Ludwig Harig: Zu Hans Arps Gedicht „Schneethlehem“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Hans Arps Gedicht „Schneethlehem“ aus Hans Arp: Gesammelte Gedichte. Band I. 

 

 

 

 

HANS ARP

Schneethlehem

Das Schnee- und Hagelwittchen fällt
wie Fallsucht und von Fall zu Fall.
Es fällt weil es gefällig ist
und jedesmal mit lautem Knall.

Es fällt in seinen Todesfall
das Haar mit Fallobst dekoriert.
Den Fallschirm hat es aufgespannt.
Die Todesclaque applaudiert.

Sie klappen wie Altäre auf
Und stecken Spunde in den Bauch
Und ziehen Marmorstiefel an
Und schrauben sich an einen Schlauch.

Mit Höllenmuh und Peitschenkrach
Besteigen sie das Publikum
Und drehn es wie ein Mühlenrad
Und rauschen wie das Wasser drum.

 

Höllenmuh und Peitschenkrach

Dunkel war’s, der Mond schien helle
Schnee lag auf der grünen Flur
als ein Wagen blitzesschnelle
langsam um die Ecke fuhr.

Angefangen bei Kinderliedern, Abzählreimen, Namensversen, reicht eine Poesie des scheinbaren Unsinns bis zur Grundregel des philosophischen Nonsens:

Zum Reimen ist mein Lied verpflichtet, Gedanken such’ bei Leibe nicht.

Durch alle Epochen der Literaturgeschichte haben die Dichter Wörter und Wortverbindungen auf den Prüfstand gebracht, ihren Klängen und Rhythmen, ihren wohlbekannten Bedeutungen versteckte Geheimnisse zu entlocken – oder einfach nur mit ihnen zu spielen. Als undeutsch, artfremd und pervers verschrien, war diese sprachspielerische „Unsinnspoesie“ zu Beginn des Dritten Reichs auf die schwarze Liste geraten: Sie wurde verlacht, verfemt, mit dem Verdikt des Abseitigen gebrandmarkt. Erst nach 1945, im verspäteten Donner des Expressionismus, begleitet vom desillusionierenden Blitz der Poeten des Zürcher Cabaret Voltaire, erfuhr die Nachkriegsgeneration von der Existenz dieser Poesie. In Carola Giedion-Welckers Anthologie der Abseitigen entdeckte ich Ende der vierziger Jahre die satirischen Gedichte von Schwitters und Ball, von Scheerbart und Arp – und ich begriff, wie schon zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts das Instrument des Wortes neu gebraucht, die lyrische Bildersprache erweitert wurde. So besann sich Hans Arp, der elsässische Maler und Dichter, auf die suggestive Wirkung von Farbton und Wortklang und schuf aus diesen von Bedeutung unbeschwerten Bausteinen der Kunst phantastische Gebilde außergewöhnlicher Poesie.
In Arps Wunderland aus Sprache, möbliert mit Gegenständen aus erfundenen Wortverbindungen, tummelt sich ein spielfreudiges Zirkusvolk. Wörter blitzen auf, Sätze platzen auseinander, die ganze Grammatik explodiert und gibt überraschende Möglichkeiten für neue Bedeutungsspiele frei. Plötzlich gerät man in unwegsame Wortlabyrinthe, stolpert in Satzbrüche und staunt, wie märchenhaft in seinem Gedicht „Schneethlehem“ der Schnee in Bethlehem übergeht. Erst weihnachtet es in diesem verzauberten Sprachraum, dann kommt es zu derben Turbulenzen, einem tödlichen Unfall und harten Attacken auf das Publikum.
Es ist nur eine der Möglichkeiten, die Arp selbst aus verschiedenen Fassungen zusammengestellt hat: Groteske Einzelbilder fügen sich zu einer Geschichte, die sich als Zirkusszene deuten läßt. Der Auftritt der Seiltänzerin Schneewittchen ist ein Äquilibrieren mit dem Wort „fallen“, die Reaktion der Todesclaque, die dem Schauspiel Beifall klatscht, ein metaphorisches Verwandeln in bizarre Gegenstände und Verkleiden in ausgefallene Kostüme. Am Ende wird das verblüffte Publikum unfein angepackt und durcheinandergewirbelt.
Das Gedicht „Schneethlehem“, in verschiedenen Varianten und Strophenfolgen veröffentlicht, bezeugt mit seinen immerzu wechselnden Bildern und Tönen den nach allen Seiten der Auslegung offenen Entwurf eines Neuen. Daß Arp an diesen zwei-, höchstens vierstrophigen Gedichten unaufhörlich gearbeitet hat, beweist seinen akribischen Umgang mit dem Sprachmaterial. Souverän spielt er mit den Laut- und Wortgebilden, ihrer Gewichtigkeit und Reimtauglichkeit, ihrem rhythmischen Gefälle, das sich stets im Gleichmaß der Betonung bewegt. Giedion-Welcker betont in ihrer Anthologie Arps subtile Durchdringung aller Gegensätze, sein Genie, tausendfach gehörte Redensarten zu neuem Leben zu erwecken. „Aus Unsinn wird bei ihm Ursinn“, schreibt sie, „dabei liegt alles in der Magie des simplen Wortes.“

Ludwig Harigaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Achtundzwanzigster Band, Insel Verlag, 2005

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