Richard Pietraß: Freiheitsmuseum

Pietraß/Hoffmann-Freiheitsmuseum

GENERATION
Für Welimir Chlebnikow

Ausgeschlupft.
Schlupfgehupft.

Hupfgebuttert.
Buttbemuttert.

Muttgeschaffen.
Schaffgeschlaffen.

Schlaffgeflippt.
Flippgestrippt.

Stripbegradigt.
Gradbegnadigt.

Gnadverkalkt.
Kalkgewalkt.

Walkhinieden.
Niedgeschieden.

Schiedgehimmelt.
Himmelgebimmelt

 

 

 

Lesezeichen

Die Kunst als ein Reich der Freiheit ist zugleich auch Museum, angefüllt mit unbegrabbaren Hoffnungen wie mit dem Bodensatz der Geschichte. Für unsicheren Lohn beschäftigt es mich als einen seiner Wahrsager und Nachlaßverweser.
Literatur, trotz ihrer geringen Kraft, begreife ich als Beitrag zur Selbstbefreiung: des einzelnen und der vielen. Auf der Suche nach Bindung sprengt sie bedrängende Abhängigkeit und wagt den Blick in den Spiegel. Dieser zeigt das Doppelgesicht allen Fortschritts: das des Befreiers und greisen Sklavenhalters.
Die Abteilungen des Bandes enthalten vorläufig geordnete Träume, Traumen und andere Widerfahrungen. Für die meisten von ihnen gilt: Gespielt ist gezielt, gebettelt verzettelt, benannt gebannt.

Richard Pietraß, Nachwort

 

Ernste Spiele

Bereits vor einigen Jahren hatte Richard Pietraß, der jetzt seinen zweiten Gedichtband unter dem Titel Freiheitsmuseum vorlegte, mit seinem Debüt als Lyriker in der Reihe Poesiealbum (1974) und dem 1980 erschienenen Lyrikband Notausgang auf sich aufmerksam gemacht. Zwar waren Bezugspunkte zu Brecht und Enzensberger im Traditionsverhältnis dieses Lyrikers unübersehbar, dennoch beeindruckten die Genauigkeit der Diktion und die Varianzbreite in der Anwendung sprachlicher Mittel. Das betrifft nicht zuletzt jenes wichtige Gedicht „Das Wort“, das gewissermaßen eine Theorie der poetischen Sprache in nuce enthält und nicht zu Unrecht als Programmgedicht gedeutet wurde (NDL 9/1976).
Der Chiasmus ist verführerisch, weil oft oberflächlich – der Band Freiheitsmuseum fordert ihn jedoch geradezu heraus: spielerischer Ernst und Ernsthaftigkeit im Spiel (mit sprachlichen und Bildstrukturen) sind Charakteristika dieses Bandes.
So beziehungsreich wie unpathetisch ist der Titel des Gedichts „Die Kunst zu leben“, das den Band eröffnet und unter dem die etwa zwanzig Texte des ersten Abschnitts zusammengefaßt sind. „Für meinen Vater“ heißt der Untertitel des eröffnenden Gedichtes; es gehört zu den poetisch dichtesten des Bandes:

Das von den Schultern geworfene Zuviel des Wenigen.
Aber der Schrank, erspart durch das dunklere Mehl…

Die episodische Diktion des Textes ergibt in ihrer nur scheinbar willkürlichen Anreihung von Handlungsfragmenten Stein für Stein eines Mosaiks, das unversehens zu gültiger Aussage über ein gelebtes Leben wird.
Selten wohl liest man so Unsentimentales und Anrührendes zum Problem der Einsamkeit alter Menschen wie im Gedicht „Wasser“:

Sie hockt am Strom
Der selten winkt.
Unterm Abgasdom.
Das Herz ertrinkt.

Es ist auffallend, wie genau dieses Gedicht gearbeitet ist. Seine Wirkung wird erklärbar auch dann, wenn man es vor dem Hintergrund der drückenden Primitivität mancher Schlagertexte liest, in denen – nach Meinung des jeweiligen „Texters“ – die Lebensprobleme alter Menschen verhandelt werden.
Im Band Notausgang findet sich ein Text unter dem Titel „Hochzeit der Sprichwörter“, der 1976 geschrieben wurde. Der Titel ist wörtlich zu nehmen; das Gedicht, dessen Poetizität wohl nicht allzu hoch zu veranschlagen ist, experimentiert mit phraseologischen Wendungen und Sprichwörtern, die in eigentümlicher Verschränkung und wechselseitiger Erhellung vorgeführt werden.
Das Gedicht ist symptomatisch für eine übergreifende Tendenz moderner Lyrik, die nicht zum wenigsten ihre Modernität ausmacht: Das Einbeziehen von Zitaten in unterschiedlichen Formen als Mittel poetischer Standortbestimmung und die damit verbundene ambivalente Sprachreflexion, die auch bei einer beträchtlichen Anzahl von Gedichten des Bandes Freiheitsmuseum zu beobachten ist. Im Abschnitt „Homo Novus“, in dem Richard Pietraß etwa fünfzehn Texte vereint, findet sich das Gedicht „Schlesisches Himmelreich“:

Wo der Apfel im Stollen liegt drum Schulter an Schulter
In Gruben, im Grabenkrieg Brüder sich die Schädel
aufschlugen…

Durch den Einschub der phraseologischen Redewendung erhält das Gedicht eine gleichsam dialogische Struktur.
Zwei Sprechhaltungen werden konfrontiert: zum einen macht das lyrische Subjekt in bildhafter Diktion den Widersinn des Kriegsgeschehens kenntlich, zum anderen begegnet die zur Schablone erstarrte Redensart. Der Spannungsbogen, den Pietraß zwischen beiden Sprechhaltungen aufbaut, führt zu jenem besonderen Brechungseffekt, der die Analyse gesellschaftlicher Strukturen mit den spezifischen Erkenntnismitteln der Lyrik ermöglicht. Richard Pietraß ist kein poeta doctus. Der Gestus seiner Gedichte ist oftmals tastend und macht die Gefährdungen, in die das lyrische Ich sich gestellt sieht, namhaft:

Es gibt Tage, da bekomme ich keinen Fuß auf die Straße.
Verschlossen erweist sich die Tür. Bett-Tisch-Bett: meine
Sisyphosgasse. Lauter tickt dann die Lebensuhr. Dünner
Erscheint der Lebensfaden.
.. („Klausur“).

