Michael Donhauser: Sarganserland

Donhauser-sarganserland

Vielleicht an einem Abend, an
einem Abend spät vielleicht

Ein Glas gefüllt mit Anis und
eine Stimme, die weint

Vielleicht, daß eine Stimme
weint

Ein Glas an einem Abend spät
vielleicht

Ich gehe nicht, nicht mehr
sehr weit

Zu sehr, zu sehr, nicht mehr
zu weit

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Michael Donhausers neue Gedichte wagen viel:

sie brauchen die größten und zugleich einfachsten Wörter, die heute kaum mehr jemand in den Mund, geschweige denn ins Gedicht zu nehmen wagt, um von einfachen und großen Dingen zu reden: von der Trunkenheit, dem Schmerz, von Glück und Verlust, der Zärtlichkeit und der Liebe:

Sehnliches oder Sehen, es
beugen die Zweige sich und
wärmer noch oder bricht
von Früchten schwer, was
zärtlich entlang im Laub
verirrt und leuchtend liegt

Es sind melodisch und rhythmisch streng gebaute Gebilde, die Michael Donhauser als Meister poetischen Sprechens ausweisen. Die fünf mal elf Gedichte seiner neuen Sammlung beendet die Prosa „Umgebung“: „Sie ist mir nur manchmal nahezu heimlich eine Heimat gewesen, ich habe mich nicht eingerichtet in ihr: der Winter war ins Land gezogen, wie es hieß, das Knöcheltiefe, der Schnee, er würde sich bald mischen mit dem Kot und Schlamm und die Spritzer würden dann über den Wegrand hinaus eine Art Aura bilden, eine Kotspritzeraura zu der Wegstückaura, welche die Kurve als ein Tor umkränzte.“

Urs Engeler Editor, Ankündigung, 1998

 

Gedichte atmen Blütenduft

− Michael Donhausers Textband Sarganserland. −

Michael Donhauser hatte in seinem Essay „Zum Gedicht, dem europäischen“ – in der Zeitschrift „Das Gedicht“ (1997) – die Frage nach einer europäischen Lyrik mit der These beantwortet, es könne keine solche Lyrik geben, da Poesie regional sei. Denn sie beziehe „ihre Kraft aus dem terroir, der Erde, Lage und ihrer Beschaffenheit, den geologischen und energetischen Vorgaben“. Ein einheitliches europäisches „terroir“ gebe es aber nicht, so Donhauser. In seinem nunmehr sechsten Gedichtband ist die Verbundenheit mit dem terroir gewährleistet: Das Buch widmet sich der schweizer Region Sarganserland, in deren Nähe, im liechtensteinischen Vaduz, der Autor geboren wurde und wo er heute lebt.

Mit den rund sechzig titellosen Gedichten des Bandes folgt Donhauser seiner postulierten Lyrikauffassung: Die Texte sind vorwiegend Wahrnehmungs- und Empfindungsberichte vor dem Hintergrund der Natur der Heimatregion. Wie die vorausgegangenen Bände ist auch „Sarganserland“ beherrscht vom Repertoire der heimischen Flora. In üppiger Fülle ist von duftenden Früchten, laubbehängten Bäumen, von Anis, Holunder, Hagebuttenzweigen und Quittenblüten die Rede. So atmen die Texte blütenduftenden Frühling oder häufiger den von reifen Früchten schweren Herbst. Auch andere Motive, wie melancholische Liebesthematik, werden in den Kontext der Naturwahrnehmung eingebettet und sind nicht selten von Naturmetaphern begleitet: „Guter feuchter Lehm, das / fingerleise oder Wiegen mit / Knospen, Gezweige, wo bist / sagte ich, Liebende, du, wir / waren Felder, Wintersaat“. Die ländliche Idylle bleibt allerdings nicht ungetrübt. Immer wieder werden den Naturschilderungen Gegenstände der industriellen Zivilisation, die sich scheinbar gar nicht zur poetischen Sprache eignen, in scharfem Kontrast gegenübergestellt: Angefangen beim Straßenrandgras der Schotterränder, über Schienenstränge, Wohnlager und Kieswerke, bis hin zu den sehr prosaischen Landwirtschaftsstraßen und Milchtankwagen.

