Rainer Maria Rilkes Gedicht „Herbsttag“

RAINER MARIA RILKE

Herbsttag

HERR: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

1902

 

Konnotation

Seine Ehe mit der Bildhauerin Clara Westhoff ist gerade aufgelöst, als Rainer Maria Rilke (1875–1926) im Jahr 1902 nach Paris geht, um dort an einer Monografie über den Bildhauer Auguste Rodin zu arbeiten. Am 21. September 1902 schreibt er in Paris sein Jahrhundertgedicht „Herbsttag“, in dem jahreszeitliche Motive, eine emphatische Schöpfungs-Lehre und ein poetischer Existenzialismus zusammenfließen.
Die lyrische Rede ist an Gott adressiert: an jenen „Herrn“, von dem sich der Atheist Rilke bis dato ferngehalten hatte. Die Erwartung des anbrechenden Herbstes verbindet sich mit dem Willen des einsamen lyrischen Subjekts zur schöpferischen Produktivität. Wenige Tage vor Niederschrift des Gedichts hatte sich Rilke die Lebensregel Rodins zu eigen gemacht: „Il faut travailler rien que travailler. Et il faut avoir patience.“ („Man muss arbeiten nichts als arbeiten. Und man muss Geduld haben.“) Es gibt hier die Hoffnung, die Zeiten der Resignation zu überwinden – auch wenn das „Haus“ noch nicht gebaut ist.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2007, Verlag Das Wunderhorn, 2006

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