Peter Hacks: Diesem Vaterland nicht meine Knochen

Hacks-Diesem Vaterland nicht meine Knochen

JETZTZEIT

Seit der großen Schreckenswende
Sieht des Dichters ernstes Haupt
Sich durch neue Zeitumstände
Aller Hoffnung jäh beraubt.
Und er harrt in Wartestellung
Auf des Horizonts Erhellung.
Und er denkt in seinem Sinn:
Wo nichts drin ist, ist nichts drin.

Zwar beim Nichtbeteiligtbleiben
Am gesitteten Verkehr
Muß er sich die Zeit vertreiben,
Und er tut, wie wenn nichts wär.
Feilt sich wöchentlich die Nägel,
Nicht aus Lust, doch nach der Regel,
Küßt bisweilen Chloës Brust,
Nach der Regel, nicht aus Lust.

Früh beim Kaffee, kaum bekümmert,
Liest er, wie das Kapital
Negerstaaten niedertrümmert,
Mordend ohne Zahl und Wahl,
Greise, Kinder, Frauen, Männer,
Und er nickt befriedigt, wenn er
Feststellt, dass der Zeitungsmann
Keinen deutschen Satz mehr kann.

Auf der höchsten finanziellen
Ebene unangepaßt,
Nähert er sich wohl den Quellen
Der Natur als Feriengast.
Liebt den Sommer haßt den Winter,
Tieferes steckt nicht dahinter.
Hin und wieder ein Gedicht
Schreibt er noch aus Dichterpflicht.

 

 

Was gilt?

Einst hatte Hacks gedichtet:

Ich bins zufrieden. Die Zerwürfnisse
Mit mir und denen sind nicht überscharf.
Hab nur erfüllbare Bedürfnisse.
Schnaps, Liebe, Kunst sind, deren ich bedarf.

Des Fortschritts krümmster Weg ist so verschieden
Nicht vom schnellstmöglichen. Er schleppt und klimmt
Hinan, so wie er muß. Ich bins zufrieden
Und also nicht zum Lyriker bestimmt.

Und gern zitiert wird dieses selbstironische Statement als Beweis dafür, daß es mit dem Lyriker Hacks so weit her nicht sein kann, da er offenbar selbst keine hohe Meinung von seiner Berufung hatte. Am Ende seines Lebens hört sich das ganz anders an. In einem Interview sagte Hacks: „Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gehört einfach Thomas Mann und Brecht. Thomas Mann gehört die Prosa und Brecht das Drama und die Lyrik. Was ich Ihnen als Vermutung anbiete, ist, daß die zweite Hälfte Arno Schmidt und mir gehört. Arno Schmidt für Prosa, mir für Dramatik und die Lyrik. Das sage ich mit dem Vorbehalt eines Menschen, der wirklich weiß, daß dies eine Art von Urteilen ist, die eigentlich nicht fällbar sind. Aber ich kann ja nicht so tun, als hätte ich kein Urteil.“ Etwa gleichzeitig urteilt ein Kritiker, überrascht von seiner Lektüre: „Peter Hacks? Gesammelte Gedichte ist eins der vollkommensten Bücher der deutschen Literatur. (Der ‚Wechsel der Töne‘ zwischen Komik, hohem Ton, resignierter Zartheit, Grobianismus, zwischen den Versmaßen, Gattungen und Stilen ist von vollkommener Freiheit, Frechheit und Eleganz.) Hacks konnte alles.“ (Stephan Wackwitz, taz)

Diese kleine Sammlung und ihr Titel gehen zurück auf die Gedichtauswahl, die der unlängst verstorbene Schauspieler und Hacks-Freund Eberhard Esche für sein letztes Hörbuch getroffen hat. Ihm ging es um eine kürzestmögliche Vorstellung des reichen lyrischen Werks von Hacks, vor allem aber war ihm daran gelegen, die „Jetztzeit“-Gedichte zu popularisieren – Texte, mit denen Hacks in den 90er Jahren scharf und aggressiv auf die Folgen der Herbstereignisse von 1989 reagiert hatte. So enthält das Bändchen neben Liebesgedichten und Balladen vor allem die, höchst aktuellen, Gedichte aus diesem Zyklus.

