Oliver Mertins: Adam am Kalkbaum

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Oliver Mertins: Adam am Kalkbaum

Mertins/Markowsky-Adam am Kalkbaum

HINTERM GALLAPFEL GESUNGEN

Such mich beim Gallapfel, such mich bei Bitterkeit
Und schweigen, frag nicht, keine Fragen,
wenn du bist, die mir verzeiht –
mich verließen alle Klagen,
mich verließ die Lust, das Leid.

Such mich nicht auf nahen Blättern bei Verwandten,
nach innen gewandt ist mein Gesicht –
laß die Frage nicht erst wandern,
die mich kennen, meinen andern,
diesen Andern gibt es nicht.

Wärest du die sucht und Vergeben bringt zu mir,
würdest du beim Fund erblassen,
bin vielleicht nur noch Papier –
wieviel könnte mich verlassen?
wieviel führte mich zu dir?

Mir blieben zerbrochen nur Metaphernglieder,
kein Brot, kein Kuß, kein echtes Wort,
nur noch Gestammel, stumme Lieder
denn alles ging und kam nicht wieder,
alles kam und nahm mich fort.

 

 

Es gibt Menschen, die behaupten,

sein erstes Erscheinen in der Öffentlichkeit glich dem eines Falters auf lauer Brise, ich kenne ihn dort nur als schwarze Flamme die durch Raum und Seele weht. Stellen Sie sich vor, ein blutjunger Bursche, von fern, etwa durch die Fensterscheibe betrachtet (nur nicht hören, dann ists geschehn!), eine Mischung aus Rumpelstilzchen und Copperfield, dem dicht an dicht gestandene Kerle aus Kunst, Politik und Wissenschaft, Seite an Seite mit reizendsten jungen Mädchen, an Lippen und Gesten hängen wie Trauben an einer Rebe, keine Veranstaltung etwa, nein, ein normaler Cafébesuch, und plötzlich steht der in der Raummitte und spricht Verse, spricht? Raunt, zischt, stöhnt, droht, wimmert, schnauzt, was auch immer, schaurig anzusehen, und die an den Lippen hingen, bleiben gezeichnet zurück. Tritt man neugierig ein, sind andere mythische Namen zu hören: Myschkin oder Rasputin. Einige der damals verlesenen, bislang unveröffentlichten Verse aus dem Frühwerk gehören als unvergeßliche bis heute zu seiner Legende des Verborgenen. Nach ihrem Verhallen konnte ein Seitenblick etwa den Fotografen Bernd Markowsky entdecken, der sich am eigenen Gesicht festhielt mit beiden verkrampften Händen wie an einem Zaun und stöhnte: „Was tust du mir an“, oder den bleich um Fassung bemühten Liedermacher Christian Kunert, der murmelte: „Sau, Sau, Sau“, und brüllte: „Bier, wir sind doch nicht zum Spaß hier!“. In der Frankfurter Rundschau nannte ein kollegialer Neider vor bald anderthalb Jahrzehnten unseren Dichter einen Jung-Goethe, der in einer Bierpfütze sitzt und auch mal Affen durch den indischen Dschungel jagte. Aber wozu dieses wunderbare Ungeheuer beneiden, hier liegt nun der wesentliche Teil des dichterischen Frühwerks vor, und wer wollte mit dem tauschen, der solche Verse aus den Tiefen hervorstieß? Dies ist das zauberisch-trauerzerrüttete Buch des Grauens, das ein Myschkin nach seiner zweiten Wiederkehr aus der Schweiz schrieb, oder der Bericht von Schillers Taucher, nachdem er zum zweiten Mal dem kochenden Schlund entrann.

Stephan Krawczyk, Druckhaus Galrev, Programmheft, 1999

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
shi 詩 yan 言 kou 口

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