Jan Skácel: wundklee

Skácel-wundklee

BUCHUNGEN AUF WELTRAUMKONTEN

Wenn mich die kinder in der kesselgasse
nach der uhrzeit fragen
(und es dämmert und der ball ist weggerollt)
darf ich ihnen nicht laut sagen
daß es schon furchtbar lange her ist

Denn was ist zeit was war sie und was wird sie noch bedeuten
in unseren kommenden tagen?
Durch wieviel tore gingen wir gebückt
und wie viele kleine tore gab’s
wieviel vorschwellen überquerten wir und zaunstiegel

Fern von uns ist die Antarktis
und in Brasilien
schwemmt der ozean morgens
rührende tote pinguine ans ufer

Und für wen eigentlich quälen wir uns so ab
verloren im weltall
wo ein riesenstern erster größe
nichts als eine winzige laus ist
im sternbild namens Haar der Berenike

Wie auch Einsteins perücke

Sein haar war zu gekräuselt
und du meine liebe weißt das längst

 

 

nachwort

1
Im sommer 1980 standen vor unserer tür zwei junge
tschechen. Obwohl sie hatten ins westliche ausland
reisen dürfen, konnte ich ihnen vertrauen; erkennungs-
worte wiesen sie als freundesfreunde aus.
Sie seien mitglieder eines theaters der poesie, sagten
sie. – Eines theaters der poesie? Ich sei eben dabei,
Skácel zu übersetzen, sagte ich.
Wer das sei – Skácel.
Vor zehn jahren war Skacel in seinem land einer der
bekanntesten dichter gewesen. Die beiden waren zwanzig
jahre alt. Und er lebt unter ihnen.

2
In den letzten zehn jahren erschienen in tschechoslowa-
kischen verlagen folgende gedichtbände Skácels nicht:
Tratidla (Sickergründe), Chyba broskví (Der fehler
der pfirsiche), Ořechy pro černého papouška (Nüsse
für den schwarzen papagei). 1981 wurde der auswahl-
band Dávne proso (Hirse hirse langeher) publi-
ziert.

3
Vor dem august 1968 waren von Jan Skácel erschienen:
Kolik příležitostí má růže (Gelegenheiten hat die rose
viele), 1957; Co zbylo z anděla (Was vom engel übrig
blieb), 1960; Hodina mezi psem a vlkem (Die stunde
zwischen hund und wolf), 1962; Smuténka (Kleine
trauer), 1965; Metličky (Kleine ruten), 1968. Außer
diesen gedichtbänden und einigen kinderbüchern hatte
er 1964 den prosaband Jedenáctý bílý kůň (Das elfte
weiße pferd) publiziert. Seine dichterkollegen hatten
nicht gekannt, was dichter nicht kennen sollten, nämlich
neid (denn keiner kann des anderen gedicht schreiben),
und so hatten sie ihm für fast jedes buch einen preis
mit urkunde verliehen, die er sich hätte rahmen lassen
können und sich nie rahmen lassen hat. Er, das mähri-
sche dorfkind, der zwangsarbeiter, der während des
zweiten weltkriegs in Österreich hatte tunnel bauen
müssen, und der verspätete absolvent der Brünner
universität, hatte ihnen dafür die zeitschrift Host do
domu
(Der gast ins haus) herausgegeben – die an-
spruchsvollste monatsschrift für tschechische literatur.
Sieben jahre ist er ihr chefredakteur gewesen. Bis 1969.
Seitdem gibt es sie nicht mehr.

4
Aber ihn gibt es. Auch wenn jene, die damals kinder
waren, noch nichts von ihm wissen, obwohl er ihre sprache
spricht.
Er schreibt schöne briefe und weiß viel über briefe.
„Wirst Du wieder einmal zu uns kommen? Briefe sind
ein zu dünnes eis, sie tragen nicht alles, womit man
einen fluß überqueren möchte.“ Und weil er das weiß,
schreibt er briefe, durch die man bis auf den grund
blicken kann.
„Und dann – ich war krank, ziemlich schwer und
schmerzhaft, die krankheit hat mich physisch und psychisch
entblößt. Ich konnte nicht schlafen und dachte in den
schlaflosen nächten über dinge nach, über die man heute
nicht nachdenken soll. In Brünn ist eine stille, und diese
stille ist weder schön noch fruchtbar. Wir alle sind
wartende, und es ist eine flucht ohne ende … Mir scheint,
daß von dem, was ich gern habe, wenigstens in der
natur etwas bleibt. Wenn ich kann, stromere ich umher.
Aber die abende machen mich traurig und verletzen
mich. Vor allem jetzt, wenn die sonne wieder zur neige
geht, mit vogelbeeren blutet, und die kalte nadel des
vogelzugs den himmel radiert. Und mir scheint, daß ich
immer weniger menschen begegne.“

„Ist bei Euch auch so ein kein-winter wie hier? Fast
blühen die bäume, und in den schrebergärten kriechen
die tulpen aus der erde. Gegen mittag sieht es aus wie
im april um neun uhr morgens, und die krankenhäuser
sind voller patienten mit herzinfarkt. Es ist eben
unnatürlich und ungehörig, und wir sehnen uns nach
schnee. Wir wünschen uns, daß es weiß wäre. Weiß
und rein, so weit das auge blickt. Und noch weiter.
Wenn uns unser wunsch in erfüllung geht, kaufe ich
mir ein fernglas und werde den ganzen tag schauen.“

„Sonst ist alles beim alten, beim furchtbar alten. Aber
der frühling hat sich gemeldet, und da bin ich gleich
sentimental, und mir ist wohler. Ein atavismus aus
zeiten, da die menschheit noch nackt umherging.
Nebenbei – wir sind auch heute noch nackte menschen.
Das alles hat uns entblößt.“
Doch jedem seiner briefe mutet Skácel das ganze gewicht
eines heiteren wortes zu.
„Weil Ludvik eben seine tochter verheiratet hat, mußte
ich, wenn auch ungern, unsere Akademie der Wissen-
schaften (abteilung handschriften) darum ersuchen, mir
Deinen brief zu entziffern. Zur strafe, denn ich bin ein
rachsüchtiger mensch, schreibe ich Dir ebenfalls mit der hand,
obwohl es anstrengend ist. Nur Eliška grüße ich
herzlich in druckbuchstaben, denn sie verdient es, und
sie schreibt immer leserlich. Doch auch die akademiker
haben mich enttäuscht, sie waren Deinen hieroglyphen
nicht gewachsen, und ich mußte warten, bis Ludvík
wieder ausnüchterte. Wir haben den satz, der uns
wichtig erschien, aber dennoch nicht begriffen.“

„Und uns beide, Ludvík und mich, beunruhigt die
bemerkung über Deine gesundheit, darüber, daß Du
am boden bist (war es ,boden‘?). Sieh zu, daß Du von
diesem boden bald wieder aufstehst. Uns würde es gar
nicht gefallen, wenn Du Dich irgendwo auf irgend-
einem boden herumwälzen würdest, wir haben Dich
gern schön aufgerichtet. Ich drücke Dir sehr die Daumen
und denke viel an Dich. Die Boženka hilft mir beim
denken an Dich, und so denken wir zu zweit.“

„Ich muß Dir noch einige zitate aus meiner letzten
lektüre aufschreiben. ,Freiheit, lieber Sancho, ist das
einzige, für das man sein leben hingeben kann und
muß.‘ (Cervantes, Don Quichote) – ,Es siegte eine
furchtbare vernünftigkeit des lebens.‘ (Wer das gesagt
hat, weiß ich nicht mehr.) – ,Die mehrzahl der menschen
führt ein leben in stiller verzweiflung.‘ (Thoreau) −
,Wenn du heimkommst, tritt deine schuhe ordentlich
auf dem schuhabtreter ab!‘ (Frau Boženka Skácel)“

5
Ob ich als übersetzer auch etwas über die gedichte von
Jan Skácel schreiben würde, fragte der verlag.
Nichts anderes, als andere mit anderen worten über
gedichte anderer schon unzählige male geschrieben haben,
und das unzählige male nicht zur kenntnis genommen
worden ist: Nicht jedes gedicht eines jeden dichters ist in
jedem augenblick etwas für jeden.
Das aber ist die chance der poesie, die chance des dichters,
die chance des augenblicks und die chance des lesers.
Skácel selbst schreibt über seine Gedichte: „Ich möchte,
daß auch für mich, den autor dieser verse, manches
geheimnis geheimnis bleibt. Es gibt schleier, die wir nicht
ungestraft berühren.“

Reiner Kunze, Nachwort, Herbst 1981

 

Die Gedichte des tschechischen Lyrikers Jan Skácel

sind formenreich und voller Bilder. Seine Lyrik geht vom Einfachsten aus und hat doch die letzten Dinge zum Thema: die fließende Zeit, die Angst, den Tod und das Wissen um eine immer bedrohlicher werdende Sprachlosigkeit.
Wie Trakl und Huchel läßt er die Natur immer wieder für die Wünsche und Ängste des Menschen einstehen. Das macht diese oft nüchternen und immer genauen Gedichte so leicht und zugleich so geheimnisvoll. Peter Handke sagte anläßlich der Verleihung des Petrarca-Preises 1989 an Jan Skácel: „Ich habe nicht alle der in etwa vier Jahrzehnten entstandenen Gedichte Skácels lesen können, und alle die, die ich las, nahm ich, bis auf eines, nicht im originalen Tschechischen auf, sondern in der, scheint mir, märchenhaft glücklichen deutschen Übersetzung Reiner Kunzes: Doch haben die hundert und mehr mich beseelenden und mich ihren Gegenständen einverleibenden Skácel-Poeme (ja nicht der Leser hat sie sich einverleibt, sondern umgekehrt) genügt der Poetik des großen tschechischen Dichters innezuwerden.“

S. Fischer Verlag, Klappentext, 1989

 

Rezensionen zu diesem Buch:

Heiner Feldkamp: Eine Muse, die nicht betteln geht
Stuttgarter Zeitung, 13.11.1982
erweiterte Fassung in: Literatur und Kritik, Heft 181/182, 1984

Verena Flick: Dialog zwischen Mensch und Natur
Neue Zürcher Zeitung, 22.11.1982

Jana Halamíčková: Jan Skácel: wundklee
Hessischer Rundfunk, 30.10.1970

Christine Hansen-Löve: Ein verbotener Mensch
Die Presse (Wien), 26./27.11.1982

Eckart Kleßmann: Literaturforum – Eine Zeitung zum Zuhören
Südfunk Stuttgart, 2. Programm, 12.1.1983

Werner Paul: Jan Skácel geht durchs Nadelöhr
Süddeutsche Zeitung, 18./19.12.1982

Roswitha Reichart: Daß die Zeichen verstanden werden
Salzburger Nachrichten, 16.7.1983

Rainer Stöckli: Für alle, die im Herzen barfuß sind
Zürichsee-Zeitung, 26.11.1982

Jürgen P. Wallmann: Wundklee – Jan Skácel, dem Lyriker, zum 60. Geburtstag
Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 7.2.1982

 

Das plötzliche Nichtmehrwissen des Dichters

Wie nur die Liebe, welche die Gedichte Jan Skácels auf mich Leser übertragen – vollkommen schweigsame und im Schweigen ganz ihr Genüge findende Augenblicke der Zuneigung über die Gedichte hinaus zu den Dingen der Welt – hinüberbringen ins Reden, in die Worte einer sogenannten Laudatio?
Sachlich – nicht bleiben (denn sachlich bin ich nicht von vornherein), sondern werden; sich an die Sachen, die Wörtlichkeiten der einzelnen Gedichte, halten; und dann sachlich sagen – es zumindest versuchen, auch wenn dabei zugleich schon wieder eine Empfindung dazwischen spielt: die Empfindung beim Lesen von Jan Skácels Gedichten wie die von wärmendem Sommergras unter den bloßen Sohlen. So beruhigend, begütigend, erdend wirken seine Gedichte – mag in diesem Sommergras auch so manche Stechbiene sein; denn, nach Skácel:

der dichter setzt
zur wehr sich wie die biene
und schenkt das eigene sterben
dem den er verletzt.

