber den „Schneeleuten“ von vornherein Menschenrang zugebilligt, ja sogar eine scheinbare Überlegenheit den anderen Menschen gegenüber: „Manche mit mehr Gesichtern / als mit einem.“ Wenn ein Mensch mehr als ein Gesicht hat, dann stellt er es gewöhnlich nicht heiter prangend zur Schau.
Und nun wird in das Gedicht ein gespenstischer Rollentausch eingeführt. Wenn das Tauwetter den Bann, die Starrheit der Schneeleute tödlich zu lösen beginnt, daß sie in ihrer Hinfälligkeit vorübergehendes Leben zu gewinnen scheinen, wenn die Kohlenaugen und die Rübennasen fallen, Knöpfe und rote Lippenbänder sich zu lösen beginnen, dann sieht die Ichperson des Gedichtes, der Mensch „es steif mit an / und ohne Laut“, starr also, wie ein gefrorener Schneemann oder eine Schneefrau „ich eile nicht zu Hilfe“, sagt sie noch und, ein wenig später: „Es soll nicht ans Licht kommen. Und darum Stille.“
In dem Augenblick, in dem die „Schneeleute“ aufhören, erstarrt zu sein, erstarrt die menschliche Ichperson desGedichtes, – vielleicht, um ihnen nicht zu Hilfe zu kommen. Aber wir wissen, daß Hilfe ohnehin nicht möglich gewesen wäre. Ja, der Gedanke, daß man „Schneeleuten“ möglicherweise helfen wollen könnte, wird in dieser Verneinung überhaupt erst eingeführt! Doch sie sieht sich auch als Konkurrentin dieser „Schneeleute“. Das deutet sich vielleicht schon in der Beschreibung an, daß sie „heiter prangen / manche mit mehr Gesichtern / als mit einem.“ Viel deutlicher aber deutet es sich an, nachdem schon vom Zerfallen der Schneeleute die Rede war. Nach den Worten „ich eile nicht zu Hilfe“, und vielleicht als Begründung dieser Worte, heißt es:

Vielleicht sprechen sie
das Mailändische
schöner als ich, es soll
nicht ans Licht kommen.

Fragt sich, was das Mailändische in diesem Gedicht sein soll. Das könnte man eigentlich am besten die Dichterin selbst fragen. Als spezifischer italienischer Dialekt könnte es ihr kaum so intensiv aufgefallen sein, daß sie jetzt einzig und allein deshalb „das Mailändische“ sagt. Vielleicht ist es, zumindest unter anderem, auch eine querlaufende Assoziation, vielleicht bedeutet es auch Mai, den ersten Monat ohne „R“ und ohne Schnee. Vielleicht ist das Mailändische eine Sprache des ganzen Bereiches ohne „R“, also mindestens Italiens, des Südens, der Wärme, des Frühlings? Und darüber hinaus einer dieser Orte, wie Dover in einem ihrer Prosatexte? Ganz zuletzt aber, wenn es heißt, daß das Licht die Schneeleute „leicht / genommen hat“, sagt sie auch noch, daß das Licht sie genommen hat „mit allem, was sich da / zwischen mailändisch / und mailändisch verbirgt“ und sie fügt hinzu, ganz einfach, gerade dadurch erschütternd und erschüttert : „dann auch mit mir“. Zuletzt also teilt sie doch das Schicksal der vergänglichen Schneeleute.

Nicht alle Gedichte dieses Bandes haben den Grundton Verzweiflung. Eines der ersten, „Marianne“, das den Titel und dem Inhalt nach eine konkrete, an einen bestimmten Menschen anknüpfende Kommunikation ist, sucht und vermittelt Trost.
Aber das ist in diesem Band eher eine Ausnahme.
Häufig sind Fragegedichte oder Fragen in Gedichten, Fragen sehr verschiedener Art. In dem Gedicht „Mägdemangel“ heißt es:

Wer hilft uns noch,
wer läßt der Sonne jetzt
ihr leichtes Spiel?
Sind wir von Baum zu Baum
allein geblieben
oder bewegen sich die
Schatten
diese Tröster,
aus ihren Netzen
bald herab zu uns?

Das sind trostlose verlassene Fragen, nicht zuletzt, weil die tröstenden Schatten, die vielleicht bald aus ihren Netzen zu uns herabkommen, eine so unheimliche Ähnlichkeit mit Spinnen haben. Aber auch schon der Anfang des Gedichts:

Wer bleibt den Felsen auf der Spur,
wer säumt die Gräser,
wer riegelt uns die Plätze
jenseits der
Straßen ab?

besteht aus Fragen. – Nicht alle gleicher Art. „Wer bleibt den Felsen auf der Spur“ ist eine ganz andere Art Frage als etwa „Wer hilft uns noch“.

In anderen Gedichten tauchen Fragen auf, die stark an Fragen in Hans Arps Gedichten erinnern, etwa in seiner „Klage um Kaspar“. „Wer ißt nun mit der ratte am einsamen tisch, wer verjagt den teufel, wenn er die pferde verführen will. Wer erklärt uns die monogramme in den sternen.“ Oder: „Wer trägt nun die brennende fahne im zopf. Wer dreht die kaffemühle. Wer lockt das idyllische reh.“
Ilse Aichingers Gedicht „Bobingers Klage“ hat folgenden Text:

Meine Freunde sind ausgegeben,
zwischen den Blättern und Ästen
verlor ich sie.
Wer löst mir das Bild,
wer holt ihre leichten Gestalten
neu aus dem Regen hervor,
wer fängt ihnen Wolkenhauben,
wer dreht mir die Sonnenuhr?

Die Ähnlichkeit mit Arps Fragen in seiner „Klage um den Tod des guten Kaspar“ ist unverkennbar, aber dennoch bleibt in Arps Fragen in der ausufernden Unmöglichkeit ihrer Zusammenstellung etwas mehr verzweifelte Lustigkeit.
Wobei wir vielleicht bedenken sollten, daß es sich bei scheinbar sinnlosen Fragen, wie bei allem, was in den Bereich des Nonsensgedichts oder Unsinnsgedichts hineinspielt, um eine tiefe Verzweiflung an der Sinnhaftigkeit des Tuns und Treibens dieser Welt handeln kann, bei Christian Morgenstern und Hans Arp genau wie bei Ilse Aichinger oder bei Günter Bruno Fuchs.
Zu dem Gedicht „Bobingers Klage“ sei hier noch erwähnt, daß der Anfang:

Meine Freunde sind ausgegeben,
zwischen den Blättern und Ästen
verlor ich sie

ja sogar die zwei Rätselfragen der nächsten drei Zeilen:

Wer löst mir das Bild,
Wer holt ihre leichten Gestalten
neu aus dem Regen hervor,

ihre Lösung möglicherweise in dem unmittelbar vorhergehenden, aber ebenso langen Gedicht finden, das im Buch links von Bobingers Klage auf der gegenüberliegenden Seite abgedruckt ist und „Kartenspiel“ heißt.

Die schwarzen Winkel vergessend,
Gesichter
und das Gold unter der Mauer,
wir lassen alles dahin,
die Schaukel mit den Eisenmännern,
die Muster, die uns blind machten,
und unter der Küchenbank
ein Nashorn, vom Lichte erwärmt.

Vielleicht sind die ausgegebenen Freunde, verloren zwischen den Blättern und Ästen, einfach Spielkarten, freilich Spielkarten als Symbol für das Spiel des Lebens, in dem wir Karten, Spieler, Einsatz und fragende Beobachter unserer Umgebung sind, alles zugleich.
Mitten in demkurzen Gedicht gibt es die Formulierung: „Wir lassen alles dahin.“ Ungewöhnlich im Deutschen, eine Zusammenziehung aus „wir lassen“ und vielleicht auch aus „dahin fahren lassen“ (Ich denke z.B. an die Zeile „laßt fahren dahin“ aus Luthers „Ein festeBurg ist unser Gott“), aber trotz derUngewöhnlichkeit sofort völlig verständlich. Und was wir dahinlassen, ist „die Schaukel mit den Eisenmännern“, was allenfalls noch an Arp erinnern könnte, dann aber sind es „die Muster, die uns blind machten“. Das ist schon todernst und wirft die Frage auf, ob nicht vielleicht auch schon die Eisenmänner recht ernstgenommen werden könnten, z.B. als gepanzerte Krieger, und schließlich, wieder an Arp erinnernd, surrealistisch oder dadaistisch: „unter der Küchenbank / ein Nashorn, vom Lichte erwärmt“.
Entschieden kein Verzweiflungsgedicht, auch abgesehen vom heiter anmutenden Schluß, dem vom Licht erwärmten Nashorn unter der Küchenbank. – Freilich, so ganz heiter auch wieder nicht. Immerhin ist das Nashorn nur ein Teil der Aufzählung dessen, was wir lassen – dahinlassen – müssen. Und was an Heiterkeit da zu sein scheint, ist vielleicht nur das Ergebnis einer zeitweiligen Verdrängung. Nicht umsonst beginnt das Gedicht programmatisch mit den Worten: „Die schwarzen Winkel vergessend.“
Aber wenn schon das vom Licht erwärmte Nashorn unter der Küchenbank etwas Märchenhaftes hat, so finden sich in einem anderen Fragegedicht die Märchenfragen noch viel deutlicher: Es heißt: „Winterantwort“ und ist das zweite Gedicht im Band. „Großmutter, wo sind deine Lippen hin?“ Nicht der Inhalt dieser und der folgenden Fragen, wohl aber die Form der Frage an die Großmutter – und auch der Wald – erinnern (wohlgemerkt nur auf einer der vielen Ebenen dieses überdeterminierten Gedichtes) an das Märchen von Rotkäppchen und dem Wolf, den es für seine Großmutter hält. Vier Seiten später in diesem Gedichtband findet sich das Gedicht „Widmung“, in dem es heißt:

Wir ließen uns sacht die Monde hinunter
und läge die erste Rast noch bei den
aaaaaaaaaawollenen Herzen,
die zweite fände uns schon mit Wölfen
aaaaaaaaaaund Himbeergrün

Die Lebens- und Sterbensreise, von der auch in diesem Gedicht die Rede ist, kann also durchaus durch eine Märchenlandschaft mit gefährlichen Wäldern, Wölfen und (der Form nach rotkäppchenhaften) Fragen an die Großmutter stattfinden. – Diese Fragen aber, in dem vorhin zitierten Gedicht „Winterantwort“, sollen jetzt noch etwas genauer angesehen werden.

Großmutter, wo sind deine Lippen hin,
um die Gräser zu schmecken,
und wer riecht uns den Himmel zu Ende,
wessen Wangen reiben sich heute
noch wund an den Mauern im Dorf?

Ich will nicht unterlassen, einen pedantischen Einwand zu erwähnen, den ich beim Vorlesen dieses Gedichtes einmal gehört habe:

Man schmeckt doch nicht mit den Lippen, sondern mit der Zunge, vielleicht auch mit dem Gaumen.

− Dagegen ist natürlich zu sagen, daß ein Kind findet, man schmeckt mit dem Mund. Der Mund ist ihm vor allem durch die Lippen gekennzeichnet. Die Frage, wie anatomisch falsch gestellt sie auch sein mag, ist also als Kinderfrage an die Großmutter ganz richtig. – Doch weiter: Wenn die Großmutter keine Lippen mehr hat, ist sie vermutlich tot, ein Schädel. Und tatsächlich wird hier die Welt von einer Stelle schon jenseits der Sinnesorgane her betrachtet „keine Augen mehr, um die weißen Wiesen zu sehen“ (Weiß vom Schnee, das Gedicht heißt ja Winterantwort). Keine Ohren, und vermutlich wie aus der Frage nach dem Zu-Ende-Riechen des Himmels und den Wangen hervorgehen dürfte, auch keine Nase und keine Wangen mehr… Der finstere Wald, die Kinder, die an seinem Rand wohnten, kommen wieder ganz und gar aus dem Märchenreich, archetypisch, auch dann, wenn es längst nicht nur der Kindermärchenwald ist, sondern auch der gefährliche Wald, in den sich Dante am Anfang seiner Reise durch die Unterwelt auf halbem Weg des Menschenlebens verschlagen findet.
Stimmt die Antwort, daß der Wald nicht finster ist? Ja und nein. Sie stimmt, wenn diese Welt aus dem Stoff ist, der Betrachtung nicht nur mit den Sinnesorganen verlangt. Aber wie ist es mit Betrachtung nach Wegfall der Sinnesorgane, wenn es keine Augen, keine Ohren, keine Lippen mehr gibt? Betrachtungen nach diesem Leben? Hier verlieren wir uns in metaphysische Bereiche. Ich könnte natürlich sagen, daß ich mir vorbehalte, falls wir uns nach dem Tod wiedert reffen, noch weitere wichtige Ergänzungen zur Erklärung dieser Texte vorzuschlagen; – aber auch vielleicht noch diesseits des Todes aller von uns gäbe es da eine Bemerkung zu machen: Nämlich diese Gedichte sind von der Art , die von einigen Überlebenden nach einem Atomkrieg, falls es die gibt und falls sie noch an Gedichte denken, leichter und besser verstanden werden könnte als heute. Dies nur nebenbei.

Ich will auch nebenbei darauf hinweisen, daß die Gestalt der Großmutter, als Bezugsperson, die stirbt, auch in Ilse Aichingers Roman Die größere Hoffnung eine wichtige und ebenso inhaltlich wie literarisch bemerkenswerte Rolle spielt.
Mit diesem Hinweis will ich ganz bewußt auf Querverbindungen aufmerksam machen. Man kann das Werk einer Dichterin wie Ilse Aichinger im Grunde überhaupt nicht verstehen, ohne solcher Querverbindungen zumindest eingedenk zu sein. Die Querverbindungen verbinden Prosa, Gedichte, Hörspiele sowohl als ein Gedicht mit dem anderen. Erinnern wir nur noch einmal an das Gedicht „Widmung“ und die Zeile: „die zweite fände uns schon mit Wölfen und Himbeergrün“ so finden wir im unmittelbar vorhergehenden Gedicht „Außer Landes“ die Erwähnung von Orten „mit ihrem Himbeergesträuch“. Daß zwischen diesen Texten irgendein Zusammenhang bestehen muß, ist anzunehmen. Aber zu glauben, daß Himbeergrün und Himbeergesträuch für Ilse Aichinger nur irgendeinen mystischen oder gar künstlich ausgeklügelten Stellenwert oder Symbolwert haben müssen, wäre wohl vorschnell. Ich glaube, sie fußt auf vielen starken Eindrücken, die sie von ihrer Umgebung tatsächlich empfangen hat, teils, vielleicht sogar vor allem, Eindrücken aus der Kindheit, die deshalb paradigmatisch werden konnten, aber vielleicht auch Eindrücken, die später erlebt oder doch neu aufgefrischt und bestärkt wurden, etwa, wenn sie sie mit ihren Kindern wiedererlebte. Ich will jetzt noch ein ganz anderes Beispiel für solche Bildursprünge aus der wirklichen Kindheitsumgebung geben: Das Gedicht „Die trüben Stunden nutzend“ lautet:

Laß das Gelichter
auf den Feldern rasten,
im Dunst, der aufsteigt,
denn nichts leuchtet dir.
Die Grottenbahnen auf den Hügeln
sind jetzt geschlossen,
die Rüben lange aus der Erde,
die Kinder fort.
Die Blumenflechter sind die letzten,
die noch blieben,
sie brennen Öl,
mit ihnen läßt sich reden.

Da haben wir die Zeilen: „Die Grottenbahnen auf den Hügeln sind jetzt geschlossen.“ Manche Leser könnten da ohne weiteres etwa an Hügel mit Tropfsteingrotten denken, durch die Bahnen führen, die aber jetzt, vielleicht weil es Nacht ist, geschlossen sind. Natürlich, wer die Wiener Umgebung der jungen Ilse Aichinger kennt, wird diesen Fehler nicht machen, sondern genau wissen, was die Grottenbahn im Prater bedeutet. Es liegt nahe, daß viele Bildelemente in diesen Gedichten ähnlich zustande kamen, auch wenn ihre Spur nicht so leicht verfolgbar ist wie die der Grottenbahnen.
Dieses Gedicht „Die trüben Stunden nutzend“ steht im Band als übernächstes nach dem Gedicht „Widmung“, in dem eine erste, zweite und dritte Rast beschrieben war. Die erste Rast „noch bei den wollenen Herzen, / die zweite fände uns schon mit Wölfen / und Himbeergrün“ – Hier, in diesem Gedicht nun, soll man das „Gelichter auf den Feldern rasten“ lassen und dann erkennen, daß nichts mehr leuchtet, daß die Grottenbahnen geschlossen sind, die Rüben geerntet, die Kinder fort sind. Es ist eine ziemlich verlassene Welt, wieder eine Landschaft der Trauer, nicht weit von Verzweiflung „Die Blumenflechter sind die letzten, / die noch blieben“ Blumenflechter? Das sind vielleicht Flechter von Grabkränzen. – „Sie brennen Öl, / mit ihnen läßt sich reden“. – Das könnte sich auch auf Ölöfchen beziehen, wahrscheinlich ist aber an Öllampen gedacht, eine uralte und fast so trübe Beleuchtungsart, wie das innere Licht. Öllampen, die auch auf Gräbern brennen. Eine Beleuchtungsart, die Transzendenz-Tendenzen Vorschub leistet und übertragenen Bedeutungen, und mit solchen operieren diese Gedichte immer wieder.
Das kurze Gedicht, das in diesem Gedichtband darauf folgt, heißt

„Dorfweg“:

Die Stare lästern im Herbst
und manchmal höre ich die Türen
aaaaaaaaaazweimal schlagen,
einmal davon im Traum.

Wer gab uns die Bilder,
die roten Äpfel
im Garten des Kohlenbrenners,
ungereimt, aber gesonnen zu
aaaaaaaaaaunterliegen mit uns.

Dieses Gedicht könnte zum Teil geradezu zur Bestärkung dessen dienen, was wir zuvor zu erarbeiten suchten. Wurde im vorigen ein bedeutungsträchtiger Beruf erwähnt, die Blumenflechter, so befinden wir uns diesmal im Garten des Kohlenbrenners. Und dieser ebenfalls schon archetypische Beruf kommt in einem Satz vor, der geradezu nach der Herkunft der Bilder fragt, zuletzt aber auch etwas über die Funktion dieser Bilder aussagt :

Wer gab uns die Bilder
die roten Äpfel
im Garten des Kohlenbrenners
ungereimt,

aber gesonnen zu unterliegen mit uns.

Es wird ausdrücklich gesagt, daß die Bilder ungereimt sind, und es wird ausdrücklich gesagt, daß die Tendenz dieser Bilder nicht ist, irgendeinem lehrhaften oder politischen Zweck zu dienen, irgendein positives Ziel zu erreichen. Ihr Sinn ist, „zu unterliegen mit uns“.

