Gershom Schocken: Zu Gottfried Benns Gedicht „Stilleben“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

− Zu Gottfried Benns Gedicht „Stilleben“ aus dem Gedichtband Gottfried Benn: Sämtliche Gedichte. −

 

 

 

 

GOTTFRIED BENN

Stilleben

Wenn alles abgeblättert daliegt
Gedanken, Stimmungen, Duette
abgeschilfert – hautlos daliegt,
kein Stanniol- und das Abgehäutete
− alle Felle fortgeschwommen −
blutiger Bindehaut ins Stumme äugt −:
was ist das?

Die Frage der Fragen! Aber kein
Besinnlicher
fragt sie mehr −
Renaissancereminiszenzen,
Barocküberladungen,
Schloßmuseen −

nur keine weiteren Bohrungen,
doch kein Grundwasser,
die Brunnen dunkel,
die Stile erschöpft −

die Zeit hat etwas Stilles bekommen,
die Stunde atmet,
über einem Krug,
es ist spät, die Schläge verteilt
noch ein wenig Clinch und Halten,
Gong – ich verschenke die Welt
wem sie genügt, soll sich erfreun:

der Spieler soll nicht ernst werden
der Trinker nicht in die Gobi gehn,
auch eine Dame mit Augenglas
erhebt Anspruch auf ihr Glück:
sie soll es haben −

still ruht der See,
vergißmeinnichtumsäumt,
und die Ottern lachen.

 

Welt in Trümmern

Die Kulturkulisse ist zusammengebrochen. Es ist eine Situation des allgemeinen und persönlichen Bankrotts („abgeschilfert“ = in Schuppen abgefallen). Eine schwerbeschädigte menschliche Gestalt wird eingeführt, der alle Felle, selbst das eigene, fortgeschwommen sind, da sie auch ihres ersten – und letzten – Schutzes beraubt ist: ihrer Haut, wie Bartolomäus (Michelangelo hat sich so im Letztem Gericht gemalt). Aber der Geschundene Benns – dessen Beschreibung an Bilder von Francis Bacon erinnert – ist kein gläubiger Heiliger, der in den Himmel hinauffährt, sondern ein hoffnungsloser Nihilist, der blutenden Auges um sich nur eine zerstörte Welt sieht. Aus einem Brief des Dichters an F.W. Oelze vom 27. Juli 1950 geht hervor, daß er sich weitgehend mit der geschilderten Gestalt identifiziert hat.
Die Frage nach dem Sinn des Ganzen drängt sich auf, wird aber sofort als unzulässig abgewiesen. Die Kulturwelt liegt in Trümmern. Übrig sind nur Reste aus vergangenen Perioden – Renaissance, Barock −, die uns nichts mehr zu sagen haben und die heute nur museale Objekte sind. Alles ist nur Oberfläche, seicht und flach. Es lohnt sich nicht, in die Tiefe zu gehen, nach Quellwasser zu graben. Der Kulturvorrat ist verbraucht. Ein neuer Stil kann nicht mehr entstehen.
Eine eigenartige Stille ist eingetreten. Die Zeit atmet über einem Hohlraum (das Komma nach „atmet“ scheint mir fragwürdig). Es ist spät. Die großen Kämpfe sind beendet. Nichts von Wert, nichts Belangvolles geschieht mehr. Was noch da ist, kann daher getrost für sofortige, leichte Genüsse verbraucht werden. Den Leichtlebigen gehören die Reste der Welt, dem Spieler, dem Trinker, der glückshungrigen „Dame mit Augenglas“ (offenbar einem Werbetext entnommen). Aber die Spieler und Trinker und die leichtlebige Dame können den Fortbestand der Menschheit nicht sichern. Daß sie repräsentative Erscheinungen geworden sind, deutet auf das kommende Ende hin.
Die Schöpfungsgeschichte der Welt wiederholt sich, jedoch in umgekehrter Richtung. Die Welt wird wieder leer. Der Mensch stirbt aus. Seine Erben sind die primitiven Geschöpfe, die die Welt hundert Millionen Jahre vor seinem Erscheinen bevölkert haben, die Ottern. Gemeint ist die Schlange aus der Genesis. Sie feiert ihren Endsieg. Für die Dichtung des Pfarrersohnes Benn war die Bibel sein Leben lang eine wichtige Quelle. Wortformen des ursprünglichen Luthertextes finden sich schon in den ganz frühen Gedichten seiner wildesten expressionistischen Periode. In dem vorliegenden Gedicht – wie auch in anderen – klingt ein Bibelthema an.
In seinem Brief an Oelze schreibt Benn über dieses Gedicht:

Mein altes Lied: „überall der tiefe Nihilismus der Werte, doch darüber die Transzendenz der schöpferischen Lust“ … Vergessen Sie nicht: die edle einfältige Lyrik faßt das Heute in keiner Weise. Selbst Wiegenlied (von Goethe, 1818), selbst Orplid wären, ins Heute projiziert, nicht ehrlich und echt. Wir sind böse und zerrissen, und das muß zur Sprache kommen.

Gershom Schocken aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): 1400 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Von Gottfried Benn bis Nelly Sachs. Insel Verlag, 2002

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