Karl Krolow (Hrsg.): Spanische Gedichte des XX. Jahrhunderts

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Karl Krolow (Hrsg.): Spanische Gedichte des XX. Jahrhunderts

Krolow (Hrsg.)-Spanische Gedichte des XX. Jahrhunderts

MITTE DES MORGENS

Die Geräusche singen ein Raunen,
im Himmel darüber wär es Gesang.
Das Raunen hier, es gleitet
über die Elf-Uhr-Sonne, die es sanft macht.
Ich glaube an das sichere Wunder
dieser Straße um elf Uhr,
wenn das Leben zunimmt
in alltäglicher Kraft, beinahe glücklich,
ergeben, erfüllt.
Elf Uhr. Das Wunder: dein Eigen.

Jorge Guillén

 

 

Nachwort

Noch vor zehn Jahren war bei uns die spanische Lyrik dieses Jahrhunderts – mit Ausnahme derjenigen García Lorcas – so gut wie unbekannt. Der Ruhm des zweiten ,Goldenen Zeitalters‘ der spanischen Poesie war noch nicht bis zu uns gedrungen. Seither hat sich einiges geändert. Neben Lorca wurden Jorge Guillén, Rafael Alberti, auch Juan Ramón Jiménez und Dámaso Alonso in Auswahltexten vorgestellt. Einzelne anthologische Unternehmen versuchten, eine Bekanntschaft mit der Pleiade bedeutender Dichter der Halbinsel herzustellen, die in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ihre Stimme erhoben hatte. Aber das Bild, das der des Spanischen unkundige Leser sich heute von der iberischen Lyrik machen kann, ist immer noch undeutlich und zufällig genug. Während er über die Franzosen und Italiener gut unterrichtet wurde, bleibt er gegenüber dem spanischen Gedicht unsicher. Es ist bislang größeren Mißverständnissen ausgesetzt gewesen als die Dichtung anderer Völker. Eines dieser Mißverständnisse ist eine gewisse Neigung, die neuere spanische Poesie sozusagen ,exotisch‘ zu nehmen. Ihre Fremdheit, die für den Mitteleuropäer so offenkundig ist, verführt dazu, sie mit einem gefährlichen Zauber, mit dem Parfüm einer Ferne zu umgeben, das ebenso bestrickend wie trügerisch ist. Ein Gedicht von derart alter Rasse besitzt eine geistige Gespanntheit, die sich auch hinter furioser, zigeunerischer Schönheit und maurischem Zierat niemals ganz verbirgt. Es hat den Ernst Roms, die Würde Senecas in sich aufgenommen. Es hält sich gleich weit entfernt von der maritimen Schwermut portugiesischer Herkunft wie von bestimmten Chinoiserien des französischen Symbolismus, mit dem es seit Jiménez und Antonio Machado Kontakt bekam.
Das ,Nautische‘ in der zeitgenössischen Lyrik Spaniens seit Juan Ramón Jiménez gleicht einer frischen, männlichen Brise, die durch das Gedicht dieses Landes geht. Eine Brise, die von weither kommt, durch die Jahrhunderte. Es ist mehr als ein Spiel mit Rosen und Ankern. Es hat noch die alte neptunische Heiterkeit, die Serenität elementarer Herkunft. An den Gedichten Rafael Albertis ist dieses Element vermutlich am besten zu erkennen. Es hat sich bei ihm zu arielischer Leichtigkeit, zu vollkommener Liquidität verfeinert.
Die folkloristischen Züge, die beim neuen spanischen Gedicht unverkennbar bleiben (keine andere gegenwärtige Lyrik der großen Kulturnationen hat ähnlich viel Folklore aufzuweisen), haben nicht selten den Blick für die Substanz verstellt, aus der dem spanischen Gedicht Kräfte zugeführt werden. So angenehm sie sich der Physiognomie dieses Gedichts einzeichnen, wie seine so schnell als manieristisch ausgegebene Metaphorik: – das zeitgenössische Gedicht in Spanien hat nichts zu tun mit einem Gebüsch schlafloser Nachtigallen. Es ist keine Singvogelwildnis, sondern eher eine Landschaft ernster und klarer Umrisse. Die Aridität im spanischen Gedicht der Gegenwart scheint mir wirksamer als einige attraktive Züge, die eilig einer Landschaft der ,Jardines lejanos‘ entnommen werden und die gewiß in manchen empfindlichen poetischen Schöpfungen (bei Jiménez) vorkommen.
Aber es gibt eine spanische Dichtung, die der Widerruf solcher Vorstellungen und Wunschbilder ist, eine Dichtung, die eben nicht zu einer Fata Morgana taugt, die vielmehr aus einem harten Kern lebt, aus einer Konturenfestigkeit, die bis zur Überschärfe des poetischen Umrisses geht. Alle Gefühle sind von solcher Festigkeit. Gefühl vermöchte in dieser ganz unsentimentalen Lyrik eher zu versteinern, als sich in einer Weichheit aufzulösen, die für den Spanier etwas durchaus Unerträgliches hat. – Es gibt eine ,Härte‘ der Schwermut, der Trauer, der Täuschung und Enttäuschung, die einer Zersetzung durch pures Gefühl Widerstand leistet. Es gibt ebenso – in der Dichtung Jorge Guilléns zum Beispiel – einen ,harten‘ Jubel, eine unerbittliche, unter einem von Bläue eisernen Himmel ausgestrahlte Helligkeit, die franziskanischer Sonnengesänge spottet. Guilléns Jubel ist von jener Art, bei der Entzücken in Sprödigkeit umschlägt. Was dabei im Gedicht entsteht, ist eine Schattenlosigkeit, ebenso streng wie die schwarzen Schattenblöcke, die in manche Verse Dámaso Alonsos eingesprengt sind und nicht aus dem Weg geräumt werden können. Die Eleganz im neueten spanischen Gedicht (etwa bei Alberti während einer bestimmten Schaffens-Phase anzutreffen, auch bei Altolaguirre, gelegentlich bei Diego) hat zugleich eine tödliche Treffsicherheit des Ausdrucks, die der Arabeske den Garaus macht. Sie hat nichts mit schönen Fechtmeistereien gemein. Ebenso erreicht es, wo es sich in die Luft erhebt (bei Alberti wiederum) unversehens eine Vertikale, die jeder bloßen Gefälligkeit den Atem abschnürt. In solcher Dichtung geht es sehr rasch ,nach oben‘. Die lyrischen Montgolfieren bleiben zurück.
Bei der Beobachtung des spanischen Gedichts ist man immer wieder über seine Fähigkeit zur Distanz, über seine Unnahbarkeit, seinen Stolz und seine Einsamkeit erstaunt. Es hat kein geselliges Wesen. Es ist ausschließlich mit sich und der Wahrheit seiner Sprache beschäftigt. Das ist seit den Tagen Góngoras, Lopes, Quevedos, Pedro de Espinosas, seit Juan de Jaureguí, de Rojas und Sotomayor so. Diese Distanz ist nicht mit Intellektualität zu verwechseln, eine für die spanische Lyrik vollkommen unzutreffende Vorstellung! Sie hat auch nichts mit dem Entindividualisierungs-Prozeß zu tun, dem zeitgenössische Lyrik allgemein ausgesetzt ist. Das spanische Gedicht wurde – im Gegensatz zur Dichtung anderer Literaturen in unserem Jahrhundert – niemals denaturiert. Es leistete zu lange schon den von mir beschriebenen Widerstand, um derart anfällig zu werden, und begegnete aus diesem Grunde bisher erfolgreich der Selbstwiderlegung, mit dem sich das Gedicht unserer Epoche auseinanderzusetzen hat.

