Lajos Kassák: Das Pferd stirbt und die Vögel fliegen aus

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Lajos Kassák: Das Pferd stirbt und die Vögel fliegen aus

Kassák-Das Pferd stirbt und die Vögel fliegen aus

12

wir singen die blumen unserer armut und die sonne
aaaaawandert über uns durch unermeßliche zonen
einsam wie immer bin ich glasglocken vögel schlafen
aaaaain ihren hängematten
trauerbrunnen große hoffnungslose trauerbrunnen
und gejohle wir alle sind ins schwarze haus gesperrt
aaaaakork und der traum der jungen mädchen
unter meinem tasten verschwimmen hungrige dörfer sibiriens wie lämmer
wir fahren du weißt das ist unser leben in den salzsäulen des staunens
wer löschte die lampen aus
zuweilen fühlen wir die märzwinde
bäume    marschieren   turmwärts    eisgruben    horchen grauen unter wolken fliegt ein roter
aaaaaengel
rühren rühren die trommeln wegweiser wo unser tod vorbeiführt
glaube mir
das ist der eingeschrumpfte punkt
blut und mark schreien aus mir
die jahre leben an licht und elektrizität wir bleiben hier stacheln uns zum fluge
doch sind aus gummibändern wie die feiertage
strecken tut weh und die hügel streckten sich auf denen wir hätten wandeln mögen.

 

 

 

Lajos Kassák. Poet inoperabel.

I
Paris! Nach Paris? Zu Fuß? Ohne Geld? Warum nur in diese verfluchte und beweihräucherte Stadt, die wie ein Magnet zog und die Gezogenen ausspie, als ließe aus einem unerklärlichem Umstand die Kraft plötzlich aus, aber nur scheinbar und punktuell, denn aus allen Himmelsrichtungen saugte sie Gelichter, Gelackte, Verirrte, Besessene und Studierte auf, ruinierte sie gründlich oder lockte mit Geld, Ruhm und Diversem, stieß ab und zog an. Paris liebt und läßt lieben, kränkt und macht krank. In jeder Weise! Auf alle Arten! Krank durch Paris. Endre Ady z.B.! Und dann der elende Mythos. Erst dort, im Café du Dôme, im Bullier, in der Closerie des Lilas, etc. etc., wisse man, wieviel Uhr Kunst es ist. Diese quallige, hartnäckig sich in Hirn und Bauch festsetzende Legende, wieviel Uhr Kunst… Vielleicht war aber dieser Aspekt unerheblich, erheblich allein der „Guide des Plaisirs à Paris. Comment on s’amuse. Paris la nuit“. Auch dies nur Gewäsch. Nur Gewäsch. Zumindest steht in dem besagten Führer, wie der erfahrene Tourist Budget und Kredit für seine Grisetten am vorteilhaftesten einteilt. Paris. Eine Montmartroise im Cabaret Bruant, im l’Enfer und immer Kredit…
Aber von all dem ist nicht die Rede bei Lajos Kassák, denn er hatte weder Budget noch dergleichen. Er, der Schlosser aus der Arbeitervorstadt Angyalföld bei Budapest hatte auch keine Vorstellung, was er dort finden oder suchen sollte, vielleicht Abenteuer, Kunst vielleicht, irgendeine vage Ahnung trieb ihn.
1908. Ein unbestimmtes Beginnen mit einigen gelegentlichen Gedichten in der Tageszeitung Független Magyarcrszág. (Unabhängiges Ungarn) figuriert hier als Zeichen, dasselbe Jahr also, in dem sich auch die künstlerische Laufbahn seines Kameraden Emil Szittya (1886–1964) entschied. Noch war Szittya Tolstoianer, Individualanarchist und schon 1906 die Landstraßen nach Paris entlanggeschlurft. Er kannte Tücken, Spendierer, verlauste Kotter, Kassen der Wohlfahrt mit ihren schäbigen Pfennigen, Typen und unter ihnen kursierende Panoramen, Ideologien, Anarchismen und verklärte Aussichtslosigkeiten, Kassák kannte dies nicht. Aufbruch ins Ungewisse. Also zog er los und in diesem ,also‘ entschied sich Kassáks Laufbahn als Künstler und Schriftsteller, aus diesem ,also gehen wir‘ inhalierte er fortan die entscheidenden Stimuli für seine Arbeit, von denen er noch nicht wußte, wohin sie ihn verzaubern würden, welche Richtung sein Weg letztlich finden sollte. „Unser liebes Paris“, wie er ein halbes Jahrhundert später an Jean Arp schreiben sollte, war nicht lieb, die Vagabondage dahin jämmerlich und beschattet, lieb war nichts, aber vieles wichtig.