Ich habe nicht alle der in etwa vier Jahrzehnten entstandenen Gedichte Skácels lesen können, und alle die, die ich las, nahm ich, bis auf eines, nicht im originalen Tschechischen auf, sondern in der, scheint mir, märchenhaft glücklichen deutschen Übersetzung Reiner Kunzes: Doch haben die hundert und mehr mich beseelenden und mich ihren Gegenständen einverleibenden Skácel-Poeme (ja, nicht der Leser hat sie sich einverleibt, sondern umgekehrt) genügt, der Poetik des großen tschechischen Dichters innezuwerden. Es ist eine Poetik, die sich nie schließt zu einer Kette von Sätzen; sie zeigt sich jeweils nur in einem einzelnen Satz, beiläufig, im Verlauf des Gedichts, als bloßer Hauch, ist selbst, als Hauch, pur Gedicht.
Diese so offene Poetik möchte und darf auch ich hier nicht zusammenfügen, geschweige denn definieren, ich kann nur ein paar einzelne solcher Anhauche aufzählen:

erfindbar sind gedichte nicht
es gibt sie ohne uns     irgendwo seit
irgendwo hinter     sie sind dort in ewigkeit
der dichter findet das gedicht

Oder:

aufrecht gehn gedichte die erwachsen sind
vierzeiler aber wie meine hier
kommen auf allen vieren zu mir
wie lämmer und esel     oder wie ein kind

Und:

laß schon sein     räum im gedicht
für immer auf wie eh und je

Und:

Jener deren muse nicht betteln geht von tür zu tür
sind schon einige hier bei uns

Und:

Und wie musik beenden oder ein gedicht
ohne eine kleine menschliche lüge

Und dann:

Und mein durst mein weißer
wird die wörter an den fingern abzählen
wird zählen auf daß ich meine tagesdosis
nicht überschreite

Und dann:

Und der dichter bittet unterdessen um ein wort
um ein wort nicht wie blei
um ein wörtchen hirserund

und spart das wort sich ab vom mund

Und dann:

Wir sind wie der ertrinkende und zugleich wie das wasser
In diesem schiffbrüchigen augenblick
wird das gedicht zum halm

Und nicht zuletzt:

In die hand nimmt der dichter das wort wie ein ei
und die gattung vogel
längst ausgerottet vom menschen
zerbricht die schale und steigt auf

Und nicht zuletzt:

Die gegenwart des gedichts ist angedeutet
durch leichte trauer
Von nichtsehen zu nichtsehen teilt es sich uns mit

Und nicht zuletzt:

Doch erinnere ich mich dann von neuem,
und zum kaffee sage ich bereits die verse her,
bedächtig, mühsam, damit sie dauern…

In unseren deutschsprachigen Breiten ist Jan Skácel vor allem mit zwei Dichtern verglichen worden: mit Georg Trakl und Peter Huchel. Keiner dieser beiden Vergleiche hat mir beim bedächtigen Lesen der Gedichte Skácels auch nur im geringsten eingeleuchtet. Trotzdem, glaube ich, können sie fruchtbar werden, wenn sie ihr Gewicht verlagern vom Vergleichen auf das Unterscheiden. So sehe ich zwar hier und da bei Jan Skácel eine Hommage auf Trakl, oder eine anmutig-heitere Reverenz, wie etwa:

und trommle
wie mein weißes gefühl mir befahl

oder:

und im quaken der frösche
grünte die nacht,

oder, ganz klar da:

Gern hab ich den augenblick,
da der hyazinthenschrei der kinder den abend aufweckt –

aber nirgends so etwas wie einen Einfluß, ja nicht einmal eine Verwandtschaft, oder höchstens eine Verwandtschaft in dem Sinn, daß man Skácel einen in die Außenwelt, die Natur, die Landschaft entkommenen Trakl nennen könnte, ausgestattet auch mit der Dankbarkeit eines so Davongekommenen.
Doch sonst nur Unterschiede: Während bei Trakl die Farbenzeichen für die Dinge – fast keins seiner Gedichte ohne wenigstens drei, vier Farbwörter – aus der Empfindung, dem Traum, der Vision des Dichters kommen, läßt Skácel – auch seine Poeme oft sozusagen mehrfarbig – an seinen Dingen in der Regel deren reale Farben erscheinen, auch wenn es die besonderen eines besonderen Augenblicks sind: Seine „blauen vögel“ sind in dem dichtenden Moment wirklich blau; die Trauernden hinter dem Sarg erscheinen augenblicksweise wirklich „in purpur gekleidet“, und sein immer wiederkehrendes Gold wird dem Leser durch das Gedicht aus dem Gedächtnis gehoben auch als das seine; seine Goldwahrnehmungen von den Dingen der Kindheit zeigen sich dank des Gedichts als die allerwirklichsten:

… die hitze senkrecht, der dorfplatz mit der kamille,
träge schatten,
als streckten blaue hunde
über dem goldenen rinnsal jauche
alle vier von sich

Ja, so war es!; und genauso war es auch, wenn die Kälbchen zur Welt kamen:

Wehmütig muht zuweilen die kuh
und blickt sich um
mit augen, blauer als achat.
Milchquellen rasseln an melkkübel,
im luftzug wehn goldene saiten des mistes…:

Nein, so war es nicht bloß, so ist es auch, und so wird es sein, immer und überall. Pointiert könnte man demnach sagen: Trakl gibt den Dingen Farben, während die Dinge auf den Jan Skácel und mich, den Leser (wir beide neu die Kinderaugen öffnend), ihre Farben übergehen lassen – dort das Farbengeben, hier das Übergehen der Farben auf den, der einfach schaut. (Oder in einer anderen Zuspitzung: Trakl, der Farbenbedrückte, Skácel, der Farbenfrohe.) Wie aber schaut Jan Skácel, in was für einer Haltung empfängt er die „auf allen vieren“ auf ihn zukommenden Gedicht-Dinge?
Ich hatte als Leser dazu ein Bild für alle: Ein Großer, ein Erwachsener, in der Hocke, an einem mährischen Wiesenrand, die vielfarbigen Wiesenblumen, winzig klein wie „Herrn Mozarts winzig kleine nachtmusik“, nah vor Augen, wieder im Kindesabstand, so daß ein endloses musikalisches Übergehen einsetzt auf den Schauenden, das Schwarz des Wiesenknopfs, das Gelb des Hahnenfuß, das Blau der Kornblume…: Und tatsächlich werden ja bei Jan Skácel die Farbendinge oft auch noch hörbar, so wie einmal „die rose zu besuch“ zu ihm sagt:

über deinen augen hast du einen raben,
daß er dir nicht fortfliegt,
trauriger, du…

oder ein andermal:

Wir tranken und hielten uns ans wort des weines,
des beim wort genommenen,

und wie, als einmal aus dem bitteren Dorn die Schlehenblüte ans Licht trat, mit einemmal ein Ton erklang.
Jan Skácel hat eins seiner Gedichte Peter Huchel gewidmet. Es heißt ,Znorovy nachts‘, nach dem Geburtsdorf Skácels in Südmähren, und ist eins der wenigen Skácel-Gedichte, in denen, wenn auch nur für eine kurze Zwischenstrophe, die Historie sich aufspielt:

Znorovy nachts. Zwischen den scheunen
berühren alle bäume die dächer.
Hierher kehrten brave söhne zurück, geschmückt mit einer träne,
und die stolzen
gingen in ketten, stolz,
eine garbe haar in der stirn.

Dann aber folgt sofort die Wendung zurück in die eigene Geschichte, zurück in die alltäglichen Dinge, die Jahreszeit, die Landschaft, die Natur:

Auch ich ging, als führten sie mich ab,
stieß pferdemist weg
und wehmut.

Im Unterschied zu Huchel ist Skácel die Natur nicht die Zuflucht im Exil, das Trostbild und zugleich, ambivalent, paranoisch geradezu, das Wiedergängerbild des Monstrums Geschichte, sondern sie bleibt, trotz aller Zwischenspiele, das erste, die erste Welt, die große, die weite. Deswegen sind seine Gedichte wohl immer wieder durchzittert von Wehmut, von Bitternis, ja Zorn,

Auch wenn die rosen laut blühen würden
und das wasser ans ufer baden ginge
gäbe es nach ihrem willen – dem der henker – keine kindheit
keine gegend mit der hohlen freiheit der halme

doch ganz und gar ohne die Huchelsche Schwermut; auch für die Dinge der Trauer gilt für das Gedicht Jan Skácels das „sursum corda!“ – ohne das „Empor die Herzen!“ hebt bei ihm kein Gedicht an; erst mit dieser Aufforderung an sich selbst, Aufhebung der Schwermut, öffnet sich der Raum für das Gedicht.
Also, Jan Skácel zusammen mit der Daseinsliebe und Zukunftssehnsucht und dem Geschichtsvertrauen Friedrich Hölderlins? Ich stelle mir vor, der tschechische Dichter unseres zwanzigsten Jahrhunderts, bei diesem Vergleich, er lächelt, traurig und heiter. Und er hat dafür ja auch schon die Worte gefunden; in mindestens zwei Gedichten, einem, das ,leben‘ heißt und so geht:

Nirgends wohne, es sich besser
als auf den neckarwiesen am Rhein
rief Hölderlin aus und ungestüm
trank er auf den sieg der niederlage grünen wein

Doch er selbst wollte in den Kaukasus

Die ebenen wissen aber sprechen nicht
und fuhren uns stets zu den nächstliegenden bergen

Und von dort müssen wir zurückkehren
Mein schöner dichter und bruder
auf was für rührseligkeit haben wir da geschworen;

und das zweite, das ,in der mitte des sommers‘ heißt und so geht:

Vollkommen ist’s

wie der sommer sich über die dämmerung beugt
An dünnen ästen makellose vogelbeeren
und außerhalb des gewichts der zeit
Der august so nah wie die distel am weg
Die tage um einen fußbreit kürzer
(…)
Sicherheit überkommt
Und wunderschön das überflüssigsein der klage.

