Michael Braun: Zu Norbert Hummelts Gedicht „stiller tag“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Norbert Hummelts Gedicht „stiller tag“ aus Norbert Hummelt: Sonnengesang. 

 

 

 

 

NORBERT HUMMELT

stiller tag

stiller tag, ich sprach zu keinem,
keiner redete mit mir.

weiß nicht, wo ich morgen bleibe,
aber heute war ich hier.

machte mir genug zu essen,
fütterte sogar mein tier. 

u. es rauschte mir die therme
u. verströmte ihre wärme..

habe irgendwas vergessen,
aber keiner sagt es mir.

ampel an der straßenkreuzung,
strom, der mich hinüberträgt,

kopfsteinpflaster in den nächten,
zweimal fiel ich ja schon hin,

krähen in den kahlen wipfeln,
sagt, wann ich gestorben bin.

 

„Das Radikalste und Konservativste“,

so hat es vor einem Jahrhundert Oskar Loerke formuliert, der lyrische Einzelgänger aus Westpreußen, „bilden in der Kunst keinen Gegensatz, ja, wenn man Lust hat, ein Paradox gelten zu lassen, so sind sie dasselbe.“ Der Dichter Norbert Hummelt gehört zu dieser seltenen Spezies der lyrischen Solitäre, die auf Augenhöhe mit der poetischen Tradition ihren Weg gehen und sich durch die Erregungskurven des literarischen Zeitgeistes nicht irremachen lassen. Hummelt hat nicht nur sehr entschlossen und konsequent die Sehnsuchtstöne des Romantikers Joseph von Eichendorff und später die suggestive Musikalität Stefan Georges und die Großstadtmelancholie Gottfried Benns in seine eigenen Gedichte aufgenommen. Er hat auch neue Formen geschöpft aus der Auseinandersetzung mit den alten Meistern.
In seinem Band Stille Quellen (2004) figurierte zum Beispiel der „Mönch am Meer“ als ein Zentralmotiv, jenes berühmte Gemälde des romantischen Malers Caspar David Friedrich. Auf diesem Bild ist eine einsame Gestalt zu sehen, weit draußen an der Küste eines Meeres, völlig verloren vor dem gigantischen Wolken- und Nebelpanorama des Himmels. Einen zutiefst Einsamen und Verlorenen porträtiert er nun auch in einem berührenden Gedicht seines aktuellen Bandes Sonnengesang. Es ist offenbar eine von dem öffentlichen Großstadtgewimmel separierte Gestalt, die hier in den liedhaften Zweizeilern Kontur gewinnt. Ein Ich, das mühsam seine Routinen absolviert und als einzige Zukunft das Ende heraufdämmern sieht. Wir haben ein Gedicht vor uns, das ohne ornamentales Blendwerk auskommt und sich in wie nebenbei gefügten vierhebigen Trochäen ganz dem „stillen Tag“ seines Protagonisten widmet und uns, die Leser*innen, seinem Schweigen aussetzt, mit dem er das Vergehen des Tages erwartet. Ein in seiner scheinbaren Einfachheit ungeheuer intensives Lied der Vergänglichkeit wird hier gesungen. Es führt uns zu jener Schwelle, an der uns noch ein vertrauter Lebensrhythmus zu tragen scheint, aber wir schon nicht mehr genau wissen, ob wir uns bereits auf der Bahn ins Schattenreich befinden.

Michael Braun, Volltext, Heft 1, 2020

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