Jayne-Ann Igel: vor dem licht / umtriebe

Igel-vor dem licht / umtriebe

VOR DEM LICHT

worte sind es, was ich im erwachen als erstes wahrnehme,
aaaaanoch
vor dem licht – Die sprache ist ein geschirre, denn kaum er-
wacht, bin ich versucht, etwas auf den begriff zu bringen, und
sei es nur eine definition des augenblicklichen zustands, ge-
schlossenen oder geöffneten auges: leichter kopfschmerz links,
ein ziehen in der schulter – Während ich mit einem absurden
handwerk beschäftigt: welches war heute das erste wort, das
dir beim aufwachen eingefallen? Nachts dachte ich über einen
antrag nach, voll geschäftig, obwohl gerade aus dem traum ge-
rissen. Die augen geschlossen, formulierte es, das halbwache,
zeilen um und neu – Das beschäftigte mich, also beschäftigen
mich die worte, fungieren als arbeitgeber

 

 

Der atemfahne folgen

oder „Dichten sei wie radium gewinnen, […] radium gewinnen wollte ich jedoch nicht, […] das gab es ja schon.“

– Jayne-Ann Igels Spurenlese als Sprachfindung. –

Aus den Ansprüchen (der Gattungen/Formen/Stereotypen) ausbrechen, dass den Sprüchen die Luft darin wegbleibt, ausufern aus den Gefilden des Gefälligen, dass es knackt und widerhallt – bis die Schritte ihre akustische Spur in den Zeilen ablagern, lesbar werden als Muster – „das knistern des eises auf dem weg“, dem „geraschel von vögeln im eichenlaub“ beigesellt: „im regelmaß der schritte ein takt, der eine sprachmelodie entstehen ließ, einen satz, dem ich minutenlang nachlauschte – in höhe forsthaus indes hatte ich ihn schon wieder verloren, und nur noch die erinnerung daran, daß da etwas gewesen, das mehr als ein klang…“. Mit skizzenhaften Strichen werden Konturen sichtbar – der Kälte, des Raumes, der Jahre – vor allem aber: die Unvorhersehbarkeit des Unscheinbaren, im Begriff zu verschwinden, hielten es die Zeilen nicht davon ab.
Oftmals beginnen und entfalten sich diese „Betrachtungen“ am frühen Morgen, am Ende der Nacht, wenn sich die Sinne scharf stellen und versuchen, den Andeutungen Deutlichkeit abzuringen: „zu sehen, was kommt, was geht“. Dabei tastet sich das „innen-ich“ vor an die Ränder der Deutungen, blindsichtig, hellsichtig: Vor dem Licht. Eine Spurenlese, „kundig all der lauf-, der fluchtschriften“, gewonnen aus der Beobachtung und dem spärlichen Schein der Ahnung, vertieft in der Gewissheit der Intuition, auf Feldern und Wegen oder im größeren Raum von Himmel und Äther, mit weiterem Blick – „eine ortschaft war nicht in sicht“.
Nicht immer fällt es dabei so leicht, auf Grenzen zu tänzeln wie in jenem Spätsommer ’73 auf dem kasprowy wierch, auf polnisch-tschechischem Grat: „Von diesem erlebnis hätte der zeitgenosse gut zwei drei jahre zehren können, ehe vielleicht die illusion gestorben, die illusion vom schrittweise vollzogenen grenzübertritt“. Andere Schritte sind zu gehen, Bilder zu unterscheiden (wie Früchte nach „den graden ihres heranreifens, der reife…“), die Landschaft wieder zusammenzusetzen, wenn der „landmesser“ ihr mittels „kryptische[r] zeichen“ den „landlaib“ „in stücke […] zerleg[t], mit feiner klinge“. Wohin? Immer der „atemfahne“ nach, wenn die Orientierung schwindet und kein Land diese ins jeweils eigene Raster ideologisch geteilter Himmelsrichtung zu ordnen vermag. Wenn „unsere Sache“ aus der Möglichkeit der Teilhabe abrückt, werden Zugehörigkeiten fragwürdig, und die Männer mit ihren Tornistern – zum Schutz der Bäume vor Schädlingsbefall – sehen aus, „als kämen sie von einem andern stern“. Das Ich, ganz auf Empfang gestellt, hängt dabei schon früh am „tropf, vermittels dessen die wirklichkeit…“ in seine Umgebung eindringt: Das Radio löst den „zeitgenossen“ aus der Zeit aus, die ihre Runden mit ihm dreht, und sei es in der Anstalt, und übersetzt die zündelnden Wörter – prag, dubček, paris – eines Sommers ’68 in so etwas wie „rausch“, in eine andere Wirklichkeit als die erfahrene „eingemachte“, die so leicht nicht zu fassen ist – jenseits der Aussparung der Gewissheiten. Dafür versuchsweise: wieder und wieder im Nachtrag der Erinnerung, die sich auch auf die Ereignisse eines mittlerweile verschollenen Landes legt – wie eine Schicht Braunkohlestaub, mit eigenem Geruch, deutlich und wiedererkennbar. „von diesem staub, der durch den rost in den aschekasten rutschte, so man ihn verfeuerte, als glut, die schwarz grundiert, ein glimmen, das nur augenblicke währte, während der geruch noch stundenlang in den kleidern…“
Die Umtriebe, die mitunter noch eine Benjaminsche Kindheitslandschaft modellieren, aus anderem Stoff freilich als dem bürgerlichen der Jahrhundertwende, finden ihre „Nährlösungen“ auch in der Gegenwart und treiben in Vor dem Licht weiter aus, büschelweise, wie Gras, unterirdisch, aus der Mitte der Ränder auf das Papier. Sie brauchen dafür kein Licht, nur die empfindliche Sensorik der Dichterin, die auf jede kleinste Änderung der Umgebung reagiert, und sei es mit einem Blick auf die Leine, an der dir vorausstürmende Rotte Hunde die Richtung mitteilt: den Zeilen voraus die Witterung – „völlig der rückschau ergeben“. Eine Wahrnehmung, die das Ich aus der Zeit fallen läßt: „unbeirrbar, in dieser landschaft, in der kaum orientierungspunkte auszumachen waren…“, fügen sich dabei die Worte zu Wegen.