Über das Konstatieren individueller Befindlichkeit hinaus geht das Gedicht „Homo Novus“, das wohl auch als ein „Warngedicht“ verstanden werden will. Das lyrische Ich begreift sich als „Phönix entmenschter Asche entstiegen“, und muß letztlich doch konstatieren:

Im Notgurt, müd vom drosselnden Spiel
Pfeift mich die Überholspur vom Ziel.

Vermutlich mehr der Verständigung über potentielle Möglichkeiten der Sprachbehandlung im Gedicht als eigenständiger lyrischer Aussage dienen Texte wie das Gedicht „Generation“, das mit Bedacht dem Dichter Chlebnikow, einem der führenden russischen Futuristen, gewidmet ist. Das Gedicht läßt ein nachempfindendes Durchspielen eines tradierten Musters – Chlebnikow sprach vom „Periodensystem des Wortes“ – erkennen, das ein Experiment dokumentiert, aber sicher nicht den Anspruch verfechten kann, als originärer lyrischer Text zu gelten. Beachtenswert ist die Vielzahl der poetischen Formen, deren sich Richard Pietraß bedient – sie reicht vom streng gebauten Sonett über liedhafte Texte bis zu aphoristischen, epigrammatischen Gedichten im Abschnitt „Die Bilder“. Die Neigung zum immanenten, bewußt ausgestellten „ernsthaften Spiel“ mit sprachlichen Strukturen zeigt sich auch an den Texten dieser Abteilung. Das Gedicht „Person“, in dem sich Neologismen wie „Kumpelstilz“ und persiflierend aufgerufene Redewendungen finden, mag als Indiz dafür stehen.
Der Autor gab dem Band eine beziehungsreich mit „Lesezeichen“ überschriebene Nachbemerkung bei, in der er Eckpunkte seiner poetologischen Konzeption zu bestimmen sucht:

Die Abteilungen des Bandes enthalten vorläufig geordnete Träume, Traumen und andere Widerfahrungen. Für die meisten von ihnen gilt: Gespielt ist gezielt, gebettelt verzettelt, benannt gebannt.

Auch der Titel des Bandes erfährt nähere Bestimmung: er zielt auf die emanzipatorische und bewahrende Funktion von Literatur.

Rainer Zekert, Neue Deutsche Literatur, Heft 1, Januar 1984

 

Gespräch mit Richard Pietraß

– Am 20. Mai 1985 sprachen in Amsterdam mit Richard Pietraß Robert Siebum und Marieluise de Waijer-Wilke. –

Robert Siebum und Marieluise de Waijer-Wilke: Ihre Gedichte und ausdrücklich auch das Postskriptum zu Ihrem Band Freiheitsmuseum zeugen von einem außerordentlichen Interesse am Traum. Ist dieses durch die Insider-Kenntnisse des Psychologen Pietraß noch verstärkt oder ist der Traum für Sie mehr eine literarische Möglichkeit der Verarbeitung von Wirklichkeit?

Richard Pietraß: Der Psychologe hat hiermit wenig zu tun. Ich las Freuds Traumdeutung bereits vor Beginn meines Studiums, als ich noch Grunddienst leistender Soldat war. Aber diese Lektüre zeitigte keine Folgen in dem von Ihnen hergestellten Zusammenhang, höchstens bestärkte es meine Studienwahl, die ich in dieser Zeit neu traf: weg von der Medizin – für sie hatte ich bereits einen Studienplatz in Leipzig, und vermutlich wäre ich Psychiater geworden – hin zur Psychologie, die meine in diesem Punkte hilflosen Eltern mir bei früherer Gelegenheit erfolgreich als ,brotlose Kunst‘ ausgeredet hatten.
Das Freudsche Traum-Modell ist so populär, weil es in seiner Bipolarität ermöglicht, jeden Traum zu deuten. Primitiv gesprochen: jeder Traum ist danach entweder Ausdruck von Angst vor etwas oder des Wunsches nach etwas, ganz nach Belieben. Viel mehr bringt die Freudsche Traumdeutung nicht. Sie ist verführerisch plausibel, aber darin fast banal.
Um zu Ihrer Frage zurückzukommen, mir dient der Traum als poetisches Vehikel, das Schwierigstes spielend ermöglicht, zum Beispiel Grenzüberschreitung. So geschieht es im Gedicht „Nachtfahrt“, ereignet es sich in „Kernberg“, worin eine andere, die Zeitgrenze überwunden wird und Geschichte besichtigt: im Krebsgang. Übrigens wird dort Alkohol zum Entrücker, es ist ein Rausch-Traum.

Siebum und Waijer-Wilke: Etwas Ähnliches sagt ja auch Karl Mickel über die Träume: Sie seien nur Spiel der Möglichkeiten…

Pietraß: Ja, aber vielleicht eher die Tagträume. Über unsere Nachtgesichte verfügen wir nicht willkürlich. Ein Traum kann uns höchstens etwas ins Bewußtsein bringen, das wir bei Tage nicht dachten, nicht zu denken wagten. Freud sagt ja – und hier folge ich ihm –, daß im Traum die Selbstzensur gelockert ist. So gesehen kann der Traum Fingerzeige geben.

Siebum und Waijer-Wilke: Eine häufige Traum-Erfahrung ist das Fliegen. Auch in Ihren Traum-Gedichten tritt es auf. In der DDR-Lyrik verbindet sich dieses Traum-Motiv häufig mit dem mythologischen Ikarus-Motiv als Ausdruck wiederholter, aber vergeblicher Flugansätze zu utopischen Horizonten. Welche Komponente ist für Sie die wichtigere, z.B. in dem Gedicht „An den Vater“: „Vater, dein Wunsch: einmal fliegen / was sind dir die Hände so schwer?“ (Notausgang)?