Wege waren / waren Wege / Talschaften / und Felder //
Wiesen lagen / weitgebreitet / hügelan / naher Schlaf //
Hecken säumten / Regenstraßen / war es lang / warst es du //
Trockenbuchten / unter Bäumen / Staub zu Staub / Nässespur //
Milchtankwagen / schwere Ähren / Honig floß / Wein und Blut

In seinen ersten Gedichtbänden war Michael Donhauser mit umfangreichen Prosagedichten hervorgetreten. Bereits in seinem 1994 erschienenen Buch „Das neue Leben. 78 Dreizeiler“, ist aber eine deutliche Reduktion in seiner Sprache festzustellen. „Sarganserland“ zeichnet sich nun, abgesehen von der letzten der sechs Abteilungen des Buches, durch strophisch gegliederte, äußerst kurzzeilige Texte aus. Die poetische Wirkung der durchgehend ungereimten Gedichte liegt vor allem im Sprachrhythmus, der von Zeilensprüngen dominiert wird und in der gehäuften Verwendung von Attributen der Natur. Die unvermittelt auftretenden Versatzstücke der Zivilisation wirken wie Fremdkörper; in der Tradition der zivilisationskritischen Haltung der Naturlyrik dienen sie dem Kontrastreichtum der Situationen sowie der Spannung der Texte. Donhausers reduzierte, fragmentarische Sprache ist allerdings nicht leicht zu dechiffrieren. So vermitteln die Gedichte selten mehr als ein Stimmungsbild: Eindrücke von Liebe, Natur und den Einschnitten durch die Zivilisation. Mit diesen Motivkomplexen bleibt der Autor seinen bevorzugten Themenfeldern treu; Donhauser-Kennern wird in „Sarganserland“ außer der Form nichts Neues begegnen. Wer aber Donhausers Kosmos aus Pflanzen, Früchten und schwellender Natur schätzt, oder wer eine Variante des Naturgedichts der Gegenwartslyrik kennenlernen möchte, dem sei das Buch empfohlen.