Man könnte lang noch verfolgen, wie Skácel im Gegensatz zu dem deutschen Heldenjüngling, von der Verzweiflung durch die Desillusion nie bedroht war, weil er seine Illusionen – hoch sie! – eben nie und nimmer verschwendete für die Hoffnung auf eine neue Wende der Geschichte und so in der Hälfte des Lebens mit Sprachlosigkeit geschlagen wurde vor den im Eiswind klirrenden Fahnen; solch weiteres Verfolgen aber überlasse ich andern.
Wer ist nun Jan Skácel? Wo kommen seine herrlichen Gedichte her? Was ist ihre Abstammung? Mit wem sind sie verwandt? Stehen sie ganz für sich? Was haben sie womit gemeinsam? Klar ist nur: Jedes Kind könnte sie begreifen – vor allem die Kinder −, sie brauchen keine Vergleiche, und doch wird meine Lust, darüber zu reden und die Gedichte weiterzugeben, begleitet, ohne daß ich darauf aus bin, von Vergleichslust, Erinnerungen, Bildern, Klängen.
So kamen mir durch Skácel die Sagen der Kindheit neu in den Sinn, die Sagen nicht nur meiner persönlichen, sondern unserer gemeinsamen mitteleuropäischen Kindheit, die Sagen, Märchen und Fabeln aus der, wie die Gedichte es offenbaren, immer noch, auch jetzt gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, fortbestehenden und weiterwirkenden Kindheit der mitteleuropäischen Völker, wo im frischen alten Animismus die Wurzeln der Bäume tief unten in der Erde nachts ebenso aufleben wie im Finstern der Weinkeller in den Fässern „die sonne aus dem vorvorletzten jahr“, während an der Straße „die weiße staubwehe schläft“ und der Fluß einen Vers „flucht, wenn er so über die steine / nachts, im dunkeln, stolpert“.
Oder Skácels Gedichte wecken in mir Leser neu den Psalmenklang, aber nicht den vertikalen, gerichtet hinauf zum Himmel, sondern einen, der durch die Ebenen hin zum Horizont geht und diesen umkreist; ja, jedes der Gedichte, wie sonst nur die große Musik, eröffnet in mir einen Rundblick, und dazu paßt, daß ihre häufigste Form das Rondo ist, das Reigenartige. Oder – und jetzt kommt ein kleiner Sprung (wäre die Übersetzung des Namens Skácel nicht „Springer“ oder „der gesprungen ist“) – es hört der Leser manche Zeilen plötzlich gesungen, nein, nicht nur von Dietrich Fischer-Dieskau, sondern auch, Verzeihung, von John Lennon, wie zum Beispiel in dem „Gespräch“ hier, das mich an ,Norwegian Wood‘ erinnert:

Wie geht dir’s, mein lieber?

Wie dem bäumchen,
an das sie das lamm banden,
damit’s nicht in den schwarzen wald läuft,
dem bösen wolf in die fänge.

Und wie geht’s meiner lieben?

Wie der weißen birke,
die sich im wind neigt,
neigt, neigt.

Und wieder Verzeihung, wenn ich das

Über den wassern, ach, über den wassern
erhob sich ein vogel ins blau.
Keiner weiß wie, keiner weiß, wann
der vogel sich über die wasser erhob,
über den drahtverhau…

als Country & Western-Song höre, gesungen vom blutjungen Bob Dylan, frisch angekommen in Manhattan aus dem Seengebiet von Minnesota; und ein letztes Mal Nachsicht, wenn zu Skácels Kindheitsgedicht mit der Strophe

Die sonntage silbern und dunkelbraun die freitage
Mitten in der woche lag der mittwoch
und der dienstag fand fast nicht statt

unwillkürlich in mir jenes Sechziger-Jahre-Lied mitspielt, gesungen von den Easybeats, mit dem Titel ,Friday on My Mind‘.

Seltsam nur, daß bei dem allen gerade einer sich nie dazugesellte, seltsam und für einmal auch erleichternd: der, nach dem dieser Preis hier benannt ist, Petrarca oder jetzt, im Nachdenken, doch; denn die meisten Gedichte Skácels sind, mag das Wort auch fehlen, Liebesgedichte, Gedichte der liebenden Verehrung der, seiner, Frau. ,Brief von ihr‘ heißt so ein Gedicht:

Ich fuhr mit dem letzten bus vom platz.
Der abend war drückend und trostlos
wie leeres wasser…

Um wenigstens ein bißchen aufzuatmen,
entschloß ich mich, zuvor
aus tiefster seele zu seufzen.

Damit mir hier etwas laut zurückbleibt.

Und auch die Sonettform kommt vor bei Jan Skácel, freilich, ganz zeitgenössisch, mit fehlenden Zeilen, an deren Stelle nur Striche stehen:

—————-
und weil wir schon bald alt
und wie die häuser sein werden von vögeln
fand ich für uns eine landschaft.

Das tiefste Bild aber, das mir durch die Poesie Jan Skácels entgegenleuchtet, ist das folgende: Einmal war ich für sehr lange Zeit weit weg von Europa. Irgendwo in Japan dann hörte ich an einem Abend, vor allem von begeisterten, jungen und älteren Hausmusikanten gespielt, das letzte Streichquintett Mozarts. Einige der Zuhörer, wie üblich bei den nimmer- und immermüden Japanern, waren sofort eingeschlafen. Ich aber wurde immer wacher und hatte, vollkommen übergegangen in die Musik, einen von Takt zu Takt mich mehr ergreifenden Traum: Die Mozartsche Musik, voll Wehmut, Trauer, zugleich Gelöstheit und Einverständnis mit dem menschlichen Sterblichsein, ließ mich in einem klaren, plastischen Halbdunkel dort weit weg in Japan zum ersten Mal das von mir bis dahin als bloße Ideologie abgelehnte Mitteleuropa sehen, mit einem einzigen, tschechischen, österreichischen, ungarischen, bayrischen, slowenischen Volk in dieser Landschaft, zu den heiteren Mollklängen einen Reigen tanzend, damals im achtzehnten Jahrhundert wie auch jetzt hier vor meinen Augen in Kyoto, einen Reigen, welchem nichts fehlte zum allervollkommensten, dem Dankgebet. Zum ersten Mal geschah es mir dort, fernab, daß ich mich von meiner mitteleuropäischen Heimat gewiegt fühlte und zu den Menschen da in dem Reigen gehörte, innigen, zarten wie nirgends sonst, geschlagen dabei, ganz anders als so viele andere Völker, mit der lebenslangen Unerfülltheit und also Sehnsucht und Verlorenheit, wie sie ideal in dieser Musik spielten, entsprechend der Skácelschen Zeilen:

Sieh, flinke mauerschwalben nehmen Brünn ein
und eine ungebührliche sehnsucht nimmt beim ellenbogen.

Und ist es dabei nötig, hinzuzufügen, daß jene Wiege Mitteleuropa nicht nur süß, sondern zugleich schmerzend war, wieder entsprechend den Zeilen Skácels:

Wer jetzt die stille berührt gibt der wiege
vergebens schwung     sie hat keinen boden mehr

Jan Skácels Gedichte wiederholen mir, Zeile für Zeile frisch, das Mozartsche (wie Schubertsche) Wachtraumbild des anderen, unideologischen, märchenhaften und so um so realeren, des geltenden Mitteleuropa. Wie im Rondo der ,Häuser in Pavlov‘

die alten hab ich gern,
die ältesten,
die von musik unterkellerten…

sind sie allesamt unterkellert von Musik. Und wie in dem Gedicht ,März‘ sehe ich sie in meinem Traumbild allesamt auf der Fiedel spielen:

Vom wald kommt ins dorf der frühling.
Unterm arm trägt er die fiedel,
das uralte instrument aus dreierlei holz.

Dann, eines abends, erklingt in den gärten ein lied.

Und bis tief in die nacht und auf einer einzigen saite
wird der unbekannte musikant uns
diese einfache sache erzählen.

Und allesamt wiederholen Skácels Gedichte mir das, auch wenn sie von Verrat, bösen Jägern, grausamen Lämmern handeln,

in der ortschaft mit dem schönsten namen der welt
(…)
In der gemeinde Fiedel.

Aber zuletzt habe ich für Jan Skácel weder Vergleiche noch Bilder mehr nötig. Nur noch die Gedichte absolut, für sich, sind mir übrig, in denen nie ein Begründungswort, nie ein relativierendes Einräumungswort, kein „Weil“, kein „Obwohl“ steht, immer nur die uralten „Und“, „Dann“, „Wenn“ und „Als“, Gedichte, die jeweils zugleich Erzählungen sind, Erzählungen, die wiederum all mein vorlautes Fragen beantworten mit dem erleuchtenden Unsinn der jahrtausendalten chinesischen koâns:

Und sein kann’s, einer fragt dich auf der straße,
wann, meister, schreiben Sie ein funkelnagelneues buch?
Und du wirst sagen, wenn’s mal regnet,
wenn ein schöner schlamm sein wird.

Und trotzdem läßt sich etwas wie das Wesen, der Ursprung der Gedichte Jan Skácels andeuten. Also: Erzählungen von wissenschaftlichen Entdeckungen haben ihren Angelpunkt in der Regel in einer Wendung wie: „Plötzlich wußte ich…“ Der Angelpunkt des Skácelschen Gedichts dagegen ist, wie ausdrücklich in dem Gedicht ,Steigbügel‘:

(… ) und ich beklommen, dem weinen nah,
und weiß plötzlich nicht (…)

das plötzliche Nicht-Wissen, das plötzliche Nicht-mehr-Wissen; jenes plötzliche Nichtwissen erschien mir beim Lesen, ebenso plötzlich, als der Ursprung eines jeden Skácel-Gedichts. Und so bleibt es, ein für allemal: Das Finden des Dichters, seine Art des Entdeckens als ein plötzliches Nichtmehrwissen, und ein Übergehen ins Bild, in die Farbe., den Takt.
Und wie erging es mir zuletzt mit dem Lesen? Etwas sehr Seltenes ereignete sich, so selten wie die Ausrufe in den Gedichten Jan Skácels, wo das ,ach, der mutter augen‘, ,oh, ein kleiner David war ich‘, ,den kindern, den ach so verzweifelten‘ an den Fingern einer Hand abzuzählen ist: Ach, nur noch drei Gedichte bleiben mir zum Lesen, dachte ich Leser, und dann: Oh, nur noch zwei!, und dann: Ach, jetzt schon das letzte!
Und dann habe ich beschlossen, eins der Gedichte auswendig zu lernen, zum ersten Mal freiwillig, und werde nun versuchen, ob ich es kann (ein Meister im Auswendiglernen war ich nie):

Peter Handke, Laudatio, gehalten am 10. Juni 1989 in Lucca zur Verleihung des Petrarca-Preises 1989 an Jan Skácel.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich versuche ein paar Worte zu sagen, nicht über mich, sondern über die Arbeit des Dichters und über ihren Sinn. Ein Dichter ist derjenige, der Gedichte schreibt. Diese Definition scheint einfach zu sein. Was ist aber ein Gedicht?
Und hier beginnt ein Paradox. Ein Dichter ist ein Radar unter den blühenden Linden. Ein Dichter antwortet nicht, er stellt Fragen. Das Gedicht ist vor allem eine Frage. Die Gedichte geben keine Antworten, sie rufen weitere und neue Fragen hervor. Solch ein Fragen ad infinitum ist ein ewiger Beweggrund der Poesie, seit Petrarcas Zeit bis heute. Was ist Angst und Bedrohung, was ist Schuld und Verrat, was ist Liebe, und woher kommt der Tod? Das sind die Fragen, die zu stellen sind.
Das Gedicht ist auch ein Halm. Der rettende Halm. Und wir alle sind wie die, die ertrinken, und wir sind auch das Wasser in dieser schiffbrüchigen Welt.
Das Gedicht ist aber auch ein schwerwiegendes Verwundet-Sein, denn die Dichter wehren sich wie die Bienen, und wie diese schenken sie denjenigen, die sie verwunden, ihren eigenen Tod, ihr eigenes Sterben.
Und viertens, das Gedicht ist ein großes und unverletzbares Geheimnis. Was wissen wir heute Näheres und Wichtiges über Petrarcas Laura? Wirklichkeit ist nur die Laura, die Jahrhunderte in den Sonetten des Dichters überlebte. Wirklichkeit ist sie durch die Kraft des Dichters und durch die Poesie geworden, die sie hervorgerufen hat. Wir sollen darüber, über dieses Geheimnis, nichts, überhaupt nichts weiter erfahren. Hegen wir das Geheimnis! Es gibt Schleier, die man nicht berühren, die niemand straflos enthüllen darf.
Meine Damen und Herren, es könnte Ihnen seltsam vorkommen, daß ich, der von dort kommt, von wo ich komme, die Politik nicht berühre. Ich bin kein Leisetreter, kein eingeschüchterter Vorsichtling. Nichts wäre aber entfernter, als mich in Sphären zu bewegen, die mir und der Poesie fremd sind. Es geht mir um mehr als um die Poesie, es geht mir um alles.
Am Anfang war das Wort. Und wir sind verpflichtet, den für ertrunken und totgetreten gehaltenen Wörtern ihren ursprünglichen Sinn wiederzugeben. Sie zu bereinigen und sie in ihrer natürlichen Schönheit und in ihrer Urwahrheit zu zeigen.
Es geht mir darum, damit die Freiheit wirklich frei ist, damit die Stille laut und das Wasser in den Flüssen bis zum Boden klar ist. Es geht mir also um alles.