Sprengen wir hier nun wenigstens einmal den Rahmen, den diese Ermittlung sich gesteckt hat, um die wichtige Frage zu stellen, ob das denn wirklich nur ein „Unterliegen“ ist. Die Frage stellen heißt sie verneinen. Ein Unterliegen, das nicht auch der Entfremdung unterliegt, der Verdinglichung, ein Freibleiben davon, sei es auch um den Preis des Unterliegens, ist kein völliges, kein wirkliches Unterliegen. Sowie schon in dem Buch Die größere Hoffnung Ellen und ihre Großmutter und all die anderen Unterlegenen nicht die wirklichen Unterlegenen waren. Ein Trost, der nicht genügt, und doch einTrost.

ungereimt, aber gesonnen zu unterliegen mit uns

Auch deshalb gesonnen zu unterliegen mit uns, weil sie sich um keinen Preis einen Reim auf das machen wollen, was gegen uns steht, weil sie sich nicht mit einem Reimwort einfügen und anpassen wollen, weil hier Kritik an dieser Welt geübt wird, die darum, weil sie nicht tagespolitisch ist, um nichts weniger radikal ist. Als dieser Gedichtband Verschenkter Rat erschienen war, hat Gisela Lindemann, eine der genauesten, sensitivsten unter den Interpreten deutscher Lyrik, in ihrer Rezension in der Zeit (20. Oktober 1978) auch darauf hingewiesen.
Sie nimmt ein vierzeiliges Gedicht zum Anlaß:

NACHRUF

Gib mir den Mantel, Martin,
aber geh erst vom Sattel
und laß dein Schwert, wo es ist,
gib mir den ganzen.

Es ist nicht das erste Mal, daß St. Martin in deutschen Versen nicht getreu der Legende angegangen wird. Vielleicht kannte auch Ilse Aichinger die Bettelreime

Sankt Martin, der du dem Bettelmann
deinen halben Mantel teiltest,
ach, wenn du mir doch dann und wann
meinen ganz zerrissenen heiltest!

Aber Ilse Aichingers Gedicht ist radikaler. Gisela Lindemann trägt der Schärfe der Dichterin Rechnung und sagt: „Zu Grabe getragen wird eine Heldenlegende.“ Sie sagt auch:

Für Begütigung und Akklamation ist keine Zeit mehr, denn auf die Gewährenden ist kein Verlaß… Der glänzende Ritter, dem erst der Bettler zu seinem Glanz verhalf, ist dem ,plebejischen Blick‘ ausgesetzt, er steht nun eher halbherzig da und mit zu groß geratener Geste. Mißtrauen gegen seine Güte ist angezeigt, das Anrecht auch des Schwächeren wird eingeklagt. Das Wort Schwert ist ein anderes in diesem Gedicht als das Wort Schwert in der Legende; auch hoch zu Roß heißt hier etwas anderes als dort.

Ganz ähnlich zeigt Gisela Lindemann auch im Gedicht „In und Grimm“ die unerbittliche Kritik, die Anklage, aber auch, wie die zwei Wörter „In“ und „Grimm“, deren Verlust das Gedicht beklagt, gerade durch diese Klage wieder gerettet werden.
„Wo warst du“ fragt Ilse Aichinger keinen Geringeren als den jüngsten Richter, wenn er kommt:

Auf euch will ich mich versteifen,
wenn der jüngste Richter kommt
und will ihn fragen:
weshalb hast du mich nicht geweckt,
damals im Juli,
wo warst du,
als die beiden Wilden ertranken,
meine Rotfelle und deine,
von denen eines hoffte,
das andere nicht?

Die Rezensentin zeigt vieles anhand dieses Gedichtes, wie Ilse Aichinger „den entferntesten Fluchtpunkt beschwört, den je Menschen erdacht haben“, daß sie immer die List ihrer Gedichte, das gleichsam kindliche, scheinbar verspielte Durchschauen der Welt (wieder wie in dem Buch Die größere Hoffnung) immer aufs Ganze geht, daß sie nur so ihre zwei Wilden, deren Verlust sie beklagt, vor der Welt der Planierer, die den Ingrimm entwertet haben, wieder retten kann, – ,wieder wild machen‘ möchte ich hinzufügen. Und ich möchte vielleicht auch noch hinzufügen, daß sie – zum Unterschied etwa von Karl May, (laut Ernst Bloch dem deutschen Indianerutopisten) nicht Rothäute sagt, sondern Rotfelle, vielleicht weil es ja nicht Menschen sind, sondern Wörter, und möglicherweise auch, weil das Gedicht nicht nur von heute handelt, sondern auch von gestern und morgen, von Fällen, die schon vorgefallen sind, und von solchen, die erst fälligwerden.
Hier könnten die Erklärungen und Deutungen weitergehen. Wir sind weit davon entfernt, alles in ihnen erklären zu wollen. Ich bezweifle auch, ob es Absicht der Dichterin war, alles zu erklären, alles auszuplaudern, was in ihr anklang. Aber durch die Querverbindungen der Worte und Bilder, durch das, was eines über das andere immerhin aussagt, sind wir vielleicht doch in der Lage, ein wenig besser zu erkennen, was uns in der Landschaft dieser Gedichte anspricht, vielleicht bewegt, vielleicht nur betroffen und traurig macht. Man kann Gedichte mehrmals lesen, mehrmals sich durch den Kopf gehen lassen, manchmal mehrmals hören, im Wachen und vielleicht auch anders – so wie Ilse Aichinger gesagt hat: „und manchmal hörte ich die Türen zweimal schlagen / einmal davon im Traum.“

Erich Fried, Neue Rundschau, Heft 4, 1981

Einübung ins Unangepaßte

− Ilse Aichingers erste Gedichtsammlung. –

Wer versuchen wollte, Ilse Aichinger in die gängigen literarischen Normen einzupassen, würde kein Glück haben. Ilse Aichinger ist Grenzgängerin, von Anfang an, Partisanin im schwierigen, unerkundeten Gelände, ausgestattet allein mit ihrer geschärften Wortwaffe. Ihre Dichtungen lesen sich wie fortschreitende Einübungen in das Unangepaßte, in Widerstand und Verweigerung. Das betrifft den ersten und einzigen Roman Die größere Hoffnung, den die Autorin siebenundzwanzigjährig 1948 veröffentlichte, und kennzeichnet noch konsequenter ihre Hörspiele und Prosastücke.
Zumal die Prosastücke entführen in ein „anderes, fremdes Land“, wie Jürgen Becker bemerkte, das nicht leicht, nicht auf gewohnten Wegen zugänglich ist. Was sich als Mitteilung herausschält, im Aufriß hautnaher Erfahrungen und Erkundungen, ist reduziert auf eine unmittelbare poetische Realität, verzichtet auf vorgegebene, vorgetäuschte Zusammenhänge, auf logische oder chronologische Abläufe. Dabei geht es nicht um eine formale Manier, etwa nach dem Muster des Surrealismus, sondern um ein Grundverhalten, von dem Ilse Aichinger selbst sagt:

Wenn ich die Form zu suchen gefunden habe, merke ich, daß ich eigentlich die Form zu finden gefunden habe, im Falle des Textes, die Form zu lesen, und daß Lesen und Schreiben wie Suchen und Finden sich einander bis zur Identität annähern können.

Wie die Prosastücke oft in eine poetische Sprechweise übergehen, grenzgängerisch auch hier durch Reduzierung auf eine sprachintensive bildhafte Wörtlichkeit, so gilt das Gesagte ebenso uneingeschränkt für die Gedichte. Der Band Verschenkter Rat (S. Fischer Verlag) versammelt 86 Gedichte aus zwanzig Jahren, frei geordnet, ohne Rücksicht auf die Entstehungszeiten. Einige Gedichte wurden aus dem Band Wo ich wohne (1963) übernommen, andere las man in Zeitschriften und Zeitungen, die meisten sind unveröffentlicht. Aber es würde auch schwerfallen, die Gedichte bestimmten Entwicklungsstufen zuzuordnen.
Bereits das erste Gedicht Gebirgsrand schlägt den Grundton an, die Auseinandersetzung mit einer irrealen Realität, fixiert im Niemandsland zwischen Tagwissen und Traumerfahrung, zwischen Morgen und Schatten.

Denn was täte ich,
wenn die Jäger nicht wären, meine Träume,
die am Morgen
auf der Rückseite der Gebirge
niedersteigen, im Schatten.

Es ist ein paradoxer Vorgang, ein fortwährendes Gehen über dem Bodenlosen, die Welt auszulassen oder durch sanfte Nötigung „meine Träume“ einzuholen. Viele Gedichte sind von der Art, daß allein aus apodiktisch gesetzten Worten ein Zwischenreich entsteht, mit „Säulen aus Staub, die Tempel tragen“ oder wo „das Erträgliche sich verdächtig macht“. Das Eigentümliche ist nun, daß diese Gedichte keiner spielerischen Verfremdung anheimfallen, daß die poetische Phantasie der Autorin keineswegs in eine private oder abgesonderte Unverbindlichkeit gerät.
In scharf geschnittenen, niemals kalligraphischen Bildern teilt sich eine radikale Erfahrung mit, die kein Abgleiten, keine Vertuschungen oder Kompromisse zuläßt. „doch was sie singen, / dringt nicht mehr zu mir“, heißt es einmal, und am Ende desselben Gedichts:

Wie schwarz mein Land wird,
nur tief unten krümmt sich
grün die Zeit.

Ilse Aichinger macht es sich und ihren Lesern nicht leicht. Nicht nur, weil sie Zusammenhängen mißtraut und konsequent dagegen die Erfahrung des Ungesicherten setzt. Sie überträgt unmittelbar in ihre Verse wie in ihre Prosa, was der Lebenswirklichkeit an Paradoxien und Irritationen, an Ängsten und Widersprüchen mitgegeben ist. Die schönen Übereinkünfte zählen nicht mehr,

lieber wollen wir warten,
bis uns die goldenen Füchse
im Schnee erscheinen

Es sind allein die Gedichte, die aus Worten geschaffene Zwischenwelt, die sich unbeirrbar behaupten. Doch auch die Worte erbauen keinen Wohnort, wo sich der ausgesetzte und umstellte Mensch einrichten könnte. Ausgreifende Begütigung oder Trost bieten die Gedichte nicht, sondern:

alles so wie es ist
und so wie es nicht ist,
Schnee und Schlemmkreide,
eine Hilfe, aber keine Hilfe,
kein Trost, aber ein Trost.

Ein genaueres, kompromißloseres Festhalten des Auf-sich-Gestelltseins ist kaum möglich. Wie weit Ilse Aichinger geht, einen vorhandenen oder scheinbar vorhandenen Trostvorrat zu entlarven, zeigt die bittere, radikale Umkehr der bekannten Martins-Legende, in einem Vierzeiler mit dem Titel „Nachruf“, aus der Sicht des Bettlers gesprochen:

Gib mir den Mantel, Martin
aber geh erst vom Sattel
und laß dein Schwert, wo es ist,
gib mir den ganzen.

Was immer die Gedichte vermitteln, zielt natürlich auf ein Verhalten in der Welt, auf eine ungemein wache, sensibel ausgelotete Gegenwärtigkeit. Die Welt als erfahrenes und erkundbares Gegenüber ist übermächtig vorhanden, ist auszuhalten mit ihrem ganzen bedrohlichen Gewicht im Rücken. Sie drängt von der „Rückseite der Gebirge“ heran oder „krümmt sich tief  untern“.
Die bittere Wahrheit, die in den Gedichten aufscheint, ist nicht auf fertige Rezepte und schöne Einbildung aus, sondern auf den nie zur Ruhe kommenden Prozeß des Sicherkennens, auf ein illusionslos prüfendes Sichbehaupten. Wie weit das überhaupt die poetische Sprache leisten kann, ohne dabei einer neuen, mit Worten herstellbaren Täuschung und Scheinsicherheit zu verfallen, zeigen die Gedichte Ilse Aichingers. „Nimms hin, / wenn du kannst, / da, nimm schon“, heißt es im Titelgedicht „Verschenkter Rat“:

oder willst du lieber
die Blattkehrer
von deiner Wiese treiben
und Ibsens Ziegen
darauf,
gleich weiß, gleich glänzend?
Es gibt Ziegen und es gibt Ibsens Ziegen…

und weiter:

Hör gut hin, Kleiner,
es gibt Weißblech, sagen sie,
es gibt die Welt,
prüfe, ob sie nicht lügen.

Eberhard Horst, Neue Rundschau, Heft 1, 1979

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

anonym: Lyrische Kostbarkeiten
Neues Volksblatt, 17.11.1978

Walter Helmut Fritz: Im Licht von Abschied
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.2.1992

Gertrud Fussenegger: Leiser Austausch
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.5.1979

h.h.h. [Hans Heinz Hahnl]: Österreichische Autoren: Wörterprunk und Wortversteck
Arbeiterzeitung, 20.12.1978

Dieter Hoffmann: Gedichte als Schild und Glocke. Drei neue Lyrikbände: Ilse Aichinger, Bernd Jentzsch, Walter Helmut Fritz
Frankfurter Neue Presse, 20.10.1978

Eckart Klessmann: Innere Spiegelung
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.2.1981

Gisela Lindemann: „Prüfe, ob sie nicht lügen“. Poetische Phantasie. Ilse Aichingers Verschenkter Rat
Die Zeit, 20.10.1978

Dagmar C.[harlotte] G.[abriele] Lorenz: Humor bei zeitgenössischen Autorinnen
Germanic Review 62, Heft 1, 1987

Heinz F. Schafroth: Vom Überleben um keinen Preis
Weltwoche, 15.11.1978
auch in: Argauer Tagblatt, 10.2.1979

Matthias Schreiber: Trauer spielt mit der Welt. Die Gedichte Ilse Aichingers
Leverkusener Anzeiger, 28.11.1978
auch in: Kölner-Stadt-Anzeiger, 28.11.1978

Hilde Spiel: Eh die Träume rosten und brechen. Ilse Aichingers Gedichtband Verschenkter Rat
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.11.1978

Hilde Spiel: Zwischen Leben und Tod
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.2.1979

Helmut Strutzmann: Poesie. Aus zwanzig Jahren
Die Furche, 3.11.1978

Heinrich Vormweg: Quer durch die Reihen. Warum nicht Gedichte
Süddeutsche Zeitung, 9.1.1982

Jürgen P. Wallmann: Ilse Aichingers lyrische Ernte
Der Tagesspiegel, 18.2.1979
[Weitere Abdrucke, jeweils geringfügig verändert:]
Im Öhr eingefädelte Kamele. Lyrik-Neuerscheinungen
Rheinischer Merkur, 30.3.1979
Der Stoff, der Betrachtung verlangt
Darmstädter Echo, 7.4.1979
„Hör gut hin, Kleiner…“ Sprache, die sich immer neu finden muß: Ilse Aichingers Gedichte
Saarbrücker Zeitung, 8.6.1979
Sinnliche Wahrnehmung und Meditation
Mannheimer Morgen, 5.10.1979.
[o. T.]
Literatur und Kritik 14, Heft 136–137, 1979

 

Auf der Rückseite der Gebirge

− Zur Lesung von Ilse Aichinger in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste am 8.12.1982 in München. −

Es gehört zu den Gepflogenheiten der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, daß ein Mitglied die Lesung einer Kollegin, eines Kollegen einleitet, einläutet. Doch heute stehe ich hier mit besonderen Skrupeln. Ilse Aichinger einläuten zu sollen heißt, sich allzu sehr in das Licht eines anderen zu stellen. Ich stehe gern in ihrem Licht, aber nicht um gesehen zu werden, sondern um zu sehen. Zu glauben, etwas sichtbarer machen zu können, als sie selbst es kann, hieße, das Augenmaß verloren zu haben.
Ich weiß nicht, welche Texte Ilse Aichinger heute abend lesen wird. Ich kann Ihnen nur das Gedicht „Gebirgsrand“ in Erinnerung rufen:

GEBIRGSRAND

Denn was täte ich,
wenn die Jäger nicht wären, meine Träume,
die am Morgen
auf der Rückseite der Gebirge
niedersteigen, im Schatten.

Wir wissen: Während wir träumen, bewegen wir die Pupillen, atmen wir unregelmäßig, und unsere Muskeln verspannen sich. Obwohl wir in den Traumphasen am tiefsten schlafen, ähnelt das Hirnstrombild dem des Wachzustandes. Nicht nur die im Traum empfundenen Ängste, unsere Träume jagen uns.

… die Jäger, … meine Träume

Wissenschaftler vermuten aber auch, daß wir, wenn wir träumen, Eindrücke aus einem Kurzzeitspeicher in einen Langzeitspeicher übernehmen und sie zugleich in unseren Erfahrungsschatz einordnen, daß wir also auch im Traum unser Gedächtnis bilden. Biochemisch, so sagen sie, könnten die Traumphasen für das Gehirn Phasen der Erholung sein. Und wir wissen, wer über längere Zeit am Träumen gehindert wird, erkrankt. Nicht träumen zu dürfen kann zur Folter werden.

Denn was täte ich,
wenn die Jäger nicht wären, meine Träume …

Dieses Bild ist bis in seine Tiefen scharf. Kann man, was Schärfe betrifft, etwas sichtbarer machen?

… wenn die Jäger nicht wären, meine Träume,
die am Morgen
auf der Rückseite der Gebirge
niedersteigen, im Schatten.

Kann man, was Licht betrifft, etwas sichtbarer machen?
Unsere Träume sind Jäger. Sie jagen uns, damit wir weiterleben können.
Dieses Bild macht uns staunen.

Reiner Kunze, aus: Reiner Kunze: Bleibt nur die eigne Stirn. Ausgewählte Reden, RADIUS-Verlag, 2005

Eine Lektüre einiger Gedichte Ilse Aichingers

Verrat ist nicht das Gegenteil der
Liebe, Verrat ist eine Möglichkeit
der Liebe.

Amos Oz

Einen einzigen Gedichtband hat Ilse Aichinger publiziert: verschenkter Rat. Eine jeder Ökonomie spottende Großzügigkeit und Freundschaft sind aus dem Titel herauszuhören. Aber auch Vergeblichkeit. Man kann sich tatsächlich nicht gut vorstellen, dass Ilse Aichinger anders raten könnte als mit dieser Offenheit und Absichtslosigkeit, den Ausdrucksformen der Anspruchslosigkeit. Einer Anspruchslosigkeit allerdings, die an alle höchste Ansprüche stellt. Denn sie ist ein Ansprechen. An- und Zurede, Frage und Aufforderung gehören zur rhetorischen Grundstruktur ihrer Gedichte. Immer ist da ein Ich, das im Sprachraum des Gedichts einen Anderen sichtbar macht. Entdeckt und aus der Deckung zwingt.

SprungBrücke
Die uns von Ilse Aichinger zugemutete Freundschaft ist nur da eine, wo sie am Abgrund ihres Gegenteils steht. Ilse Aichinger hat ihrem Gedichtband einen Titel gegeben, in dem die Vorsilbe ver– auftaucht. Mit Rat zusammen klingt an, was nicht ausgesprochen ist: Ver Rat. Ilse Aichingers Gedichte sind Rat und Verrat in einem, um mit dem Titel des letzten Gedichtes des Bandes zu sprechen. „Wir haben die Wahl zwischen Petrus und Judas: zu verleugnen oder zu verraten“, notierte Aichinger 1950 in ihr Notizbuch. Eine Wahl, die nicht einmal den Namen verdient, denn das Verleugnen kommt nicht infrage. Es ist keine Möglichkeit des Schreibens. Schreiben hat mit Verraten mehr zu tun als mit Verleugnen. Und der Verräter lügt nicht. Er bricht einen Kodex. Er bricht mit der Macht, am deutlichsten mit der Macht des Schweigens, mit der Macht des ,man‘. So bricht Ellen am Ende des Romans Die größere Hoffnung mit der Hoffnung, reißt sich los von allen und allem: „Irgendwann mußte man springen“. Der Sprung wird ihr zur Brücke, die ,die größere Hoffnung‘ heißt. Die Granate, die sie zerreißt, wird ihr zum Stern. In Ellens Bruch besteht die immer noch skandalöse Kraft des Romans.
In den Gedichten brechen nicht Figuren, sondern Wörter mit ihrem Kontext, mit ihrer Bedeutung. Sie sagen sich los von dem, was sie sagen. Ilse Aichinger, deren Anarchiebegriff bis ins Biologische hineingeht, ist auch eine semantische Anarchistin. Ihre Gedichte sind wie ihre Dörfer im Gedicht „Selbstgebaut“: wild und sich selber überlassen.

