Michael Braun: Zu Christian Steinbachers Gedicht „BEFRUCHTET ohne Probe / dieser Lippen Mund,…“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Christian Steinbachers Gedicht „BEFRUCHTET ohne Probe / dieser Lippen Mund,…“ aus Christian Steinbacher: Wovon denn bitte?

 

 

 

 

CHRISTIAN STEINBACHER

BEFRUCHTET ohne Probe / dieser Lippen Mund,
wird singen dir vom Blatt ein / roter Mund,
von dem wir wussten nicht, / wie gut er küsst,
doch bis zuletzt besticht das Blatt / vorm Mund.

Mehr nicht braucht’s hier, nur Lippen zwei / für diesen Mund,
der ohne alle Posen flüstern kann / vom Blatt, dass doch
der schöne hauch im Küssen / nimmermehr versiegt,
trifft drauf ein Wasser voll mit gold’nen Flocken / diesen Mund.

hier greift die alte alchimie: / des waldes schild,
nur ein paar Milligramm, gelöst, / gleich in der Früh,
in dir, vertreibt den Schultern ihren Kalk, / und wie
im frühling – trieft auch blei / zuweilen freies gold.

 

Man muss

sich den Dichter Christian Steinbacher (Jg. 1960) als einen literarischen Partisanen vorstellen. Seit dreißig Jahren organisiert der in Linz lebende poetische Unruhestifter Aktionen zur Weiterentwicklung der experimentellen Poesie. Ausgangspunkt seiner literarischen Arbeiten ist meist eine Zerlegung des allzu festgefügten Gehäuses unserer Sprachordnung. Kein Sprachbaustein bleibt dabei auf dem anderen. Zugleich ist Steinbacher aber auch ein besessener Konstruktivist, der aus den Tonfällen, Bildprogrammen und metrischen Echos seiner lyrischen Vorbilder ästhetische Funken schlägt. Als ein Virtuose der lyrischen Übermalung und Überschreibung hat er in seinem jüngsten Gedichtband Wovon denn bitte? ganz unterschiedliche Tonlagen adaptiert. Er bearbeitet Odenstrophen von Friedrich Gottlieb Klopstock, er entwickelt wunderbare Radikalübersetzungen japanischer Tanka, er schreibt Pastiches zu exotischen Liedern Adelbert von Chamissos und erfindet herrlich schräge „Luftikusse“ auf Improvisationen eines Flötisten. In „Befruchtet“ huldigt er dem „Fürst“ (so Oskar Pastior) aller modernen Sprachtänzer, dem Erz-Avantgardisten H.C. Artmann und seiner Poetik der „Alchimie“. Das Gedicht orientiert sich in seiner streng jambisch orientierten Metrik an Artmanns persischen Quatraines, also mehr oder minder gereimten Vierzeilern, die hier um das Zentralorgan der Poesie und der Liebe kreisen – den Mund. Wobei in dieses Loblied auf den Mund Artmann-Verse eingestreut sind. Wörter, so schrieb einst Artmann, „haben eine bestimmte magnetische Masse, die gegenseitig nach Regeln anziehend wirkt… sie treiben Unzucht miteinander, sie üben Magie… sie haben Augen, Facettenaugen wie Käfer und schauen sich unaufhörlich und aus allen Winkeln an.“ Auch Christian Steinbacher untersucht mit selten gewordener Akribie diese gegenseitigen Anziehungskräfte und Magnetfelder der Wörter – und nimmt dabei, wie sein Gedicht nahelegt – kein Blatt vor den Mund.

Michael Braun, Volltext, Heft 3, 2019

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