Pietraß: Weder noch, da ist es konkret. Einige Monate vor seinem siebzigsten Geburtstag erzählte mir mein Vater, welche Wünsche er in seinem Leben gern noch erfüllt sähe. Der erste von ihnen war, einmal zu fliegen, mit dem Flugzeug. Er ist Jahrgang 1905, und für seine Generation ergab sich das nicht so selbstverständlich wie für uns Heutige. Der zweite war, Paris zu sehen. Mein Vater hat lebenslang die französische Sprache gepflegt, seit dem Gymnasium in Königsberg, das er als Bauernsohn besuchte, vom Ersten Weltkrieg an, der französische Kriegsgefangene auf die ostpreußischen Höfe brachte, die nach Kriegsende teilweise blieben und erst von der ins Deutsche Reich zurückrollenden Front des zuendegehenden Zweiten Weltkrieges wieder in ihre Heimat zurückgeschwemmt wurden. Auch danach hielt mein Vater Verbindung, nun französische Briefe schreibend, bis der Adressat verstummte. Der dritte Wunsch schließlich galt der Rückkehr an einen idyllischen Kriegsschauplatz im Baltikum, an dem es ganz unkriegerisch zuging; Wasser, Wald, reifende Felder – ein Garten Eden, eine Atempause lang. Während dieser Wunsch wohl unerfüllt bleiben wird, wurden die anderen Wirklichkeit. Vierundsiebzigjährig sah mein Vater Paris, in Begleitung seiner kurzzeitig dort wohnenden Tochter. Leicht gebeugt sehe ich ihn auf dem Farbfoto vorm Triumphbogen. Siebzigjährig bestieg er ein Flugzeug, das ihn nach Moskau und von dort an die Wolga trug, wo es sich in ein Tragflügelboot verwandelte; Geschenk vierer Kinder zur Erreichung des biblischen Alters. – Natürlich hat auch das Konkrete seinen Bedeutungshof…

Siebum und Waijer-Wilke: Ja, denn es taucht in ganz verschiedenen Kontexten auf, z.B. in dem Gedicht „Die Königin“ (Freiheitsmuseum) mit seiner Welt, die gekennzeichnet ist durch die Unterordnung des einzelnen durch ein auf direkten Nutzen beschränktes Denken, wo sich die Ameisenkönigin die Flügel kappt, um nur noch Eier zu legen.

Pietraß: Dieses Gedicht hat einen Naturvorgang zur Grundlage: die Unterwerfung eines Ameisenvolkes (der Sklavenameisen) durch ein anderes (die Sklavenhalterameisen, die – Zufall der Wiederholung – weißköpfig sind, während ihre Opfer schwarze Köpfe haben). Ich erkannte das Ungeheure, das im Selbstabschneiden der Flügel vorm Eierlegen liegt. Die junge Königin setzt auf einen Ort. Dort muß alles gelingen, oder sie und ihr neues Volk gehen samt Brut unter. Das Gleichnishafte des Vorgangs trifft manch Frauenleben. Mit einmal wird da ganz auf Familie gesetzt und die Karriere beendet. Es muß gutgehen, denn die Flügel sind abgeschnitten. Man kann nicht als Fünfzigjährige nachholen, was man mit Zwanzig bewußt versäumt hat.

Siebum und Waijer-Wilke: Es gibt in Ihren Gedichten andere mythologische Motive wie das des Sisyphos: „Es gibt Tage, da bekomme ich keinen Fuß auf die Straße. / Verschlossen erweist sich die Tür. Bett-Tisch-Bett: meine / Sisyphosgasse…“ (Freiheitsmuseum). Liegt hier eher eine bewußte Anknüpfung an die mythologische Bilderwelt vor als beim Motiv des Fliegens?

Pietraß: Soweit sie mir vertraut ist. In einer Gesellschaft mit sozialistischem Selbstverständnis bin ich in christlichen Wertvorstellungen aufgewachsen. Dem Willen meiner Mutter folgend, besuchte ich den evangelischen Religionsunterricht, ging ich meine ganze Kleinstadtkindheit hindurch mit meinem jüngeren Bruder Sonntag für Sonntag zum Kindergottesdienst. In die kindliche Seele finden die biblischen Geschichten leicht Eingang und bleiben deren Besitz. Das heißt, wenigstens die christliche Mythologie steht mir einigermaßen zu Gebote. Die griechische hingegen ist mir kaum zugänglich. Durch gewandelte Lehrpläne kam das alte Griechenland in der mir zugedachten Bildung nicht vor. Später, als ich zu ahnen begann, was die Bildung eines Europäers ausmachen sollte, war es schon zu spät zum Nachholen. Die griechischen Heldensagen, die antike Götterwelt, sie blieben Lektüre, ohne Brandspuren. Immerhin habe ich als Schüler des inzwischen abgeschafften Sprachzweiges Latein gelernt und etwas vom alten Rom erfahren, aber nichts über die griechische Antike. So gibt es aus ihr für mich nur einzelne Gestalten, die, ohne allzu kompliziert verankert zu sein, sinngebend sind wie Sisyphos. Während Ikarus in der neueren Literatur schon so überbeansprucht wurde, daß man ihn nicht mehr als Kronzeugen bemühen möchte, ist Sisyphos eine im Alltag verwurzelte Figur, der wir nicht entgehen.

Siebum und Waijer-Wilke: Sie verbinden seine Gestalt in der Tat mit den Alltagserfahrungen in „Klausur“, das Wiederholen von mühseliger Pflicht. Und dazu gehört vielleicht auch das Schreiben.

Pietraß: Die Bedeutung des Gedichts liegt in anderem. Ich gehöre nicht zu denen, die täglich schreiben. Das Entscheidende für mich ist eine Erregung. Sie sagt mir, was mein Thema ist; sie kommt aber nicht, wenn ich mich an den Schreibtisch vor ein leeres Blatt setze. Ich tue anderes, und wenn sich ein Gedicht meldet, nehme ich mir Zeit für es. Das geht natürlich nicht immer, zum Beispiel, wenn Verabredungen einzuhalten sind. Eine Entscheidung für Zuverlässigkeit ist dann meist eine gegen das Gedicht, denn die sprachträchtige Erregung läßt sich nicht konservieren, geschweige denn unter späteren Bedingungen neu hervorrufen.
Das „Klausur“-Gedicht ist ein Text des Übergangs von meiner abhängigen Existenz als Angestellter eines Verlages zu einer verhältnismäßig unabhängigen als freiberuflicher Autor. Auf einmal rückte mir die Wohnung, in der ich mich so wenig aufgehalten hatte wie alle Berufstätigen, spürbar auf den Leib. Das Gedicht ist nichts weiter, denke ich, als der Versuch, sie auf eine erträgliche Distanz zu bringen, damit ich mich, trotz ihrer Enge und Überfülltheit, in ihr bewegen kann.

Siebum und Waijer-Wilke: Wie kommt es, daß für Sie die Lyrik das ausschließliche Mittel der Weltaneignung zu sein scheint?

