Jürgen Engler zu Thomas Rosenlöchers Gedicht „IN WIRRER NACHT, UNTER VIELFACHEN ZWEIGEN…“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Thomas Rosenlöchers Gedicht „IN WIRRER NACHT, UNTER VIELFACHEN ZWEIGEN…“. –

 

 

 

 

THOMAS ROSENLÖCHER

IN WIRRER NACHT, UNTER VIELFACHEN ZWEIGEN.
Wir sprachen, wie die Welt zu retten sei,
und unsre Rede tropfte durch das Dunkel,
als da Geschnauf war, längs des Weges näher
ein rundes, graues Tier schritt. Innehielt
und auf vorn klüglich zugespitzte Weise
zu uns heraufsah. Das ist die Natur,
sprach ich, du botst ihm etwas Wein,
jedoch das Wesen wandt sich ab
und schritt wie es gekommen war
davon auf unsichtbaren Füßen.
Da saßen wir mit unsren Doppelhirnen
und ringsum tropfte Dunkel durch die Zweige,
Blick eines Igels Schlurfen durch das Laub.

 

Das war die Natur…

Thomas Rosenlöchers Gedichte nehmen von „schöner Natur“, ihr Andenken wahrend, Abschied. „Die Schönheit erweist sich als schmerzlich, da die Welt voll von ihr ist und am Ende doch nach ganz anderen Gesetzen strukturiert als nach denen der Schönheit“, notierte der Lyriker in einem Essay über Eichendorff.
„Manches bleibt in Nacht verloren…“, erinnern wir uns an Eichendorffs Gedicht „Zwielicht“; eine „wirre Nacht“, eine bedrohliche, fordert auch in Rosenlöchers reimlosem Sonett zur Besinnung auf. In der nächtlichen Debatte, wohl im „Garten von Kleinzschachwitz“, geht es um nichts weniger als um die Rettung der Welt. Ein eher hilfloses (gar „wirres“?) Gespräch scheint dies zu sein: kein angeregter Fluß der Rede, sie tropft lediglich… Da mag die Unterbrechung willkommen sein. In Rosenlöchers Gedichten ist immer jemand oder etwas zugange, ein kräftiges erzählerisches Moment zeichnet sie aus.
Bedenken wir den geschilderten Vorgang, kommen wir um die Frage nach der Gangart des „runden, grauen Tiers“ nicht herum: Schreitet ein Igel? Das Verb wird ein weiteres Mal gebraucht, so ist es höchstwahrscheinlich nicht unterlaufen. Der Igel nähert (und entfernt) sich also mit gewisser Würde; schließlich ist nicht nur Physisches im Spiel, da hätte Trippeln gereicht, sondern Meta-Physisches: der Igel als (das) Wesen der Natur, als deren Personifikation.
Das Berichtete erhält derart eine anthropomorphe Nuance. Auch heißt es vom Igel, daß er „innehielt“, eine Art geistige Regung scheint beteiligt. Schließlich steckt im Heraufsehen das Zu-jemand-Aufsehen. Was das Geschöpf von den besorgt Debattierenden zu erwarten scheint, erwarten diese natürlich (natürlich?) von sich respektive sie wissen oder ahnen, was sie von sich erwarten müßten. „Als bewußteste Schöpfung des Weltalls muß der Mensch“, so formuliert es der bekannte russische Gelehrte Dmitri Lichatschow, „den Tieren, Vögeln, Pflanzen, sogar der anorganischen Natur helfen.“
„Das ist die Natur“, vielleicht war das etwas leichtsinnig gesagt, und die Geste, dem Igel Wein anzubieten, kann launig-herablassend anmuten. Nun ist das zufällige Ereignis mit Bedeutung aufgeladen, und wir sehen betroffen: Das Wesen beharrt auf seinem Eigenleben, mit uns will es nichts zu tun haben, die Kommunion bleibt aus, die Natur entschwindet „auf unsichtbaren Füßen“, schreitet fort und davon.
Die andere Seite unseres Fortschritts. Die Ahnung, daß solch Fortgang einhergeht mit Verlust an Lebenssinn, „tropft“ aus diesem Sonett. Der Bedeutungsträchtigkeit jedenfalls, die der Sonettform traditionsgemäß zukommt, wird vom Dichter entgegengewirkt. Er verzichtet auf Reim und Strophengliederung, überspielt diese mit Enjambements, er durchbricht, wenn der Vorgang es nahelegt, das Versschema (fünffüßiger Jambus, traditionell für das Sonett), so in der Folge der Betonungen in Vers 5 (das Innehalten) und in der Verkürzung der Versfüße beim strikten Davonschreiten des Wesens. Zwar steht eine sentenziöse Verallgemeinerung, der ein Sonett sonst ja gern zusteuert, in der Mitte des Textes, sie gehört aber zum berichteten Vorgang selbst, kann so keinen besonderen Rang beanspruchen. Und der Schlußvers präsentiert sich nicht geistvoll, wiewohl als Pointe. Anfang und Ende des Sonetts werden durch zwei elliptische Verse gebildet, die nicht zuletzt dem Gedicht die elegische Fassung geben. Denn wir „mit unsren Doppelhirnen“ sind die Zurückgelassenen und Alleingelassenen, das Dunkel nimmt zu, wir sitzen reglos und melancholisch und erinnern uns: „Blick eines Igel Schlurfen durch das Laub.“ Das war die Natur…

neue deutsche literatur, Heft 459, März 1991

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