Olga Berggolz: Gedichte 1928–1970

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Olga Berggolz: Gedichte 1928–1970

Berggolz/Dobbelt-Gedichte 1928–1970

IN DER FREIHEIT

Ob, was war, auch wirklich wahr ist?
Gitterfenster, Gittertür?
Ich vergaß das Herz vergaß nicht
Die Erniedrigung zum Tier.
Heute noch schlägt wie an Gitter
Es ans Leben ausgebrannt,
Ausgemergelt, ausgewittert –
So schlägt nur die Zitterhand.
Und ich hör bei diesem Pochen
Eine Stimme, die nie schweigt.
„Denk daran!“ – „Ununterbrochen!“
Denn: was war, ist wahr – und bleibt.

 

 

 

Vorwort

In ihrem „Geheimen Tagebuch“, das sie im Juli 1939 begann und das jahrelang in einem Hinterhof vergraben lag, schreibt Olga Berggolz (1910–1975):

Fast alles erschien mir klar vor dem Gefängnis, jedes Ding fügte sich in ein geordnetes und kohärentes Ganzes. Jetzt aber ist diese Ordnung zerstört. Vieles hat nun einen anderen Platz, einen anderen Wert. […] Man hat mir die Seele herausgerissen, mit schmutzigen Fingern darin gewühlt, man hat sie verunreinigt, geschändet – und nachdem man sie mir wieder eingesetzt hat, sagt man mir nun: „Lebe!“

Und nur wenig später heißt es:

Oh, wie wünschte ich nur zu sagen: „Liebe Genossen! Alles, was ich im Gefängnis gesehen, gehört und erlebt habe, alles, aber auch wirklich alles, hat meine Einstellung gegenüber unseren Ideen, dem Vaterland und der Partei nicht geändert. Wie vorher und in einem gewissen Maße mehr als vorher bin ich bereit, mich aufzuopfern. Aber alles, was ich entdeckt habe, hat mich verwundet und brennt in mir wie ein Gift. Es gibt Dinge, die ich nicht begreife, andere, die mich anwidern, andere, die mir nicht korrekt erscheinen. Hier stehe ich also vor euch, mit meinem ganzen Schmerz, mit all meinen Zweifeln.“ Aber ich darf mich nicht so benehmen, so benehmen sich Idealisten. Was für Erklärungen würde man mir geben. Ich würde aus der Partei ausgeschlossen […], und sehr wahrscheinlich blühte mir wieder das Gefängnis.

Olga Berggolz, die bis dahin kaum bekannte sowjetische Lyrikerin, Journalistin und Kinderbuchautorin, wird 1938, nachdem sie ein Jahr zuvor nach einem Verhör eine Fehlgeburt erlitten hatte, eingekerkert, und dies aufgrund von falschen, z.T. unter Folterung gemachten Anschuldigungen von Bekannten. Man unterstellt ihr konterrevolutionäre Tätigkeit. Die Anklage ist völlig ungerechtfertigt, Olga Berggolz wird nach einigen Monaten wieder auf freien Fuß gesetzt und rehabilitiert.
Gezeichnet von der Haft, wird die fröhliche, lebensbejahende Frau, die sich seit ihrer frühesten Jugend aktiv um den Aufbau des Kommunismus bemüht hat, erst recht zur Dichterin. Ihr revolutionärer Aktivismus („Ich werde mein ganzes Leben Berufsrevolutionärin sein“, meinte sie schon als Vierzehnjährige nach Lenins Tod) ist ihr aber geblieben, denn was sie während der mehr als dreijährigen Blockade Leningrads für ihre Mitbürger geleistet hat, ist im wahrsten Sinne revolutionär. Nachdem alle anderen Dichter verstummt waren, war sie es, die mit ihrer Stimme, ihren Radioansprachen, ihren Gedichten und Poemen die belagerte Stadt sozusagen moralisch am Leben hielt.