Pietraß: Darüber habe ich nie richtig nachgedacht. Es war mir bisher möglich, mich im Gedicht auszudrücken. Allmählich bemerke ich natürlich einen unbewältigten Rest, der größer wird. Bei ihm handelt es sich vor allem um die komplexeren, auch diffizileren Erfahrungen, in denen Wechselbeziehungen wichtiger werden. So gesehen, wächst der Druck zur Prosa, den die Verlage und die materiellen Bedingungen schriftstellerischer Existenz ohnehin schon ausüben. Als Lyriker will man aber nicht mehr als einen Roman schreiben. Prosa betrachte ich als eine Angelegenheit der zweiten Lebenshälfte, wenn man, im Abstieg begriffen, zurückschauend die jenseits des Gipfels befindliche Seite nicht mehr sehen kann und das Erinnern beginnt. Das Gedicht ist die Sache einer Vision, eines guten Tages, eines glücklichen Moments. Für die Bewahrung einer Familiengeschichte kann es nicht der Ort sein. Wir sind eine typische Umsiedlerfamilie, an deren Schicksal und Ergehen sich vieles zeigen ließe. Aber ich fürchte den Sitzmarathon. Ich glaube, ich habe ein Gespür für das Genre. Aber meine frühen Versuche blieben hinter meiner Vorstellung zurück. So wandte ich mich wieder dem Gedicht zu, das sich mehr und mehr als meine Form erwies.

Siebum und Waijer-Wilke: Sie haben ja diese Reiseimpressionen gemacht: „Seitenblicke“, die im letzten Jahr in Sinn und Form erschienen sind…

Pietraß: Das sind Miniaturen, eine Prosa, die mir entgegenkommt. Auf sie stieß ich, meisterhaft, bei einem Japaner, Yasushi Inoue. Er nennt diese Texte „Kisten“, Gebilde, in denen eingesperrt das Gedicht umgehe, das sie hätten werden können. So sind es Prosastücke mit den Flügeln des Gedichts. Die Sätze, die Stimmungskurve müssen so beschaffen sein, daß das Ganze in einen Schwebezustand kommt und diesen Punkt eines gesteigerten Gefühls erreicht. Die Chinesen, zum Beispiel, verlangen vom Gedicht, daß es an seinem Ende ausschwingt ins All. So etwas Ausschwingendes, das etwas mit Mysterium zu tun hat, wollte ich in diesen Miniaturen erreichen. Hinzu kommt die bewußte Handhabung der Sprache, die bei so geringem Umfang möglich wird und einen Gedichteschreiber befriedigt. Die Prosa, wie sie landauf, landab geschrieben wird, finde ich oft langweilig und unkünstlerisch, zumindest was das Sprachliche betrifft.
Auch im Zeitalter der optischen Medien halte ich Reiseimpressionen für sinnvoll, wie ich gern ältere Reiseliteratur lese. Reisegedichte indessen empfinde ich oft als problematisch. Gedichte sollten existentiell sein. Wann ist das unser Unterwegssein? Dennoch sehe und höre ich vieles, was ich nicht verloren geben möchte. Zum Tagebuch habe ich kein Talent, meine Tagebücher sind Merkbücher. Die „Seitenblicke“ beruhen auf einem Budapest-Aufenthalt. Manche halten sie für Prosagedichte. Für mich sind sie Prosa. Vom Prosagedicht verlange ich anderes.

Siebum und Waijer-Wilke: Dem Prosagedicht näher stehen wohl jene Gedichte, die auch typographisch wie Prosastücke gedruckt sind. Es gibt solche Beispiele in Ihren Lyrikbänden. „Klausur“ erscheint im Druckbild als ein Prosatext, aber es enthält den Reim…

Pietraß: „Tröstungen“ ist ein Prosagedicht, auch „Nicht rühren!“

Siebum und Waijer-Wilke: Ihre Rezensenten haben darauf hingewiesen, daß Sie die Kunst des Reimens meisterlich verstehen…

Pietraß: Die bei Lesungen häufig aufkommende Frage, ob man heute noch reimen könne, halte ich für albern. Ich sehe in der Verwendung des Reims keine grundsätzliche Entscheidung für eine bestimmte Schreibweise. Ich betrachte ihn als Mittel unter anderen, das gegebenenfalls seine Wirkung tun kann. Ich halte ihn in erster Linie für einen Verstärker, der das, was im Gedicht ohnehin ist, kräftiger hervorbringt. So wird ein trauriges Gedicht, durch den Reim, richtig verwendet, noch trauriger, ein fröhliches froher. Der Reim macht die Fröhlichkeit glaubhaft, weil er Sprachlaune ist, gesteigerte Sprachverfassung. Im Gedicht „Das Wrack“ fungiert er als kräftiger, die Aussage untermauernder Endreim, der am Zeilenende die Punkte nochmals setzt, durch seine Paarigkeit wie ein Beil nochmals in die Kerbe haut. Gedichten wie „Lebensraum“ verhilft er zu Geschlossenheit und Harmonie. Wieder anders ist es in „Der Ringende“. Dieses Gedicht brachte für mich den Beginn einer neuen Schreibweise:

DER RINGENDE

Greift tausendfingrig in die Luft, von Kohlgas umpufft.
Am Rande des Betts, seiner Gruft, schlagen ihn Pech und
Schwefel zusammen. Die Dampframmen des Straßenbaus
lassen ihn bis in die jüngste Wurzel erzittern. Die Krähen
wittern frisches Aas. In Höllengewittern vollendet sich,
was nicht im Himmelskessel verglüht. …

(Freiheitsmuseum)

Eine riesige, um ihr Leben kämpfende Eiche stand da als gigantisches Gleichnis, aber ein Bild ist noch kein Gedicht! Dafür bedarf es, metaphorisch gesprochen, so etwas wie eines Motors, durch den die Energie entfaltet wird, welche die Sprache zum Fließen bringt. Damit er nicht stockt; braucht der Gedankengang seine Bekräftigung. Hier war es so, daß nach mehreren Tagen fruchtlosen Grübelns sich plötzlich so etwas einstellte: Reime mitten im Satz! Wie Pumpstationen einer Pipeline, die das Öl, das nicht von selbst fließt, über weite Strecken treibt. Durch den Binnenreim entstehen Druck und Sog, die weiterjagen. Dieses Reimprinzip hat mir viel ermöglicht.
Man kommt so leicht in den Ruf eines Meisters. Wenn ich tue, was andere lassen, bin ich noch lange kein Meister des Reimes, sondern nutze, praktiziere ihn. Etwas vielleicht wirklich Nichtdagewesenes gelang mir in einem Gedicht, das im Band Spielball stehen wird. Es heißt „Der Tiergarten“. In ihm begnüge ich mich nicht mit dem Paarendreim. Ich verfalle zusätzlich auf einen springenden Reim, einen, der sich nach vorn einnistet. Er funktioniert so, daß ein Mittelwort der ersten Zeile sein Reimwort am Beginn der dritten Zeile findet, ein Binnenwort dieser dritten sein Reimwort im Anfangswort der fünften Zeile und so fort; das ganze mit einer Ausnahme, damit Form Freiheit bleibt.