SELBSTGEBAUT

Ich will meine Dörfer
ohne Worte lassen
und nur den Schnee
durchschwingen
und offen gegen die Zäune.
Von der Höhe meiner Speicher
will ich die Jaguare betrachten,
die Wölfe pfeifen hören.
Die Sonne sprang hier fort,
aber den Kindern
wird bei ihrer Ernte
von Löwenzähnen geholfen,
Platz für den König!

BedeutungsVerrat
Mit seltener Heftigkeit wird Ilse Aichinger im Prosatext „Schnee“ ausfällig gegen einen Kämmerer, der entzückt ausruft: „Das schöne beschneite Schulhaus!“ Mit der diesen späten Texten eigenen Art, wie beiläufig auf die Füße zu fallen, wenn sie abzustürzen drohen, kommt Ilse Aichinger zur Sache:

Das brachte mich in solchen Zorn, daß ich mich auf dem Absatz umdrehte und davonrannte. Als ich mich nach einer Stunde besann und wieder auf dem Absatz herumdrehte, um ihn zu suchen, war er verschwunden. Er war so verschwunden wie das Dorf und auch sein Schulhaus verschneit waren. Beschneit war gar nichts mehr.

So stolpert sie in ihr Thema: die Vorsilbe „ver-“. Dies in einer bemerkenswerten Bewegung. Die doppelte Kehre bringt den Kämmerer zum Verschwinden, um gerade dann bei ihm zu sein. Auch hier Abkehr und Zuwendung in einem. Ilse Aichingers Sätze verlassen, wem sie sich zuwenden. Selbst den Schnee. Er fällt und bleibt liegen, steht nicht mehr auf, vergeht. Aber dazu muss auch seine Bedeutung vergehen. Nicht mehr von ,dem‘ Schnee kann die Rede sein, sondern nur noch von ,Schnee‘. Ein Wort, das für nichts mehr steht, das seine Bedeutung ,verrät‘. Erst jetzt ist Schnee das Letzte, das er bedeutet, weil er es nicht mehr bedeutet. Eines der ,Wörter‘, nach denen Ilse Aichingers Werk unablässig sucht:

Schnee ist ein Wort. Es gibt nicht viele Wörter. Es gibt nicht viele, die nicht bezeichnen, womit sie eins sind, weil sie es nicht bezeichnen. Die nicht eins sind mit dem, was sie nicht bezeichnen, weil sie damit eins sind. Aber Schnee ist ein Wort.

Wie ernst es ihr mit der Ausfälligkeit gegen den Kämmerer ist, zeigt gerade, dass sie diese und sich sogleich der Lächerlichkeit preisgibt: Richtigerweise müsse es auch ein „vergossener Pudel“ heißen, denn das „eingesackte be“ habe mit seinem Leiden gar nichts gemein. Und auch der Hinweis, die Vorsilbe „ver“ sei die zweite Silbe des Wortes „Dover“, bringt das Thema ja auch gleich wieder dahin, wo es hingehört: zum Verschwinden.
Ilse Aichingers Gedichte brauchen im Unterschied zu denen mancher ihrer Zeitgenossen kaum Metaphern. Sie sind buchstäblich bedeutungslos und bedeutungslos buchstäblich wie das. Gedicht „Mittlerer Wahrspruch“, das auch den Witz, die bodenlose Heiterkeit, den Sinn für Spott und Komik Ilse Aichingers zeigt:

MITTLERER WAHRSPRUCH

Und wenn man in die Türkei fährt,
sagt meine Großmutter,
und dort stirbt,
wird man also
auf einem türkischen Friedhof
begraben.

Dagegen ist nichts einzuwenden – außer alles.

WortVater
Zuletzt ist das Wort. So wie es zuerst war. Ende und Anfang verkehren sich im Gedicht „Mein Vater“. Der Schnee fällt darin nicht, er steigt auf:

MEIN VATER

Er saß auf der Bank,
als ich kam.
Der Schnee stieg vom Weg auf.
Er fragte mich nach Laudons Grab,
aber ich wußte es nicht.

In dem Gedicht ereignet sich etwas womöglich noch Heftigeres, noch Beängstigenderes als das Verschneien: „Der Schnee stieg vom Weg auf.“ Das wird kaum heißen, dass besonders viel Schnee gefallen war. Oder dass er dahin zurückkehrte, woher er kam – dass er zum Himmel fährt. Das Gedicht interessiert sich nicht für Ziele. Es geht ihm um die verkehrte Situation. Eine Bank an einem Weg. Der Vater ist (schon), wo das Kind (noch) geht. Der Vater sitzt oder „saß“. Das Präteritum muss nicht bedeuten, dass sein Weg zu Ende ist. Es unterstreicht das Vorübergehende der Zeit. Die Frage, wohin der Weg führt, ob zu Laudons Grab oder eher von ihm weg oder keines von beiden (die Frage nach seiner Bedeutung), wird von Ilse Aichinger unterlaufen, indem sie nicht den Vorbeikommenden, sondern den Sitzenden fragen lässt. Also die mögliche Auskunftsperson selber. Dass es der Vater ist, der es nicht weiß, obschon er dem Grab gewiss näher ist als das Kind, macht den Abschied und den Verlust, um den es geht, zu einer traumatischen Erfahrung. Aber auch hier die doppelte Kehre: Der Abschied wird zu einem Moment der Zuwendung. Das Nichtwissen wird im Zeilenumbruch wieder zu dem des Kindes. Im „aber“ klingt dann beides an: seine Distanz und seine Zugehörigkeit; Bedauern auch und Scham.

Abschiedsliebe
In dem Gedicht „Florestan  wird „unter dem Schnee“ ein Kinderspiel zu einem wilden Tanz von Zärtlichkeit und Gewalt, von Liebe und Verrat:

FLORESTAN

Jetzt will ich dich,
mein Bruder,
in den Gängen fangen
und unter den Schnee
treiben.
Die Übergänge
will ich dir zeigen
und die Stätten,
um kurz zu rasten.
Ich will dich
von den hellen Plätzen
verscheuchen,
daß du weit auffliegst
und dich zu mir
fort begibst,
unserem Kranz
zur Nacht.

Von welcher Art von „Übergängen“ – Ausgänge scheint es nicht zu geben redet das Gedicht, für die ihm jedes Wort des Übergangs, jede Metapher fehlt? Da behauptet einer, sie zeigen zu können. Dem Leser und Florestan jedoch bleiben sie verborgen. Jedenfalls wohin sie führen. Nur dass es eine lange Reise wird, auf der es Raststätten braucht. Und dass es aus dem Hellen in die Nacht geht, aus der da einer spricht, verführerisch und gefährlich auf eine Zugehörigkeit, einen Kranz pochend, der die Nacht ist.
Eine Kindheitserinnerung Ilse Aichingers ist besonders wichtig: die Deportation der Großmutter 1942 nach Minsk, von wo sie nicht mehr zurückkehrte. Das Bild ihres Verschwindens über die Brücke ist unauslöschbar. Ein Bild von leuchtender Finsternis. 1953 notierte Ilse Aichinger:

Was wir lieben, verkörpert sich. Und was lieben wir mehr als den Abschied? So verkörpert sich uns der Abschied. Das Wunder geschieht, wenn wir dem Dauer geben. Dann werden wir mächtig. Mit dem Abschied in den Armen, für immer.

Leben ist Abschied, Liebe Verrat. Liebesverrat, der Liebe verrät. Dieses Wunder geschieht in Ilse Aichingers Gedichten.

SchlussUmkehr 
Dass das Ende hinter uns liegt und der Anfang vor uns, dass Gewinnen Verlieren heißt, Finden Suchen und Behalten Aufgeben – das sind die Paradoxa, die Ilse Aichingers Gedichte aufwühlen, durcheinander bringen und auflösen in Stimmen, die ihre Träger in diesem doppelten Sinn verraten: Sie lösen sich von dem ab, auf den sie in der Ablösung verweisen. Im Gedicht „Winterantwort“ ist dies in ähnlich irritierender Weise wie in „Mein Vater“ zu spüren. Wieder haben wir es mit einem verkehrten Verhältnis von Kind und Erwachsener zu tun:

WINTERANTWORT

Die Welt ist aus dem Stoff,
der Betrachtung verlangt:
keine Augen mehr,
um die weißen Wiesen zu sehen,
keine Ohren, um im Geäst
das Schwirren der Vögel zu hören.
Großmutter, wo sind deine Lippen hin,
um die Gräser zu schmecken,
und wer riecht uns den Himmel zu Ende,
wessen Wangen reiben sich heute
noch wund an den Mauern im Dorf?
Ist es nicht ein finsterer Wald,
in den wir gerieten?
Nein, Großmutter, er ist nicht finster,
ich weiß es, ich wohnte lang
bei den Kindern am Rande,
und es ist auch kein Wald.

Die Großmutter, die zunächst tot zu sein scheint, ist es, die die Frage nach dem finsteren Wald stellt. Und das Enkelkind gibt die Antwort. Es hat schon hinter sich, was die Großmutter am Anfang hinter sich zu haben schien. Leben und Tod sind hier nicht mehr differenzierbar. Aber präzis an dieser Stelle des stillstehenden Übergangs öffnet das Gedicht seinen Klangraum körperloser Stimmen und stimmloser Körper. In ihm sind sie gegenwärtig, weil das Gedicht nicht erinnernd das Verschwundene wieder holt, sondern das Verschwinden wiederholt.
Mit einer unerwarteten Schlusswendung verkehrt und hebt das Gedicht „Tagsüber“ die Passage vom Leben zum Tod auf: durch einen ,verbotenen‘ Gebrauch der Konjunktion „solang“ („solang bis noch“). Und durch das schockierend dezidierte Ja zum Nein am Schluss:

TAGSÜBER

Ein ruhiger Junitag
bricht mir die Knochen,
verkehrt mich,
schleudert mich ans Tor,
hängt mir die Nägel an,
die mit den Farben
gelb, weiß und silberweiß,
verfehlt mich nicht,
mit keinem,
lässt nur die Narrenmütze fort,
mein Lieblingsstück,
würgt mich
mit seinen frischen Schlingen
solang bis ich noch atme.
Bleib, lieber Tag.

Unerwartet bleibt die in der aichingerschen Logik gerade keinen Widerspruch bildende Schlusskehre selbst noch bei ihrer wiederholten Lektüre, weil das Verletzen und Verrecken, um das es hier geht (Wörter, die Ilse Aichinger nicht braucht, die aber durchaus schon zum lyrischen Vokabular ihrer Zeit gehören), in ihrer rhetorischen Heftigkeit einen dermaßen in Beschlag nehmen, dass man selber zu keiner Regung mehr fähig ist. Und genau in die Reglosigkeit hinein, aber auch aus ihr heraus, kommt dann das zärtlichste, rückhaltloseste Bekenntnis zum Kreuz, zum Schmerz – der Liebesverrat.

GnadenLos
„Ich kann getröstet nicht leben“, notierte Ilse Aichinger 1962. Das ist keine Option für Trostlosigkeit, aber ein Ausdruck gnadenlosen Misstrauens allen Tröstern, Helfern und Rettern gegenüber. So holt sie im Gedicht „Nachruf“ in ähnlicher Verkehrung der tradierten Perspektive wie in „Mein Vater“ den gnädigen Heiligen Martin Zeile für Zeile vom Sattel:

NACHRUF

Gib mir den Mantel, Martin,
aber geh erst vom Sattel
und lass dein Schwert, wo es ist,
gib mir den ganzen.

Dieselbe Gnadenlosigkeit zeichnet auch das Gedicht „Findelkind“ aus, in dem der Schnee wieder auftaucht, nicht beschneiend, sondern jeden Schutz versagend, jedes Versteck des Fremdlings verratend:

Dem Schnee untergeschoben,
den Engeln nicht genannt,
kein Erz, kein Schutz.

Nicht der Schnee soll das Findelkind wärmen und schützen, auch nicht eine mythenverdächtige Wölfin, sondern ein „toller“ Fuchs mit Beißen und Kratzen. Von ihm, dem zum Sterben Kranken, verlangt Ilse Aichinger ultimativ die ersten Zärtlichkeiten in einer an das Gedicht „Florestan“ erinnernden Diktion, in der sich eben diese Zärtlichkeit zur Drohung steigert:

Dann komm doch du noch einmal,
alter, toller Helfer,
schleif dich zurück zu ihm,
beiß es, verkratz es,
wärm es, wenn deine Räubertatzen noch warm sind,
denn außer dir kommt keiner,
sei gewiß.

Wem die Liebesgedichte fehlen in Ilse Aichingers lyrischem Werk: hier ist eines!
Ilse Aichingers Gedichte kennen weder Furcht noch Hoffnung, selbst oder gerade da, wo sie von beidem erfüllt sind. Was sie verlangen, verlangen sie von sich selbst. Immer wieder inszenieren sie nicht nur den Liebesverrat, sondern auch den doppelten Verrat der eigenen Angst: in ihrer Offenlegung und in der Distanzierung von ihr. Sie sind das Zittern der Knie Jonathans beim Sprung, von dem das Gedicht „Auf Sicht“ redet:

AUF SICHT

Es liegt alles offen,
die Gehäuse der Rabbiner
und die Bienenhäuser,
in Schreinen die Zielschiffe,
die beharrlich sind,
die sich die Küste entgehen lassen,
Höhlen und rissige Tiere.
Dir zittern die Knie,
Jonathan, wenn du springst
und dich vorwagst,
aber spring, dich behalten sie leicht,
steck Veilchen ins Knopfloch,
die Zimmerleute sind schutzlos
in jedem Stein.

Wiederum ist Ilse Aichingers Rat zum Sprung Rat und Verrat in einem; Rat zum Verrat. Gedeckt ist er durch das Gedicht selber, das Jonathan in den ersten sieben Zeile vor-springt. Die Beharrlichkeit im Entgehenlassen, die den in den Schreinen nicht ans Ziel – oder nicht an die Küste, aber ans Ziel- gekommenen ,Zielschiffen‘ attestiert wird, übt es zunächst selber. Der Satz „Es liegt alles offen“ bezieht sich auf mehr als nur die nachfolgende Liste von ,Gehäusen‘. Er öffnet auch das Gehäuse des Gedichtes selber, sodass Jonathan im Zeilensprung von Satz zwei zu drei hineinspringen kann, aufgehoben wird mit seinem Zittern im Zittern des Gedichts. Aber eine weiche Landung wird es nicht. Das Gedicht springt freundschaftlich, aber hart mit ihm um:

Dir zittern die Knie,
Jonathan, wenn du springst
und dich vorwagst

Hysteron-Proteron: Der Sprung, sagt es ihm, kommt vor dem Wagen. Es gibt keinen Anlauf und keinen point of return. Als müsste springen, wem die Knie zittern. Als wäre die Angst eine Angst zum und nicht vor dem Sprung. Dann steckt das Gedicht Jonathan fröhlich Veilchen ins Knopfloch, noch bevor er es selber tun kann, und überlässt den zu Beaufsichtigenden ohne Aufsicht, aber „auf Sicht“ (-weite) seinem Schicksal. Auf Sichtweite der Zimmerleute, die unwiderruflich im Offenen, im Ende, angelangt sind: „schutzlos / in jedem Stein“.

VerrateSpiel
Gedeckt ist der Rat als Verrat, wenn das Gedicht sich selber verrät. Das dreiteilige Titelgedicht verhallt im zweiten und dritten Teil. Im ersten bilden der Rekurs „spanische Eröffnung“ auf „Schachbuch“ inhaltlich, „Weißblech“ – „Welt“ in der Alliteration und „prüfe“ – „lügen“ klangmäßig einen eng geknüpften Teppich. Der zweite und dritte Teil trennen ihn auf. Das „und“ je zu Beginn verweist auf einen endlosen Kontext. Das fällt um so mehr ins Gewicht, wenn man bedenkt, dass diese zwei Teile zuerst entstanden sind (ihre Manuskripte sind datiert mit dem 19. Februar 1977) und erst später den ersten Teil (datiert am 12. Juli 1977) mit seinem hic et nunc vorangestellt bekamen:

VERSCHENKTER RAT

I

Dein erstes Schachbuch,
Ibsens Briefe,
nimms hin,
wenn du kannst,
da, nimm schon
oder willst du lieber
die Blattkehrer
von deiner Wiese treiben
und Ibsens Ziegen
darauf,
gleich weiß, gleich glänzend?
Es gibt Ziegen und es gibt Ibsens Ziegen,
es gibt den Himmel und es gibt eine spanische Eröffnung.
Hör gut hin, Kleiner,
es gibt Weißblech, sagen sie,
es gibt die Welt,
prüfe, ob sie nicht lügen.

II

Und frag sie,
was der fremde Thorax
im Garten soll,
schon versteinert,
der erste in diesem Frühling

zwischen den Brombeerhecken,
Mäusen
und der Mauer,
an die das Wasser
für uns schlägt,
was er dem Garten nützt.
Ob er ihn nötig hätte,
unseren Garten,
oder der Garten ihn.

III

Und
dass uns etwas zugetragen wurde
von Laufzeiten.
Ob die mit Lauf, mit Läufen zu tun hätten,
mit Läuften, mit den Zeiten
oder mit nichts davon.

Das Gedicht ist in seiner unausgeglichenen Dreiteilung eines der unruhigsten und noch weit beunruhigender als das kompaktere, ihm inhaltlich verwandte mit dem Titel „Zeitlicher Rat“. Vor allem im Mittelteil, in dem Ruhe, Vertrautheit und Sicherheit eines loeus amoenus in Bewegung geraten, die durch die kontrastierende Unaufgeregtheit der Fragen und dessen, der sie stellt, dramatisch noch gesteigert wird. Zuerst aber fällt die Choreografie äußerer und innerer Bewegungen auf: „nimms“, „willst“, „treiben“. Dann der Stillstand: „es gibt“. Und schließlich „prüfe“. Und schon sind wir weit weg vom anfänglichen „nimms hin“. Dazu kommt eine diskursive und syntaktische Direktheit, die in irritierendem Widerspruch zur Eigenwilligkeit der Dinge steht, von denen die Rede ist. Obschon je für sich ohne Rätsel, entfalten sie in ihrem Aufeinandertreffen unabsehbare Wirkungsfelder. Drittens treten die klare rhetorische Struktur und die helle tonale und emotionale Färbung hervor. Weiß dominiert: Briefe, Ziegen, Blattkehrer, die vielleicht die Seiten wenden und die Blätter wieder weiß wischen, die Briefe löschen. Dazu Weißblech, das dünne, feine Büchsenblech. Alles tönt hell: Ibsen, Ziege, Kleiner, Himmel, Wiese. Bis am Ende, nach der Verdunkelung mit Mittelteil, im Auslauf, die dunklen Laute sich durchsetzen: der „Lauf“ und dass er bald aus ist.
Zur Inszenierung gehören die personae. Sie bilden die Grundbesetzung der Gedichte Ilse Aichingers: das lyrische Ich, ein im Text eingelagertes Du (das nicht der Leser ist) und ein undefiniertes „sie“. An das angeredete Du gibt das Ich seine Fragen weiter, an deren Beantwortung es genauso wenig interessiert scheint wie am „sie“, das sie beantworten sollte. Als wollte das Ich nichts, als seine Fragen loswerden. Und mit ihnen das Wissen. Als ginge es um die (seit der „Spiegelgeschichte“ in Ilse Aichingers Werk virulente) Wiederherstellung der fraglosen Ratlosigkeit des Kindes, des ,Kleinen‘. Und um zu prüfen, ob es die Welt gibt (nicht wie sie ist, was sie bedeutet etc.), müsste es ja noch weiter zurückgehen, vor die Geburt, vor den Anfang, aus der Welt hinaus. Die Fragen sind niemandem gestellt, das ist ihre Provokation. Nichts wäre so töricht, wie einem zu antworten, der seine Fragen (im zweiten und dritten Teil des Gedichts) vor unseren Augen verspielt in der „oder“-Mühle der Differenzen, die der erste Teil in Gang gesetzt hat. Albert Camus hat das Absurde als die Konstellation des Ich, das fragt, und der Welt, die schweigt, definiert. Bei Ilse Aichinger kommt auch das Ich zum Schweigen.

