Hans Christian Kosler: Zu Ingeborg Bachmanns Gedicht „Wenn einer fortgeht“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Ingeborg Bachmanns Gedicht „Wenn einer fortgeht“ aus Ingeborg Bachmann: Werke. Band I. Gedichte. 

 

 

 

 

INGEBORG BACHMANN

Wenn einer fortgeht

Wenn einer fortgeht, muß er den Hut
mit den Muscheln, die er sommerüber
gesammelt hat, ins Meer werfen
und fahren mit wehendem Haar,
er muß den Tisch, den er seiner Liebe
deckte, ins Meer stürzen,
er muß den Rest des Weins,
der im Glas blieb, ins Meer schütten,
er muß den Fischen sein Brot geben
und einen Tropfen Blut ins Meer mischen,
er muß sein Messer gut in die Wellen treiben
und seinen Schuh versenken,
Herz, Anker und Kreuz,
und fahren mit wehendem Haar!
Dann wird er wiederkommen.
Wann?
aaaFrag nicht.

 

Heroik der Selbstpreisgabe

Ähnlich wie Ilse Aichinger, die zweite große Lyrikerin der österreichischen Nachkriegsliteratur, hat Ingeborg Bachmann nur wenige Gedichte geschrieben. Zwei schmale Bände, Die gestundete Zeit und Anrufung des Großen Bären, insgesamt knappe einhundertvierzig Seiten, reichten aus, um sich unauslöschlich in das Gedächtnis ihrer Zeit, der fünfziger bis siebziger Jahre, zu schreiben.
Mit der scheuen und andererseits wunderbar stolzen jungen Frau aus der Kärntner Provinzhauptstadt Klagenfurt, die schnell berühmt wurde, meldete sich ein völlig neuer Typus von Lyrikerin zu Wort. Eine Frau, die man beileibe keine Feministin nennen konnte, die aber doch dem, was althergebracht als weiblich galt, einen neuen, sperrigen Inhalt gab: Sie wirkte ebenso unsicher wie rebellisch, von strengem Intellekt und doch überbordend von Pathos, ebenso mutig wie zugleich „der großen Weltangst Kind“. Als junges Mädchen habe sie immer von Meer, Sand und Schiffen geträumt, schrieb Ingeborg Bachmann einmal über ihre Kindheit. Dieser Traum ging zum ersten Mal in Erfüllung, als sie im Sommer 1953 von dem Komponisten Hans Werner Henze nach Ischia eingeladen wurde und in einem kleinen Haus bei Forio, einem damals vom Tourismus noch verschonten Ort, wohnte. Seit dieser Zeit galt Italien für sie als ihr „erstgeborenes Land“. Es war das Land ihrer Selbstfindung, wo sie eine ungezähmte Natur und eine elementare Sinnlichkeit vorfand, die für sie eine Befreiung von der heimischen Idylle bedeuteten. Doch sie mußte Ischia bald wieder verlassen und ging nach Rom, wo sie sich mit literarischen Auftragsarbeiten, unter anderem der Realisierung eines Hörspiels, finanziell besser über Wasser halten konnte. In diese Zeit dürfte das vorliegende Gedicht aus dem von Henze vertonten Zyklus „Lieder von einer Insel“ fallen, das zunächst 1954 in der Anthologie Jahresring erschien.
Wie in vielen Gedichten Ingeborg Bachmanns ist die Person, um die es hier geht, weitgehend identisch mit der Dichterin. Auf Metaphorik wird gänzlich verzichtet, allein Anker, Kreuz und Herz stehen für eine einfache Symbolik, für Hoffnung, Glaube und Liebe. Doch trotz seiner so klaren Bilder läßt das Gedicht verschiedene Lesarten zu. Mit dem Fortgehen kann der Abschied von der Insel als einem Glückstopos gemeint sein, der Abschied von einem Geliebten, einem guten Freund, der Abschied von der antiken Landschaft oder der mediterranen Lebensart. Oder vom Leben überhaupt?
Ich habe diese Verse als ein Gedicht vom Sterben gelesen. Nicht als eine Elegie freilich, sondern als ein „Stirb und Werde“. „Dann wird er wiederkommen“, heißt es am Ende, und dieses Wiederkommen hängt ganz von dem Wie dieses Fortgehens ab. Nicht mit Melancholie, geschweige denn sentimental nimmt diese Frau Abschied, sondern mit einer unerbittlichen Härte gegenüber ihren eigenen sinnlichen Erinnerungen. Sie fährt mit „wehendem Haar“, sie trotzt also dem Fahrtwind, sie stürzt den gedeckten Tisch ins Meer, sie gießt den Wein ins Meer und verfüttert das Brot an die Fische. Man fühlt sich an das „Lösch die Lupinen“ aus der Gestundeten Zeit erinnert. Oder an ein weiteres frühes Gedicht, in dem es heißt „Ich bin das Immerzu-ans-Sterben-Denken“.
Bring dieses Leben hinter dich, wirf es weg, bleib allein und ohne Trost: Das scheint Ingeborg Bachmann mit aller Unerbittlichkeit dem Sterbenden auf den Weg geben zu wollen. Sie legt dabei die Aussage ihrer Verse ganz in die Heroik dieser Selbstpreisgabe. Das eigentliche Mysterium ist nicht der Tod, sondern das Sterben. Ingeborg Bachmann, die 1973 an einer brennenden Zigarette starb, hat sich ihr Leben lang mit diesem Mysterium beschäftigt.

Hans Christian Kosleraus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Dreiunddreißigster Band, Insel Verlag, 2010

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