Ulrich Zieger: Grosse beruhigte Körper

Zieger/Stoffel-Grosse beruhigte Körper

XL

WARUM SIND DIE SACHSEN so traurig,
mein schuh komm erzähl mir
warum sie so traurig sind,

warum sind die sachsen so bauchig,
mein zweiter schuh komm und erzähl mir
was macht sie so traurig erzähl,

sie lachen so leise,
sie weinen so laut,
wenn sie lachen so lachen sie spät,
wenn sie weinen so nur für die fremden,

erzähl mir mein schuh
wer die fremden sind die sie
so bauchig so falsch werden ließen,

was macht sie so traurig die sachsen,
so falsch und mein anderer schuh komm
so fröhlich in meiner erinnerung,
sie lachen so wild
und sie weinen man möchte ersticken,
und als sie gelacht haben
konnten sie gar nichts mehr hören,

ihr tapferen schuhe ihr stiefel,
was ihr mir erzählt,
mit euch will ich noch lange hier liegen,

 

  

wenn man in diesen gedichten, „damals in deutschland

… gestern in gesten“, südfrankreich und amerika geschrieben, auf die ihnen eigene legende zurückgeht, sprich liest, stösst man bereits auf der getriebenen oberfläche in sehr tief klingende räume: türme von glocken. das hat durchaus in der freisetzung von mehr licht einen signalisierenden ton. so beispielsweise entsteht das spiel von abstürzendem traum in erwachender zeile. alltägliches wunder. ulrich zieger arbeitet an weiteren buchstaben, ohne das x zum u zu machen. so ist er auf der seite des gesangs und bewegt sich in laufenden gefahren: in sechsundneunzig gedichten um die welt, die ein versprechen ist. was unberührt klingt, wird festgehalten. weit entfernt von protokollarbeit. anders: grosse beruhigte körper können besonders den wind fangen und geschichten in der luft verstecken. so entstehen stürmische landkarten. dem leser rate ich zu „tapferen schuhen“. der weg, the songline, ist ein kreisen mit mehreren kerzen für all jene, die vorausgegangen sind: in memoriam Jeffry Miller, W.v.d.V., Nelly Sachs, Danilo Kis, Jan Scacel; dazu ein teilbares wir an unserer seite.

Egmont Hesse, Druckhaus Galrev, Programmheft, 1992

 

Ulrich Zieger und Stellest sprechen über ihre Zusammenarbeit an den Büchern Grosse beruhigte Körper und schwarzland.

(Weitere Informationen und Videos finden Sie auf der sphärischen Homepage von Stellest und seinem Blog.)

Sie sangen den Mond an in alten Gesängen…

Ulrich Zieger, 1961 im sächsischen Döbeln geboren, aufgewachsen in Magdeburg, dann zum Prenzlauer Berg abgewandert, schrieb dort in der Endphase der DDR den Gedichtzyklus neunzehnhundertfünfundsechzig: Wiedererweckung eines Vierjährigen, den die Mutter mit in den Tod nahm. Er war Ziegers Spielgefährte.
Im französischen Montpellier, wo der 30jährige heute lebt – er verließ die DDR ein paar Monate vor dem Fall der Mauer –, entstand die Erzählung „Der zweifelhafte Ruhm dreier Dichter“, die Geschichte der Angst, sich im Stasi-Staat zu verraten. Beide Bücher gehören zum Besten der deutschen Gegenwartsliteratur; in ARENA wurde auf sie hingewiesen, aber die meisten Buchhandlungen führen sie nicht.
So hat auch Ziegers drittes Buch, das jetzt unter dem Titel Große beruhigte Körper erscheint, alle Chancen allein unter Insidern herumgereicht zur werden.
Vom Prenzlauer Berg muß ausgegangen werden, wenn man den neuen Gedichtzyklus von Zieger liest. Der Prenzlauer Berg war für Zieger Schutz vor Zerstörung. Der Prenzlauer Berg war etwas, das einschließt, verschließt – mitten im Gefängnisstaat DDR. Ein dunkler Ort, an dem Zieger dem Wirklichkeitssinn den Möglichkeitssinn entgegenstellte – auf der Suche nach den Färbungen von erloschenem Reichtum.
Der erloschene Reichtum war die alte Literatur eines Walter von der Vogelwiede, waren die alten Spielformen der Lyrik. Der Rückgriff, wie er von Zieger praktiziert wird, bedeutete die einzigartige Möglichkeit, die Dinge in ihrer Essenz zu begreifen, eine Übertragung des unbestechlichen Blicks in die Realität der Sprache.
In „Große beruhigte Körper“ reist Zieger mit den Freunden seiner Generation durch das Abendland. Die Mauern sind gefallen. Das Wissen aus der Zeit der Eingeschlossenheit – „sie sangen den mond an in alten gesängen“ – wird ortlos und nistet doch ewig. Die Utopie ist die Zukunft der Vergangenheit und ihre Vergegenwärtigung. Erleuchtung kommt aus den Finsternissen:

ein narr
wer finden geht, wenn es sein auftrag ist
nur zu beobachten…

Die Welt, 12.2.1992

Vom Verschwinden der Worte

− Ulrich Ziegers Gedichte Große beruhigte Körper. −

Der letztjährige Nicolas-Born-Preis wurde an den Dichter Ulrich Zieger verliehen, der bis dahin nur den Insidern der DDR-Literaturszene bekannt gewesen sein dürfte. In der bibliophilen Privatedition qwert zui opü von Egmont Hesse erschienen zwei Bände von Ulrich Zieger in kleiner Auflage, die sich inzwischen reger Nachfrage erfreuen. Im Gedichtband neunzehnhundertfünfundneunzig finden sich elegisch gefärbte Abschiedsgesänge auf das Land DDR, das Ulrich Zieger im Frühjahr 1989 verlassen hatte. In den feingesponnenen Erzählungen des Prosabandes Der zweifelhafte Ruhm dreier Dichter rückt die Realität des verschwindenden Staates in eine irritierend vertraute Ferne, die den Wirklichkeitsverlust andeutet. Mit dem Gedichtband Große beruhigte Körper werden nun die Texte von Ulrich Zieger auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich.
In ihrer äußeren Gestalt geben sich die Gedichte dieses Bandes deutlich als Fragmente zu erkennen: Sämtliche Texte enden mit einem Komma, als wäre ein endloser Redefluß nur zufällig unterbrochen. Schon Ulrich Ziegers erster Gedichtband war von manchmal kühner Fragmentarizität geprägt; die Gedichte seines zweiten Bandes sind nun jedoch in Gefahr, tatsächlich ins Beliebige auszufransen. Als würde jemand nach jedem Schritt die Spuren hinter sich verwischen, folgt die Sprache dieser Dichtung erinnerungslos einer unsichtbaren Fährte. Man versteht zwar die Wörter, erfährt aber nicht, wovon die Rede ist, geschweige denn, wer hier spricht. Wie ein Meteorit fällt jedes Wort von nirgendwoher in den Raum des Gedichts:

ihr zeitbegriff hob sich
das gab einen vorsprung sie waren die schildkröte
aber sie waren gewonnen
für eine verfrühte idee ein verbrühtes gedenken

Der „zeitbegriff“, „verfrühte idee“, das „verbrühte gedenken“ – diese Wendungen haben außerhalb der Sprache dieser Zeilen keinen irdischen Ort, sie scheinen auf alles und nichts mehr zu verweisen. Auch „sie“, von denen es heißt, „sie waren die schildkröte“, bleiben absichtsvoll im Ungefähren: Zuerst ist ganz selbstverständlich von den „fünf“ die Rede, dann heißt es jedoch bald „(die wohl sechs waren zeitlich) / (es waren noch mehr)“.
Angesichts dieser „scheu vor der sinngebung“, selbst auf der elementarsten Ebene, bleibt einem beim Lesen manchmal nur noch die Sprachgestalt des Gedichts, die allerdings ebenfalls einen zwiespältigen Eindruck hinterläßt. In vielen Zeilen stolpert man über fast gewaltsame Wortprägungen, die sich quer stellen: „mundspruch ihr lieben gefährten, / mein wärmeereignis mein unglück.“ Will hier das „wärmeereignis“ nicht recht in den Satz passen, ist andernorts etwa gar von „spazierfähigkeit“ die Rede. Solche Schnitzer sind um so befremdlicher, als man oft genug auf sorgfältig komponierte Zeilen stößt, die in kryptischem Schönklang übers Papier balancieren.
Vor allem gegen Ende des Bandes verlieren die Gedichte überdies an Leichtigkeit; eine mythische Grafitation legt den Texten Fesseln an: Es scheint, als wollten diese Gedichte erhört werde wie ein Gebet. In fast psalmodierendem Ton apelliert ein dunkles „wir“ an „euch“ (an die Leser? an ein imaginäres Volk?). Ein „wir“, in dem sich die Götter, die Menschenkinder und reine Rhetorik wohl überblenden.