Jan Skácel, im Sommer 1989 auf deutsch geschrieben als Dank für den Petrarca-Preis; erschienen in Petrarca-Preis / Petrarca-Übersetzer-Preis / Nicolas-Born-Preis, Band 4 1989–1991, Edition Petrarca

 

„Jan Skácel? – nie gehört!“

Keine ungewöhnliche Aussage. Denn Jan Skácel ist nicht berühmt. Weder hier in Deutschland, noch in seiner tschechischen Heimat. Das heißt, dort war er einmal berühmt. Aber das war, bevor er 1970 ein Publikationsverbot auferlegt bekam. Deshalb ein absolutes Minimum an Biographie: Jan Skácel wurde 1922 in der Tschechoslowakei geboren und starb 1989 in Brünn. Er arbeitete als Redakteur und hatte mit der tschechoslowakischen Zensur Probleme, wodurch auch sein Publikationsverbot zustande kam. Zu seinen Verehrern im deutschen Literaturbetrieb gehören Peter Handke und Reiner Kunze, der Skácels Gedicht auch übersetzt hat. Die geringe Popularität Skácels liegt zum einen sicherlich daran, daß um diesen Menschen herum kein verkaufsförderndes Image aufgebaut werden kann, zum anderen aber auch daran, daß seine Gedichte von einer ganz eigentümlichen Aura umgeben sind, die sie teilweise schwer verständlich machen, obwohl sie vom Wesen her eigentlich recht einfach sind.
Diese eigentümliche Aura mag an den ungewöhnlichen Zusammenhängen liegen, in die Skácel seine meist aus der Natur stammenden Motive stellt, so z.B. in dem Gedicht „Nachtangel“:

Mit dem mund an der nachtangel hängend wie ein fisch
warte ich bis am morgen die angler kommen
und im grase nach dem ausgelegten schnüren suchen werden

Es ist den Versen Skácels eigen, daß die Zartheit ihrer Sprache oft nicht auf den ersten Blick mit der Ernsthaftigkeit der Inhalte korrespondiert. Es geht hier oft um Angst, Tod und Trauer, und diese besagte Zartheit schafft es, eine großartige melancholische Schönheit über diese Verse zu legen:

ein banges sehnen überkommt mich gegen abend und ich fürchte mich
sei mir nicht bös ich habe wie ein kleiner junge angst
warum kann ich nicht sagen sie hat so große augen diese angst
sie ist wie eine katze im dunkeln sieht sie dich

Noch beeindruckender beweist Skácel diese Fähigkeit in dem besten Gedicht aus wundklee. Es heißt „Platzregen“:

Und er wird ein anderer sein ohne frage
wie am grunde des sees versunkene eichen
an die wortlose leere werden wir uns gewöhnen
und an die stehende finsternis
die platzregen deiner tage fielen auf fels
und ergossen sich ins tal
die vorahnung blieb erinnerung des künftigen
und tod und liebe sind beide zu gleich
überall in der stadt spielen orgeln
und blaue vögel trinken aus pfützen
in denen der donner sich wusch

Nach diesen Zeilen ist eigentlich erst einmal eine andächtige Schweigeminute angebracht, und doch muß eins gesagt werden: Nicht alle Gedichte Skácels sind so düster – melancholisch; manche verbergen die Trauer unter einem dicken Schleier, andere wieder sind eher neckisch als traurig. Dennoch ist vielen Gedichten diese Atmosphäre eigen, auch wenn man etwas danach suchen muß. Aber man wird sie finden, wenn einem Verse wie

So ist die mühe des baumes vergebens sich zu erinnern (und schweigend zweifelt er)
wenn ihn die windstille berührt

(aus: „Nacht in der Betonsiedlung“) ein wohliges Zittern über den Rücken jagen.
Skácel ist nicht der Mann mit dem Vorschlaghammer, der seine Themen zu überwältigen versucht. Stattdessen benutzt er das feinsinnige Empfinden, um ihnen ihre verborgenen Geheimnisse zu entreißen. Aber „entreißen“ ist schon ein viel zu brutales Wort; sie „zu offenbaren“ wäre angebrachter. Und irgendwie ist das, was Skácel mit seinen Gedichten betreibt, eh eine Offenbarung: Eine Offenbarung von Feinheiten, von Nuancen, die dem Menschen in ihrer oberflächlichen Grobheit zu oft verborgen bleiben. Finden kann man diese Feinheiten und Nuancen eigentlich überall, man muß nur mit vorsichtiger Sensibilität und einem offenen Herzen auf die Suche gehen. Das ist es meiner Meinung nach, was Skácels Gedichte aussagen. Eine Aussage, die ich gerne unterschreibe.

R.I.R., entry-magazin.de

Ein waghalsiges Unterfangen

Ein waghalsiges Unterfangen, über die Poesie solcher Dichter wie Reiner Kunze oder Jan Skácel überhaupt zu schreiben. Konfrontiert mit ihrem Œuvre, wird man sich wieder einmal der Unzulänglichkeit eigener Ausdrucksweise bewußt, die eher ausgeliehen und eingeübt als eigen ist. Einerseits Dichter, die sparsam und behutsam, mit hohem Bedacht eine Wortform für ihre Einfälle und Bilder schaffen, andererseits ein Germanist, dessen tagtäglicher Umgang mit Texten auf die Gefahr hinausläuft, ihre bildliche Substanz verdorren zu lassen oder diese im Gegenteil mit einem Wortschwall zu überfluten. Sein Maulwerk verwandelt sich ins Mühlwerk und zerredet bzw. zermahlt des Dichters Ernte.
Auch Reiner Kunze ist diese germanistische Klippe wohl vertraut:

Von hundert germanisten liebt die dichtung einer
Berufen ist zum germanisten außer diesem keiner

Dieser Klippe kann man nicht durch die Behauptung ausweichen, man sei ein Bohemist, denn die Rolle des Germanisten im Zweizeiler ist austauschbar:

Von hundert bohemisten…

Außerdem ragen einem durch diese Behauptung sofort zwei Klippen entgegen: Reiner Kunze und tschechische Poesie, tschechische Poesie und Reiner Kunze gehören einfach zusammen. Und überdies (um Klippen und Waghalsigkeit zusammenzubringen): Vermessene Abenteurer weichen Klippen nicht aus. Also… Schluß mit dem Gerede! Heran an die Substanz!
Beinahe 40 Jahre lang beschäftigt die tschechische Poesie Reiner Kunze, beinahe 40 Jahre lang beschäftigt sich Reiner Kunze mit der tschechischen Poesie. Nicht in dem Land geboren wie zum Beispiel Franz Fühmann oder Louis Fürnberg, wurde er zu einem ihrer bedeutendsten Vermittler in den deutschsprachigen Ländern. Cherchez la femme, will eine banale Binsenwahrheit wissen, die jedoch bei den Dichtern gar nicht so banal ausfallen muß – denken wir nur an Dante, Petrarca, Goethe… Eliška Littnerová wurde nicht nur Kunzes tschechische Muse und später – nach Überwindung der bürokratischen Hürden ihrer damaligen Heimatländer, der DDR und der ČSSR – auch seine Frau. Widmungen und Danksagungen an Elisabeth sind keineswegs eine Geste der Höflichkeit. Wenn Reiner Kunze beispielsweise der Sammlung Skácelscher Nachdichtungen wundklee die Widmung voranstellt: „Meiner frau, der wegbereiterin und wegbegleiterin nicht nur dieser übersetzungen“, wird damit unmißverständlich nicht nur der konkrete Beitrag seiner Frau zur Entstehung dieser Nachdichtungen gewürdigt, sondern auch zugleich angedeutet, welch’ eine zentrale Bedeutung Elisabeth für den Dichter bei Begegnungen mit der tschechischen Kultur sowie für seine Existenz überhaupt hat. (Daß Eliška sich in Elisabeth verwandelte, ist keinesfalls als männliche oder deutsche Anmassung zu werten. Ohne sich auf nationale Identitätsspielchen einlassen zu wollen, sei nur bemerkt, daß R. Kunzes Frau in einem zweisprachigen Milieu aufgewachsen ist: die Mutter – eine Wiener Tschechin, der Vater – ein Deutscher aus Südmähren.) Wie dieses Verhältnis für den Dichter gründend existentiell ist, bezeugen auch seine eigenen Gedichte – so zum Beispiel das inzwischen vielzitierte „Auf dich im blauen mantel“ oder das erst vor einigen Jahren veröffentlichte Gedicht „Bittgedanke, dir zu füssen“:

Stirb früher als ich, um ein weniges
früher

Damit nicht du

den weg zum haus
allein zurückgehen mußt

Ein jeder würde es wohl für absurd halten, den Tod eines geliebten Wesens zu wünschen. Dieses Tabu bricht der Dichter durch seine trotzig-mutige Haltung. Wissend um die Unabwendbarkeit des Todes, bekennt er sich zum schwereren Los, das dem nachtrauernden Liebenden zuteil wird, denn das Überleben im Alleinsein ist kein vollwertiges Leben mehr, es wird durch das Bewußtsein des endgültigen Verlustes erschwert. Vor diesem Leid will der Dichter seine Liebe schützen, dafür ist er bereit, „um ein weniges“ länger zu leben.
Elisabeth Littnerová wurde für den empfänglichen Dichter ein Fenster in eine andere Kultur. Diese Kultur und dieses Land zogen Anfang der 60er die Aufmerksamkeit des Auslands auf sich. Reiner Kunze hat nie einen Hehl daraus gemacht, was ihm die ČSSR von damals bedeutete, nur schätzte man diesen Umstand bisher von seiten der deutschen Literaturwissenschaft kaum. Dabei gibt es genügend Äußerungen des Autors, in denen er das Kennenlernen des neuen Landes selbst hervorhebt, wie z.B.:

Was ich der Tschechoslowakei alles verdanke, kann ich vielleicht gar nicht ermessen. Sie bedeutete damals für mich eine Art menschlicher Auferstehung. (…) Sie bedeutete für mich Heilung. Wie ich schon sagte, hatten die Erlebnisse an der Universität auch einen physischen Zusammenbruch zur Folge gehabt. Die Tschechoslowakei war für mich fast ein Jahrzehnt geistiges Asyl und literarische Heimat.