Wissen Sie

meinte einmal eine alte Frau zu ihr,

wenn die kleinliche Alltäglichkeit mich ganz verzehrt, wenn ich dabei bin, die Menschenwürde zu verlieren, sind es Ihre Verse, die mir helfen […]. Gestern, als ich kraftlos im Bett lag und das Bett unter dem Artilleriegeschütz bebte […], hab ich im Dunkeln, terrorisiert, Sie wiederum gehört. Sie lasen Verse und ich habe gefühlt, dass das Leben da ist, dass es existiert.

Die Tragik von Olga Berggolz ist, wie bei kaum einem anderen Dichter Russlands, mit dem Schicksal ihres Volkes, ihrer Stadt, verbunden. Gerade der Umstand, dass sie lange Zeit an die kommunistischen Ideale glaubte und sie zu verwirklichen suchte, und zwar im Umfeld einer Fabrik, gab ihr die Kraft und die Fähigkeit, sich in den gewöhnlichen, nun leidenden Menschen hineinzudenken und ihn in seinem unsäglichen Leid mit einfachen Worten beizustehen. Und dies mit revolutionärer Verve. Ihre Dichtung ist „die vielleicht tragischste in der modernen sowjetischen Literatur. Die ,Tragödie aller Tragödien‘ fand darin einen pointierten, schonungslosen Ausdruck“, meinte Andrej Sinjawskij 1960, und seine Worte gelten noch heute. Sicher hat Anna Achmatowa mit ihrem „Requiem“ dichterisch Höheres geleistet, aber ihr Werk hat niemals jene unmittelbare Breitenwirkung gehabt. Nur ein Parteimitglied konnte damals öffentlich auftreten, den Menschen Hoffnung geben und ihnen tatkräftig zur Seite stehen. Darin besteht das Tragische, ja das Schizophrene bei Olga Berggolz. Und sie war sich dieser Schizophrenie bewusst, sie kannte die Lüge nur zu gut („die grausame Lüge“; „wir, die wir mit dem Krebs der Lüge leben“). Trotzdem hat sie sich nicht zurückgezogen, sondern gekämpft und kämpfend gelitten. 
Dabei konnte sie eine Reihe ihrer besten Gedichte aus den schwierigen Jahren zwischen 1937 und 1945 vorerst gar nicht veröffentlichen. Was sie am Radio vortrug, war wohl eindrücklich, einfach geschrieben, jedem verständlich, aber oft mit einem bestimmt nicht immer gewollten Pathos verbunden; es musste vor allem auch vor den Zensurbehörden bestehen und sollte Optimismus ausstrahlen, Kraft verleihen. Daher ist eine rein ästhetische Beurteilung dieser Gedichte und Poeme bei Olga Berggolz nicht möglich. Oder wie es die Dichterin selber in Bezug auf ein Werk von Ilja Ehrenburg sagt:

Hier handelt es sich nicht um literarischen Wert, es ist viel mehr. Hier spricht man von unserer grausamen, schrecklichen, schmachvollen und großartigen Zeit!

In meiner Auswahl, die durchaus auch ästhetisch begründet ist, machen also diese öffentlich vorgetragenen Gedichte nur einen geringen Teil aus. Die meisten der hier übersetzten Gedichte aus den schwierigen Jahren des Stalinterrors, der „Säuberungen“, des Kriegs und der Nachkriegszeit konnten erst später veröffentlicht werden, einige in den Achtziger Jahren. Aufgenommen wurden auch ein paar frühe Gedichte – meist Liebeslyrik – und ein paar späte. 
Olga Berggolz hat sich nach dem Krieg vermehrt der Prosa gewidmet und trat immer wieder als unerschrockene Kritikerin der Parteiliteratur auf. Sie trank – und hat nie mehr ein Blatt vor den Mund genommen: Als man sie einmal als Ehrengast in die KGB-Zentrale am Litejnyj Prospekt zu einer Lesung einlud, fragte sie unerschrocken, noch bevor sie den Mantel ablegte:

Los, Leute, sagt mir, wo ihr derzeit foltert!

Durch Folterung hat sie ein ungeborenes Kind verloren. Ihre beiden Töchter sind früh gestorben; ihr erster Mann wurde erschossen, der zweite ist verhungert, der Vater starb in der Verbannung. Geblieben ist ihr nur ihr Werk: eine unvollendete Autobiographie, einige Prosastücke, Gedichte und Poeme. Was bleiben wird, Bestand hat, wird die Zukunft weisen.

