Dagmar C.G. Lorenz: Ilse Aichinger

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Dagmar C.G. Lorenz: Ilse Aichinger

Lorenz-Ilse Aichinger

ILSE AICHINGERS BIOGRAPHIE UND WERK

Ilse Aichinger wurde am 1.11.1921 in Wien geboren. Dort und in Linz verbrachte sie ihre Kindheit. Nach der Besetzung Österreichs durch die Nazis konnte sie ihre Gymnasialausbildung 1939 noch mit der Matura beenden, wurde aber zum Medizinstudium als Halbjüdin nicht zugelassen. Während des Krieges war sie dienstverpflichtet. Ihre Verwandten mütterlicherseits waren rassischen Verfolgungen ausgesetzt. Nach 1945 begann Aichinger, intensiv an ihrem Roman Die größere Hoffnung zu arbeiten, dessen erste Entwürfe aus den Kriegsjahren stammen. Sie brach ihr Medizinstudium nach fünf Semestern ab, um sich ausschließlich ihrer schriftstellerischen Tätigkeit widmen zu können. Die größere Hoffnung erschien 1948. 1949 wurde Aichinger Lektorin für ihren Wiener Verleger, den Bermann-Fischer-Verlag. In diese Zeit fällt ihre erste bedeutende Auslandserfahrung, eine Reise nach England, wo ihre Zwilingsschwester, Helga Mitchie, Schriftstellerin englischer Sprache, lebt. 1950 zog Aichinger nach Ulm, wo sie zusammen mit Inge Scholl an dem Aufbau der dortigen Hochschule für Gestaltung arbeitete, ohne ihr Lektorat – nun für den Fischer Verlag in Frankfurt – aufzugeben. 1951 erschien sie zum ersten Mal mit ihrer Kurzgeschichte „Der Gefesselte“ vor der Gruppe 47 und erhielt den Preis der Gruppe 47 im folgenden Jahr für „Spiegelgeschichte“, sowie den Österreichischen Förderungs-Staatspreis. Unter ihren zahlreichen Auszeichnungen befinden sich der Preis der Freien Hansestadt Bremen, der Literaturpreis des Kulturkreises im Bundesverband der deutschen Industrie, der Nelly-Sachs-Preis, der Immermann-Preis der Stadt Düsseldorf, der Preis der Bayerischen Akademie und der Roswitha-von-Gandersheim-Ring. Aichinger ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
1953 heiratete Aichinger den 1972 verstorbenen Schriftsteller Günter Eich. Das Paar hatte zwei Kinder, Clemens und Mirjam. Seit 1972 lebt Aichinger in Groß-Gmain bei Salzburg.
Obwohl sich in Aichingers Werk, besonders in Die größere Hoffnung1 und einigen Kurzgeschichten, enge Zusammenhänge mit der Biographie der Autorin aufweisen lassen,2 und tatsächliche Vorkommnisse oft Anstoß zum Schreiben sind, ist Aichinger keine biographische Schriftstellerin. Sie begann ihren Roman mit dem Vorsatz, einen Bericht darüber zu geben, „wie es war“,3 schloß jedoch universale Belange und abstrahierende Meditationen sowie eigene innere Erfahrungen in GH mit ein, so daß eine bewußt künstlerische Fiktion entstand. GH ist kein Dokumentarbericht, sondern ein umfassender Bewältigungsversuch von persönlicher und zeitgeschichtlicher Dimension. Krieg, Verfolgung, die Bedrohung der Jugend und Kindlichkeit in einer Umgebung, in der für Kinder kein Platz ist, Flucht, geistige und körperliche Gefährdung, die intellektuelle Misere, die Schwierigkeiten, sich als Außenseiter mit der dominanten Kultur zu identifizieren, sind bis in Aichingers Spätwerk von hervorragender Bedeutung. Fluchtmotive, Suggestionen von bevorstehenden Katastrophen, Kritik an einem selbstgerechten Christentum, Anklage gegen Ungerechtigkeit und intensive Sensibilität für Minoritätenprobleme kennzeichnen auch die Struktur, Diktion und Bildlichkeit von Aichingers späteren Veröffentlichungen.
