Jürgen Engler: Zu Manfred Streubels Gedicht „Tempo“

Im Kern

Im Kern

– Zu Manfred Streubels Gedicht „Tempo“ aus dem Band Manfred Streubel: Fazit. –

 

 

 

 

MANFRED STREUBEL

Tempo

Vor Scheiben: schattenhaft:
ein Schein von Tieren.
Die Sinne – außer Kraft.
Wie reagieren?

Ist da noch eine Wahl?
Noch ein Bewahren?
Ein blutiges Signal!
Schon überfahren.

Nur weiter! Unverweilt!
Geschöpf: im Sprung ereilt
von der Maschine.

Der den Befehl erteilt –
rollt: glücklich eingekeilt:
in der Lawine.

 

Sonett im Stenogramm

Sicher war die „Lehrbuchform des Sonetts – Elfsilber, gleiche umschließende Reime in beiden Quartetten, Terzinenform im Sextett“, wie Rüdiger Ziemann bemerkt, zu keiner Zeit die alleinige Sonettform. Zumal die moderne Dichtung, man denke nur an Rilkes „Orpheus“-Sonette, zeichnet sich durch großen Variantenreichtum aus. Dennoch weckt ein Gedicht wie Manfred Streubels „Tempo“, durch die Gliederung in Quartette und Terzette auf den ersten Blick als Sonett erkennbar, besondere Aufmerksamkeit. Wir erwarten vom Sonett wohl eher das philosophisch-poetische Hin- und Herwenden eines Gedankens als das stenographische Aufzeichnen von Vorgängen, Handlungen, Ernpfindungen.
Doch eben dies geschieht hier. Das Gedicht folgt seinem Gegenstand: Es schlägt gleichsam das Tempo an, das wir betroffen erfahren sollen. Ein unaufhaltsamer Vorgang wird lyrisch-dramatisch in Szene gesetzt, bei dessen Darstellung die dialektischen Kategorien der Hegelschen Triade, wie sie Johanne R. Becher seiner „Philosophie des Sonetts“ zugrunde legte, beiseite geschoben werden. Die ersten drei Verse umreißen die Situation, wie sie mancher Autofahrer auf der Autobahn kennengelernt hat und wie sie jeder fürchtet. Plötzlich tauchen Tiere auf vor dem mit hoher Geschwindigkeit fahrenden Wagen.
Da ist kein Halt, kein „Bewahren“ des tierischen Lebewesens vor seinem Wechsel in den Tod mehr möglich, dem Fahrer bleibt, um nicht sich und den nachfolgenden Verkehr zu gefährden, nichts anderes übrig, als weiterzufahren, mit festem Griff um das Steuer. Keine andere Entscheidung läßt das „Tempo“ zu, und alle gestalterischen Elemente des Gedichts tragen dazu bei, den Eindruck dieser Unausweichlichkeit zu schaffen. So bleibt nichts in diesem Sonett äußere, alles wird innere, sinnträchtige Form.
Drei- und zweifüßige eilende Jamben bilden das Versmaß. Protokollartig notierte Stichworte, gedrängte Fragen, Ausrufe, Befehle geben dem Gedicht seine sprachliche Gestalt. Sie führen – mit Hilfe reichlich gebrauchter Doppelpunkte und Gedankenstriche – oft zu Zäsuren in den doch schon kurzen Versen. Alliterationen schließen Worte zu einer Art stenographische Kürzel zusammen:

Vor Scheiben: schattenhaft:
ein Schein von Tieren.