II
Frühjahr 1909. Kassák ließ sich eine Schiffskarte zwicken, eine Karte Richtung Wien, die Donau hinauf. Gödrös – Holzschnitzer nannte er ihn – löste die gleiche Karte und Kassák meinte, es sei prima, daß er deutsch spreche. Aber er konnte nicht Deutsch, einige Brocken maximal. Trotzdem fabelte er davon, wie ja so vieles Fabel war. Sie phantasierten sich etwas vor, um sich Mut zu machen, Mut für das Unbekannte, für einen Aufbruch, von dem sie hofften, radikal hofften, daß er alle Brücken zu ihrer trostlosen Vergangenheit abbricht. Dennoch! Die Post hielt die Bande aufrecht, die Post erreicht jeden, ausnahmslos. In den Postfächern langweilten sich die Briefe von Kassáks Geliebter, Simon Jolán, seiner späteren Frau.
Noch hatten die beiden ihre Legitimationen sozialistischer Vereine, die sie privilegierten, sie in Arbeiterheimen schlafen ließen, noch fanden sie Unterschlupf und das Wort ,Genosse‘ hatte Klang, in Preßburg z.B., wo sie den Kahn verließen, um gegen Wien zu traben, aber je mehr sie sich entfernten, desto weniger zählten ihre Arbeiterausweise, sie sanken ins Meer der Landstreicher, wurden namenlos im Heuschreckenschwarm der Deklassierten, Vagabunden, wurden geschoben im Geschiebe vor den Asylvereinen und Bittsteller bei diversen Wohltätigkeitskassen, die je nach religiöser Zugehörigkeit spendeten oder auch verweigerten, eine Methode, die aber völlig sinnlos war, denn heute waren die Damen und Herren Vagabunden Juden, morgen züchtig christlich bei der Heilsarmee oder sozialistisch und protestantisch sowieso. Jeden Tag eine andere Konfession. Warum auch nicht? „der mensch verliert seine fohlenzähne und schaut ins nichts wo sich das leben in den eigenen schwanz beißt / in das nichts o dschiramari / O lebli / o BUm BUmm“.
Endlich kam Wien daher. Mit diesem Zustand rumpelten die Spritzenwagen um die Kurven, spritzten sie von den Parkbänken, auf denen sie nächtigten, auf, und mit den Straßenfegern kam die Polizei, aufgegriffen, zwischendurch hieß es immer wieder Paß, Paß, nur Gödrös verstand nichts. Der Schwindler sprach eben nicht deutsch. Sinnlos, auch nur für kurze Zeit sich eine Arbeit zu suchen, sinnlos, sie hätten sich nicht verständigen können. Aber Mützen, Kappen, Hüte, die konnten hingehalten werden, und mit etwas Glück fanden sich darin ein paar Münzen für irgendein Loch zum Schlafen, in das sie sich hineinpreßten und aus der Zivilisation hinaus. Quartiere des Elends und Verbrechens, Löcher mit Flöhen, Krätze in den Gesichtern, Bettgenossen mit voluminösen Schnapswolken, Quartiere, die sie nach unten spiralten, zu jener Hoffnungslosigkeit, die den Ekel aufhebt. Im Asyl nur mehr unterwürfig sein, den Napf hinhalten, einen Schöpfer braunen Matsch aus Wurstzipfeln, Tortenresten und Kaffeegeschledder, unterwürfig den nächsten Bissen runterdrücken und Danke sagen. Auch dies als Komödie und zugleich bittere Erfahrung neben der ausgemalten Vagabondage mit Freiheit und Sonnenschein. Nur die Destination nicht verfehlen, nur nicht hängenbleiben, graute ihnen auch vor einer Existenz auf der Straße, nur weiter durch den Dschungel der Abnormitäten, kein Mitleid mit krepierenden, verelendeten Typen, die mit dieser Masche noch Geld machten, nicht aufgeben, verfolgten sie auch die Schemen der Verkrüppelten, Hosianna-Träume, sexuelle und alkoholische Exzesse. „die männer sind allesamt hinkende hunde“.
Die Tour führte sie von Passau nach Stuttgart. Gödrös räumte sich vom gemeinsam erbettelten Geld einen Teil auf die Seite, lamentierte unentwegt. Endlich kam die längst fällige Trennung der beiden. Der Holzschnitzer tippelte davon und Kassák nach Stuttgart. Ein schlechtrasiertes Männchen mit Künstlerkrawatte und der entsprechenden Mähne, wie er später in seiner Autobiographie Als Vagabund unterwegs schreiben sollte, streckte ihm in einer der öden Herbergen die Hand entgegen:

„Mein Name ist Szittya… Emil Szittya.“ (…) Der kleine Mann blickte mich mit stechenden Augen an und zog den Mund affektiert zusammen. (…) Seine Füße steckten in Schuhen, deren Absätze bis auf die Fersen abgelaufen waren, aus seiner Westentasche schaute der abgekaute Stiel einer Tabakspfeife, sein Haar war dicht und drahtig wie die Stacheln eines Igels.

Das war nun der neue Kompagnon von Kassák, der ihm mit seiner verrückten Idee, sämtliche Christusdarstellungen Mitteleuropas aufzulisten, zu imponieren versuchte. Auch Kassák verrückte sich in die Pose des Dichters. So kaschierten sie beide ihr heruntergekommenes Dasein. Szittya spielte den verwunschenen Königssohn mit sagenhafter Routine. Er ventilierte die Idee, in Chile eine neue Religion zu gründen, und glaubte wahrscheinlich selbst an seine Auserwähltheit. Lebenstüchtig war er allerdings. Für Kassák sorgte er wie ein Mütterchen, war erfahren genug, um sich in jeder Situation durchzuschlagen, ein Genie im Öffnen von Geldbörsen und ein König, der geruht, etwas anzunehmen. Kein Bettler. Es sollte immer eine Ehre sein, ihm zu spendieren. So hielt er es sein ganzes Leben, verkleidet als Jude, den Barchessegen murmelnd in einer gerade auf dem Weg liegenden Synagoge, verkleidet als Kunstmäzen, Impresario oder Angehöriger eines geheimen Zirkels. Er sollte es auch sein, der für Kassák nicht nur die Kartoffelpuffer und Bettkarten organisierte, sondern ihm auch jene intellektuelle Reibfläche bot, von der wegspringende Funken zündeten. Szittya lotste ihn zu allen möglichen Denkmälern, Kirchen und Museen. Sich über Böcklins Eigenart wundernd, schrieb Kassák:

Was mich jedoch am tiefsten ergriff, war das dunkle Blau Böcklins. (…) Szittya redete stundenlang über Böcklin, über den Maler und über den Menschen. Ich hörte mit Vergnügen zu und gestand, an diesem Tag viel gelernt zu haben. (…) Am Nachmittag schrieb ich in der Herberge das Gedicht „Insel der Stille“. Szittya gefiel es sehr, er sagte, meine Technik sei ausgezeichnet und der Gehalt des Gedichts sei tief menschlich. Ich war glücklich wie ein Kind, das ein Lob bekommen hat…

Via Brüssel schleppten sie sich nach Antwerpen weiter, immer mit Ziel Paris, durch alle Höhen und Tiefen. „Seit Wochen war ich mit diesem Menschen zusammen“, notiert Kassák, „aber er war mir nach wie vor fremd, sein wirkliches Wesen erschloß sich mir nicht. Ich wußte, daß er weder homosexuell noch ,Jack der Bauchaufschlitzer‘ war, dennoch blieb er für mich der geheimnisvolle Fremde mit der Maske. Er redete, als lebte ein Gott in ihm, und war doch verschlampt und schmutzig wie ein streunender Köter im Herbst.“ Beide brauchten einander, wenn sie abwechselnd zusammenklappten. Szittya mit seinem Tripper am Rande der Verzweiflung.

