Bernd Leistner: Zu Paul Flemings Gedicht „Elegie An sein Vaterland.“

Im Kern

Im Kern

– Zu Paul Flemings Gedicht „Elegie An sein Vaterland.“ aus dem Band Ich bin ein schwaches Both ans große Schiff gehangen. –

 

 

 

PAUL FLEMING

Elegie
An sein Vaterland.

Ach! daß ich mich einmahl doch wieder solt’ erfrischen
an deiner reichen Lust / du edler Mulden, Fluß /
Da du so sanffte gehst inn bergichten Gepüschen /
da / da mein Harttenstein mier boht den ersten Kuß.
Wie jung / wie klein’ ich auch ward jener Zeit genommen
aus deiner süßen Schooß / so fällt miers doch noch ein /
Wie offt’ ich lustig hab’ inn deiner Fluth geschwommen.
Mier träumet offte noch / als solt’ ich ümm dich seyn.
Itzt wolt’ ich mier erst Lust / und dier Ergötzung schaffen.
Inn dem ich nach der Kunst / die mich und dich erheebt /
Ein unerhörtes Lied / nicht von Gradivus Waffen /
Für dem du nun / Gott loob / itzund hast außgebeebt /
Ein Lied / von stiller Ruh’ / und sanfftem Leeben spielte /
Wie unser Maro itzt bey seinem Bober thut /
Ein Lied / das Himmel hätt’ / und etwas solches fühlte /
das nach der Gottheit schmekk’ / und rege Muth und Bluth.
Als ich denn pflag zu tuhn vor sieben halben Jahren /
(Wo ist sie itzund nun / die liebe schöne Zeit!)
Da ich so helle sang bey Philyrenens Paaren /
daß sich mein Thoon erschwung biß an die Ewigkeit.
Ich sang der deutschen Ruhm / und ihrer theuren Printzen /
Biß Mars mich da trieb’ aus / der Unhold aller Kunst.
Da macht’ ich mich beloobt bey vielerley Provintzen /
Das Lief, und Rußland auch mier boten ihre Gunst.
Rubelle / die ich pflag mehr als mich selbst zu lieben /
Rubelle / von Gestalt und Sitten hooch=benahmt /
dieselbe hatte mier die Pest auch auftgerieben.
Doch hat sich ihre Frucht inn mier sehr reich besaamt.
Die weisse Balthie / ümm die zu einem Schwane
Zeus itzt auch würde noch / fing mich mit ihrer Zier.
Nach dieser wurd mier hold die lange Roxolane.
Ach! aber / ach! wie weit binn ich von beyden hier!
Zwar / es verstattet mier das Kaspische Gestade /
daß ich ümm seinen Strand mag ungehindert gehn;
Auch bittet mich zur zeit zu Ihrem schönen Bade /
Auff urlaub deß Hyrkans / manch’ Asische Siren’.
Ich binn den Nymfen lieb / den weichen Zirkassinnen /
Dieweil ich ihnen fremd’ und nicht zu heßlich binn.
Und ob einander wier schoon nicht verstehen können /
So kan ihr Auge doch mich günstig nach sich ziehn.
Was aber soll ich so / und auff der Flucht nur lieben.
Kupido wird durch nichts / als stätigkeit vergnügt.
Was den zu laben scheint / das macht ihm nur betrüben /
der allzeit alles hat / und niemahls nichts doch kriegt.
Ich stürbe miers denn ab / so hoff’ ichs zu erleeben /
Daß / wenn ich diesen Lauff zu ende habe bracht /
Ich dier den ersten Kuß / O Landsmannin wil geeben /
Was ferner kann geschehn / das laß ich ungedacht.

Vor Terkij der Zirkassen / m. de. xxxvj. den
jx. November.

 

Sehnsucht nach einer Liebesheimat

Die 48 Alexandrinerverse dieses Gedichts entstanden am 9. November 1636 in Terki. Hier, an der Mündung des Terek ins Kaspische Meer, hatte das von Astrachan kommende Schiff der holsteinisch-gottorfschen Gesandtschaft Station gemacht. Erneut in See stach es am 11. November. Einen Tag später bereits geriet es in einen schweren Sturm. Daß das manövrierunfähig gewordene Schiff schließlich, am 15. November, bei Nizovaja ans Ufer trieb und Fleming sich damit gerettet sehen konnte, war ihm nachgerade ein Wunder. Lebensbedrohliche Situationen hatte es auch schon gegeben, bevor die Gesandtschaft in Terki eintraf. Im Gedicht ist davon nicht die Rede – wie es sich auch jeglicher Andeutung dessen enthält, daß sich die Expeditionsteilnehmer ohnehin in übler Lage fanden.

