H.C. Artmann (Hrsg.): Lyrik als Aufgabe

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von H.C. Artmann (Hrsg.): Lyrik als Aufgabe

Artmann (Hrsg.)-Lyrik als Aufgabe

die okularvision
des depressionalen mythenvarietisten
potenziert den retinalen losbeutel
des lila zerebralapprobanden
der meinen fremdkörper
aus dem organologischen handstand transzendiert
zu zwei mal zwei
hoch die penetrierten kulleraugen
sechzehn futurologischen organspenden
qua tektonischer ontologie
eines theatralischen purzelbaums

Gernot Eckhardt

 

 

vorwort

Christine Huber: h.c. artmann gilt als streng. h.c., glaubst du, daß sich das auf das faktum bezieht: h.c. übt metrik, h.c. übt reim?

H.C. Artmann: ich bin streng, wenn es um dichtung geht. wenn es um freie verse geht oder freie texte, bin ich natürlich nicht streng. wo es wirklich um die metrik geht, um den reim, da muß ich streng sein, sonst entstehen schlampige sachen. erst wenn man das wirklich beherrscht, dann kann man schlampig sein, dann kann man scherze damit machen, dann kann man sich was erlauben. ich muß ja tafelsitten haben. wenn ich tafelsitten habe, kann ich mir alles erlauben. dann kann ich das messer auch so (geste) in die hand nehmen.

Huber: man muß wissen, wo die regel ist…

Artmann: genau. man muß wissen, wie die regel ist. nur, daß man unschuldig oder naiv einen falschen reim verwendet, … man kann ganz schuldig, mit absicht, mit hohn und spott, oder mit häme, aber das merkt man dann. es muß gewollt sein, wenn etwas falsch ist. dann ist es eine verfremdung. aber vorerst muß ich wissen, wie es wirklich geht. formen sind einfach da, die darf ich nicht völlig unschuldigerweise verletzen.

Huber: warum, glaubst du, glauben die leute, sie lernen was bei dir?

Artmann: ich glaube das nicht, ich hoffe es. ich hoffe, daß sie etwas lernen. glauben kann ich das nicht. und daß die leute zu mir kommen, ich glaube, das liegt vielmehr an der vereinsamung des gedichteschreibenden, der dann erwartet, daß er unter vielen leuten sitzt – und mit einem bekannten dichter, mit dem er reden kann.

Huber: du überlegst dir nicht, wie ein lehrer in der normalschule, die ersten zehn minuten mache ich das, die zweiten zehn minuten das…

Artmann: nein. das ist völlig spontan. das ist vergleichsweise, wie ich selbst schreibe.
ich habe nie eine genaue vorstellung. das geschieht spontan mit den leuten. die reagieren auf mich, und so reagiere ich zurück, und dadurch entwickelt sich eine art unterricht. – streng? wie soll ich das beantworten? ich kann mir nicht vorstellen, daß ich streng bin. ich schau vielleicht von haus aus streng aus, aber ich kann mich nicht als streng bezeichnen. ich bin überhaupt nicht streng. ich bin der mildeste, den es überhaupt gibt. das ist tatsächlich wahr. das wird sich doch herumgesprochen haben.

Huber: bist du beim unterrichten nervös?

Artmann: ja, ich bin sehr nervös, wenn ich in die klasse gehe. die rolle als lehrer ist mir sehr peinlich.

Huber: wegen der erwartungshaltung: der große meister spricht zu uns?

Artmann: da bin ich absolut nicht so sicher…

Huber: gibt es eine besonders peinliche situation, an die du dich noch erinnern kannst?

Artmann:ja, die ganz erste stunde.

Huber: april 1992?

Artmann: Ja, das war schrecklich.

Huber: und wie hast du das dann aufgelöst?

Artmann: weiß ich nicht mehr. ich bin kein vorbereiter. ich kann nicht vorbereiten. wenn ich was vorbereite, wäre das völlig uninteressant. ich würde auch sicher was völlig anderes tun.
es gibt ein intellektuelles schreiben und eines, das so aus dem bauch kommt. und ich bin natürlich aus dem bauch, aber nicht intellektuell. und etwas anderes kann man von mir nicht erwarten.

