Olof Lagercrantz: Versuch über die Lyrik von Nelly Sachs

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Olof Lagercrantz: Versuch über die Lyrik von Nelly Sachs

Lagercrantz-Versuch über die Lyrik von Nelly Sachs

DAS VOLK, DAS STARB

1
Am sechzehnten Mai 1940 flog Nelly Sachs, damals achtundvierzig Jahre alt, von Berlin nach Stockholm. Sie war in Begleitung ihrer neunundsechzig Jahre alten Mutter, Margarethe Sachs. Die beiden Frauen waren auf der Flucht aus Deutschland, ihrem Heimatland. Die Situation in Europa näherte sich in jenen Tagen für Menschen wie Nelly Sachs ihrem tragischen Höhepunkt. Polen war verloren; Dänemark und Norwegen waren besetzt; und obgleich in Nordnorwegen noch Kämpfe stattfanden, gab es dennoch keinen Zweifel über den bevorstehenden Ausgang. Einige Tage zuvor war das deutsche Heer gegen Frankreich gezogen. An allen Fronten Triumph für Hitler. Der Völkische Beobachter, der sich „Kampfblatt der nationalsozialistischen Bewegung Großdeutschlands“ nannte, brachte an jenem Tag auf der ersten Seite die Schlagzeile „Die Maginotlinie bei Sedan durchbrochen“. Die Befestigungsanlage, die zwischen den Kriegen das Ziel zahlreicher militärischer Pilgerfahrten gewesen sei und über deren Uneinnehmbarkeit kein Zweifel bestanden habe, sei also zerstört, hieß es dort. Der Leitartikel der Zeitung handelte darüber, wie sich zur gleichen Stunde die außer Landes gegangenen Regierungen in London zusammenfänden, die, so meinte der Verfasser des Aufsatzes, ihre Völker so schmählich im Stich gelassen hätten. Ein Schatten-Europa, fährt er fort, tue sich in London auf unter der Führung von Churchill, bald selbst eine Schattenfigur wie er es verdiene. London zittere vor Angst vor den deutschen Fallschirmtruppen.
Tags zuvor war Nelly Sachs bei der Polizei gewesen, um sich eine Bescheinigung zu holen, daß sie nicht vorbestraft sei. Damals erhielt sie; wie sie später berichtete, den Beweis dafür, daß das Gute in Deutschland nicht ausstarb. Der Polizeibeamte, der ihr behilflich war, hörte, daß sie das Land mit dem Zug verlassen wollte. Besorgen Sie sich besser ein Flugbillet, riet er ihr, denn die Juden werden trotz erteilter Ausreisegenehmigung an der Grenze zurückgehalten. Es ist nicht anzunehmen, daß Nelly Sachs sich an diesem Tag Zeit nahm, die Zeitung zu lesen. Würde sie es getan haben, so hätte sie im Völkischen Beobachter einen Artikel gefunden, der über die Dichter und den Krieg handelte. Die deutschen Dichter, hieß es da, hätten in Kriegszeiten immer „auf Seiten des Volkes“ gestanden. In Zeiten höchster Not für Deutschland sei Heinrich von Kleist zum politischen Dichter geworden und habe sein persönliches Geschick mit dem seines Volkes unauflöslich verbunden. So auch jetzt. Die Dichter, die ihre Feder nicht mit dem Schwert vertauschen könnten, sähen ihre höchste Aufgabe darin, durch ihr Schaffen die geistig-seelischen Widerstandskräfte des deutschen Volkes zu festigen. Wie anders, fährt der Verfasser des Artikels fort, sieht es auf der Seite des Gegners aus. Dort kämpfen die Dichter ohne Begeisterung. In Frankreich versuchen Giraudoux, Valéry, Duhamel und Jules Romains vergebens, den um sich greifenden Defaitismus zu bekämpfen. Deutschlands Feinde haben in ihren Kämpfen die Dichter nicht auf ihrer Seite. Der Artikel schließt:

Wo die gläubige Begeisterung fehlt, da bleibt auch der Dichter fern, und mit ihm fehlt der berufene Zeuge für jenes innerste Rechtsgefühl, das heute den letzten deutschen Menschen beseelt, und ohne das dieser Krieg nicht gewonnen werden kann.