Eulenspiegel Verlag, Ankündigung, 2008

 

Einer von unseren Leuten

− Kommunist, Hofpoet, Nationaldichter oder der eitelste Dandy der DDR: Wer war Peter Hacks? Zum achtzigsten Geburtstag. −

… Dagegen erlebte die Sammlung seiner Gedichte noch die Veröffentlichung in der DDR 1988. Jahrelang konnte sie wegen einiger Zeilen zu Ulbricht weder im Westen noch im Osten erscheinen. Unter der Überschrift „1.8.1973“ heißt es: „Ulbricht leider ist tot und Schluß mit der Staatskunst in Deutschland. / Immer mächtiger treibts mich in den Goethe hinein. / Zieh jetzt, Freundin, dein Herz nicht zurück. Als letztes sonst bleibt mir, / Einzutrimmen die Kunst einer barbarischen Zeit.“
Mit diesen unerbittlichen Zeilen auf einen gefallenen Herrscher machte sich Hacks auf beiden Seiten der Mauer Feinde. Von lustvoller Kunstvermittlung ist nicht mehr die Rede.

Ab 1998 veröffentlicht Hacks für zwei Jahre in jedem Heft des Monatsmagazins Konkret ein Gedicht unter dem Kolumnentitel „Jetztzeit“. Passend zur Regierungsübernahme von Rot-Grün unter der Kanzlerschaft Gerhard Schröders liefert er Agitprop vom feinsten. Beispielgebend für Ton und Inhalt der neuen kämpferischen Lyrik sei hier das Gedicht „1990“ zitiert:

Nun erleb ich schon die dritte Woche
Die finale Niedergangsepoche.

Pfarrer reden in den Parlamenten.
Leipzig glaubt an einen Dirigenten.

Die Fabriken alle sind zuschanden.
Das Proletariat ist einverstanden.

Rings nur westkaschubische Gesichter.
Botho Strauß passiert für einen Dichter.

Auch die Freundin zeigt sich beinah prüde.
Von Erwerbs- und Nahrungssorgen müde,

Kann sie sich nur eingeschränkt entschließen,
Mit dem Freund den Abend zu genießen.

Freilich ich, von Schwachheit keine Rede,
Bin nicht jeder, und sie ist nicht jede,

Und so folgen dem, was ich ihr tue,
Höhepunkte, und in großer Ruhe

Sehn wir nachher beim Glenfiddichtrinken
Hinterm Dachfirst die Epoche sinken.

Niedergang und Stagnation lassen sich an den wenig kunstvollen Paarreimen ablesen. Das lyrische Ich selbst ist angeschlagen, am expliziten Dementi abzulesen, „von Schwachheit keine Rede“; das Glück im Privaten ist logischerweise unter diesen Bedingungen nicht möglich, wenn Fabriken, Kunst und Politik zerstört sind und es ums bloße Überleben geht.

Andere Gedichte aus dem Jetztzeit-Zyklus, der die Leserschaft von Konkret gewiss in zwei Lager spaltete, handeln von alltäglichen Stadtsituationen, gern aber auch von historischen Persönlichkeiten. Das können Bürgerrechtler sein, die namentlich zur Guillotine gerufen werden, aber natürlich auch das heroische Personal des Sozialismus: Lenin, Thälmann und Ulbricht. Auch „Venus und Stalin“ sind darunter. Das ist einerseits der stets präsenten Obrigkeitsfixierung des Dichters geschuldet – „die Obrigkeit bin ich“ -, andererseits Ausdruck einer Déformation professionnelle: Als Dramatiker hat Hacks nun mal vor allem Interesse an handelnden Figuren. Im Briefwechsel mit dem Historiker Gossweiler fällt besonders auf, dass der Marxist Hacks kaum Interesse an irgendwelchen ökonomischen Vorgängen zeigt, sondern sich vielmehr für eine reine personenbezogene Geschichtsschreibung interessiert. Die Stalin-Fixierung seiner letzten Jahre ist wohl ähnlich zu erklären, war jener Potentat doch der letzte Vertreter des sozialistischen Lagers, der gegenüber den kapitalistischen Ländern Boden gutmachen konnte und dessen Handeln nicht nur ausschließlich aus Verzweiflungstaten bestand. Aber vielleicht ist auch gerade das genaue Gegenteil richtig.

Bei der Betrachtung des Werkes von Hacks zu kurz gekommen ist hier die Liebe, in seinen Dramen wie in seinen Gedichten. Ziel dieses Essays ist es, die Mär vom unpolitischen Dichter, der es nicht mit seiner Zeit aufzunehmen wisse, zu widerlegen. Die bloß behauptete Weltabgewandtheit des Dichters, früher als Manko aufgefasst, wird neuerdings – aber mit gewendetem Vorzeichen – aufs neue gepredigt. So hat kein geringerer als Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung den Reigen derer, die Hacks zum achtzigsten Geburtstag gratulieren, eröffnet. Hacks gilt ihm als Panacee wider den Verfall der bürgerlichen Kultur, und feierlich verkündet Schirrmacher die Aneignung des sozialistischen Erbes: „er ist unser.“…

Philipp Steglich, Jungle World, 20.3.2008

 

PETER HACKS

Ich bin Herkules. Bin ohne Schuld.
Verachte fleischliches Verlangen.
Bin Diana, die jagt, nicht die Gejagte.
Blumen aß ich, trank von den Knospen
den Tau, sah viel Blut, wischte es nicht auf.
Den Sockel braucht es, mich über den Klee
Zu erheben.