Siebum und Waijer-Wilke: Mit Ihrem Gedicht „Der Ringende“ nehmen Sie die Problematik unserer Tage auf: die Umweltverschmutzung. Ist die Ökologie für Sie ein wichtiges Thema?

Pietraß: Ja. Die Literatur hat mit ihren – im Vergleich mit den bei uns hierin fast enthaltsamen Massenmedien – schwachen Kräften die unbedingte Pflicht, diese Probleme ins öffentliche Bewußtsein zu bringen. Es handelt sich um eine in ihren Wirkungen globale Frage, die unser menschheitliches Überleben ähnlich aufs Spiel setzt wie die Rüstung.

Siebum und Waijer-Wilke: Zahlreiche Gedichte in Notausgang reflektieren die Möglichkeiten der Poesie und des dichterischen Worts. Für Freiheitsmuseum hat Peter Böthig auf eine Abnahme dieser Reflexion über die Aufgabe des Dichters hingewiesen, Wie erklärt sich diese?

Pietraß: Böthig hat Recht, der erste Band hat stärker rollenklärende Bedeutung. Gerade nach einer solchen Phase glaubte ich, das Feld möglicher Wirkung abgesteckt zu haben. Es neu zu umreißen, bedarf es dieses gewonnenen Bewußtseins erschütternder Erfahrungen. In Freiheitsmuseum kann ich mich tatsächlich mehr den Dingen um mich zuwenden, brauche ich mich nicht mehr so stark meiner selbst versichern. Der erste Band ist weitgehend vom Konflikt mit der Norm getragen („ich und die anderen“), der zweite verschiebt sich zu „die anderen, unter anderem ich“. Das Gedicht „Frei“ in Freiheitsmuseum ist eigentlich ein Gedicht aus Notausgang, konnte damals aber nicht aufgenommen werden:

FREI

Du lebst mit mir, ohne mit mir zu leben.
Wir haben uns kein Versprechen gegeben.

Wir sehen uns mit freieren Augen an.
Uns gehören weder Hausstand noch Kinder an.

Wir bauen kein Nest, keine Zelle des Staats.
Am Rande, am Rand ist immer Platz.

Am Rande lebend, sind wir hinten und vorn.
Die Spanne dazwischen heißt tragende Norm.

Ohne mit mir zu leben, lebst du mit mir.
Nicht jedesmal lüg ich dir Dank dafür.

Freiheitsmuseum unternimmt stärker den Versuch der Erkundung menschlicher Möglichkeiten. Nehmen Sie ein Gedicht wie „Die Muskeln“ mit Charles Atlas, dem berühmten bodybuilder, der seinen Körper in einer Hinsicht zur Vollendung bringt. Und es finden sich Texte, wo die Menschen (mit ihnen die Menschheit) anders an die Grenzen ihrer augenblicklichen Möglichkeiten gehen („Homunculus“, „Klon“). Der sein Feld abtastende Mensch, das ist im Vergleich zu Notausgang der neue Gesichtspunkt. Darum wählte ich den Titel Freiheitsmuseum. Befreiungsversuche, Akte der Entfaltung, das Buch bewahrt sie.

Siebum und Waijer-Wilke: Enthält der Titel auch wieder eine Replik an Enzensberger, sein Mausoleum?

Pietraß: Nein. Das ist ein Begriff, den ich mir geschaffen habe, ein visionäres Wort. Und es steht wie eine Metapher. Das wird angedeutet. Ansonsten kann man sich an das halten, was in der Nachbemerkung ,Lesezeichen‘ formuliert ist: Kunst als Reich der Freiheit. Neben dieser Freiheitlichkeit, die vieles ermöglicht, was im materiellen Leben nicht realisierbar ist – diesem Klotz –, die bewahrende Funktion von Kunst, die Zeugnisse sammelt, Zeitzeugnisse, Lebenszeugnisse. Die Bücher müssen nur alt genug werden, dann sind sie kleine Museen früherer Lebenszeichen…

Siebum und Waijer-Wilke: Nur daß jeder Text durch die Rezeption immer wieder neu geschaffen wird!

Pietraß: Ja. Ich versuchte auch nur, den Begriff ein wenig aufzufächern, Daß es damit nicht getan ist, zeigt schon Ihre weitere Befragung des Begriffs.

Siebum und Waijer-Wilke: Weitere Angebote machen ja auch die Illustrationen des Bandes von Martin Hoffmann.

Pietraß: Martin Hoffmann führte mit mir ein langes Gespräch darüber, was ich unter Freiheit verstehe. Ich ging davon aus, daß Freiheit nur dort entstehen kann, wo Abhängigkeit ist. Wir müssen essen, unser Hunger ist Ausdruck unserer Abhängigkeit. Finden wir Sättigung, ist diese Abhängigkeit für Stunden überwunden, und wir sind frei für anderes. Wer immer satt zu essen hat, der ist praktisch frei von der Unfreiheit des Hungers. Ich hätte es gern gesehen, daß Martin Hoffmann solche Dimensionen in seinen Collagen thematisiert; meinetwegen durch eine Lebensmittelpyramide für Hunger und Sattsein, Fahrrad, Eisenbahn, Überschallflugzeug für Ortsgebundenheit und wachsende Freiheit der Ortsveränderung in der Zeit. An den fesselnden Sexualtrieb hätte erinnert werden können und an die Begrenztheit und Verlängerung unserer Lebensfrist. Der uralte Traum vom ewigen Leben und damit die Ungestundetheit menschlichen Handelns, auch er erinnert daran, daß die Befreiung von etwas stets zugleich Befreiung zu etwas ist. Das hätte ich mir differenziert gezeigt gewünscht. Wir haben uns dann auf ein Konzept geeinigt, das die Freiheiten und Unfreiheiten der Körperteile – der Füße, der Hände, des Geschlechts, des sinnbestückten Kopfes – darstellen soll, die sich in meinen Gedichten oft genug verselbständigen und den Rang von Geschöpfen beanspruchen. Ein weiteres Blatt sollte all diese sich separierenden, divergierenden Bedürfnisse und Möglichkeiten wieder integrieren. Was am Ende davon ablesbar geworden ist, vermag ich nicht zu beurteilen.