Klaus Engels, literaturkritik.de, Nr. 11 November 1999

Zu Michael Donhausers Gedichtband Sarganserland

Das ist ein Gedichtband von einer Landstraße (und von ein paar anderen Straßen und Boulevards). Einer Straße mit einer Kurve, mit Schotterrand, mit Gras zum Ruhen und Liegen. Vielleicht ist es eine Schnellstraße, doch in diesem Buch wird sie anders verzeichnet, in dieses Buch wird die Straße halbblind eingezeichnet, während eines Schwächeanfalls, schwindend, nachlassend, mit der Hand vor den Augen oder in den Augenblicken des Vergessens. Der lange Schwächeanfall – oder Gewaltverlust – an dieser Straße, der Taumel – vielleicht hat der Geher Anis getrunken oder von einer der vielen Dolden – führt aber in eine Verstärkung, ist wie ein bestimmtes Heilmittel. Die Klänge des Straßenrands werden gestärkt, dass dort Namen sind und „Blumen als Namen“, die „lismen“ werden gestärkt und hörbar, also nie zuvor gehörte und gleich wieder präsente Klangblumen, Sonnen und Dahlien gibt es am Straßenrand. Was ist diese Verstärkung? Die Augen sind ja geschwächt und mit der Hand geschützt, also ist die Energie der Blumen, Gräser und Kieselsteine größer, sie beginnen zu zeigen, die Farben beginnen zu sagen, die Stangen beginnen zu zeichnen, sogar folgendes kann man sagen: die Blätter beginnen zu sein und die Tische in den Gärten, und der Verkehr beginnt „rötlichblau“ zu sein. Die Straße wird hier nicht beschrieben als „ländlich und staubig“, sondern sie selbst gibt sich „ländlich und staubig“, das heißt, sie scheint sich so zu schmücken und ins Licht zu legen. Die Straße wird sarganserisch. Plötzlich sind da „Wohnlager“, „Kamillen“ und „Kieswerke“, aber nicht gezeigte, sondern Zeigen und Sichtbarkeit zersetzende, fast Rost erzeugende, und statt richtiger Wege gibt es hier neue Unabsichtlichkeiten und Wahllosigkeiten. Wahllos unabsichtlich zwischen „Wäschestangen“ und „Bahnhofsbänken“.
Die Kurve, die die Straße macht – ist das ihr Taumel, ihre Schwäche? Trinkt die Straße dort Anis? Ist dieses ein Buch vom Benzin? Wo fährt man hin mit diesem Benzin? Ist es ein großes Reiseziel? Ja, zu „Zellophan und / Sternenhimmel / Sphärenkreise / Filterstummel“. Und in welcher Verfassung kommt man dort an? So: „Kam und an: bemoost, verrußt, war / Schweiß und Schlaf und stand als / einer der steht bei seiner Tasche im / Staub, es summte, etwas verloren / sangen ein paar Vögel, welches // Wort, fragte ich, würde das erste hier / sein, oder rauchte, schaute und die / örtliche Straße entlang, wo kein / Mensch nur war, die Blumen im / Schotter wankten, bewegt von // Weither“. Wie ist es dort in einem der innersten Himmelskreise? Dort ist die Reisetasche, bei der man steht, dort ist die Straße örtlich, man schaut sie entlang, dort ist kein Mensch nur.
Am Ende dieses Buches wird es ganz ganz ganz spannend – es schließt mit der Prosa „Umgebung“: Jetzt wird erkennbar, nein erkennbar ist das falsche Wort, es liegt ja die Hand auf den Augen, jetzt wird gesagt: die Landschaft liegt da um uns sphärisch, sie umgibt, das heißt: ist gegeben, ein Geschenk? Die Straße macht eine kleine Kurve, wird sie da schwach, taumelig, sphärisch, dreht sie sich da zum Himmel (wie man eine Zigarette dreht?), wölbt sie sich da, sind dort ein paar Töne der Sphärenmusik?
Dieses Buch führt in die sphärische Welt und die Atmosphäre (die einen himmlischen Körper mit einer Hülle umgibt), hüllt uns in Pistazien, Scherben, Wäschestangen, Hallen, Aschen, lismen, Zweige, Regen, Schuppen, Gärten, Bänder und Drähte.
Eines jener Bücher, die, in der Hülle der Sprache, weit über die Sprache hinaus gehen.

