Tilbert Stegmann (Hrsg.): Ein Spiel von Spiegeln

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Tilbert Stegmann (Hrsg.): Ein Spiel von Spiegeln

Stegmann (Hrsg.)/Tàpies-Ein Spiel von Spiegeln

LAND VON ANTONI TÀPIES

Der Winter trägt die Farbe dieses Marmorstaubs.
Es brennt die Esse grüner Helligkeiten
unterm sichtbaren Licht der Zweige, so klar,
so nackt, eine Umzäunung der Brände des Monats
aaaaaApril.
Wir brauchen ein Land, pulsierend vor Wasser und
aaaaaGras,
ein Nebeltropfen in des Himmels Kehle.
Marmorstaub, Stein, der Karton und das Eisenzeug,
sie luden das Erbe der Jahreszeiten sich auf,
das Erbe der Zeit, welche den Menschen umgibt:
das Gold der Zeremonien und auch das zitternde Grün,
das nächtliche Blau und das Blau, gesehn von geschlossenen Augen,
im Ring der Dunkelheit, welcher das Trugbild entflammt.
Wir brauchen ein Land, ein Erbe, das hohe Beispiel
der Helligkeit der Pappeln und das nackte Fenster,
das die Durchsichtigkeit der völligen Leere erblickt.
Ein Land, um dorthin zurückzukehren, noch tiefer hinein
als in das, was wir fordern, noch tiefer hinein
als in das, was uns je zu erträumen gelang:
Ein Land, wo das Dunkel der Aussöhnung gleichkommt
des Raums und des Menschen; wie die Wurzel des Raums,
eingekrallt in den Untergrund, wie die Wurzel des Raums,
eingekrallt in die schwarzen Minen des Firmaments.
Dorthin zurückkehren, ist wie zurückkehren in das Land, wo die Augenblicke
weder geboren werden noch sterben: gegenwärtig und geschichtslos,
der Erinnrung versperrt, sind sie nichts als Erkenntnis.
Wie die Hand, wie der Leib, wie der fiebernde Geist
hat alles Sein aufgehört, aufzukratzen, was es umgibt.
Jetzt ist die Zeit gekommen, zu warten und zu erkennen,
die Zeit der Geräte, die ins Wasser der Dachböden getaucht sind,
Seefahrtskünste des Schutts, Kloster
aus Laken und Grünspan, Land vor diesem Blut.
Die Zeit der Menschen, die plötzlich ein Reich gefunden:
die reine Klarheit, sich lebend zu wissen.

Pere Gimferrer
Übersetzt von Thomas Fritz

 

 

Die Auswahl

Es ging darum, eine zwar begrenzte, aber nicht zu kleine Zahl der bedeutendsten katalanischen Dichter dieses Jahrhunderts vorzustellen. Zu den Dichtern unseres Jahrhunderts wurden diejenigen gerechnet, die im Jahre 1900 noch nicht über sechzehn Jahre alt waren und damit praktisch ihr ganzes Werk nach diesem Datum verfaßt haben.
Wer eine Weile mit den Katalanen und der katalanischen Kultur zusammen lebt, kennt die Namen, die allgemein zu den unbestrittenen Klassikern dieses Jahrhunderts gerechnet werden: CARNER (der älteste Aufzunehmende, der 1900 gerade sechzehn Jahre alt wurde), RIBA, SAGARRA, FOIX, ESPRIU. (Die beiden zuletzt Genannten, der einundneunzigjährige Foix und der jüngst verstorbene SALVADOR ESPRIU, wurden seit Jahren immer wieder als katalanische Kandidaten für den Nobelpreis vorgeschlagen.) CARNER und RIBA sind nach den noch älteren VERDAGUER und MARAGALL und neben den beiden Mallorkinern COSTA I LLOBERA und ALCOVER so etwas wie die großen alten Herren der modernen katalanischen Lyrik. Zu diesen Klassikern kann man vielleicht drei jüngere hinzunehmen: BROSSA, der Klassiker der Avantgarde und des Experiments (übrigens so wie Foix der Klassiker des Surrealismus ist); FERRATER, der Klassiker der „jungen Generation“ (schon vor vierzehn Jahren durch Freitod aus dem Leben geschieden), und ANDRES I ESTELLÉS, der Valenzianer, Klassiker des Südteils der katalanischen Länder, einer Region, die im Mittelalter so große Lyriker wie AUSIÀS MARCH vorzuweisen hatte.
Zu diesen Namen drängen sich sogleich die zwei katalanischen poètes maudits mit ihren Doppelnamen: SALVAT-PAPASSEIT und der Mallorkiner ROSSELLÓ-PÒRCEL, jeweils nur knapp dreißig bzw. fünfundzwanzig Jahre alt geworden, bevor sie an Tuberkulose starben.
Als bedeutendster Dichter Nordkataloniens gilt J.S. PONS, als bedeutendste Dichterin der alten Generation Ribas Ehegefährtin CLEMENTINA ARDERIU.
Völlig lückenhaft bliebe die Liste, wollte man nicht die führenden Namen der Dichterreihen berücksichtigen, die einen Schritt hinter den genannten Klassikern stehen: MARIÀ MANENT, PERE QUART (mit seinem entmythisierenden ironischen Stil), BARTRA, TORRES (der Repräsentant des katalanischen Landesinnern um Lleida) und VINYOLI. PALAU I FABRE war die Stimme der nach Frankreich ausgerichteten revoltierenden Poeten in finsterster Francozeit. LLOMPART ist der bedeutendste lebende mallorkinische Dichter, MARTÍ I POL der beliebteste (und meistverkaufte) katalanische Dichter der mittleren Generation, der im nördlichen katalanischen Küstengebirge, abseits von Barcelona, sein schweres Krankenschicksal (Bewegungs- und Sprechunfähigkeit) in bemerkenswerter Weise trägt.
Die bisher genannten 20 Namen könnten sicherlich in jeder Versammlung von Kennern der katalanischen Literatur mit einem Konsens rechnen. Der eine würde vielleicht BLAI BONET noch als Vertreter mallorkinischer Lyrik aufgenommen haben (oder andere mehr), der andere hätte einen oder einige weitere Valenzianer aufgenommen oder den Nordkatalanen JORDI-PERE CERDÀ. Anthologien der sechziger Jahre hätten JOAN TEIXIDOR einbezogen, andere zu Marià Manent auch TOMÀS GARCÉS gesetzt und zu Carner seinen Altersgenossen JOSEP MARIA LÓPEZ-PICÓ. Aber man könnte wohl auch eine Mehrheit für die von mir gezogene Linie finden.
Schwierig war es allerdings bei der unübersehbaren Fülle von jüngeren Dichtern. Mir schien es am leichtesten, nur drei eindeutig herausragende Autoren wie NARCÍS COMADIRA und PERE GIMFERRER (vierundvierzig und einundvierzig Jahre alt) und auch FELIU FORMOSA (zweiundfünfzig Jahre alt) gewissermaßen stellvertretend, etwa für JORDI SARSANEDAS oder FRANCESC VALLVERDÚ, die ich auch gerne aufgenommen hätte, und für viele andere an den Schluß zu stellen.
Nachdem einmal die Liste der 23 Aufzunehmenden aufgestellt war, begann die (angenehme) Arbeit der Lektüre und der Auswahl der schönsten Gedichte. Nach welchen Kriterien bestimmt man „schönste Gedichte“? Erlauben Sie mir, mich dazu nur in einer kurzen Umschreibung zu äußern: Ich habe Gedichte aufgenommen, die auch nach oft wiederholter Lektüre für mich noch einen Zauber ausströmten, die noch nachklangen und nachdenklich machten. Ich habe außerdem natürlich versucht, Themen, die unter katalanischem oder internationalem Aspekt interessant waren, stärker zu berücksichtigen.
Ich habe insgesamt eindeutig kürzeren Gedichten den Vorrang gegeben (mit wenigen Ausnahmen). Schwierige Gedichte sind in meiner Auswahl sicher unterrepräsentiert – ohne daß ich deswegen Gedichten mit komplexen poetischen Verweisungen, solange sie von einem ersten Eindruck her schon gut wahrnehmbar waren, ausgewichen wäre.
Bei den meisten Dichtern kennzeichnet die Anzahl der aufgenommenen Gedichte (oder die Gesamtanzahl der Verse) meine persönliche Werteinschätzung. Ich hoffe, daß der Leser auch in der Übersetzung diesen Akzentsetzungen folgen kann. Es ergab sich schließlich eine Gesamtzahl von 74 katalanischen Gedichten, die zwischen den Jahren 1906 und 1981 entstanden sind.
Ich habe alle Gedichte (außer den wenigen schon vom Autor datierten) durch die Jahreszahl in Klammern unter dem jeweiligen Text datiert. Meist sind dies die Daten der ersten Veröffentlichung in einem Gedichtband; wo ich allerdings das Datum der Fertigstellung des Einzelgedichts oder wenigstens der Epoche, in der es geschrieben wurde, feststellen konnte, habe ich dieses (frühere) Datum statt des Publikationsdatums eingesetzt.
Die Texte sind den jeweils zuverlässigsten Gesamtausgaben entnommen; in einigen wenigen Fällen habe ich allerdings geringfügige Verbesserungen aus Einzelausgaben übernommen.