[…] ihre meiste Kost war hardte Brodt / dröge Fleisch und Wasser / hatten sonst ihre Beschwerung und Widerwertigkeit vom Gesandten Brüggemann / darvon nicht viel zu gedencken. War also Sorge / Arbeit und Verdruß unser täglich Frühstücke und Abendmahlzeit.

So heißt es in der von Adam Olearius stammenden Reisebeschreibung. Wenn aber nichts dergleichen im Gedichttext beklagt wird, so statt dessen das andauernde Unterwegssein in der Fremde an und für sich; und es artikuliert sich eine Sehnsucht nach Heimat, die unlösbar verbunden erscheint mit der Sehnsucht nach fester Liebespartnerschaft.
Begonnen hatte das Reiseabenteuer, nimmt man das Datum der Einschiffung in Travemünde, am 9. November 1633, also auf den Tag genau drei Jahre vor der Niederschrift der ,Elegie‘. Was Fleming sonst nur selten tat: Er datierte das Gedicht; man wird dies als Zeichen dafür werten können, daß ihm der Jahrestag bewußt war. Er hatte sich seinerzeit für das Gesandtschaftsunternehmen gewinnen lassen, um dem Krieg zu entfliehen. Gleichwohl war auch Welterfahrungslust ein Antrieb gewesen. Im Teilnehmerverzeichnis rangierte er unter den „Hoff-Junckern und Trucksesser“: Indizien dafür, daß er als Mediziner beansprucht worden wäre, gibt es nicht; und wenn er gehofft hatte, dem reisenden Gesandtschaftsstaat werde seine dichterische Kunstfertigkeit willkommen sein, so mußte er sich arg enttäuscht sehen. Im lateinisch verfaßten Briefgedicht an den Revaler Freund Reiner Brockmann, geschrieben in Nižnij Novgorod, klagte Fleming, daß er sich „als nutzloses Glied eines durcheinander wirbelnden Hofes“ fühle. Wie so viele andere Gedichte, die während der Reisezeit entstanden, schrieb er die ,Elegie‘ für die Schublade.
Es ist, was der von Sehnsucht Geleitete, an diesem 9. November 1636 zum Gedicht fügte, zu großen Teilen ein Lebensrückblick – und ein solcher, der biographisch Faktischem ebenso folgt, wie er es gleichermaßen poetisch transzendiert. Fleming war noch keine sechs Jahre alt, als die Familie den Geburtsort Hartenstein verließ und nach Topfseifersdorf übersiedelte, wo der Vater die Pfarre zugesprochen bekommen hatte. Das Gedicht freilich erinnert als heimatlich behausende Kindheitswelt ausschließlich die der Hartensteiner Jahre; mit dem Ort verbinden sich in ihm der Ureindruck erfahrener Zuneigung und zugleich derjenige einer als Locus amoenus erscheinenden Flußlandschaft. Und in die Flut, so die Vergegenwärtigung, sei das Kind oft ,lustig‘ (zu verstehen als: lustvoll) eingetaucht. Ein passionierter Psychoanalytiker würde davon sprechen, daß sich in der bildhaften Projektion die unbewußte Sehnsucht nach Rückkehr in die Fruchtblase des Mutterleibs anzeige. Doch man muß wohl so tief nicht gründeln. Es genügt, beim ,süßen Schooß‘, als der die Zwickauer Mulde bezeichnet wird, und bei der Beschreibung des Schwimmens in ihr eine Mütterlichkeit zu assoziieren, die in früher Kindheit erfahren zu haben das Ich sich auf solch bildhaft projizierende Weise erinnert. Und mit dieser für die Lyrik des 17. Jahrhunderts erstaunlichen Projektion setzte sich Fleming durchaus darüber hinweg, daß er als Fünfjähriger gewiß noch nicht schwimmen konnte und in der flach dahinfließenden Mulde bei Hartenstein es ohnehin nicht hätte tun können.