Die Wirklichkeit sah anders aus. Zahlreiche deutsche Dichter, Denker und Künstler hatten ihr Land verlassen und lebten im Exil. Nelly Sachs kam in letzter Minute hinaus. Ein merkwürdiger Zufall bewirkte, daß sie eine der wenigen Möglichkeiten nutzen konnte, die es noch gab. Zu ihrem fünfzehnten Geburtstag hatte sie Selma Lagerlöfs Gösta Berlings Saga zum Geschenk erhalten. Seitdem hatte sie von dem „blauen Norden der Windrose“, um aus einem ihrer Gedichte zu zitieren, geträumt. Sie schrieb an Selma Lagerlöf und erhielt Antwort. Eine Brieffreundschaft entstand. 1939 beschloß einer von Nelly Sachs’ Freunden, diese Verbindung auszunutzen, um Nelly Sachs zu retten. Das geschah in letzter Minute, denn Selma Lagerlöf war alt und krank und starb am 10. März 1940. Am selben Tag, an dem Nelly Sachs in Schweden eintraf, wurde Hjalmar Gullberg als Nachfolger von Selma Lagerlöf in die Schwedische Akademie gewählt. Es kam eine Aktion zustande, bei der – außer Selma Lagerlöf – Prinz Eugen, Lektor Einar Sahlin und das Jüdische Flüchtlingskomitee eine Rolle spielten. Schweden war damals Flüchtlingen gegenüber ein ungastliches Land. Erst als die einhundertfünfundsiebzig Kronen für zwei Personen, die als Bürgschaft gefordert wurden, bezahlt waren, erteilten unsere Behörden die ersehnte Einreisegenehmigung.
Nelly Sachs kam mit ihrer Mutter nach Bromma, und sie fuhren mit dem Bus bis Nybroplan, wo sich damals die Endstation befand. Sie trugen beide ihre Handtaschen mit nur dem Allernotwendigsten und besaßen jeder fünfzehn schwedische Kronen. Sie saßen auf der Steinbrüstung am Kai und priesen sich glücklich, in Freiheit zu sein. Nach einer Weile trafen ein Vertreter des Jüdischen Flüchtlingskomitees und Lektor Einar Sahlin ein. Für die ersten Tage wurden die beiden Damen in einem evakuierten jüdischen Kinderheim untergebracht; Nelly Sachs ist von so kleinem Wuchs, daß ein Kinderbett gut für sie ausreicht. Ihr Leben als Flüchtling in Schweden hatte angefangen. Gleichzeitig stand sie vor einem weiteren Anfang. Aber davon wußte sie nichts. Sie betrachtete es als ihre vornehmste Aufgabe, ihre Mutter zu pflegen, die sie von ganzem Herzen liebte und deren Leben ihr in den folgenden Jahren unendlich teuer wurde, als das ganze jüdische Volk in Europa ermordet wurde.
Ich schreibe hier keine Biographie über Nelly Sachs. Ich versuche nur, einigen zentralen Motiven in ihrer Lyrik zu folgen. Ausgangspunkt dafür mußte aber das Bewußtsein ihrer Flüchtlingssituation sein. Es liegt nahe, ihr Leben und ihre Lyrik in Verbindung mit zwei großen biblischen Situationen zu sehen. Israels Volk zieht fort aus Ägypten mit den Erinnerungen an die Plagen unter Pharao im verängstigten Herzen. Lot und seine Familie verlassen Sodom und erhalten den Befehl des Engels, sich nicht umzuwenden; Lots Frau verstößt gegen das Verbot und wird in eine Salzsäule verwandelt. Hinter Nelly Sachs liegt ein ganzes Leben, als sie aufbricht. Sie wendet sich zurück, und ihre Augen sind lange auf die brennende Stätte mit ihren Gasöfen, in denen Männer, Frauen und Kinder niedersinken, mit ihren Folterkammern und den Schornsteinen der Krematorien gerichtet. Bald geht es nicht mehr allein um die Juden. Die deutschen Städte fallen in Schutt und Asche unter den Bomben der Alliierten, und Unschuldige, Greise, Frauen und Kinder, werden auch dort getötet. Im Gegensatz zu dem biblischen Weib erstarrt Nelly Sachs nicht. Ihr Thema, eines ihrer Themen, wird der Massentod und das Leben im Exil. Trotzdem ist Freude ein Grundelement ihrer Dichtung.

2
Als der Hiob der Bibel von Unglücken betroffen wurde, verfluchte er sein Leben. „Warum bin ich nicht gestorben von Mutterleib an? Warum bin ich nicht verschieden, da ich aus dem Leibe kam?“ fragt er im Gespräch mit seinen Freunden. „Warum bin ich mit Brüsten gesäugt? So läge ich doch nun und wäre still, schliefe und hätte Ruhe mit den Königen und Ratsherren auf Erden.“ Hiob gibt seinem Schmerz mit einer bewunderungswürdigen Kraft und Lebendigkeit Ausdruck, und der Mehrzahl der Menschen erscheint er als Dolmetsch des Leidens am größten. Man darf aber nicht vergessen, daß das Buch Hiob ein Drama der Gerechtigkeit ist. Hiob ergreift zunächst nicht das Wort, um seinen Schmerz darzulegen, sondern um Gott zur Verantwortung zu ziehen. Die ganze Weltordnung scheint ihm verletzt, als er, ein gottesfürchtiger Mann, so grausam leiden muß. Er beklagt sich nicht in erster Linie über seine Wunden, sondern daß Gott sie ihm „ohne Grund“ zufügt. „Doch wollte ich gern mit Gott rechten“, sagt er. „Siehe, er wird mich doch erwürgen, und ich habe nichts zu hoffen; doch will ich meine Wege vor ihm verantworten. Er wird ja mein Heil sein; denn es kommt kein Heuchler vor ihn.“
Im Judentum wie im Christentum spielt der Gedanke an einen gerechten Gott, einen Gott, der richtet, der die Sünder straft und die Frommen und Gesetzestreuen aufrichtet, eine wichtige Rolle. Die Juden, die Verfolgungen ausgesetzt waren, haben sich ständig gefragt, ob diese als Strafe Gottes anzusehen seien. Selbst unter dem Terror der Nazis, als man die Juden nicht wie früher wegen angeblicher Frevel und wegen Gottlosigkeit mordete, sondern deswegen, weil sie, wie man sagte, einer minderwertigen Rasse angehörten, fragten sich die Juden, ob diese Leiden darauf beruhten, daß sie mehr als andere Völker sündigten. Unter dem 28. Juli 1942, als das Ende schon klar vor ihm steht, notiert Chaim A. Kaplan im Warschauer Getto in sein Tagebuch:

Haben wir wirklich mehr gesündigt als andere Nationen, haben wir uns häufigerer Vergehen schuldig gemacht als alle anderen Generationen?