nur gebt uns exakte verzögerung
nach dem verschwinden der worte,
nichts welches wir wiedererkennen,
und gebt uns nicht auf

Mit dem „verschwinden der worte“ bleibt vom Gedicht nur noch der Klang. Es wird zum „mundspruch“, der wieder ins Dunkle verschwindet, sobald sich die Lippen geschlossen haben.

Sieglinde Geisel, Tagesspiegel, 17.5.1992

Es wird wieder Landkarten geben

− Gedichte von Ulrich Zieger: „…als sei da noch Atem für Weiteres, das nicht mehr gesagt werden kann“. −

Ulrich Zieger, Nicolas-Born-Preisträger von 1991, hat seine prägenden Erfahrungen in der DDR gemacht. In Berlin war er in den 80er Jahren Mitwirkender der unabhängigen Theatergruppe Zinnober und Mitherausgeber der selbstverlegten Zeitschriften Schaden und Verwendung, bevor er im Frühjahr 1989 ausreiste. Nach den Durchgangsstationen Westberlin und USA lebt er heute in Südfrankreich.
Sein erster Gedichtband neunzehnhundertfünfundsechzig war ein langer poetischer Abschied von dem Land, ein bitter-elegischer Zyklus über eine Kindheit, der es an Geborgenheit mangelte, und eine Jugend , in die immer wieder das Grauen der Kälte und eine seltsame „Lautlosigkeit“ einbrach. Diese Stille war die des Stillstands. Ein Zyklus über einen Lebensentwurf, der unter den gegebenen Bedingungen Fragment bleiben mußte. Die zwischen balladenhafter Stimmung und böser Aggresivität pendelnden Gedichte machen es dem Leser nicht leicht. Trotz raumgreifender Formen des Langgedichts beschwören sie eher den Abbruch, das Versagen, die mißlungene Intensität, die sich gegen das Subjekt kehrt. Aber sie tun es nicht klagend, sondern suchend nach dem „wort für verdunkeltes wort“, nach den Verkehrungen und Verhinderungen von Glück. Es herrscht in diesen rätselhaft epischen Gedichten eine beklemmende situative Dichte, eine Atmosphäre des Regens, der Kälte, der beschädigten Landschaft, der Vergeblichkeit. Ein „mißlungener kosmos der nähe“, der nur in Details dechiffrierbar ist und sich in der Stimmung und ihren jähen Brüchen darstellt. Wichtig sind hierbei die Stellen, an denen das Gedicht ins Schweigen zurückfällt. Indikator dafür sind viele Pünktchen, fragmenthafte Aussagen und die Häufigkeit, mit der Zeilen und selbst viele Gedichte mit einem Komma enden, als sei noch Atem für Weiteres, das aber nicht mehr gesagt werden kann.
So paradox es klingen mag: Ziegers Gedichte widmen sich dem Rückblick auf etwas Unverwirklichtes – „wir. sind. leider. gedanken. geblieben.“
Der zweite Band setzt dieses Konzept fort. Der Verzicht auf Titel und Seitenzahlen bringt den Text in ein Strömen, einen fast epischen Fluß, der die Perspektiven Berlin, Los Angeles und Montpellier zusammenbringt. Die Gedichte grenzen manchmal an ein mythisches Raunen, sie scheinen Fragmente einer größeren Sprache, einem unaufhörlichen Text abgelauscht, etwa wie die Romantiker ihre Lieder dem Rauschen der Bäume abgehört zu haben vorgaben.
Es ist erneut ein Buch des Rückblicks, der poetischen Reminiszenzen, zum Teil auch der Abrechnung. Die „mütter“ sind es, die feindlich rufen: „vernichte dein liebstes“. Und die damit eine ganze Realität vernichten. Denn „alles verschwand das ich lieb hatte“; die Existenz ist in Frage gestellt, durch das verkehrte Sprechen. In einer Welt der entfremdeten Sprache ist kein Ausdruck möglich.
Eines der zentralen Worte für diese Art stillgelegtes Leben ist „Müdigkeit“: „sie ist müde, die zeit / sie ist müde an euch“. Oft wird eine vergangene Gemeinschaft beschworen, werden die „Freunde“ angesprochen, die „Dichter“, die „die worte kreisförmig denken“, doch auch hier dominiert der Gestus der Distanzierung.
Und es ist erneut eine „ins unglück des sabberns getaucht(e)“ Welt, in der das Sprechen allein mit „aus rache nur zuckenden mündern“ geschieht. Das Land, von dem sich Zieger mit diesen Gedichten „los-schreibt“, ist für ihn eines des verfehlten Sprechens.
Mit der Außensicht und dem rückblickenden Gestus scheint aber zugleich eine neue Sprache für den Autor in Sicht zu kommen, die sich frei spricht von der Fixierung auf sich selbst. „nur, so soll dem sprechen nicht wieder / mißtraut werden“.
Jetzt will er der Sprache vertrauen. Es gelingen ihm zum Teil Verse voll betörender Schönheit, aber auch abgründiger, teilweise durch leichten Spott gemilderter Trauer. „eine der dronten / bist du“. Die Dronte, laut Lexikon eine ausgerottete Taubenart, ist von einem Engel begleitet, der wie sie ins Leere zu fliegen scheint. Auch die Dohle, Kafkas Vogel (Kafka=tschech.: Dohle), wird angerufen, doch plötzlich huscht „ein vogel von scheiße / (ein stück alter scheiße)“ über die Zeilen. Überhaupt sind die Vögel, die Krähe, der Rabe, die Schwalbe, der Falke, Kernmetaphern für Ziegers poetisches Sprechen. Sine Gedichte halten die bemerkenswerte Schwebe zwischen hohem Ton und bitterer Aggression, die sich auch vor drastischem Vokabular nicht scheut.
„nie wähle berlin für den tod“, heißt es in einem der letzten Gedichte. Nicht nur der Sachse Zieger, der sich in einem schaurig, ironischen Gedicht fragt: „warum sind die sachsen so traurig“, formuliert hier eine Verabschiedung. Eine neue Welt hat sich ihm aufgetan, neue Landkarten sind zu beschreiben, und die Distanz dieses Blicks ermöglicht auch ein neues, verändertes Zurückschauen. Dies ist für Zieger ohne Haß und Wut möglich, wenn auch mit gelegentlichem Zorn und einem unterschwelligen Sarkasmus, der jeden Gedanken an Nostalgie rigoros abweist – selbst „das licht weinte ständig“.
Der Dichter als Kartograph – auch diese Metapher erinnert an Kafka. Es bleibt offen, ob er sich neue Landschaften sucht, wärmere vielleicht, oder ob die Summe der Verletzungen („ich bin eine ganz unausstehliche kälte seitdem“) ihn noch weiter beschäftigen wird.