Christoph Ferber, Vorwort

Leningradskaja Madonna

Oh, wie wünschte ich nur zu sagen: „Liebe Genossen! Alles, was ich im Gefängnis gesehen, gehört und erlebt habe, alles, aber auch wirklich alles, hat meine Einstellung gegenüber unseren Ideen, dem Vaterland und der Partei nicht geändert.

Diese für uns heute unbegreiflichen Worte der Berggolz, die Gefängnis, Ausschluss aus der Partei, Folter, Verlust eines Kindes nach intensiven Verhören, eine Fehlgeburt, die Vollstreckung der Todesstrafe an ihrem Mann und an Freunden erlebte, zeugen von einer kommunistischen Eschatologie, die einer religiösen Verzückung gleichkommt. Allerdings war es bei ihr wohl eher die ethische Überzeugung, dass eine menschlich sinnvolle Handlung auf ein Ziel hin ausgerichtet sein muss, ungeachtet der Kalamitäten und Schrecknisse des Weges. Albert Camus formulierte es sinngemäß in seinem Werk Der Mensch in der Revolte: Es besteht formell kein Unterschied, ob man vor dem Dogmenaltar eines religiösen Machtapparates oder einem Parteialtar niederkniet.
Jedoch diese Einstellung bekommt Risse. Die Ideen der Partei sind es nicht mehr, welche die ethische Grundhaltung der selbsternannten Berufsrevolutionärin vordergründig bestimmen. Es ist das Vaterland, es sind die Menschen, die Stadt Leningrad und das unsagbare Elend, die fürderhin zu ihrem Leitmotiv werden. Olga Berggolz war die Radiostimme der Leningrader Blockade. Sie wurde zum Mythos, weil sie mit Poesie direkt zu den Menschen sprach und Trost spendete.
Der große Virtuose Sjwatoslaw Richter berichtete von einem Konzert in Leningrad am 5. Januar 1944, zu dem er eigens eingeflogen wurde. Infolge der dauernden Bombardierungen waren am Auftrittstag in der Philharmonie alle Fenster zertrümmert. Das Publikum saß im überfüllten, bitterkalten Saal in Mäntel gehüllt. Wie kann man da mit kalten Fingern ein Klavierkonzert geben? „Sobald ich spielte, spürte ich keine Kälte mehr.“ Dies zeugt von der Kraft der Kunst, die auch die Berggolz vermittelte: ein wenig Wärme in einer bitterkalten Zeit.
Aber vielleicht war es auch viel mehr, wie es die fast vergessene St. Petersburger Vorläuferin der Futuristen Elena Guro in ihrem „Gebet an einem grauen Tag“ schrieb:

Und weißt du nicht, daß ein einziger deiner Träume Stürme gebiert?
Und weißt du nicht, daß ein einziger deiner reinen Träume Stürme gebiert?! …

(Übertragung Elena Guro von Peter Urban)