Nelly Sachs lebt als Flüchtling in Schweden. Sie gehört zu den vielen Gejagten unserer Zeit. Der Jäger und sein Opfer ist eines ihrer großen Themen. In einem ihrer frühen Gedichte, das sie „Chor der Geretteten“ nennt, läßt sie die Entkommenen sagen: „Der Tod schnitt schon seine Flöten aus unserem hohlen Gebein. An unseren Sehnen strich der Tod schon seinen Bogen.“

Wir Geretteten,
Immer noch hängen die Schlingen für unsere Hälse gedreht
vor uns in der blauen Luft −
Immer noch füllen sich die Stundenuhren mit unserem tropfenden Blut.

In einem anderen Gedicht über die Flüchtlinge heißt es: „Wir sind so wund, / daß wir zu sterben glauben / wenn die Gasse uns ein böses Wort nachwirft.“ Die Pflastersteine der fremden Stadt werden mit „einem Vesuv der Schmerzen“ belastet. In der Hitze dieser Vulkanglut entstehen Nelly Sachs’ erste bedeutende Gedichte. Sie entstehen in Söder, einem Stadtteil von Stockholm, in demselben Zimmer, das sie die ersten zehn Jahre hindurch mit ihrer Mutter teilt. Zunächst hat sie nur Ausblick auf einen Hof; später dann auf die Straße, die sich an einer Bucht des Mälaren hinzieht. Am anderen Ufer eine Fabrik und Arbeiter, die tagsüber am Kai beschäftigt sind. Möven fliegen über das Wasser. Gelegentlich dringt diese in ihre Gedichte ein. Zwar ist ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Katastrophe gerichtet, aber gleichsam wie das Echo aus einem Traum erreichen sie die Geräusche der sie umgebenden Stadt.
In den Gedichten aus den vierziger Jahren kommt Hiob häufig vor. Eines dieser Gedichte ist ihm gewidmet. Aber im Gegensatz zur Bibel trägt Nelly Sachs’ Hiob keine Worte im Mund. Er ist ein Greis der sich blind geweint hat. Seine Augen sind tief in seinen Schädel gesunken wie Höhlentauben in der Nacht, die der Jäger blind herausholt. Er ist stumm. Seine Stimme ist zu den Würmern und Fischen eingegangen.

O du Windrose der Qualen
Von Urzeitstürmen
in immer andere Richtungen der Unwetter gerissen
noch dein Süden heißt Einsamkeit
Wo du stehst, ist der Nabel der Schmerzen

Deine Augen sind tief in deinen Schädel gesunken
wie Höhlentauben in der Nacht
die der Jäger blind herausholt.
Deine Stimme ist stumm geworden,
denn sie hat zuviel
Warum gefragt.

Zu den Würmern und Fischen ist deine Stimme eingegangen
Hiob, du hast alle Nachtwachen durchweint
aber einmal wird das Sternenbild deines Blutes
alle aufgehenden Sonnen erbleichen lassen.