Peter Böthig, Märkische Allgemeine, 3.7.1992

Ulrich Zieger: Der Dichter als Kartograph

Ulrich Zieger gehört zu jenen Autoren, die ihre Erfahrungen und ihre Herkunft aus der DDR zum Gegenstand einer kritischen, wenn auch oftmals qualvollen Auseinandersetzung machen.
In Berlin war er in den achtziger Jahren Mitwirkender der unabhängigen Theatergruppe Zinnober und Mitherausgeber der selbstverlegten Zeitschriften SCHADEN und VERWENDUNG, bevor er im Frühjahr 1989 ausreiste. Nach den Durchgangsstationen Westberlin und USA lebt er seit mehreren Jahren überwiegend in Südfrankreich, unterbrochen durch längere Aufenthalte in Berlin.
Für seinen ersten Gedichtband neunzehnhundertfünfundsechzig erhielt er den Nicolas-Born-Preis 1991. Es war ein bitter-elegischer Zyklus über eine Kindheit, der es an Geborgenheit mangelte, über eine Jugend, in die immer wieder das Grauen, die Kälte und eine seltsame ,Lautlosigkeit‘ einbrach, ein Art Stille des Stillstands.
„ihr belächelten bäume bei oschatz / was werdet ihr aussagen was aber / werdet ihr weiter verschweigen“, so beginnt eines der Gedichte. Die Welt dieser Gedichte ist eine unheimliche und bedrohliche, die oft ihre klaren Konturen verliert und sich gegen das Ich richtet. Im zitierten Gedicht heißt es weiter: „fälschungen seid ihr und vögel / in wurzen ach auffliegend seid ihr / verflucht es sei oftmals // der sommer gegangen und immer / gegangen von euch von der anmaßung / in euren blicken“.
Das Buch ist ein Zyklus über einen Lebensentwurf, der unter den gegebenen Bedingungen Fragment bleiben mußte. Die zwischen balladenhafter Stimmung und böser Aggressivität pendelnden Gedichte machen es dem Leser nicht leicht. Eine Vielzahl surrealer Metaphern, häufiger Wechsel zwischen einem Ich und einem Wir als Sprecherfiguren sind kennzeichnend. Die Landschaften geben sich als imaginäre zu erkennen, in denen Landvögte neben Schaffnern auftauchen, verwachsene Pferde und eine Frau, die Lindenblätter ißt. Es sind Fragmente einer alptraumhaften Landschaft und einer „zersiedelten wahrnehmung“. Trotz raumgreifender Formen des Langgedichts beschwören sie eher den Abbruch, das Versagen und die mißlungene Intensität, die sich gegen das Subjekt kehrt. Es herrscht in diesen epischen, jedoch nicht erzählenden Gedichten eine beklemmende situative Dichte, eine Atmosphäre des Regens, der Düsternis, der Kälte, der beschädigten Landschaft, der Vergeblichkeit. Ein „mißlungener kosmos der nähe“ wird beschworen, der jedoch nur in Details dechiffrierbar ist und sich nur in ihren jähen Brüchen mitteilt. Wichtig sind hierbei die Stellen, an denen die Gedichte sich als einer Wortlosigkeit entrungen darstellen. Indikator dafür sind die häufigen Pünktchen an Gedichtanfängen und -enden, fragmenthafte Aussagen in den Gedichten und die Häufigkeit, mit der Zeilen und selbst viele Gedichte mit einem Komma enden. Diese Gedichte suchen, so heißt es, „nur das wort für verdunkeltes wort / für im kompaß verdunkeltes wort“. Es gelingt Zieger in suggestiver Dichte, jedoch eher tastend als pauschalisierend, eine Welt aus Haß und Verachtung, Gewalt und Dumpfheit darzustellen. Die Gedichte widmen sich dem Rückblick auf etwas Unverwirklichtes, auf eine mißlungene Identität: „wir. sind. leider. gedanken. geblieben.“.