Fast jede Familie, die die Leningrader Blockade überlebte, hatte große materielle und menschliche Verluste zu verzeichnen. So auch die des Künstlers Michael Dobbelt, der 1960 in die Chruschtschow-Ära hineingeboren wurde und in Leningrad aufwuchs. Er studierte von 1985–1990 Bühnenbild an der staatlichen Hochschule für Theater, Musik und Kino. Seit 1990 arbeitet er freischaffend. Allerdings waren ihm und vielen Künstlern seiner Generation der unbedingte Glaube an den Kommunismus und die Doktrin, die aus einer dogmatisch gehandhabten Weltanschauung erwuchsen, suspekt. Leningrad und später St. Petersburg war und ist für ihn ein wahrer Schatz an Kunst und Kultur. So fühlte er sich wie selbstverständlich hingezogen zu den verfemten Dichtern Gumiljow, zur Achmatowa, später zu Brodskij und natürlich zur Zwetajewa. Deren schwer verfügbare, nur marginal verlegte Werke, die in den Grauzonen des öffentlichen Lebens der Sowjetunion verankert und enthusiastisch bewahrt wurden, waren Teil eines kollektiven Gedächtnisses. Nicht alle Werke der Olga Berggolz, vor allem die aus der Blockade-Zeit, unterlagen demselben Verdikt der Wächter der reinen Lehre der wissenschaftlichen Weltanschauung der Arbeiterklasse, dafür waren sie wohl zu tief in den Herzen der Leningrader Menschen verankert. Diese nannten Olga Berggolz Leningradskaja Madonna und so kannte sie auch Michael Dobbelt. Und nun entwirft er für diese erste deutsche Auswahl ihrer Gedichte Handzeichnungen, die einer Bühne gleichen, er entwirft Orte für sie, er entwirft die Kälte der Unbehaustheit der poetischen Seele, und zärtlich fast, hingehaucht mit feiner Linie, im Gegensatz zur schroffen Umwelt, liegt da am Boden die Leningradskaja Madonna. Und dann zeichnet er auch dieses eisige Detail Sewastopol: ein Segler und ein Vogel, die in der Luft stehenbleiben.
Bis zu ihrer Übersiedlung nach Dresden im Jahr 2001 wohnten Michael und seine Frau Shanna direkt neben dem Piskarjow-Gedenkfriedhof für die Opfer der Leningrader Blockade. Auf dem gewaltigen Mahnmal kann man ein Gedicht von Olga Berggolz lesen.

(…)
Aber wisse, der du diese Steine betrachtest.
Niemand ist vergessen und nichts wird vergessen.

So war auch für die Dobbelts die Berggolz ständig präsent. Olga Berggolz aber wurde das Begräbnis auf diesem Friedhof verweigert. Ein letzter Akt der öffentlichen Schizophrenie. Nun liegt sie auf dem Wolkowo-Friedhof begraben, in Nachbarschaft mit ehernen Namen der Weltliteratur und der Wissenschaft. Mit Turgenjew, Blok, Garschin, Andrejew, Gontscharow, Leskow, Kusmin, Kuprin, Saltykow-Schtschedrin, Mendelejew, Bechterew und Pawlow.

Den Menschen fremd, sind wir hier ganz allein,
dem Nebel ausgesetzt, tut‘s einem wohl zu trinken!
Des fallenden Laubs lass eingedenk uns sein,
und dass auch wir, ihm folgend, niedersinken.

(Übertragung Leonid Aronson von Gisela Schulte & Marina Borte)

Diese Zeilen des zu Lebzeiten offiziell verfemten Leningrader Lyrikers Leonid Aronson, könnten eine Grabbeigabe sein, für eine vereinsamte Frau, die sich dem Alkohol hingab und an Depressionen litt, für die Dichterin Olga Berggolz.

Holger Wendland, Nachwort

 