Hiob gehört zu den vielen Gestalten in Nelly Sachs’ Lyrik, die durch Leid und Schreck verstummt sind. In dem Mysterienspiel Eli, das Mitte der vierziger Jahre entstanden und 1951 zum ersten Mal veröffentlicht worden ist, sitzt Samuel stumm da, auf seinem Schoß liegt das Sterbehemd von Eli. Er bringt kein einziges Wort hervor, als man ihn nach dem Mörder fragt. Wie ein Schwamm saugt er die Wort ein, die das Unglück bezeugen, doch sein Hals ist zugeschnürt mit Tod.
In einem anderen Gedicht sagt Nelly Sachs, daß man den Greisen bei der Verfolgung den Mund mit einem Dorn verschlossen hat. Die Sprache ist an ihre Augen verloren gegangen. Sie reden wie Brunnen, darin ein Leichnam ertrunken ist. Sie hat es in den Jahren unter Hitlers Terror an sich selbst erfahren. „Als der große Schrecken kam“, heißt es in einem Gedicht, das Zeugnis gibt von den dreißiger Jahren, „wurde ich stumm – / Fisch mit der Totenseite / nach oben gekehrt / Luftblasen bezahlen den kämpfenden Atem“. Das ist buchstäblich wahr. Nach einem Verhör bei der Gestapo erlitt sie eine Kehlkopflähmung, die fünf Tage anhielt. Sie selbst gleicht Samuel in Eli. Sie saugt wie ein Schwamm die Berichte über das Unglück des jüdischen Volkes ein. aber lange, sehr lange, vermag sie mit keinem Laut dem Ausdruck zu geben, was sie erlebt hat. Aus einem Abgrund von Todesschweigen steigen ihre Gedichte empor.
Die Stummheit als lyrisches Thema bei Nelly Sachs rührt von der Einsicht her, daß es unmöglich ist, dem Furchtbaren, das geschehen ist, Ausdruck zu geben.
Chaim A. Kaplan hat recht damit, daß wer den Naziterror gegen die Juden beschreiben soll, ihn an den 248 Organen und 365 Muskeln des Körpers erfahren haben muß. Ein Außenstehender vermag es kaum. Aber das Schweigen bei Nelly Sachs beruht nicht nur auf dem Schrecken, der die Kehle zusammenschnürt. Nachdem der Krieg zu Ende war, befaßte sich die ganze westliche Welt mit der Erörterung der an den Juden begangenen Frevel. Jetzt geht es nicht mehr darum, ob Hiob unbescholten war oder nicht. Ein solches Problem aufzuwerfen, wäre absurd. Im Verhältnis zur Strafe war die Schuldlosigkeit des jüdischen Volkes eine totale. Zudem war Hiob tot und jede Möglichkeit ausgeschlossen, wie in der Bibel eine Versöhnung und einen glücklichen Schluß zu ersinnen. Die Diskussion galt den Mördern. Wer sollte am Ende für diesen einzigartigen Frevel einstehen – die moderne Massengesellschaft, wie es Gerald Reitlinger, Raul Hilberg und Hannah Arendt wollten, das deutsche Volk, wie es Deutschlands traditionelle Feinde verlangten, die nationalsozialistische Partei, die kapitalistische Gesellschaft, wie die Marxisten meinten, oder alle Menschen auf Erden?
An dieser Diskussion konnte und wollte Nelly Sachs sich nicht beteiligen. Das ist einer der Gründe für ihr langes Schweigen. Es bedeutet nicht, daß sie dieser Frage gleichgültig gegenüber stand. Ihre Aufgabe ist aber eine andere. Ein einziges Mal nur hat auch sie mit richtender Stimme gesprochen. Sie erinnert sich in einem Gedicht an die begangenen Frevel – die gemordeten Kinder – und sie fragt sich, ob nicht die Erde nach einer solchen Schändung reif sei, wie ein fauler Apfel „in den schreckaufgejagten Abgrund“ geworfen zu werden.

Wenn im Vorsommer der Mond geheime Zeichen aussendet,
die Kelche der Lilien Dufthimmel verströmen,
öffnet sich manches Ohr unter Grillengezirp
dem Kreisen der Erde und der Sprache
der entschränkten Geister zu lauschen.
In den Träumen aber fliegen die Fische in der Luft
und ein Wald wurzelt sich im Zimmerfußboden fest.

Aber mitten in der Verzauberung spricht eine Stimme klar und verwundert:
Welt, wie kannst du deine Spiele weiterspielen
und die Zeit betrügen −
Welt, man hat die kleinen Kinder wie Schmetterlinge,
flügelschlagend in die Flamme geworfen –

und deine Erde ist nicht wie ein fauler Apfel
in den schreckaufgejagten Abgrund geworfen worden −

Und Sonne und Mond sind weiter spazierengegangen −
zwei schieläugige Zeugen, die nichts gesehen haben.

Dieses zornige Gedicht geht also von dem Gedanken aus, daß das Gleichgewicht in der Welt wiederhergestellt werden muß, daß Gut und Böse sich gegenseitig im Gleichgewicht halten müssen. Auf einen unfaßbaren Frevel folgt eine unfaßbare Strafe. Aber die Verfasserin selbst war mit dem Gedicht nicht zufrieden; sie fand, daß das Thema keine zulängliche künstlerische Umwandlung erfahren hatte. Obgleich es 1947 geschrieben worden war, erschien es nicht in ihrer zweiten Gedichtsammlung Sternverdunklung 1949. Auf ausdrücklichen Wunsch des deutschen Dichters und Kritikers Hans Magnus Enzensberger wurde es 1961 in den Sammelband Fahrt ins Staublose aufgenommen. Das Gedicht erläutert einen Gedankengang, der als bedeutenderer Teil in der geistigen Auseinandersetzung mit der jüdischen Katastrophe herausragt. Und es zeigt, wie Nelly Sachs nicht ist. Vielleicht spielten gerade dieses richtende Gedicht und die Strafe, die sie in diesem Fall ausmaß, eine Rolle, als sie viele Jahre später ein anderes, entgegengesetztes Gedicht über den Tod der Kinder und über die Weltordnung schrieb.