Obwohl die Autorin sich nicht direkt darstellt, haben die Interessenbereiche, die ihr Werk immer wieder berührt, ihren Ausgangspunkt in ihrer Biographie, die durch die Situation Österreichs und Deutschlands vor und nach 1945 geprägt wurde. Das Identitätsproblem, mit dem Ellen (GH) kämpft, ist Aichingers eigenes. Durch die politische Entwicklung in Österreich wurde ihre Familie so aufgesplittert, daß Aichingers Vater, als mit dem neuen Régime Affiliierter und von Aichingers Mutter geschieden, zum politischen und ideologischen Gegner seiner Familie wurde, ein Konflikt, den noch das Gedicht „Mein Vater“4 widerspiegelt.
Aichinger selbst steht, wie Ellen, zwischen den Kulturen. Obwohl sie sich mit den Unterdrückten identifizierte, fehlte ihr die intime Kenntnis der jüdischen Tradition. Bereits ihre Mutter war, als Tochter eines Offiziers, getauft worden und hatte eine Klosterschule in der Nähe von Sarajewo besucht. Sie schlug als Tochter eines toleranten Vaters ihre eigene Karriere als Ärztin ein, eine Laufbahn; gegen die sich Aichinger trotz familiärer Vorbehalte entschied, indem sie nach dem Zusammenbruch des sogenannten Großdeutschen Reiches Schriftstellerin wurde. Da sie jedoch selbst durch das Hitler-Régime geschädigt worden war und schwer Betroffenen nahestand, ist ihre Situation zu Ende des Krieges anders als für die meisten deutschen Schriftsteller. Schmidt5 beobachtet, daß sich das Gefühl begangenen und erlittenen Unrechts nach dem Kriege auf österreichischer Seite verstärkt habe. Der ökonomische Zusammenbruch, die Verluste, sowie das Ende eines zwar fragwürdigen Wertsystems habe ein Nachkriegstrauma entstehen lassen, das bis an den Rand des Ich-Verlustes führte.6 In GH jedoch ist das Ende des Krieges mit dem Bild der aufgehenden Sonne verbunden. ,,Wenn die Sonne aufgeht“, sagt Ellen, „muß ich keine Angst mehr haben.“ (GH, S. 184) Obwohl weniger emphatisch als der Ruf nach dem „neuen Menschen“ nach dem ersten Weltkrieg, ist der Optimismus, der in GH das Ende des 3. Reichs begleitet, deutlich. Statt einer Nachkriegsdepression ist für Aichinger das Gefühl der Befreiung anzusetzen, das auf die Jahre der Unterdrückung folgt.
Wenngleich für Deutschland und Österreich verallgemeinernd festgestellt werden kann, daß „die nachwachsende deutsche Literatur nach 1945 vorerst wenig literarisch“ sei, daß sie „um Bewußtsein, um Sprache, um Aussagemöglichkeiten, also Nicht-Ertrinken-Müssen“ ringe und ihre Stoffe „vorwiegend dokumentarisch und biographisch“ seien,7 so bildet Aichinger zu diesem Trend eine Ausnahme. Vergleicht man ihre frühe Prosa mit der Borcherts, Bölls oder Eisenreichs, so fällt der sprachliche Reichtum auf. Aichinger gehörte nie zu den Schriftstellern des „Kahlschlags“. Sie bediente sich bereits zu Beginn ihrer Karriere poetischer Überhöhungen, einer intensiven Bildersprache und einer subtilen, differenzierten Syntax. Sie brach nicht mit der literarischen Tradition, sondern knüpfte durch Zitate, Anspielungen und Motive, Kontraste und die bewußte Anwendung von rhetorischen Mitteln8 an die Hymnik der Bibel und den Expressionismus an. Aichinger bewunderte Musil, Stifter, Kleist, Grillparzer und Büchner.9 GH wurde daher, bei der vorherrschenden Neigung zu sprachlicher Kargheit, seinerzeit zu Recht als eine Außenseiterpublikation betrachtet.