VergessensZusammenhang
Das Ich, das in Ilse Aichingers Gedichten spricht, ist das Gedicht selber. Die Wörter sind seine Kuriere. Sie werden auf den Weg geschickt, auf dem sie ihre Botschaft vergessen. Zwei widersprüchliche Seiten erfährt man in jedem der Gedichte: ihr Verhängtsein in einen determinierten, subjektiven Erinnerungszusammenhang einerseits und ihr souveränes Heraustreten aus jeder Art von persönlichem Interesse andererseits. Auf ihrer uns uneinsehbaren Rückseite tragen sie Spuren ihrer Herkunft. Auf der anderen, der uns zugewandten Vorderseite, zittern die Knie Jonathans. Die Begriffe springen, greifen nach Begriffen (die Blattkehrer im Titelgedicht nach den Blättern auf der Wiese und den Seiten der Bücher; die spanische Eröffnung nach dem Schachbuch und dem Himmel), bevor sie begriffen haben.
Oft genug wurde Ilse Aichingers Lyrik als hermetisch dargestellt. Aber es ist ihre radikale Offenheit nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf sprachlicher und formaler Ebene, die uns überrascht. Hermetisch ist sie gerade nicht. „Das ist ein Drosselei / und dort ein Sterbezimmer, / die Dinge verhalten sich zueinander / in diesem Maß“, heißt es im Rat „An einen jungen Gerber“. Zum größtmöglichen Verhältnis der Dinge zueinander gehört also die Differenz.
Das letzte Gedicht des Bandes verharrt in ihr. Es verweist auf den ein Jahr früher entstandenen Prosatext „Flecken“, in dem es heißt: „Und wäre die Welt anders ohne diese Flecken? Das ist eine müßige Frage. Sie wäre anders. Sie wäre ohne diese Flecken.“ Die „müßige Frage“ ist im Gedicht anders beantwortet. Anders und doch gleich. Die Differenz ist jetzt der Identität eingeschrieben und dadurch unauslöschbar geworden:

IN EINEM

Und hätt ich keine Träume,
so wär ich doch kein anderer,
ich wäre derselbe ohne Träume,
wer rief mich heim?

Nicht müßig ist die letzte Frage. Deshalb muss sie ohne Antwort bleiben. Auch wer sie stellt, ist schon gesprungen, hat schon den Bereich der möglichen Antworten verlassen. Ein abrupter Schluss für ein Gedicht, das wie „Mittlerer Wahrspruch“ als Wiegenlied erklingt. Aber das Abrupte ist ihm gerade recht. So macht es vor dem Schluss keinen Halt, sondern nimmt den Bruch in einen Atemzug hinein. Etwas von der Schwierigkeit des Atmens wird dabei spürbar, von der Ilse Aichinger in ihrem Kafka-Text „Die Zumutung des Atmens“ redet, und die einen zunächst denken lässt, wer so nicht atmen könne, könne auch keine Gedichte schreiben. Aber es ist gerade dieser Atem, die Oralität, die Ilse Aichingers Gedichte evident werden lässt .
Dass sie in seinem Rhythmus zu verstehen sind, dass das ganze Werk Ilse Aichingers als Anheben ihrer Stimme zu begreifen ist, sollte allerdings nicht dazu verleiten, sie nicht als unabhängige Schrift aufzufassen, die eine Deutung im Rückgriff auf die Autorität der Autorin unterläuft. Nicht Zuhören verlangen Ilse Aichingers Gedichte, sondern ein misstrauisches Hinhören auf jede Art von Nomenklatura, die Deutungshoheit beansprucht: „prüfe, ob sie nicht lügen“.

Samuel Moser, aus: aus: Text+Kritik, Heft 175 – Ilse Aichinger, Juli 2007

Mit ihr

Ich hatte mir die Kassette, die Taschenbuchausgabe in acht Bänden, gekauft, sie stand neben mir, ich nahm das erste Buch heraus, nicht gleich den Roman, sondern das Bändchen Erzählungen I, und fing an zu lesen, „Der Gefesselte“. Einer erwacht, findet sich aufgewacht vor und – gefesselt (gefesselt und ausgeraubt). Ich folgte dem Gang des Textes, dem Zwang des Textes, nahm folgsam hin. Aber plötzlich begriff ich etwas, das mich aus dieser Folgsamkeit riß, ich sah es mit einer blitzrasch aufsteigenden Achtung, die sagte: Sie! Nur sie! Nach allem Erfahrenen aus der Literatur und von dem Thema außerhalb der Literatur bisher! So unmittelbar, so direkt, wie sie es mir gibt, traf ich das Thema nie!
Ich vermute, die Stelle, an der das geschah, war die:

Im Morgenlicht beobachtete der Tierbändiger, der mit seinem Zirkus auf der Wiese vor dem Dorflagerte, den Gefesselten (…). Er bewegte sich langsam, um nicht wieder von der Schnur geschnitten zu werden, aber dem Tierbändiger schien es wie die freiwillige Beschränkung einer großen Geschwindigkeit. Die unbegreifliche Anmut der Bewegung entzückte ihn (…).

Er hatte sich erhoben, es glückte ihm, er hatte zu gehen versucht, es glückte ihm. Der Tierbändiger, Zirkusdirektor, sah ihn, als er sich nach einer Flasche bückte. Und nach einem Stein suchte, um die Flasche zu zerschlagen und mit einem Glasscherben die Fessel zu zerschneiden…
Schnitt, nicht in die Schnur, ein Schnitt wie im Film, danach tritt der Gefesselte im Zirkus auf und „die Anmut der Bewegung (Auch nicht die Sprünge der jüngsten Panther hatten ihn (den Tierbändiger, Anm. d. Verf.) je in ein solches Entzücken versetzt)“ löste „einen Jubel aus, der dem Tierbändiger am Rand der Arena vor Erregung das Blut in die Wangen trieb“.

Ich hatte, ratlos beim Lesen, unbewußt die Mitteilung der biografischen Notiz mitgelesen. Die Notiz steht in allen acht Bändchen – vor allen Titeln, wie ein Vademekum. Wie ihre Urkunde. Die Mitteilung war mir neu.
Sie war mitgegangen beim Lesen und schloß sich plötzlich mit dem Gelesenen in eins: Das ist die Fessel, die Fesselung, das, was ihr geschehen ist, sie nimmt es auf mit dem, und nur sie. So habe ich das noch nie gelesen!
Und bei aller weiteren Lektüre, bei jeder Zeile, blieb diese Sicht, die mich überrascht, mich erschüttert hatte. Erst Ilse Aichinger, und erst jetzt, da ich sie wieder lese und lese nach langer Zeit, nach Jahrzehnten, eröffnet mir den Gang in ihre Untersuchung, ihre Suche, ich überschreite erst jetzt mit ihr den Horizont, den ich bis dahin hatte…
Mehr als überrascht, mehr als erschüttert, nicht Erschütterung über ein Schicksal, nicht das Erschütternde selbst, mehr als es: Sie nimmt es auf mit dem, was geschehen ist. Sie gibt mir die Dimension: ich bin sie und die Nazis vernichten mich, nein, es ist die Gesamtheit, die gesamte Kultur, gesamte Gesellschaft…

Für viele gab es danach keine Rückkehr zu gewesenen Paradigmen. Man konnte sie für eine von ihnen halten, eine von der „Avantgarde“. Der Begriff ärgert mich seit langem, ein kriegerischer (oder gar flotter, forscher) Begriff (und sie ist keine Gardistin!) – ein Begriff für die Teilhabe an der zeitgenössischen Moderne. Sie war für mich eine von ihnen.
In den 1980er Jahren trug eine bildende Künstlerin in Ostberlin die „Spiegelgeschichte“ vor. Zwei Zimmer in einer leeren Wohnung, von einem ins andere führten drei Stufen, sie saß auf der obersten Stufe, im Rücken den leeren Raum, vor uns und las. Ich war nicht so fasziniert (ergriffen, erfreut) wie die anderen, die Willkür, das Mechanische verwirrte mich, die Willkür-Mechanik der Idee…
Jetzt, beim Wiederlesen, ahne ich, noch immer beschämt, daß auch da einem Tod begegnet worden war von ihnen, den anderen, da sie es so annahmen. Ich bin mir ziemlich sicher, daß sie mit dem persönlichen Hintergrund der Autorin nicht in Berührung kamen. Aber daß diese besondere Bedeutung aus einem Hintergrund der Autorin, der dem der anderen glich, umstieg in den der anderen. Während sie ergriffen wurden, umstieg, ohne daß sie dessen gewahr wurden, die Geschichte einer von der Gesamtheit Ausgeschlossenen und in einen Todes-Horizont Blickenden zu hören, daß ihre Geschichte umstieg in das Gleichnis, in das eigene Gleichnis und in das der Geschichten von allen, die sie ja alle es kannten, von allen ausgeschlossen zu werden und sich zu finden in dem Horizont Tod und aus ihm heraus (geh!).
Diese, die Formel aller, ist, meine ich, umfassender, als die zusätzliche besondere der Autorin. Ihr aber stand die allgemeine Formel zu (kam ihr zu, gehörte ihr) als Horizont, den sie in ihrer besonderen Geschichte durchschritt für immer.

Im Anfang des Romans Die größere Hoffnung erschafft sich die Heldin, ein Kind, eine Seele, besinnt sich auf eine Seele, die ihr Ich behält, auf ein Ich, das seine Seele behält.
Sie hat dem, was ihr, dem, was allen, dem, was mit allen geschehen ist, die Waage gehalten. Es mit ihm aufgenommen in allen ihren literarischen Bewegungen.

Ganz jung, zart, ein Blättchen
Angst verjüngt Angst: zart
Bebe Beben Der Wind reißt

Fürsprecher ist niemand
Häuserwangen und -jochbeine

Wie blicken die, die den Tod blicken
Sie mußten sehen mit ihm

Hatten kaum eine Wahl

Wie der Arzt blickt, der weiß, es gibt keine Chance? Schritt vorbei an den Vorgartenföhren über den Plattenweg, drückte den Klingelknopf. Die Anverwandten, ihm zugewandt vom Krankenbett weg… Der Patient wird sterben.

Aber nur auf den Willen hin, auf Beschluß?
Diese nicht, die kommen weg!
Wie blickt man das?

Und wie sieht man es, wenn man zu den Ausgeschlossenen gehört, mit siebzehn? Und das, was geschieht, beschlossen ist, Gegenwart, Realität.

Dem Tierbändiger ist ein Wolf entlaufen, der Gefesselte trifft auf ihn.

Mit der Vorsicht, die er lange erprobt hatte, griff er dem Wolf an die Kehle. Zärtlichkeit für den Ebenbürtigen stieg in ihm auf, für den Aufrechten in dem Geduckten. In einer Bewegung, die dem Sturz eines großen Vogels glich und er wußte jetzt sicher, daß Fliegen nur in einer ganz bestimmten Art der Fesselung möglich war −, warf er sich auf ihn und brachte ihn zum Fallen. Wie in einem leichten Rausch fühlte er, daß er die tödliche Überlegenheit, der freien Glieder verloren hatte, die Menschen unterliegen läßt.

Elke Erb, aus: Text+Kritik, Heft 175 – Ilse Aichinger, Juli 2007

Ilse Aichingers Sprachprismen

I
In Straßen- und Untergrundbahnen mancher Städte finden sich, über den Fenstern, von Reklamen umrahmt, zuweilen Gedichte. Das ist durchaus gehörig, denn Gedichte können maulwurfsgleich untergründig oder gleitend transitorisch sein; man kann sie auch als Werbung lesen – Werbung für das Wort.
Gedichte in öffentlichen bis teilprivatisierten Verkehrsmitteln lassen einen aufmerken. Sie können einen sogar wachrütteln. Dem Fahrgast, der eigentlich kein Gast ist, sondern Fahrkunde, erlauben solche Gedichte, aus- oder umzusteigen – während der Fahrt, noch bevor er eine Station erreicht hat. Man steigt um oder aus in eine poetische Gegenwelt.
Mir erging es so, beinahe zwei Jahrzehnte sind es her, als mein Abteil über die schwäbischen Filder auf einen Flughafen zurollte. Ich las: Ilse Aichinger. „Gebirgsrand“:

Denn was täte ich,
wenn die Jäger nicht wären,
aaameine Träume,
die am Morgen
auf der Rückseite der Gebirge
niedersteigen, im Schatten.

Gelegentlich fragen wir uns, wo wir stehen, womöglich unterwegs, wir als Individuen, jeder für sich, und überhaupt als Gattung, fragen es uns angesichts eines solchen Gedichts. Denn was täte ich. Begnügt sich unser Handeln nicht oft mit bloßem Funktionieren? Hat das Woher und Wohin unserer Reise überhaupt noch Umrisse am Ausgang dieses Jahrhunderts? Die Vorstellung dessen, was authentisch und was simuliert ist, wird zunehmend unscharf. Der Standpunkt des spätmodernen Menschen befindet sich im Bodenlosen. Seine Sprache flüchtet sich oft genug ins Formelhafte, Unverbindliche. Er spricht, um nichts zu sagen.
Wo stehen wir? Was täte ich? Das Werk Ilse Aichingers, widerständig, streitbar, aber längst von unbestrittenem Rang und in seiner Prägnanz von geradezu klassischer Modernität, ein Werk der Zeugenschaft, den Zumutungen dieses Jahrhunderts Wort für Wort abgerungen, dieses Werk gibt auf solche Fragen eine irritierende, verstörende, sich querbalkenhaft in den Weg einfacher Lösungen und Erwartungen legende Antwort. Sie erweist sich deswegen als tragfähig, weil diese Antwort beständig zu weiterer Suche auffordert: nach dem Grund dieses Konjunktivs „Denn was täte ich“ zum Beispiel oder nach dem Wesen dieses Daseins am „Gebirgsrand“.
Träume als Jäger, auf der Jagd nach Bildern, aufsteigend in der Nacht bis an den Rand zwischen Bewußtem und Unbewußtem, langsam verschwindend im Grauen, im Dämmern des Tages, im Schatten des Morgenlichts. Der Gebirgsrand: die Grenze, die Rückseite: das Verborgene – ein Sprachgebilde, schlicht im Ausdruck, aber genau komponiert; abhängig von einer irrealen Bedingung, einer Hypothese, deren vorausgesetzte Unmöglichkeit hoffen läßt. Ein Gedicht, das ein Schlüssel ist zu diesem mit Worten sorgfältig haushaltenden Werk.
Man hat es „wortkarg“ genannt, was an der Sache vorbeigeht. Es ist vielmehr sprachbesorgt, bereit, sprachliche Konventionen, der Lebendigkeit des Wortes zuliebe, in Frage zu stellen und mit ihnen die gängigen sprachlogischen Verknüpfungen. Denn was täte ich, / wenn die Jäger nicht wären, meine Träume – Worte, die wie kleine Lichtpartikel aufleuchten, wenn man unvermutet auf sie stößt. Träume auf dem Weg zum Handeln – oder: Der Konjunktiv und der Schatten als Reservoir des Trostes. Dieses Gedicht leitet Ilse Aichingers Band „verschenkter Rat ein und gibt die Tonart ihrer Sprachkompositionen an: Nicht Moll, nicht Dur, nicht durch einen Buchstaben zu beziffern. Ich möchte diese Tonart „phrygische Wörtlichkeit“ nennen, herb, treffend, aber doch von Möglichkeitsformen durchwirkt, unvermutet in ihrer Mischung aus fremd und vertraut Klingendem, eindringlich, ohne je zudringlich zu werden.

Der verschenkte Rat schließt übrigens genau auf dem Ton des ersten Gedichts, nämlich mit den Versen:

Und hätt ich keine Träume,
so wär ich doch kein anderer,
ich wäre derselbe ohne Träume,
wer rief mich heim?

Auch diese Bedingung wird auf keine Probe gestellt. Ich und Traum sind untrennbar eins. Zweideutig bleibt die Schlußfrage: Sie kann als Frage in der Vergangenheit aufgefaßt werden oder als verkürzter Konjunktiv für: Wer riefe mich heim?
Was dieses „heim“ sei, vermitteln zahlreiche von Aichingers Gedichten: die Erinnerung, die Worte selber, Bilder, Träume, die zur Erinnerung führen und durch die sich Erinnerung vollzieht. Das „Heim“ lebt auf im Erinnern und im „Auffinden (…) des Unvermuteten“, wie es in einem anderen Gedicht heißt. Entsprechend stößt der Leser auf Unvermutetes in ihrem Werk, immer wieder, selbst dann, wenn er es genau zu kennen glaubt. Sogar Stellen, die ihm nie aus dem Sinn gehen, bewahren den Charakter des Unvermuteten. Eine solche Stelle lautet:

Ich bitte dich: Was auch immer geschieht, hilf mir, daran zu glauben, daß irgendwo alles blau wird.