Ich kenne nicht den Raum
wo die ausgewanderte Liebe
ihren Sieg niederlegt
und das Wachstum in die Wirklichkeit
der Visionen beginnt
noch wo das Lächeln des Kindes bewahrt ist
das wie zum Spiel in die spielenden Flammen geworfen wurde
aber ich weiß, daß dieses die Nahrung ist
aus der die Erde ihre Sternmusik herzklopfend entzündet −

In den beiden ersten Gedichtsammlungen stehen im Mittelpunkt das getötete jüdische Volk und der Bruchteil von Flüchtlingen, die sich vor der körperlichen Vernichtung retten konnten. Die uns aber in den Gedichten entgegentreten – Kinder, die angesichts des Todes von ihrer Mutter getrennt werden, ein Greis, den ein Soldat in einem Baum aufhängt, eine Braut, die sinnlose Worte an ihren toten Bräutigam in die Luft hinein redet, alle, die in die Gaskammern getrieben wurden, die in den Todeszellen dem Wahnsinn verfielen, die sich das Leben nahmen oder im Exil, in Armut, in der Fremde und Einsamkeit leben, Nacht für Nacht in Gedanken in die Verfolgung und den Schrecken zurückversetzt – sie tragen keine Anklagen vor. Sie leben im Hinblick auf den Begriff Gerechtigkeit in einem Unschuldzustand. Nelly Sachs sieht sie wie eine mittrauernde Schwester und zieht weder Gott noch die Menschen zur Rechenschaft für deren Leiden. Sie ist ganz davon in Anspruch genommen, bei denen zu sein, die leiden. In ergreifenden Szenen treten sie in ihrer Einbildung hervor. Kinder sterben in den Gaskammern unter der Aufsicht schrecklicher Wärterinnen, die an die Stelle der Mütter treten.

O der weinenden Kinder Nacht!
Der zum Tode gezeichneten Kinder Nacht!
Der Schlaf hat keinen Eingang mehr.
Schreckliche Wärterinnen
Sind an die Stelle der Mütter getreten,
Haben den falschen Tod in ihre Handmuskeln gespannt,
Säen ihn in die Wände und ins Gebälk −
Überall brütet es in den Nestern des Grauens.
Angst säugt die Kleinen statt der Muttermilch.

Zog die Mutter noch gestern
Wie ein weißer Mond den Schlaf heran,
Kam die Puppe mit dem fortgeküßten Wangenrot
In den einen Arm,
Kam das ausgestopfte Tier, lebendig
In der Liebe schon geworden,
In den andern Arm, −
Weht nun der Wind des Sterbens,
Bläst die Hemden über die Haare fort,
Die niemand mehr kämmen wird.

Ein gestorbenes Kind spricht aus dem Grab von dem Abschiedsmesser, das vor ihm erhoben wurde.

Die Mutter hielt mich an der Hand.
Dann hob jemand das Abschiedsmesser
Die Mutter löste ihre Hand aus der meinen
Damit es mich nicht träfe.
Sie aber berührte noch einmal leise meine Hüfte −
Und da blutete ihre Hand −

Von da ab schnitt mir das Abschiedsmesser
Den Bissen in der Kehle entzwei −
Es fuhr in der Morgendämmerung mit der Sonne hervor
Und begann, sich in meinen Augen zu schärfen −
In meinem Ohr schliffen sich Winde und Wasser,
Und jede Trostesstimme stach in mein Herz −

Als man mich zum Tode führte,
Fühlte ich im letzten Augenblick noch
Das Herausziehen des großen Abschiedsmessers.

3
In ihrer frühen Jugend ergriff Nelly Sachs eine alles in den Schatten stellende Liebe zu einem Mann. An eine Verbindung war nicht zu denken. Diese Liebe erfüllte sie die ganzen Jahre hindurch. Dieser Mann wurde in der Hitlerzeit ermordet. Er spielt eine zentrale Rolle in ihrer Lyrik. Er ist der „tote Bräutigam“ in der ersten Gedichtsammlung, und sehr viele ihrer Gedichte sind für ihn gesprochen und an ihn gerichtet. Sie weiß nicht, unter welchen Umständen er starb, und ihre Gedanken beschäftigen sich oft mit seinen letzten Stunden. „Wenn ich nur wüßte, worauf dein letzter Blick ruhte“, beginnt ein Gedicht. War es ein Stein, der schon viele letzte Blicke getrunken hatte? War es etwas schwarze Erde, ein Stück Weges oder „ein Stück spiegelndes Metall, vielleicht die Gürtelschnalle deines Feindes“, fragt sie weiter in dem Gedicht, das für Hunderttausende spricht, die für immer die Verbindung mit ihren Nächsten verloren haben und nichts über die Umstände ihres Todes wissen.
Als sie einen Anhalt für ihre Gedanken sucht, erinnert sie sich der Pyramiden von Schuhen, die man 1945 in den Vernichtungslagern der Nazis fand. Die Opfer mußten ihre Schuhe ausziehen oder bekamen sie abgerissen. Alles sollte im Namen der totalen Kriegsanstrengung ausgenutzt werden. Aber Nelly Sachs’ Gedanken gehen in eine nicht erwartete Richtung. Eines der Gedichte in dem Zyklus „Gebete für den toten Bräutigam“ in der ersten Gedichtsammlung schildert den Geliebten zusammen mit seinem letzten Paar Schuhe. Die Schuhe waren, heißt es, aus einer Kalbshaut gefertigt. Das Leder war gegerbt und gefärbt. Der Pfriem hatte es durchbohrt. Aber wer weiß, fährt das Gedicht fort, wo noch „ein letzter lebendiger Hauch wohnt!“ Der Geliebte ging mit bloßen Füßen in den Tod.