Siebum und Waijer-Wilke: In welcher Zeit haben Sie nach Bernd Jentzsch das Amt des Herausgebers von Poesiealbum übernommen, und versuchten sie eine getreue Nachfolge?

Pietraß: Es gleichgut fortzusetzen, war meine einzige moralische Legitimation, eine andere Rechtfertigung gab es nicht. Es bestand Gefahr, daß diese Lyrikreihe versandet. Daß ich nicht bereit war, den gewünschten Schwenk zu machen, wurde, als man das begriff, mir denn auch zum Verhängnis, und ich mußte diese Tätigkeit beenden. – Das Jahr 1977 war noch ein Übergangsjahr: von Jentzsch schon geplant, aber nur zum Teil erarbeitet. Das Ausstehende habe ich realisiert, von dem nicht alles gebilligt wurde. So wurde ein noch von Bernd Jentzsch ausgewähltes, bereits in den Fahnen gedrucktes Sarah-Kirsch-Heft erst verschoben, dann, nach ihrem Weggang, aufgehoben. Ein Eliot-Heft wurde abgeblasen, obwohl ich schon die Auswahl getroffen hatte. Die Jahre 1978 und 1979 sind von mir geplant. Mein Abschnitt beginnt mit Andreas Gryphius (Heft 124) und reicht bis Frank Wedekind (Heft 148).

Siebum und Waijer-Wilke: Bei Durchsicht einiger neuer Hefte fiel mir auf, daß der Herausgeber der Hefte jetzt häufig wechselt. Gibt es keinen festen Betreuer der Reihe mehr?

Pietraß: Den ausgedruckten Herausgeberstatus hatte nur Bernd Jentzsch, und auch er nur in seiner letzten Zeit. Mir hat man das nicht zugebilligt, obwohl ich, und das war mir das Entscheidende, die Reihe konzeptionell bestimmte. Ich habe etwa 90 Prozent dessen durchgesetzt, was ich wollte, das ist sehr viel; mehr gelang auch Jentzsch nicht. Im Verlag bedrängte man mich oft mit kurzfristigen, taktischen Vorstellungen. Kam ein amtsgewaltiger Bruderdichter, wollte man am liebsten ein Geschenk machen, irgendetwas improvisieren. So eine Edition muß verläßlich orientieren und unabhängig bleiben von derartigen Verbindlichkeiten. Sie ist wie ein Gewässer, das nur eine bestimmte Belastung verträgt, wenn es nicht umkippen soll. Verliert der Leser durch schwache Hefte das Vertrauen, trifft das die ganze Reihe.

Siebum und Waijer-Wilke: Im Begleittext zum Poesiealbum 82, das Ihre eigenen frühen Gedichte erstmals gebündelt veröffentlicht, weist Bernd Jentzsch auf einen Aspekt Ihrer Lyrik, der unserer Meinung nach erst in den Ansätzen wahrnehmbar war, wenn es heißt: „die Entfaltung des Gegenstandes in seiner Variierung, das Wort, das sich sozusagen selbst überquert…“. Gerade dieses sprachliche Phänomen wird erst ganz faßbar in Ihren späteren Bänden, vor allem in Freiheitsmuseum. Woher kam Jentzsch diese frühe Einsicht? Ist es das enorme Gespür des Lyrikers oder kannte Jentzsch auch schon andere Gedichte, die nicht in dem Poesiealbum standen?

Pietraß: Nein, letzteres nicht. In dem Heft finden sich schon eine Reihe sprachspielerischer beziehungsweise seriell variierender Gedichte. Wir verbrachten auch einmal ein paar Tage im Petzower Schriftstellerheim, wo wir über Arp und Enzensberger sprachen, von denen er ungleich mehr wußte als ich. Er spürte, wohin es mit mir ging, und hob darum wohl gerade diese Tendenz hervor, in der er mich ermutigen wollte.

Siebum und Waijer-Wilke: Redakteur waren Sie bei der Zeitschrift Temperamente?

Pietraß: Wenn man so sagen kann, war ich einer der Mitbegründer, Redaktionsmitglied von Anfang an. Ich hatte kaum im Verlag Neues Leben angefangen, rief mich der damalige Verlagsleiter Hans Bentzien zu sich und gewann mich für seinen Plan einer Vierteljahreszeitschrift für junge Literatur, die aus Papierkontingentsgründen als Almanach firmieren mußte. Wie fast jeden Autor reizte mich die Vorstellung, eine Zeitschrift zu machen, und ich sagte sofort zu. Das wechselvolle Schicksal unseres Journals in den folgenden drei Jahren nachzuzeichnen, ist hier nicht der Ort. Mit wechselnden Chefredakteuren hielt die Redaktion über alle Querelen hinweg zusammen, bis sie im Sommer 1978 aufgelöst wurde. Daß wir es in den drei Jahren unserer Existenz nur auf fünf erschienene Hefte brachten, beweist nichts gegen unseren Fleiß.

Siebum und Waijer-Wilke: Ein frühes Gedicht aus dem Poesiealbum, „Drachensteigen“, zeigt einen Drachen, der vom Ostwind abgetrieben wird, und „Am Abend verwandeln“ spricht von Mauerseglern, „die mit schrillen Schreien den ungeteilten Himmel befliegen“, in deutlicher Anspielung an Christa Wolf. Sind dies Stellungnahmen des Dichters Pietraß zur deutschen Teilung?

Pietraß: Insofern sie durch unsere Familie geht, ja. „Drachensteigen“ gilt meinem Bruder Alfred, der August 1961, zehn Tage vor Schließung der Grenze, noch weggegangen ist. Ich war damals fünfzehn, und sein Verlust blieb für mich viele Jahre lang etwas sehr Schmerzhaftes. Das Gedicht ist ein Nachvollzug dieses Ablösungsvorgangs.

Siebum und Waijer-Wilke: Das Kinderspielzug, der Drachen, als Bild des Verlustes – und die Mauersegler?

Pietraß: Sie verkörpern den Neid auf alle fliegenden Kreaturen, für die es Grenzen nicht gibt.

Siebum und Waijer-Wilke: Aber sonst wird dies nicht weiter zum Thema für Sie, abgesehen von der biographischen Erfahrung?