„Hier spricht Leningrad“

– Der erste Gedichtband von Olga Berggolz auf Deutsch. –

Die Leningrader Dichter, deren Werk eng mit der Blockade 1941/44 verbunden ist, kommen relativ spät zu uns. Gennadij Gors Lyrik hat Peter Urban 2007 unter dem Titel Blockade herausgebracht. Pawel Salzmans Tagebuch, Gedichte und Prosa harren immer noch auf eine Übersetzung. Von Olga Berggolz (1910–1975) lagen einzelne Gedichte und ein Teil ihrer Tagessterne (1963 bei Kultur & Fortschritt) auf Deutsch vor. Jetzt ist endlich ihre erste Lyriksammlung erschienen: Gedichte 1928–1970, von Christoph Ferber ausgewählt und großartig übersetzt, von Holger Wendland mit einem instruktiven Nachwort versehen. Der in Leningrad aufgewachsene Michael Dobbelt hat eindrucksvolle Handzeichnungen beigegeben.
Olga Berggolz kam in Petersburg in der Familie eines deutschstämmigen Fabrikarztes zur Welt. 1925 schloss sie sich der Assoziation Proletarischer Schriftsteller an. Sie studierte am Institut für Kunstgeschichte und an der Leningrader Universität. Auf Baustellen sammelte sie Erfahrungen, die sich in Gedichten und Skizzen niederschlugen. 1934 konnte sie den ersten Lyrikband veröffentlichen, 1936 ihr Buch der Lieder. Dann trafen sie harte Schicksalsschläge. Ihre Töchter starben. Boris Kornilov, ihr erster Mann, wurde 1938 als „Volksfeind“ erschossen. Berggolz wurde aus dem Schriftstellerverband und der Partei ausgeschlossen, verlor ihre Stellung bei der Betriebszeitung, wurde verhaftet, hatte nach brutalen Verhören zwei Fehlgeburten. 1939 freigelassen, trat sie 1940 in die KPdSU ein. In ihrem „Geheimen Tagebuch“ schrieb sie, auch wenn man ihr „die Seele herausriss“, habe das Gefängnis ihre Einstellung zur Sowjetunion, der Partei und deren Ideen nicht verändert.
Während der Blockade wurde Berggolz als Rundfunksprecherin zur unverwechselbaren Stimme der Belagerten. Ihre Reden und Gedichte, die sie 1946 unter dem Titel Hier spricht Leningrad veröffentlichte, wurden bald darauf aus dem Verkehr gezogen. Sie begann zu trinken. Depressionen blieben ihr Problem, weil sie auch nach Stalins Tod wegen ihrer Kritik an der sowjetischen Literatur gemaßregelt wurde. Nach ihrem Tod wurde ihr Archiv beschlagnahmt. Selbst ihre Bestattung wurde, wie Daniil Granin sich erinnert, zu einem Skandal.
Ferbers Auswahl beginnt mit einem Liebesgedicht, das Berggolz für Boris Kornilow schrieb. Intime Verse wechseln mit patriotischen Gedichten. 1937/38 verstärken sich die tragischen Töne, werden Zweifel an der Treue der Genossen und Klagen über mangelndes Vertrauen laut, wird das „Haus aus Stein“ zu einem Ort, in dem anonyme Kräfte „sitzen und richten“. 1939 entstehen Gedichte in der Haft, wie „Die Versuchung“, ein Text voller Sehnsucht nach dem Zuhause. Die Autorin schreibt, sie habe Angst, dass sie alle, die sie liebt, bald verlieren werde. Sie bezeichnet das Leben hinter Gittern als „Erniedrigung zum Tier“, klagt sich an, geschwiegen zu haben. Unter Berufung auf Martin Luther beteuert sie, dass man aus ihren Büchern nicht erfahren werde, „wie grausam, schrecklich es uns ging, wie wir gelogen unverzagt, / Wie bei Verhören wir erzitternd / Uns von uns selber losgesagt.“ Zu ihren stärksten Texten gehören das Poem „Februartagebuch“ und das „Leningrader Poem“. Im „Februartagebuch“ erzählt sie vom unheimlichen Klang des Metronoms im Stadtfunk, der Suche nach Wasser und Brot, klirrendem Frost, Kanonendonner und Granateneinschlag. Sie fühlt sich eins mit Schwestern, Brüdern, Genossen und Freunden und ist überzeugt davon, dass der Tag kommt, an dem die Stadt von der Sowjetarmee befreit wird. In den Versen von 1948/49, der Zeit antijüdischer Kampagnen und des Kampfes gegen den Kosmopolitismus, ist keine Spur mehr von dieser Geisteshaltung. Sie erwecken den Eindruck, als sei der Große Terror zurückgekehrt:

In der Versammlung hab ich den ganzen Tag
Voten angehört, habe abgestimmt und gelogen…

Das Verbotene Tagebuch der Dichterin aus den Jahren 1939–1942 konnte erst 2010 in Sankt Petersburg erscheinen.