Der Nullpunkt – eine psychologische Notwendigkeit und zum Teil ein literaturgeschichtliches Faktum – betraf Aichinger nicht. Gleichermaßen war für sie kein ideologischer „Reinigungsprozeß“10 vonnöten oder relevant, da für sie als Außenseiterin des Nazi-Regimes das falsche Pathos und der Pseudoheroismus der Blut- und Bodenliteratur kaum eine Versuchung hatten darstellen können. Aichinger kann, entsprechend Livingstones Kategorien, als „nicht offen gesellschaftsorientierte“ oder „offen anti-soziale“ Autorin klassifiziert werden.11 Mit vielen Nachkriegsschriftstellern teilte sie einen Ideologieverdacht, der sich bei ihr, dem Opfer der totalitären Ideologie, aus persönlichen Einsichten und Erfahrungen zwingend ableiten läßt. Das sich in ihrem Werk manifestierende Mißtrauen gegen anders als persönlich-existentiell motivierte Entscheidungen und Einstellungen muß in ihrem Fall nicht direkt mit der Existenzphilosophie verbunden werden, obwohl diese für die deutsche Nachkriegsliteratur von bedeutendem Einfluß war, noch ist es notwendig, bei ihr die zwanghaften Visionen eines gelenkten Universums auf Kafka zurückzuführen, von dem sie, ihren eigenen Worten nach, nur wenig gelesen hat.12 Beide Elemente sind durch ihre eigenen Erfahrungen ausreichend motiviert. „Jeder, der einen vollen Magen und ein weißes Hemd hatte, traute sich selbst. Man pries seine Vernunft, seine Güte, seine Menschlichkeit. Und bot tausend Sicherungen auf, um sich gegen die Schmutzigen, Zerrissenen und Verhungerten zu schützen. Aber keiner sicherte sich gegen sich selbst“, schreibt Aichinger in „Aufruf zum Mißtrauen“.13 Nach dem Abflauen der Mode des Anti-Ideologismus bei der „skeptischen Generation“14 hat sich Aichingers Verhältnis zur Realität und zu individuellen Problemen in der Konzeption nicht verändert. „Gesellschaft“ ist für sie ein „schlechtes Wort“, wobei sie betont, „schlecht“ sei nicht mit „schlicht“ zu verwechseln. In der Gesellschaft werde etwas Totales anvisiert, wo nur Zufälligkeiten und Notlösungen vorhanden sind. Statt der Not der Gesellschaft suche sie die Not an sich, die Not im Einzelnen.15
Aichinger intentierte in keiner Schaffensphase eine photographische Wiedergabe der äußerlichen Phänomene, sondern konzentrierte sich auf die Bewußtseinsprozesse und Reflexionen, die dieselben begleiten, auf den Stellenwert, den sie im Geist des Individuums einnehmen. Es geht ihr um die geistige Bewältigung von Lebensprozessen. Sie vermeidet psychologische Analysen und bemüht sich in GH um die Transzendierung des Einzelbewußtseins durch die Darstellung kollektiver geistiger Prozesse und Meditation.16 Die Heldin Ellen könnte dem Geschlecht und der Herkunft nach – nicht dem Alter – mit der Autorin identisch sein. Mehr denn Einzelwesen ist sie jedoch der Ausgangspunkt zur poetischen Analyse der deutsch-jüdischen Situation. Ausgehend von persönlichen Reaktionen wird eine Universalisierung angestrebt, deren Ziel Einsicht in die menschliche Misere vieler ist.
Mit der veränderten persönlichen und politischen Lage nach dem Kriege, dessen Ende für die Autorin die Befreiung bedeutete, werden neue Elemente in Aichingers Werk relevant. Es fällt auf, daß das direkte Eingehen auf die Nachkriegs- und Heimkehrersituation, die einen breiten Raum in der Literatur derselben Zeit einnimmt, vermieden wird. Literarisch und theoretisch gilt Aichingers Aufmerksamkeit dem neuen Staat und den Lebensgrundlagen seiner Individuen. Ihre Haltung ist abwartend und skeptisch:

So wuchs die Bestie unbewacht und unbeobachtet durch die Generationen. Wir haben sie erfahren! Und sind doch schon wieder bereit, selbstsicher und überlegen zu werden, zu liebäugeln mit unseren Tugenden! Kaum haben wir gelernt, den Blick zu heben, haben wir auch schon wieder gelernt, zu verachten und zu verneinen. Kaum haben wir stammelnd versucht, wieder „Ich“ zu sagen, haben wir auch schon wieder versucht, es zu betonen. Kaum haben wir gewagt, wieder „du“ zu sagen, haben wir es schon mißbraucht! Und wir beruhigen uns wieder. Aber wir sollen uns nicht beruhigen!17

Der Themenkreis Schuld, Auflehnung und Rehabilitierung steht in Rede unter dem Galgen (1949)18 im Vordergrund. Freiheit, Gebundenheit und Ausbeutung sind die vorherrschenden Motive, sowie der Gebrauch und Mißbrauch von Wort und Sprache in Konventionen, die den Menschen konditionieren. Weniger als mit konkreten Ereignissen setzt Aichinger sich mit den Dynamiken auseinander, die die Geschehnisse der Vergangenheit möglich machten und die Zukunft bestimmten. Sie läßt in ihre Texte schon früh zeitgenössische Phänomene miteinfließen – Schönheitskonkurrenzen und Raketen, Motorboote und Luxusurlaube, Züge und Werbeplakate – und nimmt so in ihrer frühen Prosa Aspekte des kommenden deutschen Wirtschaftswunders vorweg.
Andere Erzählungen setzen sich mit der Autorität Erwachsener auseinander. Das Unverständnis zwischen den Generationen, bedingt durch die verschiedenartige Perzeptionsweise, eröffnet Einblick in Welten, die, obwohl zeitlich und geographisch dieselben, grundsätzlich anderen Bedingungen unterliegen. Der deutsche Generationskonflikt zwischen Vorkriegseltern und Nachkriegskindern – wohl der größte, der denkbar ist – sowie das Bemühen um eine neue Pädagogik und ein den veränderten Bedingungen adäquates Bildungswesen findet so auch Eingang in Aichingers Werk. Allerdings kommt der gesellschaftliche Umbruch auch hier nicht zum Tragen, selbst der Wiederaufbau wird ausgespart, obwohl sich Aichinger selbst an der Kulturarbeit beteiligte. Die Elemente der meisten Erzählungen deuten auf eine voll funktionsfähige Massengesellschaft mit extensiver Technologie und den ihr innewohnenden Mißständen: lebensgefährlichen, illegalen Abtreibungen, dem Autoritätsmißbrauch, Mißgunst und Ausbeutung.
Erst später nimmt Aichinger Motive der unmittelbaren Nachkriegszeit andeutungsweise in ihr Werk auf, z.B. in „Alte Liebe“ (1964)19 die der Heimkehrer und die langfristigen Auswirkungen des Krieges auf die zeitgenössische Gesellschaft in „Mein Vater aus Stroh“. (1962)20 Impressionen des Schreckens und Grauens nehmen von diesem Zeitpunkt ab in ihren Texten zu, als sei für die Autorin erst nach einer zeitlichen Distanz die Möglichkeit eröffnet worden, wieder über die Vergangenheit, die ihr eigenes Leben zweifellos traumatisch beeinflußte, zu schreiben.
Generell ist über Aichingers Prosa und Hörspiele zu bemerken, daß sie nach der Heirat mit Günter Eich (1953) an Abstraktheit gewinnen und der direkte biographische Bezug, der am deutlichsten in GH vorliegt, abnimmt. Mehr und mehr nähern sich die Texte der Hermetik des Rätsels, der Präzision von „Modellbedingungen und Modellreaktionen“.21