Stichwortartig ausgedrückt bedeutete die damalige Tschechoslowakei für Reiner Kunze Liebe, lockere Atmosphäre, Entdeckung neuer literarischer Welten (hier vor allem der tschechischen Moderne), neue Freunde. Die Liebe und eine lockere Atmosphäre waren für die erwähnte menschliche Auferstehung unabdingbare Voraussetzungen, Literatur und Freunde regten an. Von was für einer grundlegenden Bedeutung diese Anregungen waren, davon lassen wir wieder den berufensten Mund sprechen, und gleich zweimal:

Wenn ich also von meiner wunderbaren Frau absehe – das ist etwas nicht zu Vergleichendes −, ist das Bedeutendste, was ich der Tschechoslowakei verdanke, der Einfluß ihrer Dichtung. In der Tschechoslowakei habe ich zum erstenmal begriffen, was das ist, Poesie.
Das Eindringen in die dichterische und philosophische Welt, für die mir die tschechische Poesie das Tor war, bewirkte erst einmal, daß ich mit der Zeit wieder zu mir selbst fand, bewirkte das Einswerden als Schreibender und Seiender. Um das genau erklären und damit zu einer Positionsbestimmung kommen zu können, müßte ich ein Wort dazu sagen, was das typisch Tschechische ist an der tschechischen Poesie, insbesondere an der tschechischen Poesie des 20. Jahrhunderts, die mich so beeindruckt hatte und beeindruckt. Es ist meines Erachtens die moderne Metapher, in der ein Kinderherz schlägt – um es metaphorisch zu sagen.

Die Atmosphäre der tschechoslowakischen 60er Jahre wirkt auf Kunzes Aktivitäten wie eine Initialzündung. Er dichtet selbst, er dichtet nach, schreibt in literarischen Zeitschriften, organisiert Dichterabende der deutschen und tschechischen Poesie in bei den Staaten (ja sogar eine literarische Tournee tschechischer Dichter in die damalige BRD), tritt im Rundfunk auf. Der Schlag kommt mit dem 21. August 1968. Reiner Kunze fühlt sich genauso betroffen wie seine tschechischen Freunde. Schläge haben manchmal Brüche zur Folge. Frau Kunze findet am 22. August gepflückte Blumen an der Wohnungstür in Greiz, ihr Mann tritt aus der SED aus. Der Bruch ist radikal. Er vergrößert, vertieft und verschärft sich immer mehr, bis er nach schwierigen und harten Jahren vollendet wird: Es folgt die Ausreise.
Ein so voll und reich gelebtes Leben bringt wie selbstverständlich auch seine Früchte, seien es Veröffentlichungen von Nachdichtungen oder eigene Sammlungen. Es würde nur eine Wiederholung bereits publizierter Bibliographien bedeuten, wollte man jetzt konkrete Titel nennen. Angebrachter scheint es, die Periodizität der Veröffentlichungen sowie die Auswahl der nachgedichteten Autoren zu verfolgen. Nach den Veröffentlichungsdaten urteilend, müßte man sagen, daß die erste Welle des Interesses an der tschechischen Poesie beim Autor in den 60er Jahren kulminiert: zwei Anthologien, Übersetzungen von Hör- und Schauspielen, ein Kinderbuch, Nachdichtungen einer Reihe von Einzelwerken. Die Ära der 60er Jahre wird in gewissem Sinne durch die Herausgabe der Sammlung Vor eurer Schwelle von Vladimír Holan und des Litanei-Gedichtes Wunderschöne Sträflingskugel von Antonin Brousek abgeschlossen. Beide Titel erschienen 1970. Die nächste Nachdichtung, Jan Skácels wundklee, kommt erst nach 12 Jahren, 1982, heraus. Desinteresse an der tschechischen Poesie in der Zeit der sogenannten Normalisierung? Keineswegs! Reiner Kunze ist mit der Reifezeit seiner Gedichte bekannt. Dasselbe gilt auch für seine Nachdichtungen. Skácels Gedichte in wundklee waren wirklich keine leichte Hürde. Nach einem Bekenntnis im Essay-Band Das weiße Gedicht, gewissermaßen einer Nachdichter-Poetik, brauchten einige Nachdichtungen einige Jahre, bis sie ausgereift waren. Dies ist aber bestimmt nicht der einzige Grund für die festgestellte Zäsur, die einem Abbruch gleicht – auch die in den 60er Jahren übersetzten Gedichte benötigten ihre Reifezeit.
Ein anderer Grund besteht allerdings darin, daß Reiner Kunzes Veröffentlichungsmöglichkeiten seit seinem Bruch mit der Partei in der DDR ziemlich eingeschränkt wurden. (Der Brief mit blauem Siegel, 1973, ist als eine die Regel bestätigende Ausnahme anzusehen.) Und offen gestanden: Hätte es in der DDR Interesse an Nachdichtungen solcher Dichter wie Jan Skácel oder Ludvik Kundera gegeben, die in ihrer Heimat in den 70er Jahren als „lebendig totgeschwiegen“ galten?
Reiner Kunze hat jedoch seine Bindungen zur Tschechoslowakei sowie seine Freunde nicht vergessen. Indirekt ließ er dies durch Eingliederung solcher Gedichte durchblicken wie z.B. „bei E. in Veřsice“ und „besuch in Mähren bis nach mitternacht“ oder „die bringer Beethovens“ (1962), dessen Widmung an Ludvik Kundera auch 1973 beibehalten wird. Direkt spricht er sich für seine Freunde in Interviews aus, in denen er mehr auf die mißliche Lage seiner tschechischen Dichterkollegen aufmerksam macht als auf die eigene:

Nicht genannt wird der Autor, der die Prosa übertragen hat. Nicht genannt wird der Nachdichter der Verse und Verfasser des Nachwortes. Beide sind autorisierte Editoren des Gesamtwerkes von Bertolt Brecht für die Tschechoslowakei, doch auch in dieser Eigenschaft werden sie nicht erwähnt. Ihre Namen und Geburtsdaten sind gelöscht worden. Wie ich weiß – und ich nenne die Namen bewußt – handelt es sich um den Übersetzer Rudolf Vápeník, der bis 1969 Direktor des Hauses der tschechoslowakischen Kultur in Berlin war, und um den Dichter Ludvik Kundera. Das Streichen von lebenden Menschen aus dem Register der Lebenden empfinde ich als einen Traum. (…) Ich möchte, um ihn genannt zu haben, nur Jan Skácel nennen, einen der besten zeitgenössischen tschechischen Dichter. Einer Literatur, in deren Sprache die Gedichte Jan Skácels fehlen, fehlt ein Stück menschlichen Horizontes. (Aus dem Interview mit dem Hessischen Rundfunk Köln, August 1973.)

Es drängt sich die Frage nach den Freunden auf. Wer waren sie, worauf gründete ihre Freundschaft? Sie ergaben sich aus dem Kreis der Geistesverwandten, und die Geistesverwandtschaft war die Voraussetzung einer Freundschaft bzw. eine Vorstufe dazu. Reiner Kunze hat nur solche Texte ins Deutsche übertragen, die ihn angesprochen, berührt haben. Nachdichten war für ihn nie ein Broterwerb. In der Liste der Übersetzungen Reiner Kunzes werden rund 40 tschechische Autoren angeführt. Im Verlauf der Zeit wendete sich Kunzes Interesse immer mehr einem Autor zu: Jan Skácel.

Wenn ich mich frage, was mich am meisten ans Tschechische bindet, was es mir teuer und unersetzbar macht, lautet die Antwort: die Verse Jan Skácels.

Zu schreiben, daß Reiner Kunze in Skácels Poesie ein Echo eigener dichterischer Bemühungen fand, wäre eine Vereinfachung. Im Einklang befinden sich ihre Werke und ihre Auffassung von der Poesie. Weder Kunze noch Skácel sind melische Typen. Beide neigen zum sparsamen Ausdruck. Beide sind sich der Dissonanzen des Lebens bewußt, trotzdem neigen sie zur Schaffung einer schmerzhaft, erkämpften Harmonie, die keine Werbungskonturen annimmt, sondern vom inneren Bedürfnis und der Veranlagung ausgeht.
Beide wissen um die Kunst des nicht vollends Ausgesprochenen. Beider Poesie könnte man als bescheiden, ja fast demütig bezeichnen, nichtsdestoweniger aber auch männlich. Diese Männlichkeit bzw. Mutigkeit beruht nicht auf der Muskelvorführung, sondern auf dem Wissen um die Verantwortung für das eigene Leben, aus der sich dann das überzeugte Beharren auf der eigenen Position ergibt. (Würden wir diesen Gedanken weiterspinnen, kämen wir bis zum „Leben in der Wahrheit“, was jedoch schon die Parole von Václav Havel ist. Ein innerer Zusammenhang läßt sich aber nicht leugnen.) In dieser Hinsicht sind Kunze wie Skácel Kämpfer. Sie brauchen keine kräftige Geste. Im Gegenteil – beide sind Dichter, welche die Stille zu schätzen wissen. Rolf Eigenwald hat es in Anspielung auf eine Sammlung Kunzes folgendermaßen ausgedrückt:

Reiner Kunze übertönt nie die Zimmerlautstärke. Er schreibt und äußert sich in einer Weise, die das Schweigen als ebenbürtige Gegenmöglichkeit, als sprachlosen Gegen-Satz zur (Ent)äußerung immer auch zugleich erkennbar werden läßt.

Dasselbe gilt allerdings auch für Jan Skácel.
Mit der Stille hängt ein anderes Phänomen zusammen, nämlich die auffällige Hervorhebung der lautlichen Qualitäten der Gedichte. Skácel wie Kunze bringen so die Poesie zu ihrem magischen Ursprung, in die Zeit der Zaubersprüche und Geheimnisse zurück. Denn Poesie zu schaffen, ist eine ursprüngliche Magie, es ist die Unterordnung einer inneren Notwendigkeit, die nicht mehr nach der Ratio fragt und Bilder freisetzt. Reiner Kunze kommentierte einige Male diesen Zustand:

Kunst ist für den, der sie hervorbringt, Notwendigkeit. Sie wendet innere Not und manchmal, wenn er großes Glück hat, auch äußere.
Der poetische Einfall, der aus dem Unbewußten aufsteigt, überrascht den Dichter ebenso wie das aus dem Einfall hervorgegangene dichterische Bild den Leser.

Die Poesie ist somit für beide Dichter eine Entdeckung, ein Aufwachen, eine besondere Wahrheit. Dies ist sie im Augenblick der Entstehung. Sie will aber auch mitgeteilt werden, und da verändert sie sich in eine Botschaft, in eine Sendung des Dichters an ihren Adressaten. (Nur nebenbei sei bemerkt, was für eine Rolle das Motiv der Post bei Reiner Kunze spielt. Jan Skácel hat den Zyklus der Variationen über das Thema „die post“ bereits 1967 übersetzt.)
Daß durch alle diese Eigenschaften die Autonomie der Poesie unterstrichen wird, ist eindeutig. Noch eindeutiger wird dann diese Autonomie in „unpopuläres gedicht“, das mit einem Zitat von Vladimír Holan eingeleitet wird:

Kunst ist… etwas für manchen, nichts für alle.

Neben den inneren Entsprechungen mag Reiner Kunze noch einen Grund für die Nachdichtungen von Skácels Poesie haben: Sie wirkt unheimlich inspirativ, besonders für einen Dichter, der in der Übertragung des Gedichtes in die eigene Muttersprache einen schöpferischen Akt sieht:

Unter „Nachdichten“ verstehe ich, ein Gedicht so zu übersetzen, daß es in der Sprache, in die es übersetzt wird, wie ein Original wirkt, und daß dieses dem fremdsprachlichen Original höchstmöglich gleicht.

