Pablo Neruda: Extravaganzen Brevier

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Pablo Neruda: Extravaganzen Brevier

Neruda-Extravaganzen Brevier

FRAGT MICH NICHT

Mir ist das Herz schwer
von so vielen Dingen, die ich kenne,
es ist, als trüge ich riesenhafte
Steine da in einem Sack
oder der Regen wäre herabgestürzt
unaufhörlich in mein Gedächtnis.

Man soll mich nicht danach fragen.
Ich weiß nicht, wovon man spricht.

Ich wußte nicht, was geschehen war.

Auch die anderen wußten nicht
und so von Nebel zu Nebel schritt ich,
in der Meinung, daß nichts geschah,
auf der Suche nach Früchten in den Straßen,
nach Gedanken auf den Wiesen
und das Ergebnis ist folgendes:
daß alle recht hatten
und ich unterdes schlief.
Daher fügen sie meiner Brust
nicht Steine allein, auch Schatten hinzu,
nicht Schatten allein, auch Blut.

So stehen die Dinge, mein Lieber,
und so auch sind die Dinge wiederum nicht,
denn, trotz allem, ich lebe
und meine Gesundheit ist ausgezeichnet,
mir wachsen Seele und Nägel,
ich gehe in die Friseursalons.
Ich gehe und komme von den Grenzen,
fordere Stellungnahme und beziehe Stellung,
wenn man aber mehr wissen will,
so geraten meine Wegweiser durcheinander,
und hört man neben meinem Haus
die Traurigkeit bellen, so ist es Lüge:
die lichte Zeit ist die Liebe,
die verlorene Zeit das Klagen.

So, also nach alldem, was ich erinnre,
und nach alldem, was ich nicht im Gedächtnis hab,
nach alldem, was ich weiß und was ich wußte,
nach alldem, was ich auf dem Wege verlor
unter so vielen verlorenen Dingen,
nach den Toten, die mich nicht hörten
und die vielleicht mich sehen wollten,
frage man mich besser nicht:
sie sollen hier, auf meiner Weste, fühlen,
und sie werden erkennen, wie mir ein Sack
voll dunkler Steine pocht.

 

 

 

Dichtung als Mission

− Zum Werk Pablo Nerudas –

Die dramatischen Umstände, die den Tod des an Krebs erkrankten neunundsechzigjährigen Pablo Neruda beschleunigten (er starb am 24. September 1973, dreizehn Tage nach dem Putsch der chilenischen Rechten), haben den bereits 1971 durch die Verleihung des Nobelpreises kanonisierten Dichter mit einer pathetischen postumen Aura umgeben. Die Militärs mußten seiner Leiche konzedieren, was sie der Allendes versagt hatten: ein feierliches Begräbnis, das zu der ersten antifaschistischen Demonstration unter dem neuen Regime wurde. Der Photograph Fina Torres und der Journalist Alvaro Sarmento haben in einer schmalen Publikation die Chronik des Tages festgehalten (Neruda — entierro y testamento, Inventarios provisionales, Las Palmas de Gran Canaria, 1973).
Mit (west-)europäischen Maßstäben läßt sich ein Phänomen wie Neruda nicht erfassen. Das kann eine von Nerudas Frau Delia del Carril übermittelte Episode illustrieren, die Jean Marcenac in seiner dem chilenischen Dichter gewidmeten Monographie (Paris 1971) erzählt: „Es war auf dem Vorplatz eines chilenischen Kohlenbergwerks in Chile. Es war Mittag, glühendheißer Mittag. Seit drei Stunden hörten mehr als zehntausend Männer die Reden der Gewerkschafts- und Parteifunktionäre an. Nun war es an Neruda, auf die Rednertribüne zu steigen. Wer von den Tausenden erschöpfter, ausgebeuteter und in unmenschliche Ignoranz hineingezwungenen Männer mochte schon seine Gedichte gelesen haben? Und trotzdem: als man ankündigte, Pablo Neruda werde ein Gedicht lesen, nahmen alle zehntausend Bergleute unter der sengenden Sonne wie ein Mann ihre Kopfbedeckung ab.“ Der Lyriker Neruda verfügte über ein Selbstbewußtsein, das den Dichtern andernorts abhanden gekommen ist. Wenn man Aufnahmen der Massenkundgebungen sieht, zu denen die Lesungen Nerudas wurden, wird offenbar, daß für den Lateinamerikaner und sein dortiges Publikum Lyrik noch eine große politische Sprengkraft besaß. Mochten die Verse mitunter auch fragwürdig oder gar unter aller Kritik sein, wie etwa seine Aufforderung zum Nixonicid und sein Lob der chilenischen Revolution, die er noch kurz vor seinem Tod schrieb. Nicht die Qualität seiner Gedichte gab bei ihrer Rezeption den Ausschlag, sondern die Tatsache, daß sie Pablo Neruda geschrieben hatte.
Den Kritiker beschleicht schon angesichts des Umfangs von Nerudas Produktion der Zweifel, bei einer solchen Masse von Gedichten könne doch nicht alles gut sein. Neruda ist in einem 1935 in Madrid veröffentlichten Artikel dem Einwand begegnet, als er programmatisch eine „unreine“ Poesie verlangte. Es ist eine Herausforderung an das europäische Lyrikverständnis in der Nachfolge Mallarmés und Valérys.