Pietraß: O doch. Solange ich nicht – wie nun schon seit 1979 – die Möglichkeit hatte, hin und wieder Einladungen in den mir sonst verschlossenen Teil der Welt zu folgen; war dies für mich das schwerste Trauma. Ich könnte Ihnen etwa ein Dutzend Gedichte nennen, die von dieser Wunde herrühren, den Vögeln nicht gleichgestellt zu sein…

Siebum und Waijer-Wilke: Dann bekommt von dieser Erfahrung her die vorher angesprochene Thematik des Fliegens eine weitere Dimension…

Pietraß: Ja.

Siebum und Waijer-Wilke: Das Gedicht „Douane“ (Freiheitsmuseum) stellt in der Vermittlung über ein Volker-Braun-Zitat aus „An Friedrich Hölderlin“ einen Bezug zu Hölderlin her. Man hat Ihren Gedichten Verwandtschaft mit Volker Braun und seiner Methode, Redensarten „beim Wort“ zu nehmen, nachgewiesen. Welche Bedeutung hat für Sie Hölderlin als literarische Bezugsperson und haben Braun und auch Karl Mickel für Sie?

Pietraß: Hölderlin verkörpert für mich die Reinheit. Als ich jünger war und noch wenig Grund hatte, mich für etwas schuldig zu fühlen, empfand ich mich diesem Ideal nahe. Im Fortgang meines Lebens wurde dieses einstige Leitbild immer mehr zum Spiegel eigenen Versagens. Wichtiger war Hölderlin für mich, als ich mich mit ihm identifizieren konnte und mir Ähnliches möglich schien. Auch Volker Braun war für mich am Beginn meines Schreibens eine bedeutsame Gestalt, vielleicht, weil ich in ihm das Ideal des Dichters in unserer Gesellschaft sah, dieses selbstbewußt-kraftvolle Eingreifen, die fast errreichte Identität. Es ist immer schöner, im Einklang zu sein. Natürlich wollte Braun seine Gesellschaft noch im Sinne des Ideals vervollkommnen und hielt dies für machbar. Man brauchte nur die Ärmel aufzukrempeln… Das war doch die Haltung der frühen 60er Jahre, in denen ich zu lesen anfing. Begann ich zu schreiben, imponierte mir dieser Elan. Auch die idiomatische Sprachbehandlung! Dann las ich Enzensberger und merkte, daß Braun viel mit ihm gemeinsam hat. Es gibt Gedichte, die regelrechte Partner-Texte sind. Da wurde Braun wichtig unter anderen. Inzwischen sind wir befreundet. Ich schätze ihn nach wie vor, nur schaffe ich es nicht, mich, so wie er – er ist fast besessen darin –, nicht beirren zu lassen, obwohl er auch Relativierungen seines Ideals hinnehmen muß.

Siebum und Waijer-Wilke: Können Sie Stellungnahmen jüngerer Autoren erklären, wie sie in der in diesem Jahr erschienenen Anthologie Berührung ist nur eine Randerscheinung nachzulesen sind, die Braun gegenüber sehr kritisch auf Distanz gehen?

Pietraß: Braun ist etwa zehn Jahre älter als ich, was eine Generation Unterschied ausmacht. Seine direkten Vorläufer begreift man noch gut. Für die zwanzig Jahre Jüngeren, und um sie handelt es sich bei dieser in der Bundesrepublik erschienenen Anthologie junger DDR-Dichter überwiegend, ist Braun bereits eine etablierte Vaterfigur, gegen die sie sich auflehnen, weil sie nur wenige verwandte Erfahrungen machen. Sie haben es auch wesentlich schwerer als meine, dazwischen liegende, Generation, sich in der Gesellschaft literarisch durchzusetzen. Indem sie mit dem eingeschliffenen Kanon stärker brechen, stellen sie eine größere Herausforderung für die Gesellschaft dar, die sich schwertut, sie zu drucken. Das ist ein schwelendes Problem zwischen einem Teil dieser Generation und der literarischen Öffentlichkeit mit ihren stillen Beamten.

Aus Deutsche Bücher Heft 2, 1985

DDR-Schriftsteller sprechen in der Zeit

Gerd Labroisse/Ian Wallace: Wie schätzen Sie aus heutiger Sicht Ihre Äußerungen im früheren Interview ein und wie würden Sie dort angeschnittene Fragen ergänzen wollen?

Richard Pietraß: Mir fehlt der Drang zu Ergänzung oder Neubewertung. Ich lasse das so stehen.

Labroisse/Wallace: Welche Chancen sehen Sie für sich als Autor in den wesentlich veränderten Verhältnissen seit der Wende? Erfahren Sie die neuen literarisch gesellschaftlichen Verhältnisse (auch in bezug auf die Distribution) als Erleichterung, vielleicht auch als kreative Herausforderung, oder eher als Bedrohung?

Pietraß: Das sind mehrere Fragen. Zu den Chancen: Da sehe ich für mich die allgemein schlechteren, die Literatur unter marktwirtschaftlichen Bedingungen hat. Man mag das beklagen. Ich bin darauf gefaßt. War ich über ein Jahr subdepressiv und nervös, erfüllt mich seit einigen Wochen Gelassenheit. Woher diese kommt, kann ich nicht mal sagen: vielleicht einfach daher, daß man nicht immerzu bedrückt und genervt sein kann. Je länger mir nichts wirklich Schlimmes widerfährt, desto eher schwindet meine Angst. Das geht den Menschen wie den Tieren. Zum erstenmal seit zehn Jahren habe ich wieder ein Stipendium beantragt – und bekommen. Im übrigen hoffe ich auf einen glimpflichen Effekt der Wohngeldregelung, denn Exmittierungen wären schlimmere Katastrophen als der Verlust eines bestimmten Arbeitsplatzes. Ich bin mir im klaren, daß ich auch neue Talente entfalten muß, zumal das Nachdichten nun kaum noch trägt. So habe ich jetzt erstmals zwei Rundfunksendungen zuwegegebracht – eine gute Erfahrung. Sie sehen, ich bin noch nicht geneigt, auf Kassandras Geheiß meine Einmannfirma zu schließen und mich, fände ich es, in das knochenfressende Joch irgendeiner Dauerbrotarbeit zu beugen. Dafür war ich, so seltsam das für Sie klingen mag, zu lange frei, nämlich zwölf Jahre. Nach dreiundzwanzig Jahren unfallfreiem Nichtfahren (so lange lag meine Führerscheinprüfung zurück) fahre ich nun ein Gebrauchtauto mit dem Erfolg einiger Schrammen und eines vergrößerten Lebensradius. Majakowski, der fünfundreißigjährig Selbstmord beging, sehnte sich zuletzt nach etwas schöpferischem Komfort. Ich werde demnächst fünfundvierzig und habe, selbst wenn ich das biblische Alter erreichen sollte, für mein Leben schon genug Gepäck geschleppt. Endlich sind die Schlösser meiner Mäzene erreichbar. Einladungen gibt es nach Thüringen, Würzburg ins Salzkammergut und in die Schären von Vaasa.
Als literarische Herausforderung empfinde ich die neue Situation noch kaum. Das Zurückliegende ist für mich von größerem Gewicht. Zudem kennen meine westdeutschen Kollegen die uns übergestülpte Käseglocke besser. Was soll ich ihnen vorlaut ins Wort fallen? Natürlich werde ich mich dem zuwenden müssen. Aber noch wehrt sich vieles in mir dagegen. Das zwangsadoptierte Kind, als das ich mich sehe, ist noch autistisch, spricht noch nicht mit seinen Stiefeltern.