Große beruhigte Körper, der zweite Gedichtband, 1992 erschienen, setzte dieses Konzept fort. Der Verzicht auf Gedichttitel und Seitenzahlen bringt die Texte in ein Strömen, einen fast epischen Fluß, der die Perspektiven Berlin, Los Angeles und Montpellier zusammenbringt. Die Gedichte grenzen manchmal an ein mythisches Raunen, sie scheinen Fragmente einer größeren Sprache, einem unaufhörlichen Text abgelauscht, etwa wie die Romantiker ihre Lieder dem Rauschen der Bäume ,abgehört‘ zu haben vorgaben, jedoch einem Rauschen mit erheblichen Störungen: „dörfer und generationen / ins unglück des sabberns gestaucht“. Schärfer als das erste Buch ist dieses eines der Trauer und der Abrechnung mit einer die Sensibilität zerstörenden Welt: „alles verschwand das ich lieb hatte“. Die „mütter“ sind es, die feindlich rufen: „vernichte dein liebstes!“
In einer alptraumhaften Welt, die von archaischen Schauplätzen wie dem „wasserhaus“ oder „farbiger flüssiger erde“ gekennzeichnet ist, und die manchmal an die Kellerwelt Wolfgang Hilbigs erinnert, spielen sich surreale Szenarien ab: „das licht weinte ständig“, „alle landschaften seien erlitten“, heißt es, das Leben, die Dinge und selbst die Tiere werden konturlos. Sie werden zu Simulationen, in denen sich das Ich wie in einem Rausch verliert. Eines der zentralen Worte für diese Art stillgestellten Lebens ist ,Müdigkeit‘: „sie ist müde die zeit / sie ist müde an euch“. Die „Freunde“ oder auch die „Dichter“ werden angesprochen, eine untergegangene Gemeinschaft wird melancholisch beschworen, die nicht mehr auffindbar ist. Auch in diesen Gedichten jedoch sind die Aussagen gebrochen durch einen Gestus sprachkritischer Distanzierung. Indikator dafür ist beispielsweise ein Satz wie: „der mond ist ein bloßes geräusch“, also entweder sinnesverwirrende Fiktion oder Sprache. Das heißt in beiden Fällen, daß deren Realität fraglich ist und erst in einer paradoxen Benennung fixiert wird.
Am Ende steht für Zieger die Notwendigkeit einer Neuorientierung: „traurig begannen die anfänge / ;dies war ihr tiefes geheimnis / ;sie hielten nicht stand“. Die Vergangenheit, von der er sich schreibend befreit, ist für ihn auch eine des verfehlten Sprechens „aus rache nur zuckenden mündern“.
Es mag eines jener Geheimnisse des Poetischen bleiben, wie ihm aus diesem Dilemma eines verfehlten Beginns heraus Verse von suggestiver Schönheit gelingen. In einem Vers wie: „eine der dronten / bist du“ leuchtet eine geheimnisvolle Welt der Imagination auf, deren – klangliche – Überzeugungskraft letztlich jenseits von Erklärungen liegt. Die Dronte, laut Lexikon eine ausgestorbene Taubenart, wird in diesem Vers von einem Engel begleitet, der wie sie ins Leere zu fliegen scheint. Auch die Dohle, Franz Kafkas Vogel (Kafka = tschech. Dohle), wird angerufen. Überhaupt sind die Vögel – die Krähe, der Rabe, die Schwalbe, der Falke – Kernmetaphern für Ziegers poetisches Sprechen. Er greift damit zurück bis in die Minnelyrik, zum Tagelied. Doch oft sind es zerstörte Metaphern und tote Vögel, und plötzlich huscht schockierend „ein vogel von scheiße / (ein stück alter scheiße)“ über die Zeilen. Diese Gedichte, und das gilt wohl generell bei Zieger, halten eine bemerkenswerte Schwebe zwischen hohem Ton und bitterer Aggression, die sich auch vor drastischem Vokabular nicht scheut.
„nie wähle berlin für den tod“ heißt es in einem der letzten Gedichte des zweiten Buches. Der Berliner Sachse Zieger, der sich in einem schaurig ironischen Gedicht fragt: „warum sind die sachsen so traurig“, formuliert hier noch einmal wörtlich seine Absage gegenüber dem, was unfreiwillig Heimat für ihn ist. Doch zugleich hat sich ihm, wohl vor allem in Südfrankreich, auch eine neue Welt aufgetan: „es wird wieder landkarten geben“ – das klingt wie Selbstermutigung und Aufbruch. Neue Landkarten sind zu beschreiben für den Dichter. Der Dichter als Kartograph – auch diese Metapher erinnert natürlich an Kafka.