Huber: fragst du nach erwartungen, reihum?

Artmann: nein, was soll ich da fragen. nein, ich frage natürlich nicht. ich versuche mich gesprächsweise in die denkungsart dieser, sagen wir zwanzig, etwas einzugemeinden, und dann gebe ich aufgaben. und wenn ich weiß, wie weit einer ist, … also, es gibt leute, die haben keine ahnung von reim und von metrik. da muß ich einfach mit metrik und reim anfangen. sie tanzen alle schlecht, zum großen teil.

Huber: sie tanzen schlecht?

Artmann: sie haben keinen rhythmus. sie treten sich gegenseitig auf die zehen.
viele, die zu mir kommen, sind sonntagsdichter, zum großen teil, nebendichter. da muß ich zuerst mit einem vers anfangen, mit einem vierzeiler oder einem haiku … den zählen sie nicht richtig aus. ich muß ganz konservativ anfangen. zuerst das konservative.
… oder es sind schon solche, die fix und fertig sind, namen sind da nicht zu nennen … aber die brauchen mich ja gar nicht. das sind dann die, die mit mir im kaffeehaus sitzen. im kaffeehaus deshalb, weil man sich dort am besten unterhalten kann, weil das lockerer ist, demokratischer. und das ist es ja, was bei uns jetzt fehlt. in den fünfziger und sechziger jahren hat man sich noch in lokalen getroffen, und da ist sehr viel herausgekommen dabei. da war eine dichterschule gar nicht nötig. heutzutage ist sie nötig, weil man so die leute an einem platz zusammenkriegen kann.

Huber: lernst du was, für dich, beim unterrichten, auch jetzt noch?

Artmann: ja, ich komm auf mehr drauf. in den fünfziger, sechziger jahren, von denen ich immer so gern rede, hat man einen austausch gehabt. aber ich sitze ja jetzt genauso vereinsamt wie die anderen da. nur, daß ich halt bekannt bin. aber das nützt mir gar nichts. wenn ich jetzt aber mit den jungen so rede, dann komme ich, durch meine eigenen fragen, auf etwas drauf. was man sich selber nie… man frägt sich ja nicht selbst.
mir kommt es immer auf das gegenseitige an. ich weiß nicht, ob ich das richtig sage, da kann sich wahrscheinlich kein mensch was vorstellen darunter: gegenseitige befruchtung, die absolut da ist, für mich wie für die anderen.

Huber: die klassen der schule für dichtung gehen über zehn tage, vierzehn tage… du bist ja mit manchen studenten dann noch weiter in kontakt?

Artmann: sicher. es ergeben sich freundschaften. das ist sehr wichtig.
aber auch die leute untereinander sollten sich viel mehr zusammentun. so etwas stelle ich mir vor: daß man erreicht, daß sich gruppen bilden, die sich ständig treffen und die ständig im gleichen umkreis sind. wenn einer in klagenfurt ist und der andere in münchen, das ist dann sehr schwer. aber das ist eigentlich mein ziel: daß sich gruppen bilden. das ist sehr wichtig.

Huber: gibt es grundsätzliche tips, gibt es standards, die du in jeder klasse durchnehmen mußt?

Artmann: ja, bei mir ist das die form. die form eines gedichtes. man muß zuerst ein richtiges, formvollendetes gedicht schreiben können, bevor man mit etwas anderem anfangt. das ist sehr altmodisch, diese vorstellung, sehr konservativ. wir damals sind aus den schulen ausgetreten und haben bis zum hals genug gehabt von diesen ganzen reimereien, diesen zwängen. aber wir wußten, wie die zwänge sind. heutzutage weiß man das nicht mehr, weil es nicht mehr gelehrt wird an den schulen. es ist keine basis da. man schreibt gedichte, man hat den inneren willen, gedichte zu schreiben, etwas zu machen, hat aber nicht das werkzeug dazu. man hat es nicht gelernt. man kann ja nicht uhrmacher oder schuhmacher werden, wenn man nicht drei jahre gelernt hat. das muß man genauso… dichten kann man nicht, wie der vogel singt. man muß irgendwie eine vorbedingung haben.