Peter Waterhouse, aus: Tipps der Göttinger Sieben, Redaktion Text+Kritik

Vielleicht, dass eine Stimme weint

− Sarganserland – Gedichte von Michael Donhauser. −

kommen zu sehen, so hatte der „Aufsatz“ geheißen, mit dem Michael Donhauser im letzten Jahr seine Übersetzung später Verse von Arthur Rimbaud abgeschlossen hatte. In ihm war der Name Sargans – Hauptort des „Sarganserlandes“ im Alpenrheintal – gefallen, durchaus in Anspielung auf Rimbauds Wanderungen durch die Schweiz, aber auch als die beinahe synästhetische – und damit auf Rimbauds Poetik zielende – „Realisierung“ eines Wortes durch Farben: „in dieser Sonne am Asphalt, die den Asphalt weißt mit Resten von Schatten, schwebenden Schatten bis hinauf zum Perronkopf, wo „Sargans“ steht – dort steht Weiß auf Blau „Sargans“ auf einer Tafel an einem Sprossenmasten, der sich himmelwärts verjüngt“.
Donhausers neuer Gedichtband ist in fünf Abteilungen gegliedert, jede von ihnen enthält elf titellose Gedichte, und wiederum hat er an das Ende seines Buches ein lyrisches Prosastück gestellt, das ganz im Bild bleibt – und Poesie so (physikalisch) reflektiert, wie sich der eingangs genannte Text Lebensspuren bis zur Unsichtbarkeit angeeignet hatte. Die erste Abteilung heißt Sarganserland, und sie kann gelesen werden als eine Fortschreibung, ja als ein Fort-Gang des Rimbaud-Buches: „Vielleicht an einem Abend, an / einem Abend spät vielleicht // ein Glas gefüllt mit Anis und / eine Stimme, die weint // Vielleicht, dass eine Stimme weint // Ein Glas an einem Abend spät vielleicht // Ich gehe nicht, nicht mehr sehr weit // Zu sehr, nicht mehr / zu weit“. Donhausers Gedichte betreten den kleinen Grat zwischen Anverwandlung und Verfremdung, zwischen verschwiegener Scheu und scheuer Verschwiegenheit, ihre Sprachskepsis oszilliert in einem zwar beredten, aber syntaktisch fluktuierenden Vergleich.
Dem „Sarganserland“ ist als Motto ein Satz des in einem späteren Gedicht auch noch einmal genannten Jan Potocki („Die Handschrift von Saragossa“) vorangestellt: „Je mis ma main sur mes yeux et je me sentis défaillir“, frei übersetzt: kommen zu sehen. Und tatsächlich hat Michael Donhauser die Hand von seinen Augen genommen, um sich nicht zu verlieren. Und doch ist es bezeichnend, dass er sich nicht zu der Kleistschen Metapher von den (unwiderruflich) weggeschnittenen Augenlidern versteigt. Indem er (nicht sein Programm, sondern) sein Konzept – „die bläulichen Bäume, keine These, kein Thema“ – ex negativo bestimmt, hält er sich die Möglichkeit offen, doch einmal wieder die Hand vors Gesicht zu legen. Ganz zuletzt lauscht er noch einmal alle Aggregatzustände lyrischen Sprechens der Wirklichkeit ab, ein Bedenken, das wieder Grazie geworden ist, Naturkunde als Poetologie: „Wasser, das / singt, leisher / nächtlich und / gurgelt mit // Silben, wenn / wankend es / taucht und ein / dunkel ins // Becken, das / murmelt, bricht / Wellen, die / schlagen an // Heller, dass / es versiegt / flüstert, rinnt / für und für“. Nein, das ist keine Lautmalerei, das ist, als ob Michael Donhauser nicht zu Gott, sondern, unbeirrt stockend, zu einem Gebet betete.

Hermann Wallmann, Süddeutsche Zeitung, 4./5.12.1999

Der Atem des Gehenden oder Gibt es eine Sprache der Erde?