Tàpies’ Illustrationen

… Als wir Tapies baten, zu der vorliegenden Anthologie Farbzeichnungen und Collagen beizutragen, hat er sofort begeistert zugestimmt – und zwar aus verschiedensten Gründen, die deutlich machen, daß die Kombination der katalanischen Gedichte mit dem Werk von Tàpies sich geradezu aufdrängte und einen Glücksfall der Beziehung zwischen den Künsten darstellt.
Tàpies ist ein besonders klares Beispiel für die Wechselwirkung zwischen katalanischer Literatur und Kunst. Nicht nur diejenige, der einmal Tàpies zu Hause besucht hat, ist überrascht von der vorzüglichen literarischen Bibliothek (mit kostbaren Erstausgaben katalanischer Literatur, die Tapies mit Hingabe gesammelt hat). Auch wer seine Autobiographie Memòria personal gelesen hat, wird über den ungewöhnlich intensiven Umgang von Tàpies mit Büchern erstaunt sein.
… Tàpies ist es mit seinem Beitrag zu dieser Anthologie ein besonderes Anliegen gewesen, durch das Prestige der katalanischen Kunst mitzuhelfen bei der Verbreitung auch der Literatur seiner Nation. Eine Reihe seiner Arbeiten spielen direkt auf Dichter unserer Anthologie an: Poema auf ein Gedicht von Joan Brossa; Aparicions („Erscheinungen“) auf einen Gedichtband von Pere Gimferrer, der mit Radierungen von Tàpies erschienen ist; Les irreals omegues („Die unwirklichen Omegas“) auf den surrealistischen, 1948 im Untergrund veröffentlichten Gedichtband von J.V. Foix; Ara és demà („Heute ist morgen“) auf Martí i Pol; La mà del foc („Die Feuerhand“) auf Vinyoli und schließlich Niuada de calàndries („Lerchennester“) auf einen Vers des katalanischen Nationaldichters der Neuzeit Jacint Verdaguer; Tàpies behauptet, diese drei Worte hätten ihn als Kind musikalisch und magisch so beeindruckt (ohne daß er gleich genau verstanden hätte, was sie bedeuten), daß er sie nie wieder vergessen habe.
Die Korrespondenzen zwischen Tàpies’ Bildern und den Texten – zwischen moderner Dichtung und Kunst – verstärkt das Spiel der Spiegelungen der Gedichte dieses Bandes untereinander und zur katalanischen Lyrik vergangener Jahrhunderte ebenso wie zur europäischen Lyrik überhaupt…