Die Lebensstation Topfseifersdorf/Mittweida und damit die Zeit zwischen dem sechsten und dem dreizehnten Lebensjahr wird im Gedicht unerwähnt gelassen. Kurz nach der Übersiedelung, im Februar 1616, war die Mutter gestorben. Dafür, daß Fleming von der Stiefmutter, die er bekam, freundlich behandelt wurde, gibt es Indizien. Gleichwohl dürfte für ihn der jähe Mutterverlust das Ende jener Kindheit bedeutet haben, die als mütterlich umschlossene erinnert und eben einzig mit dem Muldenort Hartenstein verbunden blieb. Und akzentuiert diese auf die frühe Kindheitswelt gerichtete Erinnerung ist es denn auch, die nun für das Dichtertum des Ichs als Movens und Beziehungsgrund benannt wird. Ein „Lied von stiller Ruh’ und sanfftem Leeben“ zu schaffen habe dem dichtenden Ich im Sinne gelegen, der Erfahrung kriegerischer Zeitläufte kontrastierend und dem sich an die Seite stellend, was „Maro […] bey seinem Bober“ poetisch hervorgebracht habe. Gemeint ist damit der als deutscher Vergil apostrophierte, aus Bunzlau am Bober stammende Martin Opitz. Auf ihn war der zunächst nur neulateinisch schreibende Fleming durch den ebenfalls in Leipzig studierenden Schlesier Georg Gloger aufmerksam gemacht worden; und wenn es in der ,Elegie‘ heißt, jenes ,Lied‘ habe das Ich „vor sieben halben Jahren“ anzustimmen begonnen, so ist, rechnet man vom Entstehungsdatum der Verse zurück, exakt der Zeitpunkt bezeichnet, zu dem (Juni 1629) Fleming mit Gloger bekannt geworden war. Daß er lateinische Gedichte auch fürderhin geschrieben hat und im übrigen einige deutschsprachige, in denen er ausgesprochen martialische Töne anschlug, dies blendete Fleming in der ,Elegie‘ aus – um namentlich der Epithalamien zu gedenken, der Hochzeitslieder also, die er ,bey Philyrenens [Leipzigs] Paaren‘, sowie all der Lieder, die er dem ,Ruhm‘ der Deutschen und ihrer ,theuren Prinzen‘ gesungen habe. Und viel an Lob und Anerkennung seien ihm für seine Dichtkunst zuteil geworden: zunächst noch in Leipzig, sodann auch, nachdem der Krieg ihn vertrieben habe, in ,Lief- und Rußland‘; als Orte längeren Aufenthalts sind hierbei vor allem Reval, Novgorod, Moskau zu assoziieren. Wenn er aber, dies der sich anschließende Erinnerungsreflex, zu solch allerorten gerühmter Kunstleistung habe fähig werden können, so sei das nicht zuletzt auch der Anregung durch ,Rubelle‘ zu danken gewesen, einer Liebespartnerin, die nun nachgerade als ein Wesen identifiziert erscheint, das dem einer verlorenen Liebesheimat Nachtrauernden als Kompensationsgestalt erwuchs: „Rubelle / die ich pflag mehr als mich selbst zu lieben […].“
Rubella, seu Suavorum Liber I., so lautete der Titel einer Sammlung von lateinischen Liebesgedichten, die Fleming 1631 in Leipzig drucken ließ; den Namen der weiblichen Bezugsfigur entlieh er den ,Nugae‘ des französischen Dichters Nicolas Bourbon. Inzwischen weiß man: Diese adaptierte ,Rubella‘ war für Fleming nicht schlechthin eine poetische Spielfigur; es verbarg sich hinter ihr der Freund Georg Gloger. Tatsächlich hatte sich die Bekanntschaft mit ihm sehr rasch schon zu inniger Freundschaft entwickelt, wobei Gloger dem um sechs Jahre Jüngeren zum Orientierung und Halt Gebenden wurde.