„Ich kann nicht mehr“, sagte er, „ich kann nicht weiter“. Und seine schmalen Lippen wurden weiß, seine Augen erfaßten die Dinge nicht mehr, sein Rücken war gebeugt von der Last, die er trug. Auf einer Landstraße, die zwischen zwei Gräben wie eine schmale Brücke entlanglief, packte ihn ein krampfartiger Nervenanfall. Er stürzte zu Boden, stieß unverständliche Klagelaute aus, und sein müder, geschundener Körper schnellte in die Höhe… Sein zerzauster Kopf schlug immer wieder hart auf den Boden. Mir fiel nichts Besseres ein – ich legte mich mit meinem ganzen Gewicht auf ihn, der sich in Krämpfen wand, und konzentrierte meine ganze Energie darauf, den unter mir liegenden Körper zur Ruhe zu zwingen.

Vor Paris klappte dann Kassák zusammen. Kassák hörte seine Knie knirschen, und er spürte, wie ihn Szittya an der Hand faßte und ihn wie einen Lahmen oder Blinden führte, bis er auf einer Bank wieder zu sich kam, Szittya ihn fütternd mit Kartoffeln und Würstchen. Kompagnons. Auch Freunde. Vergessen waren die 50, 70 oder 80 Kilometer, die sie pro Tag liefen, vergessen die Episoden in Homosexuellen-Bars, vergessen der unmenschliche Schub von Brüssel nach Deutschland, bei dem Szittya seiner 3004 Aufzeichnungen der Christusdarstellungen verlustig ging, präziser, die in einer hündischen Wachstube verblieben und letztlich zum Unterzünden eines Kohlenofens dienten, vergessen die Strapazen, vergessen, vergessen… „o talatta latabagomar und finfi“.
Er, Kassák, fing an zu ahnen, was ihm an der Kunst unverständlich war.

Gemeinsam besuchten wir die Kirche, Szittya machte eifrig seine Skizzen, und ich sah mir die Bilder zu meinem eigenen Vergnügen an. Damals begann ich einiges zu begreifen, was mir bislang an der Malerei unverständlich geblieben war. (…) Grünewalds gekreuzigter Christus jedoch wurde mir zum Erlebnis. Ich hätte meine erwachenden Gefühle zwar nicht so recht auszudrücken vermocht, doch fühlte ich in der Tiefe meines Bewußtseins, daß der tote Christus Grünewalds lebt. Dieses Bild wandte sich nicht an meinen Verstand, sondern an ein kosmisches Gefühl in mir.

Sie wollten wissen, wieviel Uhr Kunst es ist, diese Fatamorgana einte sie, hielt sie zusammen, wie artige Kinder.

Dann erblickten wir Paris und die Tore der Erlösung, erahnten hinter himmelwärts weisenden Türmen das Land der Verheißung, und mir fielen die aus Fleisch und Blut geschaffenen Romane Zolas ein. Bald würden wir am Ufer der Seine stehen, wo Ady gestanden und wo der Dichter Guillaume Apollinaire seine Blumen gekauft hatte.

Und die Museen, immer wieder die Museen, und er sah vieles und nichts und vieles. Nach wenigen Monaten kaufte ihm Szittya eine Hose für die Heimfahrt nach Budapest. Er nahm mit, was sich erst Jahre später als mitgenommen erwies, Böcklin und Grünewald z.B., Impressionisten auch, vor allem aber die Avantgarde. Erst um 1920 begann sich Kassák der bildenden Kunst zuzuwenden, aber schon 1915 schrieb er in Szittyas Prädada-Zeitschrift Der Mistral – neben Apollinaire und Marinetti – gegen den Krieg.

III
Krieg 1915.

DIE SCHLACHT

Borr… bum, bumbum, bum.
Der Himmel singt, und die Erde singt, und die Soldaten zechen mit dem Tod.
Sssi… bum, papapa bum. Bumm.
Aus dem musizierenden Boden der Hölle bricht eine wirbelnde Schwüle.