Tilbert Stegmann, aus dem Vorwort, August 1986

Wege der katalanischen Lyrik im 20. Jahrhundert

Wie soll man die Entwicklung der katalanischen Dichtung im 20. Jahrhundert auf wenigen Buchseiten darstellen? Wie soll man diese Entwicklung und ihre unterschiedlichen Richtungen von der Gesamtentwicklung der europäischen Dichtung absetzen? Man müßte längere Passagen über die geschichtlichen Ereignisse vorausschicken, über Gesellschaft, Politik, Kultur. Man müßte an gewonnene und verlorene Schlachten erinnern, an berühmte Namen, Bewegungen, Zufälle. Diese Seiten sind zum Glück anderweitig geschrieben worden, der Interessierte kann sie nachlesen. In diesem Text geht es vor allem um das Phänomen Dichtung, um den Korpus katalanischer dichterischer Texte dieses Jahrhunderts, der durch die vorliegende Anthologie versuchsweise repräsentiert wird.
Dichtung ist Sprache. Es ist gut, dies an den Anfang zu setzen, denn von der Sprache bezieht Dichtung ihre Möglichkeit und ihre Besonderheit. Im Grunde beweist sich das Talent eines Dichters an seiner Leidenschaft für die Sprache. Der Dichter ist Magier und Forscher, er stimmt sein Instrument, um ihm sowohl althergebrachte Töne, mit denen er sich in der Überlieferung einer Kulturgemeinschaft weiß, zu entlocken, wie auch neue Töne, mit denen er in einem Dialog mit den ästhetischen und intellektuellen Strömungen seiner Zeit steht. Seine Subjektivität kristallisiert in poetischen Formen, die allgemeine Gefühle und Gedanken ansprechen können – jenseits privater oder nationaler Grenzen.
Diese konflikthafte Beziehung zu ihrer Sprache kennzeichnet alle Dichter. Aber im Fall der Dichter katalanischer Sprache weist sie noch einige Besonderheiten auf. Das Katalanische hat nämlich nach seiner glänzenden mittelalterlichen Vergangenheit für eine längere Zeitspanne nur spärlich literarische Werke vorzuweisen – es scheint, als handele es sich um einen Kollektivverzicht jedenfalls in der Oberschicht) auf ambitionierte literarische Projekte. Das Katalanische wird im privaten Verkehr weiterbenutzt – sogar in den Notariaten, in den kirchlichen Dokumenten und anderen schriftlichen Bereichen −, aber nicht für die literarische Kommunikation, jedenfalls nicht auf dem Niveau eines Ramon Llull, Ausiàs March, Bernat Metge oder Joanot Martorell. Die Gründe für diesen Verzicht kann man nicht einfach nur der spanischen Kolonisierung anlasten – die eigentlich erst nach 1714 so richtig einsetzte. Für die historische katalanische Soziolinguistik ist hier noch ein interessantes Feld offen. Jedenfalls ist ein Bruch in der kulturellen Tradition zu konstatieren, der bis über das erste Drittel des 19. Jahrhunderts hinausreicht und bis zur berühmten Renaixença  andauert, in der das Katalanische als kollektives kulturelles Ausdrucksmittel wiedergewonnen wird. Diese Rückgewinnung der Muttersprache auch für den literarischen Bereich war nicht leicht. Es bedurfte einer dauernden und bewußten Anstrengung, um das Katalanische wieder zu einem ganz normalen Vehikel auch für modernste Ausdrucksformen zu machen. Ich würde behaupten, daß – auch durch den radikalen Rückschlag unter Franco – sich noch heute jeder ernsthafte katalanische Schriftsteller mit diesem Problem konfrontiert sieht. Selbst J.V. Foix, den man wirklich nicht des Traditionalismus verdächtigen kann, schreibt in seinem Brief an Clara Subirós: „Ich weiß, Clara, Du wirst auch darauf hinweisen, daß ich in vielen meiner Gedichte alte Reime und überlieferte Rhythmen benutze. Aber Du solltest mich dafür loben, denn ich habe das mit Rücksicht auf unsere Sprache und unsere Gemeinschaft und als Dienst an beiden getan: Wer wird in seinem Land, das erst aufgebaut werden muß, damit beginnen, Mauern einzureißen?“
Immerhin glaube ich, daß es für eine Gesamteinschätzung der katalanischen Dichtung – wie übrigens für jede Dichtung – sehr wichtig ist, zu klären, welche Dichter es gewagt (und fertiggebracht) haben, Mauern einzureißen, um der Tradition neue Arten des Sagens und neue ästhetische Erfahrungen hinzuzufügen.
Es geht nicht allein um die Qualität, sondern um die besondere Begabung, die Sprache so in den Griff zu nehmen, daß neue Formen möglich werden, in denen die kulturelle und literarische Tradition fortgeführt werden kann. Es wird immer Dichter geben, die dabei eine sehr entscheidende Rolle spielen, und andere, die vielleicht genauso gut (oder sogar besser) sind, aber deren Werk nicht zu der allgemeinen Weiter- und Vorwärtsentwicklung beim komplizierten Prozeß der ästhetischen Veränderungen beiträgt. Und oft ist das auch noch mehr eine Frage des historischen Glücks, in die richtige Epoche hineingeboren zu werden, als eine Frage der dichterischen Begabung.

Ich glaube, daß die in dieser Anthologie vertretenen Autoren ein Beweis für die Qualität der zeitgenössischen katalanischen Dichtung sind. Ihre Spuren zeigen uns den Weg, den das ästhetische Denken in der Poetik des 20. Jahrhunderts zurückgelegt hat. Denn, obwohl ich bisher vom Faktor Sprache geredet habe, um das Phänomen des Dichterischen zu fixieren, möchte ich natürlich eilends hinzufügen, daß man es mitnichten allein als formale sprachliche Systemstruktur betrachten darf, sondern daß man auch weniger abstrakte, flexiblere Systeme zu seiner Charakterisierung hinzuziehen muß, die das Sprechen als individuellen Akt und als individuelle Sprachverwendung auffassen. Deshalb sollte man, nachdem man das kollektive Element an der Dichtung beleuchtet hat, auch das individuelle Talent bedenken, das die Dichtung just in der Form, in der wir sie wahrnehmen, ermöglicht – eine Form, die Träger der Themen, Gedanken und Leidenschaften jedes Dichters und jeder Zeit ist.
Eine der Beschränkungen, der eine Anthologie wie die vorliegende zwangsläufig unterworfen ist – da sie ein dreiviertel Jahrhundert umfaßt −, besteht darin, von jedem Autor eine „wesentliche“ Auswahl bieten zu müssen und zwar mit wenigen Gedichten. Aber diese Beschränkung ist auch zugleich ihr Vorteil, denn der Zwang zur ästhetischen Synthese gibt den Werten, die von Dauer sind, den Vorzug vor den Epochenmoden.
So ist von JOSEP CARNER keines jener mythisch-realistischen Gedichte vertreten, die ihn zu einer Hauptfigur des Noucentismus gemacht haben, jener ästhetischen Epoche, die in so entscheidender Weise den Anfang des 20. Jahrhunderts in Katalonien auch politisch – geprägt hat. Die von Carner hier aufgenommenen Gedichte hingegen zeigen seinen Bezug zum Symbolismus, der Carners Begabung am eindrucksvollsten offenbart: er ist mit den großen Symbolisten der europäischen Literatur vergleichbar. Sein Symbolismus allerdings wird von zwei bedeutenden Einflüssen nuanciert: vom Klassizismus der Form und vom Realismus der verwendeten Bilder. Diese bei den Elemente verleihen Carners Dichtungen eine besondere Note, durch die sie sich vom archetypischen Symbolismus unterscheiden. Das erste verleiht ihnen den Schein abgeklärter Traditionalität, wobei sich Durchsichtigkeit und Strenge paaren – man fühlt sich auf die griechisch-lateinische Dichtung verwiesen. Das zweite Element bringt ein ganzes Universum in seine Gedichte: Menschen, Dinge, Beziehungen, Pflanzen, Meer, Himmel, Steine und Erdformen. Nichts ist ihm fremd, alles wird im Gedicht so verarbeitet, daß ihm der Atem des Lebens erhalten bleibt, aber durch die Bezüge im Gedicht ein neues Mysterium entsteht. Unter diesem Aspekt können wir bei Carner den fruchtbaren und dauerhaften Einfluß der Romantik feststellen, ein Einfluß, der sich im Symbolismus findet, sich in einigen Seiten der Avantgarde fortsetzt und der bis heute noch nicht versiegt ist. So ist Carner für das heutige dichterische Denken noch attraktiv, und sein Einfluß – ob nun eingestanden oder nicht – wird bei den besten katalanischen Dichtern dieses Jahrhunderts spürbar. Es ist kein Zufall, daß Gabriel Ferrater in einem seiner Gedichte (das glücklicherweise in dieser Anthologie vertreten ist) sagen kann, Carners Worte seien für ihn „eine Heimat“. Der Schatten Carners liegt schicksalhaft und fruchtbar auf der zeitgenössischen katalanischen Dichtung, besonders auf den Autoren, die – seine Meisterschaft anerkennend – eigene Wege gegangen sind.
Einer dieser Dichter ist CARLES RIBA, ebenfalls für die katalanische Lyrik von grundsätzlicher Bedeutung. Riba ist ein schwieriger Dichter; einer, der bemüht ist, die Aussage bis auf ihre essentiellste Form zu verdichten. Riba schreibt vom Intellekt her, selbst wenn das Motiv einem Gefühlserlebnis zu verdanken ist. Riba hat die ganze Epoche des poetischen Hermetismus mitgelebt, die Algebra der Metaphern und Konzepte. Er war zugleich ein wirklicher „homme de lettres“, ein Humanist und Philologe (Griechischprofessor an der Universität) und Übersetzer der antiken Klassiker – seine Odyssee-Übersetzung ins Katalanische ist ein Meisterwerk −, und er hat auch Hölderlin, Rilke und Kafka übersetzt; er war ein Vorbild der neuen Generation, die sich in den fünfziger Jahren wieder für eine katalanische Kultur einzusetzen wagte, und er hat in dieser Zeit auch die jungen spanischen Schriftsteller für eine Anerkennung ihrer katalanischen Nachbarkultur gewonnen. Diese Vorbild- oder Führungsfunktion Ribas ist im Grunde bis heute für jeden Schriftsteller bestimmend, vor allem aber für denjenigen, der über den Stellenwert der katalanischen Kultur reflektiert. Riba wurde zu einer intellektuell sehr bedeutsamen, ja exemplarischen Gestalt; in seiner reifsten Phase schrieb er, unter dem Eindruck des Bürgerkrieges und der kollektiven Tragödie Kataloniens, nach 1939 im französischen Exil einen Gedichtband von geradezu klassischer Schönheit, die Elegies de Bierville, zwölf lange Elegien, in denen seine Reflexionen über das Schicksal der Menschen eine mythische Intensität annehmen. Sein entsagender tragischer Ton macht Riba zu einem der größten zeitgenössischen Dichter der Klage und Verzweiflung.

