Marko Pogačar: An die verlorenen Hälften

Pogačar: An die verlorenen Hälften

GOTT IST EINE VOLLBUSIGE TELEFONISTIN,
DIE DIR MIT EINER SCHMUSESTIMME SAGT,
DASS ES UNTER DIESER NUMMER KEINEN ANSCHLUSS GIBT

Irgendwo sind Fähren gekentert, das Telefon hat gemeldet,
aaaaadass der Engel
das erste und einzige Wesen sei,
es ist die Woche meiner Aufzeichnungen,
heute habe ich etwas Neues gelernt. ich notiere alles, was ich
aaaaasehe,
jeden einzelnen Gedanken,
wenn es einen Feind der Poesie gibt, dann bin das
in diesem Fall ich,
wenn du es irgendwie schaffst, dich von den Anschwemmungen zu befreien
wird dir vielleicht eine sichere Bedeutung entgegen gleißen,
wie die Zähne einer Sängerin/Schauspielerin/eines Models, zum Beispiel von
Vesna Pisarović. die Auswahl ist keineswegs zufällig.
sie weiß, was Phoneme sind
und dass die Bedeutung unerbittlich ist,
vielleicht gelingt es dir die richtige Frage zu finden, zum Beispiel wann
unsere Stars anfangen werden Kinder zu adoptieren? wann wird die Techno
Revolution der Langeweile ihr erstes Kind auffressen?
irgendwo sind Fähren gekentert. der Engel kann nicht aus dem Hörer heraus,
es ist die Woche meiner Aufzeichnungen und ich bemühe mich
nichts auszulassen.
in der Küche tropft das Wasser.
vor vier Wochen haben die Kirschen zu blühen begonnen. ich höre Radio, es sagt,
dass sich das Wetter nicht deutlich verändern wird und auch alles andere
wird sich nicht deutlich verändern,
die Sterne lächeln und über Horoskope betreten sie unsere Häuser.
die Bedeutung kommt in Wellen, genauso wie sie soll
oder nicht soll
die Fähren sind gekentert.

 

 

 

Allem Dasein

ist immer auch ein Element des Zufälligen eigen. Als Schnittpunkt von Raum und Zeit, von Gesellschaftlichem und Persönlichem realisiert sich im Konkreten immer nur eine Möglichkeit – die könnte aber eben auch anders sein. Pogačars Gedichte tauchen mit Aberwitz, alternativen Logiken und unerwarteten Bildabzweigungen ein in dieses unendliche Netz möglicher neuer Verknüpfungen.

Gerichtet sind diese Gedichte an die einfachen, „einfach“ genannten Leute, den Gärtner, die müden Trotzkisten oder die Schneiderinnen in den Fabriken und zu Hause. Doch wird weder zur Arbeit im Dienste des Volkes noch zum politischen Durchhalten ermuntert – im Gegenteil: Pogačars An die verlorenen Hälften gibt den Irritationen einer unübersichtlich gewordenen Welt Raum. Die Texte pendeln gezielt zwischen der Aufforderung, mit überkommenen Werten und Vorstellungen zu brechen, und dem Zweifel, wieweit Veränderung überhaupt möglich ist. Die Leere aus Unüberschaubarkeit und Immergleichem führt in einen Strudel der Melancholie; von deren Grund jedoch stoßen die Gedichte sich ab in eine Feier des zufällig Anwesenden, den schillernden Reichtum des Möglichen.

Edition Korrespondenzen, Klappentext, 2010

 

Beitrag zu diesem Buch:

Eric Giebel: Marko Pogačar: An die verlorenen Hälften
vitabu vingi, 14.7.2015

 

Fakten und Vermutungen zur Übersetzerin
Fakten und Vermutungen zum Autor
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Autorenarchiv Susanne Schleyer
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Marko Pogačar – Interview mit Juan Diego Tamayo und Lesungen während des 25. Internationalen Poesiefestivals von Medellín im Parque Obrero, im Auditorium von Trusting im Lido Theater und der Plaza de los Pies Descalzos, im Juli 2015.

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