Guillaume Apollinaire: Unterm Pont Mirabeau

Apollinaire/Dufy-Unterm Pont Mirabeau

UNTERM PONT MIRABEAU

Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine.
aaaaaaaaaaWas Liebe hieß,
aaamuß ich es in ihr wiedersehn?
Muß immer der Schmerz vor der Freude stehn?

aaaNacht komm herbei, Stunde schlag!
aaaIch bleibe, fort geht Tag um Tag.

Die Hände, die Augen geben wir hin.
aaaaaaaaaaBrücken die Arme,
aaadarunter unstillbar ziehn
die Blicke, ein mattes Fluten und Fliehn.

aaaNacht komm herbei, Stunde schlag!
aaaIch bleibe, fort geht Tag um Tag.

Wie der Strom fließt die Liebe, so
aaaaaaaaaageht die Liebe fort.
aaaWie lang währt das Leben! Oh,
wie brennt die Hoffnung so lichterloh!

aaaNacht komm herbei, Stunde schlag!
aaaIch bleibe, fort geht Tag um Tag.

Wie die Tage fort, wie die Wochen gehn!
aaaaaaaaaaNicht vergangene zeit
aaanoch Lieb werd ich wiedersehn.
Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine.

aaaNacht komm herbei, Stunde schlag!
aaaIch bleibe, fort geht Tag um Tag.

Übersetzt von Hans Magnus Enzensberger

 

 