Mit diesen beiden großen Autoren finden die wichtigsten Tendenzen der dichterischen Moderne in die katalanische Dichtung Eingang: auf der einen Seite der Symbolismus, Erbe der Romantik, der den Bildern der Wirklichkeit transzendente Bedeutung von großer metaphysischer oder eben symbolhafter Tragweite verleiht. Es handelt sich dabei jedoch um eine Symbolhaftigkeit von abstrakter, nicht eindeutig fixierbarer Bedeutung, die mehr suggestiv und assoziativ wirkt, auch gerade wenn sinnliche Elemente der natürlichen Welt benannt werden. Auf der anderen Seite der sozusagen intellektuelle Sproß des Symbolismus, nämlich die „poesia pura“, der poetische Hermetismus, der Imaginismus usw. – denn der Namen sind viele für diese ästhetische Entwicklung in der Epoche zwischen den beiden Weltkriegen. Auch der Hermetismus benutzte Sprache symbolisch. Das Symbol bleibt ebenfalls abstrakt, aber genau definiert; es wird mehr Wert gelegt auf die Genauigkeit des Gedankens und der Bedeutung als auf die gefühlsmäßige Atmosphäre, die im Symbolismus des Fin de siede im Vordergrund stand.
Diese beiden grundsätzlichen Strömungen, die die gesamte europäische Dichtung in dieser Zeit mitbestimmen, werden im Falle der katalanischen Dichtung durch eine bestimmte Konstante nuanciert, die seit jeher den Katalanen eigen gewesen zu sein scheint, nämlich den Realismus. Nur wenige katalanische Dichter verzichten wie auch immer ihre ästhetische Tendenz sei – auf den ständigen Bezug zur sichtbaren Wirklichkeit. Vielleicht ist es diese Tatsache, die der katalanischen Dichtung eine besondere Physiognomie verleiht. Ihr ist es zu verdanken, daß vor dem Leser im allgemeinen deutlich profilierte, fast objektive Bilder entstehen. Die Dichter unterscheiden sich in ihrer rhetorischen Komplexität oder in ihren ästhetischen und kulturellen Reflexionen, aber die ersten unter ihnen werden immer auch das Phänomenologische des Existierenden herausstellen – sie werden Formen, Räume, Farben zeigen, in die Beziehungen, Leidenschaften, Gedanken gekleidet sind.
Wir könnten diesen radikalen Realismus mit den gleichen Worten erklären, mit denen es J.V. Foix in seinem schon genannten Brief, Lletra a Clara Subirós, tut: „Wenn Du mich liest, … denke immer daran, daß ich ein Zeuge dessen bin, was ich erzähle, und daß das Reale, von dem ich ausgehe, von dem ich lebe und an dem ich leide (wie Du weißt), und das Irreale, das Du dahinter zu entdecken glaubst, ein und dieselbe Sache sind.“
J.V. Foix ist eine andere zentrale Gestalt in der zeitgenössischen katalanischen Dichtung. Er wäre sicher als einer der originellsten und bedeutendsten Dichter Europas anerkannt, wenn er nicht auf katalanisch geschrieben hätte und damit weithin unbekannt geblieben wäre. Allerdings ist seine Dichtung – der Zauber und die Originalität seiner Dichtung – nicht losgelöst vom katalanischen Kontext denkbar. Foix ist sicher der katalanischste von allen Dichtern. Vielleicht wundert sich jemand über eine solche Feststellung, denn gerade Foix hat in seiner Jugend die brodelnden Zeiten der Avantgarde miterlebt und intensiv selber mitbestimmt – als einer ihrer bedeutendsten Exponenten. Aber die Basis von Foix’ Avantgardismus ist eine außergewöhnliche Kenntnis der katalanischen Sprache und eine außerordentliche, an Magie grenzende Sensibilität für die im Katalanischen möglichen Experimente. Zu seiner avantgardistischen – oder wenn man so will – surrealistischen Dichtung treten die emblematischen, konzeptuellen Texte des Sonettbandes Sol, i de dol (1947), wo die Tradition der Sprache Llulls, Marchs und der katalanischen Trobadors aufscheint, aber auch die mehr erzählenden, umgangssprachlichen Texte von Onze Nadales i un Cap d’Any, einem Buch, das aus den Weihnachtsgedichten besteht, die er Freunden geschickt hatte, und in dem er seine eigene Art, Verse zu machen, mit traditionellen populären Formen vermischt.