Man weiß, dieser Satz ist ein Grundmotiv von Aichingers Roman Die größere Hoffnung, der bei jeder erneuten Lektüre überrascht aufgrund seiner vielen unverhofften Wendungen, Stimmungen und Hoffnungszeichen. Zaubrisch und entzaubernd wirkt diese Sprache, träumerisch und doch untrügerisch diagnostizierend.
„… daß irgendwo alles blau wird“, dies war im Erscheinungsjahr des Romans 1948 ein gewagter romantischer Anklang; man hat inzwischen dieses Blau mit der Tonfarbe in Schuberts Es-Dur Notturno assoziiert, mit des Himmels „unverhofftem Blau“ von George und mit den Farbnuancen in Lasker-Schülers Zyklus „Mein blaues Klavier“. Man kann es aber auch, ganz schlicht und dem Text gemäß, auf das Blau der Landkarte beziehen, das Ellen, die Protagonistin des Romans, mit Hilfe des vergeblich ersehnten Visums zu überqueren hofft. Schließlich wird es nicht „irgendwo“ blau, sondern in Ellen selbst. Sie lernt, Hoffnung in sich zu bilden und anderen vorzuleben – und das im Zeichen existentieller Gefährdung, in einer Zeit der Angst ohnegleichen, der Perversion des Humanen, einer Zeit, in der ein mörderisches Regime das Grundsymbol der Hoffnung und des Friedens, den Stern Davids, zum Kainsmal erklärte. Am Ende bleibt Ellens „größere Hoffnung“ in Gestalt eines Projekts, des Neuaufbaus einer Brücke: er wird an dieser Stelle zum Projekt des Lesers, den die Erzählerin zu Ellens Nachlaßverwalter und Erben bestimmt.
Obwohl Aichingers Roman den Zerfall der öffentlichen Moral thematisierte, moralisiert seine Erzählerin nicht. Instanz ihrer Moralität ist, mit Ernst Bloch gesagt, das „Wissen der Hoffnung“, vermittelt durch Sprache. Ihre knappe Diktion kontrastiert mit den großsprecherischen Parolen der Zeit. Sprachethisches Bewußtsein prägt diesen Roman wie überhaupt das ganze Werk Ilse Aichingers. Wortornamente läßt sie nicht zu. Sie hat das Wort ohne Eigenschaften in Lyrik und Prosa am überzeugendsten eingeführt: Jedes Wort muß in ihrer Sprache für sich selbst einstehen.
Georges Braque, Juan Gris und Anten Webern hat Ilse Aichinger als jene Künstler bezeichnet, die sie außerhalb der Literatur am meisten beeinflußt haben und ihr am nächsten stehen. Künstler unbedingter Formstrenge also, mit klarer Linienführung und sparsamstem Einsatz der Kunstmittel, Entsprechungen zu ihrer eigenen Art, mit Sprache umzugehen.
Strawinsky hat von Webern gesagt, daß er seine Töne wie „Diamanten geschliffen“ habe. Diese geschliffenen Töne bewirken indes „schwebende Klanglichkeit“; und Pierre Boulez ergänzte in unseren Tagen, daß neben diesen Tonprismen Weberns auch die sie umgebende Stille mitzuhören sei; diese Stille sei keine „cessation du son, mais une autre forme du son“. Verhält es sich nicht ähnlich mit den Sprachkunstwerken Ilse Aichingers, mit den entwaffnenden Fragen ihrer Ellen in Die größere Hoffnung, mit den pointierten Wortwechseln in ihren sprachszenischen Hörspielen, ihren Tagebuchnotizen von der Art „Genug Angst haben“, ihren Gedichten und Spuren lesenden Essays? Vernehmen wir nicht um diese sprachlichen Verdichtungen eine Stille, eben nicht die „cessation du mot“, sondern als eine andere Form des Wortes?
Was hat es mit dieser Stille, mit dem Schweigen auf sich? Es ist der Bereich, in dem Sprache entsteht und in dem das Wort wieder verschwindet. Man erinnert sich im stillen und schweigt sich über das Erinnerte so lange aus, bis es ohne Hilfe des Wortes verloren wäre.
Problematisch war er immer gewesen, Wittgensteins bekanntester Satz:

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.

Bereitet aber das Schweigen nicht das Sprechen vor? „Wovon man nicht sprechen kann“, das suggeriert einen Dauerzustand. Doch bezeichnet dies nicht den Anfang einer Entwicklung, die dann zu Ende ist, wenn sich die Zunge löst und das Wort möglich wird?
Was uns die Dichtungen Ilse Aichingers vermitteln, ist der Eindruck, daß ihre Worte aus dem Schweigen aufsteigen und sich immer wieder ins Schweigen entlassen. Ihre Dialoge sind stets auch Gespräche mit dem Schweigen. Mystische Anklänge sind hierbei unleugbar. Man müßte bis Mechthild von Magdeburg zurückgehen, um das Spezifische dieses Schweigens und seiner Verwörtlichung bestimmen zu können. Aichingers Schweigen verläßt sich jedoch nicht wie Mechthilds auf metaphysische Geborgenheit; vielmehr rechnet es mit dem beständigen Wechselspiel von Hoffnung und Vergeblichkeit. Wirkliche Gewißheiten, Verläßlichkeiten kennt dieses Schweigen nicht mehr; eher beunruhigt es, stellt Gesagtes in Frage und bleibt dabei doch der immer fruchtbare Urgrund der Sprache.

II
Das Wort als Prisma. Im Blick des Lesers fächert sich dessen Sinnspektrum auf; konkrete und übertragene Bedeutungen werden sichtbar: Der verschenkte Rat, die mit voller Absicht „ins Korn geworfenen Flinten“, das konjunktivische Verb, ein Titel wie Kleist, Moos, Fasane oder die aphoristische Notiz: „Die Unfähigkeit zu leben bis zum Ende ausspielen“, das sind geschliffene Sprachformen, die je nach Lichteinfall eine spektrale Bedeutungsaura gewinnen. Dieser zu vieldeutiger Genauigkeit geläuterten Sprache kann man sich anvertrauen, nicht blindlings freilich, sondern wachen Sinnes; denn sie fordert ihre Leser dazu auf, sich selbst die Sorge um das Wort, die hinter diesem Läuterungsprozeß steht, zu eigen zu machen.
Ilse Aichingers Schreiben ist, sie hat es selbst wiederholt gesagt, das Ergebnis ihres Wartens auf das richtige, sprich: ausreichend geläuterte Wort, damit es in einem bestimmten Zusammenhang mit Berechtigung stehen kann. Während dieses Wartens ereignet sich das Schleifen des Wortes in der Stille, bis es prismatisch genug ist, um sich auszusprechen und belichtet zu werden durch den Blick des Lesers.
Das ist Ausdruck von Sprachskepsis und Grundvertrauen in die Sprache in einem. Sprachskepsis in dem Sinne, daß Aichinger mit Hoffmannsthal weiß, „daß man nie etwas ganz so sagen kann, wie es ist“; Sprachvertrauen von der Art, daß sich in lange genug erwarteten, geläuterten und geschliffenen Worten doch immer noch eine Hoffnung aussprechen läßt.
Sie kann sogar ausreichen für einen regelrechten Appell, für eine Botschaft voll skeptischer Zuversicht. In ihrer „Rede an die Jugend“ von 1988 formulierte Aichinger Sätze, die gewissermaßen als die Summe der ethischen Substanz ihres Schaffens angesehen werden können:

Immer wird es notwendig sein, die Träume aus dem Schlaf zu holen, sie der Ernüchterung auszusetzen und sich ihnen doch anzuvertrauen. Immer wird es ein Grat sein, der zu begehen ist. Die empfindlichen Instrumente des Gleichgewichts und der Unterscheidung müssen eingesetzt, Sein und Denken müssen aufeinander abgestimmt werden, maßgeblich für alles, was kommt.

Die Träume ernüchtern und ihnen doch Vertrauen entgegenbringen – das ist ein glaubwürdiges „Prinzip Hoffnung“, eines, das Spracharbeit legitimiert. Denn es sind die Worte, denen Elias Canetti sogar ein eigenes „Gewissen“ zugesprochen hatte, die als „empfindliche Instrumente“ Gleichgewicht und Unterscheidung bewirken und leisten können sowie zwischen „Sein und Denken“ vermitteln. Wohlgemerkt: sie vermögen dies nur dann, wenn man sich selbstkritisch ihrer annimmt und sie nicht ideologisch vergewaltigt.
Das in stiller Traum- und Bewußtseinsarbeit sich vollziehende Warten auf das Wort kann ohne eine gleichfalls verfeinerbare Fähigkeit nicht auskommen: das Erinnern. Im Werk Ilse Aichingers ist dementsprechend die Erinnerung neben der Hoffnung das zweite Hauptmotiv Es ist ein doppeltes Erinnern, an das Einstige und an den gegenwärtigen Augenblick. Wiederholt spricht Aichinger von der Erinnerung an das Jetzt, scheinbar ein Paradoxon, das kommentierungsbedürftig ist.
In ihrer Parabel „Hilfsstelle“ hat Aichinger ihre Sicht des Zusammenhangs von Augenblickserfahrung und Erinnerung geschildert. Der Text setzt mit einem vermeintlichen Zeitverwirrspiel ein:

Heute, das war Donnerstag. Die anderen Tage hießen gestern, vorgestern, vorvorgestern oder auch morgen, übermorgen, überübermorgen, sie teilten die alten Lasten unter sich, Vergangenheit und Zukunft, sie teilten unter sich Unsicherheit, Furcht vor Bomben und Staatspolizei, Gerüchte, Deportationsmöglichkeiten, schlechte Nachrichten.

„Heute, das war Donnerstag“, gemeint ist die Erinnerung an eine soeben vergehende Gegenwart, eine Gegenwart im Gewesenen der Kriegsjahre; gemeint kann aber auch ein Donnerstag im Jahre 1987 sein, als dieser Text erschien, ein Donnerstag, der eine Erinnerung an eben einen solchen Tag ausgelöst hat, die Erinnerung an die Qual jener Zeit, aber auch an den einen „sinnvollen und unaufhebbaren Augenblick“, der – wie es in dieser Erinnerungsparabel Ilse Aichingers heißt, ein „blitzender Streifen hinter dem Vorhang“ der Bedrückung und Angst gewesen war, ein unauslöschlicher Hoffnungsschimmer.
Eine Suchende macht sich auf den Weg durch den zweiten Bezirk Wiens; sie möchte jenen Ort wiederfinden, der in finsterer Zeit eine „Hilfsstelle“ für Verfolgte gewesen war. „Wo sie Hilfe und im inneren Sinn Rettung gefunden hatten, fanden sie auch Erinnerung.“ Sie erinnern „alte Worte“ und die „schwierigsten Augenblicke des Tages“; sie stehen den sinnerfüllten Augenblicken gegenüber, Momenten, in denen sich ein gegebenes Wort bewährt, seine Bedeutung neu kristallisiert und den Anfechtungen der Zeit widersteht.
Aichingers „Erinnerung an das Jetzt“ ist Ausdruck ihrer Einsicht in eine existentielle Notwendigkeit: Sinn erfülltes Leben bedeutet, das Gelebte wieder und wieder zu vergegenwärtigen, um das Maß des Eigenen zu gewinnen und das Maß des Anderen zu verstehen.
Dieses „Jetzt“ unterscheidet sich grundsätzlich von jenem „hic et nunc“ geschichtsvergessener Plötzlichkeitsfanatiker, die durch gewisse Feuilletons geistern und das „Jetzt“ gegen das Gestern ausspielen. Aichingers „Jetzt“ ist ein mit den Mitteln der Erinnerung verantworteter Augenblick, in dem es die rechte Zeit für das geläuterte Wort ist.
Wieder sind wir beim Wort angekommen und mit ihm bei der Frage, was „Läuterung“ sei. Vielleicht besteht sie im Durchspielen von Sprachmöglichkeiten, etwa der Art:

Wult wäre besser als Welt. Weniger brauchbar, weniger geschickt. Arde wäre besser als Erde.

Diese Vorschläge leiten Aichingers Text „Dover“ ein, eine Etüde über einen magischen Fährenort, Durchgangsstation und Feste, hart an der Grenze zum Offenen des Meeres oder, anders gesehen, Pforte zu einer Insel, auf der Entfremdung und Heimischwerden austauschbar sind.
Aichingers ironisch bis absurder Versuch über Dover ist jedoch noch aus einem anderen Grund für unser Thema wesentlich; denn er bemüht sich um eine Aufwertung dessen, was man „so nebenbei“ von sich gibt, treffender gesagt: für ein genaueres Hinhören auf das nebenbei Gesprochene. Warum in Dover? Weil man dort auf einen Menschen treffen kann, der, so Aichingers Text, „in Dover auf der Klippschule eine Rede auf König Artus Tafelrunde halten sollte und es nicht zustande brachte, der nie mehr aufgerufen wurde und deshalb nebenbei zu reden begann.“
Da ist es wieder: Das Unverhoffte in einem Aichinger-Text, die eigentümliche Wendung im Laufe einer Schilderung. Auf den Klippen von Dover können eben Welt zu Wult und Erde zu Arde werden; denn die Sprache hat hier ihren Grenzwert erreicht und ist jäh ins bislang Unverwandte umgeschlagen. Eine doppelt mythische Situation: Einer versucht eine Rede auf einen mythischen Gegenstand, scheitert an seinem Versuch, klammert sich jedoch – tassohaft beinahe – an jene Sprachklippe, an der er scheiterte, spricht schließlich unaufgefordert weiter, kaum hörbar, man darf vermuten mit Wörtern wie Wult und Arde.
Das Sprechen wird in diesem Bild zum Gratwandel. Und doch gewinnt man den Eindruck, als beinhalte diese beiseite gemurmelte Rede des einmal Gescheiterten das Wesentliche über Artus und Mythos, über Dover und das, was sich über das Wesen der Sprache am Rande ihrer Wörter aussagen läßt. Bedenkt man diese subtilen Sprachnuancen im Werk Ilse Aichingers, dann muß es einen auf den ersten Blick überraschen, einmal mehr, in einem ihrer Texte ein Plädoyer für „Schlechte Wörter“ zu finden, für Stilbrüche und fragwürdige sprachliche Wendungen. Ihre Beispiele: „Der Regen, der gegen die Fenster stürzt“ oder „Den Untergang vor sich herschleifen“ oder „Sammle den Untergang“.
„Schlecht“ sind diese Wendungen freilich nur gemessen am konventionellen Sprachgebrauch, den dieser Text in Frage stellt. Vordergründig gesehen, verdankt er seine Verve der kritischen Bestandsaufnahme der Sprache, die im Kreise der Gruppe 47 unternommen worden war. Nach der Entstellung der deutschen Sprache durch den Nationalsozialismus hat sie in dieser Hinsicht Vorbildliches geleistet.
Ilse Aichingers Text aber greift weiter zurück und zielt auf das Verhältnis von Wort und der von ihm bezeichneten Sache, mithin auf das klassische Sprachproblem, das der platonische Sokrates mit Hermogenes und Kratylos erörtert hatte. Diese Dialoge bleiben die Urbilder unseres Denkens, kunstvoll gearbeitete, gesprächsweise sich entwickelnde Denkszenen, durchsetzt von allegorisch-poetisch vorgetragenen Hypothesen und Einsichten, was um so überraschender bei einem Philosophen ist, der von der Suggestivität der Dichtung, vor ihrer subversiven Wirkung so nachdrücklich gewarnt hatte. Beispielsweise hält der platonische Sokrates das Wort „Stehen“ für die Bezeichnung eines „Stillens des Gehens“. Stehen als gestilltes Gehen, damit ist das radikale Hinterfragen von Sprachkonventionen gemeint, die das Weltbild des Menschen prägen. In der philosophischen Etymologie des platonischen Sokrates soll die Zeit künftig nicht mehr Zeit, sondern „Ziet“ heißen, wie Schleiermacher adäquat übersetzt, „weil dem Winter und Sommer, den Winden und den Früchten der Erde“ diese „Ziet„ ihr „Ziel“ setze.
Zur Zeit der sokratischen Dialoge schien die Möglichkeit noch nicht ausgeschlossen, aus „chronos“ und „telos“ einen neuen Ausdruck zu gewinnen, der Aussicht hatte, in die Sprachpraxis Eingang zu finden. Anders im Falle der Sprachszenen Ilse Aichingers: „Arde wäre besser als Erde“ – das bleibt angesichts der festgefahrenen Sprachgewohnheiten ein Konjunktiv ohne Potential. Im Text heißt es denn auch entsprechend ernüchtert weiter:

Aber jetzt ist es so. Normandie heißt Normandie und nicht anders. Das Übrige auch. Alles ist eingestellt. Aufeinander, wie man sagt.

Wenn man die Hörszenen Zu keiner Stunde und die Hörspiele wie Auckland und Nachmittag in Ostende als Ausläufer platonischer Dialoge versteht, als sprachliche Hörbilder, die jedoch die sokratische Denkentwicklung, ihr genau definiertes Erkenntnisinteresse widerrufen, wenn man den minimalistischen Sprachton von Aichingers Szenen zuende hört, dann klingen sie wie eine in diverse Intermezzi aufgelöste Melodie unserer Spätzeit. In ihr wiederholen sich sprachklangliche Konstellationen, etwa der Art, daß eine Stimme, Beatrice im Nachmittag in Ostende, „immer neue Sätze“ beginnt; zu vollständigen Sätzen findet sie nicht mehr. Was diese Dialoge als Erkenntnis noch zutage fördern, ist die Einsicht in die Grenzen des Gesprächs, der Verständigung und einer wirklichen Ich-Du-Beziehung.
„Wieviel Fragen bleiben mir noch?“ möchte ein Zwerg in Aichingers Hörszene Hohe Warte wissen. Indem er fragt, erkennt er jedoch, daß seine Fragen, wie viele es auch immer sein mögen, nur dazu da sein werden, damit sie ausgesprochen werden können. Wirkliche Antworten werden ihm versagt. „Wer färbt den Himmel ein?“ – eine Frage als Prisma, zur Aufspaltung des Azurs gedacht.

III
Ob Böhmen am Meer liegt, Dover an der Donau oder Ostende neben Triest, ist eine Frage spekulativer Geographie und surrealer Landkarten. Daß man im Werk Ilse Aichingers immer wieder auf Landkarten stößt, hängt wohl damit zusammen, daß ihre Dichtungen um Orientierungssuche bemüht sind, um potentiell hoffnungsvolle Dimensionen, die sich dann auf den einen Sprachpunkt, die eine Frage, das eine Anliegen minimalisieren lassen. Die größere Hoffnung zum Beispiel beginnt mit einer Landkartenbeschreibung; auch die Parabel „Ein Freiheitsheld“ geht von einer ausgebreiteten Landkarte aus; oft hat es der Leser mit schwer auslotbaren Entfernungen zu tun, Entfernungen, aus denen „die Welt entsteht“, wie das Gedicht „Spaziergang“ sagt. Dimensionen, Perspektiven, oft Häfen, Meeresbilder, Matrosen, Küstenorte. Möwen, Entgrenzungssymbole in einer Sprache, die sich komprimiert, sorgsam mit dem Wortbestand umgeht, kritisch Wort für Wort wägt – wie verträgt sich beides in diesem dichterischen Werk, das groteske Situationskomik (ein Stück Himmelsblau wird gegen das Gebot eines Kaninchens ersteigert!) ebenso kennt wie existentielle Aussagen („Schreiben ist sterben lernen“)? Dergleichen ist in Aichingers Werk im Sinne einer minimalistischen Kontrapunktik aufeinander bezogen. In der Sprachszene „Möwen“ etwa ist sie geradezu idealtypisch gelungen. Zum Inhalt: Ein Vater, halb Steinerner Gast, halb Erlkönig, eine quasi mythische Figur, besucht seit Jahrzehnten immer zu Karfreitag seine inzwischen selbst steinalt gewordene Tochter und beschenkt sie mit einer „komischen Tierstimmenplatte“. Bislang hatte ihr eine Platte mit Möwengekreische gefehlt. Am hundertsten Geburtstag der Tochter, der auf einen Karfreitag fällt, bringt ihr Vater die besagte Platte. Sie gibt zunächst nichts als den Ausruf preis: „Ihr sollt ihn kreuzigen“, dann aber „Gekicher, das zugleich wie der Wind über der See klingt“. Die Tochter hat ihr halbes Leben auf diesen Möwenschrei-Augenblick gewartet und es sich deswegen auch erspart, selbst an die See zu fahren. Als jedoch die Grammophonnadel die Möwenschreie erreicht, stirbt sie. Die simulierte Natur führt zu ihrem authentischen Tod.
Auf diese Weise werden Begrenzung und Entgrenzung, Parodie und Ernst zu einem Intermezzo des Endes; Meeresvision und ihre technische Reproduzierbarkeit, mythischer Anklang und profane Lebenswelt sehen sich in äußerster sprachlicher Konzentriertheit zueinander in Beziehung gesetzt.
Aus der Abfolge des zeitlich Geschehenen wird in der Sprachszene ein Nebeneinander, kein erfüllter Augenblick, sondern ein gedehntes Jetzt, keine Plötzlichkeitserfahrung, sondern das Ergebnis beharrlichen Wartens. Mit Erinnerungen dieser Art eröffnete Ilse Aichinger auch ihren Band Kleist, Moos, Fasane, mit Szenen aus der großmütterlichen Küche, mit Eindrücken vom einstigen Nachmittagsunterricht, mit Bildern vom „Beerensuchen auf dem Lande“. Erinnerungen, die – wie Aichinger schreibt, sich nicht zu Ende begreifen. Den Modus dieses Erinnerns hat sie als ein seinerseits ästhetisches Geschehen beschrieben:

Wie man sich des Lichts der Träume auch am Tage noch erinnert, erinnere ich mich ihres Lichtes heute, wenn es mir als Streifen Sonne auf einem fremden Meer erscheint.