Kristin Schulz, Klappentext, 2014

Jayne-Ann Igel

betreibt in ihren Prosaminiaturen und Gedichten vor dem licht und umtriebe Spurenleses als Sprachfindung. Mit scheinbar sizzenhaft kargen Strichen gelingt es der Autorin, den Leser in ein Universum der Betrachtungen zu vertiefen, dessen höchstes Glück es bedeutet, der Flüchtigkeit des Erfaßten gewahr zu werden: Momentaufnahmen und Gedanken-Stills, im Begriff zu verschwinden, hielten sie die Zeilen nicht davon ab.
Diese „Betrachtungen“ entfalten sich oftmals am frühen Morgen – vor dem licht –, wenn sich die Sinne scharf stellen und sie den Andeutungen Kenntlichkeit verleihen: „zu sehen, was kommt, was geht“. Dabei tastet sich das „innen-ich“ vor an die Ränder der Deutungen; blindsichtig, hellsichtig ist es „kundig all der lauf-, der fluchtschriften“ und liest sie uns vor. Die Autorin ist aufgehoben in einer Wahrnehmung, die das Ich aus der Zeit fallen läßt, um sich dennoch konkret darin zu verorten. „unbeirrbar, in dieser landschaft, in der kaum orientierungspunkte auszumachen waren…“, fügen sich dabei die Worte zu Wegen.