Ich werde in diesem Text nicht auf jeden Dichter aus der Anthologie sehr detailliert eingehen können. Ich habe deshalb wenigstens die meiner Meinung nach wichtigsten Strömungen der zeitgenössischen Dichtung skizziert, um die einzelnen Dichter jeweils einem größeren Zusammenhang zuordnen zu können.
Man kann zum Beispiel CLEMENTINA ARDERIU, JOSEP SEBASTIÀ PONs und sogar MARIÀ MANENT als die Dichter bezeichnen, die der Wirklichkeit entnommene Bilder zu einer symbolischen Welt fügen, in der sich Gedanke und Gefühl bei einer meisterhaften Ausgewogenheit von Wort und Rhythmus vereinen. Bei Marià Manent findet man einen typisch angelsächsischen Einfluß, bei Josep Sebastià Pons einen französischen. Alle beide – und auch Clementina Arderiu – beweisen, daß eine ganz persönliche Dichtung auch unter dem Einfluß einer mächtigen Stimme, wie der Josep Carners, entstehen kann; ein Einfluß, den Clementina Arderiu gerade in ihrem hier abgedruckten Gedicht „Ach Dichter, oftmals suche ich…“ deutlich zum Thema macht.
Auf der anderen, hermetischeren, allegorischen oder symbolischen Seite finden wir – wenn auch in zeitlich verschiedenen Momenten und jeweils mit anderer Akzentsetzung oder gar jeweils eine eigene Schule bildend – Bartomeu Rosselló-Pòrcel, Màrius Torres, Salvador Espriu und Joan Vinyoli. BARTOMEU-ROSSELLÓ-PÒRCEL ist gewissermaßen der Art-Déco-Dichter der katalanischen Literatur: von raffinierter, eleganter und rationaler Einfachheit, setzt er Linien, Rhythmen und Farben in Beziehung. Er steht für die Erneuerung der mallorkinischen Dichterschule und für eine abgewogene Synthese aus Symbolismus und Klassizismus.
MÀRIUS TORRES vertritt einen mystischen Symbolismus, er betrachtet Poesie als einen Weg zu transzendenter Erkenntnis. Er starb sehr jung. Durch familiäre Umstände hatte er die spekulative Welt der Mystik kennengelernt.
In diesen Umkreis, aber mit ganz anderen Akzenten und unterschiedlichen Einflüssen, gehören auch Salvador Espriu und Joan Vinyoli. SALVADOR ESPRIU schafft mit geradezu überscharf gezeichneten realistischen Elementen einen neuen mythischen und allegorischen Symbolismus. Seine poetische Welt ist ein Reich der gemessenen Klage über das kollektive Schicksal der Katalanen. Esprius Dichtung ist damit weithin als orakelhaft verdichteter Ausdruck der Gefühle einer bedrohten Gemeinschaft angesehen worden. Damit ist Esprius Dichtung auch zum Zeichen des Widerstandes und des Überlebenswillens der katalanischen Kultur während des Frankismus geworden. Espriu bezieht seine Bilderwelt in vielen Fällen aus der Bibel und aus der jüdischen Religionsgeschichte; er hat den Tod stets präsent und wirft einen illusionslosen Blick auf das Leben.
JOAN VINYOLI scheint dagegen ganz in der objektiven Wirklichkeit angesiedelt. Aber er bezeichnet sich nicht umsonst als Schüler von Carles Riba, denn was Vinyoli an der Poesie interessiert, ist: Inwieweit können die Phänomene der Wirklichkeit im Gedicht einen übertragenen Sinn annehmen, inwieweit kann Dichtung ein Versuch der Erkenntnis jenseits des realen Phänomens sein, von dem sie ausgeht. Als großer Kenner Rilkes hofft Vinyoli, daß der Gesang den Raum nicht nur der Erlösung, sondern der wirklichen Existenz erfaßt, indem Engel dem Schmerz einen Sinn verleihen. Die Gedichte Vinyolis sagen gerade so viel, wie sie verschweigen. Dadurch zwingen sie den Leser, von den gesagten Worten den gedanklichen Sprung zu deren Reflexen, deren Spiegelungen zu wagen. Vinyoli ist der Dichter des inneren Realismus, der radikalen Erfahrung des Menschen mit seinem Leben.

Eine ganze Reihe weiterer katalanischer Dichter verkörpern eine andere Art von Realismus – in dem die ästhetische Manipulation sozusagen unsichtbar bleibt. Es sind Dichter, die ganz direkt sprechen, erzählen, eine deutliche ethische Absicht haben; sie legen mehr Augenmerk auf die Idee und das Thema als auf das Gedicht an sich, als Gegenstand; es sind sehr erfolgreiche Dichter, sie finden ein starkes Echo beim großen Publikum. Unter ihnen ist zum Beispiel JOAN SALVAT-PAPASSEIT, der avantgardistische, futuristische Formen voller Naivität und populärem Charme verwendet, oder JOSEP MARIA DE SAGARRA, der einen traditionellen Realismus vertritt und zu den schönsten volksliedhaften Versen findet; zu ihnen gehört sogar AGUSTÍ BARTRA, bei dem die direkten realistischen Bilder die Oberhand gegenüber der Mythifizierung der Urkräfte der Natur behalten. Einen anderen Realismus, der sich Gegenwartsproblemen seiner Gesellschaft stellt, finden wir bei PERE QUART, dem Dichter, der nach dem Krieg (zusammen mit Salvador Espriu) die kritische Stimme Kataloniens, die Zeugenschaft des antifrankistischen Widerstandes repräsentiert. Später werden VICENT ANDRÉS l ESTELLÉS und MIQUEL MARTÍ I POL berühmt und vielgelesen. Auch JOSEP M. LLOMPART kann man hier mit nennen, denn er gehört zur Generation der beiden Letztgenannten, obwohl er deutlicher in der Tradition ästhetischer Reflexion steht.
Jedenfalls ist es diese Generation, die den Realismus in die katalanische Dichtung zentral einführt. Es handelt sich nicht mehr nur um einen charakteristischen oder latenten Aspekt der katalanischen Dichtung, sondern um einen ganz neuen Stil, der sich in ganz Europa durchsetzt. Nach der kollektiven Tragödie des zweiten Weltkrieges stellen sich die Dichter und Intellektuellen bekanntlich mit neuer Intensität die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach dem Zufall, der Möglichkeit von Freiheit, der Solidarität, dem Bösen und Guten des menschlichen Tuns. Zusammen mit dem existentialistischen Denken entsteht ein Bedürfnis nach kritischer, harter Abrechnung mit der Wirklichkeit. Die gerade zuvor genannten Dichter gehören zu diesem aktiven Realismus, und auch das von surrealistischer Alchimie getönte Werk von JOSEP PALAU I FABRE und das von JOAN BROSSA, dem Avantgardedichter dreißig Jahre nach den historischen Avantgarden, sind hier einzuordnen. Joan Brossa ist auch ein bedeutender Theaterautor, der ein eigenes absurdes Theater geschaffen hat, das sich völlig auf die essentiellsten Elemente (Farben, Formen, Bewegungen) reduziert und dann Mittel des Varietes, der Magie, des Zirkus dazunimmt. In seiner dichterischen Produktion finden sich auch eine große Zahl überaus klassischer Formen (Sonette, Sextinen), aber sein ureigenstes und frappierendstes Talent zeigt sich in der Verwendung und Verarbeitung von Alltagstexten im Gedicht. Unter seinem Blick lädt sich das Fragment der Wirklichkeit mit einer Bedeutung auf, die von der parodistischen Ironie bis zur Kritik und zur hellsichtigen Aufdeckung von Lügen und Mißständen reicht.