Träumendes Erinnern als einen Leuchtstreifen im Fremden zu verstehen bedeutet, die immer angefochtene Hoffnung und das immer anfechtbare Wissen in einen Bereich zu überführen, der dem gültigen Sprachbild, der beweglich bleibenden Metapher und dem dem Schweigen entlockten Zeichen letzte Rechte einräumt.

IV
Wie ortet man die Sprachkunstwerke Ilse Aichingers, ihre Wortprismen? Mit Zuordnungen scheint wenig getan. Soll man sagen: zwischen Trakt und Nelly Sachs, Kafka und Beckett, Gruppe 47 und Minimalismus? Eingangs war von der „phrygischen Wörtlichkeit“ ihrer Sprache die Rede gewesen, später vom Kratyloshaften ihres Fragens nach dem Wesen der Sprache und der Dinge, die sie deckt oder durch ihr Bezeichnen entstellt. Anarchisches spricht sich in diesem Dichten aus, ein Ungenügen an dem, was wir idyllisierend „Natur“ nennen, ein Mißbehagen an jeglichem Pathos, sofern es als rhetorischer Ausdruck und nicht als Wort für „Leiden“ gemeint ist. Aichingers Werk, zeitverankert, nein: zeitverwundet, wie es sich darstellt, vom Erinnerungsschmerz ebenso gezeichnet wie vom Bilder spendenden Traumerinnern, dieses Werk verfügt auch über eine entzeitlichende Qualität, genauer: es kommen in ihm Gedanken und Fragen zur Sprache, die sich zu Inseln im Strom der Zeit verdichten. Mit einer solchen Sprachinsel namens „Schnee“ hat Aichinger ihren bislang letzten Band enden lassen.
Man denke dabei nicht an zauberberghafte weiße Traumvisionen, nicht an Robert Walsers minutiöse Beschreibungen unaufhörlichen Schneefalls; Aichingers Text bezieht sich auf den Schnee als ein Wort:

Ob er ausbleibt, zögernd zu fallen beginnt oder in Wirbeln herunterjagt, er kann sich nicht wehren. Er ist ein Wort.

Und weiter:

Schnee! rufen die Kinder und manchmal rufen sie auch: Der Schnee! Aber das ist ungenau. Das führt zu mein Schnee, dein Schnee, unser Schnee, zu diesen vielen besitzanzeigenden Ungenauigkeiten, die einem die Lust nehmen, den Mund aufzumachen. Es führt auch zu kein Schnee. Dann kommt wieder der lange Sommer. Ein Glück, daß wir Heu haben, denn Heu ist auch ein Wort.

Dem folgt die Erörterung von Vorsilben: Beschneien oder verschneien, befallen oder verfallen. Aichinger bevorzugt das Ver, weil es die zweite Silbe von Dover ist, wichtiger noch: weil es dem Verschwinden nahesteht.
Sprachkritik stellt sich in diesem Text als Infragestellung alphabetischer Reihenfolgen vor. Warum soll beispielweise Reden vor Regen stehen? Und was ist das Sprach- und Sinnverhältnis zwischen Regen und Schnee? Aichingers Antwort:

Wenn es zur Zeit der Sintflut geschneit und nicht geregnet hätte, hätte Noah seine selbstsüchtige Arche nichts geholfen.

Logik wird so zur Frage der Analogie – aufgestellt gegen jede Denkkonvention, insular bleibend, den Zeitstrom zu unverhofften Strudeln zwingend, das alles als Widerstand gegen das tagtägliche Gerede, das einem im Munde sauer werden sollte. Daß Wörter nicht schamrot werden können, spricht gegen sie.
Von neuer Unbefangenheit ist viel die feuilletonistische Rede in letzter Zeit, von Aufbrüchen und Neuanfängen. Das Ethisch-Moralische und Ästhetische werden wieder einmal als Gegensätze vorgestellt. Gleichzeitig rüstet man auf in Sachen nationales Bewußtsein, spricht von neuer Stärke und altem Stolz und diskreditiert eine von Gewissen und Selbstkritik getragene Gesinnung als Schwäche. In einem solchen von gewissen Meinungsmachern erzeugten Klima ist es unerläßlicher denn je, sich auf Ilse Aichingers sprachliche Nuancierungen und die Art ihres Erinnerns einzulassen und sich ihre auf Skepsis und Selbstprüfung gegründete Hoffnung zu eigen zu machen.
Ihre Sprache bietet den Wörtern des Zeitgeistes Paroli, indem sie sich den Leidenden leiht, den mißachteten Dingen und dem wunden Erinnern.
Ilse Aichingers Sprachprismen werfen bunte Schatten auf die Bedeutungsfelder uns allzu vertrauter Wörter. Und was signalisieren diese Farbschatten? Daß es Zeit ist, diese Wortfelder anders zu bestellen, daß sinnvolles Sprechen mühsamer und wissendes Schweigen schmerzlicher werden wird; Anders gesagt: Bei der Spracharbeit gibt es nur Anfänge, bedeutungs- und erinnerungsbelastete Anfänge, aber Anfänge. Ubi verba, ibi initia. Wo Worte sind, können Anfänge nicht weit sein.
Das ist das vielfach abgestufte Blau dieser Sprachprismen und eine Hoffnung, deren ,Größe‘ es Anfang um Anfang neu zu ermitteln, neu umzusetzen gilt.

Rüdiger Görner, neue deutsche literatur, Heft 512, März/April 1997

Anmerkung zu Ilse Aichinger

diese Richtung,
aber keine andere

aus Ilse Aichinger „Heu“

Ilse Aichingers Lächeln hat mich überzeugt. Ich kenne sie von Photos aus den Bildbiographien von Ingeborg Bachmann beispielsweise oder von Paul Celan, auch aus den Dokumentationsbänden der Gruppe 47. Jugendphotos – eine junge Frau, der man den Hof machen möchte, wäre man nicht lieber schüchtern klugen Frauen gegenüber. Fast schnippisch schaut sie drein. Dem Leben zugetan. Was versteckt dieser sympathische Anblick?
Ich erlebte sie 1996 im Stadttheater von Erlangen als eine ältere Frau, die mich bezauberte durch ihre konsequente Liebenswürdigkeit. Sie verwandelte das Gewicht eines schweren Lebens in die Leichtigkeit dessen, was wir gerne Weisheit nennen würden, wäre der Weg dahin nicht so schwer – sie lächelte. Ich saß im ersten Rang in der letzten Reihe und war entzückt und erschrocken zugleich. Wußte ich doch einiges aus ihrem Leben und von ihrer Haltung dazu.
In der Vorbemerkung zu ihrem Hörspiel „Gare maritime“ schreibt sie:

Diese Welt und diese Gesellschaft, in der die Wertmaßstäbe der Effektivität, der ungeduldigen Nützlichkeit ausschließlich zu werden drohen, könnte die Chance der Erneuerung bei denen haben, die sie unnütz nennt.

Ilse Aichinger weiß: auch dieses Unnütze versteht zu leben. Wir sehen es, nicht ohne Scham, an manchen U-Bahnstationen, vor Bahnhöfen, am Straßenrand, wie es laut sein kann und manchmal lächelt, als forderte es uns auf dazuzugehören. Aber gehören wir denn nicht dazu? Mitunter meinen wir, es sei frei, freier als wir, weil es in der Langsamkeit lebt, zuweilen auch in der Freude. „Die Langsamkeit ist die Freude“, schreibt Ilse Aichinger auch in Bezug auf das Unnütze, das sie zu ihrem Thema machte, ohne es zu stilisieren, sondern klar und deutlich – ein Hoffnungsmoment voller Glauben an die Kraft derer, die beunruhigt sind. „Alles, woran man glaubt, beginnt zu existieren“, behauptet sie trotzig. So ist es eben immer wieder diese beinahe irrsinnige Hoffnung, die sich in der Gefahr einstellt, ohne sich einzulösen, deren Möglichkeit aber, sie immer wieder neu zu formulieren, mit jedem Tag wächst. „Formulierung ist Einverständnis“, sagt Ilse Aichinger, und ihr Werk gibt Zeugnis davon, zeigt wie sie immer wieder das Einverständnis mit dieser Hoffnung beschreibt. „Hoffnung in Erwartung der Furcht.“ Diese Hoffnung ist ihr Begleiter, auch wenn sie versteckt auftritt und manchmal so gar verloren scheint zwischen all den Beobachtungen und Erinnerungen, aber nur um sie im anonymen Gegenüber entstehen zu lassen als Provokation. „Die Gewißheit, daß es keinen Trost gibt, aber den Jubel“, heißt es in einem Gedicht, und „Wir müssen uns fürchten, von uns ist die Freude verlangt“, schreibt sie in ihren Aufzeichnungen. Dieser schwierige Auftrag, in Dunkelhaft ein Licht zu bezeichnen, ja selber eines zu sein gerade durch die eigene Verletzbarkeit. Ein ernstes Spiel, möchte man meinen, denn „Spielen sollst du vor meinem Angesicht. Aber was mit uns gespielt wird, verwandelt sich nur unter Schmerzen in das, was wir spielen.“ Sie trifft es genau, derart genau, daß wir, um Jahrzehnte jünger, deutlich sehen, daß es da eine Spur gibt, ihre Spur, die mit dieser immer wieder im Stillen zu erringenden Freude zu tun hat, die sich in dunklen Tönen durch ihr Werk zieht, und die das angeblich Ausweglose nicht ausschließt, sondern in das Zentrum einer zu ahnenden Möglichkeit stellt. Eine Spur also, die es zu verfolgen und weiterzuführen gilt …

Johannes Jansen, aus: Text+Kritik, Heft 175 – Ilse Aichinger, Juli 2007

„Anarchie muß wieder werden, muß viel weiter gehen“

Die Brücken sind gebrochen. Aber es gibt genug Möglichkeiten, über das Eis zu kommen. Das Glück finden, bevor der Tod da ist. Glück? Magisches Wort. Erschrecken zeichnet das Gesicht der Ilse Aichinger. Die schnellen Bedeutungen stauen sich im Mund, während das Herz noch nach dem Sinn des Wortes tastet. „Glück ist da, wenn man es überhaupt nicht merkt“, sagt sie, stockt und setzt neu an: „Wenn man es merkt, ist es schon so nah am Abschied.“
Das ungenaue Wissen und die wissende Ahnung. Glücksverlangen. Ein Traum oder kein Traum, man kann es nennen, wie man will, aber es bleibt da. Man wird mit der Empfindung niemals fertig werden. Philemon und Baucis, Liebesgestalten aus der Mythologie, zwei, die im Tode zu einem Baum zusammenwuchsen. Vorstellung von der Bewahrung des Glücks, von der absoluten Verbundenheit.
Da ist die Einsamkeit der Schriftstellerin Ilse Aichinger, Frau im 58. Jahr, seit sieben Jahren durch den Tod getrennt von ihrem Mann Günter Eich, dem Lyriker. Witwe nach zwei Jahrzehnten Ehe, in der „alle Hoffnung“, wie sie sagt, „in der anderen Hoffnung zusammengefaßt“ war. Zwei Menschen, die im Schreiben die Liebe bezeugten, in der sie lebten.
Es ist noch alles in Großgmain so da, wie es Günter Eich verlassen hat: das große gelbe Haus mit den Gittern an den Fenstern, die Wildnis eines gewesenen Parks, das Zimmer im Parterre mit seinem Schreibtisch, seinem Bett, seinem Fontane und seinem Seume, den geliebten Dichtern der Jugend und des Alters, und daneben die Küche mit der Sitzecke, in der sie geschrieben hat, dann nach dem Tode des Mannes verstummte und nun wieder schreibt.
In ihrem 1978 erschienenen Gedichtband Verschenkter Rat heißt es

Zum ersten
mußt du glauben,
daß es Tag wird,
wenn die Sonne steigt.
Wenn du es aber nicht glaubst,
sage ja.
Zum zweiten
mußt du glauben
und mit allen deinen Kräften,
daß es Nacht wird,
wenn der Mond aufgeht.
Wenn du es aber nicht glaubst,
sage ja
oder nicke willfährig mit dem Kopf,
das nehmen sie auch.

Von der Küchenbank aus sieht sie den Prachtfinken in seinem Käfig vor dem Fenster, wie er sich auf die Flügel gelegt hat, damit die einfallenden Sonnenstrahlen den Flaum durchdringen. Der Prachtfink heißt nur so und ist ein Weibchen. Zerzupft ist es. Die Federn um die Kehle herum hat ihm das Männchen ausgerupft. „Liebevoll“, wie Ilse Aichinger sagt. Das Männchen ist auch schon tot. Seit zwei Jahren.
Das Radio läuft mit dem Musikprogramm von Österreich drei. Das brauchen sie beide, der Prachtfink und die Ilse Aichinger. Der Vogel piepst, und die Schriftstellerin schreibt. Die Klangkulisse gehört dazu. „Das Leben ist eine heilsame Grausamkeit“, heißt es in einem der Texte der Schriftstellerin.
Es gab eine Zeit, die war einmal. Menschen lebten, die warten konnten, bis sich das Gefühl, bis sich das Wort erschließt. Die erlösenden Gefühle und die erlösenden Worte – sie liegen nicht da frei zum Konsum. Damals begegneten sich Ilse Aichinger und Günter Eich. Die 30jährige Österreicherin jüdischer Herkunft und der in Lebus geborene 44jährige Günter Eich, gewesener Soldat der „Großdeutschen Wehrmacht“. Es war die fünfte Tagung der Gruppe 47, jene lockere Verbindung von Schriftstellern, die der deutschen Literatur neue freiheitliche Impulse gaben.
(Die Tagung fand 1951 im pfälzischen Bad Dürkheim statt. „Da hab’ ich den Günter noch gar nicht so richtig wahrgenommen“, erinnert sich Ilse Aichinger.

Erst, als wir gegen Schluß in einem VW einen Ausflug nach Speyer machten, fiel er mir auf. Er saß am Steuer, und alle redeten über Raben, die in einem Hörspiel von ihm vorkommen sollten. Wie wohl ich mich in seiner Gegenwart gefühlt habe, habe ich erst viel später gemerkt. Von vorn hab’ ich ihn auf der Fahrt nie gesehen. Von der Seite. Das war’s.

Bei der nächsten Tagung, ein Jahr später in Niendorf an der Ostsee, war Ilse Aichinger wieder dabei und wunderte sich:

Mein Gott, dachte ich, was ist mit mir los? Die Ostsee ist doch schön, die Freunde sind nett. Und doch ist es so öd. Ich wußte nicht warum. Es wurde gelesen. Ich schaute zum Fenster des Lokals hinaus, und plötzlich wußte ich, daß es nicht mehr öd sein würde. Da ging ein Mann vorbei und kam herein. Ich sah ihn im Profil. Es war Günter, der Mann mit den Raben. So fing alles an zwischen uns.

Ilse Aichinger mit Wohnsitz in Wien und Günter Eich mit Wohnsitz in Geisenhausen bei Landshut. „In Niendorf haben wir uns gesagt, jetzt muß jeder noch etwas schreiben, bevor wir uns wiedertreffen“, erinnert sich Ilse Aichinger. Ans Heiraten hat sie damals nicht gedacht:

Das war mir furchtbar fremd. So eine Ehe, die die ganze Zukunft sein soll.

In jener Zeit entstand Günter Eichs berühmtes Hörspiel Die Mädchen aus Viterbo, mit dem er seinen Ruf als Meister einer neuen literarischen Form begründete.
Ilse Aichinger in Wien schrieb nichts, löste das Versprechen von Niendorf erst nach der Hochzeit im Jahre 1953 ein:

Da hat ihm immer ein Knopf an dem einen Hemd gefehlt und dann zwei. Ich habe sie ihm nicht angenäht, aber ich hab’ dann mein Hörspiel Knöpfe geschrieben.

Das Jahr bis zur Hochzeit war ein Jahr des Wartens. Liebe, die wachsen darf. Die Erfindung des Telefons war längst gemacht. Aber wer telefonierte damals, wer hatte das Geld dafür? Wer konnte es sich leisten, hin- und herzufahren? Das natürliche Warten hatte noch eine Chance. Damals waren der Ungeduld des Herzens noch Grenzen gesetzt. Die Hektik nicht das Normale. Erfüllung wurde; wurde nicht hergestellt.
„Man hat sich mit Briefen eine solche Freude machen können“, sagt Ilse Aichinger, „daß man sich hingesetzt hat, nachgedacht hat und dann geschrieben hat. Wörter, die noch Geschenke waren. Heute spricht die Sprache nicht mehr, sie ist sprachlos geworden.“
Die Worte haben ihren Wert verloren. Jeder erreicht jeden und erreicht niemanden mehr. Der faule Zauber, Verbindungen mühelos herzustellen. Der Trugschluß, die Schwierigkeit des Menschen, zu sich selbst zu finden, überspielen zu können. Kaum jemand noch, der den Schmerz in sich austrägt. Gegen den Schmerz jedes Mittel – die Abkürzungen durch die Tablette, das Auto, das Telefon. Man greift dazu. „Das ist so gefährlich“, sagt Ilse Aichinger, „es gerinnt alles zur Depression, also in die Erstarrung der Gefühle.“
„Lebensqualität“, so fügt sie hinzu, „ist ein Wort, das aufgekommen ist, seit dieses Bewußtsein nicht mehr existiert.“ In ihrem Erzählungsband Eliza Eliza heißt es:

Ihr Lieben unter den Firsten, es war alles umsonst… Hat es viel Sinn gehabt, daß ihr die Balken schräg eingesetzt habt und die Lampen als Kugeln an die Hausmauer? So viele Fragen und alle gesprochen, so viele Häuser und alle gebaut… Die Vögel angelockt und den Himmel immer wieder gemalt, bis er verschwand.