Als der Student Ricardo Eliecer Neftalí Reyes 1924 unter dem bereits seit einigen Jahren benutzten Pseudonym Pablo Neruda Veinte poemas de amor y una canción desesperada (Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung) veröffentlichte, erlangte er frühen Ruhm. Er ermöglichte ihm den Einstieg in die diplomatische Laufbahn, in deren wechselvollem Verlauf er 1969 Präsidentschaftskandidat der Kommunistischen Partei Chiles und 1971 unter dem Sozialisten Allende (zu dessen Gunsten er seine Kandidatur zurückgezogen hatte) Botschafter in Paris wurde.

Der zehn Jahre nach Neruda geborene Argentinier Julio Cortázar erinnert in seinem Nachruf auf den chilenischen Dichter in der Neruda-Sondernummer der Zeitschrift Europe (Jan./Feb. 1974) daran, was die Zwanzig Gedichte… für die lateinamerikanische Literatur bedeutet hatten: „dieser Dichter, der uns plötzlich unserem Kontinent zurückgab, und uns der vagen Theorie europäischer Geliebten und Musen entriß, war uns in die Arme einer unmittelbar zugänglichen und greifbaren Frau, um uns zu zeigen, daß die Liebe eines amerikanischen Dichters hic et nunc dargeboten und geschrieben werden konnte, mit den einfachen Worten des Alltags, mit dem Geruch unserer Straßen…“ Das Zitat zeigt, daß sich von allem Anfang im Werk des Chilenen der Verzicht auf die literarischen Vermittlungsinstanzen Europas abzeichnete. Neruda verzichtete auf die höheren Weihen, um welche seine Vorgänger mit ganz wenig Ausnahmen in Paris oder Madrid ersucht hatten.
Der Eindruck der nun erreichten literarischen Autonomie wurde bestätigt, als Neruda 1933 am Ende langer Jahre in verschiedenen südostasiatischen Konsulaten Residencia en la tierra (Aufenthalt auf Erden) veröffentlichte: „Ich erinnere mich sehr gut“ – schreibt Cortázar in dem zitierten Nachruf – „Ruben Darío verschob sich in meiner dichterischen Geographie mit schwindelerregender Schnelle zwischen Morgen und Abend wurde er zu einem großen, fernen Dichter wie Quevedo, Shelley oder Walt Whitman. Auf unsere öde und wilde geistige Landschaft, die wir mit unbestimmten und unerläßlichen Mythologien bevölkert hatten, stürzte Residencia wie einst San Martin auf Chile, um es zu befreien, wie Bolívar, als er von Norden aufbrach und seine Adler fliegen ließ. Die Gedichte der Residencia sind pessimistisch, voll von den unheimlichen Angstträumen eines „eigenartigen Herzens“ wie sich  Neruda in dem Gedicht „Are poética“ bezeichnet. Hingewiesen wird hier zwar auch auf das „prophetische Element“, das Neruda in sich weiß, aber die selbstzerstörerische Unrast überwiegt.