Im Lauf der Zeit aber ändern sich die Umstände. Der Realismus, der sich in der Epoche der Unterdrückung und der Entbehrungen – besonders in Katalonien – so natürlich anbot, verlor an poetischem Anspruch. In den sechziger Jahren häufte sich eine Produktion von Epigonen. Diese war für die junge katalanische Dichtergeneration, die nach dem Bürgerkrieg und dem zweiten Weltkrieg geboren war und unter dem Eindruck der französischen Mai-Ereignisse von 1968 erwachsen wurde, unbefriedigend. Die allmähliche Liberalisierung des Landes und die Öffnung der Grenzen ermöglichte einen engeren Kontakt mit dem übrigen Europa und mit den dort unbehindert entstandenen neuen Richtungen der Dichtung. Entscheidend spielte dabei mit, daß diese junge Generation praktisch ohne eine Heranführung an ihre eigene – von Staats wegen verbotene – muttersprachliche Kultur groß geworden war: Die Beweggründe der Vatergeneration waren ihnen wenig vertraut, und so suchten sie in den großen Figuren und Bewegungen der europäischen Dichtung ihre Vorbilder.
Zugleich kamen aber alle diejenigen Schriftsteller allmählich wieder in das öffentliche Bewußtsein, die vorher im Untergrund hatten bleiben müssen. Die katalanische Sprache selbst konnte wieder aus dem geschlossenen Kreis des Familienlebens heraustreten in die öffentlichen Räume (sofern sie nicht ganz in staatlicher Hand waren), auf Straßen und Plätze. Die kulturellen Aktivitäten nahmen zu. In Barcelona gärte es, und alle Intellektuellengruppen – spanische und katalanische – traten mit modernen und europäischen Ideen gegen das miese und schäbige Kulturangebot der Francozeit an. Im Sog dieser neuen Bewegung konnte sich das Katalanische als ein besonderer Träger von Kultur durchsetzen, obwohl es stark mit den Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, die eine Sprache ohne Staat unweigerlich bedrängen. Das Katalanische wurde trotzdem zur Sprache nicht nur vieler kultureller, sondern auch vieler politischer Initiativen; es entpuppte sich als wirksames Mittel für die Aktionen der katalanischen Intelligenz. Die sogenannte Nova Cançó zum Beispiel, das Neue Katalanische Lied, wurde zu einem authentischen Motor für die Massenmobilisierung und Ermutigung der Katalanen, ihre eigene Kultur auch wieder öffentlich zu leben. Sänger, Musiker, Schriftsteller und Unternehmer sammelten sich in einer Bewegung, deren Zentrum das wieder in die Öffentlichkeit vordringende katalanische Wort war. Auch auf dem Gebiet des Theaters entstanden fruchtbare Initiativen. Gruppen und Vereinigungen wurden gegründet, die dem Katalanischen auf der Bühne zum Durchbruch verhalfen, sowohl mit katalanischen Werken wie auch mit Übersetzungen (etwa von Bert Brecht – durch den gleich noch zu nennenden Feliu Formosa).
In dieser Situation hebt sich in Barcelona die Persönlichkeit von GABRIEL FERRATER heraus – ein brillanter und zu jeglichem konventionellen Denken seiner Zeit und seiner Umgebung im Widerspruch stehender Intellektueller. Er verfügte über eine ausgezeichnete wissenschaftliche Bildung (er hatte Naturwissenschaften studiert), beherrschte verschiedenste Sprachen, betätigte sich als Übersetzer und hatte als Herausgeber klassischer zeitgenössischer Dichter und Denker großen Anteil daran, daß neues Ideengut nach Katalonien gelangte. Sein dichterisches Werk ist schmal geblieben und in einem Band, Les dones i els dies, gesammelt worden. Er ist ein Dichter, der erst spät zu schreiben begonnen hat, aber sogleich mit einem Werk von brillanter Perfektion beeindruckte. Jedes seiner Gedichte ist eine ausgefeilte Analyse einer Erfahrung, die in einer rationalen und eleganten Sprache ihre Form findet und dabei unter dem Anschein einer rein referentiellen Oberfläche eine große ethische und psychologische Komplexität verbirgt. Trotz seines realistischen Anscheins ist Ferrater ein sehr schwieriger Dichter, der zugleich fundamental für die Entwicklung der katalanischen Dichtung ist, weil er dem Realismus katalanischer Tradition, die er aufnimmt, eine intellektuelle Dimension verleiht, die großer Dichtung eigen ist. Ferrater war Professor für Linguistik an der Autonomen Universität Barcelona und hat eine bedeutende Sammlung von Essays zur Sprache, Literatur und Kunst hinterlassen. Sowohl in seiner Lehrtätigkeit wie auch durch seine Zugehörigkeit zu den interessantesten kulturellen Gruppen und Gruppierungen hat sich Ferrater als eine Persönlichkeit von großer Vitalität und polemischer Spannkraft erwiesen. Für die Dichter, die in den siebziger Jahren zu publizieren beginnen, ist Gabriel Ferraters Werk der Beweis, daß modernste Dichtung von europäischem Format in katalanischer Sprache entstehen kann.
Drei dieser Dichter sind es, die diese Anthologie abschließen. Die Ausgewählten sind meiner Meinung nach besonders wichtig, weil sie in neue Richtungen weisen und neue Elemente in die katalanische Dichtung einbringen.
FELIU FORMOSA (der länger in der Bundesrepublik Deutschland lebte) ist, wie schon angedeutet, einer der bedeutendsten Vermittler und Übersetzer deutscher Literatur in Katalonien gewesen; er hat gerade erst die umfassendste Anthologie deutscher Lyrik (von Luther bis Hofmannsthal) veröffentlicht, die es je in katalanischer Sprache gegeben hat. Besonders um die Erschließung modernen europäischen Theaters auf der Iberischen Halbinsel hat er sich verdient gemacht: So manche Brechtaufführung mußte vor der spanischen Geheimpolizei versteckt gewagt werden.
Formosa ist ein Dichter, der unter scheinbar realistisch erzählenden Formen die Erfahrung eines Ichs verbirgt, das sich mit der feindseligen Umwelt auseinandersetzen muß, und dabei jedem Detail kommentierend eine Bedeutung verleiht, die geradezu expressionistische Qualität gewinnt. In seinen präzis gezeichneten einzelnen Motiven vermag Formosa die Erfahrung des Lesers direkt anzusprechen. Er war während der Mode des flachen Realismus mit seinen dezidiert lyrischen Texten ein wirklicher Erneuerer – leider hat man zuwenig auf ihn gehört.
NARCÍS COMADlRA, der – in Girona, im Landesinnern aufgewachsen – eine lebendige Kenntnis seiner Sprache und seiner Kulturtradition mitbringt, hat zu einer Dichtung expressiven Reichtums gefunden, die, sehr nuancenreich in ihren sprachlichen Mitteln, über die Wirklichkeit reflektiert. Die natürliche sprachliche Eleganz, die Comadiras Dichtung eigen ist, wird nie zum formalistischen Selbstzweck, sondern ist Basis für einen ethischen Diskurs, der sich zwischen schonungs- und illusionsloser Hellsichtigkeit und einer Sensibilität für alles Menschliche bewegt, die bei allem Mitgefühl nicht frei ist von Ironie. In seiner Dichtung setzt Comadira die Alltagswirklichkeit in reichdetaillierte und suggestive Beschreibungen um oder entwirft erzählend die Chronik eines Ereignisses; er zeichnet die zarte Linie eines rein lyrischen Gedichts oder läßt sich auf die Komplexität und Dauer eines Quasi-Oratoriums ein, in dem metaphysische Erfahrungen sprachlich verdichtet werden. Angesichts der Entwicklung seines Werkes ist deutlich geworden, daß er nicht nur die Tradition der katalanischen Dichtung perfektioniert, sondern daß er auch die Traditionslinie der reinen Poesie der Moderne auf sehr persönliche Weise in sein Werk eingebracht hat. Es besticht die formale Vollendung, die sich stets wie natürlich aus dem Gedicht ergibt und also niemals die Wahrheit der Aussage überlagert.
PERE GIMFERRER erweist sich als Erbe eines hermetischen expressionistischen Symbolismus – eine Verbindung zwischen dem mediterranen avantgardistischen Formalismus und dem nordischen Imaginismus, wobei er formale Konstruktionen verwendet, die aus der Filmsprache stammen. Gimferrer ist ein Mann von breiter internationaler Bildung (er gehört auch zu den führenden Kunstkritikern Spaniens), die er als Mittel zur Weckung von Assoziationen benutzt: er bezieht Anekdoten, gelehrte Anspielungen und Hinweise auf Personen in seine Dichtung ein und setzt so die Vorstellungskraft der Leser in Gang. Er greift dabei zu einem barocken Stil, umkreist ein und dieselbe Idee immer unter neuen Blickwinkeln und schöpft sie in suggestiver Weise aus. Die Anspielungen, mit denen er arbeitet, haben die Funktion, die Wirklichkeit, die er wiedergeben will, gewissermaßen als Negativbild oder Spiegelbild dessen zu evozieren, was seine eigene poetische Stimme als Stimme einer fiktiven Person sagt. Gimferrer ist ein Autor, der sich besonders um die Ergründung der Geheimnisse des äußeren Scheins bemüht: er erfaßt diesen Schein in seiner ganzen Flüchtigkeit, aber in einer Weise, daß er durchsichtig wird für seine dichterische Absicht. Gimferrer gestaltet Leidenschaften und Träume so umgeformt, daß sie als Folie eines realen Scheins sichtbar werden, der sich nur als Vorwand für das Gedicht gibt.