Peter Böthig, aus: Peter Böthig: Grammatik einer Landschaft. Literatur aus der DDR in den 80er Jahren, Lukas Verlag, 1997

Laudatio anläßlich der Verleihung der

Dr. Manfred Jahrmarkt-Ehrengabe der

DEUTSCHEN SCHILLERSTIFTUNG VON 1859 an Ulrich Zieger

Der Roman Der Kasten, 1995 im Druckhaus Galrev erschienen, liefert, auf seiner letzten Seite, zur Biographie des Verfassers gerade eine noch nicht einmal anderthalbzeilige Notiz:

Ulrich Zieger wurde 1961 in Döbeln/Sachsen geboren. Er lebt in Berlin.

Um etwas mehr gebeten, schrieb Ulrich Zieger mir, in Döbeln sei er zwar geboren, habe aber nie dort gewohnt.

Meine Kindheit verbrachte ich in der sächsischen Kleinstadt Waldheim, der Geburtsstadt meines Vaters. Als ich neun Jahre alt war, zogen wir, meine Eltern, mein Bruder und ich, in die Geburtsstadt meiner Mutter, Magdeburg. Beide Städte liegen an Flüssen, was ich für nicht unwesentlich halte. In Magdeburg besuchte ich eine polytechnische Oberschule der DDR, nach deren Abschluss ich den heute gegenstandslosen Beruf eines Chemiegraphen erlernte. Ein Studium der Malerei und Graphik, sowie eines der Schauspielkunst schlug ich aus, mich in Berlin in verschiedene literarische und zeitgeistige Abenteuer der achtziger Jahre zu stürzen, ein vermaledeites Jahrzehnt, an dessen Ende ich die DDR verließ, dieselbe sich kurz danach auflöste und ich für neun Jahre in Frankreich blieb. Inzwischen selber Vater zweier Söhne, kehrte ich […] am Ende der neunziger in ein verändertes Deutschland zurück. Geschrieben habe ich Gedichte, Theaterstücke, Romane, Hörspiele, Erzählungen und nicht näher benennbare Prosastücke, am ehesten wohl Parabeln. Meine Texte sind klassisch-essayistisch, ohne ihre Herkunft aus der Post-Moderne, einer hochinteressanten Zeit unorthodoxen Reflektierens, zu verleugnen.