Einen Wendepunkt in Nerudas Werk brachte erst der Spanische Bürgerkrieg, den er aus nächster Nähe miterlebte. Der Anfang seines Kontakts mit Spanien war die Begegnung mit García Lorca, den er 1933 in Buenos Aires kennenlernte. Zwei Jahre später war Neruda am chilenischen Konsulat in Madrid. Die Ereignisse der kommenden Monate machten ihn zum engagierten politischen Dichter. In dem noch unter dem Bürgerkrieg gedruckten Gedichtband España en el corzón (Spanien im Herzen) ist Nerudas politische Konversion in einigen seiner besten Verse festgehalten. Der Auftakt de Gedichts „Erklärung einiger Dinge“ ist die Frage: „Und wo ist der Flieder? / Und die Metaphysik von Mohn zugedeckt?“ Die Antwort ist der Aufschrei des Schlusses: „Kommt, seht das Blut in den Straßen / kommt, seht / das Blut in den Straßen, / kommt, seht doch das Blut / in den Straßen! (Text nach der Übersetzung von Erich Arendt und Stephan Hermlin.) Der lyrische Einzelgänger der Residencia en la tierra, der sich darauf beschränkt hatte, die englischen Kolonialherren, auf die er in Asien überall stieß, en passant verabscheuungswürdig zu nennen, wurde nun zum politischen Lyriker. Erst jetzt setzte die internationale Neruda-Rezeption ein. Eine französische Ausgabe von Españe en el corazón erschien 1938, eine von Ilja Ehrenburg besorgte russische 1939.
Dieses Echo wurde dann in den Nachkriegsjahren auch dank Nerudas offizieller Rolle als Träger des Stalinpreises von 1952 weltweit. Angesichts dieses Erfolgs war es nicht mehr vermessen, wenn sich Neruda als Sprecher der gesamten Menschheit fühlte. War es doch das erste Mal, daß ein lateinamerikanischer Dichter eine derartige Verbreitung erfuhr. Sein Canto general (Der große Gesang) wurde 1950 erstmals in Mexico veröffentlicht (in Chile erschienen im selben Jahr zwei Ausgaben, die Freunde des damaligen Emigranten im Untergrund publizierten). Die auf den ersten Blick unüberschaubaren Gedichte und Versmassen des Canto general haben ihr Inspirationszentrum in dem Zyklus „Las alturas de Macchu Picchu“ (Die Höhen von Macchu Picchu). Ein Aufstieg zu den präkolumbianischen Ruinen der erst in unserem Jahrhundert wiederentdeckten Andenstadt wird zum Abstieg in die amerikanische Vergangenheit und zur lateinamerikanischen Zukunftsvision. Die Verse sind erfüllt mit einem Pathos, wie es in Europa zum letztenmal der allen Lateinamerikanern teure Victor Hugo und in Nordamerika der von Neruda immer wieder beschworene Walt Whitman in Dichtung umgesetzt hatten. Die zahllosen Genetivmetaphern, die nur selten in die x-Beliebigkeit von Neruadas politischen Preisgedichten ausarten, werden zu litaneiartigen Anrufungen eines parareligiösen Kults, durch dessen Worte und dessen Blut, wie es im letzten Vers des Zyklus heißt, ein ganzer Kontinent zu sich selbst finden soll.
Für H. M. Enzensberger stand der Canto general schon vor Jahren im Mittelpunkt seines Essays „Der Fall Pablo Neruda“. Der Zyklus schien ihm ein besonders ergiebiges Beispiel für den Komplex „Poesie und Politik“, der das Thema seiner „Einzelheiten II“ (1970) absteckte. Am Schluß seines Neruda-Aufsatzes meinte Enzensberger resigniert: „Auf den Dichter, der die Zwickmühle sprengt, der weder die Dichtung um ihrer Zuhörer noch ihre Zuhörer um der Dichtung willen verrät, und der nicht die Poesie zur Magd der Politik, sondern die Politik zur Magd der Poesie, will sagen, zur Magd des Menschen macht: auf diesen Dichter werden wir vielleicht noch lange, und vielleicht vergeblich, warten müssen.“
Nerudas poetologische Äußerungen in seinen Gedichten und Artikeln wirken neben Enzensbergers geschliffener Dialektik geradezu naiv. Diesen Eindruck kindlicher Unkompliziertheit bestätigen auch die Memoiren, die 1974 in Buenos Aires, in Barcelona und noch im selben Jahr in einer vorzüglichen deutschen Übertragung von Meyer-Clason erschienen (Luchterhand, Darmstadt). Der genaue Titel des Buches lautet Confieso que he vivido (Ich bekenne ich habe gelebt). Damit sind alle mit autobiographischer Literatur verbundenen Assoziationen eingebracht: Vita, Confessiones, Memoiren. Nerudas Propagandafeldzüge brachten ihn in Kontakt mit der politischen und literarischen Linken der ganzen Welt: von Stalin zu Nehru und Mao Tse-tung, von Rafael Alberti zu Míguel Hernández und Louis Aragon. Wer erwartet, Neruda wolle wegen seines früheren Engagements für Stalin Bekenntnisse ablegen, sieht sich getäuscht. Nicht wegen politischer oder dichterischer Analysen sind die Memoiren lesenswert, sondern wegen ihrer Farbe, ihrer Porträtkunst und ihrer Erlebnisse. Nachdem Neruda seine politische Konversion vollzogen hatte, beschränkte er sich darauf, die Lösung ideologischer Fragen seiner Partei zu überlassen. „Meine Position ist folgende gewesen: aus der mir unbekannten Finsternis der stalinistischen Ära tauchte vor meinen Augen der erste Stalin auf, naiver Prinzipienreiter, nüchtern wie ein Einsiedler, titanischer Verteidiger der russischen Revolution. Überdies wuchs dieser kleine Mann mit dem gewaltigen Schnauzbart im Kriege zum Riesen an; seinen Namen auf den Lippen griff die Rote Armee die Festungen der Hitlerdämonen an und legten sie in Schutt und Asche.“
Das ist nicht die Sprache eines Diagnostikers, sondern eines Poeten. So wird Geschichte für Lesebücher zu Schulzwecken aufbereitet. Nerudas Widersacher, wie etwa Ricardo Paseyro (Le mythe Neruda), machen es sich allzu leicht, wenn sie einige Zitate aus seinen Schriften zusammentragen, um seinen angeblichen politischen Opportunismus anzuprangern. Ein selbstkritischeres Temperament hätte weniger eruptiv Gedicht um Gedicht aus sich herausgeschleudert, vieles Unvergorene und Ungefähre zurückgehalten, es hätte aber auch nicht in vergleichbarer Weise Dichtung als Mission verstehen können:

Ich arbeite weiter mit dem Material, das ich habe und bin. Ich bin ein Allesfresser von Gefühlen, Menschenwesen, Büchern, Ereignissen und Schlachten. Ich würde die ganze Erde aufessen. Ich würde das Meer austrinken.

Es kann kaum ausbleiben, daß Leser, die ihr Lyrikverständnis im Zeichen Mallarmés, Valérys und Benns vermittelt bekamen, angesichts dieser alles in sich hineinschlingenden Vitalität ein Unbehagen befällt. Sie werden Neruda kaum je verstehen, so wenig wie jene von ihm bewunderten „vulkanischen Maler“ Mexicos – so Neruda in den Memoiren −, die die Öffentlichkeit ständig in Atem hielten und wie Diego Rivera und Siqueiros mit großen Pistolen herumschossen, wenn ihnen bei Streitgesprächen die Argumente ausgingen. Für den Europäer beginnt hier lateinamerikanische Theatralik und Exotik. Und man wird trotz der flüssigen Prosa seiner Memoiren daran erinnert, daß Pablo Neruda von einem zeitlich und räumlich sehr fernen Land kommt.

Johannes Hösle, Neue Rundschau, Heft 2, 1975

 

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Zum 75. Geburtstag des Autors:

Uwe Berger: Seine Poesie ist Stimme des Volkes
Neues Deutschland, 12.7.1979

H. U.: Einheit von Poesie und Politik
Neue Zeit, 11.7.1979

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Hans-Otto Dill: Seine Dichtung – leidenschaftlicher Hymnus auf den Kampf der Völker
Neues Deutschland, 12.7.1984

Volodia Teitelboim: Ein Dichter, der auf Erden wohnt
Sinn und Form, Heft 6, November/Dezember 1984

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Margit Klingler-Clavijo: Ich bekenne, ich habe gelebt
Deutschlandfunk, 12.7.2004

Josef Oehrlein:Die drei Archen des Dichters
Cicero

Karin Ceballos Betancur: Das Kind und der Dichter
Die Zeit, 8.7.2004

Holmar Attila Mück: Krieger mit der Lyra
Deutschlandradio Berlin, 12.7.2004

Claudia Schülke: „Militanter Stalinist und kolossaler Dichter“: Pablo Neruda
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.7.2004

Zum 5. Todestag des Autors:

Sergio Villegas: Beerdigung unter Bewachung
Sinn und Form, Heft 6, November/Dezember 1978

Zum 10. Todestag des Autors:

Karl Bongardt: Seinen Atem dorchwob die singende Liebe
Neue Zeit, 24.9.1983

 

Pablo Neruda – Lesung und Interview des Literaturnobelpreisträgers 1971.

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