Nach der hier durch Formosa, Comadira und Gimferrer vertretenen Generation (zu der noch eine Fülle weiterer Namen hinzuzufügen wären, etwa Francesc Parcerisas, Salvador Oliva, Marta Pessarodona, Antoni Marí, Joan Margarit), die jetzt gerade eine Reihe ausgereifter Gedichtsammlungen vorgelegt hat, sind neue Stimmen laut geworden, die die dichterische Produktion auf katalanisch um neue Facetten und Qualitäten bereichern: Die katalanische Dichtung stellt heute einen interessanten und bedeutenden Beitrag zum poetischen Denken und Schaffen der Gegenwart dar. Man kann in diesen achtziger Jahren erleichtert feststellen, daß sich der Wunsch, den Josep Carner 1945 aus dem Exil heraus formulierte, erfüllt hat: „Wir müssen das anspruchsvolle Niveau der führenden Wissenschaften und der großen Literaturen erreichen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als Wunder zu vollbringen. Jeder von uns muß wachsen und das werden wir auch: die großen Möglichkeiten unserer Sprache erlauben uns das.“

Dolors Oller, Nachwort, Januar 1985

 

Eine noch wenig bekannte europäische Kulturlandschaft

öffnet sich mit diesem Band: Katalonien. Diese Region Spaniens kann für sich in Anspruch nehmen, im 20. Jahrhundert Künstler von Rang und Namen hervorgebracht zu haben: Joan Mirò, Salvador Dalí und Antoni Tàpies, der die Grafik zu diesem Band schuf. Seine interessanten Form- und Farbenspiele sind vor dem angedeuteten Hintergrund des schweren katalanischen Schicksals zu verstehen. Seinem engen Verhältnis zur Dichtung ist ein Buch zu verdanken, das von der Durchdringung und gegenseitigen Beeinflussung von Literatur und Kunst in Katalonien Zeugnis ablegt. Denn wie dem Maler und Grafiker Antoni Tàpies die Dichtkunst seiner Zeitgenossen und Freunde so viel bedeutet, daß er sich in seinen Farbzeichnungen und Collagen zu ihr bekennt, finden sich auch Verse in diesem Band, aus denen die innere Verbundenheit des Dichters mit Antoni Tàpies spricht… Pere Gimferrer beschließt die Reihe der 23 Lyriker, die in Ein Spiel von Spiegeln zu Wort kommen. Er bezeichnet somit den vorläufigen Abschluß einer Lyrikentwicklung, die in diesem Band seit Beginn unseres an Ismen so reichen Jahrhunderts dokumentiert wird. Vielerlei Berührungspunkte wird der Leser zur zeitgenössischen Dichtung spanischer und französischer Sprache entdecken, aber auch Eigenständiges, Unverwechselbares. Und immer wieder das Bekenntnis zu Katalonien, seiner leidvollen Geschichte, seinen kulturellen Traditionen, seiner Sprache, die überlebt hat.