Kümmel Himmel!

Freund Wolf unterdessen
hat seine Herkunft vergessen
irrt in Universums dunklen Daunen
Was stört ihn Rufen Flüstern Raunen
übern Schwafeltal aus Unvergessen
Frech schnarcht das schwarzes Loch
am Firmament in das ganz Schilda
hilflos schaut weil jeder schildig ist
am großen Zugebaut – ganz Schilda
tönt: Rotkäppchen werde Kosmonaut!

Peter Wawerzinek

 

Beiträge zum 60. Geburtstag des Autors:

Gerhard Piens: Seine Liebe gilt den Freundlichen, den Verbreitern von Vernunft
Neues Deutschland, 19./20.3.1988

Walter Hinck: Mit Pomp
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.3.1988

Beiträge zum 65. Geburtstag des Autors:

Heidi Urbahn de Jauregui: Der verbotene Dichter
konkret, 1993, Heft 3

Werner Schulze-Reimpell: Der aus dem Westen kam
Stuttgarter Zeitung, 19.3.1993

Werner Liersch: Der Medienpoet wird gemacht, der Poet geboren
Berliner Zeitung, 20.3.1993

Reinhard Tschapke: Bequem zwischen allen Stühlen
Die Welt, 20.3.1993

Peter Mohr: Klassikadept mit revolutionärem Odem
Schwäbische Zeitung, 30.3.1993

Beitrag zum 70. Geburtstag des Autors:

Mark Siemons: Heilung vom Mißverständnis, verstanden zu sein
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.3.1998

Beiträge zum 75. Geburtstag des Autors:

Kerstin Decker: Klassiker live
Der Tagesspiegel, 21.3.2003

Matthias Oehme: Ein Dichter kühn
Neues Deutschland, 21.3.2003

Klaus Peymann: Gewehre auf den Haufen
Berliner Zeitung, 21.3.2003

Beiträge zum 80. Geburtstag des Autors:

Detlef Friedrich: Vom Holperstein
Berliner Zeitung, 17.3.2008

Christel Berger: Der Weltverbesserer
Neues Deutschland, 20.3.2008

Reinhard Wengierek: „Ach Volk, du obermieses, auf dich ist kein Verlass“
Die Welt, 20.3.2008

Jens Bisky: Also ist die Lösung nicht die Lösung
Süddeutsche Zeitung, 20./21.3.2008

Ursula Heukenkamp: „Eine Sache, die der Weltgeist vorgesehen hat, auf die kann man sich dann auch verlassen.“
Peter Hacks und die große Fehde in der DDR-Literatur. Zum 80. Geburtstag
Zeitschrift für Germanistik, 2008, Heft 3

Georg Fülberth: Ein Dichter für alle
der Freitag, 19.12.2008

Nachrufe auf Peter Hacks: Der Tagesspiegel 1 + 2 ✝ Die Welt ✝ BZ ✝ Der Standart ✝
die taz ✝ NZZ ✝ der Freitag 1 + 2

Weitere Nachrufe:

Christian Eger: Rote Sommer, verweht
Mitteldeutsche Zeitung, 30.8.2003

Martin Halter: Der sozialistische Klassiker
Badische Zeitung, 30.8.2003

Hartmut Krug: Goethe und Stalin
Frankfurter Rundschau, 30.8.2003

Gerhard Stadelmaier: Der Marxist von Sanssouci
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.8.2003

Walter Beltz/ Eberhard Esche / Hermann Kant/ Matthias Oehme: Zum Tode von Peter Hacks
Neues Deutschland, 30./31.8.2003

Jens Bisky: Der saure und der faule Apfel
Süddeutsche Zeitung, 30./31.8.2003

Mario Scalla: Klassiker
der Freitag, 5.9.2003

Irene Bazinger: Wo die Muse wohnt
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.9.2003

Martin Linzer: Zum Tod von Peter Hacks
Theater der Zeit, Heft 10, 2003

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Bestiarium der deutschen Literatur-Hacks

 

Peter Hacks – MDR artourinfoclip vom 27.3.2008 zum 80. Geburtstag.

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