Ilse Aichinger, geboren am 1. November 1921 in der österreichischen Hauptstadt, Kind mit „falschen“ Großeltern, nämlich jüdischen, ihr Vater „Arier“, sie „Mischling“, junge Frau, die im Dritten Reich überlebte und die eigene Mutter vor der Deportation in die Gaskammern der Nazis rettete, die nach dem Zweiten Weltkrieg über jene Zeit ihren ersten Roman mit dem Titel Die größere Hoffnung schrieb, das versöhnlichste Buch, das es nach 1945 in deutscher Sprache gibt.
„Ihre Schuld war, geboren zu sein“, heißt es in dem 1948 erschienenen Roman, „ihre Angst war, getötet, und ihre Hoffnung, geliebt zu werden: Die Hoffnung, Könige zu sein. Um dieser Hoffnung willen vielleicht wird man verfolgt… Peitscht uns, tötet uns, trampelt uns nieder, einholen könnt ihr uns erst dort, wo ihr lieben und geliebt werden wollt. Wo ihr den Fliehenden auf der Spur bleibt, um Zuflucht bei ihnen zu finden. Werft eure Waffen weg, und ihr habt sie erreicht.“
Roman einer verlorenen Wirklichkeit, die nicht mehr wissen will von einer Welt, in der das Spiel des Königs David auf der Leier, das Dudelsackstück des lieben Augustin und das Matrosenlied des Seefahrers Kolumbus zusammengehören.
Ilse Aichinger berichtet von Kindern und vom Kindsein, in diesem ersten Roman und später in ihren Erzählungen. „Die Erwachsenen bei uns reden in fremden Sprachen“, heißt es bei ihr. Kinder wissen den Sinn des Lebens: „Was wir tragen, trägt uns.“ Wenn die Kinder gefragt werden, warum sie im Dunkeln spielen, antworten sie: „Damit man besser sieht.“
Alles Zerrissene des Menschen findet im Spiel zusammen. Das Spiel – zweckfreies Tun – ist die eigentliche Wirklichkeit. Kindlich heißt bei ihr hellsichtig und traumhaft-visionär. Der Junge, der den ausbrechenden Wahnsinn des Hauslehrers für Spiel hält; das kleine Mädchen, das sich auf den Eisenbahnschienen in den Tod tanzt; das Kind am Fenster, das über die Gasse hinweg spielend den Dialog mit dem Narren am Fenster gegenüber aufnimmt – sie alle, so Ilse Aichinger, besitzen mehr Wirklichkeit als die Erwachsenen.
Günter Eich, ihr Mann, hat einmal geschrieben:

Am meisten hasse ich Vater Staat und Mutter Natur.

Sie unterstreicht diesen Satz und fügt erläuternd hinzu:

Das Gemeinste an der Entwicklung des Menschen ist der Verlust der Kindheit. Dagegen ist Altern gar nichts. Man verliert nicht mehr so viel.

Ilse Aichingers Kindheit, das heißt Leben mit der Großmutter, bei der sie und ihre heute in England wohnende Zwillingsschwester ein zweites Zuhause hatten. Die Mutter war Ärztin, der Vater Lehrer. Die Eltern wurden sehr früh geschieden. Daß die Großeltern jüdischer Religion waren, wußte Ilse Aichinger. Sie selbst wuchs im katholischen Glauben auf.
Die Großmutter, die Stille um sich verbreitete, die aus der Stille heraus die Märchen zum Leben erweckte, die vorlas und mit ihr spielte, von der sie mehr lernte als nur hören und sehen: nämlich ein Horchen und Erkennen, jener Zusammenhang von innen und außen, den sie später als Schriftstellerin in die provokativen Worte faßt:

Weg von diesen Irren, die Schwere zum Gesetz erheben, die Freiheit ist dort, wo dein Stern steht.

Geliebte Großmutter. An einem Tag im Jahre 1942 wird sie von der Gestapo geholt, wird „eine Straße mit Juden ausgehoben“, so die Sprache von damals. Ilse Aichinger, die 21jährige Schreibkraft in einer Apotheke, wo sie Zuflucht, Arbeit und Brot gefunden hat, irrt durch die Straßen. „Jemand ist hinter mir – nein, niemand ist hinter mir – niemand – die Leere der Welt“, heißt es in dem Roman Die größere Hoffnung.

Holt das Geheimnis ein! Lauft blindlings, lauft mit ausgestreckten Armen, lauft wie Kinder…

Noch einmal sieht Ilse Aichinger ihre Großmutter. Auf einem Lastwagen mit anderen Juden. Neben der Großmutter eine Tante Ilse Aichingers. Die 21jährige ruft, schreit, wird von ihrer Tante bemerkt. Die Tante redet auf die Großmutter ein. Die Großmutter sieht nicht mehr zurück. Ilse Aichinger, Tochter mit „arischem Vater“, in jener Sekunde der absoluten Verlassenheit niemandem zugehörig. Mischling. Opfer und doch nicht Opfer.
Leben in der verfluchten Gnade der Henker. „Alle Leute müssen Sterne tragen“, sagt eines der jüdischen Mädchen von sich und den anderen in Ilse Aichingers Roman. „Ich nicht“, ruft erbittert eines unter ihnen, „ich darf ihn nicht tragen! Zwei falsche Großeltern zuwenig. Und sie sagen, ich gehöre nicht dazu.“ Der Roman endet mit dem Tod des Mädchens, das von einer explodierenden Granate zerrissen wird. „Über den umkämpften Brücken stand der Morgenstern.“ Die Wirklichkeit ist ein offener Horizont, der Himmel „tödlich offen“.
Ilse Aichinger und das Schuldgefühl, überlebt zu haben. „Einfach, daß man übriggeblieben ist, daß man es geschafft hat, daß man zäh genug war“, erklärte sie. Ihre Todesverbundenheit und zugleich die alte, immer wieder aufbrechende Todesangst um den anderen. Um Menschen, die sie liebt. Die Mutter, die bei ihr in Großgmain wohnt, ist jetzt 88 Jahre alt. In ihr haben sich die Schreckenserlebnisse der Verfolgungszeit verfestigt.
Je älter die Mutter wird, desto deutlicher wird es. Auch das Eingeschlossensein. So wie sie im Krieg Wien nicht verlassen durfte. Der Verlust der Freunde, umgeben nur noch von der Tochter und den Enkeln heute. Die zunehmende Begrenzung auf das Haus macht alle Ängste wieder wach. Die Ängste der Mutter, es könne jemand einbrechen. „Es ist so, als ob sich die Nazizeit wiederholen würde“, sagt die Schriftstellerin, „wo die Mutter auch immer bedroht war, wo es auch davon abhing, daß ich gerade noch da war.“
Ilse Aichinger war siebzehn, als Österreich 1938 an Deutschland angeschlossen wurde. Als „Mischling“ durfte sie damals das Abitur noch machen. Die Universität freilich blieb ihr verschlossen. Die Mutter mußte damals in einer Fabrik arbeiten. Aus dem Staatsdienst als Schulärztin war sie entlassen. Die Familie wollte nach England emigrieren. Doch nur die Zwillingsschwester der Schriftstellerin kam noch hinüber und lebt noch heute dort: als Malerin. Bei den Bemühungen um ein Einreisevisum für die Mutter gab es damals Schwierigkeiten. Ärzte wollte man in England nicht haben. Man fürchtete die Konkurrenz. So blieb Ilse Aichinger bei der Mutter in Wien.
Ohne die Tochter wäre die Mutter mit Sicherheit deportiert worden. Mit ihr war sie geschützt durch eine Vorschrift, wonach jüdische Frauen, die Mischlingskinder hatten, vom Abtransport ins Konzentrationslager ausgenommen waren. Das galt, solange diese Kinder nicht volljährig waren. Von 1942 an – da war Ilse Aichinger 21 Jahre alt – war die absolute Gefahr für die Mutter da: Mit Tricks, der verbotenen Hilfe von „Ariern“ und Glück brachte die Tochter ihre Mutter ins Jahr 1945. Die Mutter, die der Ilse Aichinger 1921 das Leben geschenkt hatte. Die Tochter, die der Mutter das Leben schenkte.
„Die große Angst“, so erinnert sich die Schriftstellerin, „sie war trotz alledem sekundär. Man hat auf  Abruf gelebt. Aber das Stück bis zum Abruf war ungeheuer intensiv. Nie mehr habe ich so viel Freiheit geschöpft wie damals aus dem Zwang des Verfolgtseins. Man hatte nicht diese gehetzten Gefühle, die die Menschen heute haben. Nicht diese Eile im Herzen. Man war viel ruhiger, so grotesk das heute klingt. Jede Mahlzeit war eine Freude. Ein Zusammensein auch wenn es noch so schäbig war. Man hatte Pfefferminztee gekocht. Es war alles ein Fest.
Der Gedanke, nicht zu überleben, „hat mich nie geschreckt“, fügt sie hinzu. „Man stirbt leichter, wenn man jung ist. Man kann alles besser, wenn man jung ist. Die große Angst wurde bewältigt durch die Zuversicht, daß Hitler verschwinden wird. Groß war die Gefahr nur dann, wenn sich jemand der Angst preisgab oder von ihr überwältigt wurde. Das war die Schwäche, die aus den vorbestimmten Opfern erst wirklich Opfer macht. Sicher, das Ende konnte auch kommen, wenn jemand stark war.“ Ilse Aichinger spricht von der „irrationalen Hoffnung“, aus der eine andere Freiheit wuchs.
Die Freiheit, daß das „Heilige Land“ im eigenen Herzen zu finden ist.

Übermorgen wird Morgen und Morgen wird heute. Es gibt keine Gewesenen: Es gibt solche, die sind, und solche, die nicht sind, Gewordene und Ungewordene – das Spiel von Himmel und Hölle…

Diejenigen, die ihr Leben nicht durch ein System von Daten gegen das Unerwartete absichern, die nicht „beweisen wollen“, „daß das Heute ist“, verwirklichen das Heute.
Es gab die schlimmen Zeichen. Im Zimmer der Mutter in Großgmain liegt noch immer die Postkarte, die damals geschrieben wurde von einer Frau mit einem kleinen Mädchen:

Liebe Frau Doktor, Luci und ich, wir werden jetzt auf eine größere Reise gehen, um uns ein bißchen zu erholen. Alles Gute, geben Sie acht auf sich.

Die Schriftstellerin sagt:

Wir wußten ja, was die größere Reise war. Der Weg ins KZ.

Da ist auch die Erinnerung an eine 16jährige Freundin, die deportiert wurde und der es noch gelang, aus Riga einen Zettel an Ilse Aichinger zu schicken, auf dem standen die Worte:

Ich bin zwar bis hier hin gekommen. Aber von hier kommt keiner von uns zurück.

Doch es gab auch die guten Zeichen. Ein Jesuitenpater, der sich für die Juden einsetzte, mit ihnen zusammentraf, ihnen gütige Worte gab, die eine Kraft waren, und von dem sich Ilse Aichinger und Günter Eich 1953 in Salzburg trauen ließen.
Da war auch das Beispiel der Geschwister Scholl, die in München Flugblätter gegen Hitler verteilten, gefaßt und hingerichtet wurden. „Daß jemand so mutig war, der nicht jüdisch war, der es gar nicht nötig gehabt hätte, das hat uns Mut gemacht“, erinnert sich Ilse Aichinger.

Das hätte uns auch Mut zum Sterben gegeben. Deswegen werde ich auch so wütend, wenn manchmal heute zu hören ist, daß die Handlungsweise der Geschwister Scholl unvernünftig gewesen sei, weil zwecklos. Was heißt denn unvernünftig? Das war das einzig Mögliche. Nur konnte man es von niemandem verlangen, weil man gar nicht weiß, wie weit man selbst gegangen wäre. Aber die Nachricht von der Tat der Geschwister Scholl – sie ging ja wie ein Lauffeuer auch durch Wien – war ganz sicher für viele Juden im letzten Augenblick eine Hilfe, einfach deshalb, weil die Geschwister Scholl gehandelt haben.

Nach jahrelanger Verfolgung dann die Befreiung Wiens durch die Russen. „Es war ganz merkwürdig“, sagt sie.

Der Druck war weg. Aber was kam, war eine gewisse Trauer. Man war plötzlich wieder besorgter um das eigene Leben. Das hat einen an einem selbst enttäuscht.

Enttäuscht hat sie auch, daß die Verfolgung nun andersrum gegangen ist. Sie sah, wie ein SA-Führer in voller Uniform abgeführt wurde, wie er Spießruten laufen mußte:

Das war mir so billig. Ich hab’ mir gedacht, wenn sie jetzt wieder mit so etwas anfangen, wenn es nun wieder andere Verfemte gibt, dann beginnt ja alles von neuem.

Die gravierendste Enttäuschung aber war 1945 für sie das Eingeständnis, daß die Großmutter nicht mehr zurückzuholen war. Dieses Ende einer irrationalen Hoffnung: Wenn der Krieg zu Ende ist, dann fahren wir nach Minsk und holen unsere Großmutter.
Ilse Aichinger begann in Wien zu studieren, fünf Semester Medizin. Dann erschien ihr erster Roman Die größere Hoffnung im Verlag Bermann Fischer. Und sie hat sich gesagt:

Schreiben war für mich notwendiger.

Im Verlag Bermann Fischer nahm sie eine Stelle als Lektorin an. Von Inge Scholl, einer Schwester der hingerichteten Freiheitskämpfer, wurde sie nach Ulm geholt und beteiligte sich am Aufbau der Ulmer Hochschule für Gestaltung.
Ein neues Leben, in dem das alte nicht vergessen wurde, sich auch nicht vergessen ließ. Die tote Großmutter blieb lebendig. „Wer die Toten vergißt“, hat Ilse Aichinger geschrieben, „bringt sie noch einmal um. Man muß den Toten auf der Spur bleiben. Ich hab’ die Verbindung zu meiner Großmutter. Sie hat eine gute Art, dazubleiben. Dazubleiben, wie auch Günter.“ Ihr Mann. In einer Ecke in seinem Zimmer liegt ein Stapel, obenauf Zeichnungen von ihrer Tochter Mirjam, die Bühnenbildnerin werden will: Darunter Liebesbriefe von Günter Eich, die er geschrieben hat in der Zeit zwischen der Literaturtagung in Niendorf und der Heirat.
„Ich möchte sie eigentlich nicht mehr lesen“, sagt sie, „weil ich… ich denk mir, er sollte mir neue schreiben.“ Schreibt er ihr neue? Sie antwortet: „Ja, ich glaub’ schon.“
Die Zeit mit Günter Eich – sie war für sie die längste und zugleich die kürzeste. „Man sagt, wie im Flug“, erklärt sie. „Es war wirklich so… so rasch war sie vorbei. Man macht sich ja keine Vorstellung, wenn man beisammen ist, daß man plötzlich… daß es plötzlich nicht mehr sein könnte… da denkt man die ersten Monate nach dem Tod, er kommt wieder… bis man weiß, er ist gestorben… das dauert sehr lange.“
„Bis daß der Tod euch scheidet“ ist etwas, was Ilse Aichinger nicht akzeptiert.

Wie soll einen der Tod scheiden, ausgerechnet der Tod, wenn einen sonst nichts scheidet. Gewiß, schöner wäre es, man könnte gemeinsam gehen.

Sie denkt da an den Tod eines Freundes von Günter Eich:

Dessen Frau ist ihm so rasch nachgestorben. Das hab ich eigentlich bewundert. Sie hat einfach zu trinken begonnen in einem Maß, das eigentlich einem Selbstmord sehr ähnlich war.

Sie fügt hinzu:

Die Männer sind fragiler als die Frauen. Sie sterben schneller, was ich für ihr Glück in einer guten Beziehung halte. Die Möglichkeit zu gehen, wenn es an der Zeit erscheint, das wäre gerade für die Frauen so wichtig.

Da klingt an, was in Ilse Aichinger vorgegangen sein mag, als Günter Eich ging und sie zurückließ mit zwei Kindern und der Mutter. Der Sohn Clemens ist heute 25 Jahre alt, Schauspieler an den Städtischen Bühnen Frankfurt, die Tochter Mirjam, 23jährig, besucht das Mozarteum in Salzburg.
Ilse Aichinger und die Ehe mit Günter Eich. Die vielen Briefe, die sie sich geschrieben haben vor der Hochzeit und dann das Telegramm, das sie ihm von Heidelberg aus schickte, wo sie im Studio des Süddeutschen Rundfunks zu arbeiten begonnen hatte und plötzlich wußte: Der eine Mann in ihrem Leben, er würde immer Günter Eich heißen. Auf das Telegramm hin kam er sofort nach Heidelberg, holte sie zu sich. Ein zärtlicher Mann, der viel gelöst hat in ihr? „Alles“, sagt sie.
„Wir haben uns gegenseitig geschützt“, erinnert sie sich.

Da hat sich jeder um den anderen gekümmert. Er war ein stiller Mann. Er war ein Aufrührer. Er hat Bakunin geliebt. Geduldig war er mit allem Schwachen, ungeduldig mit Gott und der Biologie. Er war unfähig zur Rivalität. Er konnte es nicht ertragen, daß er etwas besser kann als die anderen.

Voller Hingebung in der Ehe, ein Versteckspieler nach draußen. Für die Biographie außerhalb seines literarischen Werkes galt ein Satz aus einem seiner letzten Gedichte:

Nur keine Spuren hinterlassen.

In dieser Zurückhaltung hinterließ Günter Eich ein aufrührerisches Werk. „Um die Kritik der Macht geht es, darum, ihrem Anspruch das Ja zu verweigern“, hat er 1959 bei der Verleihung des Büchner-Preises in Darmstadt gesagt.

Und obwohl Macht schon vor dem Sündenfall eingesetzt war, bestehe ich unbelehrbar darauf, daß sie eine Institution des Bösen ist…

Er dichtete:

Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!
Seid mißtrauisch gegen ihre Macht, die sie vorgeben für euch erwerben zu müssen.
Wacht darüber, daß eure Herzen nicht leer sind, wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird!
Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet!
Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt.

Ilse Aichinger erzählt:

Er konnte so schön Orangen schälen. Es hat alles besser geklappt, wenn er etwas in die Hand genommen hat. Er war ein sehr praktischer Mensch. Diese merkwürdige Mischung aus ungeheurer Sensibilität und einer großen Zähigkeit. Er hat sich nicht weich machen lassen. Selbst als er wußte, daß er nur noch kurz zu leben hatte.

Mehrere Herzinfarkte, eine kaputte Leber, eine kaputte Niere, zuckerkrank, aber dem Leben abtrotzend, solange er lebte.
Er zechte gern, er trank gern, er aß gern und gut, es las seiner Frau aus Büchern vor, er wanderte gern in den Bergen. Bis er zusammenbrach und in das Krankenhaus von Bad Reichenhall eingeliefert werden mußte. Bad Reichenhall, dem österreichischen Großgmain benachbart. Leben auf der Grenze, an der Grenze. „Sie haben ihn sediert“, berichtet Ilse Aichinger.

Sie haben ihn in seiner Bewußtlosigkeit an Kanülen und Schläuchen gelegt. Ich habe gebeten, bei ihm bleiben zu dürfen. Man hat nein gesagt. Ich habe gesagt, er wird alles herausreißen, wenn er allein in der Nacht aufwacht. Und er hat alles weggerissen. Als ich am nächsten Tag zu ihm kam, waren die Wände mit Blut bespritzt. Man wollte ihn in eine Nervenklinik bringen. Da hab’ ich ihn einfach wieder mit nach Hause genommen. Bevor er aufstand, hat er sich aufs Bett gesetzt. Und wir haben beide eine Zigarette geraucht…

Gestorben ist Günter Eich am 20. Dezember 1972. „Der Pfarrer hatte keine Zeit vor Weihnachten“, erzählt Ilse Aichinger.

Da ist der Bruder unseres türkischen Mädchens, das bei uns arbeitete, eingesprungen. Vor der Einäscherung hat der Türke seine muselmanischen Gebete gesprochen.