Nachbemerkung

Als Guillaume Apollinaire am 9. November 1918 im Alter von 38 Jahren starb, war sein Werk nur einem kleinen Kreis persönlicher Freunde – Maler, Dichter, Musiker und Literaten – bekannt, die schon zu seinen Lebzeiten in ihm den großen Erneuerer der französischen Lyrik gesehen hatten. Die offizielle Literaturkritik hatte ihn noch nicht entdeckt, es gab keinen Versuch ernsthafter analytischer Wertung oder gar eine Anerkennung der von ihm ausgehenden Impulse. Dennoch ist nicht zu übersehen, daß sein literarisches Programm, niedergelegt in dem kurzen Essay „Der neue Geist und die Dichter“, und seine kunstkritischen Schriften auf geistesverwandte Zeitgenossen eine starke Wirkung ausübten. Kubismus und Futurismus, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts neu entstandene künstlerische Strömungen, fanden in Apollinaire einen Mitstreiter und Verteidiger. Die Surrealisten, die in den zwanziger Jahren den Höhepunkt ihrer Bewegung erlebten, erklärten ihn zum Ahnherrn ihrer Theorien. Aber auch Dichter wie Aragon, Eluard und Desnos, die sich in ihrem späteren Schaffen vom Surrealismus trennten, beriefen sich mit gutem Recht – wenn auch unter anderen Vorzeichen – auf Apollinaire.
Sein poetisches Werk, das die Entwicklung der französischen Lyrik im 20. Jahrhundert entscheidend beeinflußte, das Maler und Komponisten zu künstlerischem Schaffen anregte, hat heute einen festen Platz in der französischen Literaturgeschichte. Apollinaires Gedichte stehen – wenn auch erst seit etwa fünfzehn Jahren – auf den Lehrprogrammen von Schulen und Universitäten, sie sind Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen, und sie haben ein großes Publikum erreicht. So erschien der Band AIcools in einer Massenauflage als Taschenbuch, und manche Gedichte, wie „Unterm Pont Mirabeau“, „Gaukler“ oder „Abschied“, sind als Chansons weit verbreitet.
Guillaume Apollinaire, eigentlich Wilhelm Apollinaris de Kostrowitzky, wird am 26. August 188o als unehelicher Sohn einer adligen Polin in Rom geboren. Als sein Vater, der italienische Offizier Francesco Flugi d’Aspermont, im Jahre 1885 mit seiner Geliebten bricht, beginnt die erlebnishungrige und unstete Frau ein Wanderleben von Spielkasino zu Spielkasino. Guillaume und sein jüngerer Bruder besuchen französischsprachige Gymnasien in Monaco, Cannes und Nizza. Eine Ferienreise in die wallonischen Ardennen im Jahre 1899 regt den jungen Apollinaire zu ersten Gedichten und Erzählungen an. Im selben Jahr siedelt die Mutter mit ihren beiden Söhnen und einem neuen Geliebten nach Paris über. Infolge der materiellen Unsicherheit, von der die Familie ständig bedroht ist, kann Apollinaire seine Schulbildung nicht abschließen. Da er auch keinen Beruf erlernt hat, muß er sich mit schlecht bezahlten Stellungen in verschiedenen Büros seinen Lebensunterhalt verdienen. Die Abende verbringt er in Bibliotheken, wo er sich seiner „ungeheuren Lesewut“ hingeben kann. Im August 1901 erhält er eine HauslehrersteIle bei der deutschen Adelsfamilie de Milhau. Der einjährige Aufenthalt im Rheinland hinterläßt nachhaltige Eindrücke. Das Erlebnis der Landschaft, die Berührung mit deutscher Kunst und Literatur, die Begegnung mit Menschen aus dem Volk finden in den berühmten „Rheingedichten“ ihren Niederschlag. Seine unglückliche Liebe zu Annie Playden, der englischen Gouvernante im Hause der Baronin de Milhau, wird zum Motiv einer Reihe von Gedichten aus dem Band Alcools, am eindrucksvollsten im „Lied des Ungeliebten“.
Im August 1902 kehrt Apollinaire nach Paris zurück. Er nimmt eine Stellung in einer Bank an, widmet sich jedoch vor allem seiner literarischen Tätigkeit. Bereits 1901 hatte er mit drei Gedichten in der Zeitschrift La Grande France debütiert. 1902 veröffentlicht er – zum erstenmal unter dem Namen Guillaume Apollinaire – eine Erzählung in der Revue Blanche. Er besucht die Dichterlesungen in den Cafés am linken Seineufer, wo sich das literarische Paris trifft. Zusammen mit Freunden gründet er 1903 eine eigene Zeitschrift, Le Fes tin d’Esope, von der neun Nummern herauskommen. Er wird mit Schriftstellern und Malern aus den Künstlerkreisen des Montmartre bekannt und nimmt an ihren regen Auseinandersetzungen um die Herausbildung einer neuen Kunst teil. Die Dichter Alfred Jarry, Max Jacob und Blaise Cendrars, die Maler Picasso, Rousseau und Marie Laurencin zählen zu seinen engsten Freunden. 