Die Namen der Aichingerschen Gestalten, die Handlungsorte und Bezüge, weisen auf die zahlreichen Reisen der Autorin. Das Hörspiel Auckland z.B. spielt an der kalifornischen Küste und spiegelt Aichingers Abneigung gegen den Lebensstil der westlichen USA.22 Seit ihrer Englandreise hat die Autorin eine Vorliebe für angelsächsische Namen. Zu ihren bevorzugten Schriftstellern gehören aus dem englischen Sprachraum Joseph Conrad, Hart Crane, Samuel Beckett sowie Henry und Arthur Miller.
Auf die verschiedenen Wohn- und Aufenthaltsorte weisen Gedichttitel: „Breitbrunn“, „Bei Linz“, „Triest“ sowie die verschiedenen Wiener Lokalitäten in Kurztexten. Aichingers eigene Wohnortwahl in Grenznähe, selbst in den Erlebnissen der Autorin begründet, wird in dem wiederholt auftretenden Grenzmotiv reflektiert. Es läßt sich bis auf die versuchte Grenzüberschreitung in GH zurückführen und auf die Situation der jungen Ilse Aichinger, die nicht aus Österreich auswandern konnte. Grenzen und Begriffe wie In- und Ausland waren ihr Zeit ihres Lebens wichtige Vorstellungen. Auch die Vorliebe für Reisen, Schiffe und Hafenstädte ist aus der ehemaligen Immobilität abzuleiten.23 Aichinger liebt Inseln. England, da es von allen Seiten zugänglich ist, ist ihr ein angenehmes Land.24 Abgeschlossenheit von der Umwelt, und sei es zum eigenen Schutz, nimmt in ihrem Werk einen negativen Charakter an.
Das elternlose Kind und die führungslose junge Generation, Hauptaspekte in Aichingers Werk, haben ebenfalls biographische Wurzeln. Wenngleich der Generationskonflikt von zeitgeschichtlicher Relevanz ist, fügt Aichingers eigene Erfahrung, die Trennung von Vater und Mutter, diesem Phänomen etwas Zwingendes hinzu, das die Bitterkeit über die Generation der Väter, den Zweifel an der sozio-kulturellen Tradition des Heimatlandes – oft nennt sie es „Mutterland“ – erst durch die Kenntnis ihres Schicksals ganz verständlich macht.
Im Laufe ihrer Karriere stellt sie eine immer deutlichere Distanz zwischen die eigene Person und die Fiktion. Es läßt sich wenig über Aichingers Leben aus den Texten entnehmen. Gewisse Vorfälle mögen den Anlaß zum Schreiben eines Textes bilden, wie z.B. tatsächlich verschüttete Milch den Anstoß für „Flecken“ eine Aufschrift an einem Balkon für „Zweifel an Balkonen“ gaben. Jedoch sind solche Einzelheiten irrelevant für die Deutung des Textes selbst und sind nur noch der Autorin25 und ihren Freunden bekannt. Die kleinen Anekdoten, die Aichinger selbst zur Entstehung ihrer Werke gern erzählt, verdeutlichen jedoch, daß es ihr nicht um eine absichtliche Ausklammerung der Umwelt geht. Im Gegenteil, sie bezieht diese in ihr Werk mit ein, läßt sie freilich auch nicht im Vordergrund stehen, sondern vermischt sie mit Reflexionen und Meditationen, so daß die Innen- und Außenwelt zu einer neuen Einheit verschmelzen, zu einem Werk, das nicht aus frei Erfundenem im Sinne künstlerischer Spekulation oder dem Arrangement nur erdachter Charaktere und Ereignisse besteht.