„Dies also“, so notierte vor siebzig Jahren der Dichter Francis Ponge (1899-1988), „so lächerlich anspruchsvoll es erscheinen mag, ist ungefähr mein Plan: Ich möchte eine Art ‚De natura rerum‘ schreiben. Daran erkennt man wohl den Unterschied zwischen mir und den zeitgenössischen Dichtern: Ich will keine Gedichte schreiben, sondern eine einzige Kosmogonie.“ Es war das Programm einer rigiden Sachlichkeit, dem sich der Dichter der Dinge verschrieben hatte. Alle naiven Lyrismen sollten überwunden werden durch die minuziöse Genauigkeit der Beschreibung. Die sinnlichen Erscheinungen, so glaubte Ponge, sind im Gedicht in ihrer sinnlichen Konkretheit so ins Licht zu rücken, dass sie von sich aus zu strahlen beginnen. So entwarf er in Aufzeichnungen und lyriknahen Prosastücken seine sachlichen Emphasen der Natur-Gegenstände: Er schrieb eine „Einführung in den Kieselstein“, eine „Ode auf den Schlamm“, „Notizen für eine Muschel“ und mikroskopische Erkündungen der Auster, der Aprikose oder der Brombeeren.
Von diesem Plan einer Phänomenologie der Dinge, einer Kosmogonie der sinnlichen Erscheinungen hat sich der österreichische Dichter Michael Donhauser inspirieren lassen – ohne dabei das genuin Lyrische aufzugeben. Auch seine poetische Leidenschaft gilt der kontemplativen Versenkung in die Natur-Phänomene, auch er nähert sich in langen, zyklischen Gedichten oder in emphatischen Miniaturen den scheinbar vertrauten Einzelheiten der Natur. Schon die Prosagedichte der Bände „Der Holunder“ (1986) und „Die Wörtlichkeit der Quitte“ (1990) präsentierten sich als sympathetische Annäherungen an Natur-Dinge, in den etymologischen und kulturhistorischen Abschweifungen des Gedichtbandes „Von den Dingen“ (1993) versuchte Donhauser dann die direkte Verwirklichung der Verwirklichung von Ponges Utopie. Die maliziösen Reaktionen, die auf die Veröffentlichung dieses Bandes im Hanser-Verlag folgten, signalisierten das völlige Unverständnis der Kritik für diese emphatischen Apologien auf die Sumpfdotterblume, den Misthaufen oder die Tomate.
Tatsächlich gerät leicht in Lächerlichkeits-Verdacht, wer sich wie Donhauser ganz ohne Ironie den Naturstoffen widmet oder eine Landschaft in geduldigen, sammelnden Bewegungen zu vermessen trachtet. Lyrische Spaziergänge unter freiem Himmel gelten als hoffnungslos gestrige Angelegenheit, die Beschreibung von Formen und Farben der Natur-Einzelheiten als ein Fall fürs Botanik-Lehrbuch. Michael Donhauser unternimmt dennoch – entgegen allen postmodernen Negationen emphatischer Dichtungskonzepte – den Versuch einer lyrischen Mimesis der Schöpfung. Er betritt als Lyriker jenes „Genesis-Gelände“, das Peter Waterhouse im Blick auf die geologischen und mineralogischen Wörterlisten Paul Celans analysiert hat. „Gibt es ein Denken der Erde, eine überliefernde Form, eine Sprache der Erde… Gibt es grosse Küstenworte, Bergworte, gibt es Blattflüstern, Landerzählungen? Ist die Welt ein Stimmenplanet?“ So fragt Waterhouse im Blick auf Celans Wörterlisten und hat damit eine schöne Metapher für jene Dichtung der Naturmagie gefunden, die sich den organischen Kreisläufen und Zusammenhängen der Naturphänomene wie selbstverständlich anschmiegen will. Das Gedicht des Michael Donhauser ist ebenso wie jenes von Peter Waterhouse oder auch das des Österreichers Oswald Egger ein „Genesis-Gelände“, das der Dichter im bedächtigen Gehen und aufmerksamen Schauen erkundet.
Der lyrische Rhythmus der Erkundung dieses „Genesis-Geländes“ ist eng verbunden mit dem Atem des Gehenden. „Der Versfuss ist Einatmen, Ausatmen, Schritt“, hat Ossip Mandelstam in seinem „Gespräch über Dante“ gesagt – und auch die vier und fünfstrophig organisierten Gedichte in Donhausers jüngstem Gedichtband „Sarganserland“ folgen dieser ruhigen Bewegung. „Wieder, noch, einmal“ ist eins der sechs Kapitel überschrieben, und diese Bewegung des Wiederholens und Atemholens strukturiert den poetischen Gang des Dichters. In „Sarganserland“ arbeitet Donhauser an der lyrischen Topographie einer Landschaft, des Alpen-Rheintals, in dessen winterlichen „Nachtlandstrassen“, Baum- und Hügel-Figurationen er eine imaginäre „Heimat“ zu verorten versucht. Es ist jene Gegend um die Stadt Sargans, die der Kindheitslandschaft des 1956 im liechtensteinischen Vaduz geborenen Michael Donhauser gewissermassen benachbart ist, jenes Sehnsuchtsterrain, das der Autor schon in seinem Nachwort zu seiner Übersetzung der späten Gedichte Rimbauds betreten hatte. Schon dieses Nachwort liest sich wie eine emphatische Danksagung an einen paradiesischen Raum, in dem sich nicht nur die Sinne für die Wahrnehmung von Natur, sondern auch von Sprache öffnen. Das „Sarganserland“, dieser vom Vokal „a“ klanglich aufgeladene Ort, erscheint hier als Gegend, in die auch der irrlichternde, taumelnde Wanderer Rimbaud hineingesprochen hat, der ja die Schweiz zweimal zu Fuss durchquert hat. Auch im Gedichtband „Sarganserland“ entsteht nun das Gedicht Donhausers aus jenen „Blicken zu Boden und auf in die Weite“, die er in einem poetischen Essay (in Heft 12 der Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“) als lyrisches Constituens beschrieben hat.