1907 scheidet Apollinaire aus der Bank aus und verdient sich von nun an sein Brot mit journalistischen Arbeiten. Er schreibt Chroniken, Literatur- und Kunstkritiken, verfaßt erotische Feuilletonromane und gibt in Vergessenheit geratene Schriftsteller heraus. In Artikeln, Vorträgen und Einleitungen zu Ausstellungskatalogen macht er sich zum entschiedenen Fürsprecher der Fauves und des Kubismus. Seine Gedichte werden jetzt regelmäßig in einer Reihe von Zeitschriften abgedruckt, erste Buchausgaben werden – wenn auch in geringer Auflagenhöhe – publiziert. 1908 kommt der Kurzroman L’enchanteur pourrissant (Der verfaulende Zauberer) heraus, 1910 der Erzählungsband L’Héresiarque et Cie (Ketzer und Co.) und 1911 die kurze Gedichtfolge Le Bestiaire ou Cortège d’Orphée (Bestiarium) mit Holzschnitten von Raoul Dufy. 1911 wird Apollinaire schuldlos in die Affäre um den Diebstahl der Mona Lisa verstrickt und muß ein paar Tage im Gefängnis La Santé zubringen. Dieser Zwischenfall trägt ihm heftige Anfeindungen von seiten der Lokalpresse ein. Auch der Bruch mit Marie Laurencin fällt in diese Zeit. Diese beiden Ereignisse rufen in Apollinaire eine innere Krise hervor, er fühlt sich mehr und mehr als der „Ungeliebte“, der „melancholische Späher“. Doch sein Schaffensdrang wird dadurch nicht vermindert. Er bereitet die Buchausgabe seiner Gedichte aus den Jahren 1898 bis 1912 vor. Dieser Band mit dem ungewöhnlichen Titel Alcools, eines der Hauptwerke Apollinaires, erregt bei seinem Erscheinen 1913 – nicht zuletzt wegen der fehlenden Interpunktion – großes Aufsehen. Im gleichen Jahr entstehen zwei theoretische Schriften: Les peintres cubistes (Die kubistischen Maler), worin er seine ästhetischen Ansichten zur neuen Malerei zusammenfaßt, und L’antitradition futuriste (Die futuristische Antitradition), eines der zahlreichen Manifeste des Futurismus.
Als 1914 der erste Weltkrieg ausbricht, befürchtet Apollinaire, als Staatenloser ausgewiesen zu werden. Um zu demonstrieren, wie eng er sich mit seiner Wahlheimat Frankreich verbunden fühlt, reicht er ein Gesuch um Aufnahme in die französische Armee ein. Er wird im Dezember 1914 eingezogen und verbringt das erste Kriegsjahr im Hinterland, wo er seine journalistische und dichterische Tätigkeit fortführen kann. In dieser Zeit entstehen ein großer Teil seiner „Kalligramme“ – Gedichte, in denen er durch ungewöhnliche typografische Gestaltung den Inhalt auch unmittelbar visuell faßbar machen wollte – und einige seiner schönsten Liebesgedichte. Im März 1916 wird Apollinaires Regiment an die Front versetzt. Kurz darauf erleidet er eine schwere Kopfverletzung und muß sich zwei Trepanationen unterziehen. Aus dem Lazarett entlassen, arbeitet er in einer Pariser Militärdienststelle. Er schreibt an dem „surrealistischen“ Theaterstück Les mamelles de Tirésias (Die Brüste des Tiresias), das 1917 aufgeführt wird, er hält einen Vortrag, „Le Nouvel Esprit et les Poètes“ („Der neue Geist und die Dichter“), der postum gedruckt wird, und veröffentlicht seine Gedichte aus den Jahren 1913 bis 1916 in dem Band Calligrammes.
Knapp sechs Monate nach seiner Heirat mit Jacqueline Kolb, der „hübschen Rothaarigen“, erliegt er, dessen physische Konstitution seit der Verwundung geschwächt ist, der spanischen Grippe. Der 9. November 1918, der Tag der Verkündung des Waffenstillstands, wird Apollinaires Todestag.
Aragon hat die Faszination, die von diesem ursprünglichen Talent ausging, als eine „echte Verführung“ bezeichnet. Besonders die auf Apollinaire folgende Dichtergeneration der Surrealisten hat das Verdienst dieses Lyrikers um die Entwicklung der französischen Poesie hervorgehoben und ihn zu ihrem Meister und Vorläufer erklärt. Allerdings sahen die Surrealisten in Apollinaire vorwiegend den Erneuerer der Form, der mit der Sprache experimentierte, kühne Assoziationen und Wortspiele in die Lyrik einführte und in seiner Prosadichtung Onirocritique (Traumdeutung) erstmals das Unterbewußtsein für den literarischen Schaffensprozeß nutzte. Wenn es auch begreiflich ist, daß diese Elemente in Apollinaires Dichtung für die Surrealisten, die die „automatische Schreibweise“ und die Aufhebung logischer Zusammenhänge proklamierten, besonders wichtig waren, so ist damit der Kern des Werkes von Apollinaire keineswegs erfaßt. Eine solche Interpretation, die mittlerweile auch zum Gemeinplatz der bürgerlichen Literaturkritik geworden ist, mißt Apollinaires Neigung, der Neuigkeit und der Überraschung Raum zu schaffen, kraft der Phantasie in unbekannte Dimensionen vorzudringen, übermäßiges Gewicht bei und übersieht, wie stark der Dichter in mancher Hinsicht auch traditionelle Werte verarbeitet hat. So stehen in seinem Werk neben Gedichten in freiem Rhythmus solche im Alexandriner – dem klassischen französischen Versmaß -, neben schwer zugänglichen, von rätselhaften Bildern und willkürlichen Assoziationen geprägten Versen findet man andere von fast volksliedhaftem Charakter.