Gutleut Verlag, Ankündigung

 

Mond, Sonnenlicht und Unvorhersagbares

Schon in puncto Buchgestaltung ist der neue Band der Dresdner Dichterin Jayne-Ann Igel ein kleines Wunderding. Er enthält zwei Bücher in einem. Will man nach umtriebe, 2013 schon einmal erschienen, auch vor dem licht lesen, muss man ihn umdrehen und auf den Kopf stellen. „Mein erstes Wende-Buch“ witzelte die Autorin zur Buchpremiere in der Villa Augustin.
In der Mitte, wo beide Teile zusammentreffen, findet man ein Blatt mit Linien. Wie die Seite aus einem Notizheft. Klappt man den Schutzumschlag auf, purzelt einem ein ebenso notizbuchartiges Faltblatt mit Fotos entgegen. Die sind von der Autorin und zeigen Landschaften ohne Menschen. „Was mich dabei interessiert, ist nicht das Schöne, sondern die Struktur“, erläuterte Jayne-Ann Igel.
Zieht man den Schutzumschlag ganz ab, sieht man: Der lässt sich entfalten. Innen stößt man auf einen Text zu „Spurenlese als Sprachfindung“ bei der Dichterin und – wieder auf den Kopf stellen – auf ein Interview mit ihr. Michael Wagener, Künstler, Gründer und Leiter des gutleut-Verlages in Frankfurt am Main, hat sich einiges einfallen lassen. Kein Taschenbuch, sondern ein kleines Kunstwerk hält man in der Hand. Ist nicht nur Leser, sondern auch Entdecker.
Man kann den Band als Begleiter durch den Tag nehmen. Allerdings müsste man früh beginnen. Wie die Dichterin. Nicht von ungefähr trägt dieser Teil des Bandes den Titel vor dem licht. Ihre „Betrachtungen“ beginnen oft am zeitigen Morgen, wie uns Kristin Schulz im Begleittext wissen lässt. Jene Zeit am Ende der Nacht, „wenn sich die Sinne scharfstellen und versuchen, den Andeutungen Deutlichkeit abzuringen“.
Man kann sich hineinziehen lassen in dieses ganz besondere, beobachtende und zugleich imaginierende Reflektieren. Da gelingt es der Dichterin zum Beispiel, Wettervorhersage und ein Rotte Hunde zu verbinden im Nachdenken über Rückschau, Vorschau und das „dickicht des unvorhersagbaren“.
Sprachspiele sind diese kurzen Texte und entstehende Metaphern. Die des Mondes – tausendfach bedichtet, besungen, mit Romantik, auch Kitsch gefüllt bis zum Platzen – die würde sie gern wieder rehabilitieren. Notfalls durch Gründung eines Vereins. Sagt sie mit witzig blitzendem Aufschauen unter hochgezogenen Augenbrauen. Durch „taglicht“ bis tief in die Nacht hinein also könnte uns dieses Buch begleiten. Irgendwo dort dürfte sich der 24-Stunden-Kreis schließen. Wo spät früh wird.
Wortbilder sind zu entdecken, manchmal kurze Satzfetzen. Die baut die Dichterin nicht. Sie sind plötzlich da, wenn sie geht oder Fahrrad fährt. Bevorzugt durch die Dresdner Heide. Sie werden gefunden, in konsequenter Kleinschreibung festgehalten, sind Geschenke, rätselhaft oft. „stirnwärts die flügelaltäre aufgeschagen“ oder herrlich ironische, wenn es von den Beeten im Garten der Eltern heißt:

links vaters rosenstolz, rechterhand mutters erdbeerplage.

Was wir als Leser nicht erwarten dürfen: Geschichte. Die zu schreiben, sagt Jayne-Ann Igel, würde sie langweilen. „Mich interessieren Abläufe.“

Thomas Gärtner, Dresdner Neueste nachrichten, 2.2.2015

 

Weitere Rezensionen zu diesem Buch:

Jan Kuhlbrodt: Spiegelungen
signaturen-magazin.de

Mónika Koncz: Die Welt als Text
fixpoetry.de, 12.12.2014

 

BERND & JAYNE-ANN IGEL

Der Kritikant hat UNS
kaum wahrgenommen,
das ändert sich wird erst
UNSER jagdmann kommen.
Die Kritiker packen, drehen,
fausten, führen. Dann sollt
IHR alle UNSERE klingen spüren.

Peter Wawerzinek

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + facebook

 


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