Generell fällt das Versende, bis auf das Enjambement im ersten Terzett, mit dem Ende der syntaktischen Einheit zusammen, so die Stockungen und deren ruckhafte Auflösungen, das Gewaltsame dieser Vorwärtsbewegung nachbildend. Der Wechsel der männlichen und der weiblichen Verse unterliegt gleichem Formgesetz.
Das konkrete Geschehen, auf Struktur und Wesen reduziert, wird zum Gleichnis; nicht allein um die dem Straßenverkehr zum Opfer fallenden Tiere geht es. Hier wäre, in naturwissenschaftlicher Sicht, Relativierung möglich. Ulrich Sedlag schreibt in seiner weitgespannten Untersuchung „Vom Aussterben der Tiere“ (Leipzig/Jena/Berlin 1983):

Die meisten der besonders häufig vom Straßentod betroffenen Arten sind dadurch allerdings kaum ernstlich bedroht. Eher ist das bei solchen der Fall, die nur gelegentlich überfahren werden, weil sie so selten sind.

Aber, wie gesagt, der Vorgang in diesem Gedicht steht für eine nur mit aller Anstrengung zu bremsende Entwicklung, die durch Vergiftung und Vernichtung ökologischer Systeme zum Aussterben ganzer Tierarten, zur Zerstörung von Natur und Umwelt führt. Der Fortschritt, der hier geschieht, ist ein rasantes Fort-Fahren, bei dem die harmonische, versöhnende Synthese von Mensch, Technik und Natur auf der Strecke bleibt. Die Zerstörung der Natur, die den Menschen umgibt, geht mit der Zerstörung seiner Natur einher: Der hier Handelnde reagiert nur, in eingeschränktester Weise, nicht er gibt die Befehle, sie werden ihm erteilt, eingekeilt in die Blechlawine ist er Teil einer sich verselbständigenden Maschinerie.
Das Gedicht entstammt Streubels Sonettenband Fazit. Er enthält vor allem Sonette, die das dialektische Wechselspiel des Daseins aufzeigen, dessen Grundmuster mit ihren Polaritäten und den Vermittlungen, Umkehrungen, Verkehrungen dieser Polaritäten. Seine Sonette, notiert Ziemann, verdanken viel der „dialektischen Tendenz in der barocken Antithetik“: ihre Spruchhaftigkeit – und verweist nicht eine Kategorie wie „Widerspruch“ eben auf den Spruch als das prägnant zur Sprache Gewordene? – hat philosophischen Sinn. Einige Texte in dem Band sind jedoch in ihrer direkten zugespitzten Zeit- und Moralkritik von besonderer Art. Zu ihnen zählt, beispielsweise neben „Mahl-Zeit“ und „Mast“, das hier behandelte.
Braucht es aber mit letzter Notwendigkeit die Sonettform? Wer bewußt die „gebieterischste aller lyrischen Formen“ wählt, sucht das ernste Spiel mit Traditionen, trachtet überlieferter strenger Form ein zusätzliches Aussagepotential abzugewinnen. Das Sonett ist betont auf Ordnung aus, auf logische Struktur; die Logik aber, die hier exemplifiziert wird, ist eine tödliche, Mechanik triumphiert gleichsam über Dialektik. So gibt die – ständig Reminiszenzen an dialektische Synthesen weckende – Sonettform der Kritik, wie sie hier ausgesprochen wird, ihre unbarmherzige polemische Gestalt.
Wird damit nicht, die Frage scheint berechtigt, ein fatalistisches Bild gezeichnet? Streubel rechnet nicht nur schlechthin mit dem nachdenklichen Leser seine Wirkungsabsicht wird deutlich, wenn es vom Fahrenden heißt, daß er „glücklich“ in der Lawine eingekeilt ist. Doch dieses Glück verdankt sich einer Scheinharmonie, wie sie aus Bewußtlosigkeit resultiert. Es gilt, uns ein kritisches Bewußtsein zu erschaffen von unserem Zustand, vom Zustand unserer Welt. Der Lyriker hofft auf Wissen und Gewissen: aufklären will er und aufstören. Sein Sonett „Gesetz“ schließt:

Aus Stützen wird Zerstören –
wenn wir kein Halt mehr hören.
Aus Freude wird nicht Frucht –

solang wir uns nicht zähmen
und als Gesetz verbrämen:
die nackte Eigen-Eigensucht.

Jürgen Engler, neue deutsche literatur, Heft 3, März 1985

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