Haho!
Von einem Hügel kotzt das Feuer eines indischen Bläsers.
Es graust der Erde, und von dem fernen brennenden Wald her wiehern die Pferde.
Haho? Und gerade deshalb?
Zzzzsu. Bum Bum… bum bum bum.
Kanonenherden bellen wild im Raum.
Der Wind hohnlacht und bricht die schlanken Rippen der Brücken. Im Tal irrsinnig gewordene Lokomotiven.
Tausend abenteuerliche Erinnerungen kitzeln den Verstand der Soldaten.
Mancher lacht die rote Farbe von Paris an den Himmel.
Mancher, der die gelbe Goldzierde Berlins fürchtet.
Mancher, der über das Moskauer Glockenspiel heult.
Taumelnde Frühlingsluft von Gyelovacz, Debrezin, Tsingtau, Cetinje spielt im Raum

Aber über ihnen singen große Stahlvögel ein Totenlied.
prä, prä, prä, prä, … rä, äh – äh, ää …
Luft würgt täubend mit schwarzen Farben.
Blut hat die Straße ausgewischt.
Über Europas Buckel spülen Tränen bleicher Frauen mit durstigen Lippen.
Blumen der Wüste junger Soldaten Seelen,
Über dem roten Wald von Bajonetten hockt das Dämmern des Abends,
Und vor einem weißen Leinwandfetzen wehen zwei Fahnen vom roten Kreuz.

Hohnlacht sagte er, Hohn lachte er und Anti, sehr Anti…
Erst mit diesem Gedicht, das er im selben Jahr auch in den Band Eposz Wagner maszkjában (Epos in Wagners Maske) aufnahm, streifte er den traditionellen Mantel ab und ging seinen eigenen Weg, der ihn über das Pathos des Expressionismus zu komplexeren Ausdrucksformen führte.
Obzwar der nach Budapest zwangsläufig zurückgekommene Szittya diesen Band herausgeben wollte, dürfte um diese Zeit ein Bruch in ihrer beiden Affären eingetreten sein, es scheint zumindest so, obwohl niemand darüber richtig Auskunft gibt, auch jener Satz Kassáks nicht, in dem er ihm die Rolle des Polizeispitzels zuweist. Verwickelt um 1918 war Szittya in einen Skandal, der ,Consten‘ hieß und sich gegen den späteren Ministerpräsidenten Ungarns Gróf Károly Mihály richtete, verwickelt höchstens, mehr nicht, kein Agent provocateur. Aber Agent der Dada-Damen und Herren war er, ihr Postillon in Budapest. Hugo Ball notiert Szittyas Plan einer Übersiedlung der Dada-Akteure von Zürich nach Ungarn, er propagierte die Kunst der Überlebenskünstler, was ihm wiederum zeit seines Lebens Obulusse aus ihren Kreisen einbrachte. November 1915. Kassák gründet die Zeitschrift A Tett (Die Tat), aber der Pazifismus darin gestattete den Behörden nicht mehr, ihr Weiterleben zu genehmigen. Im Oktober 1916 wurde A Tett begraben. Kassák ließ dagegen MA (Heute) erscheinen, eine Publikation, die den Krieg, politische Wirrnisse und das Exil in Wien bis 1925 aushielt, getragen von jenen Kräften, die sich am Bauwerk, landläufig als Moderne bezeichnet, zu schaffen machten. Lernte Kassák schon um 1909/10 Cendrars, Apollinaire, Chagall, Picasso, Modigliano usf. kennen, so publizierte er nicht nur sie in MA, sondern auch Vertreter des Dada, Protagonisten des Futurismus, osteuropäische Konstruktivisten, Suprematisten, und hielt Kontakte zum Bauhaus und der Gruppe De Stijl, freilich auch zu den jungen Herren Surrealisten. Er lanciert neueste Tendenzen aus Film, Musik und Theater, bastelt Collagen für Tristan Tzara, mit Max Ernst korrespondiert er, Dada in Tirol und überhaupt engagiert er sich für jüngste Künstler, etwa Moholy-Nagy, Kurt Schwitters, George Grosz, Schriftsteller wie Tibor Déry, Reiter Róbert, Jean Cocteau… MA wird zum Spiegel all jener revolutionären Strömungen, die nach dem 1. Weltkrieg Bedeutung erlangten, egal ob sie wahrgenommen oder erst Jahre später in Umfang und Wirkung erkannt wurden.