Die einseitige Akzentsetzung auf formales Neuerertum wertet die wahrhaft bahnbrechende Leistung dieses Dichters ab, die der französische Lyriker Jean Marcenac so umrissen hat: „Das Wesentliche wird man nicht in der Art und Weise finden, wie er Gedichte schreibt, sondern in seiner Ansicht darüber, was die Poesie sein soll, in dem Inhalt, den er ihr gibt. Apollinaire – Dichter der modernen Welt, Apollinaire – Dichter der menschlichen Zukunft, das sind m.E. einige der perspektivischen Linien, in denen wir ihn betrachten müssen, wenn wir ihn wirklich sehen wollen, statt am Text klebenzubleiben, über Kommas und fehlende Kommas, über Reime und fehlende Reime in Erstaunen zu geraten.“ Wenn Apollinaire in dem Gedicht „Die Hügel“ sagt: „Was man niemals berührte / Ich hab es betastet, berührt“, so ist diese Aussage durchaus wörtlich zu nehmen. In seiner naiven Freude am Neuen, Unentdeckten, noch nicht Gesagten, in seiner Liebe zum Lebendigen und Menschlichen wird für Apollinaire alles zum „poetischen Material“, auch das, was der „reinen“ Dichtung als unpoetisch galt. Denn er hat sich neue ästhetische Maßstäbe gesetzt: „Die Dichter sind nicht nur die Männer des Schönen. Sie sind auch und vor allem die Männer des Wahren, soweit es das Eindringen ins Unbekannte erlaubt“, schreibt er in seinem Essay „Der neue Geist und die Dichter“. Der esoterischen Kunst der Symbolisten, die sich bewußt um Dunkelheit, Verschlüsselung und Vieldeutigkeit bemühten, setzt Apollinaire „le merveilleux quotidien“, den „wunderbaren Alltag“ entgegen. Er verurteilt die „Kunst des Seichten“, das „Schummerlicht“, die „intuitive Mystik“ und feiert die „großartige Überfülle an Leben“, die er gegenständlich zu fassen sucht. Begriffe der modernen Technik und Wissenschaft, wie Telefon, Radio, Auto, Kino, halten Einzug in die Dichtung. Apollinaire durchbricht das idealistische Konzept der Vertreter einer „reinen“ Poesie, wonach die Dichtung nur „ewige“, absolute Werte zu vermitteln habe, und deklariert ihr Recht, konkrete Sujets, scheinbar banale Gegenstände zu behandeln. Gleichzeitig vertritt er den Standpunkt, daß die gesprochene Sprache wichtiger sei als die geschriebene Sprache. Damit schafft er die ästhetischen Voraussetzungen für die politische Gelegenheitsdichtung, die Lyriker wie Aragon, Eluard, Desnos und Prevert später pflegten und die besonders in der Resistance große gesellschaftliche Wirksamkeit erlangte. Ihre „Gedichte für alle“ sind ohne Apollinaire, den Verfechter einer echten Gelegenheitsdichtung, nicht denkbar.
Apollinaire selbst ist nicht bis zur politischen Lyrik im engeren Sinne vorgestoßen. Seine politischen Vorstellungen sind widersprüchlich und lassen sich nicht exakt definieren. Gewiß empfindet er Unbehagen an der ihn umgebenden bürgerlichen Ordnung, er ist „müde dieser alten Welt“, wie es am Anfang seines großen Gedichts „Zone“ heißt. Er fühlt sich zu den vom Bürgertum verachteten Existenzen am Rande der Gesellschaft hingezogen. Gaukler, Zigeuner, Emigranten tauchen immer wieder in seinen Gedichten auf. Da er jedoch die Strukturen und historischen Bedingtheiten dieser Gesellschaft nicht erkennt, weiß er ihr keine politischen, sondern lediglich ästhetische Ideale entgegenzusetzen. Ein solches Lebensgefühl ist nicht nur für Apollinaire, sondern für die meisten bürgerlichen Künstler Europas in der, Zeit vor dem ersten Weltkrieg charakteristisch. Bewegungen wie der deutsche Expressionismus und der italienische Futurismus haben es mit großem Stimmaufwand verkündet. Apollinaire ist jedoch keiner bestimmten Richtung zuzurechnen. Er verfaßte zwar ein futuristisches Manifest, hat aber das Programm der Futuristen nie konsequent verfochten. Einige seiner zentralen Themen und Motive finden sich auch bei den Vertretern dieser Bewegung: die Bewunderung für technische Errungenschaften, für die Geschwindigkeit, für das Maschinenzeitalter. Doch er folgt den Futuristen nicht, wenn sie Gewalt und Unvernunft verherrlichen, die humanistische Kultur der Vergangenheit vernichten und menschliche Gefühle als Ballast abwerfen wollen. Er sucht vielmehr, wie es in seinem programmatischen Gedicht „Die hübsche Rothaarige“ heißt, den „langen Streit zwischen Tradition und Erfindung / Zwischen Ordnung und Abenteuer“ zu schlichten. Er verfällt nicht der zerstörerischen Versuchung des Irrationalen, sondern hält ihr die Prinzipien von Ordnung und Vernunft entgegen.
Das Prinzip der Ordnung hat bei Apollinaire indessen nicht die Funktion einer Apologie des Bestehenden. Sein Blick ist immer über das Hier und Heute hinaus in die Zukunft gerichtet. Viele seiner Gedichte, wie „Zone“, „Die Hügel“, „Vendemiaire“, „Wenn man mich machen ließe“ – tragen Züge einer Prophezeiung und Vorausschau auf die Zukunft. Immer wieder betont der Dichter seinen Glauben an den Menschen und dessen Fähigkeit, sich und die Welt zu verändern. Dennoch fehlt in seinen Zukunftsvisionen, die sich im wesentlichen auf ein unaufhörliches Fortschreiten von Wissenschaft und Technik reduzieren, der entscheidende Faktor der gesellschaftlichen Umwälzungen. Sein mangelndes Verständnis für soziale und politische Erscheinungen führte auch dazu, daß Apollinaire – wie übrigens viele seiner Zeitgenossen – bei Ausbruch des ersten Weltkrieges dem chauvinistischen Taumel der französischen Bourgeoisie verfiel. In den ersten Kriegsmonaten schrieb er Gedichte, in denen er eine Übersteigerte, ja nationalistische Haltung bekundete und das Soldatenleben als neuartiges, abenteuerliches Erlebnis schilderte. Wenn er auch bis zuletzt die wahren Ursachen und Hintergründe des Krieges nicht erkannte, so hat doch derselbe Apollinaire später, nachdem er an der Front und im zerstörten Reims Verwüstung und Vernichtung von Menschenleben mit eigenen Augen kennengelernt hatte, in Gedichten wie „Anhöhe 146“ ein realistisches Bild vom Alltag an der Front gezeichnet. Als hätte er geahnt, daß seiner Erkenntnis Grenzen gesetzt waren, daß es noch vieles zu erkunden gab, sagt er in einem seiner letzten Gedichte, der „Hübschen Rothaarigen“:

Gibt es doch so viele Dinge die ich euch nicht zu sagen wage
So viele Dinge die ihr mich nicht sagen ließet
Habt Mitleid mit mir

In seinen schönsten und wertvollsten Gedichten aber ist Apollinaire der Verkünder einer neuen Schönheit, einer neuen Hoffnung für die Menschheit. Im Gegensatz zu vielen Literaten seiner Zeit blieb er nicht in Theorien verfangen, die er mitverkündet hatte oder die man ihm zueignete, sondern verarbeitete alles, was er wußte, gesehen und erlitten hatte, zu authentischen Versen. Dem mit außergewöhnlicher Vitalität und schöpferischer Neugierde begabten Lyriker gelang es, das Schauspiel des Alltags, persönliches Erleben, vergangene Kulturwerte und zeitgenössische ästhetische Impulse, neue Erkenntnisse und Denkansätze in seine ureigenste poetische Sprache umzusetzen.
Die Vielfalt der verarbeiteten Themen, Bilder, Gefühle, die Einzigartigkeit, in der sie zusammengefügt oder bewußt nebeneinandergestellt werden, verleihen den Gedichten eine bis dahin noch nie dagewesene räumliche und zeitliche Perspektive, die den Leser zwingt, die Realität unter neuem Gesichtswinkel zu betrachten. Mehr als fünfzig Jahre nach dem Tode Apollinaires erhalten auch für seine Dichtung die Worte Gültigkeit, die er einst anläßlich einer Umfrage formulierte: „Das Werk der Alten verdient nur dann Nachsicht, wenn es Hoffnung für die Jungen birgt.“