Bei diesem Herangehen ans Original wird nicht allein aus einer Sprache in die andere übersetzt. Man fordert auch die eigene Imagination heraus, man bereichert sich durch ungewohnte Blickrichtungen, es kann einem passieren, daß er völlig unerwartet neue Potenzen seiner Muttersprache entdeckt.
Das Thema „Reiner Kunze und die tschechische Kultur“ könnte man fortsetzen, es umfaßt ja fast 40 Jahre Arbeit und Leben. Die tschechische Seite wurde hier zeitweise als die gebende vorgestellt. Man kann aber den Spieß auch umdrehen: Wurde schon ordentlich eingeschätzt, was Reiner Kunze – sowohl zielbewußt, als auch aufgrund seiner Neigungen – für die tschechische Kultur in Deutschland unternommen hat? Ist der Übersetzerpreis des Tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes aus dem Jahre 1968 angesichts der späteren Leistungen nicht längst verjährt? Gibt es in Deutschland so viele Nachdichter der tschechischen Poesie von Kunzes Qualität, daß dieser unter ihnen untertaucht? Ist es für die „kleine Sprache“ (Kafka) nicht eine Ehre, so einen Nachdichter zu haben? Schon aus diesem Grund sollte man also den Nachdichter ehren.

Václav Maidl, aus: Marek Zybura (Hrsg.): Mit dem wort am leben hängen… Reiner Kunze zum 65. Geburtstag, Universitätsverlag C. Winter, 1998

Dem Gedenken Jan Skácels

Im regenreichen Sommer 1974 lernte ich Jan Skácel bei meinem Freund Ludvik Kundera in Kunstat kennen. Wir saßen eine Nacht lang beim Tee zusammen. Am nächsten Morgen – ich hatte meinen Trabant während der Nacht am Hang geparkt – bemerkte ich mit Entsetzen, daß der Kofferraum mit Regenwasser gefüllt war. Alles, auch die Bücher, die ich unterwegs gekauft hatte, war zerweicht.
Dann traf ich Jan ein paar Jahre später ganz zufällig auf dem Altstädter Ring in Prag. Ich war mit einem Mädchen des Hotels, in dem ich in Harrachov wohnte, dorthin gefahren. Jan war voller Hoffnung. Seine Gedichte, seine Bücher konnten wieder in der ČSSR erscheinen. Alles schien, trotz der Tragödie von 68, wieder gut, aber zumindest besser zu werden. Von solchen Hoffnungen lebten wir ja. Mit dem Theater, das mein Stück Der Meister und Margarita nach Bulgakow spielte, reiste ich Anfang November 1989 nach Brünn. Am Vorabend der Vorstellung fuhr ich mit dem Omnibus nach Kunstat zu Ludvik Kundera. Ich wollte einen Text in tschechischer Sprache haben, der uns für unser Versagen von 1968 entschuldigen sollte. Der Text, der letztlich mit Hilfe von Ludviks Frau zustande kam, war kurz. „Entschuldigt 68“ sollte auf einem Transparent stehen. Die Schauspieler, die sich auf der Hinfahrt großmäulig zu allem bereit erklärt hatten, erschraken. Sie erkundigten sich beim Intendanten des Theaters, ob ein solches Vorgehen opportun sei. Der winkte entsetzt ab.
In seiner Wohnung auf der Kotlarska suchte ich am nächsten Morgen Jan Skácel auf. Ich klingelte und wartete lange, ehe mir geöffnet wurde. Der Mann, der mir gegenüber stand, war nicht mehr der, den ich vor Jahren kennengelernt hatte. Er war ein vom Tode Gezeichneter. Dieser ungewöhnliche Dichter – und nur Ungewöhnliche sind ja Dichter −, der Kettenraucher, der mich immer an Charles Aznavour erinnert hatte, trug eine unsichtbare Dornenkrone um seine Stirn.
Am nächsten Tag – Jan lud mich nicht in seine Wohnung ein – trafen wir uns im Hotel. Wir tranken einen limonaderoten Wermut und sprachen sehr ernsthafte Sätze. Als wir in einer Regennacht nach Leipzig zurückfuhren, kamen uns – Stoßstange an Stoßstange – die Trabanten entgegen. Ich mußte währenddessen immer an die kleinen blutigen Bläschen denken, die während unseres Gesprächs auf Jans Lippen standen. Im Radio hörten wir, die Grenzen zur ČSSR seien von der DDR wieder geöffnet worden. In Zinnwald winkten die Grenzbeamten die Wagen nur durch. Ungezählte gingen über die Grenzen der ČSSR nach Bayern. Wenige Tage später erreichten mich zwei Nachrichten: In der ČSSR ging das Volk auf die Straße, um das, was man ihm als Sozialismus eingeredet hatte, abzuschütteln. Und ein Telegramm Ludviks: Jan war, wie ich es geahnt hatte, gestorben.
Er hat die Freiheit, die wir ersehnt haben, nur geahnt, nicht mehr erlebt.
Unser letztes Treffen – das letzte von dreien – war symbolisch. Ich saß einem Freund gegenüber, der mir hin und wieder seltsame Karten geschickt hatte. Die letzte, zur Jahreswende 1988/89, zeigte einen säenden k.u.k.-Soldaten, der der aufgehenden Sonne entgegenschritt. Eine komische Botschaft. Doch sie enthielt eine Wahrheit, die ich damals, als mich die Karte erreichte, so nicht verstand. Nun ist Jan tot. Ich habe einen Freund weniger. Der Welt ist ein großer Dichter verlorengegangen. Wir sind einsamer geworden. Noch einsamer.

Heinz Czechowski, Ostern 1990, Sondeur, Heft 4, Juli 1990

Die Stille und die mährische Nationalhymne

– Gedenkblatt für Jan Skácel. –

Jan Skácel war kein tschechischer, er war ein mährischer Dichter. Mähren ist ein sonderbares Land, denn es gibt Mähren und es gibt es zugleich auch nicht. Einst, in der längst vergangenen Geschichte, war Mähren eine Markgrafschaft und locker mit dem Böhmischen Königreich verbunden. Heute kommt der Name Mähren nur in den Wettervorhersagen für die Tschechoslowakei, in Volksliedern und in Jan Skácels Lyrik vor. In seiner letzten Rede, die Jan Skácel am 9. September 1989 im slowenischen Vilenici hielt, als er den großen Preis für Mitteleuropäische Lyrik entgegennahm, sagte er über sein Mähren:

In Mähren sprechen wir zwar alle tschechisch, aber unsere mährische Mundart. Es gibt zwar immer noch ein Mähren, aber es gibt offiziell keine Mährer mehr. Wie soll ich mich aus diesem Widerspruch heil und ehrlich heraus winden? František Palacký, unser großer Historiker des 19. Jahrhunderts, sagte einmal: Ich bin ein Tscheche aus dem Geschlecht der Mährer. Palackýs Worte entsprechen den Tatsachen und erklären das mährische Rätsel.
Also, es gibt ein Mähren, und es gibt es nicht. Aber auch wenn es Mähren nicht gibt, ist Mähren ein wunderschönes Land. Wir Mährer sind zugleich auch Tschechen, aber nur was die Sprache betrifft. Im Grunde unserer Herzen bleiben wir Mährer. Und noch etwas haben wir und zugleich haben wir es nicht, nämlich eine Nationalhymne. Die tschechoslowakische Nationalhymne besteht aus zwei Liedern, aus einem tschechischen und aus einem slowakischen Lied. Zwischen den zwei Liedern gibt es immer eine Pause, zwei, höchstens drei Sekunden lang. Und diese scheinbar winzige Pause, diese kurze Stille, das ist unsere mährische Nationalhymne. Wir Mährer sind auf unsere Nationalhymne sehr stolz und nehmen mit Humor an, daß wir die überhaupt schönste Nationalhymne auf der ganzen Welt haben: die Stille.
Eine Stille, die heutzutage so kostbar ist. Eine Stille ohne aufgeblasene Worte, eine Stille die nie lügt.

Als Jan Skácel im Juni 1988 in Lucca den Petrarca-Preis erhielt, sah ich in dieser sonderbaren Stille, die nach mährischer Mundart duftet, über Skácels Kopf unsere gemeinsame Freundin Hippe lächeln. Gevatter Tod ist in Südmähren weiblichen Geschlechts; nackt und vor Scham erzitternd kommt sie in der Nacht mit einem leisen Rauschen wie ein Flügel. Eine ganze Nacht sprachen wir über seine Lyrik. Unsere Freundin Hippe schlief ein, ihren Kopf auf des Dichters Schulter gelegt. Vor dem Morgengrauen sagte Skácel: „Die Dichter wehren sich gegen jede Gewalt wie die Bienen. Und wie diese schenken sie demjenigen, den sie verwunden, ihren eigenen Tod, ihr eigenes Sterben.“
Ich schwieg und dachte an die Jahre zwischen 1970 bis 1981, in denen der vergessene Dichter und verbotene Mensch Jan Skácel seine schönsten Gedichte auf der Schreibmaschine abgetippt „herausgab“ und an seine Freunde verschenkte. Zwei seiner Gedichtbände erschienen in diesen für Skácel schwersten Jahren in zwei tschechischen Exilverlagen im Westen. Einen der schönsten überhaupt, wundklee, übersetzte Skácels Freund Reiner Kunze ins Deutsche. Noch 1985 schrieb das offizielle Lexikon der tschechischen Literatur über Jan Skácel:

Im Krisenjahr 1968 hat Jan Skácel, damals Chefredakteur der Brünner Zeitschrift für Literatur Host do domu, die Seiten dieser Zeitschrift rechtsreaktionären, antisozialistischen Tendenzen geöffnet.

Der Fürst der mährischen Poesie Jan Skácel starb am 7. November 1989. An diesem Tag feierten in der Tschechoslowakei die letzten Häuflein von Kommunisten zum letztenmal öffentlich den Jahrestag der russischen Oktoberrevolution von 1917. Für den jungen Kommunisten Jan Skácel war nach 1945 die Oktoberrevolution zur großen Hoffnung geworden. Fünfunddreißig Jahre später, nach dem Scheitern des Prager Frühlings 1968, schreibt Jan Skácel in seinem Gedicht „Verbotener Mensch“:

Manchmal erzähl ich mir eine geschickte
und ein andermal singe ich für mich ein liedchen
Davon daß wir beine haben nur damit sie schmerzen
und eine seele damit sie durchhält
Und wieder bin ich unhörbar wie das licht

Am 15. November, diesen Tag werde ich nicht vergessen, fuhr ich zu Skácels Begräbnis nach Brunn. Meine mährische Landschaft war gleich hinter der Grenze kahl, grau und vernebelt. Für mich strahlte sie jedoch in ihrer herrlichsten Farbenpracht; ich sang im Auto einige mährische Volkslieder, erzählte von Jan Skácels Landschaft mit braunen Weinbergen und ich zitierte auf mährisch seine Verse:

Die letzten toten liegen weit entfernt
denen aber
die glück hatten
wird es hier leicht

So hätte ich mir meine Rückkehr nach Mähren nicht einmal zu träumen gewagt: Ich fuhr durch mein und durch Skácels Mähren, das ich sechzehn Jahre lang nicht sehen durfte, zum Begräbnis meines Freundes und sang mährische Volkslieder, die ich einst, als Mähren noch meine Heimat war, mit dem Dichter gesungen habe. Und aus dem Werk des Fürsten der mährischen Lyrik fielen mir in meiner Muttersprache nur Verse ein über die weit entfernt liegenden Toten und über jene, die es hier jetzt zum Glück leicht haben werden.
Jan Skácel fehlt mir. Wenn ich traurig bin, dann sehe ich ihn über den winterlich rostbraunen Weinbergen südlich von Brunn mit einem Glas Rotwein aus Vnorovy in der Hand schweben. Und ich sage:

Jan, komm, wir wollen wieder einmal unsere mährische Nationalhymne singen!

