Joachim Sartorius: Zu Durs Grünbeins Gedicht „Après l’amour“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Durs Grünbeins Gedicht „Après l’amour“ aus Durs Grünbein: Schädelbasislektion. –

 

 

 

 

DURS GRÜNBEIN

Après l’amour

Gleich nach dem Vögeln ist Liebe der bessere Stil.
Die Tierhaut entspannt sich, das Herz fängt sich ein.
Flacher Atem bläst Schweiß aus den Schlüsselbeinmulden.
Auf der Zunge zergangen, löschen Spermien den Durst
Auf den Nachwuchs. Die Achselhöhlen, den müden Bauch,
Alles holt sich der Schlaf. Wie nach zuviel Theologie
Kehren die Laken sich um. Altes Dunkel am Rand,
Neue Ränder im Dunkel. Die Kniekehlen zwitschern
Zweistimmig stimmlos ihr Post-Coital, ein Rondeau.
Eben noch naß, richten die Härchen wie Fühler sich auf.
Betäubt, summa summarum gestillt, hört dieser Schmerz
Des Lebendigseins bis zur Erschöpfung auf wehzutun.
Zurück in der Zeit, sind die Körper an keinem Ziel.
Gleich nach der Liebe ist Vögeln der bessere Stil.

 

Über das Vögeln und seine Konsequenzen

Es gibt in unserem Leben so wenig Raum für ein Rondo. Doch wie die Körper nun einmal sind, können sie kaum etwas unerwidert lassen. Lippen kommen auf Lippen, Blut füllt die Kammern, Hände wandern, ein Drang, ein Schwung entsteht wie an einem Gängelband, an einer Doppelschlinge. Nach der Umklammerung ist wieder Raum für Schönes und Höheres, für die Liebe, bis das schöne, niedrige Spiel aufs neue beginnt. Das Gedicht von Durs Grünbein ist vielleicht die erste Endlosschleife in der erotischen Lyrik deutscher Zunge. Es kann weiter und weiter so fortgehen.
Das Post-Coital ist „ein Rondeau“. Das Gedicht nennt selbst seine Form, hervorgegangen aus dem Rondel, dem altfranzösischen Tanzlied, das – wie Grünbeins Gedicht – vierzehn Zeilen hatte. Allerdings waren für dieses ursprüngliche Rondeau in seiner Gänze nur zwei Reime erlaubt und die Wiederholung der Anfangsworte vorgeschrieben, so daß die Form den Text umarmte. Wie passend für ein erotisches Gedicht! Die siebte und achte Zeile von Grünbeins Rondeau bilden dessen exakte Mitte, das Scharnier der endlosen Schleife. Das irritierende „Altes Dunkel am Rand, / Neue Ränder im Dunkel“ markiert den Punkt zwischen Entspannung und neuer Anspannung, zwischen Gelassenheit und Höhepunkt, zwischen spitzer Mitte und dunkler Ebene.
Durs Grünbein hat dieses Gedicht vor zehn Jahren in seinem zweiten Lyrikband Schädelbasislektion veröffentlicht. Der Ort, von dem der Dichter in jenen Gedichten ausging, war der Körper und sein Nervensystem. Er schrieb nach eigenem Bekunden an einer Ästhetik des Lebendigen „samt seiner Wundränder“. Die Lust, die äußerste Lust nimmt, wenn sie gelingt, ihren Weg am dunkelsten, hintersten Rand des Hirns entlang dieses mit Blüten besetzten, grauverkleideten zentralen Stengels und arbeitet sich in Spasmen vor bis zur Öffnung, die sich öffnet und schließt wie der Kiemen eines Fischs. Sechs, sieben Wellen von den Rändern her. Der Geist leert sich. Das Gesicht zerfällt. Doch ist die Lust flüchtig. So sehr der Körper durchforscht und zerrupft wurde, so sehr zieht er, der genossen hat, sich in seine verschwiegenen, geheimnisvollen Teile wieder zurück. Von all dem berichtet Grünbein, genauester Beobachter des physischen „Umfelds“. Es ist von Achselhöhlen, Kniekehlen, Bauchfalten die Rede, von flachem Atem, der „Schweiß aus den Schlüsselbeinmulden“ bläst. Gefühle entstehen durch Wahrnehmungen, will der Dichter sagen, und durch Anstrengungen, bis diese im kleinen Tod, wie es die Franzosen nennen, konsumiert werden. Der Dichter beschreibt diesen Tod als Anästhisierung des „Schmerzes des Lebendigseins“, welcher summa summarum gestillt wird – für eine Weile. Der Dichter läßt zu, daß das Karussell die Fahrt verlangsamt, aber nur um wieder in schwindelerregende Fahrt zu geraten.
Von Lust zu berichten ist heikel. Gemeinhin wird sie mit einem „Außer-sich“ und Außer-der-Welt-sein“ umschrieben, also auch einem „Außer-der-Zeit-sein“. Doch die Körper, lesen wir bei Durs Grünbein, sind ziellos immer wieder „zurück in der Zeit“. In einem Essay über den wunderbaren, frühverstorbenen Eugen Gottlob Winkler rühmte Grünbein dessen „elenden Scharfsinn“. Er teilt diesen Scharfsinn und setzt ihn ein für dieses kleine, bissige, schonungslose Liebesgedicht, das alle Überhöhung abstreift, sich ansiedelt zwischen Aufbruchssehnsucht und Erstarrung. Wir, die Leser, können nicht anders als es bewundern, weil es schneidend ist, sarkastisch und lustvoll.

Joachim Sartoriusaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Fünfundzwanzigster Band, Insel Verlag, 2002

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