Huber: d.h. meistens geht es um formale aspekte?

Artmann: ja freilich, na sicher formal. ich kann ja nur formale aspekte drannehmen. alles andere ist ja persönlich. ich kann nicht sagen, das ist ein schlechtes thema. das thema ist völlig gleich. aber formal muß es sitzen. und das ist meine hauptaufgabe.

Huber: und wenn es keine schule für dichtung gibt, wie ist dann der weg, sich etwas anzueignen?

Artmann: naja, lesen lesen lesen. man muß gezielt lesen können. das binde ich natürlich auch ein in meinen sogenannten unterricht, wie der immer auch geartet ist, daß ich sage, z.b. die expressionisten lesen, die mittelalterliche literatur lesen, die impressionisten lesen, die dadaisten lesen, obwohl das weniger. die ersten 50 jahre der deutschsprachigen literatur des 20. jahrhunderts und der übersetzungsliteratur, die es da gibt, die muß man mal intus haben.
man muß eine liebe zum gedichtelesen haben. wenn man die nicht hat, dann wird nichts draus.

Huber: und jene deiner studenten und studentinnen, die wirklich gut sind, die haben es wahrscheinlich vorher schon gemacht…

Artmann: ja, die haben ein ziel, die haben das intus. und andere machen das nur so irgendwie. ich habe mal ganz böse gesagt, gedichteschreiben ist keine selbsttherapie, ist nichts für selbstmitleid… da muß man ein anderes kaliber sein, bei dem, was einen dazu treibt. gedichte als selbsttherapie schreiben ist nichts. da bin ich dagegen, da bin ich wieder streng.

Huber: und das formulierst du auch in der klasse?

Artmann: wenn es mir gerade einfällt, schon. und das wird dann manchmal als sehr herzlos empfunden.

mit h.c. artmann sprach christine huber am 24. juni 1995 in salzburg.

„H.C. Artmann gilt wider Erwarten als streng.“ (Der Standart)

Das gemeinsame Üben lyrischer Formen und Metrik sind zwingender Bestandteil seiner Klassen. „Neutönern“, wie er Autorinnen und Autoren nennt, die unbewandert Schreibexperimente angehen, läßt er nichts durchgehen. Handwerk will geübt sein.
Daß dies keineswegs im Nachahmen H.C.’scher Sprachbehandlung mündet, davon kann man sich in dieser Anthologie überzeugen.
Das Buch umfaßt Arbeiten von 21 Studentinnen und Studenten der Klassen H.C. Artmanns an der Schule für Dichtung in Wien im Zeitraum von 1992-1994. Vom Einzelgedicht über lyrische Prosa bis zum Lyrikzyklus spannt dieser Band einen Fächer von Schreibansätzen auf: Lyrik als Aufgabe.

Passagen Verlag, Klappentext, 1995

 

„Spielt Artmann! Spielt Lyrik!“ (Teil 1)

„Spielt Artmann! Spielt Lyrik!“ (Teil 2)

Fakten und Vermutungen zum Autor + Reportage +
Archiv + Sammlung KnupferIMDbKLG + ÖM
Interview 1 + 2 + Georg-Büchner-Preis
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer
shi 詩 yan 言 kou 口
Nachruf auf H.C. Artmann: FAZ
70. Geburtstag10. Todestag

 

Bild von Juliane Duda mit den Texten von Fritz Schönborn aus seiner Deutschen Dichterflora. Hier „Uferartmann“.

 

Ausschnitte aus dem Dokumentarfilm Die Jagd nach H.C. Artmann von Bernhard Koch, gedreht 1995.

 

H.C. Artmann 1980 in dem berühmten HUMANIC Werbespot „Papierene Stiefel“.

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