Und wir singen, wir schweigen.
In dieser Stille denke ich an unser Mähren, an dieses besonders gute Land, das es zwar nicht gibt, das es aber dennoch gibt. Allerdings jetzt, nach Jan Skácels Tod, ist es ärmer geworden.

Ota Filip, Neue Rundschau, Heft 1, 1990

Gespräch mit Reiner Kunze

Ich habe mich des geflissen ym dolmetzschen, das ich rein und klar teutsch geben möchte und ist uns wol offt begegnet, das wir viertzehen tage, drey, vier wochen haben in einiges Wort gesücht und gefragt, habens dennoch zu weilen nicht funden. Und ich weis nicht, ob man das wort „liebe“ auch so hertzlich und gnugsam in Lateiniescher oder andern sprachen reden müg, das also dringe und klinge ynns hertz durch alle sinne, wie es thut in unser sprache.
Martin Luther

Sprecher: Jan Skácel studierte an der Universität Brünn Slawistik und war Kulturredakteur bei einer Brünner Tageszeitung, ehe er 1952 aus politischen Gründen entlassen wurde. Zwei Jahre schlug er sich als Hilfsarbeiter in einer Traktorenfabrik durch. Zwischen 1954 und 1963 arbeitete er als Literaturredakteur im tschechoslowakischen Rundfunk. Bis 1968 veröffentlichte Skácel, dessen Lyrik mit der Dichtung Georg Trakls und Peter Huchels verglichen wurde, fünf Gedichtbände und einen Prosaband. Danach durfte er elf Jahre nicht publizieren. 1981 wurde in der Tschechoslowakei erstmals wieder eine Auswahl von ihm herausgegeben.

Petra Herrmann: Reiner Kunze, Sie haben Jan Skácel nicht zum erstenmal übersetzt. 1967 ist bereits ein Auswahlband unter dem Titel Fährgeld für Charon erschienen. Jetzt, 1982, kam der Band wundklee heraus. Welchen Stellenwert messen Sie Jan Skácel innerhalb der tschechischen und der internationalen Literatur bei?

Kunze: Soweit ich mir dieses Urteil überhaupt erlauben darf, ist Skácel neben Jaroslav Seifert der bedeutendste Lyriker, der heute in der Tschechoslowakei lebt. Und indem ich ihn neben Seifert stelle, heißt es für mich, daß er ein Dichter von Weltrang ist. Sein Dichten gilt den Grundfragen der menschlichen Existenz, und es ist von einer Bildkraft und Bildfülle, die man bei nur wenigen Dichtern heute finden wird. Ich sage, er ist ein Dichter vom Weltrang, nicht von Weltruhm. Rang muß ja bekanntlich nicht immer Ruhm zur Folge haben, wie Ruhm nicht immer auf Rang beruhen muß.

Herrmann: Woran liegt es denn Ihrer Meinung nach, daß Skácel im Ausland nur sehr wenige Kenner lesen oder überhaupt kennen?

Kunze: In der östlichen Hemisphäre liegt es daran, daß er in der Tschechoslowakei zehn Jahre nicht hat publizieren dürfen. Das Buch, das 1981 von ihm erschienen ist, Dávné proso (ich habe es frei mit Hirse Hirse lang ist’s her übersetzt), dieses Buch enthält auch nur eine kleine Auswahl der Gedichte, die er in diesen zehn Jahren geschrieben hat. In der östlichen Hemisphäre kann man ihn also nicht kennen, oder man durfte ihn nicht zur Kenntnis nehmen. Die westliche Öffentlichkeit lebt von Augenblick zu Augenblick, und der Augenblick ist eine zu kurze Zeit für ein Gedicht, insbesondere für ein Gedicht von Rang. Es sei denn, daß politische Sensationen Gedichte mit ins Bewußtsein spülen und daß dann bestimmte Dichter im Augenblick „in“ sind. Aber das tschechische Volk liefert seit ca. fünfzehn Jahren kaum noch Sensationen, es ist uninteressant geworden. Und seine Dichter, wenn sie nichts anderes zu bieten haben als Gedichte, sind nicht „in“.

Herrmann: Sie sagen, es sind vor allem gesellschaftliche, politische Gründe, die Skácel hier so unbekannt sein lassen. Gibt es auch Gründe, die im Gedicht selbst liegen?

Kunze: Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Ich sage nicht, es sind vor allem politische Gründe, sondern es sind auch politische Gründe. Selbstverständlich liegen die Hindernisse auch im Gedicht als solchem. Ein Gedicht so aus einer fremden Sprache in die eigene zu übersetzen, daß es in der eigenen Sprache wieder ein Gedicht wird und man ihm nicht anmerkt, daß es nicht in dieser Sprache geschrieben worden ist, und es so zu übersetzen, daß die Übersetzung dem Original so nahe wie möglich kommt und ein Gleiches und zugleich Gleichwertiges entsteht, setzt als Übersetzer einen Lyriker voraus. Das ist zumindest meine Beobachtung über Jahrzehnte. Je ausgefallener eine Sprache aber ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, daß aus ihr Gedichte übertragen werden. Wie viele Slawisten, die Tschechisch können, sind Lyriker? Oder anders gefragt: Wie viele Lyriker anderer Nationen können Tschechisch? Ich weiß, es gibt noch die dritte Möglichkeit, daß Slawist und Lyriker zusammenarbeiten, daß man mit Hilfe von Linearübersetzungen nachdichtet. Aber wie viele finden sich zusammen und investieren dort zu zweit, wo schon der Nachdichter verhungern müßte? Der Dichter als Nachdichter ist jedoch nur eine von vielen Voraussetzungen für das Übertragen von Gedichten, und bei Skácel häufen sich die Hindernisse. Skácels Poesie korrespondiert ganz intensiv mit der tschechischen Volkspoesie, mit dem Volkslied, mit dem Volksleben, und man müßte, damit all die Nuancen, Anspielungen und Assoziationen im Deutschen aufgehen, diesen Hintergrund mit übersetzen. Das geht aber nicht. Man kann sich auch nur in Ausnahmefällen auf deutsche Volkslieder beziehen. Erstens sind sie kaum noch lebendig, und zweitens haben sie einen anderen Charakter, sind sie von einer anderen Mentalität geprägt. Eine tschechische „studanka“ ist nicht der deutsche „Brunnen vor dem Tore“, und auch das Lied „Wenn alle Brünnlein fließen“ reicht einem nicht das Fadenende, an das man anknüpfen möchte. Es geht da um Nuancen von Zartheit, Heiterkeit, Wärme…

Österreichischer Rundfunk, Literaturmagazin, 11.10.1983

Felix Philipp Ingold: Nach Mähren und anderswohin

13./14. März

Zwanzig Jahre sind seit Skácels Tod vergangen und noch einmal zwanzig Jahre seit meiner ersten Begegnung mit ihm. Es war im Spätherbst 1969, als wir in Kunštát na Moravĕ aus Anlass eines privaten Symposions zum 40. Todestag des Dichters František Halas, zu dem Ludvík Kundera mich eingeladen hatte, miteinander bekannt wurden. Ein finsterer Herbst, der den vorzeitig abgebrochenen Prager Frühling mit der nun einsetzenden repressiven »Normalisierung« kurzschloss zu einer höchst widersprüchlichen saisonalen Übergangszeit. Heute würde ich jene Saison als einen langen »Märzember« charakterisieren, als eine Jahreszeit eben, in der sich Herbstliches und Frühlingshaftes wie Wasser und Feuer ungut verquicken. Zum Symposion waren Dichter und Kritiker aus weitem Umkreis angereist, unter ihnen Jindřich Chalupecký und Jiřina Hauková, Zdenĕk Rotrekl und Jan Tomeš, Adolf Kroupa, Bohuslav Rejnek und Josef Suchý, und es gab auch – jeder wusste es – den obligaten Spitzel in der Runde, der unser Tun und Lassen beobachten, über die Vorträge und Lesungen geheimdienstlich berichten sollte. Provokante oder gar aufrührerische Wortmeldungen gab es nicht, im Mittelpunkt standen die Person und das Werk von František Halas, auf dessen Grab im örtlichen Friedhof Jan Skácel zum Abschluss der zweitägigen Veranstaltung – einer spontanen Regung folgend – bei strömendem Regen eine kurze Gedenkrede hielt. Die Rede war weit mehr als eine Huldigung an Halas, sie geriet ihm, über den Anlass hinausweisend, zu einer dezidierten Grundsatzerklärung zum damaligen Stand der Dinge, erwies sich als eine leise, dennoch eindringliche Situationsbestimmung, in der Tadel und Trauer und Trost auf völlig unpathetische Weise sich verbanden – sich so überzeugend verbanden, dass die wenigen Anwesenden unter ihren Regenschirmen noch enger zusammenrückten und sich danach in schweigendem Einverständnis verabschieden konnten. Ich hielt mich in jenem Herbst als Stipendiat des Tschechoslowakischen Schriftstellerverbands in der von Truppen des Warschauer Pakts besetzten ČSSR auf, war im Mai in Prag eingetroffen, lebte seit September in Brünn und hatte ein paar weitere Monate in Prag vor mir, die ich dort als letzter ausländischer Gast des früheren Verbands noch absolvieren würde. Die Bekanntschaft, dann die Freundschaft mit Jan Skácel – von gemeinsamen Bekannten bald Honza, bald SK genannt – blieb während ihrer zwanzigjährigen Dauer auf seine engere Heimat beschränkt, auf Brünn, die Vysočina und das südlichste Mähren. Hier trafen wir einander Dutzende von Malen, zumeist auf weitläufigen Spaziergängen außerhalb der Stadt, seltener bei ihm zu Hause, genauer – in seiner Küche, die gleichzeitig sein Schreib- und Lesezimmerchen war und wo Bücher, Geschirr, Zeitungen, Weinflaschen, Briefe, Fotos – alles eingenebelt von wogendem Zigarettenrauch – chaotisch koexistierten. Oft war bei unsern Küchengesprächen von Literatur und Literaten die Rede, von Skácels klassischen Lieblingsautoren – Erben, Bezruč, Nĕmcová – und von Autoren der russischen Moderne, die er – so Nikolaj Assejew, Marina Zwetajewa, Eduard Bagrizkij – besonders schätzte. Hier gab er mir auch Einblick in seine eigene Schreibarbeit, zeigte mir sein poetisches Notizbuch, explizierte seine übersetzerischen oder herausgeberischen Projekte, wohl wissend, dass es unter den Bedingungen der »Normalisierung« für deren Publikation keine Aussicht gab. Unser hauptsächliches gemeinsames Ausflugsziel war während Jahren Mikulov (Nikolsburg), ein Weinbauerndorf unweit der österreichischen Grenze, bekannt für seinen exzellenten Müller-Thurgau, bekannt auch für seinen alten jüdischen Friedhof. Hingefahren sind wir jeweils ohne besondere Absicht, bloß im Bedürfnis, dort ein Gasthaus aufzusuchen, weiterzureden, spazieren zu gehn. Beide haben wir uns durch Mikulov, vor allem durch den Friedhof zu gelegentlichen lyrischen Abschweifungen anregen lassen – von ihm wie von mir gibt es als Beleg dafür zwei, drei Gedichte. Einem ›Wind mit Namen Jaromír‹ hat Jan Skácel die paar Strophen abgelauscht, die ich vor vielen Jahren aus dem tschechischen Originaltext wie folgt ins Deutsche brachte: Die letzten Toten liegen weit
aaaaaentfernt, doch denen,
aaaaadie Glück hatten,
aaaaaist es hier leicht.

aaaaaJemand pflanzte einen Aprikosenbaum am Zaun,
aaaaaniemand kommt sommers zum Pflücken.
aaaaaDie Leute scheuen sich, den
aaaaaToten die Goldäpfel wegzuessen.

aaaaaDie Ernte, überreif geworden, fällt.
aaaaaDutzende von kleinen Sonnen kollern ins Gras
aaaaaüberm Grab von Simon und Rebekka.
aaaaaMit Spinnenschrift
aaaaahat sich die Zeit den Steinen eingeprägt.

aaaaaDie Murmeln des Schneeholunders
aaaaaknallen unter den Füßen gleich jenen Schüssen,
aaaaadie im galizischen Kirlibaba
aaaaadie Mahd besorgten.

aaaaaAll dies liegt weit zurück.
aaaaaBloß die unziemliche Süße
aaaaableibt voller Wespen
aaaaaund erinnert sich eigens. – Gern erinnere ich mich auch an einen Abstecher mit Jan Skácel nach Bratislava, wo wir zu Ehren des Dichters Dominik Tatarka in Gesellschaft zahlreicher anderer Autoren eine ziemlich trunkene Nacht verbrachten, deren Ausgang mir aus leicht nachvollziehbaren Gründen nicht mehr erinnerlich ist; erinnerlich ist mir einzig die Rückfahrt nach Brünn mit einem schlafenden und schnarchenden Dichter als Beifahrer.