Verlag Philipp Reclam Jun. Leipzig, Klappentext, 1987

 

Sprache wie Marmor

Der Stolz der Spanier ist sprichwörtlich, und das Land hat in unserem Jahrhundert so bedeutende Maler wie Joan Mirò oder Salvador Dalí hervorgebracht. Je stolzer sie sind, desto entschiedener beharren die Bewohner des Landes darauf, Andalusier, Basken… Katalanier… zu sein. Das bedeutet, sich zur historischen, kulturellen, künstlerischen, literarischen Tradition einer Volksgruppe und Sprache zu bekennen. Mit der Art und Eigenart katalanischer Dichtung will – weit über die Region hinaus – der ästhetisch anspruchsvolle Band Ein Spiel von Spiegeln bekanntmachen.
Ein ausgezeichneter Kenner katalanischer Literatur ist Antoni Tàpies, derzeit der bedeutendste katalanische Künstler. Die Korrespondenz mit der lokalen Literatur stimuliert die Kunst des Malers und Grafikers. Und von ihr gehen Impulse aus, die Kataloniens Dichter inspirieren. Von der wechselseitigen Achtsamkeit profitiert auch die außergewöhnliche Anthologie Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Die zweisprachige Ausgabe wurde mit sieben Farbzeichnungen und drei Collagen ausgestattet, die Antoni Tàpies eigens für die Ausgabe anfertigte. Kongeniale Nachdichtungen, die kundige Einführung des Herausgebers Tilbert Stegmann, das kenntnisreiche Nachwort von Dolores Oller machen eine polygrafisch gelungene Edition komplett.
„Land von Antoni Tàpies“ hat Pere Gimferrer, Jahrgang 1945, ein Gedicht überschrieben. In dem gleichnishaften Gedicht wird nach einem „Land, pulsierend vor Wasser und Gras“ Ausschau gehalten. Ein Land der Nebeltropfen und des Marmorstaubs, von Gold und Grün, der Dunkelheit und Durchsichtigkeit, in dem es Menschen möglich wird, „sich lebend zu wissen“.
Die strenge Auswahl, die 23 katalanischen Dichterstimmen Geltung verschafft, bietet Bewährtes. Also das, was die mystischen, expressionistischen Symbolisten wie die kritischen Realisten im Laufe des Jahrhunderts verfaßten. Vertraut vor allem mit den spanischen, französischen, aber auch angelsächsischen und deutschen Dichtungen, waren die Katalanen nie isoliert. Die mehr oder minder regen Kontakte zu anderen Literaturen verringerten nicht das Verhältnis zur eigenen Geschichte und Kultur, die den Versen ihre originelle inhaltliche Substanz und Bildhaftigkeit gaben. Die Ausgabe verlangt alle Achtsamkeit für die gefühlsstarken und intensiven Gedichte der katalanischen Lyriker. In poetischer Form haben sie eine bewegende Lebens-Leidens-Liebes-geschichte Kataloniens und der Katalanier geschrieben. Kaum eine Seite, die den Leser das nicht spüren läßt.

Bernd Heimberger, Neue Zeit, 11.1.1988

Wege der katalanischen Lyrik

(…)
Am Schluß und zugleich als Krönung der hier vorzustellenden Lyrikanthologien steht Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. In wunderschöner Aufmachung präsentiert dieses 1987 erschienene Buch 74 der schönsten katalanischen Gedichte unseres Jahrhunderts, versehen mit einer meist gelungenen deutschen Nachdichtung. Unter den 23 aufgenommenen Dichtern (acht von ihnen sind – bis auf eine Ausnahme mit anderen Texten – auch bei Hösle/Pous vertreten) finden sich unbestrittene Klassiker wie Josep Carner, J.Y. Foix, Salvador Espriu, die bedeutendsten Vertreter Nordkataloniens (Josep Sebastià Pons), des País Valencia (Vicent Andrés i Estellés) und Mallorcas (Bartomeu Rosselló-Pòrcel und Josep M. Llompart), herausragende Autoren der jüngeren Generation wie Pere Gimferrer und Feliu Formosa. An Dichterinnen dagegen scheint es dem katalanischen Volk zu mangeln: Clementina Arderiu ist die einzige Frau, die Eingang gefunden hat (gar keine bei Hösle/Pous).
Der Herausgeber Tilbert Stegmann hat nach eigenen Angaben Gedichte ausgewählt, die auch nach oft wiederholter Lektüre für ihn „noch einen Zauber ausströmten, die noch nachklangen und nachdenklich machten“. Und wer immer Ein Spiel von Spiegeln (der Titel spielt auf ein Gedicht von Pere Gimferrer an, und ein Spiegel erscheint darüberhinaus in einer ganzen Reihe der Texte) zur Hand nimmt, wird diesem Zauber und auch der Nachdenklichkeit schwerlich entgehen.
Dazu tragen nicht zuletzt auch die Illustrationen bei. Sieben Farbzeichnungen und drei Collagen hat der große katalanische Maler Antoni Tàpies eigens für den Band angefertigt. Sie korrespondieren mit den Texten und verstärken das Spiel der Spiegelungen, so daß die Lektüre des Buches zu einem einzigartigen Kunstgenuß wird.
Alle drei Anthologien sind mit einem Vor- oder Nachwort der Herausgeber versehen, in dem diese mehr oder weniger ausführlich auf Geschichte und Gegenwart Kataloniens eingehen und einführende Erläuterungen zu den ausgewählten Gedichten geben bzw. im Fall von Diguem no! die Entwicklung der Nova Cançó darstellen. Ein Spiel von Spiegeln enthält darüberhinaus einen Essay von Dolors Oller über „Wege der katalanischen Lyrik im 20. Jahrhundert“. Dem deutschsprachigen Publikum Einblicke in diese Wege eröffnet zu haben, ist letztlich das große Verdienst eines jeden dieser drei Bände.

Trudel Meisenburg, die horen, Heft 158, 2. Quartal 1990

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

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