Andrea McTigue (Hrsg.): Und suchte meine Zunge ab nach Worten

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Andrea McTigue (Hrsg.): Und suchte meine Zunge ab nach Worten

McTigue/Cleary-Und suchte meine Zunge ab nach Worten

SIE WILL DIE POESIE NICHT MEHR

Im Handumdrehen verbannte sie die Habichte
Die Adler und die Löwen
Sie, die so gewöhnt war
An die schöne rasch erlegte Beute.
Sie verscheuchte die Motten
Man hört sie nicht mehr angstvoll ihre Fenster
anflehen
Eins nach dem anderen.
Sie pflückte die schreienden Blumen
Und das Wollgras:
Sie will die Poesie nicht mehr
Sie befriedigt und erregt ihre Seele nicht mehr−
Ist ihrem Geist kein Bedürfnis
Sie hat ihr Leben in Ordnung gebracht.

Es ließe sich leicht von einer Person trennen
Die mit der Prosa der Welt gegangen ist
Aber du erinnerst dich an die Metrik ihrer Brust
Akkord und Wiederholung deines Namens in ihrem Mund −
Die unsägliche Zäsur ehe sie selbst in ein Gedicht ausbrach.

Gabriel Rosenstock

 

 

Vorwort

Erstmals wird mit der vorliegenden Sammlung zeitgenössische keltische Lyrik im deutschsprachigen Raum vorgestellt. Es handelt sich um Liebesgedichte des zwanzigsten Jahrhunderts von vorwiegend noch lebenden Lyrikern.

Bretonisch ist die einzige noch lebende keltische Sprache auf dem europäischen Festland. Die anderen drei Sprachen: irisches Gälisch (Irisch), schottisches Gälisch (Schottisch) und Kymrisch (Walisisch) stammen aus Irland, Schottland und Wales. Die einzigen hier nicht vertretenen keltischen Sprache sind das Kornisch von Cornwall und das Manx von der Insel Man, die im neunzehnten bzw. zwanzigsten Jahrhundert ausgestorben sind und jetzt nur noch im Sprachunterricht erlernt werden.

Die vier hier vertretenen keltischen Sprachen Irisch, Schottisch, Walisisch und Bretonisch sind, obwohl sie jahrhundertelang unter schlechten politischen und kulturellen Verhältnissen gelitten haben, doch noch lebendig, und ihre Autoren haben die Pflege der Lyrik keineswegs vernachlässigt. Man könnte im Fall Irlands sogar von einem gegenwärtigen goldenen Zeitalter der Lyrik in gälischer wie in englischer Sprache reden. Die gälische Literatur in Irland erlebt gegenwärtig in fast allen Gattungen eine starke Renaissance. Von einer Renaissance kann in bezug auf die walisische Literatur nicht gesprochen werden, denn die Lyrik erfreut sich seit jeher großer Beliebtheit. Allerdings läßt sich unter jungen Leuten seit etwa einem Jahrzehnt ein wachsendes Interesse an der Kunst des Cerdd-Dafod feststellen. Cerdd-Dafod ist eine Art Manifest, welches die seit Jahrhunderten bestehenden und exakten Regeln zum Versmaß verzeichnet…

Obwohl Schriftsteller in den keltischen Sprachen nicht die allerbesten Rahmenbedingungen für ihre Arbeit haben, gibt es immer noch eine erstaunlich starke lyrische Tradition. Die Tatsache, daß lyrische Erstveröffentlichungen in Zeitschriften erscheinen und so leichter als größere Prosawerke das Publikum erreichen können, mag dazu beigetragen haben. Die Rolle der Zeitschriften kann nicht genug betont werden, z.B. Gwalarn, Brud Nevez, Al Liamm, Ar Falz, SKRID und Al Lanv in der Bretagne, Comhar, Feasta, An tUltach und Innti in Irland, Crann, Gairm, Chapman und Carn in Schottland und Barddas, Barn, Golgw, Taliesyn, Poetry Wales, New Welsh Review und Planet in Wales. Viele Lyriker haben selber auch zeitweise als Herausgeber von literarischen Zeitschriften gearbeitet, z.B. Roparz Hemon, Ronan Huon, Gwendal Denez, Liam Ó Muirthile, Alan Llywd, Tomás Mac Síomóin und Michael Davitt. Die Renaissance der bretonischen Dichtung in unserem Jahrhundert begann mit der Gründung der ersten literarischen Zeitschrift Gwalarn in den zwanziger Jahren. Erfreulich ist es, daß die sogenannte Innti-Lyriker, Michael Davitt, Gabriel Rosenstock, Nuala Ní Dhomhnaill und Liam Ó Muirthile u.a., die als junge Studenten in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren energisch eine Erneuerung der irischen Lyrik herbeiführten, noch heute in Irland zu den meistgelesenen und beeindruckendsten Lyrikern gehören.

Lyriker werden auch in Wales, Schottland und Irland durch die jährlichen Wettbewerbe dazu ermutigt, weiterzuschreiben, wie beispielswiese das National Eisteddfod in Wales, das Mòd in Schottland und an tOireachtas in Irland. Im National Eisteddfod werden die beiden renommiertesten Preise an Lyriker überreicht: die „Krone“ und der „Stuhl“. Beide Auszeichnungen werden für solche Gedichte vergeben, die etwas 200 Zeilen umfassen und ein vorgegebenes Thema behandeln. Die Krone geht in der Regel an den Dichter eines in freiem Versmaß verfaßten Gedichtes. Der Stuhl wird dagegen für ein Gedicht verliehen, das nach den exakten Regeln des oben erwähnten Cerdd-Dafod geschrieben wurde. Die für die vorliegende Sammlung ausgewählten walisischen Gedichte sind allerdings teilweise von Lyrikern, die sich von der literarischen Tradition zu entfernen und sich ihr dabei zugleich auf andere Weise anzunähern versuchen. In diesem Sinne sind viele der Gedichte als Variationen von Mythen und Bildern zu begreifen, die hier eine neue Ausdrucksweise finden…

Der große deutsche Keltologe Kuno Meyer schrieb im Vorwort zu seiner Lyriksammlung Ancient Irish Poetry, daß die Kelten das Alltägliche und das Naheliegende vermeiden und daß ihnen die Kunst der Andeutung – „the half-said-thing“- sehr wichtig sei. Der Leser der vorliegenden Anthologie keltischer Liebesgedichte wird für sich feststellen können, daß die Beobachtung Meyers für die keltische Lyrik der Gegenwart noch gültig ist. In zahlreichen Gedichten aus den vier keltischen Sprachbereichen ist das Angedeutete das wichtigste Element und gerade dieses Element stellte für die Übersetzerinnen die größte Herausforderung dar.

Andrea McTigue, Aus dem Vorwort, März 1996

 

Fakten und Vermutungen zur Herausgeberin

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