Unvergesslich bleibt demgegenüber eine Tagestour nach Lednice, das einst unter dem Namen Eisgrub zu den Besitzungen der Fürsten zu Liechtenstein gehörte und dessen Zentrum auch damals noch, 1969, der Stalinplatz (Stalinovo námĕstí) bildete, der nach Süden hin durch die fürstlichen Stallungen des Architekten Fischer von Erlach – herrliche Barockbauten! – begrenzt ist. Während vieler Stunden gingen wir auf und ab, kreuz und quer durch den groß angelegten Park des Anwesens, der in immer wieder neuer Perspektive bald englische, bald französische oder chinesische Landschaften simuliert und der mit verschiedenen Pavillons, mit einer Sternwarte, mit einem kleinen Minarett ausgestattet ist. Hier wie überall schritt Skácel, unentwegt rauchend, mit gesenktem Kopf und regelmäßigem Schritt voran, er sprach viel, berichtete über seine Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs im benachbarten Österreich, über seine frühe Arbeit für die kommunistische Presse, über seine literarischen Anfänge, seine Vorbilder, seine schreibenden Kollegen. – Oft fragte ich mich (und ich frage mich weiterhin), wie Jan Skácel zu einem Meister des Landschaftsgedichts werden konnte, da er doch Feld und Wald überhaupt nicht zu beachten schien; da er kaum je den Blick hob, kaum je innehielt, um sich irgendetwas genauer anzusehn. Seine Art zu gehen und im Gehen den Blick zum Boden gesenkt zu halten, machte auf mich den Eindruck, als würde er die Landschaft gleichsam von Grund auf … vom Erdboden her einlesen, um sie später in der Kneipe oder daheim in der Küche in seinem Heft niederzuschreiben. – Aufgefallen ist mir auch, dass Skácel, dessen feiner Humor und subtile Melancholie einen Großteil seiner Lyrik unverwechselbar imprägniert haben, nie gelacht, auch nie gelächelt hat. Sein schönes, kraftvoll geschnitztes Gesicht war beherrscht von tiefen, fast schwarzen Augen unter ungewöhnlich buschigen Brauen; es ließ keine momentanen Regungen erkennen, wirkte insgesamt eher düster, jedenfalls sehr ernst und hellte sich – soweit ich mich erinnere – niemals auf. Skácels zarte Gestalt gewann durch den dominanten, wiewohl fast immer gesenkten Kopf einen gravitätischen … einen Respekt heischenden Ausdruck, zu dem es in seiner Art zu reden und zu schreiben keine erkennbare Entsprechung gab. – Nach weiteren Besuchen während der 1970er, 1980er Jahre traf ich im Sommer 1989 anlässlich der Verleihung des Petrarca-Preises in Lucca ein letztes Mal mit Jan Skácel zusammen. Dutzende von Menschen – Dichterkollegen, Übersetzer, Kritiker, Verleger – bemühten sich um ihn, befragten ihn, feierten ihn. Nur ein einziges längeres Gespräch konnte ich bei jener Gelegenheit mit ihm in einem Straßencafé führen. Es war ein strikt privates Gespräch. Er berichtete mir von gemeinsamen Freunden, von seiner bedrängenden Wohnsituation, von seinen zunehmenden gesundheitlichen Problemen. Fast ebenso viel, wie er sprach, hustete er. Als auf der andern Straßenseite der Dichter Handke schlendernd vorüberging, rief er ihm zu und verschluckte sich dabei, was einen neuen Hustenanfall auslöste. Handke hatte den Ruf wohl überhört und ging, ohne sich umzuwenden, weiter, derweil sich Skácel, noch immer hustend, die nächste Zigarette ansteckte. Wenige Monate danach, Anfang November 1989, starb er in Brünn. Geblieben sind mir von ihm, außer den Erinnerungen, viele Briefe und Karten, ein paar Fotos und Manuskripte sowie manch eine gewidmete Erstausgabe seiner Gedichte. Ich denke … ich hoffe, dass der Kammerton der Gespräche, die wir über die Jahre hin geführt haben, spürbar auch in die Übersetzungen eingegangen ist, die ich nach Skácels Tod in mehreren Zeitschriften- und Buchpublikationen vorgelegt habe. Alles, was dieser Lyriker in Verse gebracht hat, zeugt – mit jedem seiner Worte – davon, dass und wie er »das Leben dem eigenen Tod zum Geschenk gemacht hat«. Und vor dem Gasthaus
in dem der Regen zu hören ist
verhandelt eine scharlachrote Rose
mit dem Dunkel
wir sitzen drin
überm Lämpchen des Weins
und die tropfenden Sekunden
werden es uns nicht löschen.

Aus Felix Philipp Ingold: Leben & Werk. Tagesberichte zur Jetztzeit, Matthes & Seitz Verlag, 2014

(Jan Skácel zum Gedenken)

Und die Wolfshochzeiten hinter uns haben.
Seit heute zählt:
hinter dem Frost
hinter dem Leben
hinter Südmähren
hinter dem Holunder
hinter Herz und Hand
hinter Gottes Wange
hinter hoheitsvollen Trauerfahnen
hinter dem Nichtgedicht
hinter den Kuhlen
hinter der Nacht:
das Durchschreiten der Angst.
Den Tod hinter uns haben.

Ilma Rakusa

Znorovy

Für Jan Skácel

Zwischen Kiefer und Brache
die Durchfahrt zum Sommer,
im Gestrüpp, seitwärts, nahe den Scheunen,
die Marderfalle, eingerostet.

Ich werde nie nach Znorovy kommen,
wo die Schatten gefesselt
aus dem Wasser steigen,
der Göpel ohne Pferdegespann
sich lautlos dreht,
das späte Gezeter der Drossel
die Dächer verdunkelt.

Fragwürdig alles,
wenn die Sonne hinter dem Nebel
die Kapsel des Mohns verholzt
und die Körner härter rascheln.
Kein Seismograph
zeigt die Erschütterung der Wesen an.

Was zwingt dich,
nachts an der alten Chaussee zu stehn?
Die mährische Kutsche
mit brüchigem Lederdach
rollt nicht mehr, verfolgt von Buchenblättern,
am grauen Gehöft vorbei.

Der Baummarder liegt im kahlen Geäst
und blickt in die Kühle der Nacht
Du wartest auf andere Zeichen.

Peter Huchel

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Erinnerung
Porträtgalerie

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Nachruf auf Jan Skácel: NZZ

 

Zum 60. Geburtstag des Übersetzers:

Harald Hartung: Auf eigene Hoffnung
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.8.1993

Zum 70. Geburtstag des Übersetzers:

Katrin Hillgruber: Im Herzen barfuß
Der Tagesspiegel, Berlin, 16.8.2003

Lothar Schmidt-Mühlisch: Eine Stille, die den Kopf oben trägt
Die Welt, 16.8.2003

Beatrix Langner: Verbrüderung mit den Fischen
Neue Zürcher Zeitung, 16./17.8.2003

Sabine Rohlf: Am Rande des Schweigens
Berliner Zeitung, 16./17.8.2003

Hans-Dieter Schütt: So leis so stark
Neues Deutschland, 16./17.8.2003

Zum 75. Geburtstag des Übersetzers:

Michael Braun: Poesie mit großen Kinderaugen
Badische Zeitung, 16.8.2008

Christian Eger: Der Dichter errichtet ein Haus der Politik und Poesie
Mitteldeutsche Zeitung, 16.8.2008

Jörg Magenau: Deckname Lyrik
Der Tagesspiegel, 16.8.2008

Hans-Dieter Schütt: Blühen, abseits jedes Blicks
Neues Deutschland, 16./17.8.2008

Zum 80. Geburtstag des Übersetzers:

Jörg Bernhard Bilke: Der Mann mit dem klaren Blick: Begegnungen mit Reiner Kunze: Zum 80. Geburtstag am 16. August
Tabularasa, 18.7.2013

artour: Reiner Kunze wird 80
MDR Fernsehen, 8.8.2013

André Jahnke: Reiner Kunze wird 80 – Bespitzelter Lyriker sieht sich als Weltbürger
Osterländer Volkszeitung, 10.8.2013

Josef Bichler: Nachmittag am Sonnenhang
der standart, 9.8.2013

Thomas Bickelhaupt: Auf sensiblen Wegen
Sonntagsblatt, 11.8.2013

Günter Kunert: Dichter lesen hören ein Erlebnis
Nordwest Zeitung, 13.8.2013

Marko Martin: In Zimmerlautstärke
Die Welt, 15.8.2013

Peter Mohr: Die Aura der Wörter
lokalkompass.de, 15.8.2013

Arnold Vaatz: Der Einzelne und das Kartell
Der Tagesspiegel, 15.8.2013

Cornelia Geissler: Das Gedicht ist der Blindenstock des Dichters
Berliner Zeitung, 15.8.2013

Johannes Loy und André Jahnke: Eine Lebensader führt nach Münster
Westfälische Nachrichten, 15.8.2013

Michael Braun: Süchtig nach Schönem
Badische Zeitung, 16.8.2013

Jochen Kürten: Ein mutiger Dichter: Reiner Kunze
Deutsche Welle, 15.8.2013

Marcel Hilbert: Greiz: Ehrenbürger Reiner Kunze feiert heute 80. Geburtstag
Ostthüringer Zeitung, 16.8.13

Hans-Dieter Schütt: Rot in Weiß, Weiß in Rot
neues deutschland, 16.8.2013

Jörg Magenau:  Der Blindenstock als Wünschelrute
Süddeutsche Zeitung, 16.8.2013

Friedrich Schorlemmer: Zimmerlautstärke
europäische ideen, Heft 155, 2013

Zum 85. Geburtstag des Übersetzers:

LN: Sensible Zeitzeugenschaft
Lübecker nachrichten, 15.8.2018

Barbara Stühlmeyer: Die Aura der Worte wahrnehmen
Die Tagespost, 14.8.2018

Peter Mohr: Die Erlösung des Planeten
titel-kulturmagazin.de, 16.8.2018

Udo Scheer: Reiner Kunze wird 85
Thüringer Allgemeine, 16.8.2018

 

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

 

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer + KLG +
Rede + Interview 1 + 2 + 3
DAS&D + Georg-Büchner-Preis
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer + Dirk Skiba Autorenporträts
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Richard Pietraß: Dichterleben – Reiner Kunze

 

Reiner Kunze – Befragt von Peter Voss am 15.7.2013.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.