Im Gegensatz zu den ausschweifenden Zyklen der vorangegangenen Bücher legt Donhauser in „Sarganserland“ aber konzentriertere Formen von Naturdichtung vor: Die Vier- oder Fünfzeiler mit ihren jeweils vier oder fünf Strophen sind so gebaut, dass es nicht zu einer öden Addition auratischer Natur-Vokabeln kommt. Mittels kleiner semantischer Verschiebungen und syntaktischer Inversionen versucht Donhauser einen allzu geschmeidigen Versfluss zu verhindern und die einzelne Gedichtzeile mit rhythmisch gegenläufigen Elementen in der Schwebe zu halten. Manchmal wird der Vers auch so weit reduziert oder skelettiert, dass nur noch ein karges Wort in der Zeile zurückbleibt. So sind dann zwar die vertrauten Realien von Donhausers lyrischer Kosmogonie vorhanden: „Blattwerk“, „Quittenblüte“, „Ginster“, „Schnee“ und natürlich „die Amsel“, sein lyrisches Wappentier, aber sie sind nicht mehr eingefügt in einen naturmagischen Klangraum, sondern in seltsam bedrohlich wirkende Konstellationen. Ein Gedicht über das Element Wasser signalisiert in seiner syntaktischen Disharmonie auch eine Unruhe, die offen lässt, in welchem Materialisationszustand sich das Wasser wirklich befindet: „Wasser, das / singt, leisher / nächtlich und / gurgelt mit // Silben, wenn / wankend es / taucht und ein/ dunkel ins // Becken das / murmelt, bricht / Wellen, die / schlagen an // Heller, dass / es versiegt / flüstert, rinnt / für und für“. Erst im abschliessenden Prosagedicht des Bandes öffnet sich das zuvor schroff Gefügte zu einer auch formalen Weite: im Schauen und Beschwören des winterlichen „Sarganserlandes“ kann Natur noch einmal triumphal aufstrahlen und hier erfährt das schreibende Ich diese Schnee-Landschaft als überwältigende Unio mystica. Natur wird zum sakralen Raum: „so ging ich und war ich bis hierher gekommen, immer weiter und so immer unentschlossener, umzukehren, zurückzugehen – doch ich blieb stehen, vom Hagenbuttenstrauch, dem Vogel der Erwartung angehalten, vom Haus her ein Hundegebell zu hören, doch es blieb still, doch ich zögerte noch, hörte den Schnee, das Reglose, die Halme und über der Stille den Vogel, die Unhörbarkeit als Vogelflug.“

Michael Braun, Basler Zeitung, 26.11.1999

Sehnen und Sehen

Auch Donhausers jüngster Gedichtband Sarganserland umfasst zyklisch geordnete Liebes- und Lobgedichte auf Landschaften, die ein gehendes Ich durchstreift, doch sind die einzelnen Texte wesentlich knapper, einfacher, konzentrierter geraten. Es ist allerdings noch immer ein zögerndes, reflektierendes, sich Wort für Wort vorantastendes Sprechen, poetisch und traumverloren, mit gesplitteter Syntax, und unterscheidet sich insofern gründlich von der Glätte und Geschwindigkeit der Alltagssprache. Auf eine ganz eigene und intensiv andere, fast meditative Weise wird das für jeden Sichtbare angesprochen.

Michael Buselmeier, der Freitag, 1.12.2000

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Guido Graf: An Mauern und Birken
Frankfurter Rundschau, 24.11.1999

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