Labroisse/Wallace: Meinen Sie, daß ,DDR-Literatur‘ eine abgeschlossene Epoche ist oder halten Sie es für möglich, daß von dieser Literatur bzw. von Ihnen selbst etwas DDR-Spezifisches in die deutschsprachige Literatur weiterhin eingebracht werden kann?

Pietraß: Nichts ist abgeschlossen, nicht einmal der Atommüll in seinen Fässern. Die Halbwertzeit unserer DDR-Erfahrungen halte ich für wesentlich größer, als sich mancher aktualistische Feuilletonchef träumen läßt. Ich hoffe auf wenigstens noch zwei Dutzend belangvoller Bücher über das, was uns geprägt hat und nur allmählich in uns und um uns verblaßt. Es wäre sträflich, dieses Exemplarische geringzuschätzen. Was in der DDR und in Osteuropa versucht wurde, fällt zurück ins Reich der Utopie. Diese vierzig Jahre unterschiedlicher Entwicklung haben beiden Seiten Behinderung wie Ansporn gebracht, stets mehr als nur den Reiz des Vergleichs.

Labroisse/Wallace: Sehen Sie für sich im vereinten Deutschland eine politische Aufgabe als Autor, oder hat (jetzt) Schreiben eine rein bzw. weitgehend ästhetische Funktion?

Pietraß: Deutschland ist so wenig vereint wie die DDR sozialistisch war. Das vordergründig Politische habe ich immer gemieden. Das heißt nicht, daß ich Politik nicht aufmerksam verfolge. Dadurch wird sie Teil meines Weltbilds, fordert sie mich häufiger mittelbar, seltener direkt zu einer Reaktion heraus. Parteipolitik hingegen ist nicht meine Sache. Ich strebe nach Überparteilichkeit, verbunden mit der Freiheit, von Fall zu Fall Partei zu ergreifen. Ich sehe mich als einen Mann des Ausgleichs, der seinen Standort in Abhängigkeit von der realisierten Politik einnimmt, bevorzugt zur Wahrung der untergebutterten Interessen der jeweils Schwachen. Bürgerliche Demokratie ist leider auch nur Herrschaft: die von Wahlsiegern, die ihre populistischen Versprechen nur allzu oft brechen. Zu den Verlierern wird, unabhängig von ihrem Wahlverhalten, auf absehbare Zeit die DDR-Bevölkerung gehören.

Labroisse/Wallace: Haben Sie in der Zeit der Wende überhaupt schreiben können? Haben Sie sich schriftstellerisch mit den Ereignissen der letzten anderthalb Jahre auseinandergesetzt? Werden Sie sich in Zukunft mit dieser Thematik beschäftigen?

Pietraß: Kaum. Es war für mich das Jahr des offenen Mundes. – Nein. Ich hatte anderes zu tun. So wiederbelebte ich mit anderen eine Zeitschrift. Ich spreche von LITFASS, als dessen Jahresredakteur ich auch Aktuelles beim Schopfe nahm. Darüber hinaus war ich als Jäger und Sammler maßgeblich am Zusammentragen einer Ausstellung über die literarische Zensur in der DDR beteiligt. Sie war unlängst in Berlin zu sehen und macht nun die Schauer-Runde über Frankfurt am Main, München und wahrscheinlich auch noch Leipzig und Bremen. Solcherdings blieb kaum Muße, und die Musen mieden mich wie einen Aussätzigen. Nun winke ich mit dem Ruhekissen. Den Rest wissen die Götter.

Gerd Labroisse und Ian Wallace (Hrsg.): DDR-Schriftsteller sprechen in der Zeit. Eine Dokumentation, Rodopi, 1991

Grenzübergang Friedrichstrasse, Februar 1984

Ein paar Stunden vor der Abfahrt ist Richard gekommen und hat ihm seinen gerade erschienenen Gedichtband gebracht. Ein schöner Titel: Freiheitsmuseum. Um die Mittagszeit verschwindet er in diesem Glaskasten, der hier Tränenpalast heißt. Nachdem er die Kontrolle hinter sich hat, wartet er brav auf dem Bahnsteig vor dem Zug, der schon abfahrbereit auf dem Gleis steht. Es ist verboten, in einen Wagen zu steigen, solange die Erlaubnis nicht erteilt wurde. Die Polizeihunde müssen erst fertiggeschnüffelt haben. Wenn sich ein Fuss auf die weisse Linie vorwagt, bellt eine Uniform. Kurz aufwallender Hass auf die Bullen dieses Staates und aller Grenzen.

Übersetzung: Gabriele Wennemer Luxemburg, 30.9.2005

Sur les routes de la gastronomie
Il est facile de le suivre à la trace
Dans la langue, il plaide pour l’économie
Vous aurez reconnu Richard Pietrass!

Alain Lance

 

Richard Pietraß Lesung und Gespräch mit Sebastian Kleinschmidt am 27.3.2018 im Haus für Poesie

Richard Pietraß zum 70. Geburtstag:

Jan Wagner: Lob des Spreewals
Der Tagesspiegel, 11.6.2016

Stefan Sprenger: Dass der Mensch der Stil sein möge
Sprache im technischen Zeitalter, Heft 218, Juni 2016

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG 1 & 2
Porträtgalerie:  Galerie Foto Gezett
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Das Pietraß _______ Aus einem Bestiarium Literaricum, aufgefunden im Archiv des Museo Rhinum; übersetzt von Peter Böthig

 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.