Karlheinz Kasper, neues deutschland, 7.5.2015

Mut zum Widerstand

Nur wenige sowjetische Schriftsteller brachten so viel Mut zum Widerstand gegen den verkrusteten Partei- und Staatsapparat auf wie die Dichterin Olga Berggolz (1910–1975). Sie kam in Petersburg in der Familie eines deutschstämmigen Fabrikarztes zur Welt. Von Kornej Čukovskij ermuntert, Gedichte zu schreiben, nahm sie 1926 ein Studium am Institut für Kunstgeschichte auf, an dem Tynjanov und Ėjchenbaum unterrichteten. Im gleichen Jahr schloss sie sich der Autorengruppe des Komsomol Smena an, die zwar der RAPP unterstand, aber nicht deren dogmatischen Losungen folgte. Hier fand sie in dem 19-jährigen Dichter Boris Kornilov ihren ersten Mann. Ihr zweiter Mann wurde der Student Nikolaj Molčanov. Als Korrespondentin einer Betriebszeitung sammelte Berggolz Erfahrungen, die sich in Gedichten und Skizzen niederschlugen. 1932 wurde sie Kandidatin der Partei, 1934, nach der Veröffentlichung ihres ersten Lyrikbandes, Mitglied des Schriftstellerverbands. Die junge Dichterin trafen harte Schicksalsschläge. Ihre Töchter Maja und Irina starben. Kornilov wurde zum „Volksfeind“ erklärt und im Februar 1938 erschossen. Berggolz wurde aus dem Schriftstellerverband und der Partei ausgeschlossen und wegen angeblicher Zugehörigkeit zu einer „konterrevolutionären terroristischen Organisation“ verhaftet. Nach der groben Behandlung hatte sie eine Fehlgeburt. Im Juli 1939 erreichte Aleksandr Fadeev, der damalige Sekretär des Schriftstellerverbandes, ihre Freilassung. Im Geheimen Tagebuch der Dichterin heißt es, man habe ihr „die Seele herausgerissen, mit stinkenden Fingern in ihr herumgewühlt, sie beschmutzt und geschändet, um sie dann wieder hineinzustopfen und ihr zu befehlen, weiter zu leben“. Die Gefängnisgedichte bleiben unveröffentlicht. Sie versucht, das Erlittene zu verdrängen, tritt 1940 wieder in die Partei ein. Während der Blockade Leningrads wird Berggolz als Rundfunksprecherin mit ihren Gedichten zur unverwechselbaren Stimme der Belagerten. Ende Mai 1945 wirft ihr ein Literaturfunktionär vor, sie hätte zu viel über das Leid der Menschen geschrieben. Ihre Reden und Gedichte, die sie 1946 unter dem Titel Hier spricht Leningrad veröffentlicht, werden Anfang der 1950er Jahre verboten. Als sie sich gegen die Verunglimpfung Achmatovas und Zoščenkos wendet, versucht man sie mundtot zu machen. Sie leidet unter Depressionen, beginnt zu trinken. Bis zum Anfang der 1960er Jahre kann ein Teil ihrer Gedichte nur im Samizdat erscheinen. Nach dem Tod wird ihr Archiv beschlagnahmt. Erst mit dem Band Das Blockadetagebuch 1941–1945 (Moskau 2015) beginnt die Publikation des vollständigen und authentischen literarischen Œuvres der Dichterin, das ihrer Devise „absolute Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit“ entspricht. Auf Deutsch lagen bisher nur einzelne Gedichte von Berggolz und der erste Teil ihres Tagebuchs Tagessterne (1963 bei Kultur & Fortschritt) vor. Jetzt ist mit dem Band Gedichte 1928–1970 in der Edition Raute ihre erste Lyriksammlung in deutscher Sprache erschienen, von Christoph Ferber ausgewählt und wortgewaltig übersetzt und vom Herausgeber Holger Wendland mit einem instruktiven Nachwort versehen. Der in Leningrad aufgewachsene Michael Dobbelt hat sie mit eindrucksvollen Handzeichnungen ausgestattet. Ferber konnte auf die Ausgabe von Tagebüchern, Briefen, Prosa und Gedichten der Berggolz zurückgreifen, die 2010 in Petersburg unter dem Titel Das verbotene Tagebuch herauskam. Damit werden dem deutschen Leser zum ersten Mal auch Gedichte zugänglich, die Ende der 1930er Jahre entstanden und zu einem großen Teil in der Haft geschrieben wurden. Da werden Zweifel an der Treue der Genossen und Klagen über mangelndes Vertrauen laut, sieht Berggolz im „Haus aus Stein“ einen Ort, in dem anonyme Kräfte „sitzen und richten“, macht sie sich den Vorwurf, zu lange geschwiegen zu haben:

Nein, nicht aus unsern Büchern werdet
– Wie sie nur nichtig, wertlos sind! –
Ihr einst erfahren, wie wir lebten,
Wie grausam, schrecklich es uns ging.
Wie wir geliebt, mal rau, mal bitter,
Wie wir gelogen unverzagt,
Wie bei Verhören wir erzitternd
Uns von uns selber losgesagt.