Und lenkend wirkte er nicht nur als selbst schreibender Opitzianer auf Fleming, sondern auch dahin gehend, daß dieser sich fürs Medizinstudium entschied. Doch zugleich eben war der Mentor eine Art älterer Bruder, Mutterersatz, Geliebter in einem für den Anlehnungsbedürftigen; und der plötzliche Tod Glogers, der am 16. Oktober 1631 einem ,hitzigen Fieber‘ erlag, bedeutete für ihn eine Katastrophe. Ausdruck verschaffte sich die große Trauer über den Verlust des Freundes in sehr vielen Texten; namentlich die ,Parentatio Adonis‘ (,Beweinung des Adonis‘) ist zu nennen oder sind es auch die ,Manes Glogerian‘, in denen der Dichter klagt, daß er nun ,verwitwet‘ zurückgelassen worden sei.
„Rubelley von Gestalt und Sitten hooch-benahmt // dieselbe hatte mier die Pest auch auffgerieben. // Doch hat sich ihre Frucht inn mier sehr reich besaamt.“ Solchem Gedenken nun folgt in der ,Elegie‘ die Erinnerung an Liebesepisoden, zu denen es während der Reisezeit gekommen sei. Zunächst findet sich die ,weisse balthie‘ genannt, deren ,Zier‘ das Ich zu fangen vermocht habe, sodann ,die lange Roxolane‘, die ihm ,hold‘ gewesen sei. Dabei wird, was die erstere betrifft, zwar gesagt, daß deren Schönheitsreize, denen der Leda gleich, selbst Zeus auf den Plan gerufen hätten, mehr aber auch nicht. Und im Falle jener ,langen Roxolane‘ begnügt sich Ich gar mit der bloßen Erwähnung. Vergleichsweise ausführlich dagegen fallt die Mitteilung aus, daß derzeit, beim Zwischenaufenthalt am Kaspischen Meer, ,manch’ Asische Siren’‘ die Blicke nach dem, der ihnen als attraktiver Fremdling erscheine, verlockend richten; doch schon der Plural (,Nymfen‘, ,weiche Zirkassinnen‘ [Tscherkessinnen]) zeigt an, daß von ernstlicher Liebe nicht die Rede sein könne. Die Reihung berichtet somit von Liebeleien, als deren Charakteristika Stationsgebundenheit und Flüchtigkeit hervortreten; dem, was zuvor über die Beziehung zu ,Rubelle‘ gesagt worden ist, erweist sich keine dieser Liebeleien als adäquat. Bezeichnend, daß die ihnen gewidmete Gedichtpassage ins lyriksprachlich schlechthin Konventionelle verfällt; im Gegensatz zur Rubelle-Reminiszenz bezog Fleming ihre Fügungselemente nur mehr aus dem seinerzeit allgemein vernutzten Vorrat. Wie aber? Mit der ,weissen Balthie‘ spielt die ,Elegie‘ immerhin auf die Revaler Kaufmannstochter Elsabe Niehus(en) an. Gilt es nicht als ausgemacht, daß sie Flemings große, ihn tief bewegende Liebe war, eine Liebe, der er nach der Abreise aus Reval fortwährend und auch in Terki noch fest im Herzen trug?
Die Nachricht, daß Elsabe sich mit einem anderen verlobt habe, empfing Fleming erst etliche Monate nach Entstehung der ,Elegie‘, wohl im März 1637. Enttäuschung und Erbitterung über diesen Liebesverrat konnten folglich, als er sie schrieb, noch nicht im Spiel gewesen sein. So aber ließe die ,Elegie‘ wissen, daß Flemings Liebe zu dem Mädchen, das, als er es kennenlernte, wohl sechzehn oder siebzehn Jahre zählte, denn doch nicht so unbedingt und ihn ganz erfüllend war, wie es auf Grund etlicher anderer Gedichte scheinen mag?
Im Sonett „Von Salvien“ heißt es:

Verzeihe dieses mir / du seelige Rubelle /
Daß ich mir Salvien erwehl’ an deine Stelle.
Ich sah ihr Antlitz an / Ihr Häupt / Ihr güldnes Haar /
Ihr reden / Ihren Gang / wiewol ihr alles liesse /
An Salvien war gantz / was an Rubellen war.
Ach! daß doch Salvie nur auch Rubelle hiesse.

,Salvie‘ erweist sich als Anagramm von ,Ilsave‘: Wenn man nun bedenkt, daß sich hinter ,Rubelle‘ wiederum der betrauerte Gloger verbirgt, so tritt die Aussage nach gerade als grotesk hervor. Das (offenbar) hübsche junge Ding als eine Art Reinkarnation des Schirm und Anlehnung gewährenden älteren Liebespartners von einst? Die Frage, welches der beiden Flemingschen Elsabe-Bilder, das im Sonett oder das in der ,Elegie‘ gezeichnete, das subjektiv wahrhaftigere sei, dürfte nicht schwer zu beantworten sein.
Schließlich wird in der ,Elegie‘ der Blick aufs ersehnte Ende des Reiselebens gerichtet Die Verse sprechen nicht ausdrücklich von einer Rückkehr nach Sachsen; und die ins Auge gefaßte ,Landsmannin‘ erfährt keine nähere Kennzeichnung. Oder doch? Heinz Entner läßt in seiner hoch zu schätzenden Fleming-Monographie immerhin einen Zweifel anklingen, wenn er schreibt, mit dieser ,Landsmannin‘ habe der Dichter ,doch wohl nur Elsabe meinen‘ können. Aber die war im Zuge des Gedichtganges allzu beiläufig behandelt worden, als daß solche Identifizierung plausibel wäre. Und zu fragen ist ja auch, wie der Begriff der ,Landsmannin‘ angemessen zu verstehen sei. Im berühmt gewordenen Sonett, das Fleming auf dem Hamburger Totenbett schrieb, lautet ein Halbvers:

Kein Landsmann sang mir gleich.

Da die Interpretation ausscheidet, Fleming habe damit selbst das Opitzsche Dichtertum als nachrangig bewertet, kann sich dieser ,Landsmann‘ entschieden nur auf Sachsen beziehen. Wäre es demnach nicht angezeigt, dementsprechend auch die ,Landsmannin‘ der ,Elegie‘ als eine in Sachsen Beheimatete gemeint zu sehen? Das hieße dann: Ihr würde der Heimkehrende den ,ersten Kuß‘ geben, von dem im vorletzten Vers die Rede ist und der im übrigen unverkennbar jenem ,ersten Kuß‘ korrespondiert, der am Gedichtanfang (Vers 4) erinnert worden ist. Dieser einstige ,erste Kuß‘ bezeugte dem Ich die Erfahrung früher Liebesheimat; dem seinerzeit empfangenen steht nun freilich ein zu gebender gegenüber: Der Heimkehrende, des Reisens und der bloßen Liebeleien überdrüssig Gewordene wird sich, eine solche Liebesheimat neuerlich zu gewinnen, eben durchaus nicht darauf verlassen können, daß sie ihm zufalle. Darüber aber, daß der Sehnsuchtsreflex des Gedichtschlusses, der mit neuerlichem Gewinn einer Liebesheimat ja auch den Gedanken einer Revitalisierung dichterischen Vermögens verbindet, noch ein Weiteres aufblitzen läßt, soll nicht hinweggegangen werden. Nicht von ,Landsmännin‘ spricht das Gedicht, sondern akzentuiert von ,Landsmannin‘. Im Grimmschen Wörterbuch findet man diese Flemingsche Gedichtstelle als einzigen Beleg fürs Vorkommen auch der unumgelauteten Form. Sie war jedenfalls unüblich. Sollte Fleming, dem die Freundschaft mit Gloger unvergessen geblieben war, sie grundlos gewählt haben?
Freilich paßte auch im Falle Flemings das, worauf sich die Sehnsucht richtet, mit dem, was die Lebenspragmatik erheischt, nicht zusammen. Und durchaus willens, seine bürgerliche Existenz zu sichern, ergriff er die Gelegenheit, die sich ihm in Reval bot: Es war die Chance, am kriegsfernen Ort eine hübsche Tochter aus wohlbestallter Familie zu heiraten. Er war schließlich auch bereit, anstelle der sich anderweitig bindenden Elsabe deren Schwester zu nehmen und die Liebe zu ihr nicht minder heftig zu bedichten als vormals die zur nun untreu Gewordenen. Überdies nahm er es auf sich, noch vor der Trauung ins niederländische Leiden zu reisen und dort sein Medizinstudium abzuschließen, damit er als Doktor medicinae für die ihm avisierte Anstellung als Revaler Stadtphysikus die erforderliche Qualifikation besitze. Aber zur Hochzeit und beruflichen Etablierung kam es ja nicht mehr. Der Tod hat die Pläne zunichte gemacht.

Bernd Leistner, aus Ich bin ein schwaches Both ans große Schiff gehangen. Die Lebensreise des Paul Fleming in seinen schönsten Gedichten. Herausgegeben von Richard Pietraß unter Mitarbeit von Peter Gosse, Projekte-Verlag Cornelius, 2009

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.