Auch dir, du mein Geliebter,
Haben zwei Hände, zum Darreichen geboren,
Die Schuhe abgerissen,
Bevor sie dich töteten.
Zwei Hände, die sich darreichen müssen
Wenn sie zu Staub zerfallen.
Deine Schuhe waren aus einer Kalbshaut.
Wohl waren sie gegerbt, gefärbt,
Der Pfriem hatte sie durchstochen −
Aber wer weiß, wo noch ein letzter lebendiger
Hauch wohnt?
Während der kurzen Trennung
Zwischen deinem Blut und der Erde
Haben sie Sand hineingespart wie eine Stundenuhr
Die jeden Augenblick Tod füllt.
Deine Füße!
Die Gedanken eilten ihnen voraus.
Die so schnell bei Gott waren,
So wurden deine Füße müde,
Wurden wund um dein Herz einzuholen.
Aber die Kalbshaut,
Darüber einmal die warme leckende Zunge
Des Muttertieres gestrichen war,
Ehe sie abgezogen wurde −
Wurde noch einmal abgezogen
Von deinen Füßen,
Abgezogen −
O du mein Geliebter!

Mann und Kalb gehen zusammen in den Tod. Selbst der Handlanger der Mörder, der die Schuhe abgerissen hat, ist mit seinen Händen mit im Bild. Wer nach Schuld fragt, nach einem zu Bestrafenden, wird verwiesen. Inmitten der Mörder und Gemordeten ist das unschuldige Kalb. Die ganze Szene ist mit mildem Blick umfaßt, in dem weder Urteil noch Haß liegen. Mensch und Tier sterben in den Gedichten von Nelly Sachs stets gemeinsam. In einem Gedicht über den Tod der Tiere heißt es, daß ihr Schicksal sich dreht „wie der Sekundenzeiger / mit kleinen Schritten / in der Menschheit unerlösten Stunde“, und Bileams Esel, der auf dem Weg den Engel sah, der seinem Herrn verborgen war, muß als Schlußbild stehen. In einem anderen Gedicht schildert Nelly Sachs den Tod einer Marktfrau. Die Dichterin hat sie früher in einer Markthalle in Berlin gekannt, wo sie Fisch und Wild verkaufte. In den gewaltigen Tod, der über die Menschheit kam, nimmt sie die kleinen Tode mit hinein. Sie ist umstrahlt von „heimkehrenden Fischen im Tränengloriengewand“ und von Tauben, mit versteckten Füßen – sie lagen ja, die Füße unter sich, auf der Theke – „die geschrieben für Engel im Sand“.
In ihrer Todesangst vergleicht Nelly Sachs sich selbst mit einem Fisch, der dem Ersticken nahe ist und die weiße Seite nach oben kehrt. In ihrer Dichtung spielt der Fisch eine zentrale Rolle. Schon als Kind regte sie sich auf, wenn sie die toten Fische in der Markthalle oder auf dem Küchentisch liegen sah. Später spricht sie dann von der „Kreuzigung“ der Fische, weil sie zu langen Tagen des Sterbens aus dem Wasser gezogen werden. Der Jäger schießt, um zu töten, aber der Fischer mit Haken und Netz will seine Beute lebend bergen. Allen voraus wird der Fisch mit seinem langen, stummen Leiden für Nelly, Sachs zum Symbol des Martyriums.
Die Gemeinsamkeit des Sterbens gehört von Anfang an zur Eigenart von Nelly Sachs. Der Massentod unter Hitler ist ihr erstes großes Thema. Aber die Perspektive weitet sich, um die gewaltige Geschichte des Sterbens auf dem ganzen Erdball zu umfassen. Jede Marmor- oder Kalksteintreppe, heißt es in einem Gedicht, ist eine aufgeschlagene Urkunde, in der die Menschen die versteinerten Todesminuten an Tieren studieren können, die einst gelebt haben. Die Steinkohlenlager unter der Erde stellen Milliarden Jahre des Baumsterbens dar. Die ganze Geschichte ist eine Landschaft aus Schreien oder verzweifeltem Todessprung.
In ihrer Jugend war eine der großen Gestalten für sie Franziskus, der Sonne und Mond und die Tiere gleichermaßen in seine brüderliche Liebe einbezog. Nelly Sachs steht in seiner Nachfolge, wenn sie die Tiere in das Sterben mit einbezieht. Die Sprache des Sterbens ist ja ebenfalls gemeinsames Eigentum von Mensch und Tier – der Schrei, die letzten verzweifelten Bewegungen. Was besagen sie? Welches Geheimnis schweigt „im Element des Leidens“, wenn der Fisch zwischen Wasser und Land zappelt, wird im Gedicht über den Tod der Tiere gefragt. In ihrer dritten Gedichtsammlung Und niemand weiß weiter 1957 kommen Kuh und Kalb wieder vor. In dem warmen Stall rauchen beide im „Abschiedsschweiß“. Das Kalb soll bald getötet werden und zittert vor Schrecken – „der goldgefaßte Schrecken / des Schöpfungsbeginns / rückwärts / wurzelnd / in ihren Augen“.
Der Schöpfungsbeginn, von dem in diesem Gedicht die Rede ist, wird ein Hauptthema in diesem Buch sein. Nelly Sachs entfernt sich von jener Weltordnung, in der Henker gegen Opfer und Böse gegen Gut stehen. Es dauert, bis sie weiterkommt, aber schon in ihren beiden ersten Gedichtsammlungen, in den vierziger Jahren entstanden und erschienen, findet man einen Schein von Gnade und Mitleid über ihren Bildern der Sterbenden. Die Mutter, die den Verstand verliert und glaubt, mit Händen als Krügen aus der Luft ihr totes Kind heimholen zu können, scheint sich in einem Zustand der Gnade zu befinden; der „Arm des himmlischen Trostes“ umfaßt sie:

Schon vom Arm des himmlischen Trostes umfangen
Steht die wahnsinnige Mutter
Mit den Fetzen ihres zerrissenen Verstandes,
Mit den Zundern ihres verbrannten Verstandes
Ihr totes Kind einsargend,
Ihr verlorenes Licht einsargend,
Ihre Hände zu Krügen biegend,
Aus der Luft füllend mit dem Leib ihres Kindes,
Aus der Luft füllend mit seinen Augen, seinen Haaren
Und seinem flatternden Herzen −

Dann küßt sie das Luftgeborene
Und stirbt!

 

 

 

Vorwort

Im frühen Herbst dieses Jahres veröffentlichte ich in Dagens Nyheter sechs Artikel über die Lyrik von Nelly Sachs. Inhaltlich waren sie eine Zusammenfassung dieses Buches, das mehr als doppelt soviel Text enthält wie diese Artikel zusammen. Während der zwei Jahre, in denen ich mit dieser Arbeit beschäftigt war, hat Nelly Sachs mir viel Großmut und Freundschaft erwiesen. Sie hat meine Fragen nach Stellen in ihren Gedichten, die für mich dunkel waren, beantwortet. Sie hat mich angeleitet und ermuntert. Herrn Professor Walter A. Berendsohn, dem Komponisten Moses Pergament und Johannes Edfelt – allen dreien ist gemeinsam, daß sie früh schon Genie und Eigenart von Nelly Sachs erkannt haben – danke ich für ihren Rat und ihre Auskünfte. Bengt und Margaretha Holmqvist, die besten Freunde von Nelly Sachs in Schweden, lasen mein Buch im Manuskript und gaben mir wichtige Hinweise.

Olof Lagercrantz, 30.10.1966

 

Von den meisten Interpretationen

der Werke der Nobelpreisträgerin unterscheidet sich die Schrift von Lagercrantz durch genaue vergleichende Beobachtung der Schlüsselwörter und der zentralen lyrischen Symbole; sie vermittelt dem Leser Einblick in die innere Geschichte der Sachs’schen Dichtungen und die Erfahrungen, die sich darin abgebildet haben.

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1967

 

Die Lyrik von Nelly Sachs

– Gedeutet von Olof Lagercrantz. –

Das dichterische Werk von Nelly Sachs ist in Deutschland in den letzten Jahren häufig gerühmt und gewürdigt worden, besonders 1965, als die Dichterin mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, und dann noch einmal, als sie am 10. Dezember 1966, an ihrem 75. Geburtstag, in Stockholm zusammen mit Josef Agnon den Literatur-Nobelpreis erhielt. Angesichts der vielen freundlichen, gutgemeinten Worte, die bei diesen Gelegenheiten über Nelly Sachs und ihr so lange unbeachtet gelassenes Werk gesagt und geschrieben wurden, kann man kaum umhin, an die warnenden Bemerkungen Werner Webers zu denken, der seine Rede in der Frankfurter Paulskirche im Oktober 1965 mit den Worten eröffnet hatte:

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, einen Dichter zu erledigen. Die freundlichste, freilich auch die hinterhältigste ist die: man spendet ihm Beifall, und zwar unter allen, besonders gern unter festlichen Umständen.