Ulrich Zieger schließt seine Selbstauskunft mit dem Hinweis:

Falls Fragen bleiben: 030.

folgt eine Berliner Telefonnummer und der Name seines Verlegers: Egmont Hesse.
Als der Dramatiker Ulrich Zieger 1997 in Kamenz, Lessings Geburtsort, den Förderpreis zum Lessing-Preis des Freistaates Sachsen erhielt, sprach Michael Eberth in seiner Laudatio von „Fluchten“:

Raus aus der Kleinstadt. Raus aus dem alten Land DDR. Raus aus dem neuen Land BRD. Raus aus der alten und neuen Hauptstadt Berlin. Und immer verknüpft damit – raus aus den Sprachen, Erzählweisen und geistigen Ordnungen, die zu den Orten und den Ländern gehören.

Wo Zieger in seiner Selbstauskunft von „verschiedene(n) literarische(n) und zeitgeistige(n) Abenteuer(n) der achtziger Jahre“, und einem „vermaledeiten Jahrzehnt“ spricht, wird sein Laudator Eberth deutlicher, wenn er bekennt, zunächst den Verdacht nicht los geworden zu sein, „dass die Abwendung vom Hergebrachten bei diesem Autor nicht einem Ringen mit neuer Erfahrung entsprang, sondern seine Begründung aus jenem Theoriegewirr schöpfte, das den Ariadnefaden des einstigen Prenzlauer Berges entstammte und seinen Antrieb im Ekel vor allem real Existierenden hatte.“

Ulrich Zieger debütierte als Buchautor 1990 in der edition qwert zui opü mit dem Gedichtband neunzehnhundertfünfundsechzig, 1991 folgte, ebenfalls in dieser Edition, der Prosaband Der zweifelhafte Ruhm dreier Dichter. 1992 erschien der Gedichtband Große beruhigte Körper. Den Datierungen der Gedichtgruppen nach, sind die Gedichte darin vom Frühjahr bis Herbst 1989 entstanden, einzelne bis 1991; die dazu angegebenen Entstehungsorte Berlin-Neukölln, Kreuzberg, Charlottenburg, Montpellier dürften Stationen markieren der Fluchten, von denen Michael Eberth sprach. Diese Gedichte bieten und biedern sich nicht an. Auch mag dem Leser der erste Anlauf nicht gelingen. Vielleicht erschließen sie sich ihm, wenn er sie laut liest (wie man vielleicht Gedichte und gute Prosa überhaupt immer wieder einmal laut lesen sollte), erschließt sich das Poetische darin, – und nun mit Worten Ulrich Ziegers aus seiner Kamenzer Dankrede – das Poetische, „dessen näherer Unnennbarkeit es mitunter gelingt, uns Menschen ein Gegenüber bei der Erfahrung der Unergründlichkeit des eigenen Seins zu werden, Einsicht in es zu nehmen und sich darin auf der Suche nach Hinweisen auf seine Beschaffenheit zu befinden.“ „Vom Wagnis, etwas zu sagen“, überschrieb Ulrich Zieger die Dankrede. – Originalton aus Große beruhigte Körper:

XVII

nun scheint es gekommen
das alte gespräch
zu den älteren alten
gesprächen
und immer bedeutet dies
weitere gründungen
in einer nacht
wo der erste geworfenen vogel
die vögel hereinlässt,

als sollten sie gegen dich arbeiten
sitzt du und grüßt –,

Zwei Bänden Theaterstücke, deren Autor der Kamenzer Preis galt, und dem Prosaband In der Finsternis (1993) folgt Ulrich Ziegers bisheriges opus maximum: der Roman Der Kasten, 1995. Mit diesem Roman erfährt Zieger sofort die Ehre, von Wolfgang Emmerich in seine Kleine Literaturgeschichte der DDR aufgenommen zu werden. Emmerich urteilt „ein erstaunlicher Roman“, und bedauert, er sei „von einer größeren Öffentlichkeit kaum wahrgenommen“ worden. In dem Roman lasse Zieger „die Verwahrlosung und den Untergang des Landes von einem Ich-Erzähler präzis beobachten.“ Emmerich subsummiert, den Roman unter die „Wendezeit (1989–1995)“; das mag zeitlich stimmen; jedoch immer gerade dann, wenn der Leser eine Nähe zu Vergangenem zu wittern scheint, versenkt ihn der Erzähler erst recht in die eigene Welt dieses Romans.

Wieder umfing mich die wabernde Dunkelheit der Gänge. Ich atmete sie förmlich ein. […] In den Kellern des Archivs schlug eine andere Zeit. In ihr wehte der Atem des hinausgezögerten Verfalls der Dokumente, die man seit über einem Jahrhundert in ihnen eingelagerte hatte. Der Schweiß der Finger, durch die sie gegangen waren, die abgestorbenen Zellen von Kopfhaut, die aus dem Haar längst vergessener Zeichner und Lektoren zwischen die pergamentenen Seiten gefallen waren, würden darin ebenso lesbar sein, wie die Stockflecken der Sprühnebel aus ihren Mündern, die, während sie über die Unterlagen gebeugt gesessen hatten, unwiederbringliche Gespräche geführt hatten. Es war, als ginge von dem Brodem des hier eingelagerten Materials eine Nachricht über die eigentliche Bewegung der Zeit aus, deren Mahlwerk die Stadtbewohner dort oben nicht hörten. Diese Nachricht aber war klar.

Im LXXI. Gedicht der Großen(n) beruhigte(n) Körper stehen die Zeilen:

mit dem hanf der vergangenen wege
haben wir tulpen gebunden kartoffelkraut
flüchtigen mohn.

vielleicht sind diese drei Zeilen – Hanf und Mohn in einem doppelten Sinne – ganz wörtlich zu nehmen für diesen Roman.
Die Jury schlug vor, mit der Dr. Manfred Jahrmarkt-Ehrengabe Ulrich Zieger auszuzeichnen.

Egbert-Hans Müller

 

ULRICH ZIEGER

Bin halb Wolf, Halbfell, Halbohr,
halb Aug, Halbunter und Oberkiefer
schon die halbe Ewigkeit
Zitat aus einer Preisdankessagung:

Vom Rotkäppchen habe ich mich abgewendet. Mich gewandelt zum Wolf. Nach ruhmreichen Jahren wieder zum Rotkäppchen mutiert, pflücke ich die ostdeutschen Äcker leer und weiß nicht was war wie mir wurde. Ich möchte so gern in einem anderen Märchen Hauptfigur sein. Vielleicht ein Zwerg. Der größte von mir sieben.

Peter Wawerzinek

FÜR ULRICH

Ich weiß nicht wann die Hand
die dich fütterte GROSSER BE-
RUHIGTER KÖRPER zu Dir kam in
der Nacht und hinein schlüpfte
wie in eine Kaschperlgruppe, die die
Schuhe voll Grauen in einem Land
behütete, in dem die Phantasie stehen
geblieben war. Die Gedankenzeiger
waren umgestellt, schwarze Sonnenfinger
löschten Datein des Wahnsinns, die Hände
erzählten Details Falschen Aufwachens mit
einem Ruck, daß die Lade heraus fiel und das
Lachen entstand. Lava aß, wer sich früh verbrühte
und ertrank, wenn er sich löschen wollte. 

Ja, Sachen machen die Dampfer, hüten das Blei
GROSSER BERUHIGTER KÖRPER wie ein ewiges
sinkendes Spiel. Zinnoberfische am Abend grüssten
den Morgen danach: eine Ruhige dunkle See.

Oliver Neumann

 

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Gert Neumann spricht über Ulrich Zieger.

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  1. Blogwichteln - „meine liebe,“ von Ulrich Zieger - eine Gedichtinterpretationwww.koelner-leselust.de - […] Die „hohe“ Liebe wird in einem Gestus der Distanzierung zu „lohem“ körperlichen Begehren herabgewürdigt. Damit wird ein Kreis geschlossen:…

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