Günter Eich wollte, daß die Urne mit der Asche im Grabe des russischen Anarchisten Bakunin in Bern beigesetzt wird. Aber das wurde nicht gestattet. So ist er im Tode ins benachbarte Biel gekommen, seine Asche verstreut in den Weinbergen.
In ihrer Erzählung „Die Puppe“ schreibt Ilse Aichinger:

Wieviel Gelöbnisse brauche ich jetzt noch, wer soll mich wecken, wer mich wieder holen? Denn ich liege nicht im Schlaf, ich bin so warm wie kalt, ich bin den Schmerzen entwendet…

Woanders heißt es:

An Land setzen! Ich möchte wissen, woher sie das Land nehmen. Es ist alles gepflastert…

Und dennoch auch die Erfahrung, Paradies gesehen zu haben:

Ob ich den Rest behalte? Ob ich ihn auf gut Glück an mein Herz nehme?

In ihren Büchern schreibt sie gegen die gewohnte Erfahrung und die Logik einer sich vernünftig ausgebenden Welt an. „Es gehört vitaler Irrsinn dazu“, sagt sie, „auf der Welt zu bleiben und sieh anzupassen.“ In ihren Büchern bleibt die Phantasie Bewahrerin der tabuisierten Urbilder der Freiheit. Revolte gegen die brutale Herrschaft des Leistungsprinzips, Revolte der Sinnlichkeit gegen die stupide Vernünftigkeit. „Anarchie muß wieder werden, muß viel weiter gehen“, sagt sie. „Der Widerstand gegen die Selbstverständlichkeit der Grausamkeit in der Natur, in der Politik und in uns allen.“ Die Nichtigkeit aller Fahrpläne, die Kurzsichtigkeit aller staatlichen Ordnung, die Phantasiefeindlichkeit einer Gesellschaft, die unter dem Gesetz des Profis steht, denn da sind die Wolken, die über alles Menschenwerk ziehen.
Ein kleines Mädchen, das bei seiner Großmutter wohnt, so erzählt Ilse Aichinger in ihrem Roman Die größere Hoffnung, will aus Not einem Käufer den alten, geliebten Schrank mit den Glastüren verkaufen. Sie spricht, um den Käufer zu ermutigen, viel Wunderbares zum Lobe des Schrankes und das Schönste: Seine Türen klirren leise, wenn der Zug vorbeifährt: Ilse Aichinger und das Horchen auf die unerlöste Sprache der Dinge. Die bezeugte Unreife bewahren! „Und hätt ich keine Träume“, heißt das letzte Gedicht in ihrem neuesten Gedichtband, „so wär ich doch kein anderer, / ich wär derselbe ohne Träume, / wer rief mich heim?“

Jürgen Serke, aus Jürgen Serke: Frauen schreiben, Fischer Taschenbuch Verlag, 1982

„… aber sag ihr, sie soll weiter erzählen“

– Ilse Aichinger 2006. –

I
Wer Ilse Aichinger kennenlernen will, sollte sich Zeit nehmen. Einer, der unter der Tür, noch im Mantel und den nassen Schirm in der Hand, schon eine Antwort erwartet, wird enttäuscht werden. Er wird, durch den Türspalt hindurch, vielleicht das eine oder andere Detail erhaschen, aber nie wird sich ihm der gewaltige Imaginationsraum öffnen, der sich hinter dem Einlaß auftut. Es ist eine verschachtelte Wohnung, in der Ilse Aichinger lebt. Es gibt die Zimmer der Kindheit, in denen das Sonnenlicht gehütet wird, und einen langen Korridor des Schreckens, der sich bis in die Nachkriegszeit streckt. Ein kleiner Raum ist ausschließlich Knöpfen vorbehalten, mit denen man Gedichte legen kann, ein anderer ist mit Ansichtskarten gefüllt aus Städten, die sich nur schwer im Atlas finden lassen. Daneben ein Heimkino für Schwarzweißfilme, die in Endlosschleife gezeigt werden. Die Zimmer der Erinnerung, abgedunkelt. Ein großer Raum allein für Fragen, die wie Fledermäuse von der Decke hängen. Sie schwirren um dich herum, ohne auf dich aufzuprallen. Eine Frage lautet:

Oder haben Sie eine Ahnung, weshalb sich Rahel ihr Zeug nicht nachschicken läßt? Nach siebzehn Jahren?

Und während man noch grübelt, kommt schon die nächste Frage:

Kenne ich mich? Mich – mich – mich- mich?

Darf man so fragen?

Wie heißt die letzte Frage? Mein Fahrer dreht das Licht im Wagen an, liest seine Uhr ab, wird mir den Preis gleich nennen. Wie heißt die letzte Frage? Wie heißt sie? Ja. So heißt sie. Mein Wagen hält.

Man sollte schwindelfrei sein, wenn man Ilse Aichingers Wohnung betritt. Und einen Sinn für das Paradoxe haben. Der eigenartigste Raum allerdings, der sich durch alle Zimmer zieht, ist der Raum der Poesie. Von ihm gehen Fenster in die Stube der Märchen, wo alte Kommoden vor sich hin brüten, in die seltsam karg möblierte Kammer der Mythologie und des Zaubers, und eines zeigt, mit erschreckender Deutlichkeit, die Gegenwart.

2
Die Leser von Ilse Aichinger bilden eine verschworene Gemeinschaft, aber keine Geheimgesellschaft, zu der nur Eingeweihte Zutritt haben. Kein Codewort, keine Gesichtskontrolle, kein Ausweis, kein Chip. Jeder ist willkommen, der ein gewisses Zutrauen zu den Dingen hat, die sich bei ihr nie so verhalten, wie man es sich wünscht. Auch ein stabiles Verhältnis zur Logik, die einer harten Prüfung ausgesetzt wird, sollte man mitbringen, dafür keine Meinungen, schon gar keine vorgefaßten. Die Verehrer schneller Antworten (und dickleibiger Romane) halten den Sprachraum von Ilse Aichinger für „hermetisch“, eine Bezeichnung, die nur im Deutschen abwertend klingt („würde ich nicht lesen, zu hermetisch“), im Italienischen dagegen als Auszeichnung gilt: Ungaretti, Montale oder Luzi werden geschätzt, weil deren Sprache sich nicht gemein macht mit der Alltagssprache, obwohl jedes Wort, das sie schreiben, bekannt ist und auch von Ilse Aichinger gebraucht wird. Manchmal freut man sich, wenn bestimmte Leser Reißaus nehmen, weil diese Autorin dann einem mehr, intensiver gehört; man möchte sie nicht mit zu vielen teilen. Eines ihrer Bücher, Schlechte Wörter, beginnt sie mit dem Satz:

Ich gebrauche jetzt die besseren Wörter nicht mehr.

Das gibt einen Stich – kann man Wörter moralisch qualifizieren? Gibt es bessere und schlechtere Wörter? Schon ist man in einem Spiegelkabinett gefangen, man läuft sich entgegen, indem man sich von sich entfernt, und die Wörter, die besseren und die schlechteren, vertauschen fortwährend ihren angestammten Platz. Die zweite Geschichte dieses Buches beginnt mit der lapidaren Feststellung:

Wir haben jetzt Flecken auf unsern Sesseln.

Na und? fragt man sich, wäre die Welt anders ohne diese Flecken? „Das ist eine müßige Frage“, schreibt Ilse Aichinger, „sie wäre anders. Sie wäre ohne diese Flecken.“ Und dann beginnt eine Höllenfahrt durch die von den Flecken infizierte, beschmutzte Welt, alles gerät unter Verdacht, alles wird in Frage gestellt. Und am Schluß heißt es über die unschuldigen Flecken:

Vielleicht sind sie überhaupt Anfänge von Vorstellungen. Weil es Anfänge nicht gibt. Diese Flecken siegen. Sie siegen auch.

Und die dritte der Verkehrte-Welt-Geschichten der Schlechten Wörter heißt „Zweifel an Balkonen“ und versucht die Frage zu klären:

Wer sind sie, die Balkone der Heimatländer, die großen unscheinbaren Tauscher?

Man kann sich vorstellen, daß einer, der für diese Merk- und Denkwürdigkeiten keinen Sinn und kein Auge hat und sich diesen Fragen nicht gewachsen fühlt, bei einer Wirklichkeit Zuflucht sucht, bei der Balkone lediglich Ausbuchtungen an Häusern darstellen, auf denen man sitzen und Kaffee trinken kann. Es stimmt schon, in Ilse Aichingers Schreiben geht es unvertrauter zu als in der Geschichtsschreibung oder der Liebe, die wir ja alle spielend verstehen und „beherrschen“.

3
Ein paar Ilse-Aichinger-Sätze, ins Stammbuch: „Nichts preisgeben, hört ihr, alles für euch behalten.“ – „Wenn ich überhaupt nichts mehr erzählte und auch auf Fragen nur im äußersten Fall und nur dem Schein nach einginge?“ – „Soll man wieder beginnen, die alten rührseligen Geschichten zu erzählen? Das Mitleid heraufbeschwören?“ – „… aber sag ihr, sie soll weiter erzählen.“ Vier Sätze, aus vier Geschichten, aus dem Zusammenhang gerissen, einen Zusammenhang erzwingend. „Niemand kann von mir verlangen, daß ich Zusammenhänge herstelle, solange sie vermeidbar sind. Ich bin nicht wahllos wie das Leben…“, sagt eine/r, und: „Ich will nicht auffallen, ich mische mich lieber unauffällig hinein. Ich schaue zu. Ich schaue zu, wie alles und jedes seine rasche, unzutreffende Bezeichnung bekommt, ich tue sogar seit kurzem mit. Der Unterschied ist nur: Ich weiß, was ich tue. Ich weiß, daß die Welt schlechter ist als ihr Name und daß deshalb auch ihr Name schlecht ist.“
Dem ist nichts hinzuzufügen.

4
Ich glaube, ich muß Ilse Aichinger nicht vorstellen. Fällt ihr Name, stehen uns sofort ihre Bücher vor Augen: der Roman Die größere Hoffnung, dessen Titel für eine ganze Generation wie ein Leitspruch wirkte, nachdem die ganz große Hoffnung sich nicht erfüllt hatte. Die Geschichte von Ellen, die hinter dem fälschlich gebrauchten Titel steckt, Kind einer jüdischen Mutter und eines in schlimmer Zeit alles andere als christlich reagierenden Vaters, diese Geschichte einer großen Hoffnung, 1948 veröffentlicht, vor mehr als fünfzig Jahren, hat keiner vergessen, der sie je gelesen hat – und wer sie nicht gelesen hat, der ist mit einer Inhaltsangabe in diesem Fall auch nicht gut versorgt. Schon dieser schöne, niederschmetternde frühe Text ist ein flirrendes Sprachwunder, das sich trotz seines manifesten politischen Inhalts nicht dazu überreden läßt, in der Sprache „der Zeit danach“ sich lesen zu lassen. Die größere Hoffnung ist, überspitzt ausgedrückt, das absolute Gegenstück zur Sprache der Adenauer-Zeit: In diesem Roman zeigt sich schon überdeutlich, daß der Sprachweg von Ilse Aichinger mit der Sprache der entstehenden Republiken nicht parallel lief. „Über den umkämpften Brücken stand der Morgenstern“ – so hört die Geschichte von Ellen, die auf der Brücke den Tod findet, auf. Mit diesem lakonischen Schlußsatz, der den einen wie blutige Ironie klang, von anderen als Zeichen der Hoffnung gelesen wurde, mit diesem Brückensatz, der eine fürchterliche Vergangenheit mit einer ungewissen Zukunft verbindet, schrieb sich Ilse Aichinger in die deutschsprachige Literatur.
Und über der Brücke der helle Stern, der Morgenstern.
Sie hat nie wieder einen Roman geschrieben, und vielleicht ist es auch klüger, Die größere Hoffnung in das Regal zu stellen, wo die Bände mit lyrischer Prosa und die Gedichte stehen. Die Geschichte, so kann man wohl sagen, war und ist für Ilse Aichinger zu monströs, um sie ordentlich in Geschichten verpacken zu können. Jedenfalls nicht mit der Sprache, die ihr vorher und nachher zur Verfügung gestellt wurde, was sie später einmal in den nur scheinbar paradoxen Satz gekleidet hat:

Meine Sprache und ich, wir reden nicht miteinander, wir haben uns nichts zu sagen.

Dieses Paradox hat – so paradox es klingt – ihr Werk hervorgebracht: Die Schlechten Wörter und den Verschenkten Rat, der zu meinen nicht auslesbaren Lieblingsbüchern gehört. Es sind Ratschläge, die man beherzigen muß. Beherzigen – auch ohne jede Etymologie summt dieses Wort in meinem Kopf herum.

Gib mir den Mantel, Martin,
aber geh erst vom Sattel
und laß dein Schwert, wo es ist,
gib mir den ganzen.

Das Gedicht heißt doppeldeutig „Nachruf“, es ist ein Nachrufen dem schon weiterreitenden St. Martin hinterher, das sich nicht abspeisen läßt mit einer milden Gabe, und es ist ein Epitaph auf die Mildtätigkeit, auf die falsche Solidarität. Die Gedichte aus dem Verschenkten Rat sind oft als dunkel, verschlossen bezeichnet worden. Ja, so bezeichnen wir sprachliche Gebilde, die sich nicht mit einem Blick aufnehmen – und erledigen lassen. Ilse Aichinger ist und bleibt die Dichterin des Unerledigten, die seit der Größeren Hoffnung nicht davon ablassen will, dieses Unerledigte zu präsentieren. Wir müssen sie beherzt lesen, dann erst können wir ihre Ratschläge wirklich beherzigen: als unmittelbare Aufforderungen.

5
Auf die Frage: Wer oder was hätten Sie sein mögen? lautete Ilse Aichingers Antwort: Niemand und nichts.
Liebe Ilse, Du hast es uns nie leicht gemacht. Dafür danken wir Dir.

Michael Krüger, aus Stefan Moses: Ilse Aichinger. Ein Bilderbuch von Stefan Moses. Mit ausgewählten Texten von Ilse Aichinger, S. Fischer Verlag, 2006

17. Februar

Für ein paar Tage bin ich, seit gestern, wieder in Wien; heute wäre ich mit H. E. um fünfzehn Uhr zu einer Schachpartie im Engländer verabredet gewesen, er hat’s wohl vergessen. Ich warte, bestelle noch einen Zweigelt rot, versuche mich an einem französischen Kreuzworträtsel. Mir gegenüber, einen Tisch weiter, sitzt eine alte Frau, sie löffelt, tief vornübergebeugt, eine Suppe, gleichzeitig liest sie in einem bunten Magazin, das sie zur Hälfte unter den Teller geschoben hat. Die Frau kommt mir bekannt vor. Aber wo sie einordnen, jetzt, da sie gegenwärtig ist. Eigentlich bin ich ja sicher, daß ich sie kenne, nur erkenne ich sie nicht; ich gehe hinüber zu ihrem Tisch.
„Sind Sie’s“, frage ich, „oder sind Sie’s nicht.“
Während die Frau langsam den Kopf hebt, und noch ehe sie mich gesehen hat, erkenne ich Ilse Aichinger. „Wer“, sagt sie, „sollte ich denn sein.“
„Ja.“ Mehr fällt mir in diesem Augenblick des Wiedersehens nicht ein. Aber ist es denn ein Wiedersehen. Weiß sie überhaupt, wer ich bin. Meinen Namen nennt sie nicht, weder jetzt noch später beim Abschied, überhaupt kommen während des kurzen Gesprächs, das wir haben, keine Namen vor.
Die Frau erzählt von ihrer Kindheit in Wien, wohin sie nach langer Abwesenheit zurückgekehrt ist. Die Herkunft, sagt sie, sei die Kraft, zu der man zurückkehrt. Auch ihr Mann, sagt sie, sei in seiner letzten Lebenszeit immer wieder, wie zufällig, nach Berlin gefahren, in seine Geburtsstadt. Und sie berichtet von ihrer Schwester… Zwillingsschwester, die in England lebe und von der sie sich so sehr wünsche, daß sie ebenfalls nach Wien zurückkehre. Auch die Kinder. Auch die Dichter. Sie bleiben alle ohne Namen. Dichter. Kinder. Meine Schwester. Mein Mann.
„Ich lese ziemlich viel“, sagt die Frau, „aber eigentlich lese ich immer dasselbe. Am liebsten Gedichte, Bücher über berühmte Leute, keine Romane.“ Links neben ihrem Teller hat sie… „zum Telephonieren“, sagt sie, sie lächelt… ein paar Münzen aufgeschichtet, rechts davon ein Häufchen bekritzelter Zettel und Schnipsel, auf denen wie ein rostiger Briefbeschwerer ihre Hand ruht. Ich verabschiede mich bald, sie sagt nur einfach Sie zu mir. Inzwischen wird mich diese wunderbare Frau vergessen haben. Wie alle Namen.

Fortschritt. – Gewinnt wer
beim Würfeln Eltern und
Geschwister. Ist er
plötzlich im Begriff oder
nach wie vor am Leben. Herzlich
grenzt Familie an Zahl.
An Zufall. Wo nur
zwischen soviel Augen tauchen.
Aber noch ist nichts
getauscht. „Wir kommen gegen unsern
Willen weiter“
(für Ilse Aichinger)

Felix Philipp Ingold, aus Felix Philipp Ingold: Freie Hand, Carl Hanser Verlag, 1996

Ein Gespräch zwischen Michael Braun und der Literaturwissenschaftlerin Simone Fässler über das Werk von Ilse Aichinger.

Ein Gespräch zwischen Michael Braun mit dem Lyriker Levin Westermann – über Ilse Aichinger, Poesie und Schweigen und die Unheilsengel der Geschichte.

Lesung Ilse Aichinger

im Literarischen Colloquium am 31.10.1996. Moderation: Hajo Steinert. Gesprächspartner: Richard Reichensperger.

Einleitung: Hajo Steinert stellt die Autorin Ilse Aichinger vor.

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Gespräch I: Richard Reichensperger spricht mit Ilse Aichinger über ihre Jugend.

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Gespräch II: Wie war das Leben 1945?

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Gespräch III: Das Wesen der Erinnerung, oder: Wie sind Ilse Aichingers Bücher entstanden?

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Gespräch IV: Fällt Ilse Aichinger das Schreiben leicht?

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Lesung IV: Ilse Aichinger liest kurze Gedichte.

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Ilse Aichinger

WARUM

eins
was täte ich,
wenn die Jäger nicht wären,
meine Tochter

zwei
Warum fragen sie so dumm warum
warum ist im Korb Wein warum
und wozu braucht es Kuchen und
wieso gehst du heute Oma besuchen

warum kratzt der dir das Ohr
wieso zittert dein Gesicht
warum kommen Krallen
dir komisch vor
und wer braucht hier mehr Licht

Peter Wawerzinek 

 

 

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Zum 90. Geburtstag der Autorin:

Sabine Rohlf: Es geht immer um Genauigkeit
Frankfurter Rundschau, 1.11.2011

Paul Jandl: Ilse Aichinger, die Grande Dame der österreichischen Literatur
Hamburger Abendblatt, 1.11.2011

Peter Mohr: Das Komische macht mich glücklich
titelmagazin.com, 2.11.2011

Anja Hirsch: Unerkundbar, undurchschaubar
Deutschlandfunk, 1.11.2011

Zum 95. Geburtstag der Autorin:

Susanne Stephan: Verse, verborgen
poetenladen, 2016

Bettina Steiner: Ilse Aichinger: Es gilt das genauere Wort
Die Presse.com, 30.10.2016

Nachrufe auf Ilse Aichinger: Die Welt ✝ FAZ ✝ Die Zeit

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Nach Lektüre einiger Nachrufe ein paar Notizen zur Rezeption ihres Werks von Teresa Präauer.

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