Weber warnte damit vor dem „zynischen Beifall, in den wir uns flüchten, um nicht ins Gespräch verwickelt, um nicht durch den Dichter in die volle Verantwortung gefordert zu werden.“ Gewiss haben es inzwischen einzelne Autoren – vor allem in verschiedenen Beiträgen der beiden 1961 und 1966 erschienenen Festschriften Nelly Sachs zu Ehren – unternommen, das Werk der Dichterin zu deuten, sich ihm zu stellen und damit auch den Leser zu einem vertieften Verständnis der Dichtung von Nelly Sachs hinzuführen. Eine grössere Arbeit jedoch, in der dieses Werk sachlich interpretiert, auf seine Schlüsselwörter und Symbole hin untersucht würde – und erst auf solch einer Untersuchung kann ja eine glaubwürdige Anerkennung eines dichterischen Werkes basieren –, hat bislang gefehlt. Sie liegt nun vor in dem Bändchen Versuch über die Lyrik der Nelly Sachs von Olof Lagercrantz.
Lagercrantz, der die Dichterin seit Jahren kennt, lebt wie sie in Stockholm und ist dort seit 1960 Chefredakteur von Dagens Nyheter, der grössten schwedischen Tageszeitung. Seit 1935 hat Lagercrantz, der 1911 geboren wurde, in Schweden eine Reihe von Büchern mit Lyrik, Prosa und Essays veröffentlicht. Sein vorzügliches Dante-Buch – es erschien 1965 auch auf Deutsch unter dem Titel Von der Hölle zum Paradies – ist mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates ausgezeichnet worden.
Seine Studie über die Lyrik von Nelly Sachs ist in zweijähriger Arbeit entstanden und war zunächst in einer gekürzten Fassung in sechs Fortsetzungen in Dagens Nyheter gedruckt worden. Bei seiner Arbeit war Lagercrantz von schwedischen Kennern der Lyrik von Nelly Sachs und vor allem auch von der Dichterin selbst unterstützt worden, die ihm bei der Deutung einzelner Passagen ihrer Dichtung behilflich war.
Die Arbeit von Lagercrantz ist keine Biographie – eine solche gibt es bisher noch nicht –, sondern ein Versuch, einigen der zentralen Motive in der Lyrik von Nelly Sachs zu folgen. Dennoch geht Lagercrantz von biographischen Ansatzpunkten aus, das heisst, er nutzt die Lebensbeschreibung insoweit, als sie für das Werkverständnis relevant ist. So sieht der Autor etwa – und sicher zu recht: – die Flüchtlingssituation als entscheidend für das Entstehen dieser Dichtung an. Lagercrantz sieht die Situation von Nelly Sachs, die im Mai 1940 mit ihrer Mutter aus Berlin nach Stockholm fliehen konnte, in zwei biblischen Bildern: dem des vor Pharao aus Aegypten flüchtenden Volkes Israel und dem der Familie Lots, die das dem Untergang verfallene Sodom verliess. Lots Frau verstiess dabei gegen das Verbot des Engels, sich nicht nach der untergehenden Stadt umzuwenden; und sie erstarrte daraufhin zur Salzsäule. Auch Nelly Sachs wandte sich, auf der Flucht um, sah die rauchenden Krematorien, die Folterkammern, in denen das jüdische Volk vernichtet wurde, und später die brennenden, in Schutt und Asche sinkenden deutschen Städte. „Aber“, so schreibt Lagercrantz:

im Gegensatz zu dem biblischen Weib erstarrt Nelly Sachs nicht. Ihr Thema, eines ihrer Themen, wird der Massentod und das Leben im Exil.

Olof Lagercrantz verfolgt in seinem Buch anhand präziser Analysen die einzelnen Hauptthemen und -motive in der Lyrik von Nelly Sachs: die Hiobsgestalt etwa, das Motiv des Fisches, die Themen Tod und Leid, Jäger und Gejagter, das Zentralthema des Schöpfungsbeginns. Die Verwurzelung des Werkes in der deutschen und der jüdischen, auch in der christlichen und jüdischen Tradition – in der Mystik Jakob Böhmes und der Mystik des Buches Sohar – wird detailliert aufgezeigt. Der Interpret legt ferner den Weg dieser Dichtung vom Lokalen zum Universalen, vom persönlichen Erleben und Erleiden zum kosmisch visionären Bild dar, und er deutet nachdrücklich hin auf die Assoziationsfähigkeit von Nelly Sachs, die ihre Gedichte gleichzeitig in zwei Welten ansiedelt: im ganz konkret erfassten Diesseits und in einer mystisch-jenseitigen Welt.
Olof Lagercrantz, ein Interpret, der Sachlichkeit und persönliche Betroffenheit in seiner Arbeit vorbildlich miteinander verbindet, legt Gewicht auf die Feststellung, „dass das Wesentliche der Lyrik von Nelly Sachs nicht nur mit dem Jüdischen identifiziert werden kann. Als Nelly Sachs Deutschland besuchte und ihr dort ein Preis verliehen wurde, hat man sie wie eine Fremde begrüsst, sie die grosse jüdische Dichterin genannt, ihre Dichtung als Denkmal der nazistischen Judenverfolgung bezeichnet… Diese deutsche Einstellung hat ihre Wurzel in einer Scheu vor dem jüdischen Leiden und in dem Gefühl, dass es vermessen wäre, von seiten Deutschlands einen Anspruch auf Nelly Sachs zu erheben. Dennoch liegt in dieser Haltung ein schwerer Irrtum. Man würde ihr ihre Identität absprechen, sie ein zweites Mal ins Exil zwingen. Es ist Zeit, sie nach Hause zu holen, nicht buchstäblich – denn Schweden ist ihr zu einer wirklichen Heimat geworden, und sie wird einmal ihre Grabstätte auf dem jüdischen Friedhof von Haga in Stockholm haben –, aber im geistigen Sinn. Es ist Zeit, dass man in Deutschland begreift, dass sie eine Landsmännin ist, die vertrieben wurde, und keine Fremde, die man zur Ehrenbürgerin macht. Es ist leicht, allzu leicht, sie als grosse jüdische Dichterin zu bezeichnen. Schwerer scheint es zu sein, zu verstehen und zu erkennen, dass Nelly Sachs auch des deutschen Volkes grosse zeitgenössische Dichterin ist.“

J.P. Wallmann, Die Tat, 24.6.1967

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Internet Archive + Kalliope
Porträtgalerie: Keystone-SDA

 

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Nachruf auf Nelly Sachs: TAT

 

Nelly Sachs – Ausstellung „Flucht und Veränderung“.

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