IV
Flucht 1920. In einer Eisenkiste. Noch 1919 als Mitarbeiter des Volkskommissariats für Unterrichtswesen in der Räteregierung Béla Kuns engagiert, gerät er mehr und mehr in Gegensatz und Widerspruch zu Kuns Diktatur. Kuns unqualifizierte Äußerungen über den MA-Kreis veranlassen Kassák zu einem offenen Brief, der Bruch wird perfekt, die Situation für Kassák bedrohlich, denn dem Sturz der Räteregierung folgt der Horthy-Terror. Mit Not entkommt Kassák. Auch sein Freundeskreis findet sich in Wien wieder, und MA in der Druckerei Elbemühle. Mehr und mehr beschäftigt sich Kassák neben seinen literarischen Werken mit darstellender Kunst und bringt ein, was er 1909/10 sehend säte. Seine nonfigurativen Arbeiten faßte er unter dem Begriff ,Bildarchitektur‘ zusammen, deren Anspruch es war, nicht von der realen Welt zu abstrahieren, oder psychische Prozesse darzustellen, sondern eine neue Welt zu schaffen.

Die Bildarchitektur ist der Feind jeder Kunst, denn nur aus ihr kann die Kunst entstehen. Die Bildarchitektur: 2 x 2 = 4. Die Bildarchitektur ist das Alpha. Die Bildarchitektur hat die wehleidigen Zickzacke und das idyllische Kunterbunt getötet. Die Bildarchitektur sieht auch in der Gerade eine endlose Spirale. Die Bildarchitektur bekennt sich als menschlicher Zenith. Die Bildarchitektur will nicht an der Wand sterben. Die Bildarchitektur ist eine Stadt amerikanischen Kalibers, ein Aussichtsturm, ein Sanatorium der Lungenkranken und will auch ein Volksfest sein. Denn Bildarchitektur ist Kunst, Kunst ist Schaffen und Schaffen ist alles.

Tibor Déry, damals dem Surrealismus nahe, bemerkte in seinen Memoiren:

Das gleichzeitige Streben der Kunst nach Ordnung und in ihr enthaltener Unordnung veranschaulicht auf ergötzliche Weise zum Beispiel die Arbeitsteilungsmethode meines Freundes Lajos Kassák, eines bedeutenden Künstlers: seiner Neigung, die Ordnung aufzulösen, ging er in der Dichtung und seiner diktatorischen Baulust gleichzeitig in der Malerei (in seinen sogenannten Konstruktionen) nach; beides ergänzte sich in ihm offenbar gerade wegen der Widersprüche. Ich glaube, die doppelte Leidenschaft der Anarchie und der Gesetzgebung, die in jedem einigermaßen guten Künstler in ständigem Widerstreit liegen, brachte ihm so letzten Endes seinen Seelenfrieden, zumindest bis zu dem am nächsten Tag, im nächsten Werk erneut beginnenden Streit.

Spannungspotentiale für seine Bildarchitektur bezog er aus Suprematismus, Dada, Futurismus, Neoplastizismus, etc. etc. Würthle in Wien stellte diese Arbeiten 1924 aus, im selben Jahr auch Herwarth Waldens Sturm-Galerie. Ein Erfolg? Ja und nein. Die Bedingungen seiner Existenz bleiben prekär. Unter größten Opfern gelingt es ihm, MA bis 1925 herauszugeben. Die Resonanz ist praktisch nur auf engste Freunde beschränkt, ein Grüppchen von 20 Personen. Einige der Namen: Hans Suschny, Endre Gáspár, J.M. Hauer, Josef Kalmer… und viele internationale Konnexionen. Und niemand wollte an den von Kassák veranstalteten Künstlerabenden teilnehmen, und die dabei waren, spöttelten über Dada, Jazz, 12 Ton Musik, Bela Bartók wurde nicht verstanden, nicht die Surrealisten, nicht moderner Tanz, Zwischenrufe, Ablehnung, das war das Wiener Publikum. 1926 kehrte er dieser Bühne den Rücken und nach Budapest zurück. Kein Zweifel jedoch, das 1922 in Wien entstandene Poem „Das Pferd stirbt und die Vögel fliegen aus“ gehört zu seinen wichtigsten Arbeiten. Strukturell der „Prose du Transsibérien…“ von Cendrars ähnlich, der um 1910 mit Szittya in einem Depot wohnte, beschreibt Kassák seine Vagabondage nach Paris, aber auch all jene Engel, Dämonen, Nachtgesichter und Halluzinationen, die in ihm und um ihn polterten, befreit sie aus ihrem ursprünglichen Sinnzusammenhang und ordnet ihre Existenz, Un-Wesen in seinem Poem neu. Fetzen der Erinnerung immer wieder, spielerisch wird assoziiert, der Rhythmus des Marschierens zum Duktus, Personen, Ereignisse werden erinnert im Strom der Einfälle, Situationen neu verschränkt. Kassák tippelt heraus aus den Wörtern, dreht seine Kreise in unser Noema, wo immerfort seine Blitzlichter blitzen, er transportiert Säcke voller Knoten, die schon längst mit Empfindungen des Lesers verknüpft sind. Was sollen hier noch Zuordnungen zu bestimmten Sprechmustern, Stilformen, er nimmt von allem und verwendet alles, fließend, um unterzugehen, aufzutauchen, was soll hier noch Interpunktion, Dialekt und Hochsprache, Jargon der Arbeiter und Landstreicher, Onomatopoetik und, wie er selbst sagte:

biribum biribum biribum

Kassáks prinzipielle Hinwendung zur Konstruktion – nicht von ungefähr zählt man seine Arbeiten dem Konstruktivismus zu – bleibt auch nach dem Scheitern der Räteregierung und der mit ihr verbundenen politischen Hoffnungen ein wesentliches Element seines Kunstwirkens, die keine Destruktivität, kein Resignieren zuläßt. Die Kunst ist für ihn bereits politische Tat, eigenes, auch politisches Wirken, aber kein Vehikel, mit dem er irgendeine Ideologie befördert. „An die Künstler aller Länder“, schreibt er in seinem Wiener Manifest 1920, „das Wesen der neuen Kunst ist das Aufspüren der tragischen Gegenwart und ihr Aufleuchten in der kreißenden Zeit. Die Bestimmung des neuen Künstlers ist das Zu-sich-Erwecken der Menschheit… Also keine individuelle Verklärung und keine Massenkunst im Sinne der Volkstribunen. Darüber müssen wir uns im klaren sein. Denn nur durch diese Erkenntnis führt der Weg zur Wahrheit der Gegenwart, zur einzigen Wahrheit, zum Leben, zu mir, zu dir, zur Einheit.“ Im Namen der ungarischen Aktivisten fordert er die Revolutionierung der Seelen zum Aufbau des neuen Menschen. Hinaus über die Klasseninteressen, für die universalen Interessen der gesamten Menschheit. „Also Kultur!“ – von der er glaubt, daß sie das vereinigende Band ist – „Und wieder Kultur!“
Budapest 1926. Endgültig Budapest. Und er hat sich für seine Ideen abgerauft und wird es weiter tun. MA hat aufgehört zu existieren. Egy ember élete (Das Leben eines Menschen): der erste Band seiner auf 7 Bände angelegten Autobiographie erscheint. Durch sie wird er als Schriftsteller einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Ende der zwanziger Jahre beschäftigt er sich hauptsächlich mit nonfigurativen Arbeiten in der bildenden Kunst, Techniken der Collage, Montage nützend, neue typographische Wege erkundend, angewendet auf eine Reihe seiner Bücher und Gedichtbände, denen er damit ein unverwechselbares Gesicht gab. Publikationen wie Dokumentum (Dokument) folgen, verboten hieß es aber schon nach 2 Jahren, Munka (Arbeit) wird lanciert, aber 1939 ebenfalls zwangsweise eingestellt. Auch die nach dem 2. Weltkrieg von ihm dirigierten Zeitschriften Uj Idök (Neue Zeiten), Kortárs (Zeitgenosse) und Alkotás (Schöpfung) erfahren die gleiche Mißhandlung. War er vor 1938 durch seine radikale und vernichtende Kritik am Nationalsozialismus den ,Führerprimadonnen‘ ein Dorn im Auge, blieb er dies nach 1945 genauso und stach die ,Talmudisten der Revolution‘, unberechenbar für die ,Logik der Advokaten‘, im ,Mechanismus der Administratoren‘. Er war kein Kunstdiener der Bourgeoisie, legte sich auch nicht ins Prokrustesbett des ,Sozialistischen Realismus‘ und war nicht bereit, irgendeiner Klasse zu dienen, auch dann nicht, wenn sie ,Proletariat‘ hieße. Damit brachte er natürlich eine Menge Feinde zusammen. Ab 1949 wird er ganz aus dem kulturellen Leben Ungarns entfernt. Er wendet sich nach einer mehrjährigen Pause wieder der Malerei zu. Es entsteht sein Alterswerk. Untrennbar den literarischen Arbeiten sind seine bildnerischen verbunden, deren internationale Rezeption nach 1956 beginnt. Erst nach 50 Jahren, 1961, sieht er sein „liebes Paris“ wieder, was es nie war, natürlich nicht. Eigenartig, sein Freund und Kompagnon Szittya lebte dort, aber Kassák sah ihn nicht oder wollte ihn nicht sehen. Die krummen Linien berührten sich nicht mehr, das Pferd ist gestorben und die Vögel sind schon lange davongeflogen. „papagallum o fumigo papagallum“. In seiner Autobiographie jedoch errichtete Kassák erneut dieser sonderbaren Vagabondage mit Szittya ein kleines Reiterstandbild. Und sich auf einem Foto selbst betrachtend, resümiert der 80-jährige Kassák:

Das also bin ich
was das Bild zeigt
stell ich verwundert fest
Ein Mensch
ein unbarmherzig geformter Mensch
mit seltsamem Hut
auf dem Kopf.

Kassák verläßt am 22. Juli 1967 diese Hemisphäre, die er am 21. März 1887 in der nordungarischen Stadt Ersekújvár betrat. Ins Vorwort der französischen Ausgabe dieses Poems schreibt ihm der Dadaist Hans Richter:

Lajos Kassák und sein Werk hat überlebt den Krieg, die Herrscher, den König, die Herzöge, die Klischees der Banalität, den Hunger, die Torten im Karton, die Koteletten und Karotten, die Kunst und Anti-Kunst und die vermißte Revolution. Er ist und bleibt nach seinen Worten: Poet inoperabel.

Max Blaeulich, Nachwort

Editorische Notiz

Diese Dichtungen erschienen 1922 in Wien in der von Kassák Lajos und Nemeth Andor redigierten Zeitschrift 2 x 2. Ins Deutsche wurden sie erstmalig von Gáspár Endre im MA-Buch 1923 übersetzt.
Die Neuausgabe folgt der Übersetzung Gáspárs, ausgenommen „Das Pferd stirbt und die Vögel fliegen aus“. Eine Neuübersetzung dieser Dichtung wurde notwendig. Gáspár folgte nicht der typographischen Eigenart des Originals. „Das Pferd stirbt und die Vögel fliegen aus“ war in der Zeitschrift 2 x 2 nicht in Verszeilen gebrochen erschienen, sondern in einem den ganzen Druckspiegel der Seite ausnutzenden Satz und bildete kompakte Seiten, auf denen die Zeilen nur von schwarzen Drucksternen unterbrochen werden, die in unterschiedlichen Abständen gesetzt und am oberen Zeilenrand ausgerichtet sind. Die vorliegende sprachlich aktualisierte und adaptierte deutsche Übersetzung von Robert Stauffer berücksichtigt – als bisher einzige und erste – gerade diese, Kassáks eigenwillige Form.

Max Blaeulich, Nachwort, Mai 1989

 

Zum Buch

Eine zentrale Stellung in Kassáks Dichtungen nimmt das 1922 in Wien entstandene Poem „Das Pferd stirbt, die Vögel fliegen aus“ ein. Thema dieses in freien Rhythmen gehaltenen epischen Gedichtes ist Kassáks Vagabondage quer durch Europa nach Paris. Nicht minder bedeutend im Einfluß wie etwa Blaise Cendrars Prose du Transsibèrien (1913) nimmt dieses Gedicht in seiner sprachlichen Innovation und assoziativen Komposition viele der Gestaltungsmerkmale zeitgenössischer Dichtung vorweg und öffnet Türen zur Reflexion existenzieller Bedingungen menschlicher Vielgesichtigkeit. Das in Ungarn erst im letzten Jahrzehnt erschlossene poetische Werk Lajos Kassáks ist im deutschen Sprachraum bis heute nahezu unbekannt geblieben.

Wieser Verlag, Klappentext, 1989

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

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