Karlhans Kasper, Zeitschrift Osteuropa, Heft 1, 2016

Erschütternd

– In sozialistischer Aufbaubegeisterung verfasste Olga Berggolz ihre ersten Gedichte. Auch als sie selbst in die Mühlen von Stalins Terror geriet, blieb sie der Partei treu. Dank bekam sie dafür nicht. –

Die ganze Tragik der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegelt sich im Leben und Werk der eminenten Lyrikerin Olga Berggolz (1910–1975). Zunächst deutet alles auf eine glückliche Jugend in sozialistischer Aufbaubegeisterung hin. Schon als 24-Jährige wird sie Mitglied im Schriftstellerverband und publiziert einen ersten Gedichtband. Allerdings hat der rasche Aufstieg auch seinen Preis: Olga Berggolz orchestriert mit ihren frühen Gedichten den Stalin-Terror und intrigiert gegen Schriftstellerkollegen, die sich nicht linientreu verhalten.
Bald wird Olga Berggolz selber zum Opfer des Terrors: Durch brutale Verhörmethoden verliert sie zwei ungeborene Kinder, ihr Mann wird als Staatsfeind erschossen. Trotz dem erlittenen Unrecht bleibt sie Mitglied der Kommunistischen Partei und wird im Krieg zur glühenden russischen Patriotin. Als Radiosprecherin meldet sie sich im belagerten Leningrad fast täglich zu Wort und spricht der hungernden Bevölkerung Mut zu.
Dabei verlässt sie sich nicht auf die billigen Klischees der Sowjetpropaganda, sondern berichtet mit lyrischer Anmut von ihren ganz persönlichen Alltagssorgen. Gleichzeitig führt sie aber ein geheimes Tagebuch, das erst 2010 veröffentlicht wird. Hier schreibt sie alles nieder, was sie nicht öffentlich machen darf: den allgegenwärtigen Hungertod, Kannibalismus, die Lügen der Partei, den Hass auf den Diktator Stalin.
Nach dem Krieg werden ihre Gedichtzeilen „Niemand ist vergessen, / Nichts ist vergessen“ zur offiziellen Losung des Leningrader Piskarjow-Friedhofs für die Opfer der Blockade. Allerdings hat die Anerkennung der Partei für Olga Berggolz enge Grenzen. Man verzeiht der Dichterin die Kritik an der ideologisch erstarrten Sowjetliteratur nicht. Ihre Berühmtheit schützt sie indes vor Übergriffen des Staates. Viele ihrer unbotmässigen Gedichte kursieren im Untergrund:

In der Versammlung habe ich den ganzen Tag
Voten angehört, abgestimmt und gelogen…
Wie bin ich aus Trauer nicht grau geworden,
Wie bin ich vor Scham nicht gestorben?!

Olga Berggolz vereinsamt zusehends, verfällt in Depressionen und wird alkoholsüchtig. Als sie 1975 stirbt, verweigert ihr die Leningrader Stadtverwaltung ein Begräbnis auf dem Piskarjow-Gedenkfriedhof, der die Besucher mit ihrer eigenen Trauerbotschaft empfängt. Christoph Ferber hat eine Auswahl von Berggolz’ Gedichten in ein schnörkelloses Deutsch gebracht. Dabei wird deutlich, dass Olga Berggolz in ihrer lyrischen Wahrheit einen gültigen Ausdruck für ihr tragisches Lebensschicksal findet.

Ulrich M. Schmidt, Neue Zürcher Zeitung, 21.4.2016

 

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer
Fakten und Vermutungen zur Autorin

 

Olga Berggolz liest ihr Gedicht „Нам от тебя теперь не оторваться“ (1963).

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