Thea Mayer, Nachwort

Guillaume Apollinaire 1880–1918

Es gibt Schriftsteller, von denen Maler gern Porträts machen, vielleicht weil diese Schriftsteller als erste Verständnis für das revolutionäre Neue entwickelten, das die Maler einführten. Nicht zufällig hat das Buch, das Francis Steegmuller 1963 über Apollinaire geschrieben hat, den Untertitel Poet Among the Painters. Der Umschlag zeigt ein Bild von de Chirico. Darauf sind zwei Männer zu sehen, einer im Profil mit Doppelkinn und spitzer Nase vor grünem Hintergrund. War er das? Oder doch der andere, der eine klassisch-griechische Nase und dank Sonnenbrille und lorbeerkranzartigem Haar eine entfernte Ähnlichkeit mit Marlon Brando hat? Beim Durchblättern des Buches steigert sich die Verwirrung noch, er muß hundert Gesichter gehabt haben, dieser temperamentvolle Dichter, der sich einen so schönen Namen gegeben hatte, aber unglückliche Lieben sammelte, als müsse das so sein; mindestens vier Frauenporträts finden sich in dieser Beschreibung eines kurzen Lebens, und all diese Frauen sind schön, und der Mann in Uniform neben ihnen wird immer düsterer.
Trotzdem muß er angenehme Gesellschaft gewesen sein. Picasso hat ihn einmal als König gezeichnet, mit Krone und gewaltigem Doppelkinn, in der Hand einen Weinkelch; ein anderes Mal als zigarrerauchend thronenden Papst, der freilich ein bißchen niedergeschlagen wirkt. Er war ein großer Kenner der zeitgenössischen Kunst (und konnte hervorragend über sie schreiben), er hat das Wort Surrealismus erfunden, er muß sich wie ein Fisch im Wasser gefühlt haben in jenen aufregenden Pariser Tagen des damals neuen Jahrhunderts, den Tagen des Kubismus und Symbolismus, als es so schien, als könne die Kunst noch einmal ganz neu erfunden werden. So wird er sich auch kaum sehr gewundert haben, als Marcoussis ihn 1912 in einer Radierung auf ein paar elementare Linien reduzierte und Picasso ihn 1913 für das Frontispiz seiner Gedichtsammlung Alcools so porträtierte, daß gar nichts Erkennbares übrigblieb. Fünf Jahre später, am Tag des Waffenstillstands, rasiert Picasso sich gerade vor seinem Spiegel im Hotel Lutetia, als er vom Tod seines Freundes erfährt. Er sieht die Trauer, die er empfindet, auf seinem Gesicht im Spiegel, legt das Rasiermesser weg, nimmt einen Bleistift und zeichnet eines seiner letzten Selbstporträts.
Zwei Tage darauf, am 11. November 1918, schreibt Paul Léautaud in seinem Tagebuch: „Eben bin ich zu ihm gegangen. Seine Frau und eine andere Dame gesehen. Er lag auf seinem Bett, verdeckt von einem Bettuch und einem Berg Blumen. Gestern, am Sonntag, konnte man ihn noch sehen. Doch heute früh schon hat die Auflösung des Gesichts begonnen. Er ist unkenntlich geworden, niemand will ein solches Bild von ihm behalten, und ich habe ihn nicht zu sehen bekommen. (…) Mittwoch, 13. November. Heute mittag die Beerdigungsfeier für Apollinaire. Messe in der Kirche Saint-Thomas-d’Aquin, Beerdigung auf dem Père Lachaise. Viele Leute, militärische Ehren bis ans Grab. Er hatte gerade seine zweite Leutnantstresse bekommen. (…) Anscheinend hat er in seinen letzten Stunden sehr gelitten, wenn auch in einer Art Bewußtlosigkeit. Gegen den Tod hat er sich sehr gesträubt und zu dem behandelnden Arzt gesagt: ,Retten Sie mich, Doktor, retten Sie mich. Ich will leben!‘ Armer, armer Guillaume.“

Cees Nooteboom, in Cees Nooteboom: Gesammelte Werke Band 9, Suhrkamp Verlag, 2008

 

SCHMERZ
für Guillaume Apollinaire

Wenn du wüßtest wenn du nur wüßtest
Die Mauern rücken zusammen
Mein Kopf schwillt immer mehr an
Wo sind die Zeilen auf dem Papier geblieben

Ich möchte die Arme ausstrecken um
den Eiffelturm zu schütteln und Sacré Cœur von Montmartre
Wie Mikroben tanzen Gedanken auf meiner Hirnhaut
im Rhythmus des zornrasenden Uhrpendels
Ein Pistolenschuß wär eine sanfte Melodie

Im Praxinoskop meines Schädels versuchen
die Taxis
die Straßenbahnen
die Busse
und die Vergnügungsdampfer vergeblich sich zu überrunden
Meine Bücher sind am Zerspringen
Dann fahren sechs dröhnende Schläge herab

Intran Presse Freiheit

Philippe Soupault

 

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