 

 

 

Inhalt

Ilse Aichingers Biographie und Werk
Aichinger als Schriftstellerin
Literarische Entwicklungen und Themenkreise
Sprachlichkeit und Form
Poetologische Texte
Der schöpferische Prozeß
Rezeption

Die größere Hoffnung
Der Gefesselte
Knöpfe
Plätze und Straßen
Der letzte Tag
Zu keiner Stunde
Besuch im Pfarrhaus
Kleist, Moos, Fasane
Eliza, Eliza
Auckland
Nachricht vom Tag
Schlechte Wörter
Gare Maritime
Friedhof in B., Zum Gegenstand
Verschenkter Rat
Lyrik in anderen Veröffentlichungen

Schlußbemerkung
Quellennachweise

 

Schlußbemerkung 

Es ist offensichtlich, daß selbst eine eingehendere Studie wie diese nicht alle Aspekte eines komplexen dichterischen Werks wie das Ilse Aichingers erfassen oder auch nur behandeln kann. Wirklich grundlegende oder richtungsweisende Forschung liegt bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht vor. Da eines der wiederholt zur Sprache kommenden Zentralprobleme die Verständlichkeit von Aichingers Texten und deren Interpretierbarkeit sind, ist hier versucht worden, Interpretationsvorschläge zu geben, und zwar solche, die, auf den Texten basiert, auch der Durchleuchtung von historischer und biographischer Perspektive standhalten. Zum Verständnis literarischer Dokumente, denen Hermetik und Opazität zum Lob oder Tadel gemacht werden, genügt es nicht, vorrangig die Oberflächenstruktur – verwendete Stilmittel, Bildlichkeit, Symbolik – zu analysieren, sondern es wird notwendig, die Texte im Zusammenhang zu betrachten.
Stellt der aus dem Kontext genommene Einzeltext Aichingers oft in der Tat ein schwer oder unlösbares Rätsel dar, so ergibt sich doch Zugang zu ihm, wenn er als Teil eines Gesamtwerkes, als Partikel eines universaleren poetischen Kosmos, aufgefaßt und interpretiert wird. Ohne daß einer einseitig historischen, soziologischen, biographischen oder psychologischen Methode das Wort geredet werden soll – eine Kombination aller zur Verfügung stehenden Ansatzpunkte wäre der ideale Weg zum besseren Verständnis und zur Evaluation – dürfen besonders im Falle Ilse Aichingers diese Aspekte nicht unberücksichtigt bleiben.
In Anbetracht dieser Zielsetzung – Hilfe und Anregung zur Deutung zu geben – wurden Aichingers frühe Texte auf relativ geringem Raum behandelt, während ihren letzten beiden Veröffentlichungen, Schlechte Wörter und Verschenkter Rat längenmäßig der größte Platz eingeräumt wurde. Es handelt sich bei beiden Werken nicht nur um die am wenigsten ausführlich interpretierten Texte, sondern es ist in diesem Vorgehen auch ein Werturteil enthalten. Aichingers Lyrik und späte Prosa konfrontieren den Leser am unmittelbarsten und vielschichtigsten, auf knappe, präzise und deshalb oft schockierende Weise mit einer mystisch orientierten und dabei doch scharf intellektuellen Geistigkeit und mit einem emotionalen Reichtum, die das erreichen, was eines der Ziele erstrangiger Literatur ist oder sein sollte: den Erwartungshorizont des Leser infrage zu stellen und dadurch zu erweitern. 

Dagmar C.G. Lorenz

 

Hans Magnus Enzensberger: Überlebenskünstlerin Ilse Aichinger

Felix Philipp Ingold: Gedenkblatt für I. A.

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin

 

Gegenwartsproof: Ilse Aichinger – Es sprechen Sonja vom Brocke, Margret Kreidl und Ferdinand Schmatz mit Theresia Prammer über die Bedeutung des Werkes von Ilse Aichinger.

Karl Krolow: Laudatio zur Verleihung des Nelly Sachs-Preises 1971

Ein Gespräch zwischen Michael Braun und der Literaturwissenschaftlerin Simone Fässler über das Werk von Ilse Aichinger.

Ein Gespräch zwischen Michael Braun mit dem Lyriker Levin Westermann – über Ilse Aichinger, Poesie und Schweigen und die Unheilsengel der Geschichte.

Lesung Ilse Aichinger

im Literarischen Colloquium am 31.10.1996. Moderation: Hajo Steinert. Gesprächspartner: Richard Reichensperger.

Einleitung: Hajo Steinert stellt die Autorin Ilse Aichinger vor.

 

Gespräch I: Richard Reichensperger spricht mit Ilse Aichinger über ihre Jugend.

 

Gespräch II: Wie war das Leben 1945?