Karl Krolow, Nachwort

 

Zum 75. Geburtstag des Herausgebers:

Joachim Kaiser: Einzigartiger lyrischer Zeitzeuge
Süddeutsche Zeitung, 10./11.3.1990

Zum 80. Geburtstag des Herausgebers:

Kurt Drawert: Das achte Leben der Katze
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.3.1995

Curt Hohoff: Schlechtes vom Menschen, nichts Neues also
Die Welt, 11.3.1995

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Oliver Bentz: Lyrik, luft- und lichtdurchlässig
Wiener Zeitung, 8.3.2015

Fritz Deppert: Karl Krolow: Der Wortmusiker von der Rosenhöhe
Echo, 9.3.2015

Christian Lindner: Gedichte aus der frühen Bundesrepublik
Deutschlandfunk, 11.3.2015

Alexandru Bulucz: Immortellen, Nebel“
faustkultur.de, 11.3.2015

Peter Mohr: Allianz von Wort und Wahrheit
titel-kulturmagazin.net, 11.3.2015

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + KLG
Georg-Büchner-Preis 
Porträtgalerie
Nachrufe auf Karl Krolow: Der Freitag ✝ Der Spiegel ✝ Die Welt ✝
Der Tagesspiegel

Michael Braun: Die Defäkation Dasein
Frankfurter Rundschau, 23.6.1999

Harald Hartung: Algebra der reifen Früchte
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.6.1999

Charitas Jenny-Ebeling: Dichter der Abschiede
Neue Zürcher Zeitung, 23.6.1999

Kurt Oesterle: Aufzuschreiben, daß ich lebe
Süddeutsche Zeitung, 23.6.1999

 

 

Bild von Juliane Duda mit den Texten von Fritz Schönborn aus seiner Deutschen Dichterflora. Hier „Krolowandel“.

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