 

Gespräch III: Das Wesen der Erinnerung, oder: Wie sind Ilse Aichingers Bücher entstanden?

 

Gespräch IV: Fällt Ilse Aichinger das Schreiben leicht?

 

Lesung IV: Ilse Aichinger liest kurze Gedichte.

 

Zum 80. Geburtstag von Ilse Aichinger:

Andreas R. Batlogg: Dass es den Ort einer anderen Existenz gab
Die Furche, 8.11.2001

Zum 85. Geburtstag von Ilse Aichinger:

Peter Mohr: Alles Komische hilft mir
literaturkritik.de, November 2006

Zum 90. Geburtstag von Ilse Aichinger:

Sabine Rohlf: Es geht immer um Genauigkeit
Frankfurter Rundschau, 1.11.2011

Paul Jandl: Ilse Aichinger, die Grande Dame der österreichischen Literatur
Hamburger Abendblatt, 1.11.2011

Peter Mohr: Das Komische macht mich glücklich
titelmagazin.com, 2.11.2011

Anja Hirsch: Unerkundbar, undurchschaubar
Deutschlandfunk, 1.11.2011

 

 

Zum 95. Geburtstag von Ilse Aichinger:

Susanne Stephan: Verse, verborgen
poetenladen, 2016

Bettina Steiner: Ilse Aichinger: Es gilt das genauere Wort
Die Presse.com, 30.10.2016

Zum 100. Geburtstag von Ilse Aichinger:

Helmut Böttiger: Die Seufzer der Sprache
Süddeutsche Zeitung, 29.10.2021

Christian Schacherreiter: Die subtile Poesie der Verhängnisse
OÖNachrichten, 30.10.2021

Michael Braun: Zum 100. Geburtstag der großen österreichischen Dichterin Ilse Aichinger
Badische Zeitung, 29.102.2021

Tilman Krause: Die Frau, die als erste über den Holocaust schrieb
Die Welt, 1.11.2021

Peter Mohr: Schreiben ist kein Beruf
literaturkritik.de, November 2021
(auch im titel-kulturmagazin.net, 1.11.2021)

Christian Metz: Schreiben müsste punktueller sein
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.11.2021

Magnus Klaue: Erinnerungen an eine große Schriftstellerin
Der Tagesspiegel, 1.102.2021

Günter Kaindlstorfer: Ilse Aichinger und die machtvolle Ohnmacht der Worte
Deutschlandfunk, 1.11.2021

Michael Wurmitzer: Ilse Aichingers 100. Geburtstag in Linz: Widerstand mit Worten
Der Standart, 23.10.2021

Gerhard Zeillinger: Ilse Aichinger: Schreiben als existenzielle Verflechtung
Der Standart, 1.11.2021

Matthias Greuling: Ilse Aichinger: Effizient wie ein Film
Wiener Zeitung, 1.11.2021

Teresa Präauer: „Autorinnen feiern Autorinnen“: Ilse Aichinger
Die Furche, 3.11.2021

Achim Engelberg: Schreiben nach Auschwitz – zum 100. Geburtstag von Ilse Aichinger
piqd.de, 1.11.2021

Es begann mit Ilse Aichinger 1921–2021. Erzählen vom Ende her und auf das Ende hin
Onlineausstellung kuratiert von Christine Ivanovic und Sugi Shindo

 

 

100 Jahre Ilse Aichinger. Mit Thomas Wild, Nikola Herweg und Ulrich von Bülow

 

Nachrufe auf Ilse Aichinger: Die Welt ✝ FAZ ✝ Die Zeit
literaturkritik 1 + 2

 

 

Nach Lektüre einiger Nachrufe ein paar Notizen zur Rezeption ihres Werks von Teresa Präauer.

Fakten und Vermutungen zu Ilse AichingerArchiv + IMDb +
 KLG + ÖM + Interview 12Internet Archive + Kalliope
Porträtgalerie: Brigitte Friedrich AutorenfotosKeystone-SDA +
Autorenarchiv Isolde Ohlbaumdeutsche FOTOTHEK

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